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Full text of "Biographisches Jahrbuch und Deutscher Nekrolog Bd13 1908"

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BIOGRAPHISCHES JAHRBUCH 

UND 

DEUTSCHER NEKROLOG 

UNTER STANDIGER MITWIRKUNG 

VON 

GUI DO ADLER, F. VON BEZOLD, ALOIS BRANDL, ERNST ELSTER, 
AUGUST FOURNIER, ADOLF FREY, HEINRICH FRIEDJUNG, LUDWIG 
GEIGER, KARL GLOSSY, EDUARD PREIHERRN VON DER GOLTZ, 
MAX GRUBER, SIGMUND GUNTHER, OTTO GUNTTER, EUGEN 
GUGLIA, ALFRED FREIHERRN VON MENSI, JACOB MINOR, KARL 
OBSER, JOHANN SASS, PAUL SCHLENTHER, ERICH SCHMIDT, 
ANTON E. SCHONBACH, GEORG WOLFF U. A. 

HERAUSGEGEBEN 

VON 

ANTON BETTELHEIM. 

XIH. BAND 
VOM I. JANUAR BIS 31. DEZEMBER 1908. 

MIT DEM BILUN1S VOX WILHCLM EUSCH IN HELIOGRAVURE. 




BERLIN 

DRUCK UND VERLAG VON GEORG REIMER 

1910. 







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Vorwort. 

In den standigen Kreis der Berater des Biographischen Jahrbuches 
und Deutschen Nekrologes sind auf Ersuchen des Herausgebers zwei 
sachkundigste Fachmanner eingetreten, die seit langerer Zeit wohl- 
wollend und hilfreich jede Frage der Redaktion auf ihrem Gebiete zu 
klaren und zu losen bereit waren, der Professor D. Eduard Frei- 
herr v. d. G o 1 t z , Direktor des evangelischen Predigerseminars in 
Wittenburg, Westpreuflen, und Geheimrat Karl Obser, Direktor 
des grofiherzoglich badischen Landesarchivs in Karlsruhe. 

Der Text hatte fur die Wiirdigung der im Jahr 1908 Geschiedenen 
ebenso schwere als schone Aufgaben. Die Nekrologe Eduard 
Z e 1 1 e r s von Theobald Ziegler, Wilhelm Buschs von 
Volkmann, Althoffs von Heubaum, Paulsens von 
Lorenz, Voits von Krummacher, Eduard Bachers 
von Kolmer, Sickels von Ottenthal, Siebolds von 
Graf Brandenstein -Zeppelin, Kirchhoffs von Weil, 
K rastels von Minor, Biichelers von Marx, Leo Bergs 
von Eloesser, Inama-Sterneggs von Mischler, Eber- 
hard Schraders von Eduard Meyer, Pfleiderers 
von Z u r h e 1 1 e n , die Malerbiographien von H. Holland und 
L. P i e t s c h , die Charakteristiken der Politiker von H. D i e z 
und anderen, die Beitrage von Schollenberger fiir die Schweiz 
mogen dafur zeugen, dafi unser Sammelwerk auch in Band XIII den 
Geistes- und Naturwissenschaften, der Forschung und dem offentlichen 
Leben, der bildenden und redenden Kunst gleichmafiig zu dienen 
bestrebt war. 



IV Vorwort. 

Erganzungen und Nachtrage vermochten noch lange nicht alle 
Llicken der bisher veroffentlichten zwolf Bande zu fiillen. Immerhin war 
es moglich, diesmal die langverheifienen Biographien von E u g e n 
Richter (aus der Feder von F. Rachfahl), Wilhelm v.Har- 
tel, P. Mobius, Overbeck,v. Bergmann und manche andere, 
vom Leserkreis und der Leitung unseres Jahrbuches gleicherweise ver- 
mifite Nekrologe zu bringen. Mit dem Wunsche, auch in Zukunft und 
immer ausgiebiger die Ruckstande in ahnlicher Art aufarbeiten zu 
diirfen, wiederholen wir neuerdings die Bitte," dafi alle Berufenen und 
Beteiligten diese Bemuhungen der Redaktion durch Rat und Tat unter- 
stiitzen mogen. 

Die Bearbeitung und Ausgestaltung der Totenliste hat wiederum 
Herr Dr. Holleck- Weithmann sich angelegen sein lassen und 
fur sorgsames Mitlesen aller Texte bleibe ich abermals Herrn Dr. J. Sass 
dankbar verpflichtet 

Wien, 10. Oktober 1910. 

Anton Bettelheim. 



I n h a 1 1. 

Seite 

Vorwort Ill 

Deutscher Nekrolog vom i. Januar bis 31. Dezember 1908 1 

Erganzungen und Nachtrage 281 

Alphabetisches Namenverzeichnis zum Nekrolog 397 

Alphabetisches Namenverzeichnis der Erganzungen und Nachtrage.... 398 

Totenliste 1908 399 



DEUTSCHER NEKROLOG 



VOM i. JANUAR BIS 3i. DEZEMBER 



I908 



Homo liber de nulla re minus quam 
de morte cogitat et ejus sapientia non 

mortis, sed vitae meditatio est. 

* 

Spinoza. Ethiccs pars IV. Propos. 
LXVII. 



Deutscher Nekrolog vom i. Januar bis 31. Dezember 1908. 



Voit, Karl von, Universitats - Professor fur Physiologie zu Munchen, 
* 31. Oktober 183 1 zu Amberg, f 31. Januar 1908 zu Munchen. — V. kann 
mit Fug als Begrunder der modernen Physiologie des Stoffwechsels bezeichnet 
werden; denn wenn er auch neben eigenen Schopfungen Gedanken und Re- 
sultate seiner Vorganger mit verwandte, so tat er dies doch nie ohne voran- 
gegangene gewissenhafte Prufung. Zeit seines Lebens war es sein Grundsatz 
nur auf gesicherter Unterlage weiter zu bauen. Damit steht nicht in 
Widerspruch, daB er vielfach genotigt war, seine Anschauungen zu andern; 
ist doch kein Naturforscher gegen Trugschlusse geschiitzt; zukiinftige Er- 
fahrungen kann er nicht voraussehen. Auch der Weiseste kann nicht mehr 
tun als die SchluBfolgerungen Ziehen, die am besten mit dem Wissen seiner 
Zeit in Einklang stehen. 

Wenden wir uns nach diesen kurzen Andeutungen uber V.s Forscher- 
tatigkeit zur Beschreibung seines Lebenslaufes. Nur die friiheste Kindheit 
verlebte er in seinem Geburtsort Amberg, wo der Vater August als Baumeister 
im Staatsdienste tatig war. Aber schon bald sah sich dieser genotigt, mit 
seiner Familie zwcimal den Wohnsitz zu wechseln. Nach einem voriibergehenden 
Aufenthalt in Speyer ward ihm 1840 eine Anstellung in Munchen zu teil, die 
eine praktische Tatigkeit als Architekt mit einer Professur an der Kunstakademie 
verband. A. Voit machte sich bekannt durch Erbauung der neuen Pinakothek 
sowie durch Errichtung des unverwiistlichen ursprunglich nur als Ausstellungs- 
halle gedachten Glaspalastes. 

So erhielt denn sein Sohn Karl die Gymnasialbildung in Munchen. Im 
Jahre 1848 legte er die Reifeprtifung ab, dann lieB er sich an der Universitat 
seiner nunmehrigen Heimat immatrikulieren. Zunachst horte er der damaligen 
Sitte gemaB Vorlesungen allgemeineren Inhaltes aus dem Gebiete der Natur- 
wissenschaft und Philosophic, deren Studium dem fachlichen Unterricht vor- 
ausgehen muflte. Wie so mancher andere freiheitsbegeisterte Patriot der 
spater eine Zierde im Lehrkorper deutscher Universitaten wurde, nahm auch 
V. an der Volkserhebung tatigen Anteil. Es w T are verfehlt, aus diesem Ver- 
halten des Siebzehnjahrigen weitgehende Schliisse zu Ziehen; aber so viel er- 
sehen wir doch, daB er schon im jugendlichen Alter den entschlossenen Mut 
hatte, mit seiner Person fur das einzutreten, was er als recht erkannt hatte, 
unbekiimmert um das Urteil seiner Vorgesetzten. 



4 Voit. 

1850 bestand er die Admissionsprtifung, die ihm den Zugang zu den Fach- 
studien eroffnete. V. entschied sich fiir die Medizin, allem Anschein nach mehr 
durch theoretische Fragen gefesselt als durch die Aussicht auf Broterwerb 
angelockt. 185 1 wandte er sich nach Wlirzburg, wo er u. a. bei Kolliker 
Histologic und Physiologie, bei Scherer Chemie horte. Noch im selben Jahre 
nach Munchen zuriickgekehrt, versaumte er neben dem pflichtmafiigen klinischen 
Unterricht nicht die Vorlesungen des damals schon beruhmten Liebig zu be- 
suchen. 1854 bestand er das praktische Examen und die Doktorprlifung. 
Aber weit entfernt, nunmehr dem Berufe eines praktischen Arztes zuzusteuern, 
suchte er sich weiter in den fiir die rationelle Medizin grundlegenden Natur- 
wissenschaften auszubilden. Er horte bei Jolly Physik, bei Bischoff Physiologie 
und wiederum bei Liebig Chemie. Zugleich ward ihm auf sein Ansuchen ge- 
stattet, im Laboratorium Pettenkofers als Praktikant physiologisch-chemische 
Aufgaben zu losen. Hier machte er seine erste Entdeckung. Im Muskelfleisch 
Cholerakranker gelang es ihm Harnstoff aufzufinden. Wahrend dieser Zeit 
geschah es auch, dafl ihm das im Jahre 1852 verfaOte Buch der Dorpater 
Forscher Bidder und Schmidt »Die Verdauungssafte und der Stoffwechsel« in 
die Hande fiel, ein Werk, das entscheidend fiir seine Laufbahn werden sollte, 
Seinem Scharfblick entging es nicht, daB die hier niedergelegten Resultate 
und Cberlegungen sich weit liber den Stand der damaligen Durchschnitts- 
arbeiten erhoben. Waren die angestellten Erwagungen richtig, so eroffneten 
sie die Aussicht auf eine unabsehbare Flucht von Entdeckungen. Diese Uber- 
zeugung durfte sich schon damals dem angehenden Forscher aufgedrangt und 
den EntschluB gereift haben, den von Bidder und Schmidt vorgezeichneten 
Weg weiter zu verfolgen. 

Doch V. hielt die Zeit noch nicht fiir gekommen, um sogleich ans Werk 
zu gehen; vielmehr fiihlte er sich bewogen, nach beendeter Lehrzeit noch einmal 
die Wanderschaft anzutreten. Auf Liebigs Rat wahlte er Gottingen zum Auf- 
enthalt, das zu den beriihmtesten Universitaten Deutschlands zahlte. Hier 
erweiterte und vertiefte er seine Kenntnisse durch R. Wagners Vorlesungen 
liber Physiologie, Joh. Bened. Listings Kollegien iiber Optik; vor allem aber 
bildete er sich im Laboratorium Wohlers in der chemischen Technik aus. Eine 
Frucht dieser Tatigkeit ist die im Jahre 1856 erschienene Arbeit liber Benzoyl- 
verbindungen. 

In die Gottinger Zeit fallt auch die Bekanntschaft mit Willy Kuhne, dem 
spatercn Heidelberger Physiologen. Die beiden an Temperament so ver- 
schiedenen jungen Manner zogen sich gegenseitig an, indem jeder dem anderen 
etwas bieten und von ihm empfangen konnte. V. von gemessener Ruhe, nicht 
geneigt, das Feme zu erwagen, bevor das Nachste bis ins einzelne zergliedert 
war, Kiihne von sprudelnder Lebhaftigkeit, weite Zusammenhange suchend* 
Der 44jahrige Freundschaftsbund wurde erst durch Klihnes Tod im Jahre 
1900 gelost. 

Nach Beendigung des Gottinger Wanderjahres wandte sich V. wieder der 
Heimat zu, doch nur um eine Reise nach Dorpat ins Werk zu setzen, wo er 
unter den Augen von Bidder und Schmidt die ihm vorschwebende Aufgabe 
beginnen wollte. Sein Vorhaben sollte indessen nicht in Erfiillung gehen, dcnn 
unerwartet bot sich ihm die Gelegenheit bei Theodor Bischoff, dem Freunde 
Liebigs, eine Assistentenstelle anzutreten. 



Voit. 5 

Bischoff, wie die meisten Physiologen seiner Zeit von Haus aus Anatom 
und besonders als Embryologe bekannt, hatte schon lange auf Liebigs An- 
regung seine Aufmerksamkeit dem Stoffwechsel gewidmet. Als Assistent Bi- 
schoffs begann nun V. die lange Reihe seiner Stoffwechseluntersuchungen mit 
der denkwurdigen Arbeit uber den Kreislauf des Stickstoffs, damit den Grund- 
stein zur Methodik legend. Verlockender ware es freilich gewesen, nach den 
Regeln der Dorpater Physiologen sogleich die Zersetzungsvorgange in ihrer Ab- 
hangigkeit zu prufen, aber der angehende Forscher war fest uberzeugt, daB 
nicht der geringste Schritt vorwarts getan werden konne, ehe nicht die viel 
umstrittene Frage nach den Ausscheidungswegen des Stickstoffs im Korper 
entschieden sei; denn wollte man mit Bidder und Schmidt aus dem abgege- 
benen Stickstoff Riickschlusse auf das im Organismus zersetzte EiweiB tun, 
so mufite die Menge des Stickstoffs in samtlichen Ausgaben bekannt sein; 
kein unbekannter Rest durfte ins Spiel kommen. 

Die Dorpater Forscher hatten den Stickstoff der Nahrung in den sicht- 
baren Ausscheidungen, Harn und Kot, nahezu vollstandig wiedergefunden, 
die meisten anderen Autoren dagegen, Bischoff an der Spitze, hatten immer 
betrachtlich weniger Stickstoff in den Ausgaben als in den Einnahmen er- 
halten. Diese Differenz mufite sich noch vergrofiern, wenn ein Teil der Stick- 
stoff fuhrenden Nahrung im K6rper verblieb, woriiber nach damaliger An- 
schauung das Korpergewicht Aufschlufi geben sollte. 

V.s oben erwahnte Arbeit zerrifl dies ganze Gewebe von Vorstellungen. 
Er konnte dartun, dafi bei sorgfaltiger Vermeidung aller Fehlerquellen Ein- 
nahmen und Ausgaben in drei- bis viertagigen Versuchsreihen hinsichtlich des 
Stickstoffs entweder vollstandig ubereinstimmten oder doch nur unbedeutende 
Differenzen aufwiesen, weit geringer als die friiheren Befunde vermuten liefien. 
Diese Erfolge waren ausschliefilich der von V. verbesserten Versuchstechnik 
zu danken, deren weitere Ausbildung in der nachsten Zeit das Hauptziel seiner 
Tatigkeit bildete. Bei diesem Geschafte kam ihm neben seiner staunenswerten 
Ausdauer sein sorgsam abwagendes Urteil zu statten, so dafi er unter den 
vielen muhsamen rein mechanischen Verrichtungen niemals den Oberblick 
uber das Ganze verlor. Denn ganzlich verfehlt ware es zu glauben, man konnte 
Methoden ausbilden nach dem trivialen Grundsatz, allenthalben die denkbar 
groflte Genauigkeit walten zu lassen. Das ware eine Verschwendung an Zeit, 
Geld und Arbeitskraft; vielmehr gilt es als wissenschaftliche Regel, die Ge- 
nauigkeit nur so weit zu treiben, dafi die im Endresultat auftretenden Zahlen- 
werte eine unzweideutige Antwort auf die gestellte Frage erwarten lassen. 

Aber nicht allein die Methodik im engeren Sinne haben wir V. zu ver- 
danken, die Sammlung der Ausscheidungen und ihrer Untersuchung, sondern 
auch die Festlegung des Versuchsplanes, wie Stoffwechselversuche iiberhaupt 
angestellt werden miissen, um zuverlassige Ergebnisse zu liefern. 

So schuf er zuerst die Methodik des Eiweiflstoffwechsels, und als ihm 
dieser nach alien Richtungen hinlanglich geklart schien, ging er erst dazu uber 
die Grundsatze zu entwickeln, nach denen der Verbrauch von Fett und Kohlen- 
hydrat zu beurteilen ist. 

Dies mag etwas naher im einzelnen ausgefuhrt werden. Wir sahen, dafi 
V. zum ersten Male, unvermeidliche Versuchsfehler abgerechnet, die Stick- 
stoffmenge der Einnahmen vollstandig in den Exkrementen wiedergefunden 



6 Voit. 

hatte; wenigstens in einigen Fallen; in anderen waren deutlich ausgesprochene 
Differenzen zu beobachten, bald iiberwog der Stickstoff der Nahrung, bald 
der Stickstoff in den Ausgaben. Die Erklarung konnte nicht zweifelhaft sein: 
Es gibt keine anderen Ausfuhrbahnen im Organismus fur den Stickstoff der 
Zersetzungsprodukte als Harn und Kot; aber selbstverstandlich kann nur dann 
Stickstoffgleichgewicht bestehen, wenn das verfiitterte stickstoffuhrende 
Nahrmaterial mit dem umgesetzten sich deckt; wird dagegen weniger ver- 
braucht als dargereicht wurde, so ergibt sich eine positive Stickstoffbiianz, 
wird mehr verbraucht, also von den Bestanden des Korpers zugeschossen, 
eine negative. 

Die wichtigste Ausbeute der sorgfaltigen Untersuchung ist also die Fest- 
stellung, dafl sich der Umsatz von Eiweifl und stickstoffhaltigem Nahrmaterial 
iiberhaupt allein aus dem Stickstoff von Harn und Kot berechnen laflt. 

V. hatte einen langwierigen Kampf zu bestehen, um seine Zeitgenossen 
von dieser Wahrheit zu uberzeugen. Nach kurzem Widerstand streckte als 
erster Bischoff die Waffen, andere folgten spater; aber immer aufs neue wurden 
Versuche erdacht, noch schlagender als die fruheren, um die Einwendungen 
der Gegner zu entkraften, bis ihre Stimmen endlich verstummten. 

Schon 1857 war V. als Privatdozent in den Lehrkorper der Miinchener 
Universitat aufgenommen worden; 1859 erhielt er einen Ruf nach Tubingen, 
doch liefl er sich bewegen in Miinchen zu bleiben, nachdem ihm auf Antrag 
der Fakultat eine aufierordentliche Professur bewilligt worden war. 

Mit den gewonnenen Ertragen der fruheren Arbeiten wuchernd, verfolgt 
er jetzt, zunachst in Gemeinschaft mit Bischoff, dann als sein eigener Meister, 
die Gesetze des Eiweiflstoffwechsels unter den verschiedensten aufleren und 
inneren Bedingungen. Nun zeigt sich auch deutlich, was in der ersten Ver- 
offentlichung noch nicht bestimmt ausgesprochen wurde, dafl der Organismus 
bei jeder gleichmafiigen Nahrung sich allmahlich von selbst ins Stickstoff- 
gleichgewicht setzt. 

Seine Berufung als Ordinarius im Jahre 1863 gestattet ihm endlich ganz 
seine eigenen Wege zu gehen und sich eine ansehnliche Schar von Hilfskraften 
heranzubilden. Neben dem Eiweiflstoffwechsel beginnt er jetzt auch den 
Umsatz von Fett- und Kohlenhydrat in den Kreis seiner Untersuchungen zu 
ziehen. Und wiederum gilt es neue Methoden zu schaffen. Den Verbrauch 
der stickstofffreien Nahrsubstanzen aus den Ausscheidungen zu berechnen, 
hatten bereits Bidder und Schmidt versucht. Ihre Schlusse mufiten jetzt, 
nachdem fur das zersetzte EiweiB ein untriiglicher Gradmesser gefunden war, 
erheblich an bindender Kraft gewinnen, aber noch fehlte es an einem zweck- 
mafligen Apparate, der es gestattete, sichtbare und gasformige Ausscheidungen 
ohne Verlust zu gewinnen. Da der Verbrauch der stickstofffreien Nahrstoffe 
nur aus ihrem abgefuhrten Kohlenstoff erschlossen werden kann, das Eiweifl 
aber gleichfalls kohlenstoffhaltige Zersetzungsprodukte bildet, so ist die Kenntnis 
des Eiweifiumsatzes eine unerlaflliche Vorbedingung. 

Die gestellte Aufgabe zu losen, verband sich V. mit seinem ehemaligen 
Lehrer und nunmehrigen Freunde Pettenkofer, dessen Erfindungsgabe es 
gelang, eine den Anforderungen geniigende Vorrichtung zu konstruieren. 

Nun begann eine Zeit eifriger erwartungsvoller Arbeit mit dem neuen 
Apparate. Hatte an seiner Erfindung Pettenkofer den Hauptanteil, so war 



Voit. 7 

es dagegen V., der die Ausfuhrung der Experimente fast allein auf sich nahm, 
auch in den Versuchen, die unter dem Namen beider Autoren veroffentlicht 
sind. Die freudige Begeisterung liber die errungenen Erfolge schildert V. mit 
folgenden Worten in seinem Nachruf auf Pettenkofer. »Man kann sich denken, 
welche Empfindungen wir hatten, als sich nach und nach vor unserem Auge 
ein Bild der merkwiirdigsten Stoffwechselvorgange im Korper enthiillte und 
eine Fiille von neuen Tatsachen uns bekannt wurde: als wir fanden, dafi beim 
Hunger nur Eiweifl und Fett zerstort wird, dafi bei der Arbeit im wesentlichen 
mehr Fett zur Zersetzung gelangt und bei Ruhe, besonders auffallend im Schlafe 
viel weniger Fett verbraucht wird usw.« 

Die vielen neugewonnenen Tatsachen konnten nicht verfehlen die Liebigsche 
Theorie, welche auch V. urspriinglich als Richtschnur gedient hatte, auf das 
heftigste zu erschuttern. Ihre Leitgedanken mogen, um das Verstandnis des 
folgenden zu erleichtern, in wenigen Worten zusammengefafit werden: Liebig 
ging von der Grundansicht aus, dafi als Substrat der korperlichen Arbeit nur 
der wesentlichste Bestandteil des Muskels dienen konne; danach mufite bei 
der Arbeit mehr Eiweifi als in der Ruhe zersetzt werden. Dafi mit dem Stoff 
aber auch die Form zugrunde gehe, schien Liebig selbstverstandlich, w T eil er 
sich die Notwendigkeit des Wiederersatzes sonst nicht zu erklaren vermochte; 
an die energetische Bedeutung des Eiweifi wurde damals noch nicht gedacht. 
Schon in den friiher angefiihrten Untersuchungen iiber den Eiweifistoffwechsel 
hatte indessen V. zu seiner # grofien Verwunderung die erwartete Erhohung 
im Eiweifiumsatz nach korperlicher Arbeit entweder vollig vermifit, oder doch 
gar keine gesetzmafiigen Beziehungen zwischen beiden Vorgangen feststellen 
konnen; nun fand er mit dem Respirationsapparat eine Vermehrung des zer- 
setzten Fettes. Die von V. festgestellte Tatsache, dafi bei der Muskelarbeit 
vorwiegend stickstofflose Substanzen verbraucht werden, ist von alien spateren 
Forschern bestatigt worden. Damit ist dem Eiweifi die ihm von Liebig zu- 
gewiesene Rolle als alleinige Arbeitsquelle genommen, womit aber keineswegs 
gesagt ist, dafi mechanische Leistungen niemals auf Kosten von Eiweifi ver- 
richtet werden konnen. Gerade iiber diesen Punkt hat sich V. immer sehr vor- 
sichtig ausgesprochen ; lange hat er gegen L. Traube, Fick und Wislicenus, 
die ohne weiteres stickstofffreies Material als Quelle der Muskelkraft bezeich- 
neten, die Liebigsche Auffassung zu verteidigen gesucht. Die Frage nach dem 
materiellen Substrat der korperlichen Arbeit konnte — so fiihrte er aus — 
durch Stoffbilanzen allein uberhaupt nicht entschieden werden, sondern nur 
in Verbindung mit Warmemessungen. Um diese Liicke auszufullen, liefi er 
ein Kalorimeter bauen, doch sind die damit ausgefiihrten Versuche niemals 
veroffentlicht worden. Entgegen der vielfach gehorten Meinung, als habe V. 
das Eiweifi als Arbeitsquelle ausgeschlossen, mag ein Bilanzversuch aus seinem 
Laboratorium erwahnt werden, in dem die quantitative Elementaranalyse samt- 
licher Einnahmen und Ausgaben zu dem Ergebnis fiihrte, dafi aufier Eiweifi 
kein anderer Nahrstoff an der Zersetzung teilgenommen hatte. Hier konnte 
also auch nur das Eiweifi die Energie fur die Arbeit geliefert haben. 

War das Eiweifi nicht mehr das einzige materielle Substrat der mechanischen 
Leistungen, so fiel der zweite Teil der. Liebigschen Lehre, der zufolge alles 
Eiweifi vor der Zersetzung als lebendes Gewebe organisiert werden sollte, von 
selbst zusammen. Gegen diese schon von R. Mayer und Moleschott bekampfte 



g Voit. 

Anschauung wandte sich V. vor allem auf Grund seiner Versuche iiber die 
deutlich ausgepragte Abhangigkeit des Eiweiflumsatzes von der Zufuhr; schon 
geringe EiweiBzulagen in der Nahrung haben alsbald eine Erhohung der Stick- 
stoffausscheidung zur Folge. V. stellte eine der Liebigschen gerade entgegen- 
gesetzte Ansicht auf: nicht das organisierte EiweiB unterliege dem Zerfall, 
sondern das fliissige in den Zellen kreisende Material. Diese Theorie ist im- 
stande manche Tatsachen dem Verstandnis naher zu bringen, so die eben 
genannten Beziehungen zwischen Eiweifizufuhr und EiweiBumsatz, aber auch 
die Stcigerung im Eiweiflverbrauch an den ersten Hungertagen. Als den eigent- 
lichen Kern der Lehre vom zirkulierenden EiweiB diirfen wir eine noch nicht 
bis zur scharfen Fassung gediehene Vorstellung vom Massenwirkungsgesetz 
vermuten, das spater von Rubner und vor allem von E. Voit auch auf die 
stickstofffreien Nahrstoffe mit BewuBtsein angewandt wurde. 

Allein der neuen, den bisherigen Anschauungen stracks zuwiderlaufenden 
Theorie gelang es nicht die Zustimmung der Physiologen zu erringen. AuBer 
Liebig traten Hoppe-Seyler und Pfliiger dagegen auf, und selbst V.s Schiiler 
Rubner zollt ihr nur bedingte Anerkennung. Offenbar ist der Widerstand 
zum Teil nur begreiflichen MiBverstancinissen zuzuschreiben, da die Termi- 
nologie im Laufe der Zeit vielfach geandert werden mufite. Angesichts der 
erwiesenen Tatsache, dafl die Gesamtzersetzung sich nach energetischen Prin- 
zipien regelt, dtirfte indessen eine konsequente Durchflihrung des Massen- 
wirkungsgesetzes fur den Umsatz der einzelnerf Nahrstoffe kaum gelingen. 

In einem anderen Punkte sollte Liebig trotz seiner als unrichtig erkannten 
Voraussetzungen gegen V. Recht behalten, namlich in der Lehre von der Fett- 
bildung im Tierkorper. Die Rechnung hatte in einer Reihe der oben erwahnten 
Respirationsversuche nach EiweiBaufnahme eine erhebliche Aufspeicherung 
von Kohlenstoff ergeben, die sich bei Kohlenhydratkost niemals nachweisen 
liefi. Wie sich aber spater herausstellte und vor allem von Pfliiger betont worden 
ist, war man bei der Auslegung der Resultate von einer unrichtigen Annahme 
iiber die Zusammensetzung des Fleisches ausgegangen. Die Theorie der Fett^ 
bildung geriet dadurch auf eine falsche Bahn; doch mag ausdriicklich an dieser 
Stelle bemerkt werden, dafi V. die Entstehung des Fettes aus Kohlenhydrat 
lange vor Pfliigers Erorterungen als bewiesen ansah. Heutzutage spricht man 
bekanntlich den Kohlenhydraten eine viel grofiere Bedeutung bei der Fett- 
bildung zu als dem EiweiB. 

Die an Tier und Menschen angestellten Versuche trugen auch wesentlich 
dazu bei, "die von Lavoisier zuerst aufgestellte, von Liebig mit einigen An- 
derungen iibernommene Ansicht iiber die Oxydationsvorgange im Organismus 
zu stiirzen. Noch Liebig liefi Fett und Kohlenhydrate unmittelbar, das EiweiB 
erst nach Abspaltung der stickstoffhaltigen Gruppe durch den mit der Atmung 
zugefiihrten Sauerstoff verbrannt werden. Das verschiedene Verhalten der 
einzelnen Nahrstoffe in ihrer Zersetzlichkeit innerhalb und auBerhalb des Orga- 
nismus wie es V. gefunden hatte, war mit jener Vorstellung nicht mehr in 
Einklang zu bringen; die den Stoffverbrauch bestimmenden Umstande konnten 
nach diesen Resultaten nur in inneren Bedingungen des Tierkorpers gesucht 
werden. Zu der gleichen Folgerung fiihrte auch die von Regnault und Reiset 
innerhalb weiter Grenzen gefundene Unabhangigkeit der Kohlensaurebildung 
vom Sauerstoffgehalt der Luft, die spater Pfliiger noch viel schlagender bewies. 



Voit. 9 

Entgegen der modernen Auffassung, welchc in den Energieentwicklungen 
die urspriinglichen und fur das Leben wesentlicheren Prozesse erblickt, ist V. 
bei seinen Untersuchungen stets von der stofflichen Bedeutung der Nahrsub- 
stanzen ausgegangen, so dafi man vielleicht auf den Gedanken kommen konnte, 
er hatte den Wert energetischer Betrachtungen fiir die Ernahrungslehre ver- 
kannt. Damit wiirde man ihm jedoch durchaus unrecht tun; schon einer seiner 
friihesten, im Jahre i860 erschienenen Abhandlung iiber den Einflufi des Koch- 
salzes, des Kaffees und der Muskelbewegungen auf den Stoffwechsel, gibt er 
den Titel »Beitrag zur Feststellung des Prinzips der Erhaltung der Kraft«. 
Und in seiner spater mit Liebig iiber die Quelle der Muskelkraft gefiihrten 
Polemik zeigt er sich in der Anwendung des Energiegesetzes auf biologische 
Vorgange seinem Gegner entschieden uberlegen, der damals 1870 noch meinte, 
die zu gewinnende Energie ware nicht allein vom Anfangs- und Endzustand, 
sondern auch von den Zwischenstufen eines Prozesses abhangig. V. war auch 
der erste von den Physiologen, der den zweiten Hauptsatz der mechanischen 
Warmetheorie fiir die Muskeln nutzbar zu machen suchte, wenn er auch die 
daraus gezogenen Folgerungen nicht so scharf wie spater Fick zu formulieren 
wufite. 

Aber allerdings, der Vernachlassigung der stofflichen Prozesse auf Kosten 
rein energetischer Oberlegungen glaubte er entgegentreten zu mussen, keines- 
wegs blofi aus Vorliebe fur die bisherige Meinung, sondern durch gewichtige 
Griinde bewogen; einmal lassfen sich namlich auch heute noch gewisse Stoff- 
wechselvorgange wie der Kreislauf der Mineralbestandteile und jene geringe, 
durch keine anderen Nahrstoffe aufzuhebende Eiweifizersetzung nur aus einem 
rein stofflichen Bedurfnis des Organismus begreifen; sodann wollte er der 
Gefahr vorbeugen durch allzu summarische Energiemessungen die einzelnen 
Ziige des Gesamtbildes zu verwischen. So sehr man daher auch in jungster 
Zeit das energetische Prinzip in den Vordergrund schieben mag, auf alle Falle 
war die Warnung nicht uberfliissig, denn auch die Energieprozesse werden in 
Verbindung mit den daran gekniipften Stoffwechselvorgangen viel gnindlichere 
Aufschlusse iiber das Geschehen im lebenden Korper liefern, als rein kalori- 
metrische Untersuchungen. 

Wenn sich auch V. vorzugsweise der von ihm selbst geschaffenen Methode 
der Bilanzrechnung bediente, um in das Getriebe der im Organismus ver- 
laufenden Prozesse einzudringen, so verhehlte er sich doch keincswegs, dafi 
viele Stoffwechselfragen von verschiedenen Seiten aufzufassen waren und dafi 
namentlich die intermediaren Vorgange aus dem Anfangs- uqd Endzustand 
des Gesamtverlaufs nur ganz unvollkommen ermittelt werden konnten. Von 
solchen Erwagungen geleitet untersuchte er mit seinen Schulern die Bedingungen 
der Glykogenbildung nach Verfutterung verschiedener Zuckerarten. Die in 
dieser Richtung angestellten Experimente halten auch heute ungeachtet der 
grofien Verfeinerung aller hier in Frage kommenden analytischen Methoden 
die strengste Kritik aus. 

Ebenso wie die Bilanzrechnung versagt, wenn es sich darum handelt die 
einzelnen Zwischenglieder in der Kette der Umsetzungen zu erforschen, ist 
sie naturlich auch aufierstande iiber den Ort der chemischen Prozesse Auf- 
schlufi zu geben. Diese Liicke konnte nur durch Untersuchung der einzelnen 
Organe vollig ausgefiillt werden. Wichtige Anhaltspunkte lassen sich aber 



IO 



Voit. 



doch gewinnen aus der Abnahme der Organe im Hungerzustande, uber die V. 
mehrfach Versuche anstellen liefi. 

Neben seinen Forschungen iiber den organischen Stoffwechsel lieferte er 
auch wertvolle Beitrage zur Kenntnis des Kreislaufs der Salze. So wurden 
auf seine Veranlassung die Erscheinungen bei vollstandigem Salzhunger sowie 
bei Entziehung der Kalziumverbindungen verfolgt. 

Andere aus V.s Laboratorium hervorgegangene Arbeiten hangen mehr 
oder weniger eng mit den Stoffwechselvorgangen im eigentlichen Sinne, den in 
den Geweben sich vollziehenden Prozessen zusammen, wie die Beziehungen 
der Galle zum Gesamtstoffwechsel, die Untersuchungen uber Resorption und 
Ausnutzung; ist doch die Kenntnis der Ausnutzung nicht allein fiir die Hygiene 
von groflter Bedeutung, sondern auch eine unerlaflliche Vorbedingung aller 
Futterungsversuche. Hierher gehoren auch seine den Genuflmitteln gewidmeten 
Darlegungen, deren Bedeutung durch Pawlows Untersuchungen in neuer Be- 
leuchtung erscheint. 

Das Gebiet der animalen Physiologie hat V. als Forscher nur einige Male 
betreten; zuerst mit Messungen der Ohrtemperatur nach Sympathikusdurch- 
schneidung, sodann mit seinen Beobachtungen nach Abtragung der Grofi- 
hirnhemispharen bei Tauben. 

V, war aber nicht nur Theoretiker; vielmehr war es ihm darum zu tun, 
die in der Ernahrungslehre gewonnenen Kenntnisse im weitesten Umfange der 
Gesellschaft dienstbar zu machen. So sind ihm hauptsachlich die Grundsatze 
zu verdanken, nach denen die Ernahrung der Soldaten in Frieden und Krieg, 
die Kost in Gefangnissen und offentlichen Anstalten geregelt wurde. 

Nicht minder ist der Fdrderung zu gedenken, die die Landwirtschaft von 
den aus dem *Munchener Laboratorium hervorgegangenen Arbeiten erfuhr, 
indem sie die hier geschaffenen Methoden mit Erfolg auf die landwirtschaftlichen 
Nutztiere anwandte. 

Ziehen wir die Summe aus V.s wissenschaftlichen Leistungen, so diirfen 
wir mit den Worten schlieflen, die W. v. Humboldt einst Kant widmete: »Einiges, 
was er zertrtimmert hat, wird sich nie wieder erheben, einiges, was er begrtindet 
hat, wird nie wieder untergehen*. 

Es versteht sich eigentlich von selbst, ist aber gerade seit der Neubelebung 
des geschichtlichen Sinnes in den Naturwissenschaften in jungster Zeit wieder 
besonders betont worden, dafi auch abstrakte Forschertatigkeit erst im Zu- 
sammenhang mit der ganzen Personlichkeit recht verstanden und gewiirdigt 
werden kann. So wollen wir denn versuchen, ein Bild unseres Forschers als 
Mensch zu zeichnen. 

Das wertvollste Mittel, um Blicke in das Innere eines vorragenden Geistes 
zu tun, liefern uns unstreitig Selbstzeugnisse iiber Weltanschauung und Lebens- 
auffassung. Und es ware zu verwundern, wenn ein Mann von der tiefernsten 
Denkungsart V.s nicht nach einem einheitlichen System seines Wissens ge- 
strebt hatte; aber vielleicht hatte er doch Bedenken getragen, seine geheimsten 
Gedanken preiszugeben, wenn nicht die mit Heftigkeit um die Grundlagen 
der Erkenntnis gefiihrten Kampfe auch ihn aufgefordert hatten, Offentlich 
Stellung zu nehmen. 

Den aufleren Anlafl hierzu bot seine Wahl zum Rektor im Jahre 1878. 
In sein Ehrenamt fuhrte er sich ein mit einer an die studierende Jugend ge- 



Voit. 



II 



richteten Rede uber die Entwicklung der Erkenntnis. Um die darin nieder- 
gelegten Gedanken in ihrem Verhaltnis zum Zeitgeist zu erkennen, miissen wir 
einige Jahre zuruckgreifen. 1872 hatte Du Bois-Reymond auf der Naturforscher- 
versammlung zu Leipzig seinen denkwiirdigen Vortrag uber die Grenzen der 
Naturerkenntnis gehalten, darin den auf den Trummern der Naturphilosophie 
uppig emporwuchernden Materialismus ernstlich mahnend, sich einmal wieder 
auf die Grundlagen der Erkenntnis zu besinnen. Im besonderen hatte er das 
Verhaltnis zwischen Materie und Empfindung als kausal unbegreiflich hin- 
gestellt. Naegeli hatte dann, freilich ohne besonderes Gliick, bei der Tagung 
der deutschen Naturforscher und Arzte zu Miinchen im Jahre 1877 sich be- 
muht, den von Du Bois gezogenen Schlufi »ignorabimus« abzuweisen und ihm 
den Ausspruch entgegengesetzt »wir wissen und wir werden wissen«. V. sucht 
nun die AuBerungen der beiden Vorganger nach seiner Weise zu verarbeiten. 
Im ganzen vertritt er den von Du Bois eingenommenen Standpunkt eines 
transzendentalen Realismus. Der begriffliche Unterschied zwischen den Dingen 
an sich und ihrer Erscheinungsform ist ihm vollig gelaufig; den naiven Realismus 
hat er also ganzlich uberwunden, doch neigt er im Sinne seiner Zeit dazu in 
Molekiilen und Atomen, den Resultaten theoretischer Spekulationen, die Dinge 
an sich zu erblicken, ohne sich andererseits uber das Liickenhafte unserer Er- 
kenntnis zu tauschen; auf die Entdeckung ganzlich neuer von den Sinnen 
bisher nicht wahrgenommener Erscheinungen ist er gefafit; die Auffindung der 
Rontgenstrahlen dlirfte also keine Erschiitterung seiner Weltanschauung herbei- 
gefiihrt haben. Was nun im besonderen das Verhaltnis von Leib und Seele 
angeht, so driickt sich V. allerdings nicht so entschieden aus wie Du Bois, aber 
ganz unumwunden erklart er das einzige vom Materialismus dargebotene Heil- 
mittel, den Hylozoismus fur keine Losung des Problems, sondern nur fur eine 
Durchhauung des Knotens. 

Hervorzuheben ware noch in erkenntnistheoretischer Hinsicht, dafl er mit 
Kant im teilweisen Gegensatz zu Helmholtz Raum und Zeit als a priori 
gegebene Anschauungsformen betrachtet. Mit Kant ist er auch in der Uber- 
zeugung einig, dafi unser auf die reine Vernunft gegrundetes Wissen einer 
metaphysischen Erganzung bedarf; ein unbesiegbares Gefiihl im innersten 
Menschenherzen scheint ihm auf eine hohere Welt, als die materielle ist, hinzu- 
weisen. In diesem Sinne konnte man ihn wohl religios nennen, doch war 
ihm, was gewohnlich unter Religion verstanden wird, ganzlich fremd. 

Ubrigens nahm er auch an der Philosophic nur insofern Anteil, als sie 
erkenntniskritische Fragen behandelt; zur systematischen in seiner Lehr- und 
Wanderzeit noch vorwiegend von Hegel beherrschten Schulphilosophie verhielt 
er sich geradezu ablehnend. Der Quell, aus dem er Erfrischung nach der All- 
tagsarbeit schopfte, war vielmehr die Kunst, im besonderen die bildende Kunst, 
fur die schon das Vaterhaus Geschmack und Verstandnis entwickelt hatte. Gern 
horte er Musik, ohne imstande zu sein, selbst ein Instrument zu spielen. Unter 
den Dichtern bevorzugte er Shakespeare. 

Sehen wir nun zu, wie er sich gab im Umgang mit andern. Auf alle, die 
mit ihm in Beriihrung kamen, machte er den Eindruck einer von hohem sitt- 
lichem Ernst erfiillten Personlichkeit; doch druckten seine Ztige zumeist heitere 
Ruhe aus; es sei denn, dafi tieferer Kummer ihn druckte, der ihm auf seinem 
Lebenswege in reichem Mafie beschieden war. 



12 



Voit. 



Zu seinen hervorragendsten Charaktefeigenschaften gehorte unstreitig eine 
unerschutterliche Wahrheitsliebe, die als oberstes Gesetz alle seine Handlungen 
beherrschte. Aus ihr entsprang peinliche Gewissenhaftigkeit und unerbittlicher 
Gerechtigkeitssinn. 

Als Lehrer zeichnete er sich durch anschaulichen klaren Vortrag aus; auf 
kunstvolle Durchbildung legte er keinen Wert; seine rein sachliche Darstellung 
entbehrte und sollte entbehren jedes rhetorischen Aufputzes. 

Nach des Verfassers Ansicht gingen seine Ausfuhrungen mitunter zu welt 
ins einzelne, so dafi der Student sich getrieben fiihlte, unverhaltnismafiig viel 
Zeit und Miihe auf rein mechanische Aneignung des Lehrstoffes zu verwenden 
und eben dadurch der hoheren geistigen Tatigkeit, des Ordnens und Durch- 
denkens, zu entziehen. 

V. gait als strenger, wenn auch gerechter Examinator. Aber sein Urteil 
bildete er sich nicht allein nach den auf bestimmte Schulfragen gegebenen 
Antworten; er suchte tiefer in den Geist des Examinanden einzudringen; nach 
Sokratischer Methode bemiihte er sich durch Zuriickgehen auf die Grundlagen 
schlummernde Kenntnisse herauszuholen, ein Verfahren, durch welches hohles 
Phrasentum sofort entlarvt, gediegene Bescheidenheit dagegen in ihrem wahren 
Wert erkannt ward. 

Als Kollege war V. allgemein geachtet; wegen seiner sprichwortlich ge- 
wordenen Unparteilichkeit wurde ihm mit Vorliebe in heiklen Fakultatsan- 
gelegenheiten die wenig beneidenswerte Aufgabe eines Mittlers und Schieds- 
richters ubertragen. 

Schon friih offnete sich ihm die Akademie der Wissenschaften, als Beweis, 
dafi seine Leistungen auch aufierhalb der Fachkreise Anerkennung gefunden 
hatten. Nach v. Kobells Tod 1882 wahlte ihn die mathematisch-physikalische 
Klasse zu ihrem Sekretar. Das ihm dadurch zugefallene Amt hat er ungeachtet 
der vielen Berufsgeschafte mit der ihm eigenen Gewissenhaftigkeit bis zu seinem 
Tode verwaltet. Aus der langen Zeit seiner Tatigkeit als Klassensekretar sind 
uns eine Reihe gehaltreicher Reden in den Annalen der Akademie aufbewahrt, 
die er im Auftrage seiner Sektion zum Gedachtnis der hingeschiedenen Mitglieder 
gehalten hat. 

Bis in die letzten Lebensjahre konnte er seinem Beruf mit fast un- 
geschwachter Kraft nachgehen. Dann wurde seine Tatigkeit hin und wieder 
durch Krankheiten unterbrochen, ohne dafi er besonders schw T er darunter ge- 
litten hatte. 

Im Jahre 1907 fafite er bei aller Riistigkeit doch den EntschluB, seinen 
Platz einem jungeren Nachfolger zu raumen. Die einleitenden Schritte wurden 
getan. Allein er sollte sich der wohlverdienten Ruhe nicht mehr erfreuen. Noch 
mitten in voller Tatigkeit wurde er im Winter- Semester 1907/08 von einem 
Leiden befallen, dessen Ernst trotz voriibergehender Besserung immer mehr 
zutage trat. Am 31. Januar 1908 erlag er der tuckischen Krankheit; eine latent 
abgelaufene, langst geheilte Tuberkulose war in die akute Form der Miliar- 
tuberkulose iibergegangen. 

Moge der Dank, den ihm die Nachwelt schuldet, vor allem darin bestehen, 
das Gebaude, zu dem er den Grund gelegt, mit demselben Eifer und derselben 
Gewissenhaftigkeit, wie er sie geubt, weiter auszubauen. 



Voti. 



13 



Literatur: M. Cremer, Zum siebzigsten Geburtstage C. v.Voits, Munchener Med.Wschr. 
1901, S. 1751. — O. Frank, Nachruf, Carl Voit gewidmet, Ztschr. f. Biologie Bd. 51, S. 1, 
1909. — Verzeichnis der im Druck erschienenen Schriften mit Ausnahme 
der in der Akademie gehaltenen Gedachtnisreden. I. Gesondert 
erschienene Abhandlungen: Physiologisch-chemische Untersuchungen, H. 1. 
Augsburg, J. P. Himmer, 1857. Inhalt: Beitrage zum Kreislauf des Stickstoffs im tierischen 
Organismus. — Uber die Aufnahme des Quecksilbers und seiner Verbindungen in den 
Korper. — Die Gesetze der Ernahrung. des Fleischfressers. (Bischof! und Voit.) Leipzig, 
Winter, i860. — Ober die Wirkung des Kochsalzes, des Kaffees und der Bewegung auf den 
Stoffwechsel. Munchen, Cotta, i860. — Anhaltspunkte zur Beurteilung des sogenannten 
eisernen Bestands fur Soldaten. Munchen, Oldenbourg, 1876. — Untersuchung der Kost 
in einigen offentlichen Anstalten. Munchen, Oldenbourg, 1877. — Physiologie des allgemeinen 
Stoffwechsels und der Ernahrung, Bd. 6 im Handbuch der Physiologie v. Hermann. Leipzig, 
Vogel, 1881. — II. In Zeitschriften zerstreut: Untersuchungen uber epidemische 
Cholera (gesamter chemischer Teil). Ztschr. f. ration. Medizin N. F. Bd. 6, 1855. — Zur Boden- 
frage der Pflanzen dienende chemische Analysen. Regensburg, Flora, 1855, Nr. 32. — Ober 
einige Benzoylverbindungen. Ann. d. Chemie u. Pharm. 1856. — Uber Temperaturverhalt- 
nisse am Ohr nach der Sympathikusdurchschneidung und uber die Messung derselben. Ber. 
d. Naturforschervers. zu Karlsruhe 1859, S. 221. — Anhaltspunkte fur die Physiologie der 
Perlmuschel. Ztschr. f. wiss. Zool. Bd. 10, i860. — Untersuchungen uber die Respiration. 
(Pettenkofer und Voit.) Ann. d. Chemie u. Pharm. 1862, Suppl.-Bd. 2. — Uber den Kreislauf 
des Stickstoffs im tierischen Organismus (Versuch an einer Taube). Ebendai863, und Sitzgb.*) 
1863, Bd. 1, S. 69. — Beobachtungen an einer Taube, welcher die Hemispharen des GroB- 
hirns abgetragen worden waren. Sitzgb. 1863, Bd. 1, S. 479. — Uber die Produkte der Respi- 
ration des Hundes bei Fleischnahrung und uber die Gleichung der Einnahmen und Ausgaben 
des Korpers dabei. (Pettenkofer und Voit.) Ann. d. Chemie u. Pharm. 1864, Suppl.-Bd. 2, 
S. 361. — Uber die in den Schuppen und der Schwimmblase von Fischen vorkommenden 
irisierenden Krystalle. Ztschr. f. wiss. Zool. Bd. 15, 1865, S. 515. — Die Gesetze der Zer- 
setzungen der s ticks toffhaltigen Stoffe im Tierkorper (Methode der Untersuchung). Ztschr. 
f. Biol. 1865. — Uber den Einflufi des Glaubersalzes auf den EiweiBumsatz im Tierkorper. 
Ebenda S. 195. — Uber die Ausscheidungsverhaltnisse der Kynurensaure im Hundeharn. 
(Voit und Riederer.) Ebenda S. 315. — Uber Druckschwankungen im Lungenraum infolge 
der Herzbewegungen. Ebenda S. 390. — Untersuchungen uber die Ausscheidungswege der 
stickstoffhaltigen Zersetzungsprodukte aus dem tierischen Organismus. Ebenda 1866, S. 6 
u. 189. — Uber die Verschiedenheit der Eiweiflzersetzung beim Hungern. Ebenda S. 1. — 
Untersuchungen iiber den Stoffverbrauch des normalen Menschen. (Pettenkofer und Voit.) 
S. 459. — Der Eiweiflumsatz bei Ernahrung mit reinem Fleisch. Ebenda 1867, S. 1. — Notiz 
iiber Ablagerungen von Tyrosin auf tierischen Organen. Ztschr. f. wiss. Zool. Bd. 18, S. 301. — 
Cber das Wesen der Zuckerharnruhr. (Pettenkofer und Voit.) Sitzungsber. 1865 Bd. 2, 
S. 224. — Ober Kohlensaureausscheidung und Sauerstoffaufnahme wahrend des Wachens 
und Schlafens beim gesunden und kranken Menschen. (Pettenkofer und Voit.) Sitzungsber. 
1866 Bd. 2, S. 236. — Uber Kohlensaureausscheidung und Sauerstoffaufnahme beim Menschen. 
(Pettenkofer und Voit.) Sitzungsber. 1867 Bd. 1, S. 255. — Uber die Beziehungen des Kreatins 
und Kreatinins zum Harnstoff im Tierkorper und das Wesen der Uramie. Ebenda S. 364. — 
Cber die Fettbildung im Tierkorper. Sitzungsber. 1867 Bd. II, S. 402. — Uber den Stoff- 
verbrauch eines Zuckerharnruhrkranken. (Pettenkofer und Voit.) Ebenda S. 572. — uber 
den Stoffverbrauch bei der Zuckerharnruhr. (Pettenkofer und Voit.) Ztschr. f. Biol. 1867, 
Bd. 3. — Uber die Theorien der Ernahrung der tierischen Organismen. Festrede in der Aka- 
demie 1868. — Beobachtungen nach Abtragung der Hemispharen des GroOhirns bei Tauben. 
Sitzungsber. 1868 Bd. 2, S. 105. — Uber die Ausscheidungswege der stickstoffhaltigen Zer- 
setzungsprodukte aus dem Tierkorper. — Notiz uber den Nachweis von Blausiiure im Blute. — 



*) Abgekiirzt fur Sitzungsberichte der K. Bayer. Akademie der Wisscnschaften. 



*4 



Voit. 



Bemerkung uber die sogenannte Luxuskonsumption. — Ober das Verhalten des Kreatins, 
Kreatinins und Harnstoffe im Tierkorper. Ztschr. f. Biologie 1868, Bd. 4. — Ober die Fett- 
bildung im Tierkorper. — Ober den Stoffverbrauch bei einem leukamischen Manne. (Petten- 
kofer und Voit.) — t)ber den Eiweifiumsatz bei Zufuhr von Eiweifl und Fett und iiber die 
Bedeutung des Fettes fur die Ernahrung. — Respirationsversuche am Hunde bei Hunger 
und ausschliefllicher Fettzufuhr. (Pettenkofer und Voit.) — Ober den Einflufl der Kohlehydrate 
auf den Eiweiflverbrauch im Tierkorper. — Ober die Aufsaugung im Dick- und Dunndarme. 
Ztschr. f. Biol. 1869, Bd. 5. — Ober die Unterschiede der animalischen und vegetabilischen 
Nahrung, die Bedeutung der Nahrsalze und der Genuflmittel. Sitzungsber. 1869 Bd. 2, S. 483. — 
Ober die Entwicklung der Lehre von der Quelle der Muskelkraft und einiger Teile der Er- 
nahrung seit 25 Jahren. Ztschr. f. Biol. 1870, Bd. 6. — Ober den Stoffverbrauch bei der 
Phosphorvergiftung. Sitzungsber. 1871, S. 29. — Ober die Verwertung gewisser Asche- 
bestandteile im Tierkorper. Ebenda S. 78. — Ober die Zersetzungsvorgange im Tierkorper bei 
Fattening mit Fleisch. (Mit Pettenkofer.) Ztschr. f. Biol. 1871, Bd. 7, S. 433. — Ober das 
Volumen der unter verschiedenen Umstanden ausgeatmeten Luft. Sitzungsber. 187 1, S. 195. — 
Ober die Grofle der Eiweiflzersetzung nach Blutentziehungen. Ebenda S. 254. — Ober die 
Bedeutung des Lcimes bei der Ernahrung. Ztschr. f. Biol. 1872, Bd. 8, S. 297. — Ober die 
Zersetzungsvorgange im Tierkorper bei Fiitterung mit Fleisch und Fett. (Mit Pettenkofer.) 
Ebenda 1873, Bd. 9, S. 1. — Gutachten uber die Errichtung von Volkskuchen in Munchen, 
fur den Magistrat. — Ober die Bedeutung der Kohlehydrate in der Nahrung. (Mit Petten- 
kofer.) Sitzungsber. 1873, S. 273. — Ober die Zersetzungsvorgange im Tierkorper bei Futte- 
rung mit Fleisch und Kohlehydraten allein. (Mit Pettenkofer.) Ztschr. f. Biol. 1873, Bd. 9, 
S. 435. — Ober die Aufnahme des Pflanzenschleims und des Gummis aus dem Darm in die 
Safte. Ebenda 1874, Bd. 10, S. 59. — Ober die Verdaulichkeit der leimgebenden Gewebe. 
Ebenda S. 84. — Bemerkungen iiber die Bedeutung des leimgebenden Gewebes fur die Er- 
nahrung. Ebenda S. 202. — Ober die Bestimmung des Wassers mittels des Pettenkoferschen 
Respirationsapparates. (Mit E. Voit und J. Forster.) Ebenda 1875, Bd. 11, S. 126. — Be- 
schreibung cines Apparates zur Untersuchung der gasformigen Ausscheidungen des Tier- 
korpers. Abh. XII, Bd. i, 1875, u - Zschr. f- Biol. 1875, Bd. II, S. 532 — 586. — Ober die Kost 
in offentiichen Anstalten. Zschr. f. Biol. 1876, Bd. 12, S. 1 — 59. — Ober die Ausscheidung 
des Salmiaks im Harn. Sitzungsber. 1876, S. 149. — Ober den Einflufl kalkarmen Putters 
auf die Knochen. Amtlicher Bericht der 50. Versammlung deutscher Naturforscher, 1877, 
S. 242. — Ober die Ausniitzung einiger Nahrungsmittel im Darmkanal des Menschen. Ebenda 
S. 351. — Ober das Verhalten der Kalkschalen der Hiihnereier bei der Bebrutung. Ztschr. 
f. Biol. 1877, Bd. 13, S. 318. — Bemerkung uber die Umwandlung der Harnsaure in Harn- 
stoff im Korper des Hundes. Ebenda S. $30. — Ober die Wirkung der Temperatur der urn- 
gebenden Luft auf die Zersetzungen im Organismus der Warmbluter. Ebenda 1878, Bd. 14, 
S. 57. — Ober die Entwicklung der Erkenntnis. Rektoratsrede 1879. — Ober die Bedeutung 
des Wechsels von Tatigkeit und Ruhe im Leben des Menschen. Rektoratsrede 1880. — Er- 
nahrung des Soldaten im Frieden und Kriege. Bericht der uber die Ernahrungsfrage des 
Soldaten niedergesetzten Spezialkommission, 1880. — Zur Frage der Ausscheidung gas- 
formigen Stickstoffs aus dem Tierkorper. (Mit Pettenkofer.) Ztschr. f. Biol. 1880, Bd. 16, 
S. 508. — Ober den zeitlichen Verlauf der Zersetzungen im Tierkorper. Sitzungsber. 1882, 
S. 130. — Ober die Bedeutung der Galle fiir die Aufnahme der Nahrungsstoffe im Darmkanal. 
Beitrage zur Biol. Festgabe fur Bischoff, 1882, S. 104. — Ober die Beziehungen der Gallen- 
absonderung zum GesamtstorTwechsel im tierischen Organismus. Aus der Festschrift fur das 
Wurzburger Jubilaum, 1882. — Ober den Wert der Weizenkleie fiir die Ernahrung des Men- 
schen. Sitzuifgsber. 1883, S. 76. — Ober den Nahrwert des Glyzerins. Arztliches Intelligenz- 
blatt 1883. — Abwehr gegen die Angriffe von Prof. Eduard Pfliiger in Bonn. Ztschr. f. Biol. 
1882, S. 406. — Ober die Vertretungswerte von Eiweifl, Fett und Kohlehydraten im Tier- 
korper. Sitzungsber. 1883, S. 401. — Ober die Ursachen der Fettablagerung im Tierkorper. 
Festschrift fiir den arztlichen Verein, 1883, S. 310. — Ober die Bedeutung des Asparagins 
als Nahrungsstoff. Sitzungsber. 1883, S. 401. — Ober den Nahrungsbcdarf des Generals Mite. 



Voit. Nicolai. 



15 



Beitrige zur Anthropologic und Urgeschichte Bayerns, 1883. — Uber den Einflufi kQnstlich 
erhohter Korpertemperatur auf die Eiweifizersetzung. Sitzungsber. d. Akad. 1884, S. 226. — 
Sur quels principes devrait itre basie V alimentation des ddtenus, au point de vue hygiinique et 
pinitentiaire? Bulletin de la Commission Pinitentiaire Internationale No. 14. April 1884. — 
Uber die Fettbildung im Tierkfcrper. Sitzungsber. 1885, S. 288. — Die Verkostigung der Ge- 
fangenen in dem Arbeitshause Rebdorf; drei Gutachten. Munchener med. Wschr. 1886, Nr. 4. 
— Ober die Periodizitat im Gewichte der Kinder; Gutachten. Munchener med. Wschr. 1886, 
Nr. 8. — Ober den Nahrwert des Glyzerins. Sitzungsber. d. Ges. f. Morph. u. Physiol. 1886, 
S. 39. — Die Verwendung der Sauermilch in den Gefangenenanstalten; Gutachten. Munchener 
med. Wschr. 1887, Nr. 12. — Untersuchungen der Kost eines Vegetarianers. Sitzungsber. 
d. Ges. f. Morph. u. Physiol. 1887, S. 11 u. Sitzungsber. d. Akad. 1887, S. 63. — Ernahrung 
der Gefangenen, in dem Handbuch des Gefangniswesens von Holtzendorff und Jagemann 
1887. — Kostversuche mit dem C. Beckerschen Ofen. Munchener med. Wschr. 1888, Nr. 9 
u. 10. — Beitrag zur Erweiterung des Gebrauchs der Milch als Volksnahrungsmittel; Gutachten 
herausgegeben von dem Landeskulturrat f. d. Konigreich Sachsen 1888, S. 21. — Ober die 
Kost eines Vegetarianers. Ztschr. f. Biol. 1888, Bd. 25, S. 232. — Bemerkungen iiber das 
Vorkommen von Guanin. Sitzungsber. d. Ges. f. Morph. u. Physiol. 1888, S. 79. — Ober den 
Kalkgehalt der Knochen und Organe rhachitischer Kinder. Sitzungsber. 1889, S. 437. — 
Uber die Resorption verschiedener Fette aus dem Darmkanale. Sitzungsber. d. Ges. f. Morph. 
u. Physiol. 1889, H. 3, S. 99. — Ober den Einflufi der Kohlehydrate auf den EiweiBzerfall. 
Ebenda 1891. — Ober schiefe und gerade Heftlage. — Schiefschrift und Steilschrift (Gutachten 
des K. b. Obermedizinal-Aussch.). Munchener med. Wschr. 1891, Nr. 13. — Ober die Gly- 
kogenbildung nach Aufnahme verschiedener Zuckerarten. Ztschr. f. Biol. 1 891, Bd. 28, S. 245. 
Sitzungsber. 1891, S. 189. — Uber den Einflufi verschiedener Nahrungsmittel auf den Wasser- 
gehalt der Organe und den Hamaglobingehalt des Blutes. Sitzungsber. 1892, H. 1, S. 21. — 
Bemerkung zu der Mitteilung von Dr. S. Gabriel. Ztschr. f. Biol. 1892, Bd. 29, S. 125. — 
Ober die Anwendung der Eiweifitrager, insbesondere des Weizenklebers in der Nahrung des 
Menschen. Arch. f. Hygiene 1893, Bd. 17, S. 408. — Gewichte der Organe eines wohlgenahrten 
und eines hungernden Hundes. Ztschr. f. Biol. 1894, Bd. 30, S. 510. — Ober die Bezichungen 
der Gallenabsonderung zum GesamtstofTwechsel im tierischen Organismus. Ztschr. f. Biol. 

1894, Bd. 30, S. 523. — Ober die Nahrung in verschiedenen Klimaten. Arch. f. Anthropol. 

1895, Bd. 23, S. 967. — Ober den Eiweifiumsatz bei Zufuhr von Antipepton. Sitzungsber. 

1895, H. 3, S. 443. — Ober die Bedeutung des Fleischextraktes als Nahrungsmittel und als 

Genufimittel. Munchener med. Wschr. 1897, Nr. 9. — 1st das Eiweifi ausschliefllich die Quelle 

der Muskelkraft? Ber. lib. d. Centenarfeier des Todestages von Spallanzani, S. 89. — 1903. 

Das Isodynamiegesetz, Munchener med. Wochenschr. 49, S. 232. — 1905. Max von Petten- 

kofer zum Gedachtnis. Rede in der offcntl. Sitzung d. K. Bayer. Akademie'd. Wissensch. v 

16. November 1901. — Ober die Bedeutung der Genufimittel in der Nahrung. Vortrag z 

Best, eines Pettenkoferhauses in Mtinchen, geh. am 10. Dezember 1903; in der Dtsch. Revue, 

Oktober u. November 1904. — 1907. Ober die Eiweifizersetzung bei Atemnot, Ztschr. f. Biol. 

49» S. I. ~ T . , 

0. Krummacher. 

Nicolai, Friedrich, GroBh.-Badisch. Geheimer Oberfinanzrat, Dr. phil., 
* 3. April 1 861 in Karlsruhe (Baden), f 21. Oktober 1908 ebendaselbst. — N. 
war der Sohn des spateren Grofih. Badischen Geheimrats und Vorsitzenden 
Rates im Finanzministerium August Nicolai und seiner Ehefrau Julie geb. 
Kolle. Der Vater war ein hervorragend tuchtiger, aufierst pflichttreuer Be- 
amter, die Mutter eine hochgesinnte, kluge Frau. Die (jberzeugung der Eltern, 
daB der Stand des Vaters und das Ansehen, welches die Familie in der Stadt 
genofi, gewichtige Pflichten gegeniiber der Allgemeinheit auferlegten, ging auf 
die Kinder einfach uber. Schon von schwerer Krankheit befallen besorgte noch 



1 6 Nicolai. 

bis zu seinem im Jahre 1883 erfolgten Tode Geheimrat Nicolai mit grofiter 
Gewissenhaftigkeit seine Dienstgeschafte. Seine Gattin aber widmete sich, 
nachdem die Erziehung der Kinder vollendet war, bis in ihr hohes Alter hin- 
gebend und tatkraftig selbstgewahlten Pflichten im Dienste der sozialen Fur- 
sorge und der Nachstenliebe. Dabei wurde aber immer gerne genossen, was 
sich Schones und Angenehmes im Karlsruher gesellschaftlichen, Theater- 
und Kunstleben bot, Der heitere, gesellige Sinn, der namentlich der Mutter 
eigen war, lieB das kleine Haus in der Hirschstrafle in Karlsruhe, welches die 
Familie Nicolai allein bewohnte, zum Mittelpunkt einer frohen Geselligkeit 
werden, die auf Gewandtheit in Rede und Verkehr der jungen Generation 
gunstig wirkte. Dazu kamen erfrischende Ausfluge in den Schwarzwald, Reisen 
in die nahe Schweiz. 

Friedrich N. besuchte das von dem hervorragenden Schulmann Gustav 
Wendt geleitete Gymnasium seiner Vaterstadt. Von diesem Fiihrer empfing 
N. zeitlebens nachwirkende Anregungen: als vielbeschaftigter Beamter fand 
N. immer noch Zeit zum Lesen nicht nur der fur seinen Beruf erforderlichen 
Bucher und Zeitungen, sondern auch der besten Erzeugnisse der schonen 
Literatur und besonders der Werke unserer grofien Geschichtsschreiber. Schon 
auf der Schule trat Friedrich N. einem Kreise von Alters- und Klassengenossen 
naher, der dann auch im Leben in Freundschaft zusammenhielt. 

1 88 1 verliefl der Zwanzigjahrige das Gymnasium und trat zusammen mit 
einigen nahen Schulfreunden, um seiner Militarpflicht zu geniigen, als Ein- 
jahrig-Freiwilliger in das in Karlsruhe garnisonierende I. badische Feldartilleric- 
Regiment GroBherzog ein, zu dessen Reserve-Offizieren er spater zahlte. Zeit- 
lebens hing er an seiner Waffe und an seinen Kameraden, und diese an 
ihm, so daB ihn der aus friiheren Angehorigen seines Regiments gebildete 
Artilleriebund St. Barbara spaterhin zu seinem Ehrenmitglied ernannte. 

Dem Beispiel und Wunsche seines Vaters folgend, widmete sich N. dem 
Studium der Kameralwissenschaften. Wahrend heutzutage auch im GroB- 
herzogtum Baden die kiinftigen Finanzbeamten auf der Hochschule dieselben 
Vorlesungen horen wie die Juristen, war ihnen damals noch ein besonderer 
Ausbildungsgang vorgeschrieben. Neben Nationalokonomie und Finanz- 
wissenschaft mufite der badische Kameralist etwas Jurisprudenz, Gewerbs- 
kunde, Landwirtschaftslehre und Mathematik studieren. Da die letztgenannten 
Facher auch auf einer polytechnischen Anstalt gehort werden konnten, lieB 
sich der Einjahrig-Freiwillige N. auf der Technischen Hochschule in Karlsruhe 
als Student immatrikulieren, ohne freilich sich allzu haufig in den Horsalen 
blicken zu lassen. Mit um so grofierem Interesse und Eifer widmete sich N. 
nach seiner Entlassung vom Militar den Studien. In Heidelberg war es vor 
allem der Nationalokonom Karl Knies, der ihn fesselte. Obwohl N. spater 
in Berlin auch noch Gustav Schmoller und Adolf Wagner horen durfte, hat 
Knies den grofiten EinfluB auf seinen Ausbildungsgang behalten. Besonders 
dankbar gedachte N. auch stets des groBen Rechtslehrers Rudolf Sohm, damals 
in Strafiburg. Aber nicht nur ein fleifliger, auch ein frohlicher Student war 
N. Mit seinen nachsten Schulfreunden zusammen sprang er, nachdem sie die 
Universitat Heidelberg bezogen hatten, in die akademische Verbindung Rupertia 
ein. Und als N. schon langst in Amt und Wiirden war, war er in der ersten 
Reihe der Alten Herren tatig, welche ihrer Verbindung ein schones eigenes 



Nicolai. I j 

Heim schufen. Auch am gesellschaftlichen Leben der mit seiner Vaterstadt 
und insbesondere mit seinem Elternhause durch mancherlei Faden verknupften 
Universitatsstadt Heidelberg nahm der stud. cam. N. lebhaften Anteil. 

1885 wurde N. nach gut bestandener Staatsprufung unter die Zahl der 
Finanzpraktikanten aufgenommen und 1886 promovierte ihn die philosophische 
Fakultat der Universitat Heidelberg auf Grund der Inauguraldissertation: 
»Die Nutzungen und ihr Preis in der Lehre vom Einkommen«, in welcher er 
die Gedankengange seines Meisters Knies selbstandig fortsetzte und welche 
die besondere Anerkennung der Fakultat gefunden hat, zum Doktor. Von 
akademischer Seite wurde damals dem jungen Doktor nahegelegt, den Weg 
des akademischen Lehrers einzuschlagen, der fur ihn um so verlockender sein 
mufite, als die Diensttatigkeit, welche der Staat zunachst dem jungen Prak- 
tikanten anwies, fur die wissenschaftlichen Spekulationen, denen er bisher so 
gerne nachgehangen hatte, keinen Raum mehr liefi. Aber seine Natur drangte 
ihn doch bei aller Liebe und Verehrung fur die Wissenschaft zur praktischen 
Betatigung. Und ein gunstiges Geschick fugte es, dafi er die Anfangsstadien 
der Laufbahn eines badischen Finanzbeamten rasch durchlaufen durfte, und 
dafl schon dem Finanzpraktikanten ein Arbeitsgebiet eroffnet wurde, auf dem 
er spater Hervorragendes leisten sollte. Als 1887 die Reichsbranntweinsteuer- 
Gesetzgebung in Baden in Kraft trat, durfte N. als Steuerkontrolleur bei Ein- 
fiihrung dieses komplizierten Werkes der Gesetzgebung in seinem Heimatstaat 
tatig sein. Er beherrschte diese Materie bald vollstandig und legte daruber 
Zeugnis ab in einem ausfiihrlichen, spater auch in Druck gelegten Vortrag in 
der 1888 er Jahresversammlung des badischen Kameralistenvereins uber: »Die 
Bcsteuerung des Branntweins in Deutschland mit besonderer Beriicksichtigung 
der badischen Kleinbrennereien*. 

Nach dreijahriger Praktikantenzeit wurde N. zum Sekretar des Finanz- 
ministeriums ernannt. Man war auf N.s hervorragende Befahigung aufmerksam 
geworden. 1890 wurde N. zum Obereinnehmer und Domanenverwalter in 
Bretten ernannt. Aber schon im folgenden Friihjahr wurde er als Kollegial- 
mitglied in die Gr. Zolldirektion berufen, welcher er 1891 — 97 zuerst als Finanz- 
assessor, dann als Finanzrat angehorte. Mit Vorliebe und Erfolg war hier N. 
auf dem Gebiet der Branntweinsteuergesetzgebung tatig, an dereh Einfiihrung 
in Baden er mitgewirkt hatte und bei deren weiterer Ausgestaltung er jetzt 
in einfluBreicherer Stellung die Interessen der zahlreichen Klcinbrenner seines 
Heimatstaates bei jedem Anlafi trefflich zu wahren wufite. 1897 wurde N. 
zum Vortragenden Rat im Finanzministerium befordert, in welchem er dann 
bis zu seinem allzu friihen Tode tatig war. Es wurde ihm sogleich bei seinem 
Eintritt in das Ministerium, an dessen Spitze damals Adolf Buchenberger 
stand, die Stelle des Budgetreferenten ubertragen, fur die er sich wegen 
seiner verbindlichen Umgangsformen und ausgezeichneten Rednergabe be- 
sonders gut eignete, weil der Budgetreferent mehr als andere Ministerialrate 
im Landtag tatig zu sein und mit den Mitgliedern der Volksvertretung zu ver- 
kehren hat. Die noch geltenden Teile der bisherigen Rechnungsinstruktion 
vereinigte N. mit den zahlreichen seit Erscheinen dieser Instruktion heraus- 
gekommenen Verordnungen iiber das Kassen- und Rechnungswesen zu einer 
Kassen- und Rechnungsordnung fur die Grofiherzoglichen Staatskassen, die 
trotz ihres grofieren Umfangs wegen der ubersichtlichen Gruppierung des 

BiogT. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog*. 13. Bd. 2 



I g Nicolai. 

Stoffes leicht zu handhaben ist und sich im Gebrauch wohl bewahrt hat. Als 
genauer Kenner der Reichsbranntweinsteuergesetzgebung wurde N., obwohl 
diese nicht mehr sein eigentliches Arbeitsfeld bildete, wiederholt nach Berlin 
geschickt, um als Vertreter seines Heimatlandes an den Beratungen der Bundes- 
ratsausschusse iiber Branntweinsteuergesetzes-Novellen und Attsfuhrungs- 
bestimmungen teilzunehmen. 

Eine besonders schwierige Aufgabe erwuchs dem Budgetreferenten aber 
dadurch, dafi die Frage der wirtschaftlichen Besserstellung der Beamten auch 
in Baden immer dringender geworden war. Schon vor N.s Eintritt ins Finanz- 
ministerium war eine gesetzliche Anderung des Gehaltstarifs notig geworden, 
die im wesentlichen eine Besserstellung der unteren und mittleren Beamten 
bezweckte. 1 900 kam nun unter N.s Mitwirkung das Gesetz iiber die Auf- 
hebung der Witwenkassenbeitrage zustande, welche die Beamten bisher in 
der Hohe von drei Prozent ihres jahrlichen Diensteinkommens zu entrichten 
gehabt hatten. Schwierigere Vorarbeiten verlangte von ihm das Gesetz iiber 
das Wohnungsgeld, 1902, durch das jeder Beamtenkategorie ein ihrem 
durchschnittlichen tatsachlichen Wohnungsaufwand entsprechendes Wohnungs- 
geld gewahrt wurde. Aber auch damit war den in zahlreichen Petitionen an 
Regierung und Landtag gelangten, berechtigten Wunschen der Beamten nicht 
genug getan, so dafi Finanzminister Buchenberger, einer Anregung aus der 
Mitte der II. Kammer folgend, auf dem Landtag 1901/02 eine allgemeine 
Revision des Gehaltstarifs in Aussicht stellte. Die Vorarbeiten waren in der 
Hauptsache vom Finanzministerium und in diesem wieder vom Budgetreferenten 
zu leisten. N.s Ahteil an der endlichen Losung der schwierigen Aufgabe war um 
so grofler, als das Finanzministerium seit ihrer Inangriffnahme zweimal seinen 
Chef gewechselt hatte, wahrend die Arbeit in der Hand des Referenten ununter- 
brochen weiter ging. In langwierigen Sitzungen mit den Kommissarien der anderen 
Ministerien war das Werk so weit gediehen, dafi N. nur den Entwurf des neuen 
Gehaltstarifs zusammenzufassen und die Gesetzentwiirfe zu verschiedenen als not- 
w f endig erkannten Abanderungen des Beamtengesetzes und der Gehaltsordnung 
auszuarbeiten gehabt hatte. Da befiel ihn im Friihjahr 1907 der erste Anfall 
eines schon lange in ihm schlummernden, nun plotzlich heftig auftretenden 
Herzleidens. Sehr gegen seinen Willen mufite nun N. die Arbeit aus der Hand 
geben, um den Sommer und Herbst iiber der Wiederherstellung seiner Ge- 
sundheit zu leben, die zu Beginn des Winters 1907/08 so weit wieder gekraftigt 
schien, dafi er sich zur Teilnahme an den Verhandlungen des damals tagenden 
Landtags, dem die beamtengesetzlichen Vorlagen inzwischen zugegangen 
waren, zur Verfugung stellen konnte. Als griindlichster Kenner der Materie 
stand er dem Finanzminister — seit 1906 Dr. ing. Max Honsell — bei der Be- 
ratung der Vorlagen in den dazu gebildeten Kommissionen beider H&user 
des Landtags zur Seite. Noch einmal entwickelte er die alte Spannkraft, die 
ihm eigene Rednergabe, die Kunst der klugen Vermittlung zwischen urspriing- 
lich entgegengesetzten Standpunkten und half so die Vorlagen in den Kom- 
missionen zur Annahme zu bringen. In der Fassung der Kommissionen ge- 
langten die Vorlagen im Sommer 1908 auch zur Annahme in den beiden Kam- 
mern des Landtags. Auch den Beratungen der Vorlagen im Plenum beider 
Hauser des Landtags wohnte N. als Regierungskommissar noch an. Aber 
seine korpcrlichen Krafte waren erschopft. Noch vor Schlufi des Landtags 



Nicolai. x g 

muflte er einen Erholungsurlaub antreten, aus dem er % nur heimkehrte um zu 
Hause zu sterben. Am 21. Oktober schlofi er ftir immer die Augen. Dieses 
Scheiden war um so schmerzlicher, als sich N. erst sechs Jahre vorher ein 
eigenes Heim geschaffen hatte. Am 19. August 1902 hatte er sich mit Elisabeth 
Scholtz, der Tochter eines oberschlesischen Rittergutsbesitzers, die er auf 
einer Erholungsreise in der Schweiz kennen gelernt hatte, vermahlt. Seine 
Ehe mit der geistig hochstehenden Frau, die imstande war alle seine Inter- 
essen zu teilen und, selbst eine Meisterin des Klavierspiels, auch durch gemein- 
same kiinstlerische Neigungen mit dem Gatten verbunden war, war eine sehr 
gliickliche. Vorher hatte N., seitdem er im Jahre 1 89 1 wieder standig in Karls- 
ruhe ansassig geworden war, im Hause seiner seit 1883 verwitweten Mutter 
gelebt, an der er mit riihrender Treue hing. Selbst der plotzliche Ausbruch 
seines schweren Herzleidens ist vielleicht durch die Aufregung veranlafit 
worden, die der im Friihsommer 1907 erfolgte Tod der geliebten Mutter dem 
Sohne verursachte. 

Als politischer Parteimann ist N. nicht hervorgetreten. Aber seine Liebe 
zum Vaterland hat er nicht nur durch rastlose Arbeit im Dienste des badischen 
Staates betatigt. Bis zu seinem Tode gehorte er dem Prasidium der badischen 
Milkarvereine an. Auch in den Vorstand des Kyffhauserbundes deutscher 
Militarvereine wurde er entsendet, wo es ihm in seiner feinen und klugen Art 
manchesmal zwischen suddeutschem und norddeutschem Wesen zu vermitteln 
vergonnt war. 

Ein offenes Auge hatte N. auch fiir die Schonheit seines Vaterlandes, 
namentlich des badischen Heimatlandes. Verschiedene Reisen ins Ausland, 
so 1892 durch Italien, spater nach Frankreich, England, Osterreich-Ungarn, den 
Niederlanden und in die Schweiz, erweiterten seinen Anschauungskreis. Seine 
Begeisterung fiir die bildenden Kiinste fand Nahrung an deren klassischen 
Pflegestatten in Italien, Holland und Belgien. An Mut und korperlicher Ge- 
wandtheit auch zu schwierigeren Alpenfahrten fehlte es ihm nicht. Aber am 
wohlsten fiihlte er sich doch im heimatlichen Schwarzwald, dessen einzelne 
Berge ihm wie personliche Bekannte vertraut waren, dessen schone Wege er 
immer wieder zu wandern und seine Freunde und spater die Gattin zu f uhren liebte. 

Zur schriftstellerischen Betatigung liefi ihm der angestrengte Dienst nur 
wenig MuBe. Immerhin zeigt ein von N. in diesem Jahrbuch (1906) entworfenes 
Lebensbild des im Jahre 1904 verstorbenen Finanzministers Adolf Buchen- 
berger, daB er auch in dieser Beziehung Vortreffliches zu leisten imstande war. 

N. war eine ungemein gesellige Natur. In seinem mit schonen Kunst- 
werken geschmuckten Heim pflegte er gerne eine heitere, durch die Kunst seiner 
Gattin veredelte Geselligkeit. AuBergewohnlich groB war der Kreis der ihm 
persQnlich nahestehenden Freunde. Wer ihm einmal naher getreten war, an 
dem hielt er mit seltener Treue fest, der hielt aber auch an ihm fest. Sein offenes, 
gerades Wesen, sein reger Geist, sein mitunter allerdings beiBender Humor, 
seine Gabe anregender Unterhaltung zog die Menschen an. Dazu war er jeden 
Augenblick bereit, die Sache seiner Freunde zu seiner eigenen zu machen. 
Aber wer sonst sich auch mit einem Anliegen an ihn wandte, dem kam er mit 
Rat und Tat gerne zu Hilfe. 

Die gliickliche Gabe der Rede, die N. besaB, kam ihm nicht nur in der 
Geselligkeit zustatten. Sie verschaffte ihm den gebuhrenden Einflufl im Vor- 



20 Nicolai. Fastenrath. 

stand der militarischen Vereine wie des badischen Frauenvereins, dem er an- 
gehorte. Sie verschaffte ihm aber auch das Ohr der Kammer, wenn er in der 
Plenarsitzung oder bei Kommissionsberatungen der Landstande sprach. 

Das Geheimnis des ungewohnlichen Erfolges, den N. auf jedem Gebiete 
des Lebens und seines amtlichen Wirkens zu verzeichnen hatte, lag aber 
gewifi darin, daO er jede Arbeit, der er sich unterzog, jede Unternehmung t 
deren er sich annahm, zu seiner eigenen personlichen Sache machte. Und 
vielleicht hat er so seine Krafte rascher aufgerieben und war deshalb auch 
weniger imstande der an ihm nagenden Krankheit zu widerstehen. Aber es 
war ihm dadurch auch vergonnt, in seinem verhaltnismaBig kurzen Leben 
seinem Vaterland erfolgreiche Dienste zu leisten und sich unverloschiiche Er- 
innerung zu sichern in den Herzen seiner zahlreichen Freunde und Verehrer. 

Unabsehbar war die Schar derer, welche Friedrich N. an einem schonen 
Herbsttag des Jahres 1908 zu seiner letzten Ruhestatte folgten. Artillerie- 
salven drohnten uber seinem Grabe, die Banner der Kriegervereine senkten 
sich, und unter den letzten Grufien, die ihm nachgerufen wurden, war auch 
der Dank seines Fursten, der wie das Vaterland noch GroCes von Friedrich 
N. hatte erwarten diirfen, wenn nicht ein allzu friiher Tod seinem Leben ein 
Ziel gesetzt hatte. 

Karlsruhe. Otto Ellstatter. 



Fastenrath, Johannes, Dr. utr. jur., PreuBischer Auskultator a. D., GroBh. 
Sachsischer Hofrat, Spanische Exzellenz, deutsch-spanischer Dichter, Schrift- 
steller und Gelehrter, * 3. Mai 1839 zu Remscheid, | 16. Marz 1908 zu Koln 
am Rhein. — F. entstammte von vaterlicher und mutterlicher Seite alten 
bergischen Familien. Sein Vater stand mit Frankreich in geschaftlichen Be* 
ziehungen, wahrend sein GroBvater hauptsachlich mit den Spaniern Handel 
trieb. So kam es, dafi er schon in friiher Jugend die beiden Sprachen horte, 
die er spater selbst mit Meisterschaft beherrschte und wovon das Spanische 
ihm die zweite Muttersprache wurde. Bald kam der Knabe Johannes mit 
seinen Eltern nach Koln, das er seitdem, abgesehen von seinen Reisen, nicht 
mehr verlassen hat; deshalb betrachtete er Koln als seine eigentliche Vater- 
stadt, Remscheid nur mehr als seinen Geburtsort. In Koln besuchte er die 
Elementarschule und dann das Friedrich-Wilhelm-Gymnasium. Hier ward 
ihm das Gliick, ausgezeichnete Lehrer zu haben, darunter den rheinischen 
Dichter Gustav Pfarrius, und manche seiner Schulgenossen sind ihm Freunde 
fur das Leben geblieben, so der Kardinal Antonius Fischer, Erzbischof von 
Koln. — Im Jahre 1849, ^ s Zehnjahriger, machte er seine erste groflere Reise. 
Er begleitete seinen Vater auf dessen letzter geschaftlichen Ausfahrt nach 
Paris. Riihrend ist es, wenn er spater erzahlte, er habe damals geweint, weil 
er sich mit den Freunden seines Vaters nicht franzosisch unterhalten konnte. — 
Auf den Wunsch seines Vaters studierte er Jura und besuchte von 1856 bis 
i860 die Universitaten Bonn, Heidelberg, Munchen, Paris und Berlin und wurde 
in letzterer im Marz i860 zum Doctor utriusque juris promoviert. Kurze Zeit 
gehorte er dann dem Landgericht in Koln an, als Auskultator, wie man zu jener 
Zeit die Referendare nannte. Aber fremde Sprachen und Poesie waren seine 
Leidenschaft. Schon von seiner Pariser Studentenzeit erzahlte er, daB er zwar 



Fastenrath. 2 1 

morgens auf den Banken der Sorbonne juristische Kollegien gehort, regel- 
maflig abends aber in den Pariser Theatern gesessen. 1862 gab er die Juristerei 
ganz auf und lebte seitdem nur noch seinen literarischen Neigungen und der 
. Poesie. — In jener Zeit herrschte, besonders in den Rheinlanden, die Nach- 
romantik, zu der sich f angeregt durch die Sakularfeier Schillers, der Nach- 
klassizismus gesellte. Es war ganz nattirlich, dafi der junge F. wie fast alle 
seine damaligen Zeitgenossen, die sich literarischen Bestrebungen widmeten, 
in diesem geistigen Doppelideal, dem Klassischen und Romantischen lebte. 
Dieses klassisch-romantische Ideal lenkte ihn zunachst nach Italien. Aber 
die Reise, die er 1862 in dieses Land der alten deutschen Sehnsucht unternahm, 
brachte ihm eine Enttauschung; er fand nicht, was er suchte, nicht das, was 
seinem besonderen Wesen, zu dem die elterlichen und groOelterlichen Tradi- 
tionen wohl den Grund gelegt hatten, adaquat war. Das fand er erst, als sich 
ihm 1864 die Wunderwelt Spaniens auf tat. Von da ab war er ganz im Banne 
spanischer Romantik und spanischer Poesie. 

.Die Frucht der ersten spanischen Reise waren »Ein spanischer Romanzen- 
straufi« (Leipzig 1865, 2. Auflage 1867), »Klange aus Andalusien« (Leipzig 1866, 
2. Auflage 1867), »Die Wunder Sevillas* (Leipzig 1867), »Hesperische Bliiten* 
(Leipzig 1869) und »Immortellen aus Toledo« (Leipzig 1869). Was er in diesen 
deutschen Dichtungen stofflich bot, waren die geschichtlichen Ereignisse der 
iberischen Halbinsel aus den Zeiten der Romer und Goten, von den ersten 
Spuren der Araber bis zum letzten Seufzer Boabdils, von den Kreuzfahrern 
zu den Entdeckern und Eroberern der neuen Welt und so bis in die neueste Zeit 
bis zu dem Triumphgesang der Spanier uber die im Jahre 1859 gewonnene 
Schlacht bei Tetuan. Die Form, in der er das tat, war meist die tonende Ro- 
manze, in die sich jedoch auch Formen andern Stils, Lieder, Madrigale, Sonette 
und Weisen im Volkston mischten. Eigenes und Nachgedichtetes wechselt dabei 
in bunter Folge. In den Anmerkungen bietet er eine Fulle von historischen 
und literarischen Notizen, die fur den Forscher eine Fundgrube wertvollen 
Materials sind. — In diese Zeit fallt auch die Ubersetzung des spanischen Lust- 
spiels »Receta contra las suegras* (Rezept gegen Schwiegermutter) von D. Manuel 
Juan Diana. (Berlin 1865, 2. Auflage.) Es fiigte sich aber, dafl just um dieselbe 
Zeit dieses Stuck auch von Konig Ludwig I. von Bayern ins Deutsche iibertragen 
wurde, was bei den Theaterauffiihrungen der F.schen Bearbeitung zu einigen 
lustigen Verwechselungen und Zusammenziehung der beiden deutschen Autoren 
fiihrte. So stand z. B. auf einem Theaterzettel in Voslau: »Rezept gegen 
Schwiegermutter, nach dem Spanischen bearbeitet von Johannes Fastenrath 
(weiland Konig Ludwig I von Bayern) «. Die Ubersetzung dieses Lustspiels hatte 
auch andere, fur F. wichtigere Folgen. Sie eroffnete ihm bei seinem zweiten 
Besuche Spaniens im Jahre 1869 die Pforten der spanischen Dichter- und 
Kiinstlerwelt, denn D. Manuel Juan Diana machte ihn mit den Grofieri der 
spanischen Literatur bekannt, mit Hartzenbusch, dem von deutschen Eltern 
in Madrid geborenen bedeutendsten der neueren dramatischen Dichter Spaniens, 
mit Zorrilla, Echegaray, Balaguer, Campoamor, Nunez de Arce, Valera und 
andern. Manche davon sind F.s Freunde furs Leben geworden. Hartzenbusch, 
der zwar kein Deutsch sprechen konnte, dem die deutsche Sprache und Literatur 
aber gelaufig waren, wie die seines Vaterlandes, begeisterte sich so fur des 
deutschen Poeten Dichtungen und den echt spanischen Geist, der ihm daraus 



22 Fastenrath. 

entgegenwehte, dafi er vide der Gedichte in das Spanische iibertrug und in 
der Madrider »Iberia« liber den Dichter schrieb: »Dieser deutsche Poet hat 
eine Liebe fur unser Land, die nicht grofier sein konnte, wenn er in Spanien 
geboren ware . . . Spanien, die Herrin der Gedanken F.s, schuldet ihm einen . 
Lohn, den ihm im Namen der Nation geben sollte die Regierung.« Auf ein 
von Hartzenbusch und Diana an den Unterstaatssekretar Juan Valera ge- 
richtetes Schreiben wurde F. das Ritterkreuz, bald darauf auch das Komman- 
deurkreuz des Ordens Carlos III. verliehen und es begab sich das fast Wunder- 
bare, dafi der deutsche Poet, den ein Jahr vorher kaum jemand in Spanien 
gekannt, in Spanien plotzlich eine beruhmte Personlichkeit wurde. Auf einen 
Antrag von Hartzenbusch, Echegaray und Campoamor wurde er zum Mitglied 
der Academia Espaflola und bald darauf zum korrespondierenden Mitglied der 
Academia de la Historia in Madrid ernannt. Das war der Anfang der langen 
Reihe von Ehrungen, die Spanien F. zukommen liefi, noch bis uber das Grab 
hinaus. Seinem Freunde D. Manuel Juan Diana, der ihn zuerst in jene Kreise 
einfiihrte, ist F. immer dankbar geblieben. 

Von dieser zweiten spanischen Reise nach Deutschland zuriickgekehrt, 
entstand »Das Buch meiner spanischen Freunde* (zwei Bande, Leipzig 1870), 
in dem F., untermischt mit eigenen Dichtungen, solche seiner spanischen Freunde 
in Madrid, Sevilla, Cordoba, Salamanca und Zaragoza verdeutschte : Sonette, 
Romanzen und Marchen. Ihnen folgte spater, der Zusammengehorigkeit wegen 
hier schon genannt, der historische Romanzen-Zyklus »Die zwolf Alfonsos von 
Castilien« (Leipzig 1887), in dem F. es unternahm, die tausendjahrige Geschichte 
Spaniens wie in einem Panorama vorzufiihren, beginnend mit dem Helden von 
Covadonga und schliefiend an der Bahre Alfonsos XII. Als letzte dieser Art 
Dichtungen F.s erschienen »Granadinische Elegien« (Leipzig 1885) mit einer 
Zugabe von tJbertragungen verschiedener spanischer Dichtungen ins Deutsche. 

Die groflen Ereignisse der Jahre 1870 und 187 1 begeisterten ihn, der bei 
all seinen spanischen Sympathien ein gliihender deutscher Patriot und ins- 
besondere ein Verehrer und Bewunderer Bismarcks war, zu einem Bandchen 
den deutschen Helden gewidmeten »Kriegs- und Siegeslieder« (Leipzig 1871), 
das im Jahre seines Erscheinens sechs Auflagen erlebte. Als Gelegenheits- 
dichtungen entstanden 1880 zur Feier der Vollendung des Kolner Domes ein 
Festgrufi und ein Heft Lieder (Koln 1880). 

Seine dritte Reise nach Spanien unternahm F. 1879, die vierte 1881; 
letztere gelegentlich der in Madrid mit grofiem Geprange begangenen Gedenk- 
feier zu Calderons 200jahrigem Sterbetage. Zwei deutsche Festschriften groflen 
Stils veroffentlichte F. liber diese Feier: Calderon de la Barca, Festgabe zur 
Feier seines zweihundertjahrigen Todestages« (Leipzig 1881) und »Calderon 
in Spanien «, mit einem Anhang: »Die Beziehungen zwischen Calderons wunder- 
tatigem Magus und Goethes Faust « (Leipzig 1882). Eine ahnliche Festschrift, 
noch grofieren Umfanges, veroffentlichte F. gelegentlich der im Jahre 1892 in 
vielen Stadten Spaniens veranstalteten vierten Zentenarfeier der Entdeckung 
Amerikas: »Christoph Columbus« (Dresden und Leipzig 1895). 

Die eigenen Schriften F.s in spanischer Sprache sind, abgesehen von den 
»Pastonarias de un aleman-espanol; articulos acerca de las representations de la 
Pasion y Muerte de Nuestro Senor Jesu Cristo en Oberammergau* (Madrid 1872) 
in einem Titel zusammenzufassen: »La Walhalla y las glorias de Alemania*. 



Fastenrath. 



23 



F. war im Jahre 1872 von seincn spanischen Freunden aufgefordert worden, 
fur spanische Zeitungen Aufsatze tiber deutsche Stoffe zu schreiben. Er kam 
diesem Wunsche nach und schrieb zunachst eine Reihe von Aufsatzen iiber die 
Oberammergauer Passionsspiele des Jahres 1 871, die er besucht und die ihn 
entzuckt und erbaut hatten. Diese Aufsatze wurden in der Madrider Zeitung 
»El Argos* abgedruckt und erschienen spater gesammelt als Buch unter dem 
oben angegebenen Titel. Der Erfolg war ein ganz aufiergewohnlicher: die 
Spanier standen plotzlich einem Deutschen gegenviber, der eine geradezu. 
klassische spanische Prosa schrieb. Die Verwunderung und Bewunderung ging 
so weit, dafi ein namhafter spanischer Schriftsteller rundweg erklarte: »Das 
beste Spanisch von uns alien schreibt Herr Fastenrath in Koln am Rhein<<. 
Die Folge davon war die Aufforderung der vornehmsten Zeitungen und Zeit- 
schriften des Landes um F.s Mitarbeiterschaft fur ihre Spalten. Auch dem 
entsprach F. und schrieb eine Reihe von Essays liber die Helden des deutsch- 
franzosischen Krieges: Konig Wilhelm, den Kronprinzen, Bismarck, Moltke, 
Roon und andere, die in der Revista de Espana erschienen. Der grofle Beifall, 
den auch diese Arbeiten fanden, zeitigte bei F. den Plan, den Spaniern in ihrer 
Sprache die Beruhmtheiten Deutschlands auf jedem Gebiete von den fruhesten 
Zeiten bis auf unsere Tage vorzufiihren. Diese Aufsatze, deren Zahl sich im 
Laufe der Jahre auf tiber 1000 belief, wurden nicht nur in in Spanien erscheinen- 
den Zeitungen veroffentlicht, sondern auch in solchen des spanisch sprechenden 
Amerika und uberall, wo eine spanische Presse tatig ist. Sie haben den Namen 
Juan Fastenrath zu einem der bekanntesten Autorennamen der modernen 
spanischen Literatur gemacht. F. aber hat sich durch diese Arbeiten um sein 
deutsches Vaterland das Verdienst erworben, in alien spanisch sprechenden 
Landern der Erde viel zur richtigen Kenntnis und Wlirdigung deutscher 
Art und deutschen Wesens auf den Gebieten der Kunst, der Wissenschaft, 
der Politik, der Volkswirtschaft und jedem andern geleistet zu haben, in mancher 
Richtung viel mehr als Diplomaten und Politiker es vermochten. Diese Auf- 
satze, *La Walhalla y las Glorias de Alemania% bildeten bis 188 1 sechs starke 
Bande; eine Neuausgabe fortgesetzt bis zu den letzten Aufsatzen, die etwa 
zwolf Bande umfassen wird, ist unter der Redaktion von M. R. Blanco- Belmonte 
und im Verlage von La Ilustracidn Espanola y Americana in Madrid im Gange. 
Der erste Band davon kam im Januar 19 10 zur Ausgabe. 

Eine Reihe ahnlicher Essays wie die spanisch geschriebenen in der Walhalla, 
hat F. in franzosischer Sprache geschrieben, die zunachst in der Pariser Revue 
Internationale veroffentlicht wurden, um spater als Buch unter dem Titel fi- 
gures de V Allemagne contemporaine« (Paris 1887, 2. Auflage) zu erscheinen. 

Aufier dieser selbstschopferischen Tatigkeit entwickelte F. eine uberaus 
umfangreiche als Ubersetzer und zwar sowohl aus dem Spanischen als aus dem 
Katalanischen, denn ebenso wie die spanische Sprache beherrschte er die 
katalanische, gerade so wie ihm neben der franzosischen Sprache auch die 
provenzalische gelaufig war. Zu siidfranzosischen Dichtern und Schriftstellern, 
insbesondere zu den Felibres, hatte er viele personliche Beziehungen. Aufier 
dem schon genannten Lustspiele von D. Manual Juan Diana ubertrug er aus 
dem Spanischen: »Bruder Martins Vision« (Luther im Spiegel spanischer 
Poesie) von D. Gaspar Nunez de Arce (Leipzig 1881, 3. Auflage), »Stimmen 
der Weihnacht« von D. Ventura Ruiz Aguilera (Leipzig 1881), den andalusischen 



24 



Fastenrath. 



Roman »Pepita Jimcnez« von D. Juan Valera (Leipzig 1882), die Dramen 
»Im SchoCe des Todes« (Leipzig 1882) und »Die Frau des Rachers« (Wien 
1883), beide von Jos6 Echegaray, mehrere Lustspiele von D. Manuel Breton 
de los Herreros (Dresden und Leipzig 1897), das Drama » Yorick« von D. Manuel 
Tamayo y Baus und das Nationaldrama »Don Juan Tenorio* von Jos6 Zorrilla, 
dem er eine wertvolle Abhandlung uber die Don Juan-Sage in Spanien und 
in der Weltliteratur vorausschickte. Aus dem Katalanischen iibertrug er die 
Trilogie »Die Pyrenaen« von Victor Balaguer (Leipzig 1892) und ein Buch: 
»Katalanische Troubadoure der Gegenwart« (Leipzig 1890), das von einer Uber- 
sicht der gesamten katalanischen Literatur eingeleitet wird. Eine Besonderheit 
bilden die »Zaragozaner Schnurren in Kolnischer MundarU (Koln 1901), vvomit 
F. seiner Kenntnis und seiner Schatzung des heimatlichen Dialektes Aus- 
druck gab. 

Aus dem literarischen Nachlafi F.s befindet sich gegenwartig noch ein 
Band Cbersetzungen unter der Presse, der zwei spanisch-amerikanische und 
einen katalanischen Dichter vereinigen wird, ein Epos von D. Juan Zorrilla 
de San Martin aus Uruguay, ein Epos von D. Isabel Prieto de Landazuri aus 
Mexiko und landliche Bilder von D. Ramon Masifern aus Barcelona. Das 
Buch soil im Sommer 1910 in Berlin erscheinen. 

Gelegentlich des deutschen Schriftstellertages 1881 in Wien hatte F. die 
osterreichische Dichterin Frau Anna Forstenheim kennen gelernt und durch 
diese im Jahre 1882 auch deren Schwester Louise Goldmann (* 1858 in Zombor 
in Ungarn), mit der er sich dann im Jahre 1883 vermahlte. Der Brautstand 
F.s zeitigte ein Buch personlicher Gedichte: »Von Hochzeit zu Hochzeit; Lieder 
aus sonnigen Tagen« (Wien 1883). In seiner Frau aber hat F. eine kongeniale 
Gefahrtin gefunden, die mit einem scharfen Verstande eine durchaus ideale 
Weltanschauung zu verbinden wufite. Sie war es, die F.s Leben fiirder Stil 
und schone Form gegeben hat. Sehr bald hatte sie sich neben ihren schon 
reichen Sprachkenntnissen das Spanische zu eigen gemacht, und ganz selbst- 
verstandlich war, dafi sie ihren Gatten auf seinen noch oft wiederholten Reisen 
nach Spanien begleitete. Auf einer dieser Reisen, im Jahre 1890, wurde die 
Frau des gefeierten spanischen Schriftstellers deutscher Geburt bei den Jochs 
florals in Barcelona zur Blumenkonigin gekiirt und 1900, als diese poetischen 
Turniere in Saragossa eingefuhrt wurden, trug sie auch da das Diadem. Gar 
nicht ausbleiben konnte es, dafi diese heitern, aus Poesie geborenen, vom Reize 
des siidlichen Lenzes durchstrahlten, dem Kultus des Schonen und Edlen 
dienenden pomphaften Feste auf eine Personlichkeit wie die F.s den tiefsten 
Eindruck machten. Denn er war eine Dichternatur durch und durch, ein Roman- 
tiker und Idealist. Und so war es eine ganz logische Folge, dafi er den Ver- 
such machte, die Blumenspiele aus seinem geliebten Spanien in sein geliebtes 
Koln zu verpflanzcn. Das geschah 1898, als die Literarische Gesellschaft in 
Koln, deren Erster Vorsitzender F. seit ihrem Bestehen gewesen und auch bis 
zu seinem Tode geblieben ist, ihr fiinftes Stiftungsfest feierte. Hierbei iiber- 
raschtc F. mit dem Plane der Kolner Blumenspiele und stiftete ein Kapital 
von 10 000 Mk., aus dessen Zinsen die vier ordentlichen Stiftungspreise, goldene 
Blumen, beschafft werden sollen. 1899 wurden dann in Koln die ersten Blumen- 
spiele in deutschen Landen begangen. Veranstaltet wurden sie durch die 
Literarische Gesellschaft in Koln, aber ihre Seele waren F. und seine edle Gattin, 



Fastenrath. 



25 



Frau Louise. Nicht ohne Zagen war man in Koln an das ungewohnte Werk 
gegangen, aber es gelang. Seitdem haben die Kolner Blumenspiele zwolfmal, 
alljahrlich am ersten Sonntage des Mai stattgefunden. 

F. besafl eine unverwiistliche Arbeitskraft und entwickelte eine literarische 
Fruchtbarkeit, die von der sprichwortlichen der grofien Spanier kaum uber- 
troffen wurde; seine Schriften bilden eine ganze kleine Bibliothek. Uber den 
Spanier Don Juan Fastenrath steht das Urteil fest. Dafi bei den zahlreichen 
eigenen Dichtungen in deutscher Sprache nicht alles von gleichem Werte, ist 
fast selbstverstandlich. Alle spanischen Akademien haben ihn zu ihrem Ehren- 
mitglied ernannt. Die Stadt Sevilla hat ihm das Ehrenbiirgerrecht verliehen 
und in Barcelona und in Arenas del Rey tragen StraBen seinen Namen. Nach 
seinem Tode aber veranstaltete die Stadt Barcelona eine groflartige Gedachtnis- 
feier fiir ihn, an der sich die namhaftesten katalanischen Dichter und Schrift- 
steller beteiligten. Neuerdings wurde beschlossen, in einem offentlichen Ge- 
baude Barcelonas eine Buste F.s aufzustellen. 

Als Mensch war F. eine durchaus vornehme nur auf das Ideale gerichtete 
Natur mit einem stark betonten romantischen Einschlag, der sich auch dann 
nicht verlor, als er in spateren Jahren ein freundliches und wohlwollendes 
Verstandnis gewann fiir moderne Bestrebungen in Literatur und Kunst. Er 
war eine heitere, sich immer gleichbleibende Kinderseele, edel, hilfreich und von 
stets offener Hand, dabei von einer, jedoch von aller Eitelkeit fernen Neigung 
zu prunkvoller Representation. Dieser Neigung entsprach das schone Haus, 
das er in Koln am Neumarkt bewohnte, das er in alien seinen Raumen mit 
kostbaren Kunstwerken und Mobeln ausgestattet hatte. Dem entsprach auch 
die vornehme Gastlichkeit dieses Hauses. Fursten der Geburt und des Geistes 
gingen da ein und aus, und wer je auf der Estrade des maurischen Zimmers 
im ersten Stockwerk gesessen hat, durch dessen Fenster der Blick hinausgeht 
in den Garten, wo eine Nachbildung des benihmten Brunnens der Alhambra 
aus zwolf Lowenrachen seine Wasser speit, der wird dieses Hauses nie vergessen. 

In seinem Testamente hat F. noch einmal Zeugnis gegeben von seinem 
Idealismus und seinem weiten Herzen. Seine kostbare, 10 OOO Bande urn- 
fassende Bucherei vermachte er der Stadtbibliothek der Stadt Koln. Der 
Stadt Barcelona bestimmte er ein Legat von 10 000 Mk., deren Zinsen jahrlich 
zu Pramien in den Juegos florales verwandt werden sollen. Neben andern Stif- 
tungen charitativer Art aber hinterlieS er ein Vermachtnis von 300 000 Mk., 
aus dessen Zinsen alljahrlich an acht bis zehn deutsche Dichter und Schrift- 
steller ohne Riicksicht auf Konfession oder literarische Richtung Ehrensolde 
gezahlt werden sollen, die es Bedurftigen ermoglichen, ein Jahr lang von 
druckendster Sorge frei zu schaffen. Die Stadt Koln hat die Verwaltung dieser 
Stiftung unter dem Namen »Fastenrath-Stiftung« unter ihre Obhut genommen. 

1910 wurde von Kolnischen Frauen an dem Hause ChristophstraBe Nr. 12 
in Erinnerung daran, dafi F. hier vom Jahre i860 bis 1901 gewohnt, eine 
marmorne Gedachtnistafel errichtet, und die Stadtverwaltung von Koln hat 
den BeschluB gefaOt, einer StraBe in Koln seinen Namen zu geben. Im Oktober 
desselben Jahres aber wurde auf dem alten Friedhofe zu Melaten, wo der Dichter, 
Gelehrte und Patriot seine letzte Statte gefunden, ein Marmordenkmal ein- 
geweiht. Es ist ein Werk des steierischen Bildhauers Prof. Hans Brandstetter 
in Graz. Unter einem gotischen Baldachin zeigt es die Buste F.s, zu der rechts 



26 Fastenrath. Schlatter. 

und links ideale Frauengestalten Lorbeer und Blumen hinaufreichen. Unter 
den Rednern, die bei dieser Gelegenheit sprachen, war auch Otto Ernst aus 
Hamburg. Die letzten Satze seiner Rede, die im besonderen Bezug nahmen 
auf die Fastenrath- Stiftung, sollen den Schlufi dieser biographischen Skizze 
bilden: »Hier ruht ein beneidenswerter Mann, ein wunderbarer, seltener Mann, 
doppelt selten, weil er ruht und lebt, lebt nicht nur in einer achtbaren Tat, 
sondern in einem Geschlecht von Taten, das aus dem fruchtbaren SchoBe seiner 
Wohltaten entspnefien kann und entsprieflen wird. Wir gruflen Dich heute 
Johannes Fastenrath, Du wackerer Samann! Das deutsche Volk, so hoffen wir, 
wird Dich dankbar grufien, noch an manchem Tag der GarbenU 

Nekrologe brachten fast alle deutscherv Tagesblatter und sehr viele spanische und fran- 
zosische Zeitungen und Zeitschriften; viele mit Bild. Die bedeutendsten — etwa hundert — 
sind abgedruckt im Jahrbuch der Kolner Blumenspiele X, Koln 1909, S. 672 — 779. Daselbst 
und im Jahrbuch I, Koln 1900, auch Bilder aus verschiedenen Lebensaltern. Weiteres bio- 
graphisches Material im Jahrbuch XI, Koln 191 o. — Eine Autobiographic in »Fur unser 
Heim, Spenden deutscher Dichter und Denker fiir das Schriftstellerheim in Jena«, heraus- 
gegeben von Dr. Timon Schroeter, Leipzig (J. J. Weber) ohne Jahr. Dieselbe erweitert in 
Rheinisches Dichterbuch, herausgegeben von D. H. Sarnetzki, Koln 1910. 

Fritz Zilcken. 

Schrotter, Ritter von Kristelli, Leopold, Dr. med., Universitatsprofessor fur 
innere Medizin, Vorstand der III. Medizinischen Universitatsklinik zu Wien, 
* 5. Februar 1837 in Graz, f 22. April 1908 in Wien. — v. Sch. war der Sohn 
des beriihmten Chemikers und Entdeckers des amorphen Phosphors, Anton 
Ritter Schrotter von Kristelli. Dieser war zur Zeit der Geburt seines Sohnes 
Professor fiir Chemie am Joanneum in Graz. Da die Mutter Leopolds, eine 
geborene Eder, zwei Jahre nach seiner Geburt starb, leitete die der Familie 
v. Sch. befreundete Familie Baron Kalchberg die Erziehung des verwaisten 
Knaben. Nach Absolvierung der ersten Klassen im Grazer Gymnasium kam 
er in das akademische Gymnasium nach Wien, da sein Vater unterdessen einen 
Ruf an die Wiener Technik erhalten hatte. Die Sturme des Jahres 1848 lieflen 
in dem lebhaften Knaben tiefe Eindrucke zuruck. 

Die Verhaltnirse, die ihn nun hier in Wien anfangs der 5oer Jahre des 
vergangenen Jahrhunderts empfingen, waren fiir seine Entwickelung und 
Ausbildung wohl die denkbar giinstigsten. Der Vater, als ein angesehener 
Professor, hochgeschatzter Lehrer und ernster, eifriger Forscher, bot dem 
Knaben stets ein leuchtendes Vorbild. Er war es aber auch, der die Liebc 
zur Natur, die Liebe zum schonen osterreichischen Alpenlande in ihm wachrief. 
Zu einer Zeit, da noch keine Eisenbahnen die Alpentaler durchfuhren und 
ihre Hohen erklommen, zu einer Zeit, da die Ersteigung der Berge noch auf kein 
allgemeines Verstandnis rechnen konnte, hatte Vater Anton v. Schrotter zu- 
sammen mit dem Erzherzog Johann eine Ersteigung des GroBglockners aus- 
gefuhrt, kein Wunder, dafi er dieses Interesse fiir die Bergwelt auch in seinem 
Sohne weckte, zumal die Familie die Sommerszeit in Grub am Hallstadter See 
Jahre hindurch verbrachte. Und so sehen wir Leopold v. Sch. schon als Gym- 
nasiasten mit dem Ranzen am Riicken die osterreichischen Alpen, vor allem 
das Salzkammergut durchwandern und nicht nur der schonen Natur sich er- 
freuen, sondern auch mit offenem Auge nach Mineralien forschen und suchen, 



Schrttttcr. 



27 



und mit dem frohlichen Wandern auch ein ernstcs Moment, einen Zweck der 
Belehrung verbinden. So lehrte der Vater Chemiker seinen Sohn nicht nur 
das Geniefien, sondern auch das Arbeiten im Leben. Aber er konnte ihm noch 
mehr bieten als seine eigene voile Personlichkeit. Seine Familie war ein Mittel- 
punkt des geistigen Lebens des damaligen Wiens, vor allem die Vertreter der natur- 
wissenschaftlichen Richtung gehorten zu den Freunden des Hauses. Beriihmte 
Physiker, Chemiker, Botaniker und die Grofien der Wiener Medizinischen Schule 
verkehrten in der Familie Anton v. Schrotters, der als Generalsekretar der 
Akademie der Wissenschaften auch mit den ersten, bedeutendsten Forschern 
der anderen Lander in Fiihlung stand. Auflerdem bestanden verwandtschaftliche 
Bande, die Anton v. Schrotter mit der Familie des Mathematik-Professors 
v. Ettingshausen verbanden, da er in zweiter Ehe die Tochter desselben ge- 
heiratet hatte. Als vorziigliche Klavierspielerin vermittelte sie die Freude und 
das Verstandnis fiir Musik ihrer Familie. Mitten in diesem Kreise unter steter 
Einwirkung des Besten, was Wissenschaft und Kunst in damaliger Zeit leistete, 
wuchs der junge v. Sch. heran. Dazu kam, daB ihn im akademischen Gym- 
nasium, das als die Musterstatte gymnasialer Bildung gait, eine Reihe vorzuglich- 
ster Lehrer beeinfluOte; namentlich Professor Gernerth hat in ihm Vorliebe fiir 
Mathematik geweckt. Nach Ablegung der Matura, von der er in seinen Tage- 
biichern nur als »Schreckgespenst« spricht, bezog er die Wiener Universitat und 
inskribierte sich 1854 an der medizinischen Fakultat. Auch hier hatte er das 
Gliick, eine grofieZeit anzutreffen, und kam mitten in diePeriode der sogenannten 
»grofien Wiener Medizinischen Schule«, die sich eben zur ersten medizinischen 
Schule der Welt emporgearbeitet hatte. Bahnbrechende Forscher, begeisternde 
Lehrer, sprachgewaltige Redner wirkten auf die Horer ein und eiferten sie an, 
ihr Bestes zu leisten. Es war eine Zeit, in der gut veranlagte, strebsame und 
fleifiige Individualitaten die Aufmerksamkeit ihrer Lehrer auf sich lenken und 
so sich durch eigene Kraft emporarbeiten konnten. Zu diesen Naturen gehorte 
v. Sch. Nach Beendigung seiner Hochschulstudien 1 861 diente er kurze Zeit 
auf der Hautabteilung Sigmunds und der internen Abteilung Standhartners 
und trat dann als Operationszogling bei Schuh ein, der ihn ebenso wie Skoda 
am meisten anzog. Wahrend seiner zweijahrigen chirurgischen Tatigkeit bis 
1863 verlor er aber nie die Fiihlung mit den andern Disziplinen. Schon damals 
bemuhte sich v. Sch. nicht nur spezialistisch tatig zu sein, sondern sich mit 
den Errungenschaften der anderen Facher vertraut zu machen. Wir finden 
diesen Zug durch sein ganzes Leben. Stets hielt er spater seine Schuler an, 
ihr Wissen moglichst abzurunden, nicht zu Spezialisten auszuarten, sondern 
sich in alien Fachern umzutun. Ihm gait nur der als Arzt, der den kranken 
Menschen als Ganzen nahm und ihn nicht in einzelne Organe zerlegte. Immer 
und immer wieder lehrte er seine Schuler, bei ihren Patienten alles selbst zu 
untersuchen, selbst zu fiihleji, selbst zu schauen, selbst zu horen, und nur in 
seltenen, sehr schwierigen Fallen die Hilfe eines Kollegen aus einem Spezial- 
fache in Anspruch zu nehmen. Der Vorteil dieser Art lag nicht nur in der Grund- 
lichkeit, allgemeinen Ausbildung und in dem Hinweis auf das positive Wissen, 
das wieder zur notwendigen Selbstkritik fiihrt, sondern auch in der Raschheit 
und Schnelligkeit des Arbeitens. Alles dies waren aber auch die Eigenschaften 
v. Sch.s selbst: Streben nach Zusammenfassung, Positivismus und Schnelligkeit 
im Handeln. 



2 8 Schlatter. 

Bald lenkte er die Aufmerksamkeit Skodas auf sich. 1863 machte ihn 
dieser zu seinem Assistenten. Sechs Jahre arbeitete er so unter Skoda, anfangs 
nur Schiiler, spater Vertreter des klinischen Vorstandes, wenn diesen sein 
Gichtleiden oft lange Zeit an das Bett fesselte, und schlieOlich beratender Arzt 
und Freund seines Lehrers. Die interne Medizin war schon zu dieser Zeit durch 
die Ausiibung der Perkussion, Auskultation und Palpation, wie sie Skoda lehrte, 
zu einer praktischen Heilkunde geworden und nicht nur wie friiher bloOe Buch- 
wissenschaft. Aber v. Sch. drangte es zu aktiverem Handeln. Er hatte zwei 
Jahre als Chirurg gewirkt und er besaO dazu eine auCerordentliche manuelle 
Geschicklichkeit. Fiir diese suchte wohl sein Aktivitatsdrang eine Gelegenheit 
zur Betatigung. Er fand diese in der Laryngologie, in welcher er sich durch 
die Arbeiten Turks, aber nicht durch diesen selbst angeregt, als Autodidakt 
ausbildete. Er betrieb sie nicht als einen Nebenzweig, sondern brachte es in 
ihr zur Meisterschaft neben Turk. Erformte die Systematik in der 
Laryngologie. 

v. Sch. beherrschte zwei Disziplinen, die innere Medizin und die Laryn- 
gologie, welch letztere er zum Teile selbst schuf. Die Sorge um die Klinik, die 
Nachmittags-Visite fiir die Studenten, die Vorlesungen in Vertretung Skodas, 
die Kurse uber Perkussion, Auskultation und Laryngologie, die wissenschaft- 
lichen Arbeiten auf beiden Gebieten lassen den Nichtmediziner wohl nur ahnen, 
welche Arbeit, welche Kraftentfaltung, welche Begabung und welcher Fleifi 
dazu gehorte, diese Leistungen alle gut zu vollfuhren. Nach vierjahriger klinischer 
Assistentenzeit habilitierte er sich mit einer Arbeit uber die Lungenentzundung 
(1867). Seine Erfolge auf dem Gebiete der Laryngologie hatten indessen die 
Aufmerksamkeit nicht nur seines Lehrers Skoda, sondern auch der anderen 
Mitglieder des Professorenkollegiums erregt. Als Turk starb, vermochte v. 
Sch. unter Hinweis auf die Wichtigkeit der Laryngologie die Griindung einer 
laryngologischen Klinik 1870 zu erreichen, eine Leistung, die nicht nur den 
Lohn fur seine vorzuglichen Arbeiten darstellte, sondern fiir die Wiener Uni- 
versitat, ja fur die gesamte Medizin von grofiter Bedeutung war, da diese d i e 
erste Lehrkanzel fiir Laryngoskopie uberhaupt wurde. Die 
wissenschaftliche GroOe, die unbeugsame Energie und die voile Leistungs- 
fahigkeit v. Sch.s konnten sich hier zum Segen der Alma mater verbiinden mit 
dem personlichen EinfluO. Denn wer osterreichische Verhaltnisse kennt, weiB, 
dafi die ersteren allein mitunter zur Anerkennung, aber kaum weiter fiihren. 

Neben seiner anstrengenden Berufstatigkeit hatte v. Sch. noch immer 
Zeit, an der Ausbildung seiner eigenen Personlichkeit zu arbeiten und sich 
fiir Fragen, die aufierhalb seines engeren Berufes gelegen waren, nicht nur zu 
interessieren, sondern auch Tatsachliches darin zu leisten. — v. Sch. war Nicht* 
raucher. Essen und Trinken waren fiir ihn Notwendigkeiten des Lebens, aber 
niemals Mittel des Genusses. Er vertrat immer die Ansicht, dafi die Menschcn 
durchschnittlich zuviel essen und zuviel schlafen. Er arbeitete bis tief in die 
Nacht hinein; morgens ein Spazierritt im Freien schaffte ihm neue Lust und 
Arbeitsfreude. Reiten, das er schon als Assistent gelernt hatte, im Sommer 
Rudern auf den Salzkammergut-Seen und Bergpartien boten ein Gegengewicht 
gegen die geistigen Anstrengungen. In der Grofistadt war es wieder die Musik, 
der er mit Verstandnis und Erhebung lauschte. Zwei Freunde, Derfel, Assistent 
an der Technik, und Dr. Ronsburger, beide ausgezeichnete Klavierspieler, er- 



Schrotter. 2 9 

weiterten seine Kenntnis und seine Auffassung im Gebiete der Musik, wozu 
noch die »Grune Insel«, die den Sammelpunkt fast aller damaligen Kiinstler 
darstellte, das ihrige beitrug. Hier empfing er wohl auch andere kiinstlerische 
Anregungen, so fur sein eigenes, nach englischem Muster eingerichtetes Familien- 
haus in Wien und seinen malerischen Landsitz Rinnbach am Gmundner See. 
In seinem Heim zeugen Antiquitaten und Kunstschatze von dem gediegenen 
Verstandnis ihres Besitzers fur Lebenskunst und Lebensfreude. In den Sommer- 
ferien sehen wir ihn auf weiten Reisen; als Mediziner, als Begleiter Schuhs 
besuchte er England und Frankreich. Fufiwanderungen fuhren ihn stets wieder 
indie Alpen und i868bereiste er allein in seinem zweiradrigen Wagen Schweden. 

Durch Errichtung der Klinik erhielt v. Sch. eine selbstandige, unabhangige 
Stellung. Die nun folgenden Jahre waren wohl die strengsten Arbeitsjahre 
seines Lebens. Sie brachten aber auch eine ununterbrochene Reihe von Er- 
folgen. Im Sommer- Semester 1871 und im Winter- Semester 1871/72 hatte ihm 
das Professorenkollegium die Supplierung der verwaisten Oppolzerschen Klinik 
nach dessen Tode ubertragen. In diese Jahre fallt seine Beschaftigung 
mit der Behandlung der Kehlkopf- und Trachealstenosen, die ihn zum Studium 
uber die Bewegungserscheinungen an der Bifurkation der Trachea, zur Er- 
findung biegsamer modellierender Bougies und nachher zur Benutzung der 
festen »Schrotterschen« Bolzen fiihrte, die noch heute die beste Behandlung der 
Luftrohrenverengerung darstellen. Es gibt eine Operation in diesem Spezial- 
gebiet, die v. Sch. gerne, mit einer gewissen Vorliebe ausfiihrte und die bei 
ihrer Ausfuhrung durch ihn dem Zuseher es ermoglichte, die ganze Personlichkeit 
v. Sch.s mit einem Schlage zu erkennen. Es war dies die Entfernung eines Fremd- 
korpers aus dem Kehlkopf oder der Luftrohre. Die Auffassung des Falles, die 
durch reiche Erfahrung geschulte Erkenntnis der Art desselben, die rasche Ent- 
schlossenheit in der Wahl der Mittel, die Energie und der EinfluB auf den 
erregten, oft ungestiimen Kranken, der sichere, scharfe Blick und die feine, 
ruhige, zarte und doch feste Hand, die Schnelligkeit der Ausfuhrung, die 
niemals plump, stets elegant erschien und nicht zum geringsten die aufrichtige, 
stolze Freude, wenn der Beinsplitter, die Miinze oder die Nadel in der feinen 
Pinzette erglanzte — gaben ein geschlossenes Bild seiner Individuality. 

1875 wurde er zum auOerordentlichen Professor fur Hals- und Brust- 
krankheiten ernannt. Es war nicht in der Natur v. Sch.s gelegen, bei dem er- 
reichten Ziele halt zu machen. Er kannte keine Erschopfung; Ruhe, die wirklich 
nichts anderes gewesen ware als Ruhe, war ihm fremd. Und so sehen wir ihn 
neben der Leitung der laryngologischen Klinik 1877 auch als Primararzt einer 
internen Abteilung des Rudolf- Spitals bis 188 1 und von da ab einer internen 
Abteilung am Wiener Allgemeinen Krankenhaus wirken. In diese Zeit fallt 
ein Vortrag (1883) im Wiener medizinischen Doktorenkollegium, in dem er die 
klimatologische Behandlung der Tuberkulose in geschlossenen Anstalten er- 
ortert, empfiehlt und so als erster in Osterreich begriindet. Dieser Vortrag 
wurde weiterhin der Ausgangspunkt fur die Behandlungsfrage der Tuberkulose 
iiberhaupt. Von da ab sehen wir ihn immer mit diesem Thema beschaftigt. 
Durchdrungen von dem groflen Nutzen der Anstaltsbehandlung, bemiiht, das 
offentliche Interesse fur die Unterbringung, Verpflegung und Behandlung der 
armen Tuberkulosen zu wecken, widmet er von nun an einen grofien Teil 
seiner Arbeitszeit und seiner Arbeitskraft dieser Idee. Es ist dies eine seiner 



,tO Schlatter. 

Arbeiten, die fiir das Interesse zeugen, das er so vielen allgemeinen Fragen des 
menschlichen Lebens entgegenbrachte. Zwar nie politisch tatig, im Sinne des 
Parteikampfes, wiewohl er sein Deutschtum stets betonte, leistete er durch 
Vortrage iiber allgemeine hygienische Fragen und seine Aufsatze uber die 
sanitaren Verhaltnisse Wiens, uber den Bau und die Erweiterung des allgemeinen 
Krankenhauses, uber die Bekampfung der Tuberkulose als Volkskrankheit, 
iiber den Bau von Hotels usw. (die zum Teile allerdings erst spateren Jahren 
angehoren) mehr als mancher, den die politische Wahl zur Herrschaft und zur 
Macht in der Land- und Stadtgemeinde berufen hatte. Aber mehr als Reden 
und Schreiben gait ihm das Handeln. Die Grundung des Ferienhortes fiir die 
Erholung bedurftiger, armer Gymnasialschiiler in Steg am Hallstadter See ist 
sein Werk. Er erkannte die Bedeutung der dalmatinischen Kiiste und ihrer 
Inseln, in ihrem milden Klima fiir die Kranken, und hat einen Hauptanteil 
an dem Emporbliihen von Abbazia, Lussin und Ragusa; in zielbewuflter Weise 
wies er auch auf die wirtschaftliche Bedeutung dieser Landstriche fiir Osterreich 
hin. Seine Reisen in die anderen Kulturlander, bei denen er, wie aus seinen 
Tagebuchern hervorgeht, immer reges Interesse, nicht nur deren Schonheit, 
sondern auch deren wissenschaftlichen und Kunst-Instituten, sowie deren 
sanitaren Verhaltnissen entgegenbrachte, gaben ihm Gelegenheit, reiche Erf ahrung 
in alien diesen Dingen zu sammeln, und HeBen ihn nie ermiiden, auch immer 
das Beste fiir Wien und sein Vaterland Osterreich, das er wahrhaft liebte, 
anzustreben. Als leitender Arzt und Professor im Krankenhause gewohnt, 
seine auf Erfahrung und gesunden Menschenverstand fufienden Befehle und 
Vorschlage genau beachtet und in Kenntnis seines impulsiven Temperaments 
von den unterstehenden Hilfskr&ften auch rasch durchgefuhrt zu sehen, stieC 
er bei seinen weitausgreifenden Planen nun des ofteren auf Widerstand. An- 
fangs allerdings nur vereinzelt; aber noch kannte er keine Schwierigkeiten. 
Nur seiner Zahigkeit, Ausdauer und wahren Opferwilligkeit war es moglich, 
die Grundung der ersten Lungenheiistatte fiir Arme in Osterreich, der Heil- 
anstalt »Alland« durchzusetzen. Nicht nur ihr arztlicher Griinder, der sie zur 
Zentralstelle aller wissenschaftlichen Tuberkuloseforschung in Oster- 
reich machen wollte, sondern auch ihr materieller Urheber ist v. Sch., der durch 
Sammlungen die notwendigen Betrage aufbrachte. Dieses A 1 1 a n d war eine 
Lieblingsidee von ihm. Wir finden bei v. Sch. ab und zu soich eine Lieblings- 
idee, die, als wertvoll erkannt, von ihm festgehalten, verfochten und durch- 
gefuhrt wird, ohne Rucksicht auf das Verhaltnis der notwendigen Kraft zum 
Erfolg, in der Ansicht, dafl das von ihm als gut und niitzlich Erkannte auch 
von anderen, selbst mit persflnlichen Opfern unterstiitzt werden mtisse. Das 
macht oft Feinde, und manches herbe, temperamentvoll schroffe, wenn auch 

wahre Wort bricht nicht den Widerstand, sondern verdoppelt ihn. 

Neben alien diesen dem offentlichen Leben und Wohle gewidmeten Lei- 
stungen war v. Sch. unermiidlich wissenschaftlich tatig. Sein Lehrbuch der 
Kehlkopf-Krankheiten gehort zu den klassischen, medizinischen Werken; 
klassisch nicht nur seinem Inhalte, sondern auch der Sprachweise nach, in der 
die scharf prazisierende Eigenart zum Ausdrucke kam; in Ziemssens Handbuch 
behandelte er die Kapitel der Herzkrankheiten; er veroffentlichte in dieser 
Zeit auch eine Reihe kleinerer Aufsatze aus der inneren Medizin, deren urn- 
fassendes Gebiet ihn immer wieder beschaftigte. Auch in seiner Privatpraxis, 



Schrtttter. * j 

die die allgemeine innere Medizin betraf, kam dies zum Ausdruck. Seine 
Sicherheit und Meisterschaft im Gebiete der Laryngologie hatte er 1888 
bei der Berufung nach San Remo zu dem kranken deutschen Kaiser Friedrich III. 
auch aufierhalb seines Vaterlandes zu zeigen Gelegenheit. Trotz all dieser Er- 
folge iiberwog in v. Sch. aber doch der Wunsch nach dem Lehrstuhl eines 
allumfassenden Faches, wie es die innere Medizin war; so wie er schon seit 
Jahren eine interne Abteilung leitete, so bemuhte er sich nun um die Errichtung 
einer neuen internen Klinik, einer dritten an der Wiener Universitat. Er hatte 
Freude am Lehren und war ein guter Lehrer. Ein lautes, allerdings nicht schmieg- 
sames Organ, eine gutgefiigte, fliefiende Rede, die Betonung und Zusammen- 
fassung des Praktisch-Wichtigen, die Gabe, gut und vieles und zur richtigen 
Zeit zu demonstrieren, machten seine Vorlesungen uber innere Medizin als 
Grundlage des klinischen Arbeitens fiir die Studenten unschatzbar. Mit seinem 
Sinne fiir das Notwendige und Praktische hatte er seine Klinik baulich von 
allem Anfange an als die modernste eingerichtet ; in dem amphitheatralischen, 
lichten, hohen Horsaal liefl er die Biiste seines unvergeBlichen Lehrers Skoda 
aufstellen. Hier hielt er seine wahrhaft klassischen Vorlesungen uber die physi- 
kalische Diagnostik im Sinne Skodas. Es gait unter den Studenten der Medizin 
als ungeschriebene Regel, die ersten klinischen Semester bei v. Sch. zu horen ; 
denn seine Klarheit, Einfachheit und Sicherheit in der Untersuchung und 
Vorstellung der Kranken bot dem Horer die beste Moglichkeit, sich in dem 
schwierigen Gebiete der Internen anfangs zurecht zu finden. 

Neben seiner Tatigkeit als Kliniker war in diesen Jahren fast seine 
ganze ubrige Zeit durch die Ausfuhrung des Allandprojektes eingeriommen, 
welches 1896 zur Eroffnung der Heilstatte fuhrte. Damit war sein zweites 
Lebenswerk — das erste war der Ausbau der Laryngologie — vollendet. Neben 
einer Reihe kleinerer wissenschaftlicher Arbeiten publizierte er in dieser Periode 
seine »Erkrankungen der Gefafie* und »die Erkrankungen des Herzfleisches«, 
wozu ihm eine seltene Erfahrung zustatten kam. Auf dem Kongresse fiir innere 
Medizin zu Karlsbad war ihm das Referat uber die Herzinsuffizienz iibertragen, 
welche Aufgabe er glanzend loste. Jetzt besuchte er auch wieder haufiger 
Kongresse und regte in Paris die Einsetzung einer permanenten internationalen 
Kommission zum Studium der Tuberkulose an, wodurch er zum geistigen 
Urheber der internationalen Vereinigung gegen die Tuberkulose wurde. 

Aus der bisherigen Schilderung des Entwickelungsganges und der Lebens- 
arbeit v. Sch.s geht hervor, dafi er bei seinen vorziiglichen Anlagen, bei seinem 
immensen FleiBe und seinem Streben nach Gesamtbildung als Arzt und Mensch, 
bei seinem Sinn fiir das real Wahre und seiner Zahigkeit am Festhalten des 
von ihm als gut Erkannten, die kaum eine Toleranz fiir anderes gestattete, 
wahrhaft GroCes und Bedeutendes geschaffen hat. Er war eine gewaltige, 
kraftvolle Personlichkeit. In den letzten Jahren hatte er die Fiihlung mit 
derAuffassung der modernen Zeit mit ihren geanderten Lebensanschau- 
ungen etwas verloren. Nicht als ob er den neuen Entdeckungen und neuen 
Erfindungen nicht voiles Interesse entgegengebracht hatte; wo es sich um 
wirklich Greifbares, Positives handelte, da blieb er ein eifriger Verfechter. 
Hatte er doch in den letzten Jahren seines Lebens die neuesten Errungenschaften 
der elektrischen Lichttechnik fiir die Verbesserung eines Broncho- und Osopha- 
goskops verwendet. Aber der G e f u h 1 s auffassung der modernen Zeit, die 



2 2 Schrtftter. 

ihren Ausdruck in den neuen Formen der Kunst und der Musik findet, dem 
Streben nach ungebundener Freiheit jedes Individuums, dem ungestumen 
Drangen nach Gleichberechtigung aller im Staate, ob sie nun etwas leisten 
oder nicht, dem alles nivellierenden Amerikanismus der Zeit, dem Niederreiflen 
jedes Autoritatenglaubens, dem alien stand er, der sich vor seinen einstigen 
Lehrern auch noch mit 70 Jahren demiitig neigte, kampfend gegenuber, doch 
nicht imstande, in dieser Zeit, die alles anders wertet, zu siegen. Er mafl zu 
oft noch mit dem Maflstab aus Skodas Zeit so manchen kleinen Epigonen, und 
die Ansichten der entschwundenen wuchtigen Jugendzeit traten ohne Hemmung 
hervor. Nur wer viel und Grofies geleistet, hatte Anspruch auf eine Ausnahme- 
stellung im Leben. Auch war er kein Hofmann. Dafi Wahrheiten auch storend 
wirken konnen, empfand er nie. Manch wahres, aber rauhes Wort vermehrte 
seine Feinde, und mancher Schlag, gegen ein als falsch und schlecht verachtetes 
System gerichtet, traf unvermutet auch das eigene Gefolge. Doch die Ver- 
wundung seiner Gefolgschaft erachtete er fur geringer als die Verfolgung des 
Gegners. Die Sentimentalitat seiner Jugend, die aus seinen Tagebiichern spricht, 
hatte auch ihm das rauhe Leben abgewohnt; er hatte gelernt auf Dank ver- 
zichten. Doch die Samen, die er gesaet, sie werden reichlich aufgehen, und die 
Baume, die er gepflanzt, sie werden bliihen und herrliche Friichte tragen. Tau- 
sende von Schulern gedenken in inniger Verehrung seiner Lehren, Tausende 
und aber Tausende von Lungenkranken werden ihm ihre Ruckkehr zum Leben 
danken; die internationale Vereinigung gegen die Tuberkulose nimmt einen 
gewaltigen Aufschwung, alles folgt ihrem Rufe in diesem Kampfe; die sonnigen 
Kiisten Dalmatiens erwachen zum erstenmal aus ihrem tiefen Schlummer seit 
der Romer Zeiten! 

Als im April des Jahres 1908 der I. Internationale Laryngo-Rhinologen- 
KongreB in Wien tagte, hielt v. Sch. als altester Laryngologe und Ehrenprasident 
des Kongresses — die besten der alteren Laryngologen zahlte er zu seinen 
Schulern — eine mehr als einstiindige, jugendfrische, meisterhafte Festrede 
uber die beiden Begriinder der Laryngologie Turk und Czermak. In der Nacht 
desselben Tages machte ein Schlaganfall seinem reichen Leben ein Ende. Die 
Stadt Wien widmete der Asche ihres treuen Burgers fur seine Verdienste um 
das Wohl und das Ansehen der Stadt ein Ehrengrab. 

Quellen zur Biographie: 1. Curriculum vitae. Von Schrotter selbst geschrieben. — 2. 
Tagebiicher von 1853 — 1877, m Besitze der Familie. — 3. Zur Erinnerung an Anton Ritter 
Schrotter von Kristelli. Wien 1905. Aniafilich der feierlichen Enthullung des Denkmales auf 
dessen Ehrengrab. — 4. Zum 70. Geburtstage von Hofrat Professor Dr. Leopold Schrotter, 
Ritter von Kristelli. Dr. E. Frank. Munchener med. Wschr. 1907, Nr. 6. — 5. Hofrat Pro- 
fessor Dr. Leopold Schrotter Ritter von Kristelli. Professor M. Groflmann. Monatsschr. 
f. Ohrenheilk. 1907, Bd. XLI, H. 1. — 6. Lejubile de Monsieur le Professeur Schrotter (de Vienne). 
Notes biographiques par le Dr. F. Helme. Archives internationale s de laryngologie 1897. — 
Die wichtigsten Werke: Exstirpation eines Kehlkopfpolypen. Wiener med. Presse 1865. — 
Uber die Temperaturverhaltnisse bei der kruposen Pneumonic und die Wirkung verschiedener 
Herzmittel. Monatsabh. d. Kaisl. Akademiei868. — Jahresberichte der Klinik fur Laryn- 
goskopie. Wien, Braumuller. 1871 — und laryngolog. Mitt. 1871 — 1873. Braumiiller. 1875. 
— Beitrag zur Behandiung der Larynxstenosen. 1876. Braumuller. — Die Herzkrank- 
heiten in Ziemssens Handbuch. 1876 — 1877. — Vorlesungen uber die Krankheiten des 
Kehlkopfes. Braumuller. 1887. — Vorlesungen uber die Krankheiten der Luftrohre. Ibidem 
1896. — Ober Herzinsuffizienz. Karlsbad (Kongrefi f. innere Med.) 1901. — Erkrankungen 



Schr<3tter. Bacher. 33 

dcs Herzfleisches. Pericarditis in Nothnagels Handbuch. — Erkrankungen der Gefafle (Ar- 
terien und Venen). Ibidem 1 902. — Hygiene der Lunge. In 5 Sprachen ubersetzt. Verl. 
Moritz in Stuttgart. 1903. — Erste Hilfe bei inneren Erkrankungen. 

Priv.-Doz. Dr. Carl Reitter. 

Bacher, Eduard, Dr., Chefredakteur und Herausgeber der »Neuen freien 
Presse« in Wien, * 7. Marz 1846, t 16. Januar 1908. — B. wurde in der deutschen 
Stadt Postelberg im Saazer Kreise Bohmens geboren. Fiir den kiinftigen Po- 
litiker und politischen Schriftsteller war der Boden mafigebend, in dem seine 
friiheste geistige Entwicklung wurzelte, wo er die fruhesten Eindriicke seines 
nationalen Empfindens erhielt, die sich seiner Denkungsart zeitlebens ein- 
pragten. Seine Vaterstadt und die im duftigsten Hopfengelande eingebettete 
Gymnasialstadt Saaz, wo B. seine Jugend verlebte, lagen zu Beginn der zweiten 
Halfte des vorigen Jahrhunderts noch feme vom groCen Weltgetriebe. Der 
Schienenstrang erstreckte sich noch nicht in diese idyllische Gegend, altvate- 
risches Behagen lagerte iiber diesen kerndeutschen Orten, an welche die slavische 
Flut noch nicht heranreichte. Niemand traumte davon, dafi wenige Jahrzehnte 
spater die nationale Sturzwelle auch hier deutschen Boden bespulen und manche 
deutsche Scholle mitreifien werde. 

Wahrend B. seine humanistischen Studien in Saaz vollendete, vollzogen 
sich grofle weltgeschichtliche Ereignisse; die innere Gestaltung der osterreichi- 
schen Monarchic erf uhr eine Umwalzung. Die absolutistische Ara war zusammen- 
gebrochen, die Geister der Jahre 1848, die ein Jahrzehnt unter dem Sargdeckel 
des feudalen Klerikalismus begraben waren, wurden wieder lebendig. Laut 
tonte der Ruf nach dem Selbstbestimmungsrecht des Volkes. In Bohmen 
verlangten die Volksstamme nationale Selbstverwaltung und die Tschechen 
begannen den Kampf fiir die Wiederherstellung der Selbstherrlichkeit der Lander 
der Krone Bohmens, mit den alten Grenzen des Przemyslidenreiches. Es gellte 
der Schlachtruf durchs Land: Hie Deutsche! Hie Tschechen! In alien Stadten 
und Gemarkungen Bohmens pulsierte ein kraftiges politisches Leben. Das 
Burgertum drangte nach Erweiterung seiner Freiheiten und Rechte, Amt und 
Schule wurden zu hart umstrittenen Kampfobjekten im nationalen Wett- 
bewerb. Die heranwachsende Jugend nahm mit brennender Begier Stellung 
zu den Tagesfragen, ein edler Wetteifer forderte die Befreiung der Geister. 
Lehrer und Schuler waren Kampfer fur nationale Interessen und politische 
Ideale; Indifferentismus gait fiir Charakterschwache. Mitten in diese Ent- 
wicklung fielen die Schrecken des Krieges vom Jahre 1866 und das Ausscheiden 
Osterreichs aus dem Deutschen Bunde. 

Zu dieser Zeit hatte B. seine juridischen Studien an der Prager Universitat 
begonnen und nahm mit seinen Kollegen an der nationalen Bewegung regen 
Anteil. Die nationale Frage in Bohmen war nun erst recht die Herzensfrage 
der deutschen Jugend geworden. Noch war die Carolo-Ferdinandea ungeteilt, 
aber der Kampf um die Universitat hatte eingesetzt, die Erinnerung an den 
Rektor Johannes Hufi und an die Austreibung der deutschen Lehrer und Stu- 
denten aus Prag wurde geweckt. Brinz, Hasner, Herbst, Hofler, Schulte traten 
fiir das Recht der Deutschen auf die Universitat mit Warme ein, die deutsche 
Studentenschaft stand hinter ihnen. Dennoch verscheuchte das Kampfgeschrei 
deutsche Professoren und Schuler auch diesmal aus Prag. B. und eine Reihe 

Biogr. Jahrbuch u. Dcutjchcr Xekrolog-. 13. Bd. 3 



*a Bacher. 

seiner Studiengenossen kamen nach Wien. Hier vollendete er seine Rechts- 
studien und erwarb den Doktorgrad. 

Das groOe Interesse mit dem B. die Peripetien der politischen Ereignisse 
verfolgte, veranlafite ihn schon wahrend der Prager Studienjabre sich an dem 
parlamentarischen Leben zu betatigen. Er arbeitete im Stenographenbureau 
des bohmischen Landtags und fand so fruhzeitig Gelegenheit, das aufiere Ge- 
triebe und die Geschaftsordnung des Landtags kennen zu lernen und einen 
klaren Einblick in das parlamentarische Formenwesen wie in alle Verfassungs- 
und nationalen Streitfragen zu erlangen. In Wien setzte er diese Tatigkeit 
im Reichsrate fort und war Revisor im Connschen Stenographenbureau. 
Seine Schrift war von einer dem Auge wohltuenden Ebenmafiigkeit, in den 
Schriftzugen spiegelte sich die Ruhe, Kraft und Entschiedenheit seines 
Charakters. Er gait als einer der besten Stenographen jener Periode. 

Nach vollendeten Rechtsstudien war B. ein tuchtiger, scharfblickender 
Jurist geworden. Die klare juristische Distinktion blieb die feste Grundlage 
seines Denkens. Er absolvierte sein Gerichtsjahr und dachte einen Augenblick 
daran, sich der Rechtsanwaltschaft zu widmen. Aber der Trieb zur offentlichen 
Betatigung uberwog, und B. trat im Jahre 1872 in die Redaktion der »Neuen 
freien Presses ein, die im Jahre 1864 als das publizistische Sprachrohr des 
damals machtigen und emporstrebenden deutschliberalen Burgertums, von 
Max Friedlander und Michael Etienne gegriindet, bereits zu groBer Macht und 
Ansehen gelangt war. Seiner Neigung entsprechend arbeitete er in erster Reihe 
als Parlamentsreporter. Damals entsprach der Reichsrat noch voll seiner 
legislatorischen Aufgabe, die Arbeitstatigkeit des Parlaments war fruchtbar. 
B. lenkte durch seine Erorterungen der parlamentarischen Geschehnisse, die 
sich durch sachliches Urteil und Gediegenheit der Form bemerkbar machten, 
die Aufmerksamkeit der politischen Welt auf sich. Kurz nach dem Eintritt 
B.s in die Redaktion starb Max Friedlander, und wenige Jahre spater wurde 
B. die Leitung des innerpolitischen Teiles des Blattes ubertragen. Er hielt 
die traditionelle Richtung der groCen Zeitung fest. In konsequenter Weise 
hielt er den deutsch-zentralistischen Standpunkt aufrecht und vertrat die 
Forderung freiheitlich fortschrittlicher Entwicklung auf alien Gebieten der 
Justiz und Verwaltung und das zu einer Zeit, als sich bereits Risse in der Staats- 
einheit zu bilden begamnen und eine immer mehr anwachsende ruckschrittliche 
Stromung den altliberalen Standpunkt als obsolet bezeichnete. 

Seiner politischen Uberzeugung ist B., trotz aller Wandlungen, die sich 
vollzogen, unentwegt treu geblieben. Vornehmlich in der Beurteilung der Ziele 
der tschechischen Politik in Bohmen, gegen die er hartnackig und mit grofiem 
Geschick zu Felde zog, lieO er sich durch keine Macht abbringen. Er kampfte 
gegen die Anfeindungen der Regierungen, deren gefahrlichste Waffe gegen die 
Pressc, die Beschlagnahme, er oft genug zu fiihlen bekam, und liefi sich auch 
durch den Opportunismus, welchem die deutschliberale Partei verfiel, von 
seiner Richtlinie nicht abdrangen. So kam es, dafi er zur Zeit, als sich das Regime 
Taaffe vorbereitete und die sogenannten Emmersdorfer Konferenzen bei Dr. 
Adolf Fischhof stattfanden, gegen die Absicht, dem Foderalismus die Bahn frei 
zu machen, publizistisch auftrat. 

In diesem kritischen Momente starb am 24. April 1879 der zweite der 
Grunder des Blattes Michael Etienne. Wenige Monate spater trat B. als 



Bacher. 



35 



Chefredakteur der »Neuen freien Presse« an erste Stelle. Seine Kollegen im 
Blatte liefien keinen Zweifel daruber, dafi sie seine hervorragende Eignung 
zum Leiter anerkannten. Ungefahr zwei Jahre spater teilte sich der gegen- 
wartige Herausgeber und Chefredakteur Moritz Benedikt mit ihm in die 
Fuhrung des Blattes. Die Ara Taaffe hatte begonnen, der parlamentarische 
Kampf urn die Mehrheit im Reichsrate sollte in Bohmen entschieden werden. 
In diesem Kampfe fand Graf Taaffe in B., der mit seinen Artikeln uber die 
bohmische Frage gar oft die Erfolge der vereinigten Foderalisten und Klerikalen 
zerstorte, einen nicht leicht zu besiegenden Gegner. B. deckte die gewundenen 
Pfade der Taaffeschen Politik auf, warnte vor der beschleunigten Slavisierung 
Osterreichs und erhob flammenden Einspruch gegen die Rechtsbeugung und 
Verfassungsverletzung, die immer geringeren Widerstand bei der deutsch- 
liberalen Partei fand. Aus jener Zeit stammt das gegen B. gemunzte Wort 
des Grafen Taaffe, es scheme, man musse ein so »gelernter Deutschbohme* wie 
der Chefredakteur der »Neuen freien Presses sein, um die von der Regierung 
gefuhrte »Verstandigungsaktion« zu bekampfen. 

In mehr als dreifiigjahriger aufreibender Arbeit hatte B. seinen groBen 
publizistischen Anteil an den Wandlungen der Geschichte Osterreichs. Trotz 
der Anonymitat seiner Artikel, mit denen er die Tagesereignisse begleitete, 
erkannte das groBe Lesepublikum der »Neuen freien Presses das originelle 
Wesen seiner Schreibart an dem logischen Aufbau, der klaren Ausdrucksweise 
und dem klassischen Stil, der seine schriftstellerischen Arbeiten auszeichnete. 
Er schopfte aus innerster Uberzeugung, aus klarer Erkenntnis, tiefem Wissen 
und reicher Erfahrung. B. war ein Gegner jeder Sensationshascherei ; was er 
darlegte, wirkte durch die Macht der Arguments Er vermied es seine Schriften 
mit fluchtigen Lesefriichten zu fullen, seine Exposition fiihrte im breiten Strome 
der Gedanken muhelos zur logischen Konklusion. Alles was er zu Papier brachte, 
war vorher klar durchdacht. Ehe er sich zum Schreibtisch setzte, ging er mit 
ruhig gemessenen Schritten im Arbeitszimmer auf und ab. Wer ihn dabei 
beobachtete, konnte die geistige Arbeit formlich ihm aus den Augen lesen und 
an den Reflexbewegungen seiner Mienen beobachten. Setzte er sich sodann vor 
das Papier, dann flofl der fertige Gedanke rasch durch die Feder, und selten 
wies sein Manuskript Korrekturen auf. Was er scharf durchdacht, stand dann 
plastisch vor seiner Seele. In seinen reifen Jahren verbluffte B. durch sein 
erstaunliches Gedachtnis, das ihn befahigte, einmal Gehortes oder Gelesenes 
oft wortgetreu wiederzugeben. 

Im Leben von grofler Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit mied er 
den groflen, gesellschaftlichen Verkehr. Das aufreibende Tagewerk des 
Journalisten, der es mit seinem Berufe ernst meint, gestattet ihm wenig 
Ablenkung von der Arbeit, die ihn im sttirmischen Wirbelwind der Geschehnisse 
wie an das Rad des Ixion gefesselt halt. Trotzdem stand B. in regem 
brieflichen und mundlichen Verkehr mit einer groBen Zahl intellektueller 
GroBen und erfreute sich einer besonderen Wertschatzung Professor Nothnagels, 
des beruhmten Klinikers. Der verewigte Kronprinz Rudolf beehrte ihn 
wiederholt durch sein Vertrauen und erbat sich seinen Rat in literarischen 
Fragen. 

In den aufregendsten Episoden der Tagesgeschichte wahrte er seine Ruhe 
und voile Gemessenheit, eine nachdenkliche Behabigkeit bildete den Grundzug 

3* 



36 Bacher. 

seines Wesens. Er kam fast nie in Affekt. Mit fester Hand deckte er die 
Schwachen und Fehler der Zeit auf, zergliederte mit unbeeinflufiter Kritik 
die Fehier und triigerischen Gestaltungea der Politik, hielt sich aber moglichst 
fern dem personlichen Gezanke und kampfte mit offenem Visier gegen den 
Gegner. In glanzender Weise erwies B. sein scharfes, juristisches Urteil in 
einer Schrift, in welcher er dem Schriftsteller- und Journalistenverein »Con- 
cordia« T dessen Mitglied er war, ein Referat unter dem Titel: »Die Ehre der 
Zeitung* erstattete. Den Anlafl bot ein Ehrenbeleidigungsprozefi der Schrift- 
leiter der alldeutschen »Ostdeutsche Rundschau* gegen eine beleidigende 
Rede des Abgeordneten und Wiener Gemeinderates Bielohlawek. Der Be- 
leidiger war in zwei Instanzen zu vierundzwanzig Stunden Arrest verurteilt 
worden. Nach dem Urteile vom 22. Januar 1902 erhob der Generalprokurator 
die Beschwerde zur Wahrung des Gesetzes. Der Oberste Gerichtshof hob das 
Urteil auf, wies die Angelegenheit dem Landesgerichte zu neuerlicher Urteils- 
fallung zu, und nun wurde das fruhere Urteil umgestofien und Bielohlawek 
freigesprochen. In der Begriindung der oberstgerichtlichen Entscheidung kam 
erstaunlicherweise der Satz vor: »Die Anschauung, dafi eine Zeitung ein taug- 
liches Objekt fiir eine Ehrenbeleidigung bilden kann, ist ein Rechtsirrtum«. 
In einer aufierordentlichen Versammlung der »Concordia«, welche einem Proteste 
gegen diese sonderbare Feststellung des Obersten Gerichtshofes gait und zu 
der auch die juristischen Koryphaen des Abgeordnetenhauses erschienen waren, 
zerfaserte B. in geistvoller Weise den Trugschlufi des Gerichtes. Er wies den 
wahren Sinn dieses Rechtsspruches dar. Der Syllogismus des Urteils besagte: 
»Eine Zeitung ist eine Ware, eine Ware kann nicht beleidigt werden. Wenn 
nun doch jemand eine Zeitung beleidigt, so fehlt das taugliche Objekt fiir die 
strafbare Handlung und der Beleidiger ist straflos« — freilich mufi man dann 
voraussetzen, dafi der Beleidiger sinnlos und unverniinftig handelte, denn dafi 
man ein Stuck Papier nicht beleidigt, hat auch Herr Bielohlawek gewufit, und 
trotz des Urteils des Obersten Gerichtshofes zweifelte niemand daran, dafi 
letzterer den hinter der Zeitung stehenden Schreiber beleidigen wollte, und 
darauf allein kommt es an. 

In den letzten Jahren seines Lebens erlahmte infolge einer Herzkrankheit 
seine starke Arbeitskraft. Die gewaltigen Umwandlungen in der Zeitungs- 
industrie, die sich in den letzten Jahrzehnten vollzogen, seit Telegraph und 
Telephon taglich aus den entferntesten Landern und Weltteilen Nachrichten 
mit Blitzeseile vermitteln, vervielfaltigt die Arbeit des Tagesschriftstellers und 
stellt oft ubermafiige Anforderungen an sieine Nerven. Diese Unrast, die sich 
steigernde fieberhafte geistige Anspannung, standen in grellem Gegensatz zu 
seiner physischen Abspannung. Die atembeklemmende Eile der Arbeit, das 
zuweilen vorschnelle Urteilen iiber Geschehnisse widersprachen seiner griindlich 
erwagenden Denkungsweise. Sein schweres Leiden verhinderte ihn in seinen 
letzten Lebensjahren mit der machtigen Entwicklung der »Neuen freien Presses 
Schritt zu halten. Er sehnte sich nach Ruhe, konnte aber ohne die gewohnte 
Arbeit nicht leben. Nur allmahlich liefi er die Leitung des grofien Unternehmens 
in jungere Hande gleiten. Trotzdem bedeutete sein Tod einen grofien Verlust. 
Andere Kampfer traten in die Bresche, das grofie Werk, die Zeitung, der er 
sein Leben gewidmet, schreitet machtig anstrebend vorwarts, aber die Eigenart, 
die B. vertrat, die originelle Marke, die er dem Blatte aufgepragt, die bei dem 



Bacher. Rohr. Altenthan-Weyerhaus. 37 

Lesepublikum ihm Popularitat verschaffte, ist geschwunden. In der journalisti- 
schen Tradition pflanzt sich die Erinnerung an seine schriftstellerischen Er- 

fol g e fort ' GustavKolmcr. 

Rohr, Paul Theodor, Landschafts- und Bildnismaler, * 25. November 1864 
in Chemnitz (Sachsen), "f 2. November 1908 in Pasing-Munchen. — R. kam, 
da die Neigung zum Zeichnen und Malen fruhzeitig hervortrat, durch die nach 
Dresden ubersiedelten Eltern von der Schule weg in eine lithographische An- 
stalt. Nach dem Tode des Vaters (1883) ging, n&chst der Sorge fiir die 
Mutter, das Bestreben des braven Sohnes dahin, durch Anstrengung und Ent- 
behrung die Mittel zum Besuch der Akademie bei Schonherr, Preller, Pohle 
und Pauwels zu ermoglichen. Und der Jiingling errang als Preis ein Reise- 
stipendium und die ehrende Auszeichnung des Ankaufs einer seiner Portrat- 
Arbeiten fiir die Akademie. Im Jahre 1898 ubersiedelte R. mit seinem in- 
zwischen gegriindeten Haushalt nach Pasing-Munchen, wo in unermudlich 
heiterer Freude Landschaften und wohlgelungene Bildnisse (darunter des 
Bildhauers Julius Zumbusch, nebst einer alteren Dame) entstanden, die ihm 
von den Ausstellungen zu Miinchen, Berlin und Dresden mannigfachen Ruhm 
einbrachten. Aber nur zu bald schloO ein schleichendes Leiden die ehrenreiche 
Laufbahn. 

Kunstvereinsbericht f. 1908, S. 22. H y a C H 1 1 a n d. 

Grundherr zu Altenthan und Weyerhaus, Adolf von, Genremaler, * 30. Sep- 
tember 1848 zu Miinchen, (Sohn des aus einer alten Niirnberger Patrizierfamilie 
stammenden K. b. Majors und Zeughausdirektors Sigmund von G.), f 6. April 
1908. — G. hatte nach Absolvierung aller Vorbedingungen das Studium 
der Jurisprudenz an der Universitat begonnen, als er auf Veranlassung und 
Rat des Akademiedirektors Wilhelm von Kaulbach zur Kunst iiberging, welcher 
sich G. zuerst bei August yon Kreling in Nurnberg, dann bei Piloty und 
Andreas Muller in Miinchen mit solchem Eifer (1872 — 81) widmete, da6 der 
vielversprechende Jiingling durch ein Staatsstipendium ausgezeichnet, eine 
langere Studienreise nach Italien zur weiteren Ausbildung unternehmen konnte. 
Seine geniale Phantasie und reiche Kompositionsgabe bewies G. mit einer 
Menge von kunstgewerblichen Zeichnungen, Karton- und gefalligen Bildern, 
darunter beispielsweise ein neues Titelblatt zu J. J. Webers »Meisterwerke 
der Holzschneidekunst« 1887, Bd. 9, »Die kleine Liese am Brunnen« nach 
Chamisso (als Holzschnitt in Nr. 34 Ober Land und Meer 1889, Bd. 62), »Heide- 
prinzeBchens Toilette« und »Der Widerspenstigen Zahmung«, mit Wand- 
gemalden im Cramer-Klett-Hause (1898, 1899 und 1907), im Treppenhaus der 
Miinchener Versicherungskammer (1904), im Saal des Akademischen Gesang- 
vereins, in der Niirnberger Peterskirche (1900), am Plafond der Kirche in Klein- 
sorheim bei Nordlingen (189? . Fiir die Hof-Glasmalerei-Anstalten von E. X. 
Zettler und Burckhardt fertigte der in verschiedenen Stilarten wohlbewanderte 
Kiinstler durchgebildete Kartons zu den Fensterbildern im Boudoir der Konigin 
von Rumanien und des Miinchener Rathauses; ebenso lieferte er Vignetten 
und Randzeichnungen zu Prachtausgaben deutscher Dichter usw. Als Krone 
seiner kunstgewerblichen Entwiirfe kann der »Ein LebensschifT« betitelte 



3 g Altenthan-Weyerhaus. Radlkofcr. 

Tafelaufsatz gelten, welchen der vielgewandte Goldschmied Theodor Heiden 
flir den Kommerzienrat von Grundherr in Niirnberg in uberraschendster Weise 
und Schonheit zur Ausfuhrung brachte. 

Vgl. Fr. v. Botticher 1891, Bd. i, S. 421; Singer 1906, Bd. 6, S. 117; Kunstvereins- 

bericht f. 1908, S. 17. u u 1 1 j 

Hyac. Holland. 

Radlkofer, Max, Philolog und Historiker, * 6. August 1836 in Munchen, 
Sohn eines magistratischen Rechtsrats (zu dessen bleibendem Ehrengedachtnis 
eine Strafie benannt ist), f 4. Dezember 1908 als Studienlehrer zu Augsburg. 1 ) — 
R. betricb mit vielseitiger, auch poetiseher Veranlagung, das Studium der 
klassischen Philologie und historischen Wissenschaften, wobei er durch H. von 
Sybels Seminar die bleibende Grundlage fur seine spatere Lebenstatigkeit ge* 
wann. Nach dem Staatsexamen i860 und sechsjahriger Praxis im k. Reichs- 
archiv iibernahm R. fur kurze Zeit die Leitung der Privatlateinkurse zu Deides- 
heim, dann die Professur an der Lateinschule zu Burghausen, die er mit Giinz- 
burg vertauschte, bis er 1889 seines Augenleidens wegen nach Augsburg in den 
Ruhestand ubersiedelte. Den Schwerpunkt seiner Forschungen auf die Zeit 
des Bauernkrieges, der Humanisten-Bestrebungen und gleichzeitiger Er- 
scheinungen des sechzehnten Jahrhunderts beschrankend, hatte er die Gabe 
nicht allein friiher erforschte Stollen mit bestem Erfolge neu abzubauen und 
immer neues archivales Material auszuschurfen, wie ein gluckhafter Bergmann 
frische Adern anzuschlagen und ungeahnt reichhaltige Ausbeute zu erheben: 
Alles mit rastlosem Fleifi, umsichtiger Sorgfalt anziehend gestaltend. Den 
Anfang machte R. 1877 m it einem literar-historischen Trio, in welchem er die 
sarkastischen Sebastian Brant, Thomas Murner und Erasmus im heiteren 
Clair -obscur ihrer Werke erfafite: das Narrenschiff, die Schelmenzunft und 
Narrenbeschworung und das »Laus Stultitiae* in unverkennbarer Affinitat und 
im Zusammenhang der ubrigen luftreinigenden Werke der genannten Drei in 
frohlicher Beleuchtung brachte: eine meisterliche, weitblickende Leistung, 
welche leider in den Jahresberichten der Burghauser Studienanstalt vergraben 
blieb. Darauf folgte in gleicher Verborgenheit eine »Auswahl deutscher Syn- 
onima« (1881) und die muhsamen Regesten iiber die von 942 bis 1644 (1743) 
reichende Familie der »Gufien von Leipheim«r, wahrend gleichzeitig sein aus 
enormem Quellenmaterial aufgebautes Hauptwerk iiber den wanderfrohen 
Agitator Johann Eberlin von Gtinzburg und dessen Vetter Pfarrer Hans Jakob 
Wehe von Leipheim (Nordlingen 1887 bei Beck, XI, 653 Seiten, 8°) erschien, 
ein Appendix zu den Fachwerken von Riggenbach, Jorg, Baumann und Druffel, 
zugleich mit weiteren Ausblicken iiber die Bauernbewegung in Oberschwaben 
von Februar und Marz 1525 bis zum Ausbruch des Krieges und einer Geschichte 
des auch im Volksliedc nachklingend morderlichen Leipheimer Haufens. Weiter 
folgten (1893) die Erhebungen iiber »Die Humanisten und Arzte zu Augsburg 
im XVI. JahrhundcrU ,\velche sich als Schriftsteller, Dichter, Obersetzer, 

x ) Der altestc Bruder, Geheimrat Dr. Ludwig von Radlkofer, feierte als Uni- 
versitatsprofessor und Konservator des Botanischen Gartens, am 19. Dezember 1909. in neidens- 
wcrter Frische scin achtzigstes Lebensjahr. Ein Bruder Otto von Radlkofer, ein 
ausgczeichneter Jurist, starb am 21. Marz 1904, siebzig Jahre alt, als Senatsprasident am b 
Oberlandesgericht zu Munchen. 



Radlkofer. Roegge. 30 

Weltreisende, Sammler, Apotheker und Mathematiker hervortaten, darunter 
die aus Westfriesland 1494 eingewanderte Familie der Occo, deren Einer ein 
beruhmtes Buch uber die Pest verfaflte, auch eine in neun Auflagen edierte 
Pharmacopoea und auflerdem als Poet und Numismat glanzte; der Stadtarzt 
Sigmund Grimm, der nebenbei Alchymie und Buchdruckerei betrieb und als 
solcher die neuestens wieder erweckten Kompositionen des Tondichters 
Ludwig Sanfftl verlegte; dann der Chronist Achilles Priminius Gasser (1505 bis 
1577), welcher eine Abschrift mit Glossar des Evangelienepos »Krist« des 
WeiOenburger Otfried besorgte; Leonhard Rauwolf, der die Ergebnisse einer 
dreijahrigen Orientreise in einem zu Lauingen 1582 gedruckten, einst viel- 
gelesenen geographischen Wunderwerk der erstaunten Welt verkundete. — 
Ein Vortrag R.s behandelte den auch als deutscher Liederdichter bekannten 
Prazeptor Bernhard Heupold, welcher allerlei Merkwurdigkeiten der Stadt 
Augsburg, ihren Ursprung, Wappen (»die Zirbelnufi der Gottin Cybele*), "die 
von Mathias Kager am Weberhaus 1607 gemalten Fresken und den von Elias 
Holl 161 5 begonnenen Neubau des Rathauses in vierfuCigen Jamben besang, 
auch ein »LoBbuchlein« mit einer kulturhistorischen »Tafel (Deutung) von 
Traumen« (Frankfurt 1595) verfaOte und einen 15 18 durch die Welt auf Gast* 
rollen reisenden iiber Augsburg prungenden Kometen besang. Eine andere 
Arbeit illustriert die Tatigkeit der Augsburger Volksschullehrer und Meister- 
singer, darunter den »Stadtgerichtswaibl« Hans Rogel, welcher gleichzeitig 
mit dem hochverdienten Stadteplastiker Jakob Sandner ein getreues Holzmodell 
der Stadt Augsburg (1568) fertigte, und den dramatischen Poeten Leonhard 
Seb. Wild, den (wie August Hartmann erwies) Dichter einer groflen drama- 
tischen »Passion«, welche sich in dem heute weltberuhmten »Ammergauer- 
Spiel« teilweise erhalten hat. R.s ausdauerndem Forschersinn gelangen 
auch neue Erhebungen iiber den aus der Ehe des Erzherzogs Ferdinand mit 
Philippine Welser stammenden, als Markgraf Karl von Burgau bekannten zweiten 
Sohn (Innsbruck 1907) und dessen ruhfnreiche Teilnahme als spanischer Obrist 
in den Niederlanden (1587) und an dem Turkenkriege (1592), einen eifrigen 
Jager, Bauherrn, Kunstmazen, welcher zu Giinzburg eine Hofbuchdruckerei 
griindete. — Einen grofien Teil seiner Forschungen verarbeitete der fleifiige 
R. zu sorgfaltig ausgefeilten Vortragen im Historischen Verein zu Augsburg, 
welche teilweise in dessen Publikationen zum Abdruck gelangten, Andere 
zahlreiche Elaborate sind in verschiedenen Zeitschriften zerstreut, darunter 
beispielsweise eine literar-historische Studie iiber das heitere Volksbuch »Von 
den sieben Schwaben« (im 221. Heft von Virchow und Wattenbach, Sammlung 
gemeinverstandlicher wissenschaftlicher Vortrage, Hamburg 1895), welches in 
der ergotzlichen Bearbeitung Ludwig Auerbachers die weiteste Verbreitung 
fand. Leider hat der verdiente stille Mann, welcher so vielen friiheren Autoren 
ein neues Ehrengedachtnis setzte und ihre Namen zur weiteren verdienten 
Kenntnis brachte, seither keinen Nachruf Jund Nekrolog, nicht einmal ein 
vollgultiges Verzeichnis seiner Arbeiten, Vortrage und Schriften gefunden. 

Hyac, Holland. 

Roegge, Wilhelm, Historien- und Genremaler, * 28. April 1829 zu Oster- 
cappeln (bei Osnabruck), | 11. Februar 1908 in Munchen. — R. erhielt als 



40 Roegge. 

Sohn eines schlichten Burgers den ersten Unterricht durch den Maler und 
Lithographen Josef Tepe, der sich riihmte seinerzeit Goethes Interesse erregt 
zu haben. Zur weiteren Bildung zog es den Kunstjunger nach dem viel- 
gepriesenen Munchen, wo er mit groflen Erwartungen und sehr geringen Mitteln 
anfangs 1848 ankam, als gerade die ersten Nachrichten von der Pariser Februar- 
Revolution alles in Bewegung brachten und sogar die Professoren der Akademie 
mit ihren Schulern daran gingen, die Waffen zu erheben und militarische Korper- 
schaften, niemand wuCte wofiir und gegen welche Gefahren, zu bilden. In diesem 
fliigge gewordenen Bienenschwarm, wo keiner mehr an Palette und Farbe 
oder Meifiel und Richtscheit dachte, wo alle Elemente iiberall in unklaren 
Hoffnungen erwartungsvoll ineinanderflossen, war es lange unmoglich fur den 
armen angehenden, mit all den neuen Bewegungen vollig unbekannten Scholaren 
festen Fufi zu fassen; R. litt, wie ehedem Pietro Perugino in Florenz, grofie 
Not und war froh fur seinen knurrenden Magen ein Schiisselchen Klostersuppe 
zu finden. Nur schwer, bei allmahlicher Klarung der Dinge, gelang dem Armsten 
die Aufnahme in die Malschule bei Professor Anschutz, welcher ihn, die Be- 
gabung seines Eleven erkennend, an Philipp Foltz von Bingen empfahl, der 
damals im Rufe stand die ungefuge tastenden Talente gehorig einzurenken 
und auf die rechten Bahnen zu leiten. Und es ging, freilich mit Ach und Krach. 
Das erste unter unsaglichen Miihen und dem vollen Aufwand aller Krafte voll- 
endete Bild aus der Geschichte Kaiser Otto des Grofien fand nicht nur An- 
klang und Beifall im Kunstverein, sondern sogar Ankauf und Aufnahme fur 
das Museum in Hannover. Von da an walteten freundlichere Sterne uber dem 
Kiinstler, der sich nun nach Diisseldorf wagte, und durch Josef Kehren bei 
Fertigstellung von Rethels Kaiserbildern im Rathause zu Aachen sich betatigen 
konnte. Von da flihrte eine griindliche Studienreise nach Holland und spater 
nach Oberitalien, dann lieB er sich bleibend zu Munchen nieder. Hier entstand 
ein Bild aus dem tragischen Leben des letzten Staufers Konradin; in Folge 
davon erhielt R. drei Fresken fiir die Galerie des Bayerischen National- 
Museums, darstellend den Heldentod des Markgrafen Luitpold gegen die Un- 
garn, Herzog Arnulfs Ausgleich mit Konig Heinrich I. vor Regensburg und 
die Stiftung des Kurvereins zu Rense — Stoffe, welche dem Maler zwar geringe 
Anziehung boten, aber doch wackere Losung fanden. Als Nachklang dieser 
historischen Tatigkeit folgte ein Bild mit »Kreuzfahrern«, welche die heilige 
Stadt erblicken, »Heinrichs des Lowen Pilgerfahrt nach Jerusalem« und »Ent- 
hauptung des Kufsteiner SchloUhauptmanns Hans Pinzenauer« oder gar eine 
»VerstoCung der Hagar« — das war aber doch zu viel »akademische« in der 
Foltz- Schule beliebte Luft; R. fuhlte, dafi er auf die Dauer nicht die rechte 
Befriedigung in dieser Geschichtsmalerei finden wurde. Sein warmes, gemuts- 
tiefes Fiihlen wies ihn auf das Genre, welches ihm erlaubte, frisch aus dem 
zunachst liegenden Leben, aus dem direkt Erschauten und Erlebten zu schopfen. 
So entstand eine Reihe von anziehenden Novellen, die er dem landlichen Fa- 
milien- und Kinderleben entnahm und die ihm mit ihrer freudigen Harm- 
losigkeit und trefflichen ansprechenden Mache wohlverdiente weitcre An- 
erkennung und Freunde zuzogen, darunter »Grofimutters Licbling«, nasch- 
hafte oder Apfel stehlende Knaben, ein »Sonntagsmorgen« und »Zerbrochener 
Milchtopf«, 3>FleiBige Madchen am Spinnrade«, j>Frohliche Heimkehr«, »Schach- 
spieler* und neugierige »Kammerkatzchen«, Zitherspielerinnen, aber auch 



Roegge. Gebhardt. Rau. *\ 

lustig kneipende Landsknechte und Schnapphahne; ein »Taufzug« und »Findel- 
kind«; nette Harmlosigkeiten, die man nicht allein ihrer delikaten Ausfiihrung 
wegen gern hatte, sondern auch kauf te und anstandig bezahlte — es war etwas 
darinnen von L. Knaus und Vautier; sie gingen eine Zeitlang nach England 
und Amerika und wurden mit »goldenen Medaillen« in echter Bronze so haufig 
pramiiert, dafi dem Maler die Anlage eines eigenen Kabinetts moglich gewesen 
ware; dann lief en lhm Andere den Weg ab. Dafur entschadigten ihn Auftrage 
von Konig Ludwig II. fiir dessen Schlofibauten in Schwanstein und Herren- 
chiemsee. R. nahm unentwegt die alte liebe Tatigkeit, das »Otium cum 
dignitatem genieCend, wieder auf, bis, beinahe unbemerkt, der Tod die Palette 
seiner Hand entwand. 

Vgl. Spruner,\Yandbilder, 1868, S. 12 u. 42, bzw. Fr. v. Pecht, Munchener Kunst i88S T 
S. 242; Botticher 1898, Bd. 2, S. 459 f.; Das geistige Deutschland 1898, S. 572; Singer 1901 
Bd. 4. S. 91; Kunstvereinsbericht 1908, S. 20; Nr. 74 d. Allg. Ztg., 14. Februar 1908. 

Hyac. Holland. 

Gebhardt, Ludwig, Landschaftsmaler, * 20. Juli 1830 in Munchen, f 6. Ok- 
tober 1908 daselbst. — G. war von Jugend auf schon ein geborener Kunstler, 
ohne absonderliche Leitung genossen zu haben, ein geborener Autodidakt. 
Kein Lehrer wies ihm hierbei den Weg, keine »Schule« druckte ihm den Stempel 
auf. Kurze Zeit zwar besuchte er die Zeichnungsklasse der Akademie, dann 
lief er instinktmaBig in die freie Natur mit Stift und Farbenkasten und bannte, 
was ihm in der Nachbarschaft seiner Heimat gefiel, in sein Skizzenbuch oder 
auf die Leinwand; die eigenartigen Reize des damals noch nicht regulierten 
Isartales, die Gelande des Starnberger- und Ammersees, die Dachauer Moore 
oder die Chiemgau-Ufer. Was ihn ansprach nach Form oder Stimmung, das 
hielt er fest und machte bald auch Anderen Freude; das heiflt, seine anspruchs- 
losen Bildchen wurden gekauft und erfuhren stete Nachfrage. Neues zu schauen, 
wagte er sich in die Bergwelt Tirols und uber den Brenner, ins Pustertal, dann 
an die Kanale (Haus der Desdemona), den schiffreichen Lido Venedigs und 
was ihm von der Adria oder dem Gardasee mit Torbole gelegentlich mitnehmens- 
wert in die Wege kam. Am meisten gefiel ihm doch die heimatliche Umgegend, 
sein bajuwarischer Karwendel mit Konigssee, Watzmann und Berchtesgaden, 
dem Oberaudorfer Schlofiberg, welchen er einmal gar mit Kriegern, Rittern und 
den damals beliebten »Reisigen« staffierte. Da es ihm an willkommenen Stoffen 
niemals mangelte, hatte er gar keine Zeit fiir Wiederholungen. So verjiingte 
er sich immer aufs neue. Das iibte er fort zeitlebens und die Schaffensfreude 
litt nicht unter der Last der Jahre. Den Anderen lieC er unbekummert den 
Streit der Meinungen und artistischen Moden, liebenswurdig und duldsam. 
Als mit dem Selbstportrat viele Bilder und Studien im Januar 1909 aus dem 
NachlaG in den Kunstverein kamen, da war in wenigen Tagen alles in festen 
Handen. 

Vgl. Fr. v.. Botticher 1895, Bd. I, S. 361; Kunstvereinsbericht f. 1908, S. 17. 

Hyac. Holland. 



Rau, Adolf, Landschafter, * 5. Mai 1867 zu Frankfurt 
1908 in Munchen. — R. erweckt unser Interesse, weil er erst 



a. M., t 2 4- J un i 
nach seinem Todc 



a 2 R au « Correggio. Carstens. 

als Ktinstler bekannt geworden. Wahrend seiner nach dem Wunsch des Vaters 
betretenen Laufbahn zeigte R. auf seinen Geschaftsreisen nach Hamburg und 
Siid-Amerika grofie Liebe und Verstandnis und das Bestreben, seine artistischen 
Anlagen durch eiferiges Selbststudium zu fordern. Aber spat erst wagte er den 
von Fleifl und Begeisterung geleiteten Schritt, an der Hand tuchtiger Lehrer 
dem innersten Drang seines Denkens und Fuhlens zu folgen. Seltsamerweise 
war es ihm nicht gegonnt zu Lebzeiten in die Offentlichkeit zu treten, welche 
seine warmen leuchtenden Farben, sein scharfes Sehen und feines Empfinden 
fur Luft und Licht erst nach dem Ableben, aus dem im November 1908 zur 
Ausstellung gebrachten Nachlafi, darunter eine »Vermoderte Schleuse* kenneh 
und schatzen lernte. So konnte man unter Hinblick auf Chateaubriands «Me- 
moires d'outre tombed von Rau, sprechen als einem »Maler nach dem Tode« 
oder von seinen »Bildern aus dem Grabe«. 

Kunstvereinsbericht f. 1908, S. 20. H y a C H O 1 1 a n d. 

Correggio, Max, Landschafts- und Tiermaler, * 21. Juli 1854 in Munchen, 
| 12. Mai 1908, — C. war Sohn und Schuler des aus Wolfratshausen stammenden 
Hoftheatersangers und Stillebenmalers Josef C. (• 1810, f 1891), bildete sich 
an der Akademie in der Zeichnungsschule des Kupferstechers Johanfi Leonhard 
Raab und in der Malklasse bei Wilhelm von Diez und errang mit seinen Sport - 
bildern und Portrats bald bei alien Nimrod-Jungern einen geachteten Namen. 
Dazu verhalfen ihm die »Uberraschten Wilderer«, »Forsters Lieblinge«, »Treib- 
jagen« und der anmutende figurenreiche »Knodelbogen« mit dem gefalligen 
Arrangement von Portrat, Tierbild und Landschaft. Ein lebensgroBes Bildnis 
schilderte den Reichsrat von Poschinger als Jager, ebenso den Prinzregenten 
Luitpold inmitten seiner beiden Sohne auf der Fasanenjagd. Auch lieferte C. 
Ehrenscheiben, beispielsweise zu dem von der uralten Munchener Hauptschiitzen- 
gesellschaft gegebenen HochzeitsschieBen zur Feier der Vermahlung des PrJnzen 
Ruprecht mit der schonen Herzogin Marie Gabriele. Ein Gehirnschlag endete 
unerwartet, so recht wnedia in vita* die Tatigkeit des Kunstlers, dessen Bilder 
durch Holzschnitt und Photographie die weiteste Verbreitung fanden. Vgl. 
beispielsweise das Doppelbild »Beim Treibjagen« in (Jber Land und Meer 1885, 
S. 1208 und 1209. 

Fr. v. Botticher 1895, Bd. i, S. 190; Kunstvereinsbericht f. 1908, S. 15. 

Hyac. Holland. 

Carstens, Julius Viktor, Landschafts- und Genremaler, * 29. November 
1849 in Nusse bei Lubeck, f 15. November 1908 zu Pasing-Munchen. — C. 
war Sohn eines Arztes, zum kaufmannischen Beruf (Tuchhandlung) bestimmt; 
trachtete, aus sich selbst heraus, in voller Begeisterung fur die Kunst, Maler 
zu werden, er uberwand alle Hemmnisse und errang die ersehnte Ausbildung 
zuerst bei Paul Thumann in Weimar, der damals auf der Hohe seines Ruhmes 
stand, dann bei Ferdinand Wilhelm Pauwels, welcher ihn mit den hollandischen 
und belgischen Galerien bejcannt machte. So kam C. als ein Fertiger 1875 nach 
Munchen, wo er im Wetteifer mit Weishaupt, Holmberg, Stabli, Schwaben- 
Meyer, Ernst Zimmermann, B. von Cederstrom, Gussow, Schachinger, Hocker, 



Carstens. Frank. 43 

Dill urtd Arthur Langhammer ebenso anregend wirkte, wie seine Individuality 
weiter fordernd behauptete. Obwohl zum guten Teil der Sezession entstammend, 
hielt er sich doch immer, eigener Intention folgend, abseits derselben. So wurde 
er zwar kein Maler der Mode, auch kein Hausseobjekt fiir den Kunsthandler- 
kurs, der aber das stolze »anch'io sono pittore« im edelsten Sinne beanspruchen 
konnte. Der sonnige Widerschein des Lebens lacht aus alien seinen, Land- 
schaft und figurliche Darstellung in gluckhafter Wechselwirkung verbindenden 
Bildern. Dazu gehoren ein klosterlicher Auerhahnjager h. la Scheffels »Moengal« 
oder »Romaias«; ein im stillen Park lesendes Damchen; vergniiglich auf dem 
Schneeweg zur Schule wandernde Kinder; die ungezierte Szene eines im bauer- 
lichen Kostum »Vor dem MaskenbalW im Boudoir sich putzenden Madchens; 
das in einem Korbe vor der Klosterpforte entdeckte »Findelkind«; die »In 
unruhigen Zeiten« ihre kostbaren liturgischen Gewande und Gerate bergenden 
Monche; ein frohlich »Maifest« mit blumengeschmiickten Madchen; herzerfreu- 
liche »Mildtatigkeit«; auch ein ernstes ^Memento mori% »Abschied« der Braut 
im mutterlichen Heim, wobei die Freude am Glanz schoner Seidengewebe das 
potenziert Malerische zum virtuosen Ausdruck bringt. Dazwischen gingen 
mehr oder minder, immer aber anziehend staffierte »Interieurs« aus Kreuz- 
gangen, Burg- und Stadtestuben, wirklich jubelnde Farbensymphonien mit 
Obst- und Blumen-Stilleben, in verbliiffender Spezialitat: »Wer so zu malen 
versteht, hat ein Anrecht auf alle Zeiten«. Heilbringender als ehebevor 
sein namensverwandter Landsmann, der Historienmaler Asmus Carstens, 
hatte er sich die eigenen Wege bleibend gebahnt. Darin waren beide 
gleich: Jeder nahm das Schone, wo und wie er es fand, und brachte dasselbe 
in adaquater Art zum gefalligen Ausdruck. — Ruhmenswert war seine 
stets hilfsbereite, offene und gutige Hand. Lange Krankheit behinderte 
schliefllich sein eifriges Schaflfen. Nach Wunsch wurde der Kunstler in einem 
stillen Winkel des Pasinger Friedhofes zur letzten Rast gebettet. Sein 
Nachlafi fand willige Freunde. 

Vgl. Fr. v. Botticher 1891, Bd. i, S. 162; Singer 1895, Bd - J » s - 2 3 2 i Nr - I0 5 d - MOn " 
chener Ztg., 6. Mai 1909; Nek (von Alex Braun), im Kunstvereinsbericht 1908, S. 14 f. 

Hyac. Holland. 

Frank, Julius, Historienmaler, * 11. April 1826 in Munchen, f 30. April 
1908 ebendaselbst. — F. fand, mit griindlicher Vorbildung ausgestattet, durch 
seinen Vater, den als Lithograph und Porzellanmaler, insbesondere aber durch 
Wiederentdeckung der altdeutschen Glasmalerei-Technik hochverdienten Michael 
Sigmund F. (* 1. Juni 1770 in Niirnberg, f 16. Januar 1847 in Munchen), 
fnihzeitig Aufnahme an der Akademie, wo er sich unter Johann von Schraudolph 
dem »historischen Fach« widmete und bei einer Konkurrenz um ein Altarblatt 
fiir die Kirche zu Dinkelsbiihl mit einem wohlberitten ritterlichen Drachen- 
stecher St. Georg den ersten Preis errang. Nun folgte weitere Gelegenheit, 
sich als tiichtiger 01- und Freskomaler zu bewahren, so dafi ihn der schwer- 
kranke Josef Anton Fischer (1814 — 59) an seiner Stelle edelmutig zur Aus- 
fiihrung eines grofien Freskenzyklus an das Colleg in Stonyhorst (England) 
empfahl, welchen F. mit Franz Wurm (1818 — 65) zur vollsten Zufriedenheit 
der Auftraggeber loste. Durch diese Leistung gelangte F. auch in der Heimat 



44 Frank. 

zur verdienten Anerkennung, wo man ihn allgemach mit sechs Wandbildern 
(i860-— 64) fur die historische Galerie des damaligen Munchener National- 
Museums mit Szenen aus der fruheren Geschichte Schwabens betraute, darunter 
das Martyrium der heiligen Afra, die Christianisierung des Allgau, auch die 
Darstellung der »Lechfeldschlacht Kaisers Otto gegen die Ungarn«, welche 
durch Leo Schoningers Galvanographie weite Verbreitung erreichte. In den 
nachsten Jahren erhielt die Kirche der Philippiner -Kongregation zu Gostyn 
(Posen) ihren Bilderschmuck, wozu F. die Kartons in der Winterzeit zu Miinchen 
zeichnete, welche in den folgenden drei Sommern (1865 — 67), unter Assistenz 
des weniger bekannten Nikolaus Baur zur Ausfuhrung gelangten, darunter 
die grandiosen Gestalten der »Kirchenvater«, eine innige »Anbetung der heiligen 
drei Konige«, eine »Darbringung im Tempek und der durch Schonheit der 
Linien und innige Ergriffenheit ausgezeichnete »Tod der heiligen Jungfrau« 
(wozu die sorgfaltig gezeichneten Entwiirfe noch auf der retrospektiven Mun- 
chener Kunstausstellung [1908] zutage traten). Weiter folgten eine sinnige 
»Allegorie« in den Arkaden des sudlichen Munchener Camposanto an Dr. Harters 
Familiengruft; eine Personifikation der »Sieben ritterlichen Tugenden« {»Probi- 
tates*), nebst den vier »Jahreszeiten« im Ahnen- und Speisesaal des Fursten 
zu Wolfegg, eine Serie von Marchen im Palais Schwab zu Wien und ahnliche, 
anmutige Arbeiten. Inzwischen entstanden viele Altarbilder, Kartons und 
Zeichnungen zu Glasgemalden, teilweise auch im Auftrage Liidwig II. fur die 
Hof kirche der k. Residenz; auch staffierte F. ein grofies das Bankett der Sankt 
Georg-Ritter darstellendes Aquarell Friedrich Eibners mit zahlreichen Portrat- 
figuren, ebenso assistierte er seinem Schwager Wilhelm Hauschild bei dem im- 
posanten Bilderschmuck im Thronsaal des Schlosses Schwanstein. Nur wenige 
von F.s Schopfungen gelangten durch Photographie in die Offentlichkeit. Da- 
gegen fanden viele seiner fruheren religiosen Genrebilder und Idyllen in kleinen 
Stahlstichen von Kracker, Barf us u. a. durch den Verlag von G. Manz in Re- 
gensburg, die weiteste Verbreitung. Sie trugen die Signatur gewissenhaft 
durchgebildeter Form und idealer Schonheit : Die Kunst gait ihm als ein heiliger, 
lebenveredelnder Beruf. — Als Epigone von Cornelius und Heinrich HeC, ein 
getreuer, dankbarer Schuler des in feierlicher Haltung und Faltenwurf dahin- 
schreitenden Schraudolph- Stiles, hatte er einen groflen Teil der grandiosen 
Ara Konig Ludwig I. mit erlebt und hielt diese artistischen Traditionen in 
hochsten Ehren. F. war die lebendige Chronik jener nur zu schnell verrauschten 
schonen Zeit und besafi eine Fulle von Erinnerungen, die er anmutend und 
bereitwillig erzahlte; leider ist davon nichts schriftlich aufbehalten. Der neueren 
darauf folgenden stark realistischen und in ihren Auswuchsen oft hochst un- 
schonen Stromung gegeniiber verteidigte er mit streng historischem Gerech- 
tigkeitsgefiihl seine Position, bereitwillig die wohlberechtigten Anspruchc der 
Neuzeit anerkennend. — Durch zwei Dezennien fiihrte F. umsichtig die Vor- 
standschaft des nun schon vor funfzig Jahren begriindeten Vereins zur Pflege 
der christlichen Kunst. Als erganzender Gegensatz zu dem tiefen Ernst seiner 
Schopfungen trat sein goldener, nie versagender Humor bei jeder Gelegenheit, 
bei alien damaligen Kunstlerfesten, bei den Faschings- und Maienspielen »Jung- 
Miinchens« mit dramatischen Inszenierungen vielfarbig und werktatig hervor, 
ein beneidenswertes Theaterblut beweisend, auch bei verschiedenen ernst- 
klassischen Privatauffuhrungen im k. Residenztheater, wo ihm ob seiner buhnen- 



Frank. David. 



45 



gerechten Sprache und des reif durchdachten Spieles Auszeichnung zuteil 
und Anerbietungen von hochstehenden Dramaturgen gemacht wurden, sich 
ganz der heroischen Buhnenlaufbahn zu widmen. F. aber blieb seiner Palette 
getreu, entsagte dem Kothurn, um auf den leichtbeschwingten Soccus einer 
unverwiistlichen Laune seine Uberraschungen, auch noch in spateren Freundes- 
kreisen, bei den Familienabenden und den Ehrentagen der »Kunstgenossen- 
schafU und des »Sangerverein« ausstromen zu lassen, wofur ihm aus Anlafl 
des achtzigsten Wiegenfestes voile Vergeltung in treuer, unverbriichlicher 
Freundschaft erbliihte. — Sein schoner, feinmodellierter Kopf wurde haufig 
von Plastikern und Portratmalern gesucht, zuletzt noch von Fritz Steinmetz- 
Noris und Leo Samberger. F. fand, von einem Automobil angerannt, unerwartet 
den Tod. Auktion seines Nachlasses bei Mossel, 7. Februar 1908. 

Vgl. C. v. Spruner, Wandbilder des Bayer. Nat.-Museums 1868, S. 4, 522, 611; Fr. v. 

Botticher 1891, Bd. 1, S. 320; Nekr. in: Die Chris tl. Kunst, 1. Juli 1908, S. 239 ff.; Kunst- 

vereinsbericht f. 1908, S. 16; Max Furst u. Franz Wolter: Festschrift d. Vereins. f. Christl. 

Kunst 1910, S. 35, 48, 139. 

Hyac. Holland. 

David, Anton Johann Ludwig Pascal, Chefredakteur der StraBburger 
Post, * 8. Dezember 1850 zu Duren (Rheinprovinz), f 2 7- Marz 1908 zu Strafi- 
burg i. E. — Einer ursprunglich im Elsafl ansassigen katholischen Familic 
entsprossen, Sohn eines koniglich preuBischen Forstadministrators, trat D. 
nach Erlangung des Gymnasialreifezeugnisses in den Postdienst ein. Nach 
mehrjahriger praktischer Dienstleistung wurde er am I. April 1876 zum kaiser- 
lich deutschen Postamte in Konstantinopel versetzt, dessen mit besonderer 
Sorgfalt ausgewahlte Beamte uber eine grofle Fahigkeit im Erlernen und Be- 
herrschen fremder Sprachen verfugen mufiten, ein Talent, das bei D. besonders 
stark entwickelt war. Er blieb dort bis zum Herbst 1879. Seine Brief e und 
Stimmungsbilder aus Konstantinopel, die in der Kolnischen Zeitung zum Ab- 
druck kamen, zeigten schon von Anfang an bedeutende journalistische und 
literarische Qualitaten und lenkten die Aufmerksamkeit des Verlegers Schultze 
und des Chefredakteurs Dr. Schmits auf den Verfasser. Auch erwarb er sich 
durch eifriges, haufig mit grofler personlicher Gefahr verbundenes, Studium 
des Volkslebens eine genaue Kenntnis der mohammedanischen Anschauungen, 
Gebrauche und Sitten. Infolge eines Konfliktes mit dem Reichspostamte 
zuruckberufen und durch eine Strafversetzung nach Bromberg gemafiregelt, 
schied D. im Marz 1880 aus dem Postdienste aus und trat in die Redaktion 
der Kolnischen Zeitung ein, an deren Spitze als Verleger inzwischen August 
Neven Du Mont getreten war. In dieser Stellung tat er sich durch politischen 
Scharfblick und bedeutende Arbeitskraft derart hervor, dafi er schon 2 Jahre 
spater als Chefredakteur der vom Verlage der Kolnischen Zeitung begriindeten 
StraOburger Post berufen werden konnte. Durch die kluge und maflvolle, stets 
auf das Erreichbare gerichtete, konsequente, jeder sprunghaften Politik ab- 
holde Haltung des von ihm geleitcten Blattes wuBte D. der ungeheuern Schwie- 
rigkeiten, mit denen eine unabhangige deutsche Zeitung in ElsaB-Lothringen 
zu kampfen hatte, Herr zu werden und die Strafiburger Post zu einem wich- 
tigen, von Regicrung, Volk und Volksvertretung gleichmafiig beachteten, Faktor 
im politischen Leben des Reichslandes zu machen. Wahrend der Regierungszeit 



46 David. 

des ersten Statthalters, Feldmarschalls von Manteuffel, stand D. in scharfer 
Opposition zur Regierung, da er die mit halben Mafiregeln arbeitende, auf 
personliche Augenblickserfolge ausgehende, die fur die Zukunft vorsorgende 
Kleinarbeit verschmahende, personliche Politik des Statthalters als der Sache 
des Deutschtums schadlich erkannte. Der Ausfall der Septennatswahlen 1887 
bewies, wie richtig D. geurteilt, und fiihrte zu einem vollstandigen System- 
wechsel in Gesetzgebung und Verwaltung. Gegenuber allem Sturmen und 
Drangen, gegenuber voreiligem Optimismus wie mutlosem Pessimismus vertrat 
D. die Anschauung, dafi ein Volkerverschmelzungs-Prozefi, wie er im Reichslande 
vor sich geht, zu seiner Vollendung nicht einige Jahre, sondern mehrere Jahr- 
zehnte brauche, dafi nicht wir, sondern erst kommende Generationen sein Ende 
erleben, seine Friichte ernten werden. Fur seine Haltung in alien Fragen der 
reichslandischen Politik stellte D. den Grundsatz auf: »Den Freunden Freund, 
den Lauen gegenuber kalt, den Feinden Feind!« Im Hinblicke auf die der 
deutschen Verwaltung im Reichslande entgegenstehenden Schwierigkeiten lieB 
D. die kritische Seite seiner journalistischen Tatigkeit etwas zuriicktreten, 
wufite jedoch dabei seine voile Unabhangigkeit jederzeit zu wahren. D. besafi 
in hohem Mafie alle die Eigenschaften, die den vollendeten Journalisten aus- 
machen: umfassende Bildung und Welterfahrung, vielseitige geistige Interessen, 
grofie Menschenkenntnis, glanzenden Stil, ein nie versagendes Gedachtnis, die 
Fahigkeit, sich in jede Materie schnell und sicher einzuarbeiten, neue Quellen 
zur Tagesgeschichte zu erschliefien und restlos zu erschopfen, feines Taktgefiihl 
und unbedingte Diskretion. Auf einem aufiergewohnlich expoinerten Posten 
stehend, hatte er viele Gegner: seine Stellungnahme in den Kampfen fiir 
und wider Bismarck nach dessen Entlassung wurde von alldeutscher 
Seite herb getadelt; die franzosisch gesinnten Elemente, die sich mit den 
neuen Verhaltnissen in Elsafi-Lothringen nicht versohnen wollten, hafiten 
und fiirchteten ihn wegen der Unerschrockenheit und Unerbittlichkeit, mit 
der er der politischen Brunnenvergiftung entgegentrat. Seine Eigenschaften 
als Politiker und Journalist aber wurden von Freund und Feind, von alien 
Parteien ohne Ausnahme anerkannt und verschafften ihm im Verein mit 
der Lauterkeit seines Charakters, seiner personlichen Liebenswiirdigkeit 
und Hilfsbereitschaft gegen jedermann im Laufe der Zeit eine ganz einzig- 
artige Stellung unter den deutschen Journalisten, einzigartig wie die Lauf- 
bahn, die er vom jungen Postbeamten zum Leiter einer der bedeutendsten 
deutschen Zeitungen zuriickgelegt hatte. In erhebender Weise trat dies 
zutage bei der Jubelfeier der Strafiburger Post im April 1907 und namentlich 
bei seinem nach langer qualvoller Krankheit durch ein Herzleiden herbei- 
gefiihrten Tode. — Die bedeutenderen deutschen Zeitungen aller Richtungen, 
von der aufiersten Rechten bis zur Sozialdemokratie, widmeten ihm mehr 
oder weniger eingehende Nachrufe, unter denen der der Strafiburger Post 
Nr. 337, 28. Marz 1908, hervorzuheben ist. — Eine Auswahl der Konstantinopeler 
Briefe (mit Portrait) erschien nach seinem Tode im Verlage von Josef Singer, 
Straflburg i. E., 1909. 

Quelle: ♦Pascal David und die politische Entwicklung Elsafi-Lothringens 1882 — 1907*. 
Von Martin Berger (Munchen 1910, J. F. Lehmanns Verlag). 

Martin Berger. 



Zeller. 



47 



Zeller, Eduard, Universitatsprofessor der Philosophic, * d. 22. Januar 1814 
in Kleinbottwar (bei Marbach), f d. 19. Marz 1908 in Stuttgart. — Am 19. Marz 
1908 ist Eduard Zeller zu Stuttgart, wo er seit 1894 ein otium cum dignitate 
verbracht hat, im Alter von 94 Jahren gestorben. Vier Jahre zuvor haben die 
Festlichkeiten und Auszeichnungen zu seinem neunzigsten Geburtstag noch 
einmal Zeugnis abgelegt von dem hohen Ansehen und der allgemeinen Ver- 
ehrung, die der greise Gelehrte weit uber den Kreis seiner nachsten Fachge- 
nossen hinaus genoB; mit Recht hat man ihn bei diesem Anlafi mit Ranke 
und Mommsen, mit Helmholtz und Virchow zusammengestellt, an Jahren hat 
er sie alle, auch Ranke, den altesten von ihnen, weit hinter sich gelassen. 

Den aufleren Gang seines Lebens hat er uns selber erzahlt in den liebens- 
wurdigen »Erinnerungen eines Neunzigjahrigen«, die bald nach seinem Tode, 
zunachst als Gabe fiir den engeren Kreis der Freunde bestimmt, im Druck 
crschienen sind. Wir konnen uns daruber kurz fassen, denn es war — nehmt 
alles nur in allem! — ein schlichtes deutsches Gelehrtenleben mit wenig aufler- 
lich Bemerkenswertem, dafur aber um so reicher an innerem Gehalt und um 
so kostlicher durch die Fulle der Arbeit, die darin geleistet worden. 

Geboren ist Eduard Zeller am 22. Januar 1814 zu Kleinbottwar in der 
Xahe von Marbach, wo sein Vater 42 Jahre lang erst Stabsamtmann, dann 
im Dienste des Geheimrats v. Kniestadt gutsherrschaftlicher Rentamtmann 
gewesen ist. Die Eltern waren tiichtige Menschen. »Eine aufrichtige, aber durch- 
aus praktisch gerichtete, in dogmatischer Beziehung weitherzige und duld- 
same Frommigkeit bildete den festen Untergrund ihrer Lebensfiihrung.« 
Die gesunde, kraftige und kraftigende Luft des Rationalismus also, der alle 
religiosen Ubertreibungen und alle blofi aufierlichen Religionsubungen ablehnte 
und es dafiir mit der Pflichterfullung um so strenger nahm, war es, die den 
Knaben im Elternhaus umgab. Und auch hier ging neben des Vaters ernstem 
Fuhren das lebhafte Temperament und das weiche Gemtit der Mutter mildernd 
und Frohsinn um sich verbreitend einher; ihr stand dieser Sohn, das achte unter 
ihren neun Kindern, besonders nahe. Schon als kleines Kind hing er mit grofler 
Zartlichkeit an ihr und sie vergalt diese Anhanglichkeit mit einer Liebe, durch 
die sie sich selbst dem Verdacht aussetzte, ihn ein wenig zu bevorzugen. In- 
mitten der zahlreichen Geschwisterschar, aus der sich neben ihm spater noch 
andere der Briider in geistlichen und weltlichen Amtern seines schwabischen 
Heimatlandes hervorgetan haben, wuchs Eduard frohlich und kraftig heran, 
von Anfang an ganz selbstverstandlich gleich einem alteren Bruder zur theo- 
logischen Laufbahn bestimmt, die ja in Wurttemberg ihren vorgezeichneten 
Gang durch Seminar und Stift zu nehmen hat. Dieser Wcg aber fiihrt durch 
die enge Pforte des zu jener Zeit noch dreimaligen »Landexamens«, und deshalb 
muflte der Knabe fruhe schon, mit acht Jahren, aus dem Elternhaus fort einer 
der Lateinschulen iibergeben werden, die sich der Vorbereitung auf diesen Kon- 
kurs mit besonderem Eifer und Geschick unterzogen. Im Haus und in der 
Schule des Prazeptors Scheid in Backnang hat es Zeller gut getroffen, und 
da er ein begabter und leicht lernender Knabe war, hat er auch die Anstrengung 
dieses allzufruh einsetzenden Drills ohne nachteilige Folgen fur seine Gesundheit 
auf sich nehmen konnen. Seine Lieblingsfacher waren hier schon Griechisch 
und Geschichte, so berichtet er selber. DaO er dann im Fruhjahr 1827 vor 
dem Eintritt in die klosterliche Stille des Seminars noch ein halbes Jahr in 



4 8 teller. 

Stuttgart "das Gymnasium besuchen durfte und dabei allerlei groflere Ver- 
haltnisse und interessantere Menschen kennen lernte, als dies in dem kleinen 
Backnang moglich war, hat er selbst mit viel Befriedigung als Wohltat und 
Vorzug empfunden. Das Landexamen zu bestehen, machte ihm natiirlich keine 
Schwierigkeit, und in die Einsamkeit Maulbronns und in die strenge Disziplin 
des damaligen Klosterlebens fand sich der fleiflige Junge ohnedies leicht. Das 
freundschaftliche Verhaltnis zu einem seiner Lehrer, dem Repetenten Albert 
Binder, trug dazu von Anfang an nicht wenig bei. Unter den Kameraden war 
neben ihm der begabteste Hermann Kurz, der bekannte Dichter von »Schillers 
Heimatjahren« und den »beiden Tubus*, dem Zeller im Seminar auch besonders 
nahe stand. Bedeutsam war, dafl hier in Maulbronn einige Sommermonate 
hindurch David Friedrich Straufl als Professoratsverweser sein Lehrer ge- 
wesen ist: so kniipfte sich schon damals jenes Freundschaftsband, das sich 
dann ein ganzes Leben lang haltbar und fest erwiesen hat. Als Lehrer fesselte 
ihn StrauB durch die Klarheit und Lebendigkeit seines Unterrichts, Eigenschaften, 
die ihm dann freilich noch mehr auf dem Katheder in Tubingen entgegentraten. 

Im Herbst 1831 bezog Z. als Angehoriger des evangelisch-theologischen 
Seminars die Universitat Tubingen. Wie in Maulbronn, so fand er sich auch 
hier ohne Muhe zurecht und empfand auch die Beschrankungen, die dem Stiftler 
damals noch mehr als heute auferlegt waren, nicht so druckend, dafl er sich 
dadurch den Genufl der Universitatsjahre hatte verkummern lassen. Von den 
Lehrern fesselte ihn in seinen ersten philosophischen Semestern neben Straufl, 
der die Hegelsche Philosophic von Berlin mitbrachte und sie als ihr erster 
Apostel in Tubingen lehrte, besonders Uhland, in dem er nicht blofl den Dichter 
und geistvollen Lehrer, sondern vor allem auch den charaktervollen und unab- 
hang'gen Menschen verehrte. Als die wurttembergische Regierung dem frei- 
sinnigen Mann den Urlaub fiir den Landtag verweigerte und Uhland darauf 
mit der Niederlegung -seiner Professur antwortete, haben ihm die Studenten 
einen Ehrenbecher uberreichen lassen durch eine Deputation, an deren Spitze 
Z. das Wort zu fiihren hatte. 

Im vierten Semester ging es von der Philosophic zur Theologie. Der Fiihrer 
hier war Ferdinand Christian Baur, dessen Einflufl auf Z. alsbald bestimmend 
geworden ist. So reihte er sich von Anfang an in die Tubinger Schule ein, 
wenngldich Baurs Untersuchungen liber das Neue Testament und das Ur- 
christentum damals noch lange nicht so weit gingen und noch nicht zu so urn- 
fassenden und allseitig gesicherten Ergebnissen fuhrten, wie es um ein Jahr- 
zehnt spater der Fall war. Hat doch Z. erst Baur auf die Unvereinbarkeit 
der Berichte uber das sogenannte Apostelkonzil im 15. Kapitel der Apostel - 
geschichte und im 2. Kapitel des Galaterbriefs aufmerksam gemacht. In 
diesem seinem Lehrer trat ihm die eigenartige Verbindung von groflzugigem 
historischem Sinn und spekulativer Tiefe besonders imponierend entgegen; 
sie gab auch seiner Art, geistigen Stromungen und Entwicklungen nachzugehen 
und sie konstruktiv nachzuschaffen, soweit dazu nicht schon durch das Studium 
der Hegelschen Philosophic der Grund gelegt war, Vorbild und Richtung. Der kri- 
tische Geist war dabei die Lebensluft, die den jungen Mann umgab und in der 
er atmete und sich wohl f iihlte : etwas wie einen Bruch oder eine geistige Umwalzung 
bedurfte es bei diesem klaren, kiihlen Kopfe nicht; auch war er ja an freieres 
Denken schon vom Elternhaus her gewohnt. Und aus dem Eigenen kam dann 



Zeller. 49 

noch jene Andacht zum Kleinen hinzu, eine in Schwaben nicht eben haufig zu 
findende Akribie in philologischer Einzelarbeit, die den philosophischen auf 
das Ganze und in die Tiefe gehenden Zug in ihm glucklich erganzte. So hat 
er sich nicht blofi liber den Gegensatz zwischen Juden- und HeidenChristen- 
tum in weiten und grofien Zusammenhangen seine Gedanken gemacht, sonjdern 
ebenso gewissenhaft auch liber den Wortervorrat der neutestamentlichen 
Schriftsteller statistische Tabellen angelegt. 

Nachdem er in seinem letzten Studienhalbjahr mit Freund Straufi, dem 
er wahrend dessen Repetentenzeit im Stift nur immer naher gekommen war, 
das Erscheinen des »Lebens Jesu« und die Enthebung vom Tiibinger Lehramt 
in voller wissenschaftlicher und menschlicher Anteilnahme durchlebt hatte, 
beschlofl er das theologische Studium durch eine grlindliche Zusammenfassung 
der Ergebnisse seiner bisherigen Arbeit und durch ein glanzendes Examen 
mit der damals schon selten gewordenen Note la. Doch blieb er zunachst noch ein 
Semester in Tubingen, um die griechische und vor allem die platonische Philo- 
sophic griindlich zu studieren, da er liberzeugt war, dafi sie nicht nur an der 
Fortbildung, sondern auch schon an der Entstehung der christlichcn Religion 
einen viel grofleren Anteil habe, als man bis dahin gewohnlich angenommen 
hatte. Die Frucht dieses Studiums war eine groflere Arbeit liber »Philosophie, 
Platonismus und Christentum«, in der sich der Zusammenhang und der Uber- 
gang vom Theologen zum Philosophen bereits anklindigte. Nach kurzen kirch- 
lichen Dienstleistungen als Vikar in Nellingen (bei EBlingen) und nachdem er 
sich — nicht wie er wollte, durch eine Dissertation liber Platons Gesetze, sondern 
durch eine altere Preisarbeit liber die Beziehungen zwischen Griechenland 
und Agypten bis auf Herodot — zuvor noch den Doktorhut in Tubingen er- 
worben hatte, trat er im Herbst 1836, begleitet von seinem Freund Gustav 
Bockshammer (gestorben als President des Studienrats in Stuttgart) die lib- 
liche Kandidatenfahrt nach Berlin an, wo er wohl empfohlen von den slid- 
deutschen Hegelianern, vor allem von StrauB, bei Marheineke und Gans, bei 
Vatke und Hitzig und im Hause von Hegels Witwe freundliche Aufnahme fand. 
Da Hegel und Schleiermacher tot waren, hatte der Schliler von Baur und 
Straufi fur sein eigentliches Studium in Berlin freilich nicht allzuviel mehr 
zu lernen. 

Nach der Ruckkehr in die Heimat, wo inzwischen sein Vater gestorben 
war, und nach kurzer Verwendung erst im Kirchendienst als Vikar in Tubingen, 
dann im Schuldienst als Repetent am Seminar zuUrach, kehrte er im Mai 1839 
als Repetent ins Stift nach Tubingen zurlick. Der Historiograph des Repetenten- 
kollegiums aus jener Zeit hebt mit Stolz hervor, dafi Z. in das Kollegium 
venerabile einen solchen »Glanz« schon mitgebracht habe, wie vor ihm noch 
keiner; waren doch unmittelbar vor seinem Eintritt seine »Platonischen Studien« 
erschienen, die auf jene Arbeit seines letzten Tiibinger Semesters zurlickgingen, 
und hatte er sich liberdies als Mitarbeiter der Berliner und der Halleschen 
Jahrblicher bereits einen angesehenen und als Kritikerteilweisesogar schon einen 
geflirchteten Namen gemacht. Daneben aber riihmt derselbe Berichterstatter 
an ihm den wohltatigen EinfluB seiner »Familientugend, der Sophrosyne«, 
die er also jung schon sich erworben hatte und die sich schon damals im Ver- 
kehr mit Menschen glucklich und spurbar betatigte. Wissenschaftlich aber 
bcgniigte er sich nicht mit dem sozusagen angeborenen Recht des Stiftsrepe- 

Biogrr. Jahrbuch u. Deutschcr Nekrolog-. 13. Bd. 4 



c o Zeller. 

tenten, Vorlesungen zu halten, sondern erwarb sich schon 1840, gestiitzt auf 
den Erfolg, den er von vornherein als Dozent gehabt hat, den besseren Rechts- 
titel zur venia legendi durch die Habilitation als Privatdozent der Theologie 
an der heimischen Universitat. 

.Sieben Jahre lang ist Z. in dieser bescheidenen Stellung geblieben 
oder belassen worden, obgleich er sich nicht nur seit 1842 als Herausgeber der 
»Theologischen Jahrbucher«, des fuhrenden Organs der Tubinger Schule und 
der geistvollsten theologischen Zeitschrift aller Zeiten, sondern auch durch das 
Erscheinen des ersten Bandes seiner »Philosophie der Griechen« im Jahre 1844 
langst schon den Ruhm eines der bedeutendsten Kritiker und Gelehrten auf 
theologischem und philosophischemGebiet zugleich erworben hatte. Tubingen hatte 
fur ihn keinen Platz, er war der im Lande herrschenden pietistischen Partei- 
richtung und der von ihr beeinflufiten Regierung ein Dorn im Auge, war zu 
freidenkend, zu kiihn und zu voraussetzungslos, um auch nur als philosophischer 
Extraordinarius in Tubingen festgehalten zu werden. Dem Meister und Haupt 
der Schule, Baur selbst, konnte man ja nicht beikommen, ihn schiitzte als 
Ordinarius damals schon die akademische Lehrfreiheit; dafur traf man ihn 
in seinen Schiilern: Straufi wurde »removiert«, Vischer suspendiert, Zeller 
und Schwegler ignoriert und systematisch ubergangen. Immerhin waren es 
schone Jahre, die Z. in Tubingen verlebt hat, und gerne hat er an den geist- 
sprlihenden Kreis zuruckgedacht, der sich allabendlich unter der anerkannten 
Fuhrung Vischers zu belebtester Unterhaltung versammelte und in dem Z. 
selber eines der lebendigsten, angeregtesten und anregendsten Mitglieder war. 
Aber natiirlich griff er doch mit Freuden nach der ersten sich ihm bieten- 
den Gelegenheit und folgte 1847 einem Ruf nach auswarts — als Professor 
der Theologie nach Bern. Einen Augenblick schien es, als sollte es mit und 
bei dieser Berufung ahnlich gehen wie acht Jahre vorher mit der Berufung 
Straufiens nach Zurich: dem Ziiriputsch analog entfachten die Berner Pietisten 
einen »Zellerlarm«, der hier wie dort in erster Linie der radikalen Regierung 
gait. Allein anders als in Zurich behauptete sich diese gegen den Sturm, 
und so blieb es bei der Berufung Z.s, die ihm um so willkommener war, 
als er sich noch vor seiner Ubersiedelung in die Schweiz mit der ebenso tempe- 
ramentvollen wie geistig hochstehenden Tochter seines verehrten Lehrers, 
Freundes und Kampfgenossen Baur verlobt hatte. Am 22. Juni 1847 hat Vater 
Baur das Paar getraut. 57 Jahre lang stand ihm dann die Gattin als treue, 
verstandnisvolle Gefahrtin zur Seite, und darum ist es fur den Neunzigjahrigen 
ein besonders harter Schlag gewesen, als sie ihm am 14. Mai 1904 durch den 
Tod entrissen wurde. Er ist in seiner Familie nicht der einzige geblieben, 
wiederholt hat Zeller erfahren mussen, dafi Leben auch Leiden ist, und sich 
im Tragen und Ausharren von Schwerem und Schwerstem zu beweisen und zu 
bewahren gehabt. Zunachst aber waren es zwei gliickliche Jahre, die er erst 
als Extraordinarius, dann als ordentlicher Professor der Theologie in der Schweiz 
verbracht hat. Mit Beziehung auf ihn und diesen seinen Aufenthalt in Bern 
hat Vischer spater das schone Wort gesprochen: »In Schweizerluft eine Zeit 
als tatiger Mann gelebt zu haben, noch kein Deutscher von gesundem Geistes- 
nerv hat es bereut«. 

Aber die grofien Tage der deutschen Revolution brachten auch Z. den 
Ruf zur Heimkehr in das deutsche Vaterland. Freilich nicht in die schwabische 



Zeller. 



5* 



Heimat, wie er es sich wohl am meisten gewunscht und wie er es am ersten 
verdient hatte, sondern nach Kurhessen, wo ihn das dortige Marzministerium 
fur Herbst 1849 als Professor in die theologische Fakultat nach Marburg berief. 
Allein zwischen Lipp' und Kelchesrand schien diese Wendung seines Geschicks 
noch einmal ruckgangig gemacht werden zu sollen. Die Reaktion hatte in- 
zwischen wieder Oberwasser, und der Kurfiirst, fur den ein gegebenes Ver- 
sprechen niemals ein Grund gewesen ist, etwas zu tun oder zu lassen, war auf 
Vilmars Anregung hin nicht geneigt, Zellers Berufung zu vollziehen. Da fand 
sich nach langem Harren und Bangen in letzter Stunde noch ein Ausweg: 
Z. wurde statt in die theologische in die philosophische Fakultat versetzt — 
*ohne sein Zutun, aber nicht im Widerspruch mit seiner Neigung«. Was bei 
manchen anderen, katholischen wie protestantischen Theologen um ihrer selbst 
willen und noch weit mehr im Interesse des Faches, das sie nun vertreten sollten, 
ein Bedenkliches und Verwerfliches, ein recht ubler Notbehelf gewesen ist, 
das war bei Z. sachlich durchaus moglich und berechtigt und gereichte 
beiden, dem Philosophen und der Philosophic, nur zum Gewinn. Der Kritiker 
der Apostelgeschichte war ja ebenso auch der Verfasser der Philosophic der 
Griechen, als solcher hatte er den Befahigungsnachweis fur das philosophische 
Lehramt durchaus erbracht, und er hat sich dann 45 Jahre lang als ein Meister 
auch in diesem seinem neuen Fach ausgewiesen und bewahrt. War es in Tu- 
bingen der Kreis derer um Baur, dem sich Z. vor allem angeschlossen hatte, 
so waren es in Marburg der Theologe Gildemeister und der Historiker Sybel, 
denen er menschlich und politisch besonders nahe kam, namentlich mit dem 
ersteren verkniipften ihn Bande wirklicher Freundschaft. Dafl er 1859 im Komitee 
zur Schillerfeier mit Vilmar eintrachtig zusammentagte, war fiir Marburg eine 
Art Ereignis. Die Grundung eines segensreich wirkenden Armenvereins ver- 
schaffte ihm bei seinem Abgang das Ehrenburgerrecht der Stadt. 

In einen groBeren Wirkungskreis und erfreulichere offentliche Zustande 
brachte ihn 1862 die Berufung nach Heidelberg, wo er auch sofort mit seiner 
programmatischen Antrittsvorlesung uber »Bedeutung und Aufgabe der Er- 
kenntnistheorie« der Philosophic einen neuen Weg, den Weg »zurtick zu Kant« 
vorzeichnete. Es war dies auch fiir sein eigenes Denken eine epochemachende 
Wendung, bedeutete den Bruch mit der Hegelschen Spekulation, an die er 
sich zuerst als Theologe und Glied der Tiibinger Schule, dann ebenso auch in 
seinen philosophischen Anfangen frei zwar, aber doch eng und scheinbar ganz fest 
angeschlossen hatte, bedeutete das Eingehen auf die empiristische und reali- 
stische Stromung der Zeit uberhaupt. In den Zerwurfnissen der Heidelberger 
Professoren, in denen Partei ergriffen werden muBte, als Rektor der Universitat, 
als ihr Vertreter in der badischen Ersten Kammer, als Doktor ihrer theologischen 
Fakultat — iiberall stellte er seinen Mann und uberall wurde sein Name mit 
Ehren genannt. Hier habe auch ich ihn zum ersten Mai kennen gelernt und 
seine liebenswiirdige Selbstverstandlichkeit, die auch dem Jiingeren und noch 
nicht Bekannten so menschlich entgegenkam, dankbar auf mich wirken lassen. 
Politisch stand er in der entscheidungsvollen Zeit vor Koniggratz nicht 
wie sein Freund StrauB von vornherein auf der Seite PreuBens: mit Watten- 
bach und Gervinus war er eifrig fiir das Recht der deutschen Stamme an der 
Nordsee eingetreten und hatte deshalb im ersten Augenblick die Losung, die 
die schleswig-holsteinische Frage durch Bismarck fand, mit seinem Rechtsgefuhl 

4* 



52 



Zeller. 



nicht vereinigen zu konnen geglaubt. Bald genug freilich hat dann auch er 
die Bedeutung und Grofle Bismarcks voll begriffen und gehorte hinfort zu 
dessen begeistertsten Bewunderern und Verehrern. 

1872 kam der Ruf nach Berlin, wo kurz vorher mit Falk in das Kultus- 
ministerium ein neuer freier Geist eingezogen war. Z. nahm es nicht ganz leicht, 
die scheme Neckarstadt mit der nervenzermurbenden Groflstadtluft zu ver- 
tauschen. Aber seine zahe Natur war auch ihr gewachsen, und gewachsen war 
er dem Berliner Leben uberhaupt, so dafi selbst solche, die sonst weniger freund- 
lich von siiddeutscher Art dachten und urteilten, iiber seine geistige »Lebendig- 
keit und Mitteiisamkeit« staunten und seine voile Gleichberechtigung aner- 
kennen muflten. Dafi er auch mit schnabelschnellen Berlinerinnen fertig zu 
werden wuflte, davon hat er uns in den »Erinnerungen eines Neunzigjahrigenn 
selbst ein kostliches Beispiel erzahlt. Durch das wirre Getriebe der Parteien 
und Coterien, das, wie in Berlin uberhaupt, so auch an der dortigen Univer- 
sitat und Akademie oft recht unerfreuliche Formen annimmt, schritt der schlichte 
Mann unberiihrt, gesund an Leib und Seele hindurch und alle bezeugen, daB 
er auch hier wieder durch seine kluge Sophrosyne vielfach ausgleichend, ver- 
mittelnd und versohnend gewirkt habe. Und wieder war es wie in Heidelberg 
ein reicher Kreis von bedeutenden Menschen der verschiedensten Art, unter 
denen sich Zeller als ein Ebenburtiger bald heimisch fiihlte: ich nenne nur 
Curtius und Mommsen, Sybel und Helmholtz und die Landsleute Dillmann, 
Dorner und Otto Pfleiderer. Zu demWertvollsten, was ihm Berlin gegeben hat, 
rechnete er namentlich die Teilnahme an der »Graka«, der er viel wissenschaft- 
liche Anregung und eine willkommene Gelegenheit zur Pflege erfreulicher 
personlicher Beziehungen zu danken hatte. Auch am kronprinzlichen Hof 
war er ein gerngesehener Gast. Die Kronprinzessin (die spatere Kaiserin Fried- 
rich) war ihm besonders zugetan; fiir ihre freigeistigen Aufierungen berief sie 
sich mit Vorliebe auf Z. Umgekehrt riihmt er ihr in seinen Lebenserinne- 
rungen Wifibegierde und Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit und Bescheidenheit als 
Grundzuge ihres Wesens nach und macht damit an seinem Teil gut, was die 
Deutschen im Jahre 1888 an der »Englanderin« miflgetan und verbrochen 
haben. Mit vollem Recht ist Zellers Buste an dem Denkmal der Kaiserin Fried- 
rich in Berlin angebracht worden. 

DaB er alsbald auch Mitglied der Akademie wurde, versteht sich von selbst; 
mehr noch wollte es besagen, dafi ihm 1877 der Orden pour le tnerite und 1882 
der bayrische Maximiliansorden fiir Wissenschaft und Kunst verliehen, er nach 
und nach zum Doktor aller vier Fakultaten kreiert und zum Mitglied einer 
ganzen Reihe von auswartigen Akademien und wissenschaftlichen Gesellschaften 
ernannt und ihm im Jahre 1878 auch in Berlin wieder das Rektorat der Uni- 
versitat tibertragen wurde. Zweiundzwanzig Jahre hat er so als erfolgreicher 
Lehrer, als gewissenhafter und milder Examinator, als hochangesehener, 
einfluflreicher Akademiker und als allgemein beliebter Kollege auch hier 
wieder eine umfassende und fruchtbare Tatigkeit entfaltet; tausende und 
abertausende sind als Horer zu seinen Fiifien gesessen und haben den 
freilich nicht auf den geistreichen Berliner Ton gestimmten, aber durch und 
durch soliden, den niemals rhetorischen, aber in ihrer Schlichtheit urn so 
uberzeugender wirkenden Worten des gelehrten Mannes gelauscht und neben 
reicher Belehrung einen tiefen Eindruck von der Echtheit und edeln Wurde 



Zeller. 53 

eines solchen ganz nur der Erforschung der Wahrheit gewidmeten Lebens 
mit davongenommen. 

Bis zu seinem achtzigsten Jahre blieb Z. auf seinem Posten; dann trat er 
im Gefiihl seines Alters, aber nicht des Alt- und Veraltetgewordenseins, 
noch einmal mit Ehren iiberhauft, als Wirklicher Geheimer Rat und Exzellenz 
in den Ruhestand iiber, nicht um hinfort untatig seine Jahre zu verbringen, 
sondern um Jiingeren Platz zu machen und in MuBe tun zu konnen, was ihm 
noch zu tun oblag und moglich war. Diese fast vierzehnjahrige Ruhezeit hat 
er in Stuttgart verbracht, wo der einzige ihm gebliebene Sohn, Professor Dr. 
Albert Zeller, als Chirurg seine Heimat gefunden hatte. So kehrte Eduard Zeller 
zuletzt wieder gewissermaBen zu seinem Ausgangspunkt, als pensionierter 
Professor endiich in seine schwabische Heimat zuriick, die durch ihn weit mehr 
geehrt war, als er von ihr an auBerer Forderung und spat auch noch an Ehrungen 
aller Art erfahren hat, und doch als ein treuer Sohn Schwabens, das er in seinen 
besten, auch draufien in der Feme immer festgehaltenen Eigenschaften dar- 
gestellt und wiirdig vertreten hat. Dafi sein neunzigster Geburtstag im neuen 
Jahrhundert noch einmal ein grofier Tag fur ihn geworden ist, an dem ihm 
von alien Seiten gehuldigt wurde, ist schon erwahnt; ebenso, daB wenige Mo- 
nate darauf seine Gattin, die dem Vater geistesverw r andte Tochter Baurs, der 
er mit Recht »seltene Herzens- und Geisteseigenschaften« nachruhmen durfte, 
durch einen plotzlichen Tod von seiner Seite genommen wurde. DaB es nicht 
allzu einsam um ihn her wurde, dafur sorgten der Sohn mit seiner Familie 
und neben der langjahrigen Hausgenossin, seiner Schwagerin Pauline Baur, 
die vielen Besucher von nah und fern, Bekannte aus alter und auch aus neuer 
und neuester Zeit. 

Zeller war Theologe und Philosoph: das hat uns sein Lebensgang gezeigt, 
das zeigen auch seine Arbeiten. Als Theologe gehorte er zur Tubinger Schule, 
war er ein Schuler von Baur, ein Freund und Kampfgenosse von StrauB, 
und daher wie diese in erster Linie bemuht, die Anfange des Christentums 
historisch aufzuhellen und seine altesten Urkunden kritisch zu erforschen. Sein 
spezielles Arbeitsgebiet war das apostolische Zeitalter, dessen geschichtliche 
Kenntnis er durch seine scharfsinnigen Untersuchungen iiber Inhalt und Ur- 
sprung der Apostelgeschichte wesentlich gefordert hat. Daneben hat er, wie 
ihm ein anderer Meister neutestamentlicher Forschung (Holtzmann) bezeugt, 
»durch lichtvolle Gesamtdarstellungen und Ubersichten fur die Verbreitung 
der Tubinger Resultate innerhalb weiterer Kreise gewirkt«. Aber auch tiefer 
herab in der Geschichte der christlichen Kirche ist er mit seinen Forschungen 
gedrungen und hat dem ihm als Humanisten besonders sympathischen Systeme 
Zwinglis eine eingehende und tiefdringende Darstellung gewidmet. Und endiich 
hat er auch fur die neueste Kirchengeschichte Material geliefert, nicht nur 
durch die ebenso pietatvollen als gerecht abwagenden Monographien iiber 
Schleiermacher, iiber F. Chr. Baur und die Tubinger historische Schule, iiber 
Renan und StrauB, sondern auch durch seine Vorlesungen iiber das Verhaltnis 
von Staat und Kirche, die er gleich im ersten Jahre seines Berliner Lehramts 
gehalten und alsbald auch im Druck hat erscheinen lassen. Dabei war es ihm 
nicht so sehr um eine prinzipielle Auseinandersetzung dieses intrikaten Ver- 
haltnisses zu tun, als vielmehr um eine riickhaltlose Verteidigung der leitenden 
Gedanken des eben damals seinem Hohepunkt zustrebenden Kulturkampfes 



54 



Zeller. 



und der Falkschen Maigesetzgebung. Veranlaflt sah er sich dazu, wie er selbst 
sagt, »hauptsachlich durch die Wahrnehmung, dafi der Berliner Freisinn tiber 
das Wesen und die Tendenzen der katholischen Hierarchic sehr schlecht unter- 
richtet und nur zu geneigt war, die unveraufierlichen Aufsichtsrechte des Staates 
tiber die Religionsgemeinschaften um der vermeintlichen Religionsfreiheit 
willen preiszugeben«. So war die Schrift eine Gelegenheitsschrift und als solche 
nicht eine grundsatzliche Losung des alten, nie gelosten Problems, sondern 
mehr nur ein Dokument zur Geschichte jener schicksalsvollen Tage. Und 
doch oder eben deshalb — wenn wir sie heute wieder lesen, blicken wir mit 
Neid auf jene grofie Zeit und auf die frische, frohliche Art dieses Kampfes 
gegen die immer ultramontaner werdende und immer gleich herrschsiichtige 
Kirche zuruck: quantum mutatus ab Mo! mussen wir beschamt gestehen. 

Auch systematisch hat sich Z. in seinen theologischen Anfangen mit theore- 
tischen, freilich schon in das philosophische Gebiet heriiberfiihrenden Fragen be- 
schaftigt. Seine lichtvolle Abhandlung iiber das Wesen der Religion in den Theo- 
logischen Jahrbiichern, die bei aller Selbstandigkeit doch die Herkunf t von Straufl 
und Feuerbach nicht verleugnen kann und will, hat vielen das Verstandnis 
fur dieses tiefste Erlebnis des Menschen erschlossen; seine Aufsatze iiber das 
Bose und die sittliche Weltordnung haben sich um die Losung dieser schwierig- 
sten Probleme des Daseins ernstlich bemiiht und eine solche vom Hegelschen 
Standpunkt und vom Boden pantheistischer Diesseitigkeit aus zu geben versucht ; 
wohl niemals ist die pantheistische Deutung dieser beiden Weltratsel gliicklicher 
formuliert und weniger einseitig gegeben worden als hier. 

Mit diesen systematischen Abhandlungen haben wir uns den Weg gebahnt 
zu Z.s philosophischen Leistungen, denen nun doch der Hauptteil 
seiner Lebensarbeit gewidmet war. Wie er von der Theologie zur Philosophic, 
vom Christentum zum Griechentum gekommen ist, haben wir oben schon 
angedeutet. Er selber hat es in seiner Antwort an die Vertreter der Tiibinger 
Hochschule bei der Feier seines neunzigsten Geburtstages so erklart : »Als ich 
meine theologischen Studien unter Baurs Leitung betrieb und zu einem ge- 
wissen Abschlufi brachte, da war mir sofort die Unentbehrlichkeit der genaueren 
Kenntnis der Geschichte der Philosophic klar, indem ich gerade bei meiner 
Bemiihung, das Christentum geschichtlich zu verstehen, mich uberzeugte, 
dafi es ganz unmoglich sei, dieses Ziel zu erreichen, wenn man nicht mit der 
einen seiner Wurzeln, mit der Kenntnis der alttestamentlichen Religion, auch 
die der anderen, der Entwicklung der griechischen Philosophic, verbinde. So 
geschah es, dafi ich alsbald nach dem theologischen Examen mich ganz auf 
die griechische Philosophic warf«. Noch vorher freilich war es das Tiibinger 
Stift und dessen doch immer wieder dreimal zu segnende Art von Bildung, 
die es seinen Zoglingen iibermittelt, und in der die Philosophic die Grundlage 
der Theologie bildet und ganz besonders damals zur Zeit der Vor-, um nicht 
zu sagen der Alleinherrschaft des Hegelianismus gebildet hat; als Angehoriger 
des Stifts in den dreifiiger Jahren des vorigen Jahrhunderts, als Schuler und 
Freund von Baur und Straufi mufite Z. als Theologe Philosoph und mufite 
er Hegelianer werden. Aber dafi er gerade nach Platon und iiberhaupt nach der 
griechischen Philosophic griff, das hat allerdings seinen Grund in dem tat- 
sachlich engen Zusammenhang zwischen den Anfangen des Christentums und 
der hellenistischen, vielfach in Platon wurzelnden Philosophic und in der 



Zeller. 55 

Erkenntnis dieses Zusammenhanges in der Tubinger Schule. Darum begann 
er in seinen »PIatonischen Studien* mit dem Studium Platons: sie bildeten 
ebenso wie die grofle Abhandlung iiber »die Geschichte der alten Philosophic 
in den letztverflossenen 50 Jahren* nur eine Vorarbeit fur die umfassende 
Gesamtdarstellung der »Philosophie der Griechen«, die in den Jahren 1844 bis 
1852 in ihrer ersten Auflage erschienen ist. 1902 hat Z. noch selber die 
vierte Auflage des letzten Bandes besorgt, von anderen Banden war schon 
vorher eine funfte Auflage notig geworden. So hat ihn das Buch sechzig 
Jahre hindurch — ein rechtes Lebenswerk — begleitet. Und dazu kam 
dann noch der ebenfalls schon in neunter Auflage erschienene Grundrifl 
der »Geschichte der griechischen Philosophies und kommen die vielen Aufsatze 
vor allem in dem von ihm gegriindeten »Archiv flir Geschichte der 
Philosophies, die vielfach der Verteidigung einzelner Aufstellungen in seinem 
Hauptwerkgewidmet sind 1 ), undeben dort auch die inhaltreichen Jahresberichte 
iiber die Erscheinungen zur griechischen Philosophic in den betreffenden Jahr- 
gangen. Dafl sich der Meister selbst einer solchen kritischen Uberschau des 
auf diesem Gebiete Geleisteten unterzog, war ein ganz besonderes Verdienst, 
das ihm durch die Beachtung, mit der diese Berichte bei uns und im Auslande 
aufgenommen und verfolgt wurden, gelohnt worden ist. 

Was Z.s Arbeiten zur griechischen Philosophic und speziell sein grofles, 
etwa 5000 Seiten umfassendes Hauptwerk auszeichnet, ist die ganz einzig- 
artige Verbindung von subtilster philologischer Griindlichkeit, die an jeder 
wichtigeren Stelle, an jedem bedeutungsvolleren Wort ihre Goldschmiedekunst 
bewahrt, und von wahrhaft philosophischem Verstandnis fur den Gedanken- 
gehalt und den Zusammenhang der Systeme, die er aus dem Geist ihrer Urheber 
heraus scharfsinnig nachkonstruiert und als kunstlerisch abgerundetes Ganzes 
zur Darstellung bringt. Dadurch ist dieses Werk das Standard Work geworden 
flir unsere Kenntnis und unser Verstandnis der griechischen Philosophic, auf 
das man immer wieder wird zuriickgreifen und von dem man immer wieder 
wird ausgehen mussen. Dafl seine Resultate nicht flir alle Zeiten feststehen, 
nicht uberall das letzte Wort bedeuten, das hat, auch wenn man von der 
bereits vorhandenen und noch zu erwartenden Papyrusliteratur absieht, schon 
jetzt die oft gereizte Polemik gezeigt, in die Z. noch zu Lebzeiten ver- 
wickelt worden ist, und ein Buch wie die ^Griechischen Denker« von Theodor 
Gomperz beweist, dafl man auch auf diesem Arbeitsfeld andere modernere 
Bahnen einschlagen kann als er. Aber die lieblose Art, mit der Z., nicht zum 
wenigsten auch von schwabischen Landsleuten wie Edmund Pfleiderer oder 
Konstantin Ritter, bekampft worden ist, hat er nicht verdient. Auch die, die 
meinen, dafl man iiber ihn hinauskommen konne und hinausgehen mlisse 
— und jeder von uns kennt solche Partien — , sind ihm fur das Grundlegende 
seiner Arbeit, auf deren Schultern wir alle ohne Ausnahme stehen, vollen Dank 
schuldig. Er hat die Geschichte der griechischen Philosophic trotz mancher 
Vorarbeiten doch gleichsam aus dem Nichts heraus geschaffen und sofort auch 
auf eine bewundernswiirdige Hohe emporgehoben ; die, die heute iiber ihn 



*) Diese Abreiten alle sollen wir nun gesammelt erhalten in den ♦Kleinen Schriften«, 
von denen kurzlich (1910) der erste von drei Banden, herausgegeben von Dr. Otto Leuze, 
erschienen ist. 



5 6 Zellcr. 

hinaussehen, verdanken es in erster Linie doch nur »dem groflen Zeller*, dafl 
sie ihre Arbeit in dieser Weise haben tun und dabei an manchen Punkten 
auch uber ihn hinaus haben weiter fuhren konnen. Hoch anzuschlagen war 
es dann noch besonders, dafl der Altmeister selber durch seinen »Grundrifl« 
die reichen Schatze des groflen Werkes in kleine, handliche Munze umsetzte 
und sie so auch den nicht speziell Philosophic Studierenden zuganglich machte. 
Die vielen Auflagen beweisen, wie sehr er auch damit und darin das richtige 
getroffen hat. Von den mancherlei Fehden, in die ihn diese Arbeit an der grie- 
chischen Philosophie verwickelt hat, nenne ich hier nur seinen Streit mit Erwin 
Rohde uber die Abfassungszeit des platonischen Theatet, sein Eingreifen in 
den Kampf um die Existenz Leukipps und seine energische Ablehnung 
der sprachstatistischen Methode zur Losung der platonischen Frage gegen 
Konstantin Ritter. 

Von ganzanderer Art als seine Philosophie derGriechen ist seine »Geschichte 
der deutschen Philosophie seit Leibniz*, die er fur die von Maximilian II. in 
Bayern veranlaflte Geschichte der Wissenschaften in Deutschland schrieb 
und die einen der wenigen wirklich gelungenen Bande dieses grofi gedachten 
Unternehmens bildet. War dort das Wertvollste der extensive Kleinbetrieb, 
der sozusagen aktenmaflig die Exaktheit der Darstellung garantiert und die 
Mittel zur Kontrolle immer selbst schon darbietet, so liegt der Vorzug dieses 
zweiten Werkes vor allem in der Kunst des Zusammenfassens und in der Uber- 
sichtlichkeit und lichtvollen Durchsichtigkeit der Darstellung. Dabei geht 
aber der Verfasser nicht wie Kuno Fischer durch Vereinfachung der Probleme 
oder durch geschickte Verwendung von Zitaten den Schwierigkeiten, sie ver- 
hiillend oder ignorierend, aus dem Weg, sondern er deckt sie, wo sie auf seinem 
Wege liegen, ehrlich auf und sucht sie gewissenhaft zu losen. Eine Frucht 
dieser seiner Beschaftigung mit der neuen deutschen Philosophie war auch 
das ebenfalls aus der Berliner Zeit stammende schone Buch uber Friedrich 
den Groflen als Philosophen (1886), das zum ersten Mai diese Seite des groflen 
Konigs im Zusammenhang darlegte und ihr reizvolles Seitenstiick etwa in den 
sechs Vortragen von Straufl uber Voltaire finden mag. 

Es ist gesagt worden, der Historiker der griechischen und deutschen Philo- 
sophie sei nur der halbe Zeller; daneben konne sich der systematische 
P h i 1 o s o p h , der Denker Zeller, sehr wohl sehen lassen. So unbedingt diirfte 
dem doch nicht beizustimmen sein. Der Schwerpunkt seiner Arbeit und seiner 
Leistungen lag fraglos im Historischen, in der kritisch scharfen Herausarbeitung 
und der feinsinnig nachkonstruierenden Zusammenfassung dessen, was andere 
gedacht und philosophiert haben. Dafl dabei seine Meinung immer die gewesen 
ist, dafl man die Geschichte der Philosophie nur zu studieren habe um der 
Philosophie willen und dafl man an ihr selbstandig denken und selbstandig 
philosophieren lernen solle, das versteht sich von selber. Doch wenn er auch 
nie vergessen hat, dafl die Geschichte der Philosophie nicht Selbstzweck ist, 
so war doch seine Forscherarbeit vor allem diesem Mittel gewidmet, das er 
fur andere moglichst exakt herauszupraparieren und moglichst handlich zu 
gestalten bemuht war. Aber daneben ist nun freilich auch ein wichtiges Ereignis 
in dem Entwicklungsgang der neueren deutschen Philosophie selbst an seinen 
Namen gekniipft. Als diese am Ende der fiinfziger Jahre ihren Tiefstand erreicht 
hattc und sich vollig ohnmachtig und unfahig zeigte, dem materialistischen 



Zeller. 5 y " 

Ansturm Widerstand zu leisten und ein Bollwerk entgegenzusetzen, da war es 
Eduard Zeller, der dagegen auf die einzig mogliche und einzig wirksame Hilfe 
hinwies: Der Ruf »zuruck zu KantU ist in seiner schon genannten Heidelberger 
Antrittsvorlesung am 22. Oktober 1862 von ihm als Losung ausgegeben worden. 
Es war die ausdriickliche Absage an Hegel und das offene Bekenntnis zu 
Kant, wenn er hier erklarte: »Unser Standpunkt ist mit einem Wort nicht 
der des Dogmatismus, weder des empiristischen noch des spekulativen, sondern 
der des Kritizismus; wir konnen nicht erwarten, eine Erkenntnis des Wirk- 
lichen anders als von der Erfahrung aus zu gewinnen; wir werden aber ebenso- 
wenig vergessen, dafl in der Erfahrung selbst schon apriorische Bestandteile 
enthalten sind, durch deren Ausscheidung wir erst das objektiv Gegebene 
rein erhalten, und dafi die allgemeinen Gesetze und die verborgenen Grunde 
der Dinge liberhaupt nicht durch die Erfahrung als solche, sondern durchs 
Denken erkannt werden*. In diesem Sinn ist »der Anfang der Entwicklungsreihe, 
in der unsere heutige Philosophic liegt, Kant; und die wissenschaftliche Leistung, 
mit der Kant der Philosophic eine neue Bahn brach, ist seine Theorie des Er- 
kennens. Auf diese Untersuchungen wird jeder, der die Grundlagen unserer 
Philosophic verbessern will, vor allem zuriickgehen und die Fragen, welche 
sich Kant vorlegte, im Geist seiner Kritik neu untersuchen mtissen«. Dieser 
Ruf Z.s hat alsbald Widerhall gefunden — ich nenne nur Liebmann und 
Fr. Alb. Lange — , von ihm mufl man die Selbstbesinnung und damit die Wieder- 
erhebung der am Boden liegenden Philosophic datieren: von da an hat sie sich 
zu neuer Arbeit und neuer Bedeutung aufgerafft. Zeller selbst aber war bei 
aller Anerkennung Kants doch nicht willens, sich ihm bedingungslos gefangen 
zu geben : das zeigt in derselben Rede die in den Ohren unserer strengen Neu- 
kantianer libel genug klingende Fortsetzung jener eben zitierten Satze: dafl 
man »durch die wissenschaftlichen Erfahrungen unseres Jahrhunderts be- 
reichert, die Fehler, welche Kant machte, vermeiden« musse. Noch deutlicher 
sehen wir diesen Vorbehalt Kant gegenuber aus der schonen Abhandlung Ciber 
>Begriff und Begrlindung der sittlichen Gesetze* (1882), in der er das gute 
Recht des Eudamonismus gegen die formalistische und rigorose Moral Kants 
sicher zu stellen sucht und siegreich verficht. Trotz alledem will es mir aber 
doch scheinen, als ob — vom Historischen abgesehen — nicht in diesen spateren 
erkenntnistheoretischen und ethischen Abhandlungen die Bedeutung des Philo- 
sophen Zeller liege, sondern eben doch in jenen grundlegenden Aufsatzen liber 
das Wesen der Religion oder uber die menschliche Freiheit aus den vierziger Jahren, 
die durchaus vom Hegelschen Pantheismus erfullt waren, aber sich freihielten 
von dessen einseitigem Panlogismus und Intellektualismus und darum doch der 
menschlichen Freiheit im Sinne eines rationalen Willens Raum zu schaffen 
bemuht waren und gerade darin die durchaus diesseitig gedachte sittliche Welt- 
ordnung verbiirgt glaubten. Ich jedenfalls bin von jenen friiheren Arbeiten 
Z.s weit tiefer beeinfluflt und angeregt worden als von den spateren in die 
zweite und dritte Sammlung der »Vortrage und Abhandlungen« aufgenom- 
menen Abhandlungen systematischen Inhalts. In jenen zeigt sich die »Sophro- 
syne«, die ihm menschlich immer wieder nachgeruhmt wird, in glucklichster 
Weise auch recht eigentlich als seine wissenschaftliche Tugend und als die Kunst, 
alles Extreme zu vermeiden und die Probleme nicht durch Abschwachung ihrer 
Schwierigkeiten, sondern durch gewissenhafteste Vertiefung in sie ihrer Losung 



'58 



Zeller. 



entgegenzufuhren, wahrend diese selbe Sophrosyne spater doch zuweilen zu 
eioem allzu absichtlich vermittelnden juste milieu zu verflachen drohte. Und 
so kann man vielleicht sagen: als Schiiler Hegels sei Z. seiner selbst ge- 
wisser und sicherer, sei in dieser Abhangigkeit und Zugehorigkeit zur Schule 
geradezu selbstandiger gewesen, als in seinem vielbelobten Zuriickgehen auf 
Kant, dem er doch bei aller Einsicht in die Notwendigkeit eines solchen An- 
schlusses mehr kritisch als in ihm lebend und aus ihm schopfend gegeniiber- 
stand. Z. war in seiner »ersten Periode* als Hegelianer mehr Philosoph, 
als er es in seiner »zweiten« unter dem Einflufi von Kant gewesen ist; aber 
um die systematische Philosophie und ihre Weiterentwicklung hat er sich 
groflere Verdienste dennoch erst durch dieses Zuriickrtifen zu Kant erworben. 
Das ist, mochte ich sagen, die einzige Paradoxic in dem sonst so klaren und 
durchsichtigen Wesen Z.s. 

Oder sollte eine zweite am Ende noch in seinem Stil liegen? Be- 
kanntlich hat Straufi in seinem gelungenen Scherz vom »Papierreisenden« 
den Freund auf den Mangel seines Stils an »Taille<r, auf das fehlende 
Semikolon hingewiesen. Das war ganz richtig. Auch hat sich Z. diese 
Empfehlung von Semikolon und Taille von da ab gemerkt und zu Nutze ge- 
macht. Aber in der Hauptsache blieb es naturlichdochbeim Alten. Undtrotzdem 
— Z.s Stil ist nicht blofl in seinen gelehrten Werken lichtvoll und klar, er 
ist in seinen »Vortragen und Abhandlungen* auch schon, die Monographien 
iiber Baur und iiber Renan und Straufi hat man geradezu als »klassisch« 
bezeichnen konnen, und noch manche andere seiner biographischen und 
historischen Abhandlungen stehen jenen darin kaum nach. Freilich sind sie 
weder in der geistreich pointierten Manier Nietzsches noch in dem pathetisch- 
rhetorischen Brustton Treitschkes geschrieben: diese beiden mufiten Z. 
von ihrem Standpunkt aus ebenso ablehnen, wie sie Straufi als »Philister« 
verhohnt und abgelehnt haben; sondern es ist jene schlichte, einfache Schon- 
heit, wie wir sie vor allem an Straufi bewundern, nur dafi dieser dem Freund 
an Fulle und bildlicher Anschaulichkeit, an Grazie und »Taille« doch noch 
weit uberlegen war. Bei Z. war es dagegen vor allem die Sache und die 
Sachlichkeit, die seinen Stil bestimmte, auch daraus ergibt sich, wie recht 
Straufi hatte, ihn schlechtweg zu den grofien Gelehrten zu rechnen. Das war 
Z., eine durch und durch gelehrte, intellektualistische Natur, in der die 
Geduld und der Fleifi grofier waren als die Phantasie, das Gefuhlsmafiige stark 
zurlicktrat und auch der Wille nur etwas gait, soweit er rational war. Darin 
liegt vielleicht seineintimsteBeziehungzuKant, dem er von Natur aus verwandter 
war als Goethe. Aber weil er durch seine grundliche Gelehrsamkeit seiner Sache 
so ganz machtig war, sie so ganz durchdrang und durchschaute, deswegen hatte 
er auch das Wort fur sie ganz in seiner Hand; weil ihm die Sache, von der er 
gerade sprach, jederzeit ganz klar war, deswegen hat auch sein Stil diese ange- 
nehme Klarheit und Durchsichtigkeit; weil er Herr der Sache war und nicht 
redete, ehe er es war und ohne es zu sein, deshalb besafl er auch die Herrschaft 
iiber das Wort und die Treffsicherheit des Ausdruckes dafur. So ist doch auch 
bei ihm der Stil der Mensch gewesen. 

Denn auch als Mensch war Z. durchsichtig und klar und rein, wie 
wenige, eine anima Candida oder, wie ihn Straufi einmal genannt hat, eine anima 
angelica. Das zeigte sich vor allem seinen Freunden gegenuber, denen er Treue 



Zeller. c g * 

zu halten wufite wie selten einer. Ich denke dabei in erster Linie eben an sein 
Verhaltnis zu StrauB, obwohl zeitweise seine Stellung zwischen dem zuriick- 
haltenden Schwiegervater und dem dariiber mit Recht empfindlichen Freunde 
keine ganz leichte war und obwohl er schliefilich mit dem »neuen Glauben« 
des Freundes auch sachlich nicht in alien Teilen einverstanden sein konnte. 
Jenes Verhaltnis zwischen Baur und StrauB hat er in seinen »Erinnerungen« 
noch einmal mit gerecht abwagender Billigkeit formuliert und sich mit dem 
Herzen auf die Seite des Freundes, mit dem Kopf auf die Baurs gestellt; und 
dem »alten und neuen Glauben* gegenuber hat er ohnedies nicht rechthaberisch 
wie Vischer in dringendster Stunde den Dissens betont, sondern furchtlos und 
treu den Schild uber den hart Angegriffenen gehalten, ihm nach dessen Tode 
erst im Schwabischen Merkur, dann in einer besonderen und besonders feinen 
Skizze (David Friedrich StrauB in seinem Leben und seinen Schriften 1874) 
ein biographisches Denkmal gesetzt und darin bei allem sachlichen Vorbehalt 
voll Respekt auch von diesem letzten »Bekenntnis« des alten Kampfgenossen 
gesprochen; und endlich hat er 21 Jahre nach Straufiens Tod diesen durch 
die Herausgabe seiner »ausgewahlten Briefer vor aller Welt in das hellste und 
freundlichste Licht gestellt, so dafi hinfort dieAngriffe auf den Menschen StrauB 
wenigstens verstummen mufiten: einen besseren Freundesdienst hatte er ihm 
in der Tat nicht erweisen konnen. 

Das alles hing aber noch mit einer anderen Eigenschaf t Z.s zusammen, 
die ihm gerade diesen Freund besonders sympathisch machen muflte, mit seiner 
eigenen geistigen Freiheit, die ihn so unerschrocken auf den Plan treten und so 
tapfer fur seine Sajihe einstehen lieB. Er war als theologischer Kritiker 
groB geworden, diese polemische Ader hat den streitbaren Mann nie verlassen; 
und dabei stand dem sonst so Mildedenkenden eine Scharfe, und wo er auf 
bosen Willen stieB, sogar eine Grausamkeit zu Gebot, die ihn zu einem hochst 
gefahrlichen und gefiirchteten Gegner machte, ob er nun die Tiibinger Theologie 
gegen die »Denunziationen« der Evangelischen Kirchenzeitung oder den Redner 
am Grabe von StrauB gegen die Unduldsamkeit eines wtirttembergischen 
Pralaten, ob er seine Darstellung Zwinglis gegen die »Jugendlichkeiten«Sigwarts 
oder seine Datierung des Platonischen Theatet gegen Erwin Rohde's schweres 
Geschutz zu verteidigen oder sich mit Konstantin Ritter iiber den Wert der 
Sprachstatistik zur Losung der platonischen Frage auseinanderzusetzen hatte. 
Innerlich frei aber war er geworden in den theologischen Kampfen seiner Jugend, 
frei von aller dogmatischer Abhangigkeit und Befangenheit und darum ein 
entschlossener Verfechter des heiligsten Gutes deutscher Wissenschaft, der aka- 
demischen Lehrfreiheit, deren Wert er in Tubingen und in Marburg fur sich und 
seine Freunde aus nachster Nahe schatzen gelernt hatte. So frei war er auch 
deshalb, weil er nur da das Wort ergriff, wo er nicht nur ganz in der Sache, 
sondern als ein Meister und ein Wissender auch (iber der Sache stand. 

Aber diese Objektivitat und die Unterwerfung seines personlichen Willens 
unter das Rationale machte ihn nicht kuhl oder gleichgiltig gegen das Mensch- 
liche. Das zeigt wiederum seine andieAntikeerinnerndehoheAuffassungvonder 
Freundschaft und seine feine Art, sie auch praktisch zu betatigen. Gerade da 
hat er sich in den heikelsten Situationen so recht als eine natura angelica be- 
wahrt, und — fugt der temperamentvollere StrauB hinzu — »wenn wir zu- 
weilen geneigt sind, das Mangelhafte, was eine solche Natur hat, hervorzu- 



60 Zeller. 

heben, so habe ich zugleich das voile Gefiihl des Hoheren bekommen, welches 
darin liegt«. Auch sein eigenes Familienleben und seine ruhrende Freude an 
den heranwachsenden Enkeln in Stuttgart offenbarte sein Herz. 

Vollends rege aber war sein Anteil an den Geschicken seines Volkes, ob 
es sich nun handelte um die Bewegung des Jahres 1848 oder um die Befreiung 
der Elbherzogttimer vom danischen Joch und das daran sich anschliefiende 
Problem der Einigung Deutschlands unter Preufiens Fiihrung oder um den 
Kampf gegen den Ultramontanismus in den siebziger Jahren, um den Wider- 
stand gegen den reaktionaren Zedlitzschen Volksschulgesetzesentwurf oder um 
die Abwehr der die Freiheit der Kunst bedrohenden lex Heinze, um die Gym- 
nasialreform, die ihm das Studium der klassischen Sprachen und die Berei- 
cherung des deutschen Geisteslebens durch die Beriihrung mit dem Griechen- 
tum, oder um die Zuruckweisung der Ubertreibungen des deutschen Sprach- 
vereins im Kampf gegen die Fremdworter, die ihm die Beweglichkeit und die 
Nuancierungsmoglichkeit unserer deutschen Sprache zu hemmen und zu ver- 
engen schienen. Oberall ergriff Z. zu solchen brennenden Fragen selber 
als Fiihrer das Wort oder stellte sich wenigstens mit aufgeschlagenem Visier 
den Rufern im Streit zur Seite. 

Aber die hohe Stufe, die ihn seine Gelehrsamkeit innerlich und auOerlich hat 
ersteigen lassen, machte ihn auch nicht zu vornehm fur das Kleinleben und 
seine Interessen; seine Andacht zum Kleinen, die seine gelehrte Arbeit so exakt 
machte, zeigte sich hier noch in anderer, rein menschlicher Form. Lebhaft 
interessierte er sich fur alles, was um ihn her in Familie und Haus, in Stadt 
und Land vorging und lebhaft auch ftir alle, die bei ihm eintraten oder die 
friiher einmal seinen Weg gekreuzt hatten. Sein phanomenales Gedachtnis 
machte ihn zu einer lebendigen und geradezu unerschopflichen Chronik. Und 
hier kam dann auch Fernerstehenden die ganze tiefinnerliche Liebenswiirdigkeit 
seines Wesens zum Bewufitsein: man fand in ihm nicht nur einen hochst unter- 
haltenden Erzahler und Gesellschafter, sondern, was ja viel schwerer ist, auch 
einen bereitwilligen und verstandnisvollen Horer, der teilnahmvoll auf die 
Interessen und Anliegen des anderen einging. So war es doch kein Zufall und 
kein falscher Schritt, dafi Z. 1894 aus der Weite des Berliner Lebens in 
die intime Enge Stuttgarts zuruckkehrte und dort die letzten vierzehn Jahre 
seines Lebens verbrachte. Hier flihlte er sich heimisch und wohl. Die schwa- 
bische Stammesart brach, wie in dem dialektisch gefarbten Hochdeutsch seiner 
Sprechweise, in der er sie auch draufien nie ganz abgelegt und verleugnet hat, 
so auch in seinem schlichten Auftreten und in seinem behaglichen sich Geben 
immer wieder durch und wurde in der Heimat schliefilich doch am besten ver- 
standen. Und hier zogen ihn die vielgeschmahte und vielbelobtc schwabische 
Gemutlichkeit, der siiddeutsche Humor und jene treuherzige Schalkhaftigkeit, 
die bald mehr das Herz, bald mehr den Schalk herauskehrt oder verbirgt, 
je nachdem — die schwabische Art seiner Umgebung zog und heimelte ihn deshalb 
an, weil er sie selber in so hohem MaBe besaC. Diese Eigenschaften, die er mit 
seinen Stammesgenossen teilte, und dazu noch die Hoflichkeit des Herzens, die 
ihn personlich auszeichnete und die eine so seltene Tugend ist, machten den Ver- 
kehr mit dem geistig hochstehenden Mann auch denen leicht und erfreulich, die 
bei weitem nicht an ihn heranreichten: sie merkten nicht einmal, wie sehr er der 
Gebende und sie nur dieEmpfangenden waren und wie hoch er uber ihnen stand. 



Zeller. Loritz. 6 ! 

So war der groBe Gelehrte durch und durch Mensch und als solcher eine 
natura tnusica, eine harmonische, oder wie ihn Straufl einmal fein genannt 
hat, eine melanchthonische Natur. Wir Schwaben aber konnen stolz darauf 
sein, von ihm, dessen Ruhm als der eines ganz groflen Gelehrten durch alle 
Lande ging, doch ganz intim sagen zu diirfen: »denn er war unser«. 

Literatur: Ein moglichst vollstandiges Verzeichnis der uberaus zahlreichen Ver- 
offentlichungen Zellers wird der dritte Band der »Kleinen Schriften* bringen; auf ihn, 
der 191 1 erscheinen soil, sei daher im voraus schon verwiesen. Hier genugten die Haupt- 
werke, die alle oben im Text selbst genannt sind. In jenem dritten Band wird auch die 
von seinem Kollegen Diels in der Berliner Akademie der Wissenschaften gehaltene Gedachtnis- 
rede auf Zeller weiteren Kreisen zuganglich gemacht werden. Unter den zahllosen Nach- 
rufen bei seinem Tode, woran es kaum eine Zeitschrift und grofiere Zeitung hat fehlen 
lassen, nennc ich, urn des Ortes willen, den im Archiv fur Geschichte der Philosophic 
(XXI, 3) von Ludwig Stein, und auflerdem den im Schwabischcn Merkur vom 21. Marz 1908 
von mir herriihrenden Nekrolog: den letzteren deshalb, weil der voranstehende Gedachtnis- 
artikel eine mehrfach wortliche, freilich auch nicht unwesentlich erweiterte Wicderholung 
desselben ist. 

Straflburg i. E. T h e b a 1 d Z i e g 1 e r. 

Loritz, Josef, herzogl. Anhalt. Kammersanger, * 16. April 1864 in Nittenau 
(bayr.Oberpfalz), f 27. Dezember 1908 in Munchen. Wie so viele Sanger von 
Bedeutung, ist auch L. aus dem Lehrerstande hervorgegangen. Er absolvierte 
das Lehrerseminar in Amberg, war Lehrer in Wenzenbach, Furth, Worth a. D. 
und Regensburg. Ja, es war vorwiegend die musikalisehe Begabung, welche 
die Eltern bestimmte, den Knaben Lehrer werden zu lassen. Vorlaufig und 
noch ziemlich lange blieb L., der sich aus Eichstatt inzwischen seine Braut 
heimgeholt hatte, ein solider und bcliebter Lehrer; er besuchte zwar zwei 
Jahre lang die Akademie der Tonkunst in Munchen, lernte singen, geigen und 
Orgel spielen, ging aber dann wieder als Seminarhilfslehrer nach Eichstatt 
(1890) und 1895 als Praparandenlehrer nach Regensburg. Erst 1899 entschlofl 
sich L., ernstlich bei Eugen Gura in Munchen zu studieren, und er darf wohl 
als der Lieblingsschuler des groflen Sangers gelten, der nur wenige Schuler 
hatte und ja keinem sein Genie hinterlassen konnte. L. Jcam dem Meister aber 
weitaus am nachsten, namentlich in der Interpretation Loewescher Balladen, 
die ja Gura gewissermaflen erst wieder neu entdecken muflte. L. wurde jetzt 
Sanger, aber es w r urde ihm nicht leicht gemacht. L. hat nie der Biihne angehort, 
und man weifl, dafl, mit Unrecht, die Biihnensanger auch im Konzertsaal 
gesuchter zu sein pflegen als die eigentlichen Konzertsanger. Ferner hatte 
seine Erscheinung nichts Blendendes. Kraftvoll, deutsch und ehrlich stand er 
auf dem Podium, bescheiden und ohne die Fahigkeit, sich durchzusetzen, 
wo man ihm nicht willig entgegenkam. Wer ihn kannte, hatte den Menschen 
lieb, ohne den Sanger je .gehort zu haben. Wer ihn aber gchort hatte, wufite, 
welch' gewissenhafter Kunstler in ihm steckte. Langsam und muhevoll brach 
er sich Bahn; er reiste endlich, fand uberall Beifall, ja Begeisterung und auch 
dankbare, ihn verehrende Schuler. So haben ihn fast alle Stadte Deutschlands 
gehort. Sein Bariton war von uberaus edler Klangfarbe, sein Vortrag von 
einer gewissen lehrhaften Deutlichkeit und inneren Uberzeugung. Das Merk- 
wiirdigste aber war der Umfang seiner Stimme, die ein solches Kuriosum war, 



6 2 Loriu. Sickel. 

dafl, hatte L. einen beliebigen fremden Namen getragen und ware er eben 
n i c h t gewesen, wie er war, er wie seinerzeit etwa das Tenorwunder Mierz- 
winski die Welt und ihr Gold zu seinen FuBen gesehen hatte. L. konnte nam- 
lich Tenor, Bariton und Ba6 singen, seine Stimme umfafite nahezu vier Ok- 
taven; er sang mit tenoralem Glanze das hohe A und F und stieg ebenso miihe- 
los zum tiefen C hinab. Nicht lange vor seinem allzu fruhen Tode ubernahm 
er z. B. ohne Probe fur den erkrankten Tenoristen die so schwierige Partie 
des Evangelisten in der Matthaus-Passion. Er war iiberhaupt ein vortreff- 
licher Oratoriensanger und fiihrte in solchen in der Regel die Bafipartien durch 
— ein Phanomen, wie, zur Zeit wenigstens, kein zweites im deutschen Konzert- 
saal, noch weniger auf der Biihne bekannt ist. Ein grausames Schicksal entrifi 
L. ungeahnt friih seiner Familie und der Kunst. Am 15. November 1908 hatte 
er in Pirmasens zum letzten Male gesungen, erkaltet und krank kehrte er heim. 
Von einer aufierst heftigen Bronchitis, die ihn befallen, schien er sich noch zu 
erholen, da brachten Herzkrampfe das Ende. Wie in einer Vision begann er 
am Sonntag, den 27. Dezember, abends Bruchstiicke aus dem Oratorium 
»Christus« von P. Hartmann, dessen Titelpartie er ofters gesungen, vor sich 
hinzusummen, dann schlief er ein, um nicht mehr aufzuwachen. Eine der 
sympathischesten, mannlichsten Erscheinungen ist mit ihm aus dem deutschen 
Musikleben verschwunden. 

Die musikalische Kritik ist L. in kurzen Nachrufen gerecht geworden. Von seiner Jugend 
wufite man wenig. Den einzig authentischen Nekrolog brachte wohl der Oberpfalzer Schul- 
anzeiger (Regensburg v. 16. Januar 1909, Nr. 2; mit Bild), aus der Feder eines ehemaligen 
Kollegen. 

Munchen. Alfred Frhr. v. Mensi. 

Sickel, Theodor von, * am 18. Dez. 1826 im Pfarrhaus zu Aken (Prov. 
Sachsen), | Meran 21. April 1908. S. erhielt seine erste Bildung durch seinen 
Vater, welcher 1830 zum Rektor des Lehrerseminars in Erfurt ernannt wurde, 
jedoch schon 1842 starb. Auch der Sohn studierte zunachst 1845 — 1 &47 zu Halle 
und Berlin Theologie, trat dann aber auf die philosophische Fak;ultat uber, horte 
Lachmann, Grimm, Bockh, Raumer, Neander und wurde 1850 in Halle mit 
einer Dissertation uber den Anfall Burgunds an das Haus Valois zum Doktor 
promoviert. Den grofiten Einflufi ubte auf ihn der beriihmte Lachmann, den 
er als seinen vaterlichen Freund bezeichnet, aus. Dieser wies ihn nachdrucklich 
darauf hin, oder ermunterte doch seine angeborene Neigung, in Studium und 
Forschung immer auf die Urquellen zurtickzugehen, auf diese aufzubauen. 
Lachmann war es auch, der ihn fiir seine weitere historische Ausbildung auf die 
1847 reorganisierte £cole des chartes in Paris aufmerksam machte. 

Der junge Doktor, dem seine politische Betatigung im Jahre 1848 die 
Aussicht auf Weiterkommen in PreuBen zu versperren schien, wanderte in wohl- 
gemutem Selbstvertrauen, obwohl er schon in Berlin nur durch Unterricht 
eines Turken sich sein Studium hatte ermoglichen konnen, im Herbst 1850 
nach der damaligen Hauptstadt Europas. Er muBte dort zunachst von der 
Feder leben, durfte den Vortragen der £cole des chartes nur durch eine Spalte 
lauschen. Aber solche Widerwartigkeiten stahlten nur seine eiserne Energie; 
die Studien, um deretwillen er gekommen war, gab er nicht preis. Archiv- 
reisen, welche er fur seine burgundischen Forschungen nach Siiddeutschland, 



Sickel. 6 j 

Schweiz, Mailand unternahm, verschafften ihm die Achtung der Gelehrten, 
fur welche er nebenbei arbeitete. Er eroberte sich eine Position in Paris. 1855 
offnete ihm die £cole des chartes ihre Pforten, er durfte nun an Vortragen und 
Obungen teilnehmen, trat in nahere Beziehungen zu den Professoren, verkehrte 
viel in offiziellen Kreisen. 

Schon 1854 hatte ihm der franzosische Unterrichtsminister den Auftrag 
erteilt, die oberitalienischen Archive fur die Beziehungen Franz Sforzas zu 
Frankreich zu durchforschen. In Mailand und Venedig trat er mit den ein- 
heimischen Historikern, aber auch mit den osterreichischen Kreisen in Beruhrung. 
Auf Veranlassung Chmels, des Vizedirektors des Haus-, Hof- und Staatsarchivs, 
erschien die erste grofiere Arbeit Sickels uber dieErwerbungMailands durch Franz 
Sforza 1855 im Archiv f. osterr. Geschichte. Da er konstatierte, daB bedeutende 
Materialien zur franzosischen Geschichte des XV. Jahrh. sich in Wien befanden, 
erteilte ihm Minister Fortoul die ausgedehntere Mission, Hofbibliothek und 
Staatsarchiv dafiir auszubeuten. Man verweigerte ihm anfangs den Zutritt, 
da von Preufien aus seine politische Haltung noch immer verdachtigt wurde. 
Flugs eilte er nach Berlin, um sich zu rechtfertigen, und hatte vollen Erfolg. 
Nach solchen Jugenderfahrungen begreift man, da6 er zeitlebens den Kampf 
um sein Recht und seine Stellung im Grofien wie im Kleinen auf das nach- 
drucklichste fuhrte. 

Der fiinfjahrige Pariser Aufenthalt Ss. zeigt eine deutliche aufsteigende 
Linie. Der stattliche, lebhafte und nihrige Mann mit den blitzenden Augen und 
dem unverkennbar norddeutschen Typus hatte jene Sicherheit des Auftretens 
gewonnen, welche perfekte Kenntnis fremder Sprachen, vielfache Reisen, der 
von ihm stets eifrig gepf legte Verkehr mit den besten Kreisen und eine Fiille von 
Ankniipfungspunkten in Frankreich, Deutschland, Italien, verbunden mit 
dem Bewufltsein der eigenen Leistungsfahigkeit verleihen konnten. Durch um- 
fangliches Wissen und ernste Forschung hatte er sich in der gelehrten Welt 
bereits vorteilhaft eingefiihrt. Aber die Stellung und wissenschaftliche Rich- 
tung, in welcher er dann sein ganzes Konnen so glanzend entfaltete, konnte 
er selbst nicht ahnen. Zwei ganz unvorhergesehene Umstande wirkten da be- 
stimmend: die Kiindigung seiner wissenschaftlichen Mission aus nationalen 
Grunden und hauptsachlich die Errichtung des Instituts fur osterreichische 
Geschichtsforschung in Wien. 

Zu den Maflregeln, durch welche die Regierung in einer groflzugigen, 
hohen Idealen zuganglichen Epoche die neuorganisierten Universitaten Oster- 
reichs auf das Niveau der deutschen Schwestern zu heben suchte, gehorte auch 
die Grundung dieser Anstalt im Jahre 1854. Die Initiative entstammte durch- 
aus dem Ministerium. Die Absicht ging auf die Belebung ernster Geschichts- 
forschung in Osterreich, es sollte durch eine solche Einrichtung zu wissenschaft- 
lichem Betrieb der vaterlandischen Geschichte angeeifert, die Heranbildung 
tuchtiger Krafte fur Archive, Bibliotheken, Museen, insbesondere auch fur 
die Hochschulen erzielt werden. Als Muster diente die £cole des chartes, die 
beruhmte Pflanzstatte franzosischer Historiker, und zwar in Einrichtung wie 
in Lehrstoff, nur daC die neue Schule den heimischen Verhaltnissen entsprechend 
der Universitat der Hauptstadt angegliedert wurde. Wie in Paris, so wurde 
auch hier fur die methodische Ausbildung den historischen Hilfswissenschaften 
breiter Raum zugedacht. 



64 Sickel. 

Im Oktober 1855 eroffnete der zum Direktor bestellte Professor der dster- 
reichischen Geschichte, Albert Jager, den ersten Lehrkursus. Trotz der eifrigsten 
Hingabe iiberwogen zunachst die Schwierigkeiten den Erfolg. Jager hatte 
das Institut in einen gewissen Gegensatz zur Universitat gestellt, so dafi kein 
anderer Professor sich an den Vortragen beteiligte; fur Hilfswissenschaften 
gab es damals an keiner deutschen Hochschule eine Professur, Jager selber 
war darin voller Dilettant. 

Da bat das Institutsmitglied Ottokar Lorenz Sickel, dessen Bekannt- 
schaft er im Archive gemacht hatte, um Unterweisung in der Palaographie. 
Jager ersuchte, das Privatissimum alien Mitgliedern zuganglich zu machen, 
und war vom Erfolge des Unterrichts so befriedigt, daC auf seinen Antrag 
das Ministerium am 19. Sept. 1856 diesen Mann »von so bedeutenden Kennt- 
nissen und so eminenter Lehrgabe« zum Dozenten fur historische Hilfswissen- 
schaften am Institute bestellte. Sickel, dessen franzosische Mission erloschen 
war, nahm an. Er war damit zeitlebens fur Osterreich g e - 
w o n n e n. 1857 wurde seine Stellung durch Ernennung zum auOerordent- 
lichen Professor mit den Universitatseinrichtungen in Einklang gebracht. 
Er hatte im Institut Palaographie, Urkundenlehre und Chronologie vorzu- 
tragen. 

S. hatte diese Facher in Paris, dann auch in Mailand mit Eifer ge- 
trieben, aber doch nur, um sich fur seine Forschungen in den Archiven griind- 
lichst zu schulen. Mit jenem Pflichteifer und jener unverwiistlichen Tatkraft, 
die ihn jederzeit auszeichnete, stellte er nun seine bisherigen Forschungen 
zuriick und widmete sich vollstandig seiner neuen Aufgabe als Dozent der Hilfs- 
wissenschaften, in Lehre wie in Forschung. 

Das erste war die Schaffung eines palaographisch - diplomatischen Lehr- 
apparates fur das Institut. Da es an geeigneten, im Handel befindlichen 
Sammlungen fehlte, schritt er mit freigebiger Unterstiitzung des Unterrichts- 
ministeriums an eine eigene, neuartige und grofizugige Publikation, die 
Monutnenta graphica. Da Lombardei und Venetien noch zum Kaiserstaat 
gehorten, vermochte er aus den inlandischen Sammlungen Proben fast aller 
lateinischen Schriftarten von dem friihesten bis zum ausgehenden Mittelalter 
zu bieten, zugleich also auch die Erforschung der osterreichischen Geschichte 
im besonderen zu befruchten. In ausgedehnterem Mafie als die Buchschriften 
sollten die viel mannigfacheren Formen der Urkunden beriicksichtigt werden. 
Beim Besitz der Archive des damaligen Kaiserstaates an Kaiser-, Papst-, 
Flirsten-, deutschen und italienischen Privaturkunden konnte eine Auswahl 
geboten werden, welche sowohl fiir die allgemeine als fur die verschiedensten 
Zweige der Spezialdiplomatik ein treffliches Lehr- und Hilfsmittel bildete. 

Fiir die Vervielfaltigung wurde zum erstenmal in groflem Maflstab die 
noch junge Photographie verwendet und zwar, um die voile Treue zu wahren, 
ohne Retouche. Zur Erlauterung beigegeben wurden, was bisher ebenfalls 
nicht gebrauchlich war, buchstabengetreue Transkriptionen der Texte, wie sie 
sich seitdem bei guten palaographischen Sammlungen mit geringen Verbesse- 
rungen eingeburgert haben, ein Zeugnis fiir S.s treffsicheres Verstandnis in 
alien didaktischen Fragen. 

In rascher Abf olge erschienen 1858 bis 1869 neun Lieferungen von je zwanzig 
Tafeln. Freilich konnte das Programm nicht vollstandig eingehalten werden. 



Sickel. 



65 



Die Abtrennung der italienischen Provinzen lieB eine wichtige Quelle versiegen, 
das Wiener Staatsarchiv, das heute ein beneidetes photographisches Atelier 
besitzt, scheute sich damals, Originate photographieren zu lassen; die ruhmens- 
werte Liberalitat der groflen osterreichischen Stifte konnte diese Liicke doch 
nicht ganz fullen. Endlich verhinderte die Auflassung der photographischen 
Anstalt in der Staatsdruckerei die Erprobung eines Verfahrens, welches dem 
Verblassen weniger ausgesetzt war als die Silberkopien. Mit einer erst 1882 
in wenig gegliickter Ausfuhrung von K. Rieger besorgten zehnten Lieferung 
schlofl das Werk. Sickel verwies darauf, daB die geanderten Verhaltnisse nun 
auch andersgearteter Sammlungen bediirften. Schade, dafi die geplanten aus- 
fiihrlichen Kommentare einen Niederschlag nur in seinen ausgezeichneten Vor- 
lesungen fanden. 

Die Monument a graphica waren fur ihre Zeit eine fruchtbringende Tat, 
deren Bedeutung wir uns bei der heutigen Fiille von derartigen Tafelwerken 
nicht mehr so leicht vergegenwartigen ktfnnen. Sie haben auch als Torso ihre 
Schuldigkeit getan, fur die Forschung, fur den Unterricht besonders im Institut 
und auf den osterreichischen Hochschulen, aber auch fiir die Verwendung neuer 
Vervielfaltigungsverfahren bei palaographischen Tafelwerken. Sickel selbst ge- 
wann durch die Auswahl und Bearbeitung dieses Stoffes rasch eine auflerordent- 
liche Kenntnis der Schatze in den Ssterreichischen Archiven und Bibliotheken, 
die seinen Schulern wieder tausendfach zu gute kam. 

Schon die knappen Bemerkungen zu den Transkriptionen lassen Sickels 
Selbstandigkeit in der Wertung der Abkiirzungen erkennen. Er hat sich dann 
als erster seit U. F. Kopp wieder eine voile Kennerschaft in den so schwierigen 
tironischen Noten erworben. Und wo er in seinen spateren Arbeiten palao- 
graphische Untersuchungen zu liefern hat, zeigt er eine erstaunliche Erudition 
und Beherrschung weit zerstreuten Stoffes: immer voll Scharfe und Genauig- 
keit der Beobachtung, auch die geringsten Details werden berucksichtigt und 
erklart, nicht in antiquarischer Kleinigkeitskramerei, sondern wenn sie sich 
als GHeder groflerer Zusammenhange verwenden lassen. Ich verweise etwa 
auf die Charakteristik der Salzburger Schrift in den Alkuinstudien, auf die 
Erorterungen uber die Minuskel des X. Jahrh. im Privileg Ottos I. fiir die 
rdmische Kirche, auf die Altersbestimmung des vatikanischen Kodex des Liber 
diurnus mit den weitausgreifenden Vermutungen liber die Entstehung der 
karolingischen Minuskel, oder nach anderer Richtung auf die zahlreichen Schrift - 
bestimmungen von Kaiserurkunden, welche uns zu Sickels Leistungen in der 
D i p 1 m a t i k hiniiberleiten. 

Nachdem fiir den palaographischen Unterricht Vorsorge getroffen war, 
widmete Sickel der Urkundenlehre sein Hauptaugenmerk. 

In Frankreich, wo der wissenschaftliche Betrieb dieser Disziplin nie er- 
loschen war, hatte zuletzt 1838 Wailly eine zeitgemafie Bearbeitung der all- 
gemeinen Diplomatik ganz nach Art des XVIII. Jahrh. geliefert. Weit forder- 
licher fiir die Forschung war, dafi in den fiinfziger Jahren Huillard-Breholles 
und Delisle sich in tief eindringenden, wenn auch bei der bisherigen Methode 
verharrenden Monographien der Spezialdiplomatik zuwendeten. In Deutsch- 
land war die Diplomatik als Hilfswissenschaft der Juristen betrachtet und als 
solche seit der franzosischen Revolution uberfliissig geworden. Bei der an der 
philologischen Kritik aufgewachsenen Geschichtsforschung des XIX. Jahrh. 

Bio^T. Jahrbuch u. Dcutichcr Nckrolog. 13. Bd. c 



66 Sickel. 

hatten die formalistischen, oft kritisch ganz unhaltbaren Regeln der gangbaren 
diplomatischen Handbiicher alien Kredit verloren, so daC man es auch unterlieO, 
den alten genialen Mabillon zu studieren. Als Geschichtsquellen wurden die 
Urkunden auch hier immer mehr geschatzt, besonders seitdem J. F. Bdhmer 
mit seinen Kaiserregesten iiberaus befruchtend auf die politische Kaiser- 
geschichte gewirkt hatte und spater auch Waitz und Ficker mit nicht geringem 
Erfolge die Urkunden fur Verfassungsgeschichte zu verwerten begannen. 

Die Kritik der Urkunden aber wurde lange sehr willkurlich gehandhabt, da 
man die Sonderart dieser Quellen nicht kannte oder beachtete. DaC man, 
um hier festen Boden zu gewinnen, von Bohmers Regesta Imperii ausgehen 
miisse, erschien schon darum selbstverstandlich, weil hier der Stoff fur die 
wichtigste Urkundengruppe gesammelt und bis zu einem gewissen Grad kritisch 
gesichtet vorlag. Als Endziel erschien durchaus Forderung der Reichsgeschichte. 
So arbeitete Stumpf schon seit 1856 an seinen Reichskanzlern. Und auch 
Sickel ging zunachst darauf aus, verbesserte Regesten zu liefern. Die Uber- 
weisung der zahlreichen Schrifttafeln karolingischer Urkunden aus dem Nach- 
lasse U. F. Kopps an das osterreichische Institut im Jahre 1858 gab ihm den 
ersten AnstoB, d i e s e Epoche zu erforschen, aber auch, direkt auf die Be- 
schaffenheit der Originale zuriickzugehen. Gleich den Franzosen wahlte er 
einen enger begrenzten Stoff, bearbeitete diesen aber erschopfend, er treibt 
Spezialdiplomatik bei voller Beherrschung des uberlieferten Wissens- 
stoffes in der allgemeinen Urkundenlehre. Er vereinigte deutsche und franzo- 
sische Richtung. 

Schritt fiir Schritt konnen wir verfolgen, wie die Absicht, die Karolinger 
Regesten zu verbessern, Sickel immer tiefer in die Probleme der Urkunden- 
lehre hineinfiihrt, ihn die Eigenart dieser Quellen immer besser erkennen und 
endlich neue, haltbare Methoden zur Dosung dieser kritischen Fragen ersinnen 
und anwenden laCt, durch welche er zum Bahnbrecher auf dem Gebiete 
der Urkundenlehre wird. 

In den Beitragen zur Diplomatik I bis V (Sitzungsberichte der phil. hist. 
Kl. der Wiener Akademie 1861 — 1864) geht er von den inneren Merkmalen 
der karolingischcn Konigsurkunde aus, da er die auCeren noch nicht vollstandig 
hatte erforschen konnen. In systematischer Ubertragung der fur die erzahlenden 
Quellen erprobten kritischen Regeln auf diese andersgearteten Quellen unter- 
sucht er das Formular und fiihrt die Scheidung von selbstandigen und aus 
Formularen oder Vorurkunden abgeleiteten Texten mit gleich glanzendem 
Erfolg wie das G. H. Pertz bei den Scriptores getan hatte, in die Diplomatik 
ein. So stellt er nicht nur die Wandlungen des Formulars nach Regierungen 
und Kanzlerepochen fest, sondern kommt auch auf die voile Bewertung und 
richtige Erfassung des Rechtsinhaltes. Fiir einige der wichtigsten Gruppen 
erweist er in musterhafter Weise durch den Vergleich der erhaltenen und ab- 
leitbaren Formularien mit denUrkundentexten den typischeh Inhalt der Rechts- 
institutionen, zeigt deren Weiterbildung an den Ausnahmefallen auf, ver- 
mag zugleich "scharfsinnig eine Menge Falschungen auszuscheiden. Eben damals 
war Heinrich Brunner sein Schuler, welcher die diplomatische Forschungs- 
methode auf die Rechtsgeschichte libertrug. 

Nach mehrjahriger, hochst konzentrierter Vorbcreitung erschienen dann 
1867 die Acta Karolinorum. Der zweite Bd. enthalt die Regesten der eigent- 



Sickel. 



67 



lichen Herrscherurkunden von 751 — 840 mit tiefgriindigem Kommentar, fur 
Jahrzehnte einer der wichtigsten Beitrage zur Karolingergeschichte. Geradezu 
epochemachend aber war der erste Band, welcher die Spezialdiplomatik dieser 
Periode, erweitert zu einer Einfiihrung in die Urkundenlehre und einer Neu- 
begriindung dieser iiberhaupt bietet. 

Vorbildlich durch die uberaus scharfsinnige und umsichtige Bearbeitung 
in den Einzelheiten liegt der dauernde Wert in der lichtvollen Darlegung der 
Aufgaben der Diplomatik und in der Aufdeckung neuer, sicherer Methoden 
fur die Urkundenkritik. Diese Lehren sind Gemeingut geworden, wir konnen 
sie kurz in die Satze zusammenfassen : die Lehre von den wesentlichen Merk- 
malen der Urkunden ist auf den Vergleich der Originale einer zusammengehorigen 
Urkundengruppe aufzubauen, das Urteil ob ein Stuck Original ist, hangt in erster 
Linie vom Schriftbeweis ab (ob es von der Hand eines bekannten Kanzleinotars, 
Rekognoszenten etc. herriihrt). Aus den also gesicherten Originalen ergeben 
sich die wesentlichen inneren Merkmale, welche auch in den Abschriften unver- 
andert erhalten sein konnen und daher fur deren Glaubwurdigkeit mafigebend 
sind (also ob das Formular dem in der Kanzlei vorgeschriebenen oder dem 
von einem bestimmten Kanzleinotar gebrauchten entspricht). 

Moglichste Heranziehung der Urquellen, umfassende Sichtung der ganzen 
Uberlieferung sind notwendige Voraussetzungen solcher Studien, sie waren der 
Neigung Sickels jederzeit ebenso kongenial als abschliefiende Untersuchungen. 
Er hat sich die Aufgabe durchaus so gestellt, dafi er sie auch dem Umfang 
nach losen konnte, wenn nicht unberechenbare aufiere Ereignisse hemmten. 
Die ununterbrochene Beschaftigung mit der Palaographie gewohnte ihn an 
scharfste Beobachtung, an das Streben nach voll gesicherten, an die offene 
Ausscheidung von bloB hypothetischen Ergebnissen. Dafi er veranlafit war, 
mit der Karolingerzeit einzusetzen, erleichterte dem Palaographen die Erkennt- 
nis des Schriftbeweises, da damals noch die eigenhandige Rekognition des 
Oberbeamten Vorschrift war. Neben den aufieren Merkmalen sind ebenso 
nachdrucklich die inneren, neben dem formelhaften und formalen ist gleich 
stark der materielle Inhalt berucksichtigt. 

S. hat sich an dem ersten Begrunder der Urkundenlehre, Mabillon, ge- 
schult, kein Forscher hat seitdem diesen Wissenszweig in gleichem Mafie ge- 
fordert, wie unser Meister. Die von ihm aufgestellten Grundsatze haben Gel- 
tung, soweit das Wesen der urkundlichen Quellen gleich bleibt, sie gehoren 
der allgemeinen Diplomatik an. 

Fur die spatern Karolinger und die Ottonen hat S. selbst noch die 
Spezialdiplomatik geliefert, seine Methode weiterbildend und verfeinernd, der 
wechselnden Beschaffenheit des Materials anpassend, nach seinem Grundsatz, 
dafi er nur e i n e diplomatische Methode kenne, welche der Stoff selbst an 
die Hand gibt. 

Hatte er schon fruher gelehrt, dafi jede Urkunde eine Quelle individueller 
Gestalt sei, bei der unbeschadet der Originalitat und Glaubwurdigkeit die 
Besonderheit der Entstehung oder des Inhaltes zu Besonderheiten der Form 
fiihren konne, so gaben ihm die von verw r andten Gesichtspunkten ausgehenden 
Forschungen Fickers die Anregung, die Entstehungsgeschichte der einzelnen 
Urkunden bis in die feinsten Fasern zu zergliedern, urn die zahlreichen Unregel- 
mafiigkeiten und Widerspriiche aufzuklaren, welche sich in den Urkunden 

5* 



68 Sickcl. 

gewisser Epochen finden und deren Verwertung als historische Zeugnisse iiber- 
aus erschweren. Aus der grofien Fiille der Ergebnisse seien nur zwei allgemeinere 
angedeutet: die Losung der uberaus verwickelten Datierungsfragen, der S. 
mehrere eigene Abhandlungen widmete und die Tatsache, dafi die Zahl der 
gefalschten oder verdachtigen Urkunden sich verminderte, also jene der glaub- 
wiirdigen Quellen sich vermehrte. 

Indem S. fern von formalistischer Einseitigkeit fur die Erklarung des 
einzelnen Urkundenindividuums wie ganzer Urkundenarten die geschichtliche 
Umwelt in vollem Mafie heranzieht, kommen die Ergebnisse der neu begnindeten 
Diplomatik auch wieder der Geschichtsforschung auf der ganzen Linie zu gute, 
besonders auch den jungern, der Erforschung der Zustande zugewendeten 
Richtungen; diese lebendige Wechselwirkung hat trotz anfanglichem Wider- 
spruch den historischen Hilfswissenschaften Geltung erobert in der Forschung, 
wie im Unterricht. 

Das ftihrt uns zur Stellung S.s im Institut zuriick. 

Seine geistige Bedeutung trat um so starker hervor, als er — der Sohn 
eines Padagogen — ein uniibertrefflicher Lehrer war. Groflter Eifer und tiefes 
Pflichtgeftihl paarten sich mit voller Beherrschung des Stoffes; einfach, klar 
und eindringlich die Rede, auch beim trockensten Stoff wufite er zu fesseln, 
als das groflte Meisterwerk erscheint mir sein Kolleg uber Chronologic Die 
Cbungen brachte er gerne in unmittelbaren Zusammenhang mit seinen For- 
schungen, die ja wieder aus den Vortragen hervorgegangen waren. In der Dis- 
kussion kam jede Meinung zur Geltung, das Streben nach Wahrheit fand auch 
an seinem ausgesprochenen Selbstbewufitsein nie eine Schranke. Drum suchte 
auch jeder Schuler die an ihn gestellten oft weitgehenden Forderungen mog- 
lichst zu erfullen; man wufite, S. war sich gegenuber ebenso streng. Er 
war geboren zu befehlen. Seine Autoritat trat oft schroff hervor, gemildert 
nur durch seine Selbstzucht und sein warmes Wohlwollen fur seine Schuler, 
so dafi sich unschwer wieder das rechte Wort des Ausgleiches fand. Dieser 
kraftvollen Personlichkeit schlossen sich alsbald die hervorragendsten Mitglieder 
des Instituts an. 

Als im Jahre 1869 Jager zuriicktrat, war S. der berufenste als Nach- 
folger, zumal er seit 1867 Ordinarius war und 1870 wirkliches Mitglied der 
Akademie wurde. Aber er ward zunachst nur provisorisch mit der Leitung be- 
traut, Intrigen, Bedenken, Aspirationen machten sich gegen ihn geltend, erst 
1873 ging das Provisorium stillschweigend in ein Definitivum iiber. Nach 
seinen Antragen erfolgte bereits 1874 in manchen Punkten eine zeitgemafle 
Reorganisation der Anstalt, sie wurde bestimmter zur Pflanzschule fur ge- 
lehrte Staatsanstellungen, besonders an Archiven und Museen ausgebaut; 
zum Teil in Zusammenhang damit wurde der Lehrkorper durch einen Kunst- 
historiker und einen zweiten Vertreter der Hilfswissenschaften vergrofiert. 
Alle diese Posten konnten mit Schiilern Sickels besetzt werden. 

Das Institut trug nun vollends die Signatur der fiihrenden Personlichkeit 
in den Hilfswissenschaften; auch S.s aufiere Stellung entsprach der des 
Hauptes der hervorragendsten historischen Schule in Osterreich. So sehr die 
historischen Hilfswissenschaften, besonders unter S.s Leitung, im Institut als 
methodisches und kritisches Bildungsmittel dienten, so wenig bedingten sie 
bei den Schiilern eine einseitige Richtung, die ja S.s eignen Studien und 



Sickel. 6 o 

seinem weiten Interessenkreis fern lag. Wohl suchte er diese Wissenszweige 
als wichtige Hilfsmittel der Geschichtsforschung einzubiirgern, mit Erfolg trat 
er fur die Errichtung hilfswissenschaftlicher Lehrkanzeln an den osterreichischen 
Universitaten ein, Deutschland und Italien folgten seinem fuhrenden Beispiel. 
Auf wie mannigfachen Gebieten und nicht am wenigsten auf dem der 
osterr. Geschichte sich dagegen seine Schiiler betatigten, zeigt am besten 
der Inhalt der im J. 1879 unter Sickels Leitung ins Leben gerufenen, nun 
in 37 Banden vorliegenden Mitteilungen des I n s-t i t u t s fiir 
6s t. Geschichtsforschung. 

Im Jahre 1874 bestand ubrigens hohe Gefahr, dafi S. seiner Schopfung 
durch einen ehrenvollen Ruf nach Berlin verloren gehe. Die osterreichischen 
Historiker und nicht nur sie haben heute noch alien Grund sich zu freuen, 
dafl es gelang, den beriihmten Forscher und Lehrer fiir Wien zu erhalten. Denn 
unter den Bedingungen seines Hierbleibens war namentlich auch die, dafi 
Osterreich fortfahre, sich an dem groflen deutschen National werke der Monti- 
menia Germaniae hisiorica zu beteiligen. 

Als durch die Neuordnung im Jahre 1875 wieder frisches Leben in dieses 
Unternehmen kam, da gab es nur eine Stimme, dafi der Neubegriinder der 
Diplomatik der geeignetste Mann fiir die seit funfzig Jahren ersehnte Heraus- 
gabe der Kaiserurkunden sei. Mit Begeisterung machte er sich an die Auf- 
gabe, die ihm selber schon so lange am Herzen gelegen. Tuchtige Schiiler traten 
ihm als Mitarbeiter zur Seite, in Cbungen und Ferienreisen beteiligte sich oft 
das ganze Institut an der Forschung. Wohl vorbereitet richtete S. seine Di- 
plomata-Abteilung in Wien ein; er erwies sich als trefflicher Organisator. Er 
setzte mit den Diplomen des X. Jahrhunderts ein; er hatte die Moglichkeit 
gewonnen, dafi fiir die Karolinger der Boden durch Miihlbachers Neubearbeitung 
der Karolingerregesten noch besser durchgepfliigt werde und sein Wissensdurst 
drSngte ihn zur Erforschung einer ihm noch weniger bekannten, aber nicht 
weniger schwierigen Epoche. 

Von 1879 — 1893 edierte er m & seinen Gehilfen in zwei Banden die Dip- 
lome von 911 bis 1002. Das Schwergewicht lag von vornherein nicht in der 
Erschliefiung noch unbekannter Urkunden, sondern in der Art der VeroTfent- 
lichung. Durchaus sollte auf die beste Oberlieferung zuriickgegangen werden. 
Das 1876 fur die Bearbeitung verdffentlichte »Programm und Instruktion« 
zeigt in lehrreicher Weise, wie griindlich und umfassend die Archivforschung 
gemacht werden sollte und soweit als moglich hielt er sich daran; seine 
♦Kaiserurkunden in der Schweiz« und sein VI. Beitrag zur Diplomatik 
geben Beispiele fiir die Art der Untersuchung einzelner unter sich zu- 
sammenhangender Gruppen. Der ganze Stoff war so durchgearbeitet, dafi 
eine abschliefiende Spezialdiplomatik gewonnen wurde, von deren Ergebnissen 
schon friiher die Rede war; es sei nur noch hinzugefiigt, dafi neben der 
Schriftenvergleichung die Diktatuntersuchung eine besonders wichtige Rolle 
spielte. So wurden der Ausgabe selbst die richtigen diplomatischen 
Kriterien fiir die formale Beurteilung der Originalitat, aber auch in aus- 
gedehntem MaOe fur die Zuverlassigkeit der Kopien und fur die Echtheit 
der einzelnen Diplome gewonnen. Nur bei etwa dem zehnten Teil dieser 
Dokumente glaubte S. den Grad der Glaubwiirdigkeit nicht sicher ent- 
scheiden zu kftnnen. 



7 O Sickel. 

Mehrfacher Wechsel der Mitarbeiter und langeres schweres Unwohlsein, 
das S. zu Beginn der achtziger Jahre behinderte, haben ja manche Un- 
gleichmafiigkeit verschuldet, im ganzen aber wurde Plan und Durchfiihrung 
durchweg als meisterhaft und vorbildlich anerkannt. Die Fortsetzer des Unter- 
nehmens, Brefilau und Miihlbacher, fanden doch nur in wenigen Punkten Anlafl 
zur Verbesserung seines Vorgehens. 

Zur Erlauterung der Acta Karolinortcm hatte S. im Jahre 1870 Tafeln 
mit Karolingerurkunden aus dem Nachlasse von U. F. Kopp herausgegeben. 
Die Generaldirektion der preufi. Staatsarchive unter Heinrich von Sybel bot 
nun die Mittel, um nicht nur flir die beiden Bande der Diplomata, sondern die 
Kaiserurkunden des Mittelalters iiberhaupt ein ahnliches Hilfsmittel zu liefern. 
Es ist das auch technisch vorziiglich gelungene Tafelwerk ^Kaiserurkunden in 
Abbildungen* (1880 — 91). Der wissenschaftliche Plan und die wissenschaft- 
liche Leitung waren durchaus Sache S.s. Es wird eine systematische Sammlung 
von 361 Stiicken geboten, welche die Arten und Abarten der Kaiserurkunden 
in den verschiedenen Perioden, ihre allmahliche Fortbildung, die Entstehung 
und einzelnen Phasen der Beurkundung, die jeweili'gen Normen der Kanzlei und 
auch Beispiele fur Abweichung von ihnen veranschaulicht. Die Auswahl fur 
die Karolinger und Ottonen traf S. mit seiner souveranen Beherrschung des 
Stoffes noch selbst und lieferte wichtige Beitrage fur die Spezialdiplomatik 
der spatern Karolinger. Fiir die andern Zeitraume ubertrug er sie an geeignete 
Fachmanner. Da die italienischen Archive fiir dieses Werk nicht benutzt 
werden konnten, regte er bei der romischen historischen Gesellschaft ein 
ahnliches Unternehmen zur Erganzung an und steuerte zu dem einzigen 
erschienenen Heft die Tafeln fiir die italienischen Karolinger bei. 

Schliefilich mufi in diesem Zusammenhang noch der Monographic gedacht 
werden, welche S. 1883 der in manchen Beziehungen bedeutungsvollsten Ur- 
kunde Ottos I., dem lang mit geheimnisvollem Dunkel umhullten Privileg 
fiir die romische Kirche widmete. Er kam zum Ergebnis, dafi wir es nicht mit 
einem in der Kanzlei geschriebenen Original, sondern mit einer Prunk-Aus- 
fertigung zu tun haben, welche aber gleichzeitig und amtlichen Ursprunges, 
echt und durchaus glaubwiirdig ist; ja Brefilau machte jiingst sehr wahrschein- 
lich, dafi sie auch echtes Siegel trug. 

Diese Schrift war eine der ersten Friichte der Eroffnung des vatikanischen 
Archives durch Papst Leo XIII. Ihr Ergebnis trug wesentlich dazu bei, die 
Bedenken uber diese Liberalitat des Papstes zu zerstreuen. Diese Untersuchung 
fiihrte auch zur Grundung des Istituto austriaco di studii storici in Rom und 
damit zu einer vollstandigen Anderung in S.s Wirksamkeit und Tatigkeit. 

Das osterr. historische Institut in Rom erstand im Herbst 1 88 1 infolge 
eines Berichtes, welchen S. dem Kaiser uber seine vatikanischen Forschungen 
erstattete; dieser gewahrte auch die Mittel zunachst aus seiner Privatschatulle. 
S. plante es als eine Tochter der Wiener Anstalt, in enger Arbeitsgemeinsam- 
keit mit dieser und mit seiner Schule zur Ausbeutung der Schatze des vati- 
kanischen Archives. Er gedachte die Oberleitung so zu fiihren, dafi nur ab 
und zu seine personliche Anwesenheit in Rom notig sein wurde, die laufenden 
Geschafte sollte ein Stellvertreter versehen. Als sich aber herausstellte, dafi 
auf diese Weise die notwendige Stetigkeit weder fiir die wissenschaftlichen 
Arbeiten, noch in anderer Hinsicht zu erreichen sei, entschlofi er sich zu d e r 



Sickel. * x 

Losung der Frage, dafi er seine hochangesehene Stellung am Institut in Wien 
nach 35jahriger Tatigkeit verlieC, 1 891 als Professor in Ruhestand trat und 
dauernd zur Leitung des Istituto nach Rom ubersiedelte. Dieser Entschlufi 
erregte vielfach Verwunderung. Meines Erachtens entsprang er aus kraftigem, 
noch jugendlichem Drang, neues zu schaffen und zu organisieren, nicht wenig 
wohl auch aus seiner starken Vorliebe fur archivalisches Forschen. 

Von Jugend an eifriger Archivarbeiter besafi er lebhaftes, fachkundiges 
Interesse fur das Archivwesen. Als Minister Giskra 1869 eine Enquete zur 
Besserung dieses in Osterreich damals ganz verwahrlosten Verwaltungszweiges 
einberief, legte S. einen groflziigigen Entwurf zu einer einheitlichen Organi- 
sation der staatlichen Archive vor, welcher freilich in seiner Ganze nie zur 
Ausfuhrung kam, nur einzelne wichtige Bestimmungen, wie iiber die Vorbildung 
der Archivare, fanden allmahlich Eingang. 

Seit Errichtung des romischen Institutes ging nun sein Augenmerk 
darauf, in den papstlichen Archiven fur die Benutzer alle jene Erleichterungen 
zu erzielen, welche mit den allgemeinen Normen guter Archivverwaltung ver- 
traglich waren. Und er hatte schon bei seiner Anwesenheit 1885/6 schone Er- 
folge erzielt. Das reizte ihn zum Ausbau. Seine geistvolle Personlichkeit im- 
ponierte auch in Rom in alien Kreisen, welche mit ihm in Beruhrung kamen. 
Selbst der Papst bewies ihm, dem Protestanten, wiederholt seine Gunst. Man 
nannte Sickel wohl den wissenschaftlichen Botschafter Osterreichs in Rom. 

Das Forschungsgebiet S.s kniipfte seitdem enge an die papstlichen 
Archive an. Das Istituto setzte zunachst beim Mittelalter ein. In gemeinsamer 
Arbeit wurden die Register fiir die Habsburger Geschichte ausgebeutet. S. 
selbst lieferte 1889 auf Grundlage des wieder zuganglichen vatikanischen Kodex 
eine abschliefiende Ausgabe des Liber diurnus. Teils in der etwas gequalten 
lateinischen Vorrede, ausfuhrlich in den beiden in den Akademieschriften 
veroffentlichten Prolegomena erweist er in gewohnter Umsicht das Alter der 
Handschrift und bringt die iiberaus schwierigen Fragen nach der Entstehung 
und Bedeutung dieser ebenso wichtigen als umstrittenen Quelle in neue und 
in Hauptpunkten sicher richtigere Beleuchtung. 

Bessere Ubersicht iiber die Bestande des vatikanischen Archivs ergab 
als das dankbarste Arbeistfeld die Geschichte der neueren Zeit. S. entschloB 
sich, die Nuntiaturberichte des XVI. Jahrhunderts aus dem deutschen 
Habsburgerreich sammeln zu lassen. Da aber auch das preufiische und das 
Institut der Gorresgesellschaft einen solchen Plan gefafit und mit dessen 
Verwirklichung schon begonnen hatten, so verstandigten sich die drei Anstalten 
im Jahre 1891 zu gemeinsamer Herausgabe. S. wahlte die Zeit Pius IV. und V. 
wegen desTrientner Konzils, mit dem er sich schon vor Jahrzehnten beschaftigt 
hatte. In den erregten Jahren 1870 — 72 hatte er die von ihm gefundenen 
Reformentwiirfe Ferdinands I. nebst der Korrespondenz der kaiserlichen 
Legaten und reichem Kommentar herausgegeben. 

Mit dieser Epoche wollte er also wieder einsetzen. Und wahrend das Ma- 
terial fur die Nuntiaturberichte in und aufier Rom gesamnielt und durch seinen 
Schiiler Steinherz bearbeitet wurde, verwirklichte S. mit Hilfe der Wiener 
Akademie einen weitern sehr fruchtbaren Gedanken: die Veroffentlichung der 
Korrespondenz, welche die Legaten in den entscheidenden letzten Jahren des 
Trientner Konzils fuhrten. Sie erst gibt die richtige historische Erklarung 



72 



Sickel. 



fur die offiziellen Aktenstucke, welche die Gorresgesellschaft ediert, den Schlussel 
fur die Umstande, unter welchen diese bis heute folgenreichen Beschlusse 
zustande kamen. Die Verarbeitung des nach seinem Plan und unter seiner 
tatigen Mitwirkung gesammelten Stoffes ubertrug er seinem Schiiler Susta. 

Weit iiber das spezielle Thema hinaus reicht die Bedeutung der in S.s 
»R6mischen Berichten I. — V.« niedergelegten Erorterungen iiber Existenz, Be- 
schaflfenheit und Zusammenhang der fur diese Publikationen zu durchforschenden 
Quellen, sie bauen sich auf eindringlicher Darlegung des ganzen kurialen Ge- 
schaftsganges auf. Er hat seine Untersuchungen iiber Urkundenwesen und 
Kanzlei auf das neugeschichtliche Aktenmaterial, also auf verwandte archiva- 
lische Quellen iibertragen. Auf solche Weise gelang es ihm, den ganzen in 
Frage kommenden Quellenstoff aufzuspliren, den kritischen Wert der einzelnen 
Bestande klar zu legen. Es ist mit Recht hervorgehoben worden, dafl er hier 
ein Muster bot, wie neuzeitliche Geschichtsforschung betrieben werden muB, 
wenn man zu abschlieflenden Quellensammlungen und zu erschopfenden 
Darstellungen gelangen will, und die Vergeudung von Kraft und Zeit aufhoren 
soil, die dadurch entsteht, dafi oftmals der spatere Forscher nicht genau weifl, 
wie vollstandig ein Vorganger das Material gekannt und auch ausgebeutet hat. 
Nochmals zeigt sich Sickel in diesen letzten Arbeiten als den groBen Meister 
der K r i t i k. 

Hochbejahrt zog er sich im Jahre 1901 nach dem sonnigen Meran zuruck. 
Andauernde geistige Arbeit mufite er sich nun allerdings versagen. Aber das 
rege Interesse an der Wissenschaft, an seinen Schopfungen, an der Politik, 
an allem Lebenswerten behielt er ebenso ungemindert wie den Eifer und die 
Kunst frischer, anregender Erzahlung. Die Feier seines achtzigsten Geburts- 
tages warf einen verklarenden Schimmer auf sein groBes, fruchtbares Lebenswerk. 
Namentlich freute er sich der Anhanglichkeit seiner zahlreichen Schiiler in und 
aufierhalb Osterreichs. Sie, sagte er, ersetzten ihm die leiblichen Kinder, welche 
seiner gliicklichen Ehe mit der Tochter Gotfrid Sempers nicht beschieden 
waren. Seine hohen Verdienste hatten allseitige Anerkennung gefunden. Die 
hervorragendsten Akademien hatten ihn in ihre Mitte aufgenommen, er besaB 
die vornehmsten Orden fur wissenschaftliche Verdienste, wurde Hofrat und 
schliefilich Sektionschef. 

Das frische Leben, welches Sickel bei seinem Eintritt in osterreichische Dienste 
fand, gewann ihn sofort fur seine neue Heimat. Durch seine energische wissen- 
schaftliche Betatigung eine Annaherung Osterreichs und Deutschlands anbahnen 
zu helfen, war das Ideal, dem er stets zum Wohle beider Staaten nachstrebte. 

Literatur: Sickel. Das k. k. Institut f. 6sterr. Geschichtsforschung (Mitteil. 
des Instituts f. ost. G.-F. 1,1). v. Ottenthal. Das k. k. Inst. f. dst. Geschichtsforsch. 
1854 — 1904, Festschrift, Wien 1904. Vgi. meinen Nachruf in Mitteil. des Instit, f. 6st G. 
S. 29, 545 ff., welcher hier etwas gekOrzt, in einigen Punkten auch erganzt, mit Zustimmung 
der Redaktion wieder veroffentlicht wird. — Die aus Anlafl seines achtzigsten Geburtstages 
und seines Todes erschienenen biographischen Artikel sind zusammengestellt von H. H e I d - 
m a n n im Jahresbericht des Thuringisch-Sachsischen Vereins zur Erf orschung des vaterland. 
Altertums fur 1907/8 (Halle 1909) S. 15, und in der hist. Zeitschrift 104, S. 114 ff., wo auch 
Briefe von ihm abgedruckt sind. Sickels gelehrte Arbeiten sind verzeichnet von H. Stein- 
acker. Theodor v. Sickel. Bericht des akad. Vereins deutscher Historiker, 17. und 
18. Vcreinsjahr, Wien 1907. E. V. O 1 1 e n t h a 1. 



Beck. 7 ^ 

Beck, Otto, Oberbiirgermeister von Mannheim, * 15. Mai 1846 in Kraut- 
heim, f in Mannheim 30. Marz 1908. — Sohn eines Volksschullehrers im badischen 
I'nterland, besuchte B. die Gymnasien in Tauberbischofsheim und Constanz, 
absolvierte Jura an der Heidelberger Hochschule. 1873 wurde B. Sekretar im 
Ministerium des Innern, 1875 Amtmann in Baden-Baden. 1878 — 91 wirkte 
B. als Oberamtmann in Borndorf, Waldkirch, Rastatt. Seine bedeutenden 
Leistungen lieflen B. der Staatsregierung als Oberbiirgermeister fiir Mannheim, 
von maflgebenden Stellen empfehlen. Nach Ablauf der 9jahrigen gesetzlichen 
Amts-Periode wurde B. einstimmig wiedergewahlt; scin 60. Geburtstag und 
die Feier des Stadt- Jubilaums waren Anlafi besonderer Ehrungen (Verleihung 
der sonst nur an Fiirstlichkeiten verliehenen groBen goldenen Jubilaums- 
Medaille; Benennung des Haupt-Strafienzuges im vornehmsten neuen Stadt- 
viertel als Otto Beck-StraBe). — B. »modernisierte (nach dem Zeugnis von 
Felix Hecht) alle Zweige der Gemeindeverwaltung. In welchem umfassenden 
MaBe dies geschah, ergibt sich aus den 7 Banden der stadtischen Verwaltungs- 
berichte (1876 ff.) und den 3 Banden des Jubilaums-Werkes der Stadt Mann- 
heim. Nur die Verwaltungs-Berichte der Stadt Essen sind an Bedeutsamkeit 
den Mannheimer Verwaltungeberichten an die Seite zu stellen«. B. war (nach 
demselben Gewahrsmann) ein produktiver Kopf, gelehrig, anschlagig, voll 
kernhaften, volksmaBigen Humors, von geistiger Oberlegenheit, schlagfertig, 
zur Ausgleichung von Gegensatzen geschaffen, arbeitsam und ausdauernd in 
seltenem MaBe, ein guter Menschenkenner und Rechenmeister. Ihm vornehm- 
lich ist die Schopfung des Mannheimer Industriehafens zu danken, dessen 
Einweihung 1907 stattfand, dessen Vorbereitungen aber bis 1892 zuruckreichen. 
Gleicherweise war B. auf die Verbesserung von WasserstraBen und Verkehrs- 
wegen, die ErschlieBung weiteren Baugelandes, die VergroBerung des stadtischen 
Grundbesitzes, auf die Vorarbeiten fiir ein GroB-Mannheim, die Regelung der 
Wohnungs-Frage (1897 entstand seine einschlagige, an den Mannheimer Stadt- 
rat gerichtete Denkschrift; 1901 behandelte B. in Band 96 der Schriften des 
Vereins fur Sozialpolitik »Die Forderung der gemeinniitzigen Bautatigkeit 
durch die Gemeinden«). Ernstlich bemiiht war B. auch um die Reform des 
kaufmannischen Bildungswesens, um die Hebung der Hygiene, um die Ver- 
schonerung der Stadt, die Erbauung der stadtischen Festhalle, des »Rosen- 
gartens* durch Professor Bruno Schmitz, um das Theater und die sonstigen 
stadtischen kunst- und wissenschaftlichen Sammlungen, stets darauf bedacht, 
»alle diese Kulturgiiter auch den Armeren zuganglich zu machen«. »Was B. 
fiir Mannheim getan, das hatte« — nach dem Wort von Professor Sigmund 
Schott — »die Presse, das hatte die Biirgerschaft sofort auf die richtige Formel 
gebracht: der Kleinstadt hat er den Weg zur GroBstadt geebnet«. Professor 
Walthers Nachruf stellt fest, daB die Summe der Mannheimer Stammkapitalien 
wahrend B.s Amtsfuhrung von 414 auf IOI 1 Millionen Mark und die Einwohnerzahl 
von 80000 auf 177000 gestiegen ist und die Zahl der stadtischen Beamten 
sich in demselben Zeitraum versechsfacht hat. Es brachte den festlichen Hohe- 
punkt in B.s Leben, als ihm beim feierlichen Jubilaums-Festakt im Rosen- 
garten die Abordnung des Senats der Universitat Heidelberg das Ehrendoktor- 
Diplom iiberreichte und der ehrwiirdige GroBherzog von Baden als Rector 
Magnificentissimus der Ruperto-Carola ein Hoch auf den neuen Doktor 
ausbrachte. 



j a Beck. Busch. 

Freundliche Mitteilung des Hcrrn Oberburgermeister von Mannheim, Herrn Dr. Martin. — 
Kommunale Rundschau. Deutscher Stadte-Verlag, 30. April 1908. Nachruf (mit Abbildung) 
von Prof. Dr. Friedrich Walther. — Technisches Gemeindeblatt. Berlin, Jahrgang XI. Nr. 2 
vom 20. April 1908 Oberburgermeister Beck-Mannheim, von Prof. Dr. Sigmund Schott. — 
Siiddeutsche Monatshefte, Juni 1908. Felix Hecht: Otto Beck, Oberburgermeister von Mann- 
heim. 

Busch, Wilhelm, * 15. April 1832 in Wiedensahl, f 9. Januar 1908 in 
Mechtshausen am Harz. 

»Ein Freier und ein Froher ist gegangen, 
Der mehr als Ihr geahnt, ein Grofler war. — 
Der Jugend Rot auf unverbluhten Wangen, 
Des Alters heilig-reinen Schnee im Haar; 
Wie kaum ein Z we iter mehr in deutschen Landen 
Den Kindern und den Alten gleich vertraut, 
So viel geliebt, so selten ganz vers tan den, 
Im tiefsten Grund von Wenigen durchschaut!« 

F. v. s t i n i , , Jugend' 1908, 3. 

In landlicher Abgeschiedenheit sagte Wilhelm Busch der Welt Valet, 
der Mensch mit dem goldnen Herzen und Humor, der hervorragende 
Dichter, Maler und Karikaturist. Er hat leider zu seinen Lebzeiten nicht 
die voile Anerkennung gefunden, wie er sie verdient hatte, trotzdem er selbst 
den Kindern nicht unbekannt geblieben ist. Ein rechter Junge kann Ciber- 
haupt seinen »Max und Moritz4< auswendig. Aber die breite Masse schatzte 
ihn wie die Kinder eben auch nur als Spafimacher: »weil er so ulkig 
ist«. DaC Wilhelm Busch ein Ktinstler war, ein vielseitiger, gottbegnadeter 
Kiinstler, diese Erkenntnis ist manchen erst jetzt, vielen noch gar nicht auf- 
gegangen. Solche Verstandnislosigkeit hat auf Busch's Psyche ganz zweifellos 
stark gewirkt, hat m i t dazu beigetragen, dafl er schlieClich der einsame, wenig 
zugangliche Dorfbewohner ward und zeitlebens blieb. Die Literatur- und 
Kunstgeschichte kommender Tage wird an ihm gut zu machen haben, was in- 
folge mangelnden kritischen und kunstlerischen Verstandnisses an dankbarer 
Ehrung ihm gegeniiber bis jetzt nicht zum Ausdruck gekommen ist. 

B.s Wiege stand im Hannoverschen, nahe der Grenze von Westfalen und 
Schaumburg-Lippe, in still-friedlichem Winkel, dem fast weltabgeschiedenen 
Wiedensahl. Der Vater, Friedrich Busch, war daselbst Kramer. Aus seiner 
Ehe mit Henriette geb. Kleine, der Tochter des dort angesessenen Arztes, gingen 
6 Kinder hervor, 4 Knaben und 2 Madchen. Wilhelm, der alteste, und 2 seiner 
Bruder studierten spater, wahrend ein Bruder das vaterliche Geschaft iiber- 
nahm. Eine Schwester starb frlih — ihr gilt das Gedicht in der »Kritik des 
Herzens« S. 80 — , die andere heiratete den Pfarrer des Dorfes, Noldeke. Mit 
dieser Schwester, Fanny, hat B. nach dem Ableben ihres Mannes etwa die 
3 letzten Dezennien in Wiedensahl und dann in Mechtshausen zusammengelebt 
und hat mit ihr die Sorge um die Erziehung ihrer Kinder geteilt. 

Die Eltern des Ktinstlers lebten in auskommlichen, aber nicht glanzenden 
Verhaltnissen. Der Vater sorgte schlecht und recht fur sein Geschaft und seine 
Familie. Der praktische Sinn uberwog bei ihm. Er war ein Mann von ernster 
Lebensauffassung, gonnte sich wenig Erholungsstunden und laute Vergnu- 
gungen erst recht nicht. Zerstreuungen auCerhalb seiner vier Pfahle pflegte 



Busch. n c 

er nicht zu suchen. Der Besuch der Braunschweiger Messe und seines Schwagers 
Kleine, der die Pfarre von Ebergotzen und spater von Luethorst inne hatte, 
waren fur ihn die liebsten Untcrbrechungen im taglichen Einerlei. An der 
Mutter wird jene stille Frommigkeit und Gottergebenheit geruhmt, die auf 
Auflerlichkeiten keinen Wert legt. Besonders markante Charakterziige hatte 
sie kaum aufzuweisen. Kiinstlerische Dinge interessierten sie und ihren Gatten 
schwerlich; dagegen war sie von seltener Giite und Liebe gegen ihre Kinder, 
und es ist sehr wahrscheinlich, daB Jung-Wilhelm, dessen Bosebubenstreiche 
kaum alle erfunden sind, ihre milde Fursprache vielfach hat in Anspruch nehmen 
mussen. Denn der Vater war ein strenger Mann, der cine jugendliche Missetat 
ungern durchgehen liefi. Hochst ergotzlich ist, wenn B. in seiner Selbstbio- 
graphie »Von mir uber mich« von einem solchen Fall berichtet. »Um diese 
Zeit«, lesen wir da, »passierte eine kleine Geschichte, die recht schmerzhaft 
und schimpflich fur mich ablief. Beim Kuster diente ein Kuhjunge, fiinf, sechs 
Jahre alter als ich. Er hatte in einen rostigen Kirchenschlussel, so grofl wie 
dem Petrus seiner, ein Zundloch gefeilt, gehacktes Fensterblei hatte er auch 
schon genug, bloB das Pulver fehlte noch zu Blitz und Donner. Infolge seiner 
Beredsamkeit machte ich einen stillen Besuch bei einer gewissen steinernen 
Kruke, die auf dem Speicher stand. Nachmittags zogen wir mit den Kuhen 
auf die einsame Waldwiese. GroBartig war der Wiederhall des Geschutzes. 
Und so beilaufig ging auch ein altes Bauerlein vorbei, in der Richtung des 
Dorfes. Abends kehrte ich frohlich heim und freute mich so recht auf das Nacht- 
essen. Mein Vater empfing mich an der Ttir und lud mich ein, ihm auf den 
Speicher zu folgen. Hier ergriff er mich beim linken Arm und trieb mich ver- 
mittels eines Rohrstockes im Kreise umher, immer um die Kruke herum, wo 
das Pulver drin war. Wie peinlich mir das war, liefi ich weithin verlautbaren. 
Und sonderbar! Ich bin weder Jager noch Soldat geworden*. 

Ich gehe geflissentlich nicht genauer ein auf die fur diese Betrachtung 
mehr oder weniger nebensachlichen Ereignisse aus fruhester Jugendzeit. B. 
hat dariiber selbst so behaglich und mit herzerfreuender Einfachheit berichtet: 
wie Knecht Heinrich Floten macht und auf der Maultrommel spielt, wie das 
Schwesterchen einmal fast ertrunken ware, wie GroBmutterchen als Fruhauf- 
steherin mit Stahl und Stein Feuer im Ofen entziindet, und es dem Knaben 
dann in dem einsamen Hause so »wonnig geheimnisvoll vorkam besonders 
im Winter, wenn noch alles still und tot und dunkel war«. 

Der Knabe war noch nicht zehn Jahre alt, als ihn der Vater zum Zweck 
besserer Vorbildung in das Haus von Schwager Kleine schickte, der in Eber- 
gotzen bei Gottingen seine erste Pfarrstellc inne hatte. So verlieB denn Jung- 
Wilhelm das Elternhaus, in dem man so behaglich, harmlos und frohlich dahin- 
lebte. Wahrend des nachsten Vierteljahrhunderts hat B. sich zu wirklich 
dauerndem Aufenthalt* in seinem Heimatdorf nicht wieder eingefunden, ausge- 
nommen nach der Antwerpener Zeit, um sich von einer Krankheit zu erholen. 

Von Pastor Kleine sind auBer Wilhelm auch dessen jungere Briider mit 
den eigenen Kindern des Pfarrers zusammen unterrichtet und erzogen worden. 
Wahrend der Jahre bei dem braven Landpfarrer erwacht unter Anleitung des 
Oheims in Wilhelm der Sinn fiir die Natur seiner Heimat und deren Betrach- 
tung. Er lernt auch des Kleinen und Kleinsten sich liebevoll annehmen. Kein 
Baum, kein Strauch, kein Vogel bleibt ihm unbekannt. Die Liebe zur Natur 



76 



Busch. 



und ihrer Ergrundung hat Busch durch das ganze Leben begleitet, sei es, daO 
er sich mit der Lehre von den Atomen beschaftigt, sich aus Brehms Tierleben 
orientiert, Darwin oder Haeckel studiert, sei es, dafi er von hier hinuber philo- 
sophies in das Reich der Seelenwanderung, die er alien Ernstes fur moglich 
halt. Ganz besonderes Interesse bringt der heranwachsende Jungling der Imkerei 
entgegen. Nicht nur »Schnurrdiburr«, sondern auch viele Gedichte aus spaterer 
Zeit geben davon Zeugnis. Auch in diesem Betracht war Onkel Kleine der 
sich lebhaft an dem Kampf um die sog. Parthenogenesis beteiligte, der spiri- 
tus rector. Noch im Alter bemerkt B. im Scherz, die Bienenzucht sei das einzige, 
was er griindlich gelernt habe. Indessen ist alles das nur Theorie geblieben. 
Praktischer Bienenwirt ist er nie geworden. Dafi er einmal den Gedanken 
gehabt haben soil, nach Brasilien, dem Dorado aller Bienenzuchter, auszu- 
wandern, bezeichnet der Kiinstler selbst als einen freundlichen Irrtum. 

In Ebergotzen schlofi der Jungling einen Freundschaftsbund, der fur das 
ganze Leben von Dauer war, mit dem Sohne des dortigen Mullers. Mit Erich 
Bachmann teilte er den Unterricht, fing Forellen und stellte Dohnen und Spren- 
keln. Ein Hauptvergnvigen fiir beide Knaben war das Baden vor dem Dorfe. 
Man wnachte sich eine Mudde aus Erde und Wasser«; die hiefi »Peter und 
Paul«. Das gab Gelegenheit, sich »von oben bis unten zu uberkleistern«. Man 
legte sich in die Sonne, liefi sich wnkrustieren wie Pasteten* und spiilte sich 
im Bache wieder ab. Nicht ohne Grund hat in »Plisch und Plumm« der spatere 
Dichter und Karikator nadi dem Vorangegangenen die beiden unniitzen Jungen 
Peter und Paul genannt. Wenn sich diese beiden Mosjos aus Mangel an 
geeigneten AngriffswafTen im Zofn mit Mutters gutem Kartoffelsalat gegen- 
seitig iibers Gesicht fahren, so haben wir hier einen leisen Nachhall des Eber- 
gotzer Erlebnisses: 

» Jetzt wird's aber desperat. — 

Ach, der kostliche Salat 

Dient den aufgeregten Geistern, 

Sich damit zu uberkleistern*. 

Auch sonst gab es in Ebergotzen allerlei Unfug zu treiben. Dem Dorf- 
troddel werden Kuhhaare in die Pfeife gesteckt, die dieser »mit dem Aus- 
druck der seligsten Zufriedenheit ausraucht«. Dasselbe macht der Knabe 
Hieronymus Jobs mit dem guten Rektor, der ihm Unterricht erteilt. Wir ver- 
nehmen mit Genugtuung, dafi weder in Wahrheit noch in der Dichtung die 
gebiihrende Senge ausgeblieben. 

Noch ein weiteres Motiv aus der Folgezeit hat sich in B.s Produktion 
erhalten. Ich erwahne dies deshalb, weil fiir mich hier zuerst die vorziigliche 
Beobachtungsgabe des Knaben zu Tage tritt. In seiner Selbstbiographie erzahlt 
namlich B. folgendes: »Auch der Wirt des Dorfes, weil er ein Piano besafi, 
wurde bald mein guter Bekannter. ... Er trug lederne Klappantoffeln und 
eine gelbgrune Joppe, die das hintere Mienenspiel der blafi- 
blauen Hose nur selten zu bemanteln suchte. In den »ehelichen Ergotz- 
lichkeiten« bei »Herr und Frau Knopp« finden wir die Parallelstelle: 

•Gern wendet Frau Doris anitzo den Blick 
Auf Knopp sein Beinbekleidungsstuck, 
Welches ihr immer besonders gefiel 
Durch Ausdruck und wechselndes Mienenspiel.* 



Busch. 



77 



Wir haben es auch hier wahrscheinlich mit einer Reminiszenz zu tun, die 
B. jahrelang mit sich herumtrug. Er hatte ein Gedachtnis und eine Phan- 
tasie, in der selbst zunachst nebensachlich erscheinende Dinge nicht verloren 
gingen. 

In Ebergotzen und seit 1846 in Liiethorst, wohin der Oheim versetzt worden 
war, erstreckt sich B.s Unterricht auf das Lesen einheimischer und fremder 
Dichter; auch die Metrik wird behandelt. Der Trieb zur philosophischen Be- 
trachtungsweise fiihrt den Knaben fniher als gewohnlich zum Studium philo- 
sophischer Abhandlungen. Fast komisch wirkt es, wenn B. erzahlt, er habe 
sich damals schon uber KantsKritik der reinen Vernunft gemacht, die er doch 
noch nicht verstehen konnte. Dennoch datiert er daher die Neigung, »in der 
Gehirnkammer Mause zu fangen, wo es nur gar zu viel Schlupflocher gibt«. — 
Um diese Zeit entstehen auch die ersten Zeichnungen und Gedichte. 

Eine der beliebtesten Unterrichtsdisziplinen war fiir den Knaben die 
Mathematik, nicht jedoch ohne Einschrankung. Nachdem B. i6jahrig, wie 
er selbst erzahlt, ausgeriistet mit seinem Sonett und der Kenntnis der vier 
Species die polytechnische Hochschule zu Hannover bezogen hatte, ergab sichs, 
dafi er zwar fur die reine Mathematik Interesse hatte und auf diesem Gebiet 
etwas zu leisten vermochte, in der angewandten aber »mit immer matterem 
Flugelschlage« sich bewegte. Dreieinhalb Jahr hat B. in Hannover zugebracht, 
um nach dem Wunsche des Vaters spater Maschinenbauer werden zu konnen. 
Aber die praktische Seite dieses Brotstudiums erweckte in dem jungen Hoch- 
schiiler nach und nach einen starken Grad von Unlust. Und so zog er denn 
die Konsequenz aus dem ersten Irrtum seines Lebens und sattelte um. Ein 
Maler, Klemme, und Freund Bornemann bestarkten ihn in seinem Entschlufl. 
So verliefl B. 185 1 Hannover, »um in Dlisseldorf Maler zu werden«. 

Der Vater brachte diesem Plan schwere Bedenken entgegen. Er hatte zu 
dem brotlosen Metier kein Zutrauen. Dennoch finden wir B. als Kunst- 
akademiker in der schonen Stadt am Rhein. Aber im dortigen Antikensaal 
findet sein Geist nicht das, was er sucht; innige Beruhrungspunkte zur Antike 
hat er uberhaupt niemals finden konnen. B. wendet sich deshalb alsbald nach 
Antwerpen, wird in die Malklasse aufgenommen und imponiert bald durch seine 
Zeichnungen nach der Natur. Blatter mit Skizzen aus dieser Zeit sind noch 
erhalten, auch Karikaturen, eine Gattung, mit der B. schon in Dlisseldorf 
begonnen hatte. Die altesten bekannten Olbilder fallen indes erst nach Ab- 
schlufi der Antwerpener Periode, in die Zeit der Erholung nach schwerer Krank- 
heit in Wiedensahl. In Antwerpen studiert B. mit Eifer die alten Nieder- 
lander, fur die er sich stets eine grofie Vorliebe bewahrt hat: Rubens, Brouwer, 
Teniers, Franz Hals. »Ihre gottliche Leichtigkeit der Darstellung malerischer 
Einfalle, verbunden mit stofflich juwelenhaftem Reiz; diese Unbefangenheit 
eines guten Gewissens, welches nichts zu vertuschen braucht, diese Farbenmusik, 
w r orin man alle Stimmen klar durchhort, vom Grundbafi herauf, haben fur 
immer meine Liebe und Bewunderung gewonnen«, sagt er selbst. Besonders 
verehrte B. Adriaen Brouwer, an dessen Bildern er Licht und Farben- 
gebung speziell studierte. Diesem schliefit er sich in der Folge besonders an 
und gedenkt seiner in spateren Jahren. Er setzt dem alten Meister ein Denk- 
mal in der »Kritik des Herzens« S. 57, indem er sich der »Operation am Rucken« 
erinnert. 



yg Busch. 

»Sahst du das wunderbarc Bild von Brouwer? 
Es zieht dich an wic ein Magnet. 
Du lachelst wohl, derweil ein Wonneschauer 
Durch deine Wirbelsaule geht. 

Ein kuhler Dokter (!) offnet einem Manne 
Die Schware hinten im Genick; 
Daneben steht ein Weib mit einer Kanne 
Vertieft in dieses Mifigeschick. 

Ja, alter Freund, wir haben unsre Schware 
Meist hinten. Und voll Seelenruh' 
Driickt sie ein andrer auf. Es rinnt die Zahre, 
Und fremde Leute sehen zu«. 

Die Stucke, die B. im Geiste Brouwers gemalt hat, Weiden, Vieh, Ziegel- 
dacher im Sonnenschein unter blauem Himmel, haben einen bleibenden kunst- 
lerischen Wert, wenn sie auch nicht viel mehr als Studien sind. Die Unlust an 
der Ausfiihrung dieser Sujets, auch wohl ein bestimmter technischer Mangel, 
bewogen den Meister, die Bilder, unvollendet fur sich so zu bewahren, wie sie 
sind. B. fuhlte heraus, dafi er nicht imstande sei, es den alten Niederlandern 
gleichzutun und deshalb bemerkt er spater selbst: 

»Gern verzeih' ich's ihnen, dafi sie mich zu sehr geduckt haben, als dafl 
ich's je recht gewagt hatte, mein Brot mit Malen zu verdienen, wie manch 
andrer auch. Die Versuche freilich sind nicht ausgeblieben ; denn geschafft 
mufi werden, und selbst der Taschendieb geht taglich auf Arbeit aus; ja, ein 
wohlmeinender Mitmensch darf getrost voraussetzen, dafi diese Versuche, 
deren Resultate zumeist fur mich abhanden gekommen, sich immerfort durch 
die Verhaltnisse hindurchziehen, welche mir schliefilich meinen bescheidenen 
Platz anwiesen«. Nach dem Gesagten scheint es richtig, die Produktivitat 
des Meisters folgendermafien zu beurteilen: B. malte, malte bis an sein 
Lebensende, aber schliefilich ohne die Praetension nach aufien durch seine 
Leistungen aufzufallen. Er kannte die ihm gesetzte Grenze und infolgedessen 
wurden auch seine Versuche in den letzten 25 Jahren sparlicher. Buschs 
malerische Produktion wurde nicht geringer, weil er sich hatte bescheiden 
mussen, sondern weil er es so w o 1 1 1 e. Dazu kam, dafi er mit seinen Kari- 
katuren in den 6oer und 70er Jahren viel Erfolg hatte. Es ist also nur 
naturlich, dafi er un& hinfort das gab, was sein Ureigenstes war. Zu sagen, dafi 
B.s Intensitat im Malen nur deshalb nachgelassen habe, weil andere Dinge sich 
dazwischen drangten, halte ich danach nicht fiir ganz richtig. Vielmehr hat 
der Kunstler mit Bewufitsein der Schwarzweifi-Manier und der Karikatur 
die Betatigung auf der Leinwand hintangesetzt. 

Ich greife zuriick. 1853 — 54 finden wir B. wieder in der Heimat. In Ant- 
werpen war er gefahrlich krank geworden. Nach seiner Wiederherstellung unter 
der Pflege seiner Wirtsleute »Jan und Mie« lebt er, sich erholend und sich mit 
Skizzieren und Malen die Zeit vertreibend, wieder anderthalb Jahre in Wieden- 
sahl. Hier beginnt er auch die heimischen Geschichten »ut oler welt* (aus alter 
Zeit) im Manuskript zusammenzustellen: Sagen, Marchen, Volkslieder, Spruch- 
reime. Er hat das alles einmal herausgeben wollen, es ist aber mit Rucksicht 
auf die mannigfachen Analogien bei den Gcbruder Grimm unterblieben. Von 



Busch. yn 

Mechtshausen aus soil indes einiges davon im Korrespondenzblatte des Vereins 
fur riiederdeutsche Sprachforschung veroffentlicht worden sein. 

Der Herbst 1854 sieht den angehenden Meister in Munchen, das ihn etwa 
20 Jahre lang festgehalten hat. Auch da gehort er nicht zu den »FleiOigen«. 
Mit der akademischen Kunstrichtung kann er sich nicht befreunden. Er ist 
im wesentlichen Autodidakt. Auf Wanderungen in der Umgegend skizziert 
und malt er, was ihm gerade auffallt, aber ohne bestimmten Plan; dazwischen 
notiert er Verse in ein Buchelchen. Manch einer der Kollegen ist auf solchen 
Fahrten ahnungslos in der Karikatur festgehalten worden. Vieles bewahrt das 
Karikaturenbuch »Jung-Miinchen«. In dieser geselligen Vereinigung, zu der 
B. gehorte, verkehrten Maler, Musiker und sonst kiinstlerisch interessierte 
Leute, unter denen Pixis, Lossow, Dietz, Rogge, Kremplsetzer, der Komponist, 
von Angeli und Stoger (aus den Bilderbogen als der »Kleine Maler mit der 
groBen Mappe« bekannt) zu nennen sind. Hier wurde B. auch mit seinem 
spateren Verleger Bassermann befreundet. Die Kneipzeitung des Vereins hieO 
der »Beiwagen«. In ihr sind keine Beitrage B.s enthalten, dagegen ist im 
Organ der Secessionisten (die sich statt des Lokals beim Kappler ein anderes 
beim Lettenbauer gesucht hatten), dem »Knotenstock« einiges enthalten. 
Auch sonst betatigt sich unser junger Akademiker im Interesse des Vereins, 
wenn er fur Festlichkeiten, etwa im Karneval, Griffel und Feder in den Dienst 
der Sache stellt, Theaterzettel zu Stogerschen Ritterstucken zeichnet und 
Operettenlibretti liefert. 

Von solchen Arbeiten hat Kremplsetzer »Liebestreue und Grausamkeit«, 
»Schuster und Schneiders und die im Residenztheater nur einmal aufgeftihrte 
Operette »Der Vetter« vertont. Der literarische Wert dieser Produktion ist 
nicht erheblich. Es kann dariiber hinweggegangen werden. Es handelt sich 
um die Zeit zu Anfang der sechziger Jahre. Das Arrangement zum Marchen- 
maskenball des Karnevals 1862 war ebenfalls B.s Werk. AuBerdem hatte er 
einen Text uber das Marchen »Hansel und Gretek gedichtet, den wiederum 
Freund Kremplsetzer in Musik umsetzte. 

So wechselten in angenehmer Folge Festlichkeiten, gemutliche Abende 
beim Kappler oder im Bund der »Nachtlichter« (Nachtschwarmer); dabei 
wurden die Exkursionen zum Zweck des Malens nicht vergessen. Vor allem 
waren das Isar- und Wurmtal, ferner Brannenburg am Inn und Ammerland 
am Starnberger See, wo die Eltern Freund Hanfstaengls ein Landgut besafien, 
fur B. liebe Aufenthaltsorte. Auch das Braustubl von Kloster Andechs 
besuchte er gern. In Brannenburg hat er die wahrend des Wiedensahler Er- 
holungsaufenthalts auf der Leinwand gemachten Versuche fleiflig fortgesetzt. 

Nach der Secession zum Lettenbauer ging »Jung-Munchen« der Auflosung 
entgegen. Bei spateren Munchener Aufenthalten verkehrte B. in der in- 
zwischen entstandenen »Allotria«. Neben Hanfstaengl gehorten damals zu 
den intimeren Bekannten des Kiinstlers: Lenbach, F. A. Kaulbach und der 
Bildhauer Lorenz Gedon, dessen 1883 erfolgter Tod B. sehr nahe gegangen 
ist, wie ein Gedicht bezeugt. 

Einen Vorteil hat die Mitgliedschaft des Vereins »Jung-Munchen« 
fur B. gehabt: er lernte Personlichkeiten kennen, denen seine Begabung zur 
Karikatur auffallen mufite. Bassermann wurde sein Freund und spaterer 
Verleger, der alte Holzschneider Kaspar Braun, dessen rote Nase B. spater 



80 Busch. 

einmal sehr ergotzlich »angesungen« hat, bat um Beitrage fur die »Fliegenden 
Blatter«. Das war unserem Humoristen angenehm, denn er war nachgerade 
darauf hingewiesen, Geld zu verdienen. So wurden zunachst einige Zeichnungen 
aus dem Karikaturenbuch des Vereins, z. T. sogar unverandert direkt in die 
»Fliegenden« hinubergenommen. Das Jahr 1859 bringt den »vergeBlichen 
Stadtschreiber«, die >>enthusiastische Huldigung« u. a., und von nun an folgen 
alljahrlich etwa zwei Dutzend derartiger Beitrage bis 1871; die letzte Arbeit 
ist die Bildergeschichte »Der hastige Rausch«. Das meiste davon ist des Kunst- 
lers eigene Erfindung, einiges ist aber nur Illustration zu gelieferten Witzen. 
Die erste »Bildergeschichte« nennt sich »die Maus oder die gestorte Nachtruhe; 
eine europaische Zeitgeschichte«. Diese, wie manche andere, hat keinen zu- 
gehorigen Text und wandert erst spater, mit erklarender Prosa versehen, in 
die »Mlinchener Bilderbogen*. »Der hohle Zahn« hat dagegen schon Knittel- 
verse als Beigabe. Eine Sammlung solcher Bildergeschichten in Buchform 
sind die »Schnaken und Schnurren« und »Kunterbunt«. Auf Einzelheiten ver- 
zichte ich, indem ich zugleich auf Noldeke S. 39 f. verweise. Rein literarische 
Beitrage von B. weisen die »Fliegenden Blatter* wenige nur auf. So die 
»Lumpenlieder« und das bereits erwahnte »Lied von der roten Nase« Onkel 
Kaspars, das in der »Kritik des Herzens« wiederkehrt. 

B. drangte es zu grofleren Arbeiten. Eine Versuchung des heiligen 
Antonius, die fur das Karikaturenbuch »Jung-Munchen« 1863 fertig gestellt 
wurde, konnte vorlaufig nicht veroffentlicht werden. Der Kiinstler tat sich nach 
einem anderen Stoff um. Wenn B. auch niemals ein Bucherwurm gewesen ist, 
so hat er doch mancherlei gelesen. So wufite er in der alten Schwank- und 
Anekdotenliteratur gut Bescheid, wie ich in einer besonderen Arbeit nach- 
gewiesen habe. (Untersuch. z. neueren deutschen Sprach- und Literaturgesch., 
hrsg. von Prof. Dr. Walzel. Lpg. 19 10 bei H. Haessel.) Es fielen ihm die Schwanke 
des Till Eulenspiegel in irgend einer Fassung in die Hande. Sehr wahrschein- 
lich hat B. den »Eulenspiegel reimensweis« des alten Fischart gelesen. 
Der Streich Eulenspiegels im 7. Kapitel (cf. Nat. Lit.) mit den Hiihnern des 
Meiers reizte den Humoristen, etwas Neues aus dem alten Stoff zu formen. 
So entsteht der erste grofie »Schlager« B.s, die Geschichte von den bosen 
Buben »Max und Moritz«, ein Buch, von dem bis jetzt nahezu eine halbe Million 
Exemplare abgesetzt worden sind. Ein schones Geschaft fur die Verleger, 
das zu dem minimalen Nutzen, den Busch von seiner Arbeit hatte, in keinem 
Verhaltnis steht. 

B. bot »Max und Moritz« zunachst dem Sohne Ludwig Richters an, bei 
dem schon die Bilderpossen (»Der Eispeter«, »Katze und Maus«, »Krischan 
mit der Piepe« und »Hansel und Gretel«) 1864 erschienen waren. Braun & 
Schneider wurde das Werkchen zunachst nicht angeboten, weil sich zwischen 
Kiinstler und Verleger die Beziehungen etwas getrubt hatten. Da aber um die 
Bilderpossen bei Richter nur geringe Nachfrage gewesen, lehnte dieser Ver- 
leger dankend ab. Nun wendet sich der Kiinstler doch wieder an die alten 
Bekannten, und 1865 liegt das erste Exemplar im Druck fertig vor. Der Erfolg 
war ein so groOartiger, daG in der Folge »Max und Moritz« ins Englische, Portu- 
giesische, Schwedische, sogar ins Japanische ubertragen ward. 

1869 folgt im selben Verlage »Schnurrdiburr«, ein Stucklein aus dem 
Leben eines Bienenzuchters, wovon ich gelegentlich schon gesprochen habe. 



Busch. 8 1 

Auch bei anderen Verlegern erschienen nun in rascher Folge Arbeiten 
aus der Feder B.s. Hallberger in Stuttgart erwirbt fur »Uber Land und Meer« 
1868 »Hans Huckebein«, »Das Pusterohr« und »Die kiihne Miillerstochter«. 
Dazu gesellt sich 1869 »Das Bad am Samstag Abends 1870 »Der Schreihals«. 
Fur die »Illustrierte Welt* schafft B. 1869 »Die Prise*, fur das »Daheim« 
1864 den »Wurstdieb«. Die bei Hallberger herausgegebenen Sachen erschienen 
auch in Buchform. 

Immer drangte sich bei B. nebenher der Antonius in den Vordergrund. 
Er mochte die »Versuchung« (s. o.) ausarbeiten fur »t)ber Land und Meer«, 
Es handelt sich um die Zeit des Kulturkampfes. Aus dem jungen Polytechniker, 
der im Jahre 48 *sein gewichtiges Kuhbein trug, welches nie scharf geladen wer- 
den durfte*, der sich »in der Wachtstube die bislang noch nicht geschatzten 
Rechte des Rauchens und Biertrinkens erkampft hatte«, war eine politisch reife 
Personfichkeit geworden. Ohne jemals einer Partei angehort zu haben, tritt 
er auf fur den Fortschritt im besten Sinne des Wortes in dem Kampf gegen 
die Dunkelmanner. Er hafit den Ultramontanismus, den er noch spaterhin 
fiir gefahrlicher als die Sozialdemokratie halt und bekampft ihn mit den schnei- 
digen Waffen des Geistes. Wie es ihm urn's Herz war, davon gibt der »Antonius« 
und in der Folge »Die fromme Helene« 1872 und der »Pater Filucius« 1875 
beredtes Zeugnis. 

Hallberger war vorerst zu furchtsam, den ihm angebotenen »Antonius« 
zu veroffentlichen. Doch verschafft er B. 1867 einen Verleger, Moritz Schauen- 
burg in Lahr, an den er das fiir 500 Taler gekaufte Manuskript cediert. Endlich 
wahrend des Krieges 1870 erscheint nun der »Antonius« wirklich, wird mit 
Zorn auf der einen, mit Begeisterung auf der anderen Seite begrufit und findet 
rasenden Absatz. Es ist nicht wunderlich, daB Schauenburg wegen Religions- 
verletzung vor das Kreisgericht nach Offenburg citiert wurde — das ihn iibrigens 
freisprach — unverstandlich bleiben dagegen die gehassigen Angriffe des Asthe- 
tikers Theodor Vischer. Dieser nahm voll sittlicher Entrustung Anstofi an 
dem Werk, bezeichnete es als pornographisch, obgleich selten ein Kunstler 
so wenig auf sinnliche Effekte ausgegangen ist als gerade Wilhelm Busch. 
Die alte gute Holzschnittmanier ist der Liisternheit uberhaupt zuwider. B. 
hat sich in einem erhaltenen Konzept zu einem Brief an Schauenburg gegen 
derartige Insinuationen verwahrt. Ej: weist auf die Leute mit der schmutzigen 
Brille hin, die natiirlich alles schmutzig sehen miissen, bemerkt die Un- 
vereinbarkeit des Lacherlichen und des Wolllistigen und betont, daB in katho- 
lischen Wunder- und Legendenblichern Obertreibungen vorkommen, die geradezu 
zur Karikatur herausf ordern. 

Welche Quelle dem Dichter fiir den Antonius vorgelegen hat, wissen wir 
nicht. Er las viel in alten Legendenbuchern. So kam es, dafl er mit Bewufitsein 
Zuge aus dem Leben von Antonius dem Agypter, auf den von Padua ubertrug. 
Das zweite Werk dieses Gedankenkreises, die »fromme Helene«, baut im 
Gegensatz zum ersten die Lebensgeschichte der Frau auf, die trotz ihrer »From- 
migkeit« auf Grund mahgelnder Qualifikation zur Heiligen in die Holle 
fahren muB. Das Werkchen erschien bei Bassermann. 

Nicht weniger scharf werden MiBbrauche und Lacherlichkeiten der romi- 
schen Kirche im Pater Filucius hergenommen. B. hat hierzu selbst einen 
Kommentar am Schlusse gegeben. Er sagt: 

BiogT. Jahrbuch u. Dcutscher Nekrolog-. 13, Bd. 6 



g 2 Busch. 

,,Man versteht diese allegorische Darstellung der kirchlichen Bewegung, 
welche sich im Anfang der siebziger Jahre abspielte, wenn man fur Gottlieb 
Michael den deutschen Michel, fur Tante Petrine die romische, Pauline die 
evangelische Kirche setzt; die Base Angelika ist dann die freie Staatskirche 
der Zukunft. Der Jesuit Filucius fuhrt den Hund Schrupp, die demokratische 
Presse ein und sucht mit seinen Helfershelfern, der Internationalen und den 
Franzosen, den Haushalt zu storen; dagegen ruft Michel Hiebel den Wehr-, 
Fibel den Lehr- und Bullerstiebel den Nahrstand zu Hilfe, mit deren Unter- 
stutzung er auch die ganze unsaubere Wirtschaft zum Fenster hinauswirfU. 

Weder die romischen, noch die lauen »staatserhaltenden« Friedens- 
posaunisten werden an dieser Satire viel Freude erlebt haben. Und es ist 
recht so. 

Wenn oben gesagt worden ist, dafi Mlinchen den Kunstler etwa 20 Jahre 
lang gefesselt hat, so soil das nicht heiBen, dafl der Aufenthalt dort nicht auf 
langere Zeit unterbrochen worden ware. Die fiinfziger und sechziger Jahre 
sehen B. oft langer in seiner Heimat Wiedensahl und Liiethorst, wo er sich in 
lustiger Gesellschaft auf landliche Weise vergnugt, auch wohl ftir das Lieb- 
habertheater des Nachbarstadtchens Dassel, passende Stiicke zusammenschreibt. 
Auch in Frankfurt ist B. langere Zeit gewesen; sein Bruder Otto war dort 
Erzieher bei den Sohnen des Bankiers Kessler. 1869 lebt unser Humorist 
das ganze Jahr in der ehrwiirdigen Stadt am Main und bewohnt in der 
Kesslerschen Villa nach hinten heraus eine eigene Wohnung mit Atelier. 
In Frankfurt hat Busch viel gemalt, auch nach einigen fruheren Versuchen 
auf dem Gebiete der Bildhauerei eine Buste der Gemahlin des genannten Ban- 
kiers geschaffen. Der Frau Kessler schenkte er ein schon »verinitialtes« und 
aquarelliertes Exemplar des heiligen Antonius auf Pergament. 

Mit dem Bruder zusammen vertieft sich B. in Schopenhauer, seinen Lieb- 
lingsphilosophen, unterhalt Verkehr mit Bassermann nach Heidelberg hinliber 
und zeichnet ftir die »Deutsche Laterne« den spater im »Dideldum« 1875 auf- 
genommenen Einfall »Wie man Napoliums macht«, der noch weitere derartige 
Scherze hervorrief. In Frankfurt tritt er auch mit dem Verleger Grote in Ver- 
bindung. Vor zwei Jahren war hier die »fromme Helene« entstanden. Jetzt 
verlangte Grote fur seine illustrierte Klassikerbibliothek Illustrationen zur Kor- 
tumschen Jobsiade. Vielleicht war auch B. selbst der Anreger zu dem 
Gedanken. Die Verse seines Landsmannes kannte er jedenfalls schon lange, 
denn es scheint so, als habe B. der Technik des braven Alten, den er mit 
Staunen und Verwundern auf seinem Dichterrofilein durch das Jahrhundert 
dahertraben sah, mancherlei abgelauscht. 

Indessen der Plan mit Grote zerschlug sich. Das Werk wurde 1874 zusam- 
men mit der »frommen Helene« von Freund Bassermann herausgegeben. Die 
»Bilder zur Jobsiade« sind mehr als nur das Werk Kortums. Der humoristische 
Stoff der Vorlage geht zu sehr ins Breite, wodurch die Wirkung erheblich be- 
eintrachtigt wird. B. beschnitt den Text glticklicherweise gewaltig, glattete 
allzu holprige Passagen, machte notigenfalls auch Zusatze, erhob den etwas 
unbeholfenen Bierzeitungsstil in die Sphare einer cigenen Kunsttechnik. 

Der Beginn der siebziger Jahre bedeutet fiir B. einen Umschwung in 
seinem Leben. Schon 1868 war der Vater gestorben; ihm folgte im Jahre des 
groCen Krieges die Mutter, die der Sohn so unendlich geliebt und verehrt hat. 



Busch. 



83 



Ihr setzte er in einer spateren Auflage der 1 87 1 bei Bassermann erschienenen 
»Kritik des Herzens« ein Denkmal in Worten, wie sie ihm kaum einmal wieder 
zu Gebote standen : 

»0 du, die mir die Liebste war, 

Du schlafst nun schon so manches Jahr. 

So manches Jahr, da ich allein, 

Du gutes Herz, gedenk ich dein. 

Gedenk ich dein, von Nacht umhullt, 

So tritt zu mir dein treues Bild. 

Dein treues Bild, was ich auch tu, 

Es winkt mir ab, es winkt mir zu. 

Und scheint mein Wort dir gar zu kiihn, 

Nicht gut mein Tun, 

Du hast mir einst so oft verziehn, 

Verzeih auch nun*. 

Seit dieser Zeit fangt B. an, der Einsame, der Sonderling zu werden, von 
dem spaterhin so manches gefabelt worden ist. Aber je starker in ihm dies 
Gefuhl der Vereinsamung sich geltend macht, desto mehr treibt es ihn nach der 
Heimat, in jene einfachen, landlichen Verhaltnisse, die ihm von Jugend an 
lieb sind, in Gegenden, wo ihm jeder Baum und Strauch vertraut scheint. 
Busch zieht sich allmahlich in sich selbst zuruck. Den homo sapiens hat er, 
wie er selbst einmal sagt, genugend kennen gelernt, er tragt kein Verlangen 
mehr seiner ferneren werten Bekanntschaft. Atelier und Wirtschaftsmobiliar 
wandert nach Wiedensahl. Er bezieht ein paar Raume im Pfarrwitwenhaus bei 
seiner Schwester Fanny Noldeke, mit der zusammen er nach ihres Mannes Tode 
weiter wirtschaftet. Wiedensahl, »das klimperkleine Platzchen, vom Weltall 
abgesondert, gemlitlich erwarmt und heimlich erleuchtet«, hiitet er angstlich 
wie ein Heiligtum. Fremde empfangt er grundsatzlich dort nicht, nur ganz 
wenige gute Freunde diirfen ihn besuchen; sonst gibt er sich ein Stelldichein 
mit ihnen in einer in der Nahe liegenden Stadt an der Bahnlinie, etwa in 
Cassel, Hildesheim, Wolfenbuttel. 

Zu Anfang des Jahrzehnts halt sich der Kiinstler noch alljahrlich einige 
Zeit in Frankfurt bei den Kesslers auf, reist auf langere Zeit nach Miinchen, 
wo er gem den Winter verbringt. 1877 richtet ihm Gedon dort ein Atelier ein; 
gemalt wird B. darin nicht viel haben. Es paBt ihm nicht recht mehr in der 
Stadt. 1876 schon beklagt er sich iiber den »Larm, den Rauch und das Bier- 
trinken<f. Nach Gedons Tode (1883) zieht ihn nichts mehr nach der bayrischen 
Metropole. Allmahlich wird er ganzlich zum Einsiedler. Nur wenige Reisen 
unternimmt er noch. Er besucht einmal Bruder Gustav in Wolffenbuttel oder 
Bruder Hermann in Celle, reist 1878 nach Bozen und Venedig, spater nach 
Borkum, auch nach Helgoland, Holstein, Sylt; dennoch bleibt er seit Ende 
der siebziger Jahre bis 1898 in seinem Geburtsort ansassig und auch nach dem 
Umzug nach Mechtshausen der »standige Dorfbewohner«. Abwechselnd im 
Garten, an der Staffelei oder am Schreibtisch sich beschaftigend, lebt er ganz 
der Kunst und seinem Menschentum, ein echter Lebenskiinstler. »Selig, wer 
sich vor der Welt ohne HaG verschliefiu. 

Das Leben des Dichters seit dem Kriege ist ausgefullt mit intensivster 
Arbeit auf der ganzen Linie seines Konnens. Das beweisen die Verdffentlichungen 

6* 



84 Busch. 

aus dem kunstlerischen Nachlafi durch Hanfstaengl und die grofle Anzahl der 
grofieren Bildergeschichten. Von diesen allbekannten Sachen ist zum Teil ge- 
handelt worden. 1876 kommen die »Abenteuer eines Junggesellen« heraus 
und im selben Jahr »Der Geburtstag, wozu bereits 6 Jahre friiher fiir die 
»Erinnerungsblatter an das Jahr i870« (Braun & Schneider) eine Vorarbeit 
auf 2 Blattern vorhanden ist: »Der Partikularist«, eine Satire auf die Welfen 
in der Heimat. Im Jahre 77 folgen »Herr und Frau Knopp« und >>Julchen«, 
1878 »DieHaarbeutel«, 1879 »Fipps, der Affe«. 1881 »DerFuchs. Die Drachen«, 
»Plisch und Plumm« und »Balduin Bahlamm«, 1882 »Stippstorchen«, 1883 
»Maler Klecksel«. 

Der grofite Teil dieser Produktion der siebziger und achtziger Jahre ist 
in Wiedensahl entstanden. Daneben findet der Meister immer noch Zeit zur 
Malerei, zu sprachwissenschaftlichen Betrachtungen, Dialektforschungen, Be- 
schaftigung mit naturwissenschaftlichen und religiosen Fragen und philo- 
sophischen Problemen. Alles erweckt sein Interesse. Ein brauner Krug mit 
einem Glanzlicht drauf ist ihm bereits Idee. »Geht so ein Ding« — heifit es 
in einem Briefe — »durch ein originelles Menschenhirn und eine geschickte 
Hand, so wird, der Teufel weifl, ein Bild daraus«. Alle moglichen Skizzen 
kommen auf die Leinwand, mit Liebe werden allerhand Blumen, Baume, 
Straucher zeichnerisch wiedergegeben. 

Schafft B. eine Bildergeschichte, so Iiegt gewohnlich zuerst ein Prosa- 
entwurf vor, untermengt mit einzelnen Bildchen, auch Versen und Pointen. 
Erst, wenn das ganze Material zusammen ist, geht er an die Ausarbeitung. 
Wie oben ein Krug mit Glanzlicht, so ist auch ein Barenfuhrer mit Affen unter 
Umstanden schon ausreichend, einen kunstlerischen Einfall wachzurufen. So 
entsteht »Fipps, der Affe«, wozu B.s Neffen Noldeke die erste Niederschrift ver- 
offentlicht haben. B. macht sich folgende Notizen: »Dr. Fink, ein Naturfreund, 
Landhaus. Mit Familie im Garten. Herrlicher Herbst, Baume voller Apfel. 
Ein Barenfuhrer und Kameltreiber mit zwei Affen kommen an Dr. Finks 
Garten vorbei. Der Affe uber die Mauer oben in den Apfelbaum. Will nicht 
runter. Dr. Fink kauft ihn. Frau Dr. Fink, Kindermadchen und Kinder sehen 
zu. Fangmethode mit Stiefel und Waschwasser* u. s. w. In der Ausfiihrung 
schlieflt sich der Kunstler hinsichtlich des letztgenannten Motivs ganz an Hey- 
Speckter an; das Beiblatt weist eine Anzahl sehr reizvoller Skizzen auf, die 
z. T. ganz ahnlich ubernommen wurden. Besonders hat B. umfangreiche 
Studien zu Affen gemacht. 

Solche Vorarbeiten sind noch vorhanden zum »Huckebein«, »Plisch und 
Plumm«, »Klecksel«, den »Haarbeuteln«. Aufier dem bereits genannten Bilder- 
Zyklus fiir das Karikaturenbuch »Jung-Munchens« existieren noch 15 Bilder 
ohne Verse zum »heiligen Antonius«, ein »Ballet«, die sich im Besitz der 
Erbprinzessin von Meiningen befinden. Diese Vorarbeit aus dem Jahre 63 
ging verandert auf im 9. Kapitel der Fassung von 1870. Einen Einblick in 
des Kunstlers Technik gibt ferner die erhaltene Vorarbeit zum »Privatier« f die 
im Entwurf stecken blieb. 

Eines wird uns alledem klar: aus dem »Armel geschtittelU sind alle diese 
Dinge nicht. Wenn sich auch der Kunstler von vornherein iiber das Ungefahr 
sogleich klar war, so besserte er doch fort und fort an der Form, bis sie ihm 
geniigte. 



Busch. 85 

Dies gilt von den Bildern sowohl als den Versen. Sie sind nicht so leicht- 
hin entstanden, als man vielleicht anzunehmen geneigt ist. Man mag in diesem 
Betracht besonders an Heine denken, dessen rhythmische und sprachliche 
Fliissigkeit nur scheinbar mlihelos produziert ist. Heines Manuskripte weisen 
immer und immer wieder neue Korrekturen auf, bis die endgiltige Fassung 
gefunden ist. Diese Beobachtung ist bei vielen Lyrikern zu machen. Ich 
habe Heine deswegen herangezogen, weil er B., wo dieser sich als selbst- 
standiger Lyriker gibt, vielfach mindestens technisch-formal stark wesens- 
verwandt ist. Das gilt besonders von der Art, wie B. die Pointen am 
Schlusse bringt, die, mit leiser Ironie gefarbt, wie mit gottlicher Selbst- 
verstandlichkeit sich ergeben. 

Schon 1 87 1 war die erste Gedichtsammlung aus B.s Feder erschienen, 
die »Kritik des Herzens«. Lange Zeit blieb dieses Werkchen das einzige der 
Art; vielleicht, weil es im Ganzen nicht giinstig aufgenommen worden war. 
Woran das liegt, ist klar. Die groBe Masse wollte, wenn sie Biicher von B. 
kaufte, etwas zu lachen haben. Aus dem Grunde vermiflte sie auch die Bilder 
schmerzlich. Und doch stehen mir personlich diese Verse naher als vieles 
andere, was von dem Dichter geschaffen worden ist. Auch die Sammlung 
»Zu guter Letzt« vom Jahre 1904 mochte gewifi keiner missen, der den 
Kunstler in B. sieht, nicht den Lustigmacher. Schwacher ist fraglos die 
posthume Nachlese, die zum letzten Geburtstag des Dichters am 15. April 1909 
unter dem Titel »Schein und Sein« herauskam. Die Erben des Nachlasses 
haben sich dagegen verwahrt, als ob diese Gedichte schon fur die Sammlung 
von 1904 vom Dichter selbst ausgeschieden worden waren. Dem schlieBe 
ich mich nicht ganz an; ich glaube es nicht, daG B. selbst das Gedicht von 
den zwei Knaben, von denen einer in den Dreck springt, veroffentlicht haben 
wiirde. Viele Nummern dieser Sammlung waren gewifi schon im Manuskript 
vor vielen Jahren fertig, der Dichter war jedoch z. T. im Zweifel, ob und 
wie sie Verwendung finden sollten. Dafur scheint mir auch folgendes zu 
sprechen: in den siebzig Brief en B.s an Maria Anderson (Rostock 1908, 
2. Aufl. S. 44) findet sich unter dem 27. Mai 1875, also 34 Jahre vor 
»Schein und Sein«, folgende Mitteilung: 

»Neulich pusselt Nachbar Mumme mit dem Spaten in seinem Garten 
herum, dicht bei den Stachelbeerbuschen. Auf einmal springt ein fremder 
Hund heraus und knurrt und will nicht weg und zeigt die Zahne. »Der Hund 
ist toll!« so heifit es gleich. Man holt die Flinte — bum! — Die Kugel geht 
dem Hunde durch den Kopf, er streckt sich aus und stirbt. — Wie man ge- 
nauer zusieht, liegen drei ganz kleine, neugeborene Hundchen im Gebusch«. 

Dies Erlebnis finden wir wieder in dem Gedicht »Der fremde Hund«, das 
jedenfalls sofort oder doch bald entstand, aus irgend einem Grunde aber in 
die nach 29 Jahren erschienene Sammlung nicht aufgenommen wurde. Ich 
citiere das Gedicht, weil es uns den Kunstler menschfich naher bringt und 
zugleich in seine Arbeitsweise einen Einblick gewahrt. 

»Was fallt da im Boskettgestrauch 
Dem fremden Hunde ein? 
Geht man vorbei, so bellt er gleich 
Und scheint wie toll zu sein. 



86 Busch. 

Der Gartner holt die Flinte her, 
Es knallt den Augenblick. 
Der arme Hund, getroffen schwer, 
Wankt ins Gebusch zuriick. 

Vier kleine Hiindchen liegen hier 
Nackt, blind und unbewuflt. 
Sie saugen emsig alle vier 
An einer toten BrusU. 

Wir wissen, daB B. es nicht fur recht gehalten hat, irgend ein Tier zu toten. 
Wie man an der Jagd Vergniigen finden kann, ist dem mitfiihlenden Herzen 
dieses Mannes immer ein Ratsel geblieben. Sogar Fleisch zu essen halt er fiir 
eine durch verkehrte Kulturrichtung veranlafite Gewohnheit und bezeichnet 
als ein erstrebenswertes Ideal den Vegetarianismus. Dennoch weifl B. sehr 
wohl, wie er den Menschen, die eigene Person inbegriffen, einzuschatzen hat. 
»Bei den besten Menschen, die mir begegnet«, lesen wir in seinem Briefe an 
die Anderson, »habe ich noch immer die Reifizahne von den Schneidezahnen 
ganz deutlich unterscheiden konnen. Aber ich hoffe! Ich bin Pessimist fiir 
die Gegenwart, aber Optimist fiir die Zukunft. Die Zucht und Ziichtung im 
Verlauf einiger Milliarden von Jahren wird hoffentlich die Organe der Erkenntnis 
auf Kosten der Organe des Begehrens zu immer hoherer Entwicklung bringen, 
bis endlich und zuletzt das Gegenteil von Etwas herauskommt*. Und dann 
folgt eine fiir B. sehr charakterische Bemerkung: »Doch weg mit dem Ge- 
klimper! Das scharfste Wort dringt solchen Dingen hochstens bis auf s Hemd«. 
Dieser Gedanke, »dafi wir nicht wissen konnen«, ist natiirlich alt. Das lehrt 
uns die Bibel, das lehrt uns Goethe. Beide waren B. besonders lieb. Davon 
gibt seine Prosa Zeugnis. »Meiers Hinnerk« ist eine kurze Skizze, die den 
Nachmittag eines niedersachsischen Hiitejungen erzahlt. Sie erschien im 
Heidjer-Kalender auf das Jahr 1907. Allgemein zuganglich sind »Eduards 
Traum« (1891) und »Der Schmetterling« (1895). 

Uber »Eduards Traum« sagt der Dichter selbst in einem Briefe, es sei 
»ein kleiner Scherz, nicht ohne FleiB durchdacht, zur Unterhaltung fiir Wenige, 
die an so was Vergniigen finden. Die Probleme sind eingewickelt und wollen 
nicht losgemacht sein. Sonst miifite man dem Vogel die Federn ausrupfen, 
und dann fliegt er nicht mehr. Personliche Anspielungen mochten schwerlich 
zu finden sein«. Ein Marchen fiir Erwachsene mit philosophischem Einschlag! 
Die Dinge lassen sich nach ihrer Wesenheit von uns nicht erkennen. Unser 
Erkenntnisvermogen ist von dem der Tiere, denen wir organisch so nahe stehen, 
nur relativ nach unseren Bedurfnissen unterschieden. Irrtum, Schuld und 
Siinde ist unser Teil. Das Ende ist das Ideal der Askese: — Schopenhauer. 
Zu welchem Zweck, bleibt ein Ratsel. Aber die Mehrzahl der Menschen ringt 
gar nicht einmal um die Wahrheit, sondern begnugt sich mit einer Welt con- 
ventionellen Scheins, nach der sie sich in bequemer Weise einschatzt. »Wir 
sind allzumal Siinder«, »unser Wille ist bose von Jugend auf«, »nur wenige 
gehen ein durch die enge Pforte«. 

»Der Schmetterling« umfafit dasselbe Gedankenmilieu. Da ist einer, der 
auszieht, das Gliick zu fangen, das in Gestalt eines bunten Schmetterlings 
vor ihm herflattert. Oft genug glaubt er, es erhascht zu haben, aber immer 



Busch. 87 

wieder entschliipft es ihm. Jahre vergehen. Ein alter Invalide, kehrt 
der Gliicksjager unerkannt in die Heimat zuriick und dient seinen Mit- 
menschen als — Flickschneider. Aber er ist innerlich frohlich bei seiner 
Beschaftigung, und so nennt er sich denn auch der Welt gegeniiber: Fritz 
Frohlich. Frohlich ist er geworden in der Erkenntnis, daG »jedes Warum 
nur der Zipfel eines Fadens ist, der in den dicken Knauel der Unendlichkeit 
auslauft, mit dem keiner recht fertig wird, er mag wickeln und haspeln, so 
viel er nur wilk. 

Wenn irgend ein Werk, so ist dieses ein Selbstbekenntnis des Dichters. 
Fritz Frohlich ist er selbst. Aber er ist es nicht von Anfang an, er mufi sich 
erst hinauflautern, urn des Namens wert zu sein. E r ist der »Flickschneider«, 
der heimkehrt und nun nicht mehr in eitlem Bemiih'n, sondern mit der Tat 
sein Teil zum Wohle der Mitwelt beitragt, durch die hohe Kunst seines Humors. 
Nur so ist es fur ihn moglich, die Entsagung auf sich zu nehmen, in dem Gluck 
der Liebe, in der Kunst, in dem Ringen nach den hochsten Zielen der Mensch- 
heit. Nur so ist es fur ihn moglich, trotz seiner pessimistischen Lebensauf- 
fassung das Leben dennoch zu bejahen. Zu bejahen, wenn man so will. Ent- 
sagung .... Wir wissen aus der Einleitung zu den Haarbeuteln, wie sich B.s 
Pessimismus iiber diesen Begriff ausgesprochen hat: 

»Enthaltsamkeit ist das Vergniigen 
An Sachen, welche wir nicht kriegen, 
Drum lebe mafiig, dcnke klug, 
Wer nichts gebraucht, der hat genug.U 

Es ist der Pessimismus Schopenhauers, der da zu uns redet. Und Pessimist 
im Sinne seines grofien Vorbildes ist B. sein ganzes Leben lang geblieben, auch 
wenn er im spateren Alter sich z. T. wieder enger an Kant anschlieflt, der die 
Religion auCerhalb der philosophischen Betrachtung lassen will. Wie flir 
Schopenhauer ist fur B. die Welt nicht nur »seine Vorstellung, sondern 
auch sein Wille«. An ihr hat jeder »gebaut, eh' er geboren wurde«, sich teil- 
haftig gemacht der Schuld an der Allgemeinheit, der Masse des Bosen auf 
Erden. 

»Der Weise, welcher sitzt und denkt 

Und tief sich in sich selbst versenkt,« 

ist im Grunde genommen natiirlich ebenfalls kein andrer als Schopenhauer; 
nur dafi er vor diesem eine aufierst praktische Art der Lebensbejahung 
fur sein System in Anspruch nimmt: ein paar Dutzend Austern und einige 
Flaschen Wein. 

Die Einleitung zu den »Haarbeuteln« gehort zu dem Besten, was der Dichter 
uberhaupt geschaffen hat. Beinah nirgends sind Gedanken und Form so charak- 
teristisch flir B. wie hier. Alles ist in einer so liebenswiirdigen Weise vor- 
getragen, dafl wir das Grau in Grau seines Pessimismus lachelnd hinnehmen 
wie selbstverstandlich. Nichtsdestoweniger haben wir es mit einer scharfen 
Satire auf die landlaufigen Begriffe von Menschentum, Ethik, Padagogik, 
Weltordnung zu tun. Uberall deckt der nachdenkliche Geist B.s die Un- 
stimmigkeiten und Ratsel dieses Lebens auf. 



gg Busch. 

»Eh* man.auf diese Welt gekommen 

Und noch so still vorlieb genommen, 

Da hat man noch bei nichts was bei; 

Man schwebt herum, ist schuldenfrei, 

Hat keine Uhr und keine Eile 

Und auBerst selten Langeweile. 

Allein, man nimmt sich nicht in acht 

Und schluppl ist man zur Welt gebracht. 

Zuerst hast du es gut f mein Sohn, 

Doch paO mal auf, man kommt dir schon!* 

Leid ist von Anbeginn das Los der Menschheit, Leid, klas zwar zum Heile 
tragt«, (Schopenhauer: »Das schnellste Tier, das tragt zur Vollkommenheit, 
heifit Leid«.) aber immerhin Leid, an dem wir alle teilnehmen m ii s s e n , 
infolge des bosen Willens und unserer Mitschuld an der Gesamtheit. Leid er- 
fahrt das Kind von der Hand der Eltern, die ihm doch die Liebsten sind, Leid 
zermiirbt den Mann, ohne ihn dafur in dieser Zeitlichkeit zu entschadigen. 

Wer ergriindet den Sinn dieses Lebens? Was nutzt das ewige Fragen 
nach Wozu, Woher und Wohin? 

Die Welt ist arg. Man tut besser, sie zu meiden. Im Verkehr mit der All- 
gemeinheit wird das Individuum nicht besser, sondern schlechter. Einsamkeit 
ist die beste Helferin, die beste Trosterin; sie zwingt den Menschen, sich mit 
sich selbst zu beschaftigen; sie lautert den Menschen hinauf, indem sie ihn 
gleichzeitig den Invektiven der Welt entzieht. 

»Wer einsam ist, der hat es gut, 

Weil keiner da, der ihm was tut. 

Ihn stort in seinem Lustrevier 

Kein Tier, kein Mensch und kein Klavier, 

Und niemand gibt ihm weise Lehren, 

Die gut gemeint und bos zu h6ren. 

Der Welt entronnen, geht er still 

In Filzpantoffeln, wann er will. 

Sogar im Schlafrock wandelt er 

Bequem den ganzen Tag umher. 

Er kennt kein weibliches Verbot, 

Drum raucht und dampft er wie ein Schlot. 

Geschutzt vor fremden Spaherblicken, 

Kann er sich selbst die Hose flicken. 

Liebt er Musik, so darf er fldten, 

Um angenehm die Zeit zu t6ten, 

Und laut und kraftig darf er prusten, 

Und ohne Riicksicht darf er husten, 

Und allgemach vergiflt man seiner. 

Nur allerhochstens fragt mal einer: 

Was, lebt er noch? Ei schwerenot, 

Ich dachte langst, er ware tot. 

Kurz, abgesehn vom Steuerzahlen, 

LaOt sich das Gltick nicht schCner malen. 

Worauf denn auch der Satz beruht: 

Wer einsam ist, der hat es gut«. 



Busch. 



8 9 



Ich habe das Gedicht vollstandig angefuhrt, weil es uns so ganz die Per- 
sonlichkeit des Dichters selbst zeigt. Der alte Junggeselle, der sich vor den 
weisen Lehren der Welt zuriickgezogen hat, um mit sich selbst und ohne Riick- 
sicht auf das, was andere tun, den Tag verbringt, ist kein andrer als Wilhelm 
B., der Einsiedler von VViedensahl und Mechtshausen. Auch e r ist un- 
vcrmahlt geblieben, aber nicht aus HaO gegen das Weib, sondern weil er in 
jungen Jahren wirtschaftlich nicht in der Lage war, zu heiraten. Sein Madchen 
hat einem andern die Hand zur Ehe gereicht. B. aber hat von da ab endgiltig 
verzichtet. Auch e r ist verschiedene Male totgesagt worden, aber der Sensen- 
mann hat immer wieder an ihm voriibergehen miissen. 

So hat der Kunstler noch zehn voile Jahre nach der Ubersiedlung nach 
Mechtshausen gelebt, wohin man ihn gebracht hatte, weil man auf Grund 
seiner fortgesetzten Grtibelei bei den taglich sich wiederholenden aufiern 
Eindriicken fur seinen Gemutszustand flirchtete. Auch hier lebte er 
im Verkehr mit seiner Schwester und ganz wenigen Bekannten nur seiner 
Kunst und seinen Biichern, die ihm die liebsten Freunde waren. Der 
Menschen- und Weiberfeind, den man aus ihm nach und nach gemacht hat, 
ist er jedoch keineswegs gewesen. Er f 1 h die Welt, aber er hat sie nicht 
g e h a B t. Der Frommler, als den man ihn zuletzt noch hat hinstellen wollen, 
war er niemals. Die Kirche hat ihn selten gesehen. Trotzdem war er ein Mensch 
mit starken religiosen Bedurfnissen. Sein Neues Testament und besonders die 
Psalmen liebte er. Eifrig war er bemtiht, tiber unverstandene Stellen aus der 
Bibel irgendwie Aufklarung zu erhalten. Und so las er Schriften neuerer und 
alterer Theologen; ferner mit Vorliebe die Bekenntnisse Augustins, pThe 
pilgrims progress* von Bunyan und allerlei Wunderlegenden, die auf ihn von 
jeher einen starken poetischen Reiz ausgetibt haben. Endlich ist die deutsche 
Mystik nicht ohne Einwirkung auf Busch geblieben. 

In den kleinen engen Kreis seiner Heimat und deren nachster Umgebung 
hat der Kunstler seine Tage begonnen und beschlossen. Ein alter Niedersachse 
von Schrot und Korn liebte er sein Land und die anspruchslose, derbe Bauern- 
bevolkerung, deren Wesen er verstand, wie selten einer. Das bezeugen air 
die biederen, harmlosen Philister, wie sie der Dichter in der »Knopptrilogie«, 
in dem »Geburtstag« u. s. w. gegeben hat. Einfachheit, Bedurfnislosigkeit und 
edles Menschentum, das gern von seinem Zuviel anderen mitteilt, waren seine 
hervorragendsten Charaktereigenschaften. Luxus, Komfort, ubermaBigen Wohl- 
stand empfand er personlich als etwas Unangenehmes. Reichtum hielt er 
fur schadlich, und er schatzte sich glucklich, durch seine Werke nicht zum 
reichen Mann geworden zu sein. Er war kein Kaufmann und wollte es nicht 
sein; sonst hatte er bei den hohen Auflagen seiner Schriften Millionen ver- 
dienen konnen. Den Hauptgewinn haben die Verleger Braun und Schneider 
und Bassermann davongetragen, dagegen hat B. den verhaltnismafiig geringen 
Vorteil in erheblichem MaBe zu anderer Nutz und Frommen verwandt. Wie 
Horaz, glaubte er groBen UberfluB nicht haben zu diirfen, .weil ein solcher im 
Grunde ein Unrecht an der Gesamtheit bedeutet. 

Mit dem Ableben B.s hat ein warmpulsendes, feinfiihlendes Menschenherz 
aufgehort zu schlagen, ist ein » Kunstler dahingegangen, wie ihn Deutschland 
in seiner Art vorher nicht gehabt hat und auch in Zukunft kaum wiedersehen 
wird. Viele haben sich um seine Nachfolge d i r e k t bemtiht, ohne etwas da- 



go 



Busch. 



mit zu erreichen. Diese Leute unterschatzten eben die in B.s Kunst ent- 
haltenen Schwierigkeiten der Technik und des Gedankens. Andererseits haben 
ein Heer von Schriftstellern und Journalisten sich an B.s Stil unbewufit gc- 
bildet, ebensowohl als an dem Heines, der in manchem Betracht unserem 
niedersachsischen Humoristen so wesensverwandt erscheint. Wie sich Heine 
und Busch beriihren, dafur mochte ich einige Verse anfiihren. 

»Man wiinschte sich herzlich gute Nacht, 
Die Tante war schrecklich mude; 
Bald sind die Lichter ausgemacht, 
Und alles ist Ruh' und Friede. 

Im ganzen Haus sind nur noch zween, 

Die keine Ruhe finden. 

Das ist der gute Vetter Eugen 

Mit seiner Base Lucinden. 

Sie wachten zusammen bis in der Fruh, 
Sie herzten sich und kufiten. 
Des Morgens beim Fruhstuck taten sie, 
Als ob sie von Nichts was wiiBteno. 

(Kr. d. H. 1908. S. 9.) 

Bei einem anderen Gedicht beachte man besonders die Wendung der 
SchluO-Strophe: 

»Die Liebe war nicht geringe. 
Sie wurden ordentlich blafi; 
Sie sagten sich tausend Dinge 
Und wufiten noch immer was. 

Sie mufiten sich lange qualen, 
Doch schlieOlich kam's dazu, 
Dafi sie sich konnten vermahlen, 
Jetzt haben die Seelen Ruh. 

Bei eines Strumpfes Bereitung 
Sitzt sie im Morgenhabit; 
Er liest in der Kolnischen Zeitung 
Und teilt ihr das Notige mit«. 

(Kr. d. H. S. 47 ) 

Naturlich hat B. Heine nicht kopiert, sonst ware er nicht der originelle 
Geist, fiir den ihn selbst der fluchtige Kenner seiner Schriften halt, ohne eigent- 
lich zu wissen warum. 

Aus welcher Sphare ist nun diese Besonderheij:, die B. als Kunstler auf- 
weist, hervorgegangen und worin besteht eigentlich seine Originalitat? 

B. hat zur Beantwortung dieser Fragen selbst Andeutungen in einem 
Brief e gegeben: »Volkslied, Marchen, Sage sind an einem fast bestandigen 
Dorfbewohner, wie ich, naturlich auch nicht lautlos voriibergegangen. Etwas 
davon hab* ich wiedergesagt, das Beste behielt ich. Im ubrigen regte wohl 
unmittelbar die Bemerkung an, dafl diese grofle Welt auch den harmlosesten 



Busch. o I 

Bestrebungen intellektbegabter Wesen gegenuber oft recht hartnackig ist. 
Nur zu gern betrachtet man den neckischen Zwist betriebsamer Wiinsche mit 
dem, was nicht so will. Denn da man das Spiel durchschaut, da Verdrufl und 
Ungeschick bei anderen sind, so fuhlt man sich derweil an Leib' und Seel' so 
angenehm gedocken, dafi man lachen muG. Zuweilen, doch nicht so herzlich, 
lacht man uber sich selber, sofern man sich mal bei einer maGigen Dummheit 
erwischt, indem man sich nun sogar noch gescheiter vorkommt als man selbst. 
Die Neigung, sich das vorerwahnte Vergnugen auch unabhangig von der nicht 
immer gefalligen Wirklichkeit zu verschaffen, liegt nah. Man ruft ein bissel 
Kunst herbei. Da steht z. B. eine Windmuhle, oder ein braver Onkel, oder eine 
freuridliche Tante, oder ein heifler Ofen, oder eine Tabakspfeife, oder ein 
Knabe, der vieles vorhat; und ein wahrhaft tugendsamer Mensch war's, der 
nicht jeden dieser an sich harmlosen Stoffe als eine Quelle der allerpeinlichsten 
Konflikte zu benutzen wiiGte«. 

Neben der Beobachtung des taglichen Lebens und der umgebenden Natur 
sind es also vor allem Elemente, die von jeher dem Kunstbediirfnis des Volkes 
nahe gelegen haben. Volkslied, Marchen, Sage, sagt B.; wir konnen hinzu- 
fiigen: Fabel, Legende, Liigenmarchen, Anekdoten und Schwanke alter und 
neuer Zeit. B.s fruheste Jugend reicht ja noch hinein in die Kunstepoche der 
Romantik, die den Wert dieser Stoffe und Formen iiberhaupt entdeckte. Des- 
halb ist es auch nur z. T. richtig, wenn der Kiinstler dieses Interesse in sich 
lediglich auf die standige Fiihlung mit Land und Leuten zuriickfuhrt. 

Auf dem Gebiete der Volkskunde und angrenzender Gattungen ist B. 
ganz konsequent und zielbewuGt vorgegangen. Er hat sich nicht nur g e - 
1 e g e n 1 1 i c h einmal aus dieser Sphare heraus beeinflussen lassen, sondern 
ist den Stoffen mit bestimmter Absicht nachgegangen, um sie auf irgend eine 
Weise fur sich kunstlerisch umzuwerten. 

Es ist schon darauf hingewiesen worden, wie der Jungling die Geschichte 
wt oler welt« sammelt. Er sagt daniber selbst in »Von mir uber mich«: »Was 
damals die Leute ut oler welt erzahlten, sucht ich mir fleiGig zu 
m e r k e n , doch wufit' ich leider zu wenig, um zu wissen, was wissenschaftlich 
bemerkenswert war. Das Vorspuken eines demnachstigen Feuers hieG: wabern. 
Den Wirbelwind, der auf der LandstraGe den Staub auftrichtert, nannte man: 
warwind; es sitzt eine Hexe drin. Obrigens horte ich, seit der »alte Fritz« das 
Hexen verboten hatte, miiGten sich die Hexen sehr in achtnehmen mit ihrer Kunst. 

Von Marchen wuflte das meiste ein alter, stiller, fiir gewohnlich wort- 
karger Mann. Fiir Spukgeschichten dagegen von bosen Toten, die wieder- 
kommen zum Verdrusse der Lebendigen, war der Schlafer Autoritat. Wenn 
er abends erzahlte, lag er quer uber dem Bett, und wenn es ihm trocken und 
6d wurde im Mund, sprang er auf und ging vor den Tischkasten und bifl ein 
neues Endchen Kautabak ab zur Erfrischung. Sein Frauchen saG daneben und 
spann. — In den Spinnstuben sangen die Madchen, was ihre Mutter und GroG- 
miittcr gesungen. Wahrend der Pause, abends um neun, wurde getanzt; auf 
der weiten Haustenne, unter der Stallaterne, nach dem Liede: 

Maren will wi hawern meihn, 
wer schall den wol binnen? 
dat schall (meiers Dortchen) don, 
de will cck wol finnen*. 



q 2 Busch. 

Die Herausgabe der Sammlung >>ut oler welU unterblieb, weil B. bei 
den Brudern Grimm mannigfache Analogien fand und sich fur eine solche 
Aufgabe nicht fur genligend wissenschaftlich vorgebildet hielt. Trotzdem hat 
sich der Kiinstler sein Leben lang gern mit diesen Dingen beschaftigt und be- 
sonders auch Sprachstudien getrieben. Er selbst hat einmal geauBert, er sei 
im Grunde zum Griibler, zum Philosophen, zum ernsten Forscher 
angelegt; zu den Karikaturen hatte ihn dagegen die Notwendigkeit des Geld- 
erwerbs getrieben, mehr zufallig sei er dazu gekommen. 

Der ernste Forscher beschaftigt sich naturlich eingehend mit den Marchen 
der Gebriider Grimm, studiert insbesondere auch den Kommentar dazu. Dafur 
zeugen die »Stippstorchen« (sechs Geschichten fur Neffen und Nichten). Die 
Marchen vom Daumling, vom Bruder Lustig, Jorinde und Joringel, vom Geist 
im Glas hat B. genau gekannt und benutzt. Auch Andersen hat auf unseren 
Marchendichter abgefarbt. Solche Einflusse lassen sich bis in die Bilderge- 
schichten verfolgen; so ist es kein Zufall, wenn es im »Maler Klecksek heiOt: 

»Quast's Deckbctt ist nach altem Brauch 

Ein stramm gestopfter Federschlauch. 

Mit einem langen leisen Schnitte 

S c h 1 i t z t es der Kuno in der Mitte. 

Rasch leert er jetzt den Firnistopf 

Auf Quastens ahnungslosen Kopf. 

Quast fahrt empor voll Schreck und Staunen, 

Greift, schlagt und tobt und wird voll Daunen. 

Er springt hinaus in grofier Hast, 

Von Aussehn wie ein Vogel fast*. 

B. gedachte naturlich jener Stelle im »Fitgers Vogel «, die lautet: 
»Als alles bereit war, steckte sie sich in ein Fafi mit Honig, schnitt das 
Bett auf und walzte sich darin, daB sie aussah wie ein wunder- 
licher Vogel und kein Mensch sie erkennen konnte«. 

Ich mufl es mir versagen, an dieser Stelle ausfiihrlich liber diese Themen 
zu handeln, da ich mich an anderem Orte eingehend damit beschaftigt habe. 
Nur so viel sei noch bemerkt, dafl der Form des Marchens im Grunde die Mehr- 
zahl der Werke B.s entspricht. Denn hatte B. Prosa geschrieben, so hatte 
er beginnen mussen: »Es war einmal ein Junggesell, der hieB Knopp«, »es 
war einmal ein Madchen, die nannten die Leute die fromme Helene«, »es waren 
einmal zwei bose Buben«. Wie im eigentlichen Marchen handeln die Personen 
bei Busch gut oder bose. Sie werden belohnt oder bestraft, je nach ihren Taten. 
Dies geschieht in noch konsequenterer Weise, als es im eigentlichen Marchen 
der Fall ist, und deshalb kann man Kindern »Max und Moritz«, oder »Fipps, 
den Affen« uberhaupt nur in die Hand geben. Denn B. hat zum weitaus 
groBten Teile keine Kinderlekture geschrieben; seine Marchen sind fur 
solche, die gelegentlich einmal groBe Kinder werden mochten, fur Er- 
wachsene. 

Was den Stil des Marchens anbetrifft, so ist bekannt, daB er gern auf 
schwankhafte Elemente zuruckgreift. Die Hornisse des Marchens setzt sich dem 
Fuchs unter den Schwanz; infolgedessen mussen die Saugetiere den Krieg 
gegen die Vogel verlieren. Ahnliche Situationen schafft B. gern und stattet 



Busch. Q3 

sie aus mit jenen kleinen Grausamkeiten, die mit dem Wesen des Humors eng 
verbunden sind. Treffend sagtThimme in seinem Buch liber das Marchen (Lpg. 
1909, S. 58): »Wahrend das Gluck eine stetige Eigenschaft des Marchenhelden, 
des Lieblings des Schicksals ist, bildet das Ungliick eine Art Schwankmotiv 
in der Geschichte eines Pechvogels, dem alles schief geht, dessen Hauptungluck 
aber darin besteht, dafl ein Ungliick nicht aus einzelnen groBen Schlagen, sondern 
aus einer endlosen Kette von kleinen Nadelstichen besteht. Er hat eben kein 
rechtes Ungliick, sondern nur lauter Malheur und hat deshalb zum Schaden 
noch den Spott zu tragen, wie der Wirt im »Lumpengesindel« (Grimm). Wie 
der sich aus dem Bett erhoben und gewaschen hat, reifit ihn beim Abtrocknen 
am Handtuch eine Stecknadel und macht ihm einen roten Strich von einem 
Ohr zum andern; wie er sich in der Kuche eine Pfeife anstecken will, springt 
ihm eine gluhende Eierschale ins Auge; als er sich dann verdriefilich in seinen 
Groflvaterstuhl niederlaflt, fahrt er mit einem Auweh! jah wieder in die Hohe, 
denn eine Nahnadel hatte ihn diesmal noch schlimmer und »nicht in den Kopf« 
gestochen. Ahnliches passiert dem guten Balduin Bahlamm, wie auch dem 
braven Tobias Knopp. In dem Moment, wo es Bahlamm dichterisch plagt, 
stort jedesmal irgend jemand seine Zirkel. Ein Freund haut ihm von hinten 
den Cylinder ins Gesicht, die Kinder turnen an ihm in die Hohe, oder es sticht 
ihn eine lose Knabenhand mit einer Nadel durch das Loch des Zaunes wie 
im Marchen »nicht in den Kopf«. Und ebenso hat Knopp von seinem ersten 
Ausgang nach seiner Verheiratung nur lauter Mifivergnugen. Er ist bekneipt, 
die Tiir verschlossen. Die Stammtischbruder schieben ihn mit dem Kopfe 
voran durch's offene Kuchenfenster. Die Angelegenheit verlauft nicht tragisch. 
Aber einen Denkzettel bekommt Knopp weg. Er stoOt zwei gefullte Eimer um 
und wird nafi wie ein Pudel, eckt mit der Nase an die Schranktur an, schuttet 
die Milch um, greift mit den Handen in die Butter, fangt sich mit dem Finger 
in der Mausefalle, schuttet sich das Pflaumenmus liber die Glatze, stiirzt einen 
Korb mit Eiern um, verbrennt sich die Nase am Licht. 

Das sind Effekte, wie sie auch die alte Schwankliteratur liebte. Auch in 
ihr war B. zu Haus. Fischart und Hans Sachs kannte der Dichter sehr wohl. 
Und er ist ihren Spuren wohl nicht nur aus dem Bediirfnis nach stofflicher 
Anregung nachgegangen, sondern auch um im einzelnen sein Lieblingsmetrum 
zu studieren: den deutschen Knittelvers, den er fur seine Zwecke in so kost- 
licher Weise nutzbar gemacht hat. — Motivisch nehme ich vor allem die tur- 
bulenten Szenen, in denen alles »drunter und driiber« geht, aus der alten 
Schwankliteratur fur B. in Anspruch. 

Uber Fabeln war der Dichter nicht weniger gut unterrichtet. Besonders 
hat er Aesop fur seine Zwecke verwandt, aber auch Lessing, Hagedorn, Ramler, 
Hey-Speckter usw. 

Auf dem Gebiet der Volkssage hat sich B. seit friiher Jugend besonders 
fur das Kapitel des Aberglaubens interessiert. Die naive Landbevolkerung 
ist fur solche Dinge besonders empfanglich. Und so hort und liest B. als Knabe 
und spater allerlei Spuk-, Grusel-, Teufels- und Hexengeschichten, von Wieder- 
gangern, von Geistern ohne Kopf usw. Alles das wird bei ihm zum poetischen 
Erlebnis. Zeugnis davon geben die »Kritik des Herzens« und »Zu guter Letzt«. 

VVenn endlich B. von der Einwirkung des Volksliedes auf seine Dich- 
tung gesprochen hat, so ist das nicht so zu verstehcn, als habe er in direkter 



94 Busch. 

Anlehnung an den alten Volksgesang Volkslieder oder volkstiimliche Kunst - 
lieder geschaffen. Motivische Besonderheiten sind ebensowenig in diesem Be- 
tracht bei Busch nachweislich. Doch ist er sprachlich, stilistisch und rhythmisch 
von dieser Kunstgattung stark beeinfluflt, vor allem scheinen ihm die volks- 
tiimlichen Formen in Heines Lyrik nicht wenig gegeben zu haben. Wie es sich 
im einzelnen damit verhalt, gehort nicht hierher, sondern in die spezielle 
Untersuchung. 

B.s Originalitat liegt nicht auf dem Gebiet des stofflich neuen Gedankens, 
eines eigenartigen Problems. Stark und wurzelfest steht sie drinn im Leben des 
deutschen, speziell des niedersachsischen Bauernvolkes. Was er da bei einer 
scharfen Beobachtungsgabe sieht, hort und von seinen toten Freunden, den 
Buchern, erfahrt, — alles das wird ihm zum Gedicht, wird zum Kunstwerk. 
Nicht, waser uns gesagt hat, sondern w i e er es tat, erweckt unser Interesse. 

B.s Fahigkeit geht nicht nach alien Seiten hin in die Breite, sondern 
von einem bestimmten Punkte aus in die Tiefe. Es ist wahr: der Dichter weist 
in seinen Werken eine starke stoffliche und formale Beschrankung auf, aber 
gerade in dieser Beschrankung offenbart sich ein Meister, wie ihn die Welt 
so bald nicht wieder erleben wird. Und ist es denn wirklich erlaubt, von »Be- 
schrankung« zu reden, wenn wir den Kiinstler zugleich als Maler, Karikaturist, 
Bildhauer und Dichter arbeiten und auf jedem Gebiete etwas Ganzes leisten 
sehen, etwas, was die Augen der kritischen Mitwelt nicht zu scheuen braucht, 
den Vergleich mit wirklicher Kunst aushalt ? Eine Kunst erfordert den ganzen 
Mann. Wie war es da moglich, da6 B. auf jedem Einzelgebiet etwas so 
Vortreffliches zu bieten vermochte? Das riihrt eben daher, dafl er aus jedem 
Einzelgebiet auf Grund seiner eigenartigen Beanlagung wiederum das Spezielle 
sich zur Aufgabe setzte, es aber nicht sowohl fiir s i e-h wirken liefi, sondern 
es dem eigentlichen ktinstlerischen Gedanken unterordnete, der letzten Endes 
in dem Begriff des Humors restlos aufgeht. B.s Grofie liegt da, wo er sich 
nach dieser Richtung ganz ausgibt: in den Bildergeschichten. Seine Lyrik, 
seine Prosa und auf der anderen Seite seine Malerei ist etwas, was ihm viel- 
leicht noch jemand nachzumachen im stande ware, trotzdem er auch darin 
sehr Respektables hervorgebracht hat. Aber in den Bildergeschichten, wie 
sie uns in dem bei Bassermann erschienenen Album zusammen vorliegen, ist 
B. unerreichbar, ein homo sui generis. Hier ist der Humor der Wortes 
und des Klanges in so treffender Gleichwertigkeit zeichnerisch wiedergegeben, 
daO es nur moglich ist, Text und Bild ungetrennt auf sich wirken zu 
lassen. Eines ist ohne das andere nicht wohl denkbar. B. ist kein Illustrator. 
Ergibt nicht erklarendeTextezu seinen Bildern, sondern dieBilder seiner Texte. 
Gut schien ihm »oft der Trochaus fiir biederes Reden; stets praktisch der 
Holzschnittstrich fiir stilvoll heitere Gestalten. So ein Konturwesen macht 
sich leicht frei von dem Gesetz der Schwere, und kann, besonders wenn es 
nicht schon ist, viel aushalten, eh' es uns weh tut. Man sieht die Sache an 
und schwebt derweil in behaglichem Selbstgefiihl iiber den Leiden der Welt, ja 
iiber den Kiinstler, der gar so naiv ist«. 

B. hat sich selbst stets nur als bildenden Kiinstler aufgefafit. Deshalb waren 
ihm auch personlich die Zeichnungen zu den Bildergeschichten die Hauptsache, 
der Text dagegen Beiwerk und nur aus dem Grunde hinzugef iigt, weil die meisten 
Leute Bilder zu lesen nicht imstande waren. Hier offenbart sich etwas von 



Busch. g t 

dem echt niedersachsischen Starrsinn. Oder soil man von einer gewissen Be* 
scheidenheit reden, die den Namen des D i c h t e r s nicht fur sich in Anspruch 
nehmen wollte? Naturlich konnen die Bildergeschichten Buschs auch schliefl- 
lich ohne Text existieren. Aber sie haben dann doch nur halbe Wirkung. B. 
konnte naturgemafl seine Bilder selbst am besten lesen, und da er die Gabe 
hatte, genau der bildnerischen Form entsprechend zu sagen, w i e er gelesen 
wissen wollte, so sind eben dieTexte fiir das innerlichste Verstandnis nicht zu 
entbehren. Obrigens kann man sehr im Zweifel sein, was etwa das wichtigere, 
wirkungsvollere an »Max und Moritz« ist: Karikatur oder Text. Fur mein 
Gefuhl sind an diesem Werk die Verse die Hauptsache ; ihnen verdankt das 
Buch den ungeheuren Erfolg. Sie gingen der heranwachsenden Generation 
in Fleisch und Blut uber. Partieen aus »Max undMoritz* wurden vonStudenten 
wahrend des deutsch-franzosischen Krieges auf dem Marsche nach alien 
moglichen Melodien gesungen, viele Stellen wurden zum geflugelten Wort, man 
liefi sich sogar zu dem MiBgriff verleiten, die ganze Bosebubengeschichte zu 
komponieren. B.s kiinstierische Sonderstellung beruht darauf, dafi er zugleich 
Karikator in Wort und Bild ist, die beide bei ihm ein Ganzes ausmachen. 
Dieselbe sprunghafte, derbe Holzschnittmanier seiner Bilder, dieselben absicht- 
lichen Unvollkommenheiten und stilistischen Feinheiten finden sich in adaqua- 
tester Weise auch in den Versen ausgedriickt. B. besitzt die Fahigkeit, mit 
einem Minimum an Material, an Strichen wie an Worten, das Wesentliche fiir 
die von ihm angestrebte Wirkung herauszuholen. Deshalb bedeutet uns der 
Meister in seiner Art eine »Klasse fur sich«. 

Die Knappheit der von ihm angewandten Kunstformen, eingespannt in 
den einfachen Rahmen des guten deutschen Holzschnitts und des Knittel- 
verses hat er seinem kiinstlerischen Lebenselement unterstellt: dem Humor 
und der humoristischen Satire, die wohl trifft, aber nie personlich wird oder 
gar verletzt. Im Leben wird B. nicht allzuviel gelacht haben, dazu war er 
eine zu grublerische, pessimistische angelegte Natur, aber er iiberwindet das 
Leben durch seine Kunst, durch seinen Humor, mit dem er das Dichtung ge- 
wordene Erlebnis durchdringt. Da ist ihm denn Lachen »ein Ausdruck relativer 
Behaglichkeit. Der Franzl hinterm Ofen freut sich der Warme um so mehr, 
wenn er sieht, wie sich draufien der Hansel in die rotlichen Hande pustet. 
Zum Gebrauch in der Offentlichkeit — fugt der Dichter hinzu — habe ich 
jedoch nur Phantasiehanseln genommen. Man kann sie auch besser her- 
richten nach Bedarf und sie eher sagen und tun lassen, was man will«. Uber 
das Wesen des Komischen hat sich B. wenig Gedanken gemacht. Es ist 
dies naturlich, da der Kiinstler die fiir seinen Zweck wichtigen Elemente in 
sich fertig vorfindet und sich nicht erst uber ihr gegenseitiges Verhaltnis Rechen- 
schaft zu geben braucht. Nichtsdestoweniger wiirde es eine reizvolle Aufgabe 
sein, die Eigenart des Humors von Wilhelm B. zu analysieren. 

Es gibt keinen Kiinstler, der das Komische »das umgekehrt Erhabene«, 
wie Jean Paul es genannt hat, so zu meistern verstand als gerade B. Nie- 
mand hat die Kontraste in der Weise mit so logisch zwingender Wirkung ein- 
ander gegeniiberzustellen gewuflt, wie er. Wie mannigfach sind die Dissonanzen 
zwischen Hohem und Niedrigem, zwischen Idealitat und Realitat, Gewolltem 
und Seiendem, Idee und Wirklichkeit in ihrer jeweiligen Beziehung auf Stoff 
und Form! Wie iiberwaltigend wirkt bei B. derReim, als lautliche Abrundung 



g 6 Busch. 

eines Verses, der gedanklich von einem schwerwiegenden, philosophischen 
Axiom erfullt ist ! Genug, es ist hier nicht der Ort, sich liber solche Gedanken 
im Einzelnen klar zu werden. 

Wilhelm B. ist hinubergegangen in das Schattenreich. Den letzten 
»Dank und Grufi« an die Welt sandte er hinaus anlafilich seines 75. Geburts- 
tages, an dem er fiihlte, daO sein Ende nahe sei. Es handelt sich um ein fein- 
empfundenes und formvollendetes Gedicht, und ich will damit die vorliegende 
Arbeit beschliefien (cf. Noeldeke S. 197). 

Dank und Grufi! 

Ich weif3 nicht mehr genau, wie es gekommen. 

Kurzum! Nach langerem Verborgensein 

Hab* ich dereinst auf Erden Platz genommen, 

Um auch einmal am Licht mich zu erfreuen. 

Und alsogleich fafit micht die Zeit beim Kragen 

Und hat mich neidisch, ohne viel zu fragen, 

Bald gradeaus, bald wiederum im Bogen, 

Durch diese bunte Welt hindurchgezogen. 

Inzwischen pfluckt ich an des Weges Rand 

Mir dies und das, was ich ergotzlich fand. 

Auch leert' ich manchmal manchen vollen Krug 

Mit guten Freunden, bis es hieB: Genug! 

Nur eins erschien mir oftmals recht verdriefilich: 

Besah ich was genau, so fand ich schliefllich, 

Dafl hinter jedem Dinge hochst verschmitzt 

Im Dunkel erst das wahre Leben sitzt. 

Allein, wozu das peinliche Gegrubel? 

Was sichtbar bleibt, ist immerhin nicht ubel. 

Nun kommt die Nacht. Ich bin bereits am Ziele. 

Ganz nahe hor' ich schon die Lethe fliefien. 

Und sieh! Am Ufer stehen ihrer Viele, 

Mich, der ich scheide, freundlich zu begruBen. 

Nicht alien kann ich sagen: Das tut gut! 

Der Fahrmann ruft. Ich schwenke nur den Hut. 



Quellen: I. Wilhelm Buschs Werke: Bilderpossen (I) 1864, (II) 1880; Max und Moritz 
1865; Schnaken und Schnurren 1867; Schnurrdiburr 1869; Der heilige Antonius 1870; 
Kritik des Herzens 1871; Die fromme Helene 1872; Hans Huckebein (Buch) 1872; Die kuhne 
Mullerstochter 1872; Kunterbunt 1872; Bilder zur Jobsiade 1874; 50 Bilderbogen 1875; 
Dideldum 1875; Pater Filucius 1875; Abenteuer eines Junggesellen 1876; Der Geburtstag 
1876; Herr und Frau Knopp 1877; Julchen 1877; Die Haarbeutel 1878; Fipps der Affe 1879; 
Der Fuchs. Die Drachen 1881; Balduin Bahlamm 18S1; StippstSrchen 1882; Maler Kleck- 
sel 1883; Buschalbum 1884; Eduards Traum 1891; Der Schmetterling 1895; ^u guter Letzt 
1904; Hernach 1908; Schein und Sein 1909. 

II. Wilhelm Busch an Maria Anderson (70 Briefe), Rostock 1908. — Brief e an Frau 
H., veroffentl. im *Miirz« Nr. 6 — 10, 1908. — AVas mich betrifft*. Frankfurter Zeitung vom 10. 
Okt. 1886, Morgenblatt. — »Von mir iiber mich#. Busch- Album, Miinchen. 1908. u. fr. cf. Noel- 
deke p. 108. — Wilhelm Busch, Handzeichnungen aus dem Nachlafi, Verlag der Neuen Photogr. 
Gesellschaft, Steglitz. — Kiinstlerischer Nachlafi. Mit Einl. von Fr. von Ostini. 60 Taf. 
mit 250 Abbild. Fr. Hanfstaengl, Miinchen, 



Busch. Krastel. g 7 

III. Daelen, »(jber Wilhelm Busch*, Dusseldorf 1886. — Johannes Prolfl, »Aus Wilh. 
Buschs Leben«. Septembernummer der Frkfrt. Zeitg. — Paul Lindau iiber Wilh. Busch in 
>Nord u. Siid« 54. — Kohut, Das Ewig Weibliche bei Wilh. Busch. Lpg. Elischer o. J. 
— Hermann, Adolf und Otto Noldeke: Wilhelm Busch, Miinchen 1909. — Otto F. Volkmann, 
Wilhelm Busch, der Poet. Seine Motive und seine Quellen, Lpg. 1910. — Josef Hofmiller, 
Zeitgenossen. 19 10. — Biographie von R. Schaukal, »Dichtung« Bd. 21. 

IV. Portrat Buschs vonLenbach. Danach derUmschlag zuNr. 14 der » Jugend« von 1902 
cf. auch Busch-Album 190S. Selbstkarikaturen und Bildnisse in grofler Anzahl bei Noeldeke 
und bei Daelen. 

Krastel, Fritz, *6. April 1839, f 12. Februar 1908, Schauspieler und Dichter, 
Sohn eines Choristen am Mannheimer Hoftheater, der ihn zum katholischen 
Geistlichen bestimmt hatte. Vom Heldenspielcr des Hoftheaters nur ganz 
oberflachlich vorbereitet, schlug er Engagements an kleinen Buhnen wie 
GieBen und Ulm aus und wandte sich auf den Rat seines Tanzlehrers, eines 
alten Franzosen, lieber gleich an das Hoftheater nach Karlsruhe, wo ihm dessen 
Sohn freilich nur eine Anstellung unter den Tanzern verschaffen konnte, aber 
die Beschaftigung auch im gesprochenen Schauspiel in Aussicht stellte. Es 
dauerte jedoch geraume Zeit, bis sich diese Hoffnung erfullte, und die mehr- 
jahrigeTatigkeit imBallett hat noch lange hinaus im guten und im schlimmen 
Sinne in der korperlichen Plastik und in den Bewegungen Krastels ihre Spuren 
zuruckgelassen, die erst allmahlich, niemals aber ganz verschwunden sind. 
Nach einem miflgluckten Versuch als Handwerksbursche im »Faust« gelang 
es ihm endlich, als Raoul in der »Jungfrau von Orleans «, wo er fur einen ab- 
gegangenen Kollegen einsprang, die Aufmerksamkeit Eduard Devrients zu 
erregen, der sich seine weitere Ausbildung angelegen sein lieO (Krastel mufite 
dabei, um sich des falschen Pathos zu entwohnen, Wertherbriefe auswendig 
lernen und moglichst natiirlich vortragen) und ihn bald als jugendlichenHelden 
und als Liebhaber sowohl im klassischen Drama als im Lustspiel verwenden 
konnte. Sein Ruf drang bis nach Wien zu Laube, der einen Nachfolger fur 
den alternden Josef Wagner suchte und der, wenn wir der humoristischen 
Erzahlung Krastels glauben diirfen, seinetwegen im Juni (1863?) nach Karls- 
ruhe gekommen ware, wo er, nachdem ihm Krastel die Erzahlung des Don 
Cesar aus der »Braut von Messina « auf dem Zimmer vorgesprochen hatte, 
mit ihm ein Gastspiel vereinbarte, das im April 1864 stattfand und aufler dem 
Ferdinand in »Kabale und Liebe« und dem Don Carlos auch noch die von 
Laube stets geforderte Lustspielrolle (den jungen Bloom in Topfers »Rosen- 
miiller und Finke«) umfaOte. Schon ein Jahr spater (am 30. April 1865) konnte 
Krastel als Don Carlos und als Falkentoni (im »Goldbauer« von der Birch- 
pfeiffer) am Burgtheater debutieren, wo er im giinstigsten Zeitpunkt eintraf 
und bald- den weitesten Spielraum fand. Von Baumeister, der anting stark 
und gesetzt zu werden, ubernahm er die jungen Naturburschen, und von 
Wagner, der in das Fach der reiferen Helden und Liebhaber iibergegangen 
war, nahm er die jugendlichen Helden und Liebhaber, in denen ihm auch 
Sonnenthal, der sich seit Fichtners Abgang immer mehr dem Konversations- 
stuck zuwandte, Platz machte. Bald darauf wurde durch die lange Krankheit 
und den Tod Josef Wagners das ganze klassische Repertoire fur Krastel frei, 
der nun langer als ein Jahrzehnt hindurch der erste Heldenliebhaber des Burg- 

Biogr. Jahrbuch u. Deutscher Nckrolog. 13. Bd. 7 



9» 



KrasteL 



theaters war und nicht bloB in den Schiller-Rollen, sondern auch als Tempel- 
herr, als Wetter Graf von Strahl, als Albrecht in Hebbels »Agnes Bernauer«, 
als Orestj und als Percy unbestrittene Erfolge hatte. Auch im Schauspiel ge- 
langen ihm Kostiimrollen (Offiziere, Jager, Bauernburschen) besser als die 
eigentlichen Salonrollen, in denen er auf die griine, naseweise Jugend beschrankt, 
von den Bonvivants aber ganz ausgeschlossen blieb. 1870 zum Hofschauspieler 
und 1888 zum Regisseur ernannt, hat Krastel sich noch in den letzten zehn 
Jahren, als seine schauspielerische Tatigkeit fast ganz erlahmt und seine eiserne 
Gesundheit mit einem Schlag fur immer gebrochen war, als phantasievoller 
Regisseur verdient gemacht und auch als dramatischer Lehrer am Konser- 
vatorium sehr anregend gewirkt. Auch dichterisch hat er sich zwar nicht ohne 
Talent, aber ohne nachhaltigen Erfolg beschaftigt: daB er sein Trauerspiel 
»Der Winter konig« nicht auf die Wiener Buhne bringen konnte, hat ihm 
Schmerz bereitet; aber auch das einaktige Lustspiel »Im Regen« hat sich 
nicht behauptet, nur sein Text zum »Betrogenen Kadi« erhielt sich dank 
der Musik von Gluck langer auf dem Repertoire der Hofoper. In der Wiener 
Gesellschaft hat sich Krastel, der mit einer Schwester des Historienmalers 
Gaul verheiratet war, durch sein heiteres, liebenswurdiges Wesen einen Kreis 
von zahlreichen Freunden erworben. Mit Baumeister und Gabillon gehorte er 
zu den eifrigsten Zechkumpanen des alten Burgtheaters; schon ein Cham- 
pagnerfruhstuck beim »Kameel« in der Bognergasse lag nicht auBerhalb 
seiner Lebensgewohnheiten, und an den tollen Abenden der »Grunen Insel«, 
eines geselligen Kunstlervereins, in dem er den Namen Romeo fiihrte, liefi er 
nicht blofi sein schauspielerisches und dichterisches, sondern auch sein grofies 
geselliges Talent in den hellsten und freudigsten Farben leuchten. Denn 
Fritz Krastel (in der Jugend nannte er sich nicht ungern Fratz Christel) stammte 
nicht bloB aus derselben Mannheimer StraBe wie Helene Hartmann-Schnee- 
berger, er war auch von ihrer Art. Sie waren beide Frohnaturen, an denen 
die Frau Rat ihre helle Freude gehabt hatte. Krastel war ein rechtes Sonntags- 
kind, dem angstliche Sorge, wie jede bange Schonung fur seine Person fremd 
war. Als er zum ersten Male mit dem Tode wochenlang in verzweifeltem Ring- 
kampf lag, gaben ihn alle Arzte verloren, die Redaktionen hielten ihre Nekrologe 
im Satz bereit — Fritz Krastel aber erhob sich eines Tages zu aller Erstaunen 
und schiittelte zwar nicht den letzten Rest der Krankheit, aber wenigstens den 
ihm keineswegs erwiinschten Tod ab. Ein halbes Jahr spater, als ich im Herbste 
aus der Sommerfrische heimkehrte und an einem recht ktihlen und windigen 
Tage mein Stammlokal beim Lowenbrau aufsuchte, safl ein einsamer Gast 
im Freien vor der Ttir — Fritz Krastel, der es sich nicht nehmen liefi, daB die 
frische Luft auch fiir einen eben Genesenen das gesundeste sei. Nach ein paar 
Monaten hatte er denn auch einen neuen, etwas schwacheren Anfall; aber 
die taglichen Bulletins aus dem Krankenzimmer waren kaum eingestellt, als 
ich hoch oben auf der luftigen Hohe des Kahlenberges einem frohlichen Mann 
in leichten und offenen Sommerkleidern, den Paletot nachlassig iiber den Arm 
geworfen, begegnete — wiederum Fritz Krastel, der nach einem schwiilen 
Sommertage hier oben die frische Abendluft einsaugen wollte. Und so unbe- 
kummert wie um den Leib war er auch um das Leben. Als der neue Direktor 
des Burgtheaters in die Vertrage der Mitglieder Einblick nahm, zeigte es sich, 
daB der von Fritz Krastel schon seit langerer Zeit abgelaufen war, dafl er also 



Krastel. 



99 



rechtlich dera Institut eigentlich gar nicht mehr angehorte. So war er in allem 
und jedem ! Man mufite ihn nur sehen, wie er auch noch als alterer Herr mit 
vorgestrecktem Kinn und blitzenden Augen im Zickzack durch die belebtesten 
StraOen eilte, immer im allerraschesten Tempo, und man hatte den Eindruck 
der ewigen Jugend. 

Sein eigentliches Fach waren daher auch die Heldenliebhaber, die einen 
Stich ins Naive oder, wie es in der Theatersprache heiflt, ins Naturburschentum 
haben. Frohe und heitere Seelen, die ohne ihre Schuld und ohne es zu wissen 
ins Verderben rennen, lagen ihm besser, als was von Haus aus eine ernste und 
dustere Farbung trug; offene und harmlose Naturen besser als tief innerliche 
und verschlossene Charaktere; humoristisch angehauchte besser als ganz 
pathetische. Darum waren Jung- Siegfried in Hebbels Nibelungen, der Tempel- 
herr und Max Piccolomini seine eigentlichen Rollen, mit denen er noch in reifen 
Jahren sogar auf ein fremdes Publikum hinreiflend wirken konnte, wie es sich 
bei den Munchener Gesamtgastspielen (1880) gezeigt hat, wo der im Burg- 
theater langst in die zweite Reihe getretene Kiinstler als Max Piccolomini alle 
anderen aus dem Felde schlug, und bei der letzten Vorstellung im alten 
Burgtheater (1888), wo sein Orest mit zu dem tief en Eindruck des Abends 
beitrug. Fur die liebenswiirdige grune Jugend war er der pradestinierte 
Darsteller. Seine feste, muskelstarke und von Gesundheit strotzende Erschei- 
nung, der runde Kopf mit den feurigen Augen, der spitzigen Nase, dem keck 
herausspringenden Kinn und dem hubschen, beim Reden etwas schief nach 
rechts gezogenen Munde, und das helle, zwischen Bariton und Tenor schwebende 
Organ, das in den unteren Registern geprefit klang, in der Hohe aber eine 
siegreiche Kraft und Fulle entfaltete — alles das war ein Verein und eine Bil- 
dung, auf die der Gott der Jugend selber sein Siegel gedriickt zu haben schien. 
Frische und frohe, dreiste und verwegene Jugend, die alles wagt und alles 
gewinnt, wird auf den deutschen Buhnen, auf denen die Liebhaber immer 
eine kostbare Sache waren, selten eine so uberzeugende Verkorperung gefunden 
haben als in Fritz Krastel. Es war mehr die Hitze und das Feuer, der Unge- 
stum und das Draufgangertum der Jugend als gewaltige Leidenschaft in ihm. 
Ich erinnere mich noch recht gut, dafi damals, als er zum ersten Male bei Wohl- 
tatigkeitsvorstellungen im Theater an der Wien und in Baden den Karl Moor 
und den Jaromir in Vertretung des alternden und kranken Josef Wagner iiber- 
nahm, das Urteil der alteren Generation lautete: »Blofies StrohfeuerU Ein 
Vierteljahrhundert spater aber hat der nicht mehr junge Mann als Otto von Meran 
in Grillparzers »Treuem Diener seines Herrn« durch die Siedehitze seines Stroh- 
feuers die jungen Liebhaber des Burgtheaters tief in den Schatten gestellt 
und gezeigt, wie die starken Naturelle und Temperamente trotz der Theorie 
vom Ubermenschen auf der Buhne wie im Leben immer seltener warden. 

Schwierig freilich mufite ihm bei diesen Anlagen der Ubergang ins Fach 
der gesetzten Helden werden. Hier versagte schon das ganz auf den Ausdruck 
d es Jugendlichen gestimmte hellfarbige Organ; seine Bewegungen, obgleich 
noch immer hastig und schieflend, konnte er mit dem Willen besser im Zaume 
halten, sie erschienen immer noch massiver und mannlicher als der Ton, der 
trotz allem kiinstlichen Breitquetschen niemals eine mannliche Farbung an- 
nahm, wie auch aus den Bartmasken immer die jugendlichen Gesichtsziige 
hervortraten. Bei seinen Mannern und gar bei seinen Greisen wurde man auch 

7* 



,100 Krastel. 

dann das storende Gefuhl nicht los, dafl hinter der ganzen Maskerade ein Jiing- 
ling stecke, als Krastel heimlich schon langst ein alter Mann geworden war. 
Dazu kam aber ungefahr gleichzeitig noch ein anderer Umstand, der nicht 
blofl fiir diesen einen Kunstler, sondern fur die Schauspielkunst iiberhaupt 
lehrreich ist. 

Gerade zu der Zeit namlich, als Krastels klinstlerische Jugend ihre natur- 
liche Grenze erreicht hatte, gab der Italiener Salvini im Ringtheater seine 
Gastrollen. Er war so ziemlich in allem und in jedem der Gegenpol von unserem 
Fritz: ein ebenso ausgesprochen mannlicher, wie dieser ein ausgesprochen 
jugendlicher Darsteller. Aber die Gegensatze ziehen sich an; und Krastel 
war gleich von der ersten Vorstellung so begeistert und hingerissen, daB er in 
Salvini den Stern gefunden zu haben glaubte, der ihn in das altere Fach und 
in die Charakterrollen hiniiber leiten konnte. An dem Sohn der Wildnis, der 
beiden gemeinsamen und doch so grundverschiedenen Rolle, liefi sich der EinfluC 
des neuen Vorbildes sofort erkennen, aber er war leider kein wohltatiger: Krastel 
hatte nur sich selbst verloren, die Kunst Salvinis aber nicht gefunden. Als 
ich nach dreijahriger Abwesenheit aus Prag nach Wien zuriickkam, sah ich 
ihn als Karl Moor, in einer Rolle, mit der ich sozusagen aufgewachsen und die 
mir bis auf die Einzelheiten im Ohr gegenwartig war: zu meinem groBten 
Erstaunen war nicht mehr ein Stein auf dem andern geblieben, alles, was friiher 
gewirkt hatte, war verschwunden, das Neue aber vollig leer und nichtssagend. 
Und so ist es auch in Zukunft geblieben: in dem Streben nach charakteristischem 
Ausdruck, der ihm versagt war, hatte er den schonen und freudigen Schwung 
seiner Jugend ganz eingebiiBt. Dabei konnte man immer merken, daB seine 
kunstlerischen Intentionen die besten waren; er konnte das, was er in seiner 
Phantasie ganz deutlich vor sich stehen sah, sogar andere lehren, er konnte es 
nur selber nicht machen. Von dem Geist und der Bildung, die er in hohem 
Grade besafl, verrieten seine neuen Rollen nichts, sie forderten mitunter ge- 
radezu die Parodie heraus. In seiner Jugend hatte man ihm, mit Recht und 
mit Unrecht, zum Vorwurf gemacht, daB er gern >>singe«; und das wurde seit 
der Bekanntschaft mit Salvini das Gespenst seines Alters. Er gab das jetzt 
selbst zu, er blickte auf seine griine Jugendzeit wie auf eine Periode der Unreife 
zuruck und erwartete Grofles von sich, nachdem er sich des »Singens« ent- 
wohnt habe. Und das war ein grofler Rechenfehler ! Der kluge Krastel hatte 
dabei ubersehen, was so viele andere moderne Kunstler aller Art ubersehen: 
daB sich auch in der Kunst nicht eines fiir alle schickt; daB gerade ein echtes 
Naturell sich nicht einfach nach der Mode zum Realismus oder zum Naturalis- 
mus umstimmen kann, daB man auch das von der Frau Mutter haben muB. 
Der gute Wille und die beste Absicht tun es nicht, es mufl auch in der Anlage 
gegeben sein, sonst nutzt aller FleiB und alle Mlihe nichts. So kann ja wohl 
das »Singen« auf dem Theater eine blofle Manier und Unart, es kann aber 
auch Natur sein. Sehr groBe Schauspieler, die nicht bloB fur den Rhythmus, 
sondern auch fiir die Melodie der menschlichen Rede ein feines Ohr hatten 
und von dem Umfang ihrer Tonskala, besonders von den hoheren Tonen einen 
reicheren Gebrauch machten, haben wirklich »gesungen«, ohne dafl es jemand 
storend aufgefallen ware, ja ohne daB so mancher es bemerkt hatte. Wie die 
Sprache des Dichters, so kann sich auch die Sprache des Schauspielers bis 
zum Lied erheben; es darf nur nicht schlechte Gewohnheit sein, es muB aus 



Krastel. Hennings. 101 

dem Inneren herauskommen. In diesem Sinne hat auch die Wolter die Schlufi- 
rede der Sappho: »Erhabne, heilige GotterU gesungen; in diesem Sinne singt 
Kainz, in dem uberhaupt ein gutes Stuck von Fritz Krastel fortlebt, heute 
noch in Don Carlos: »Ich sah auf Dich und weinte nicht !« Es liegt eine wahre 
Ironie darin, da8 gerade die vergotterten Vorbilder Krastels, die grofien Italiener, 
mit ihrem kraftigen Realismus so starke musikalische Wirkungen zu verbinden 
wufiten, wie sie einem deutschen Schauspieler in seiner weniger musikalischeri 
Sprache auszulosen gar nicht moglich waren. Wie hat Rossi, mit grofien Schritten 
auf und ab gehend, in grofiartiger Steigerung das Addio des Othello ergreifend 
gesungen ! Noch weiter aber ist Salvini gegangen, der als Macbeth die Verse: 
Non tetnere, fin eke verso Dunsinana di Birnam la foresta non si muova in so 
hohem Falsett vor sich hingirrte, dafi man ein betorendes Hexenlied zu horen 
glaubte. Und so hat auch das allgemeine Urteil dem jungen Krastel, der frei- 
lich oft gesungen hat, gegenuber dem alten Recht gegeben, der leider in dop- 
peltem Sinne ganz ausgesungen hatte, dafur aber oft genug in den behabigen 
Naturton des Pfalzers verfiel, der sich mit dem Al-Hafi so schlecht vertrug. 
So stellen uns die siebziger und der Anfang der achtziger Jahre Krastels Blute- 
zeit vor, deren kurze Dauer allerdings auch darin begriindet war, dafi die Hel- 
denliebhaber auch in der dramatischen Literatur nicht mehr recht gedeihen 
wollten und auszusterben begannen. Das gehort ja mit zur Tragik dieses in 
manchem Sinne zu spat gekommenen: dafi er, der selber dichterisch nicht 
unbegabt war, mit der zeitgenossischen Literatur zuletzt so gut wie gar keine 
Fiihlung mehr hatte, seitdem die Heldenjunglinge seines langjahrigen Haus- 
genossen Mosenthal und seines spateren Direktors Wilbrandt aufier Kurs 
gesetzt waren. Damit war auch seinem Talent der nahrende Mutterboden ent- 
zogen, und er selber hat es gewifi am tiefsten empfunden, dafi seine morgen- 
schone Kunst lange vor ihm selber zu Grabe gegangen war. 

(Eisenbergs Biihnenlexikon. — Dekamerone des Burgtheaters — H. Bettelheim-Gabillon 

in der Osterr. Rundschau. Februar 1008.) ., . 

Minor. 

Hennlngs, Paul, Kustos am Kgl. Botan. Garten zu Berlin, * in Heide im 
Dithmarschen am 27. Nov. 1841, f in Berlin am 14. Oktober 1908. Sein Vater 
war Lohgerber. Nach dem Besuch der Schule in seinem Vaterort absolvierte 
er das Meldorfer Gymnasium bis zur Reife fur Untersekunda. i860 wurde er 
Volontar am botan. Garten zu Kiel, wohl gezwungen, sich bald sein eigen Brot 
zu verdienen. Der dortige Direktor Nolte erkannte bald, welche Fahigkeiten 
in dem jungen Mann schlummerten, und seiner Forderung wie der des bekannten 
plattdeutschen Dichters Klaus Groth verdankte H., dafi er 1863/64 als Horer 
in der philosophischen Fakultat der Universitat Kiel verbrachte. Dabei war sein 
Studium keineswegs darauf angelegt, nurbotanischeFachkenntnisse zu sammeln; 
ihn interessierte namentlich die Dichtkunst, in w T elcher er selbst nicht Unbe- 
deutendes leistete, wenn auch das Wenigste der Nachwelt erhalten blieb, da 
die meisten Gedichte bald ein unruhmliches Ende im Papierkorb fanden. 1864 
gab er mit dem Ausbruch des danischen Krieges seine Stellung am botan. Garten 
auf, warum, ist eigentlich nicht klar. So finden wir ihn denn im Sommer 1864 
als Postexpeditor in Augustenburg, um von da nach Schleswig und schliefilich 
nach Flensburg versetzt zu werden. Hohenwestedt bildete eine weitere Etappe 



102 Hennings. 

auf diesem Wege, wo er auf Noltes Empfehlung zugleich als Lehrer an der 
landwirtschaftlichen Schule unter Jenssen tatig war. Hatte sich H. bisher 
hauptsachlich mit der floristischen Seite der Botanik abgegeben, so wandte 
er an letzterem Orte sein Interesse hauptsachlich den Samen zu und begann, 
kryptogamische Studien zu treiben, die bald durch Herausgabe von Herbarien 
dieser unteren Pflanzenklasse weiteren Kreisen zugute kamen. So war er 
wohl der erste, der eine vollstandige Sammlung der groCeren Algen der Kieler 
Bucht zusammenstellte. 

1874 trat dann eine Wendung in seinem Schicksal ein, insofern ihn da- 
mals A. Eichler als Assistent an den botan. Garten in Kiel berief, eine Stellung, 
die bis I. Okt. 1880 dauerte, in welchem Jahre ihn sein bisheriger Chef, der 
mittlerweile Brauns Nachfolger in Berlin geworden war, als wissenschaftlichen 
Hilfsarbeiter am Bot. Museum und als Assistenten am Bot. Garten in die Reichs- 
hauptstadt nach sich zog. Hier hat er dann bis an sein Lebensende gewirkt, 
stets tatig, nie sich an Dienststunden klammernd, jedermann gefallig, jedem 
gern ratend und stets gleichbleibend ruhig und freundlich. 

Aus seiner amtlichen Tatigkeit mufi zunachst hervorgehoben werden, dafi 
das botanische Schaumuseum in dem alten botan. Garten zu Berlin haupt- 
sachlich sein Werk war. Er wahlte aus den vorhandenen Bestanden Passendes 
aus, er richtete die einzelnen Objekte her und versuchte auf allemoglichen Weisen 
Fehlendes herbeizuschaffen, minderwertige Stucke durch passende zu ersetzen 
und durch das Ausfullen aller Lucken Mustergiltiges zu schaffen. 

In die vorhandenen Faszikel des Kryptogamenherbars brachte er Ordnung 
und schuf im Laufe der Jahre aus ganz untergeordneten Anfangen eine prach- 
tige Sammlung. Fiir den Garten selbst hatte er die Bestimmungen der Ge- 
wachse vorzunehmen, doch gait sein Sinnen und Trachten bald nur den Pilzen. 
Die Hutpilze namentlich studierte er so eingehend, dafi man in strittigen 
Fallen bereits in der Mitte der 8oer Jahre ihn als Autoritat konsultierte. Von 
dieser Zeit an richtete er sein Augenmerk auf die Pilzflora der Tropen, welche 
er infolge der dem Bot. Museum zugehenden exotischen Sammlungen um viele 
und wertvolle Funde und Arten bereicherte. Wahrend er von 1893 bis 1905 
Mitherausgeber der Hedwigia war, gab man ihm auch 1902 den Professortitel, 
der den stets einfach gebliebenen Mann wenigstens aufierlich mit in die Reihe 
der Gelehrten riickte, der er innerlich und durch seine Leistungen langst an- 
gehorte, wenn er auch keinen eigentlich akademischen Bildungsgang durchge- 
macht hatte. 

Aber stets kehrte H. auch der heimischen Flora sein Augenmerk zu, und 
als Pilzkenner der Mark Brandenburg war er unbestritten Erster, dem fast 
auf jeder Exkursion etwas Bemerkenswertes auffiel; neben den Hutpilzen be- 
arbeitete er namentlich die Abteilungen Ustilagineen, Urcdineen und Ascomy- 
zeten, deren kleinere Formen ihn namentlich in den letzten Jahren beschaftigten. 

Uniibertrefflich war H. als Praparator der schwerer zu behandelnden 
Pflanzen. Die Preparation seiner Hutpilze fiir die Sammlung ist nach Aus- 
sage des Sachverstandigen G. Lindau geradezu mustergiltig. 

Als Mensch war H. bei alien beliebt, da er allem Klatsch abhold und nur 
die Sache sah. Nicht gerade von der Natur in seiner aufleren Gestalt bevor- 
zugt, sah man doch dem Auge an, welch' prachtiger Mensch in der unschein- 
baren Hiille steckte. Und wie konnte er aus sich herausgehen! Wie war er 



Hennings. Raab. 1 03 

witzig, wie spriihte zuweilen sein Humor, und gedankenvolle Verse entquollen 
seinem Munde. Wie bereits hervorgehoben, pflegte er sie in der Regel bald zu 
vernichten. Wie er innerlich fiihlte, wie es dem sich geraume Zeit klimmerlich 
durchschlagenden, aber doch stets froh-vergnugten H. urns Herz war, zeigen 
beispielsweise folgende Strophen, die Lindau der Vergessenheit entrissen hat: 

Oft klingt es und singt es in mir, 
Doch bring' ich es zu Papier, 
Dann find' ich, dafi ich kopier, 
Was sangen schon langst vor mir 
Goethe und Heine, 
Oder auch Gleim 
Nur was i c h meine, 
Mit anderem Reim. 

Verheiratet war H. seit 29. Dezember 1876 mit Mathilde Wendel. Der 
Ehe waren zwei Sohne entsprossen, denen er eine sorgfaltige Erziehung ange- 
deihen liefl. Als das jlingere der beiden Kinder im August 1907 nach langem 
schweren Krankenlager starb, nagte der Gram derart an unserem H., dafi 
dieses Scheiden auch fur ihn den Anfang vom Ende bedeutete. Ein Herz- 
leiden im August 1908 warf ihn nieder, und, obwohl er sich scheinbar wieder 
erholte, trat der Tod bereits am 14. Oktober als Folge der Arterienverkalkung 
an ihn heran. 

Die erste wissenschaftliche Verdffentlichung unseres H. stammt aus dem Jahre 1873. 
Eine vollstandige Liste dieser Arbeiten mit Ausnahme der mykologischen Arbeiten, die bereits 
in G. Lindau und P. Sydow: Thesaurus litter aturae mycologicae von Nr. 11835 bis 12055 auf- 
gezahlt sind, gibt Ersterer in den Verhandlungen des Bot. Ver. der Prov. Brandenburg, 50. 
Jahrgang 1908, S. CX — CXI II am Schlusse eines ausfiihrlichen Nachrufes. 

E. Roth. 

v. Raab, Curt, Dr. phiL h. c, Kgl. Sachsischer General der Infanterie 
z. D., Exzellenz, * 15. Juli 1834 zu Bautzen, f 1. Januar 1908 zu Dresden, 
v. R. stammte aus einem der altesten Geschlechter des vogtlandischen Uradels, 
das sich bis in das 13. Jahrhundert zuruckverfolgen lafit. Er wurde als 
siebentes Kind geboren, als Sohn des Sachs. Oberstleutnants Heinrich 
Friedrich v. Raab auf Tirpersdorf und dessen Gattin Christiane Friederike geb. 
Htittner. Nachdem er bis zum 16. Lebensjahre im elterlichen Hause er- 
zogen worden war, trat er 1850 als Kadett in die 4. Division des Kgl. sachsi- 
schen Kadettenkorps in Dresden ein und wurde 1854 als Portepeejunker bei 
der 4. Kompagnie des Sachs. 2. Jagerbataillons in Leipzig eingestellt. Schon 
am 19. Oktober (Patent vom 26. Oktober) desselben Jahres erfolgte die Er- 
nennung v. Raabs zum Leutnant, i860 die zum Oberleutnant. Im Jahre i860 
vermahlte er sich zu Kleinzschocher mit Wilhelmine, Auguste, Elisabeth Freiin 
v. Tauchnitz; 1866 zog er mit dem 2. Jagerbataillon in den Krieg, in welchem 
er u. a. auch an der Schlacht von Koniggratz (3. Juli) teilnahm; das Vor- 
gehen der 2. Brigade brachte das Bataillon ins Gefecht. Bei dem Ruckzug der 
Brigade auf Nieder-Prschim deckte er diesen in einem halbstundigen Gefecht, 
wobei v. Raab bei der heifiumstrittenen Fasanerie mit Planklern vorging. Der 



104 



Raab. 



Kommandeur der Leibbrigade, Oberst Frhr. v. Hausen, hatte das Bataillon 
unter den Klangen »Gluckauf, mein Sachsenland« mitten durch die fliehenden 
Osterreicher gegen den Feind gefuhrt. Auf dem Riickmarsch nach Olmutz traf 
v. R. mit seinem Bataillon dort am 11. Juli ein und kam am 14. Juli nach 
Floridsdorf bei Wien, wo die Truppen dieses Bataillons die Schanzen Nr. 22 
und 24 des dortigen Festungswerkes besetzt hielten. Am 20. Juli erfolgte die 
Ernennung v. R.s zum Hauptmann und Kompagniechef der 1. Kompagnie 
des 1. Jagerbataillons (dem heutigen Kgl. Sachs. Jager- Bataillon Nr. 12). Fur 
sein tapferes Verhalten in dem Feldzuge von 1866 wurde v. R. durch Verleihung 
des Ritterkreuzes I. Klasse des Kgl. Sachs. Albrechtsordens mit der Kriegs- 
dekoration ausgezeichnet. Infolge der Neuformation erhielt v. R. am I. April 
1867 die 1. Kompagnie des neu errichteten Schutzenregiments Nr. 108 zu 
Dresden. Anfang des Jahres 1870 siedelte er nach Freiberg i. S. uber, da v. R. 
zum Chef der 3. Kompagnie des dort liegenden 1. Jagerbataillons »Kronprinz« 
Nr. 12 ernannt worden war. Mit diesem zog er in den Einheitskampf von 
1870/71, in welchem er sich wiederholt durch sein tapferes Verhalten Lor- 
beeren erkampfte und mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse und dem Ritter- 
kreuz des Kgl. Sachs. Militar-St. Heinrich-Ordens, sowie dem Kgl. Sachs. 
Verdienstorden mit der Kriegsdekoration ausgezeichnet wurde. Vom Februar 
bis April 1872 war v. R. zum Kgl. PreuB. Garde -Jagerbataillon nach Potsdam 
abkommandiert, um den dortigen Dienstbetrieb kennen zu lernen. Noch 2 
Jahre stand er bei seinen 12. Jagern und kam dann am 1. Marz 1874 als Major 
und etatsmafliger Stabsoffizier wieder in das Schutzenregiment Nr. 108. Doch 
schon am 10. April 1875 verliefl er erneut die Garnison Dresden, da ihm die 
Fiihrung des 2. Jagerbataillons Nr. 13 in Meifien iibertragen worden war, zu 
dessen Kommandeur er am 1. Mai definitiv ernannt wurde. In den Jahren 1876 
und 1878 nahm v. R. an zwei Obungsreisen des Generalstabes teil, wurde am 
12. September 1879 Oberstleutnant, am 28. April 1883 Oberst und im folgenden 
Jahre (25. Juni 1884) Kommandeur des 8. Sachs. Infanterie- Regiments »Prinz 
Johann Georg* Nr. 107 in Leipzig. Dies Kommando aber vertauschte er bereits 
am 20. Marz 1885 mit dem des 1. Sachs. (Leib-) Grenadier-Regiments Nr. 100 
in Dresden. Am 13. Marz 1888 nahm v. R. an den Feierlichkeiten fiir den ver- 
ewigten Kaiser Wilhelm I. in Berlin teil und erhielt mittels Patents vom 22. Marz 
1888 am 10. Februar 1889 die Ernennung zum Generalmajor und Kommandeur 
der 5. Sachs. Infanterie- Brigade Nr. 63. Seit dem 20. Mai 1890 befehligte 
v. R. die sogenannte »Schwarze Brigade « (6. Sachs. Infanterie -Brigade Nr. 64) 
und wurde als ihr Kommandeur im Jahre 1890 als Mitglied einer Immediat- 
kommission fiir die Bearbeitung einer neuen Militar-StrafprozeB-Ordnung 
fur das Deutsche Reich nach Berlin entsandt. 1894 zum Generalleutnant und 
Kommandeur der 1. Sachs. Division Nr. 23 ernannt, wurde Exzellenz v. R. 
als militarischer Begleiter des Prinzen Friedrich August (als Vertreter Seiner 
Majestat des Konigs Albert von Sachsen) im November 1894 zu den Trauer- 
feierlichkeiten fiir Kaiser Alexander III. von Rufiland nach St. Petersburg 
entsandt; am 22. Mai 1898, bald nach den Jubilaumsfeierlichkeiten fiir Konig 
Albert — er kommandierte die Parade am 23. April 1908 — schied er aus dem 
aktiven Dienst, wobei ihm der Charakter als General der Infanterie verliehen 
wurde. Am 23. Mai 1905 stellte Konig Friedrich August III. von Sachsen, 
der einst als Kompagniechef unter v. R.s Fiihrung im Leibregiment gestanden 



Raab. 



105 



hatte, seinen »langjahrigen militarischen Lehrer« zum aufleren Zeichen seiner 
Dankbarkeit h la suite seines Leibgrenadier- Regiments Nr. 100. Seine mannig- 
fachen Verdienste wurden anerkannt durch zahlreiche hohe Orden und Ehren- 
zeichen von Sachsen, Preuflen, ReuC, Osterreich, Rufiland und Schweden- 
Norwegen. 

Am 4. Januar 1908 mittags wurde Exzellenz v. Raab unter groflen mili- 
tarischen Ehren und unter personlicher Teilnahme des Konigs von Sachsen 
auf dem Dresdner inneren Neustadter Friedhof neben seinen Eltern und neben 
seiner Tochter Elisabeth v. Schlieben zur letzten Ruhe bestattet. 

v. R. war eine schone, uberaus fesselnde militarische Erscheinung; er 
hatte, wie Superintendent Dr. Benz in seiner Traueransprache hervorhob, 
den Ruf eines zwar strengen, aber gerechten Vorgesetzten, eines in Krieg und 
Frieden auflergewohnlich befahigten Truppenfiihrers und Organisators, sowie 
eines sehr tiichtigen, kenntnisreichen Offiziers. »Er war ein idealer Soldat, 
der nicht nur Offizier, sondern auch Erzieher der ihm anvertrauten Soldaten 
war.« ImVerkehr war er eine aufierst liebenswiirdige Personlichkeit, die zwar 
leicht den Eindruck eines verschlossenen, die Einsamkeit suchenden Menschen 
machte, aber liber eine durch und durch vornehme Gesinnung, unbestechliche 
Wahrheitsliebe, goldene Treue und seltene Herzensgiite verfugte. Mit ihm ist 
ein hochbedeutender Mann des Kriegerhandwerks und der Wissenschaft von 
dieser Erdenwelt abgerufen worden, tief betrauert von den Seinen und alien 
denen, die gleich dem Verfasser dieses Nachrufes den groflen Vorzug gehabt 
haben, mit ihm des ofteren in nahere personliche Beruhrung gekommen zu 
sein oder bei ihm in Dresden oder in seinem vornehm-behaglichen, mit kiinst- 
lerischem Geschmack ausgestatteten vogtlandischen Tuskulum »Elsenlinde« 
in Leubnitz manche anregende und genufireiche Stunde verlebt zu haben. 

Aber nicht allein als Soldat hat er dem Vaterlande und Volke gelebt. Als 
tatiger Freund und emsiger Forscher auf dem Gebiet der vogtlandischen Ge- 
schichte erwarb sich der Verstorbene namhafte Verdienste. Obwohl Soldat 
vom Scheitel bis zur Sohle, suchte er von jeher Erholung in der Geschichts- 
forschung, die er in einer fur einen Laien selten vollendeten Weise getrieben 
hat. Seine Studien galten ausschliefllich dem Vogtlande, dem sein Geschlecht 
seit alters her angehorte; nach dem Vogtlande zog er sich auch immer gern 
zuriick, nachdem er seine 44jahrige ruhmreiche soldatische Laufbahn vollendet 
hatte. Die Geschichte seiner Familie und ihren Zusammenhang mit anderen 
vogtlandischen Geschlechtern hat der Verstorbene eingehend studiert und 
umfassende Materialsammlungen daruber hinterlassen ; aber wenn diese Ar- 
beiten auch vielleicht der Ausgangspunkt seiner geschichtlichen Forschungen ge- 
wesen sind, so hat er doch niemals etwas Zusammenhangendes daruber ver- 
offentlicht, und dies ist bezeichnend furihn. Denn ihm war, wie der Direktor 
der Dresdner Kgl. Bibliothek, Geh. Regierungsrat Dr. Hubert Ermisch in dem 
im XXIX. Bande (1908) des »Neuen Archivs fur sachsische Geschichte und 
Altertumskunde« (Seite 2) erschienenen Nekrolog uber ihn richtig bemerkt, 
im Gegensatz zu manchem anderen Genealogen die Familiengeschichte stets 
nur ein Mittel zum Zweck, nicht Selbstzweck. Als der 64jahrige beim Scheiden 
aus dem Militardienst (1898) beschlofl, sich fortan ganz den Wissenschaften 
zu widmen, war er auf seinem Lieblingsgebiete, der Geschichtswissenschaft, 
kein Neuling mehr. Schon 1882, noch in der Bliite seiner militarischen Zeit, 



106 Raab. 

hat er in seinen Mufiestunden mit Lust und Liebe historischen Studien uber 
die Geschichte seines geliebten Vogtlandes obgelegen, die er dann in den Jahren 
seines Ruhestandes mit uberaus regem Eifer und unermudlichem FleiB fort- 
gesetzt hat. Wahrend seines Winteraufenthaltes in der sachsischen Residenz war 
der Verstorbene ein regelmafiiger Besucher des Kgl. Sachs. Hauptstaatsarchivs. 
Mit Beginn des Wonnemonds aber suchte er zur Fortsetzung seiner histor. 
Studien andere Archive, in denen er irgendwie Material zur Geschichte des 
Vogtlandes vermutete (z. B. Weimar, Schleiz, Bamberg, Eger etc.), auf, urn 
dann das gewonnene Material in seinem in Leubnitz bei Mehltheuer im Vogt- 
lande so herrlich gelegenen, reizvollen Landhause »Elsenlinde«, wo er alljahrlich 
mit seiner Tochter Kathe — seine Gattin hatte er bereits am 14. Marz 1866 
durch den Tod verloren — die Sommer- und Herbstmonate zubrachte, zu 
sichten und zu verarbeiten. Seine Tatigkeit konzentrierte er von vornherein 
auf die Geschichte des Vogtlandes von den altesten geschichtlich erkennbaren 
Zeiten bis zur Erwerbung durch Kurfiirst August von Sachsen im Jahre 1569, 
so dafi er in dieser weisen Beschrankung den Meister zeigen konnte. Infolge 
seiner eingehenden archivalischen Studien ist der handschriftliche NachlaO 
v. Raabs, welcher einem Wunsche des Verstorbenen gemaB dem Kgl. Sachs. 
Hauptstaatsarchiv in Dresden uberwiesen wurde, sehr umfangreich; er zeugt 
von dem grofien FleiB und der Umsicht, mit der er jahrzehntelang gesammelt 
und gesichtet hat. 

Grofi ist die Zahl seiner wissenschaftlichen Veroffentlichungen, die zu- 
meist in den »Mitteilungen des Altertumsvereins zu Plauen i. V.« erschienen 
sind (vergl. hierzu A. Neupert, Obersicht uber erschienene Schriften und Auf- 
satze zur Geschichte, Landes- und Volkskunde des Vogtlandes. Beilageheft 
zur 19. Jahresschrift der Mitteilungen des Altertumsvereins zu Plauen i. V., 
Plauen i. V. 1908. R. Neupert jr. Seite 59 — 61). Zu den bedeutendsten, 
von der Fachpresse durchweg als w r ertvolle Bereicherung der landesgeschicht- 
lichen Literatur willkommen geheiBene Arbeiten v. R.s zahlen unstreitig 
folgende 6 mit Sorgfalt und Scharfe bearbeitete Abhandlungen und Quellen- 
publikationen: 1. Die von Kauffungen. Eine historisch-genealogische Studie. 
{7°l7 l > Jahresbericht des vqgtlandischen altertumsforschenden Vereins zu 
Hohenleuben in ReuB j. L. 1901, Seite 1 — 75), — 2. Regesten zur Orts- und 
Familiengeschichte des Vogtlandes. Band I: 1350 — 1485, Band II: 1485 — 1563 
(10. Jahresschrift [1893] des Altertumsvereins zu Plauen i. V. und Beilage zu 
der erst 1 900 erschienenen 13. Jahresschrift [1898] genannten Vereins; Nach- 
trage hierzu in der 14. Jahresschrift, 1901), — 3. Ein Beitrag zur Geschichte 
der Staatsforsten im Vogtlande bis Ende des 16. Jahrhunderts (12. Jahres- 
schrift, 1896), — 4. Das Amt Plauen im Anfang des 16. Jahrhunderts und das 
Erbbuch vom Jahre 1506 (Beilage zur 15. Jahresschrift, 1902), — 5. Das 
Amt Pausa bis zur Erwerbung durch Kurfiirst August von Sachsen im Jahre 
1569 und das Erbbuch vom Jahre 1506 (Beilage zur 16. Jahresschrift, 1904), 
— 6. SchloB und Amt Vogtsberg bis Mitte des 16. Jahrhunderts und das 
Erbbuch vom Jahre 1542 (18. Jahresschrift, 1907). Was die vogtlandische 
Geschichtsforschung heute an zuverlassigem Quellenmaterial uber vogtlandische 
Adelsfamilien und Orte besitzt, das verdankt sie dem ForscherfleiB des der 
historischen Wissenschaf t allzufriih Entrissenen. Nur wenige Gebiete des groBen 
Deutschen Reiches besitzen fur die erste Halfte des 16. Jahrhunderts so um- 



Raab. Christensen. I O 7 

fassende verfassungs- unci verwaltungsgeschichtliche Quellennachweisungen 
wie die durch v. R.g unermiidiiche Forschungen fur das sachsischeVogtland er- 
schlossenen Quellen der 3 Amtserbbiicher von Plauen, Pausa und Vogtsberg 
und des zweibandigen Regestenwerkes. An die Veroffentlichung der 3 Amtserb- 
biicher sollte sich die Herausgabe einer auf 2 Bande berechneten Geschichte 
des Vogtlandes unter Kurfurst August anschliefien; leider uberraschte den 
Rastlosen der Tod uber dieser Arbeit, fur die er den Stoff bereits vollstandig 
gesammelt hatte. 

Die grofien wissenschaf tlichen Verdienste v. R.s wurden allseitig mit lebhaf tern 
Dank anerkannt und gewurdigt. Dies kam besonders bei der Feier seines 70. 
Geburtstages am 15. Juli 1904, den er im engsten Familienkreise zu Leubnitz 
verlebte, zum Ausdruck. Die philosophische Fakultat der sachsischen Landes- 
universitat Leipzig verlieh ihm zu seiner groCten Freude ihre hochste aka- 
demische Auszeichnung, die Wurde eines Ehrendoktors, der Rat der Stadt 
Plauen i. V. taufte eine der neuen Strafien jener Stadt >>v. Raab-Stra6e« 
und die 4 landesgeschichtlichen Vereine zu Dresden (Kgl. Sachs. Altertums- 
verein), Plauen i. V., Hohenleuben und Schleiz widmeten dem »hochverdienten 
Forscher auf dem Gebiet der vogtlandischen Geschichte « eine 124 Seiten starke 
Festschrift (Dresden 1904, Wilh. Baensch). 

Der Vorstand des »Altertumsvereins von Plauen i. V.« veroffentlichte am 
3. Januar 1908 gelegentlich des Heimganges v. R.s folgende Traueranzeige: 
»Am 1. Januar entschlief zu Dresden das hochverdiente Ehrenmitglied unseres 
Vereins, Seine Exzellenz der General der Infanterie, Ehrendoktor der Philo- 
sophic Herr Curt v. Raab, Ritter hochster Orden. In ihm verliert der Verein 
seinen hervorragendsten, treuesten Mitarbeiter, das Vogtland den bewahrtesten 
Forscher auf dem Gebiet der heimatlichen Geschichte. Der unterzeichnete 
Vorstand zollt dem Verblichenen unausloschlichen Dank, sein Name glanzt 
in den Annalen des Vereins in goldenen Lettern, sein Gedachtnis wird immerdar 
in hohen Ehren stehen.« 

Vergl. aufler den bereits zitierten zwei Arbeiten auch 19. Jahresheft der »Mitteilungen 
des Altertumsvereins zu Plauen i. V.«, 1908, Seite VI — XV; ferner Beilage zu Nr. 20 der 
♦Neuen PreuGischen [Kreuz-JZeitung, Montag, d. 13. Januar 1908; »Illustrierte Zeitung*, 
130. Band, Nr. 3367 Seite 54, Januar 9, 1908; »t)ber Land und Meer«, 1908, Nr. 19 
Spalte 486. 

Metz. Dr. K. v. B r u n n gen. v. Kauffungen. 

Christensen, Jeremias, Bildhauer, * 26. Marz 1859 als Sohn eines Hand- 
werkers zu Tingleff in Nord-Schleswig, | 15. Mai 1908 in Charlottenburg. — 
Chr. hatte das Gliick, in dem Tingleffer Ortsgeistlichen, Pastor Johannsen, 
einen vaterlichen Freund zu finden, der kein Opfer scheute, um seinem Zogling 
die Wege zur Kunstlerschaft zu ebnen. Ende der 70er Jahre verschaffte er ihm 
Aufnahme in die von dem Maler Magnussen, dem Vater Harro Magnussens, 
in Schleswig begriindete Holzschnitzschule. Hier wurde aus dem Schuler in 
kurzer Frist ein Meister der Schnitzkunst, wovon die schone »Grablegung« 
in der Kapelle der Flensburger Diakonissenanstalt lebendiges Zeugnis ablegt. 
Zu seiner weiteren Ausbildung ging Chr. nach Kopenhagen. Auch hier iiber- 
wand sein starkes Konnen und sein energisches Wollen bald alle Schwierigkeiten 
und Widerstande und fiihrte ihn von Erfolg zu Erfolg. Die Akademie sprach 



!08 Christensen. Echteler. 

ihm verschiedene hohe Preise zu, und der danische Konig verlieh ihm ein Reise- 
stipendium von 3000 Kronen, das ihm den langersehnten Aufenthalt in Italien 
ermoglichte. Als gereifter Kiinstler kehrte er nach Deutschland zuriick und 
liefl sich in Berlin nieder, wo er in einem gegen die grofie Welt streng abge- 
schlossenen Leben rastlosen kunstlerischen Schaffens den reichsten und edelsten 
Lohn fur das Mlihen und Ringen seiner Lehr- und Wanderjahre fand. 

Von den Werken Chr.s sei in erster Linie erwahnt das durch seine vor- 
nehme Schlichtheit ansprechende Denkmal Herzog Friedrichs VIII., des Vaters 
der Deutschen Kaiserin, das am Eingang des Dusternbrooker Waldes eine 
der schonsten Zierden der Stadt Kiel bildet. Mit Recht viel geriihmt wird auch 
jene lebensgrofie Marmorgruppe, die das Innere des Berliner Rathauses 
schmuckt, Spreea dem zottigen StadtbSren eine Muschel mit Wasser dar- 
bietend, eine Arbeit, mit der Chr. seinerzeit unter 109 Bewerbern den ersten 
Preis davontrug. Voll feiner Empfindung ist ebenfalls »die Vertreibung des 
ersten Menschenpaares aus dem Paradiese«, eines der Lieblingswerke des 
Kiinstlers, das er aber leider nicht mehr vollenden konnte. 

Als Mensch uberaus einfach und bescheiden, ist Chr. als Kiinstler um so 
mehr zu bewundern, als korperliche Gebrechen, unter anderem ein verkummerter 
rechter Arm, von Jugeftd auf der freien Entfaltung seiner Krafte erhebliche 
Hemmungen bereiteten. j £ -1 *] \i Jgj \i^i \ \ 

Vgl. Singer, Allgemeines Kunstler-Lexikon. 3. Aufl. Nachtrage, 1906, S. 55. — Kunst- 
chronik, N. F. f Jg. 19, 1908, Sp. 453. — Voss. Zeitung, Ab.-Ausg. v. 19. Mai 1908. — Tagliche 
Rundschau, Morg.-Ausg. v. 20. Mai 1908. — Itzehoer Nachrichten v. 2. Juli 1908 (Erinnerungen 
an Chr. von l[ngeborg] M[agnussen]). — Schleswiger Nachrichten v. 5. Juni 1908 (Eine per- 
sonliche Erinnerung an J. Chr. von Boy Jensen). — Die Heimat. Monatsschrift d. Vereins 
z. Pflege d. Natur- u. Landeskunde in Schleswig-Holstein, Jg. 19, 1909, Nr. 9 u. 10 (Doris 

Schnittger, J. Chr., mit Bildnis). T Ki Q 

j u n a n n o a s s. 

Echteler, Josef, Bildhauer, * 5. Januar 1853 zu Legau bei Kempten, f 23. 
Dezember 1908 in Mainz. — Tat, wie beinahe jeder Allgauer, in fruhester Jugend 
als Gaishirte und Sennbub Alpendienste, versuchte mancherlei Handwerke, 
immer im Kampfe gegen viele Widerwartigkeit, bis er durch beharrliche Aus- 
dauer vom Steinklopfer und Steinmetz zum Besuch der Stuttgarter Kunst- 
schule sich durcharbeitete; genofi nur kurze Zeit eine akademische Unterweisung 
bei Knabl u. Widnmann in Miinchen, um dann auf eigene Faust den Sturm 
um die Kunst zu wagen. E. begann unter Verwendung einer eigenen Modellier- 
erde mit nach Photographien angelegten Medaillons und Biisten, die er dann 
nach dem Leben zu vollenden trachtete, wozu es ihm gelang, meist beriihmte 
oder furstliche PersSnlichkeiten zu Versuchsobjekten zu erhalten; auch Sta- 
tuetten, religiose Motive, Tierbilder und Gruppen gliickten mehr oder minder 
im mannigfaltigen Wechsel. Trotz bitterer Erfahrungen verlor er niemals den 
Mut, das mangelnde Konnen durch stetes Studium hartnackig und unverdrossen 
zu bessern trachtend. Aufmunternde Erfolge lohnten und reizten zu welterem 
Streben und Wagen. Schon 1874 veranstaltete E. mit einer stattlichen Corona 
von Namen beruhmter Schauspieler und Biihnenkunstler, Gelehrter und 
Fachgenossen, darunter selbst Kaulbach, Dr. v. NuBbaum, Gutsbesitzern, 
Reichsr^tsmitgliedern, Diplomaten, Wiirdentragern und hohen Flirstlichkeiten 



Echteler. Heilmayer. log 

eine Exposition im Kunstverein, unter Beigabe von Tierkampfen (Lowe mit 
einer sich ringelnden Schlange, Angorakatze und Taubchen) und antiken 
Stoffen (Kampf des Peirithous urn Helena). Mit einer im Glaspalast ab- 
gewiesenen Gruppe veranstaltete E. eine von den giinstigsten Folgen begleitete 
Atelier - Ausstellung. Da es trotz bereitwilliger Reklame an kritischer Ein- 
sprache und weiteren Dissidien und MiChelligkeiten nicht fehlte, strafte er 
seine altbajuwarischen Zeitgenossen durch periodische tJbersiedelung nach — 
Amerika, von wo er nach dreijahriger Abwesenheit zu neuen blitzschnellen 
Schopfungen an die Isarstadt zu unverandert prosperierender Tatigkeit zuruck- 
kehrte. Er verfiigte tiber eine grofie Dosis von der Rauhbeinigkeit eines 
Andrea del Castagno, und ganz abgesehen von der faszinierenden Genialitat 
des Salvator Rosa oder Benvenuto Cellinis Effronterie doch , dessen Ruhm- 
redigkeit und Handelsucht. Die hochsten Kronentrager Europas kamen un- 
bewuflt unter seine modellierenden Hande; ihre iiberraschenden Busten und 
Plaketten fanden ehrende Erwiderung, haufig erfolgten Auftrage zur Aus- 
fiihrung in Bronzegufi oder Marmor und Titel und Auszeichnungen in Fulle. 
Freilich machte die Heimat bci dem ersten Falle von dem bewilligenden oder 
ablehnenden Rechte des Placet Gebrauch, ohne dafi daraus ein »casus belli « 
erwuchs; die Folge ergab stetige Wohlgeneigtheit. E. hatte ein schones 
Haus erworben, konnte aber mit den »nachbarlichen Storenfrieden* sich wenig 
vertragen. . Es gab Prozesse und Injurienklagen. An Mut und Wagnis fehlte 
es nicht: dreimal rettete er beherzt mit eigener Lebensgefahr junges Leben 
aus dem Wasser. Des lieben Friedens wegen verzog er nach Mainz, der Heimat 
seiner kurz vorher angetrauten Gattin, wo E. unerwartet die ewige Ruhe fand. 
Seinen ersten harten Lebensweg hatten die spateren Erfolge nicht in Ausgleich 
gebracht. 

Vgl. H. A. Mullers Kiinstler-Lexikon. 1882, S. 153. Deutschlands Gelehrte, Ktinstler 

und Schriftsteller. Leipzig 1908. S. 103 mit Portr. TT TT , , , 

rsy * ° Hyac. Holland. 

Heilmayer, Karl, Landschaftsmaler, * 5. Marz 1836 in Munchen (Sohn des 
in demselben Jahre verstorbenen Hofschauspielers Emil H., welcher nebenbei 
mit anerkanntem Erfolg den Pinsel fiihrte), f 18. Mai 1908 daselbst, besuchte 
kurze Zeit die Akademie, bildete sich unter dem Einflufi von Morgenstern, 
Knud Baade, B. Stange und W. Lichtenheld selbstandig auf weiten Studien- 
ztigen durch Altbayern, Siidtirol und Italien, in der Folge auch durch Frank- 
reich, Belgien und die norddeutschen Ktisten, trotz seines verkrummten, durch 
eiserne Bandagen geschutzten FuCes ein ausdauernder Wanderer. In sinniger 
Weise Landschaft, Marine und Architektur vereinend, ubergoO er alle seine 
kleinen Bildchen mit feinduftigen Nebelstimmungen & la Iwan Aivasowsky. 
Er liebte den Zauber von schwiilduftigen Mondscheinnachten mit Zypressen- 
garten, Gotterbildern und rauschenden Brunnen, ragenden Leuchtturmen — 
eine wahre Romantik von Eichendorfscher Pracht, staff iert mit Schleich- 
handlern und Schwarzern, lautenspielenden Gondolieren, frohlichen Fischern, 
fahrendem Volk und Maultiertreibern. Mit immer anziehenden Bildchen er- 
warb sich H. einen guten, geachteten Namen. Die Mondnacht in Florenz (1850), 
Morgen am Obersee bei Berchtesgaden, Partie aus Meran, glanzende Meerstille 
bei Genua, papstliche Palastzimmer aus Avignon, Kiistenszenen aus der Nor- 



1 1 o Heilmayer. Kotschenreitcr. 

mandie, Sonnenuntergang in Venedig, abendliche Stimmungen am Lido, an 
der Riva dei Schiavoni, vom Markusplatz, Isola bella im Lago Maggiore — 
aber auch die Gosauschlucht mit dem Dachstein; wechselnd mit Tageszeiten 
in der Campagna, an der Via Appia, vom Monte Pincio, dazwischen das hei- 
matliche Starnberg, Harlaching und Kaisergebirge. Sein Alter trubten bose 
Tage: ein gleichnamiger, vielversprechender Sohn starb 1905 vor dem Vater, 
welchen ein Schlaganfall mit dem Verlust des Augenlichtes bedrohte. 

Vj>1. Deutschcs Kunstblatt. Berlin, 1851. II, 79 245, 372. 1853, IV, 160. 1854, V, 
434. i857, VIII, 403. Fr. von Botticher, 1895, I, 482. H Holland. 

Kotschenreiter, Hugo, Genremaler, * 6. Januar 1854 zu Hof, f 22. April 
1908. — Der alteste Sohn einer zahlreichen Beamtenfamilie, nach dem Ermessen 
des Vaters zum Architekten bestimmt, kam auf die Nurnberger Kunstgewerbe- 
schule, wo sein Zeichentalent sich bekundete und ihm ein kleines Stipendium 
erwarb, so dafi K. sich nach Munchen begab, um bei W. von Diez Schuler 
zu werden. Da jedoch die Schule schon iiberbesetzt war, trat der Lernbegierige 
bei A. von Wagner ein, um bei Direktor Piloty abzuschliefien. Auch hier errang 
K. verschiedene Auszeichnungen und die freundliche Aufmerksamkeit seiner 
Lehrer; friihzeitig durch Illustrationen und kleinere Genrebilder auf Erwerb 
bedacht. Sein erstes, noch in der Akademiezeit vollendetes Bild »Zehent- 
ablieferung« gluckte und bereitete neue Erfolge. In vielen Streifziigen durch 
das naheliegende Hochland, zu Polling, Seefeld, Miesbach und Bayerischzell 
sammelte K. unermudlich neues Material, in Bauernschenken, Holzknecht- 
und Almenhutten die Originaltypen und unbezahlbaren Charakterkopfe auf- 
suchend und die schonsten Studien von Innenraumen alter Bauernhauser 
und Austrag-Herbergen nebst einer erklecklichen Anzahl stimmungsvollster 
Landschaften, die er in seinen Bildern doch so wenig zur Geltung brachte, 
obwohl ihm solche Wanderungen und die Ausbeute der feinsten Naturreize 
den hochsten Genufi bereiteten. Eigentliche Landschaften bot K. iiberhaupt 
selten zum Verkauf, er schuf sie, wie ehedem Salvator Rosa, nur fur sich selbst 
und gelegentliche Geschenke fur liebe Freunde. Erst sein Nachlafi bewies, 
dafi K. nicht nur scharfblickend den Volkscharakter erfafite, sondern auch 
die unmittelbar dazu gehorige Gegend. Grofiere figurenreiche Bilder liebte er 
nicht besonders, wie etwa der durch unwillkommene Ankunft eines Neulings 
»entweihte Stammtisch«, »Die Kegelschieber«, der ubrigens doch im Aus- 
druck des unglaubigen Erstaunens zu sehr outrierte »Taschenspieler«, das oft- 
behandelte »Jagerlatein« und die spottische »Gemeinderatssitzung« bezeugen; 
naher lagen ihm Halbfiguren und Einzelkopfe, welche er aber geradezu »mit 
der Farbe zeichnete«. Die so subtil durchgebildeten Meisterwerke gingen viel- 
begehrt zu hohen Preisen in die weiteste Welt. Manches mahnt an die in pragnant 
dramatischer Kraft hinreiBenden Mundart-Dichtungen Kobells und Stielers, wie 
der »Herr Forster«, der kaum linkskundige »Burgermeister*, die vergnuglichen 
Raucher, stillen Trinker, Dorfmusikanten und Klarinettisten, streunenden 
Handwerksburschen, politisierenden »Fiakerkutscher«, Polizeidiener — eine 
Perle: der dem Biittel den Vortritt in die Prison mit i>Aprks vous!« anbietende 
eingelieferte Strolch (als Holzschnitt in Nr. 16 von Schorers Familienblatt, 
1890, S. 248), »Braumeister-Friihstuck«, der »Fischer-Lenz«, »Jager-Franz« 



Kotschenreiter. Kramer. til 

und »Der wahre Bismarck « (Holzschnitt im Daheim-Kalender, 1882), ein 
Schreiber, der in des Kanzlers Taten seine eigenen Ideen erkennt; es gab 
ubrigens zu alien Zeiten solche Genies und zwar in mehrfachen Kreisen der 
»Gesellschaft«. Wer zahlt die Volker und die Namen ! die immer wortspitzig 
nur das Notigste sagen, aber kugelsicher einschlagend und festsitzend. Seine 
Kunst ging liber das urspriingliche Terrain nicht hinaus, wenn auch der Maler 
spater nach Wien, Berlin, Diisseldorf und Freiburg ging, die Ausstellungen 
besuchend, wo seine kleinen Bilder einen Ehrenplatz behaupteten. K. hat 
viel Verwandtes mit dem in Farbe und Empfindung feineren, humoristischen 
Spitzweg, wahrend K. lieber einen derberen Dorfgeschichtenton anschlagt. 
Spitzweg kann sehr liebenswurdig sein, K. bleibt immer hart und knuffig. 
Spitzweg verschenkte groBmiitig seine Bilder, K. betrieb die Kunst wie ein 
umsichtig praktischer Okonom, hatte aber rechtzeitig eine offene Hand. 

Vgl. Fr. v. Botticher. 1895. *• 749- Singer VI. 171. Kunstvereinsbericht f. 1908 S. 18. 
K.s reicher Nachlafi flillte ein Kabinett in der Miinchener Kunstausstellung 1908. 

Hyac. Holland. 

Kramer, Josef von, Bildhauer, * 26. Mai 1841 zu Augsburg, f 28. Mai 1908 
in Munchen; erhielt den ersten Unterricht durch den mit umsichtiger Sorgfalt 
als Lehrer an der Augsburger Industrieschule waltenden, die Anlagen seiner 
Kinder moglichst fordernden Vater, welcher seinem hoffnungsvollen Sohn nun 
die Wege an die unter August von Kreling florierende Niirnberger Kunstschule 
ebnete, der ihm den Gebrauch der Miinchener Akademie empfahl. Hier muhte 
sich K. zwei Jahre bei Max Widnmaftn mit antiken Idealen, welche Blaser zu 
Berlin in neue Bahnen lenkte, wahrend das frische Anregung bietende Studium 
von Schluters Werken den komplizierten Entwicklungsgang abschlofi. Er- 
wiinschte Gelegenheit zur praktischen Verwendung alier dieser Erfahrungen 
bot die Schnitzer-Schule zu Partenkirchen, deren rationelle Leitung K. fur 
einige Jahre iibernahm. Besonderes Aufsehen erregten vier als Turfiillungen 
gedachte Flachreliefs mit den prachtig humoristischen Darstellungen einer 
Miinchener Biirgerfamilie in Rokoko-Stil: bei Tisch, ein kostlich charak- 
terisiertes Sextett, einem Tanzchen und einer Gesangstunde mit vortrefflicher 
Individualisierung der Figuren und scharfer Wiedergabe des Zeitcharakters. 
Gleiche Vorziige erwies ein fiir Gedon ausgefiihrter »Hubertushirsch«. So 
zeitigte die neue Ara von Konig Ludwig II. Bauten die langst aufgekeimte 
Neigung K.s zu der schwungvollen Oppigkeit des Barokstils, wofiir der 
Kiinstler mit seinem Schwager Lorenz Gedon ein entschiedener Faktor wurde, 
zugleich neben der deutschen Renaissance den verponten Zopfstil in Schwung 
bringend und sich dadurch belangreiche Auftrage zuziehend. Zur Erfiillung 
der kuhnsten Wunsche bot der Macen Major und Kommerzienrat Heyl in 
Worms die Hand durch die Bestellung, ein Musik- und Gesellschaftszimmer 
zu dekorieren, sowie zur Komposition eines 24 Meter langen Jagdfrieses. 
Hier fand K.s mit pulsierender Kraft dichtende Phantasie einen gehorigen 
Tummelplatz. Welch ein Leben rollt in diesen Flachreliefen voriiber ! Auf 
der internationalen Kunstausstellung zu Munchen 1883 erregten die mit der 
goldenen Medaille pramiierten geistsprtihenden Skizzen, Entwiirfe und Modelle 
die freudigste Teilnahme. Infolge davon erhielt K. den figuralen Plafondschmuck 



X 1 2 Kramer. Meermann. 

und den Oberlichtfries im Treppenhaus des Gewerbemuseums zu Kaiserslautern. 
Die nachste R.s Namen weit hinaustragende Leistung bildete die Dekoration 
der kunsthistorischen Abteilung der Kreisausstellung zu Augsburg, darunter 
der Fries des Mittelpavillons mit seinen Girlanden, Kartuschen, Masken und 
den Medaillonportraits beruhmter Augsburger und die Giebelfiguren desselben 
Traktes; dazu modellierte K. die Kolossalbiiste des kuhnen Stadtbaumeisters 
Elias Holl, ein meisterliches Werk lebensvoll individueller Charakteristik 
und virtuoser Technik. Dazwischen entstanden eine Menge kunstgewerbliche 
Konkurrenzzeichnungen und Modelle. So ein grofier, von Harrach in Silber 
ausgefiihrter Tafelaufsatz fur den Gasanst^ltsdirektor Schilling, ein herr- 
liches, gemeinsam mit Brochier durch allegorische Figuren (Fiat Lux) aus- 
gestattetes Schiflf (1884), eines der gediegensten Erzeugnisse dieses neuerdings 
so reich gepflegten Gebietes. Sein Werk war auch die ornamentale und figiir- 
liche Ausschmuckung des glanzenden Rokokosaales im »Caf6 Luitpold«, 
wobei die Najadenbrunnengruppe sowie die den Plafondsims tragenden Karya- 
tiden als wahre Muster der sicheren Formvollendung gelten und ihren stich- 
haltigen Wert in alien Wandelungen des Geschmackes zu bewahren vermogen 
In gleich exzellierender Technik entstanden zwei Salons fur die Dampfschiff- 
,fahrts-Gesellschaft des Norddeutschen Lloyd (ausgefiihrt von der Firma A. 
Bembe in Mainz). Weitere Erfolge brachten die Arbeiten in einem Bankgebaude 
zu St. Gallen und Niirnberg, in Hauberrissers neuem Rathausbau, im Deutschen 
Theater zu Miinchen und dem Nurnberger Gewerbemuseum. Den Hohepunkt 
seines SchaflFens erreichte K. 1893, als ihm die Hansastadt Hamburg in heifi- 
umstrittener Konkurrenz den Sieg zuerkannte und die Ausfuhrung eines Mo- 
numentalbrunnens mit sieben im rhythmischen Linienflufl spielenden lebens- 
grofien Figuren, sowie die Herstellung eines Prachtportals im Festsaal des 
neuen Rathauses zuerkannte. Es war, als ob seine Kraft mit den zunehmenden 
Jahren wachse. So entstand neben einer Menge zierlicher Kleinplastik die 
Statuette eines von der Meute umringten dahinsprengenden Reiter-Chasseur. 
Da setzte ein anfanglich zu wenig beachteter Sturz aus einem Trambahnwagen 
dem faszinierenden Schaffen ein jahes, tragisches Ende. 

Vgl. Richard Paul im Universum, IV, 429. Liitzow 1884, XIX, 24. Pecht, Munchener 
Kunst 1888, S. 313. A. Rosenberg, Moderne Kunst, 1894, III, 473. Kunstvereinsbericht f. 

I908 ' S ' 19 ' Hyac. Holland. 

Meermann, Arno, Landschaftsmaler, * 17. Mai 1829 zu Rehden (West- 
preufien), f 2. Oktober 1908 in Nieder-Thalheim bei Landeck (Schlesien). — 
Machte sich 1853 im Munchener Kunstverein durch seine kleinen, Architektur 
und Landschaft in gleich anziehender Weise behandelnden Bilder bemerklich; 
keiner Schule zugestandig und glucklicher Autodidakt, folgte er Goethes 
goldener Regel, in die schone Welt und das voile Menschenleben hineinzugreifen 
und in Wahrheit mit sicherem Strich und anmutender Farbenfrische wieder- 
zugeben. So rundeten sich seine Stoffe zu kleinen Novellen, gleichviel, ob er 
das Thema einer »Bildhauerwerkstatte«, einem Regensburger Klosterhof 
(1855), einem Kreuzgang in Danzig (1856), der Landshuter Trausnitz (1857), 
einer Kirche in Meran (1857), Maulbronn (1858) oder einer schwabischen »Dorf- 
partie« (1859) entnahm. Auf fortwahrenden Streifzugen holte er sich neue 



Meermann. Schlumprecht. ji* 

Stoffe, von Landsberg, Aschersleben, der Niirnberger Burg, Salzburg, von den 
Gelanden der Salzach und des Starnberger Sees (Ammerland), Meran und dem 
siidlichen Tirol mit dem reichen Schatz von Burgen und Schlossern. Kostliche 
Blatter radierte er auf Stein fur verschiedene Verleger, auch in Farbendruck, 
mit seinem Freund und Schiiler Ludwig Tackl aus Braunschweig (1823 — 99) 
und H. Bruch, namentlich die nach Ulrich Halbreiters Aufnahmen reproduzierten 
Illustrationen zu J. A. MeCmers Prachtwerk uber »Das heilige Land« (Munchen 
i860). Auch edierte M. sein vom Petersturm aufgenommenes, dritthalb Meter 
langes »Alpenpanorama«, einen allegorischen Stich mit den Genien der »Poesie 
und Musik« in reicher architektonischer Umrahmung nach F. Wanderer, die 
perspektivischen Ansichten von Landshut nebst der Veste Trausnitz und das 
durch J. Victor von Scheffels und Anselm Feuerbachs »Einlagerung« be- 
sungene Castell Toblino usw. Dann ubertrug M., anfanglich nur fiir den 
engeren Familienkreis, viele Zeichnungen und Holzschnitte Ludwig Richters 
auf Glas, die, durch Dr. P. Jonas sinnreich konstruierte Lampenbeleuchtung 
im vergrofierten Format, brillant in Farbe gesetzt, gleichsam als ein lebendiges 
Richter-Album einer zahlreichen Gesellschaft gleichzeitig unter exegetischer 
Begleitung von Prosa, Dichtung oder musikalischer Interpretation zum Genufl 
unanimierter vorgefuhrt wurden. Alsbald dehnte der Kunstler diese instruk- 
tiven Bestrebungen auf das geographische Gebiet aus, indem er einen historischen 
Uberblick uber die Genesis der deutschen Kolonien in Afrika mit den lebens- 
groflen Bildnissen der beruhmtesten Entdecker und Reisenden, Max Buchner, 
Nachtigal, Emin Pascha, Peters und Wissmann, beispielsweise Gegenden aus 
dem Togo-Land, das Konterfei der Dualla-Neger, die Moschee Fachr-ed-Din 
in Maktischu, die Ansicht des Kilimandscharo, die Wami-Katarakte und der 
Kari-Wasserfall, welche alle mit pragnant wissenschaftlichcn Erlauterungen vor 
Augen gefiihrt w T urden. Daran reihten sich kulturhistorische Schilderungen 
von Land und Leuten aus Australien: der sog. Tempel in der Humboldt- Bai, 
ein Wohnhaus auf Bisibili, der Wasserfall des Unamula auf Mioko, die Krater- 
insel Apolima, Szenen aus Via Appia und der Lavasee auf Hawaii. Damit wech- 
selten europaische Landschaften und Architekturstiicke, brillante Ansichten 
aus Helgoland und den Faroern, eine romische Villa mit kristallklarem Spring- 
brunnen, das Parthenon auf der Akropolis, ein Klosterhof nach Caspar Scheuren 
oder eine Kirchenruine mit Mondaufgang. — Unermudlich make und prapa- 
rierte M. zahllose Platten mit haarscharfen Umrissen und cffektvollem Kolorit. 
Plotzlich iibersiedelte M. nach Landeck und kehrte zur friiheren Kunstubung 
zuriick, sandte auch ein paarmal kleine Bilderzyklen nach Munchen. Ganz 
seinem kiinstlerischen SchafTen hingegeben, ereilte ihn, ohne Krankheit, vor 
der Staffelei ein schmerzloser Tod. Er war nach dem Zeugnisse des Ludwig 
Richter-Biographen Joh. Fr. Hoff ein »achter Kunstler und prachtiger Mensch«. 

Vgl. Maillinger Bilder-Chronik von Munchen 1867, HI, 116. Fr, v. Botticher 1908, II, 5. 
Joh. Fr. HofT t Lehrjahre bei L. Richter 1903, S. 203. „ „ . , , 

Schlumprecht, Heinrich, Xylograph, * 4. Januar 1859 zu Munchen, Sohn 
des stadtischen Marktinspektors Anton Sch., f 17. Dezember 1908 ebendas. — 
Absolvierte die damalige Kreisgewerbeschule, wo er sich besonders im Zeichnen 
hervortat; trat, angeregt durch das Vorbild seines alteren Bruders Rupert 

Biogr. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog-. 13. Bd. 8 



1 1 a Schlumprecht Spring. 

Sch. (* 24. Marz 1854, f 7. August 1904 in Munchen. Vgl. Biogr. Jahrbuch 
fur 1904, IX, 204), in das Atelier des Holzschneiders Professor Hans Wolf, 
ubersiedelte 1877 nach Stuttgart zu Adolf Clofi, um in dessen Atelier an 
den groflen Prachtwerken »Unser Vaterland*, »Hellas und Rom« und Schef- 
fels »Gaudeamus« mitzuwirken. Nachdem Sch. sich bei Kaeseberg & Oertel 
in Leipzig fur die Technik des Tonholzschnitts und zu Berlin und Hamburg 
weitergebildet hatte, lieB er sich bleibend in Munchen nieder, teilweise immer 
noch fur die genannten Firmen tatig. Seit 1888 arbeitete Sch. fur die welt- 
bekannte xylographische Anstalt und den Kunstverlag von Braun & Schneider, 
insbesondere fur die »Fliegenden Blatter «, wo er seine virtuose Technik im 
Tonschnitt nach Handzeichnungen von Hermann Vogel, Fr. Simm, Fritz 
Stahl, F. Wahle in der sozusagen handschriftlichen genialen Wiedergabe der 
oft nur fliichtig angedeuteten malerischen Stimmung, mit nachempfundener 
feinster Wirkung, gleichsam in Radier-Manier nachdichtend, bekundete. Solche 
Musterleistungen in subtilen, von Handlern und Sammlern stets vielbegehrten, 
immer nur in wenigen Exemplaren veranstalteten Handdrucken erschienen 
seit 1897 zeitweise im Munchener Kunstverein, in den Aussteilungen des Glas- 
palastes und auf auswartigen Expositionen (Goldene Medaille in St. Louis 1904)* 
nach Originalzeichnungen und Skizzen von L. M. Marold, Hermann Vogel 
von Plauen, A. Conadam, Ren£ Reinicke, u. a. Arbeiten, welche von dem 
hohen Stande dieser graphischen Kunst ein nihmliches Zeugnis geben. 

Vgl. 601 Neueste Nachrichten. 23. Dezember 1908. 

Hyac. Holland. 



Spring, Alfons, Genremaler, * 30. Mai 1842 in Libau (Kurland), f 14. Juli 
1908 zu Munchen. — Die Vorliebe und Sicherheit, womit der Knabe schon 
an Lateinschule und Gymnasium Stift und Farbe handhabte, veranlaflte den 
Vater (er war Stadtaltester und Aldermann der Botticherzunft in Libau), 
den Achtzehnjahrigen zu Verwandten nach Petersburg auf Besuch eines Kunst- 
instituts zu senden, wo er bald als hoffnungsvollster Eleve der Akademie gait 
und durch Verleihung der grofien goldenen Medaille frischen Mut fafite. Zwar 
verwirklichte sich nicht die Aussicht auf ein Reisestipendium (1862), doch gab 
ein wohlhabender Freund die Mittel fiir eine zweijahrige Wanderung, welche 
•ihn 1870 zu Wilhelm Diez nach Munchen fiihrte. Bald gluckten seine leicht 
humoristisch angewehten Bilder, darunter eine Szene aus dem »Zoologischen 
Museum «, »Kartenspieler« und ein behutsamer »Pfannenflicker«. Bei der 
Katastrophe des Kunstlerkarnevals am 18. Februar 1881, wo mehrere Eskimo- 
Masken verbrannten, verletzte Sp. sich als rechtzeitiger Heifer zwar die H&nde, 
gliicklicherweise ohne weitere Folgen. — Nun kamen heitere Kuchenbilder, 
harmlose Genrestiicke aus dem Monch- und Klosterleben, rauchende, ruhende, 
netzstrickende Fischer und Teerjacken, ein komplizierter >Fund in der Bi- 
bliothek«, »Tischgebet«, auch »Hammerschmiede«, »Auf der Kegelbahn* und 
»In der Rumpelkammer«, alles mit minutios ausgefiihrten Details; eine >Dorf* 
schenke«, Wildbrethandler, Gemeinderatssitzungen, der seine Enkelin muh- 
sam die Anfangsgriinde des Lesens lehrende »Grofivater«, Interieurs aus dem 
SchleiBheimer Schlosse; Forscherfreuden : Funde beim »Antiquar« und andere 
durch miniaturartige, delikate Durchbildung und koloristische Feinheit das 



Spring. Zumbuscb. 1 1 e 

Interesse der Beschauer erwerbende Genre- Sachelchen. Im Juni 1906 verletzte 
sich der Kiinstler durch einen Fall aus der Tramway, wobei er einen Bruch 
der Kniescheibe erlitt, von dessen Folgen er sich nimmer erholte. Die Freude 
wurde ihm noch, dafi die Berliner Nationalgalerie ein prachtvolles »Interieur« 
erwarb; die Nachricht vom Ankauf eines ahnlichen Werkes fur die Neue 
Pinakothek in Munchen erreichte ihn nimmer. Die Exposition der W. v. Diez- 
Schuler in Heinemanns Salon vereinte auch eine Auswahl von Sp.s in festen 
Handen befindlichen Werken. Ein stattlicher Teil nachgelassener Bilder, im 
Kunstverein ausgestellt, war an ein und demselben Tage vergriffen. Ebenso 
schnell verschwanden in einer Helbing-Auktion ein Halbhundert von Innen- 
raumstudien: »In der Wiedergabe der feinsten Reize von Ton und Beleuchtung, 
in dem tiefen transparenten Email der Farbe, mit dem S. altersbraunes Holz- 
werk und anderes Detail malte, in der auBerordentlichen stofflichen Schonheit 
dieser Tafeln war der Kiinstler, von welchem die Welt so wenig wufite, ein 
ganz hervorragender Meister.« Zum groCten Teil entstammten die Motive 
dieser vielen Studien dem unerschopf lichen Malerlande Tirol: verraucherte 
alte Bauernstuben, Kuchen und Stalle, holzgetafelte, gotische Stuben aus 
alten Tirolerburgen, eine Klosterbibliothek, eine lichte spitzbogige Sakristei 
usw. — Alles mit ebensoviel Wahrheit als kostlichem Bildreiz wiedergegeben, 
mit dem Stempel seltener Gediegenheit. S. hatte daran fur viele Jahrzehnte 
immer neuen Vorrat gehabt, solche Raume mit figlirlichen Vorgangen zu 
stafFieren und zu beseelen. 

Vgl. Singer, 1901, IV, 322. Fr. v. Botticher, 1901, II, 791. Nr. 456 Neueste Nachrichten 
30. November 1908. Nr. 228 MUnchener Ztg., 1. Oktober 1908. Kunstvereinsbericht f. 1908, 

Hyac. Holland. 

Zumbusch, Julius, Bildhauer, * 16. Juli 1832 zu Herzebrook in Westfalen, 
t 6. April 1908 in Pasing-Munchen, folgte 1850 seinem alteren Bruder Kaspar 
Z. nach Munchen, welcher aus der Schule Halbigs schon den Weg gefunden 
hatte, auf welchem derselbe durch den Denkmal-Entwurf flir Konig Max II. 
zu phanomenaler Oberraschung als Sieger hervorging. Julius Z. assistierte 
seinem so schnell beriihmten Lehrer und Meister in steter Treue, erwarb aber 
erst bei dessen Obersiedelung nach Wien, wo grandiose Erfolge seiner warteten, 
auf eigener Bahn mit kleinen, teilweise der religiosen Richtung angehorenden 
Reliefs und Statuetten, insbesondere aber mit gelungenen Portraitbusten 
einen geachteten, selbstandigen Namen, darunter das Grabmal flir Hanno von 
Ramberg (1875), das Brustbild Senefelders auf dem von Peter Herwegen zu 
Ehren des Lithographie-Erfinders komponierten Denkstein (1877), die Charakter- 
kopfe von Dollinger, Franz Loher, des Miinchener-Geschichten-Dichters Franz 
Trautmann, des Philosophen Johannes Huber, Bibliothekar und Fallmerayer- 
Biographen G. M. Thomas, ferner W. von Giesebrecht (1884), des illustren Ge- 
schichtschreibers der deutschen Kaiserzeit, des Historikers Felix Stieve usw. 
Inzwischen gingen die anmutenden Statuetten eines »Aschenbrodel« und zu 
J. V. von Scheffels beriihmten Oberrheinsanges das Figiirchen der trompete- 
blasenden »Margarethe«, auch ein grofles Grabdenkmal mit der Figur des 
auferstandenen Weltheiland fur Freiburg im Breisgau und mehrere allegorische 
Gestalten auf dem neuen Justizpalast zu Munchen. Z. hatte sich 1894 in 



1 1 6 Zumbusch. Inama-Sternegg. 

der neuen Villenkolonie des benachbarten Pasing ein reizendes Tuskulum 
erbaut, wo er neben der idyllischen Mufle immer noch seiner edlen Kunst 
oblag. Ein Medaillon von Alois Borsch und ein Olbild von Paul Theodor Rohr 
schildern den pragnanten Charakterkopf. 

Munchencr Kunstvereinsbericht f. 1908. S. 23. TT TT , , , 

>f J Hyac. Holland. 

Inama-Sternegg, Karl Theodor von, * zu Augsburg am 20. Januar 1843, 
f 28. November 1908 in Innsbruck. — I. entstammt einer sudtirolischen alten 
Adelsfamilie, deren Mitglieder noch heute in Nonsberg in verschiedenen sozialen 
Stellungen leben. Er hielt viel auf diesen Familienzusammenhang, weniger 
aus personlichen, mehr aus gesellschafts-geschichtlichen Griinden. Sein Vater 
war der damalige Assessor am Kreis- und Stadtgerichte in Augsburg, Johann 
Nep. v. Inama-Sternegg, die Mutter Emilie, Tochter des bayr. geh. Rates 
und Regierungsfinanzdirektors Michael v. Aschenbrier, starb wenige Monate 
nach der Geburt Karl Theodors (Oktober 1843), so dafl in dessen Entwicklungs- 
gang der mutterliche EinfluB keine Rolle zu spielen vermochte. Im Mai 1848 
kam die Familie wegen Versetzung des Vaters als Assessor (spater als 2. Staats- 
anwalt) an das Appellationsgericht nach Neuburg a. Donau. Daselbst absol- 
vierte der junge Karl Theodor die Werktagsschule und das Untergymnasium. 
Das Obergymnasium wurde in Amberg in der Oberpfalz abgelegt, wohin der 
Vater im Fruhjahr 1856 versetzt worden war und wo er am 12. Mai 1868 als 
Oberstaatsanwalt starb. Im November i860 bezog K. Th. I. sodann die Uni- 
versitat Miinchen, um sich philosophischen, historischen, juristischen und staats- 
wissenschaftlichen Studien zu widmen. Die 1863 verfaGte Preisaufgabe »Dar- 
stellung der volkswirtschaftlichen Folgen des 30jahrigen Krieges in Deutsch- 
land« ,welche (wegen zu weiter Auffassung des Themas) zwar nicht preisgekront, 
wohl aber offentlich belobt worden war, zeigt, wie schon damals die Wirt- 
schaftsgeschichte den starksten Einflufl auf den jungen emporstrebenden Geist 
austibte. Am 20. Oktober 1864 wurde die theoretische Staatsprufung erfolg- 
reich abgelegt, und am 24. Marz 1865 erfolgte die Promotion zum Doktor der 
Staatswissenschaften. Vom November 1864 bis Mai 1867 praktizierte I. -St. 
am Landgerichte Miinchen r. d. Isar, am Stadtgerichte ebendort und am 
Bezirksamte in Miinchen 1. d. Isar und bestand im Mai 1867 die Staatskonkurs- 
priifung als Erster seines Jahrganges. 

Nun erfolgt die Wendung Inamas zu wissenschaftlicher Betatigung, welche 
er schon fruhzeitig vorbereitet hatte. Vom 3. Januar 1868 datiert die Kon. 
Genehmigung zur Habilitation als Privatdozent in der staatswirtschaftlichen 
Fakultat der Univerdtat Miinchen. Die Probevorlesung behandelte: »Die volks- 
wirtschaftliche Bedeutung der reinen Geistesarbeit«, und gar mancher seiner 
Horer mag jiinger gewesen sein als der 25jahrige Dozent. Noch im Jahre der 
Habilitierung erfolgte I. -St. sBerufung als a. o. Professor der politischen Wissen- 
schaften nach Innsbruck, woselbst er 1872 Ordinarius wurde. Im Besitze des 
Vertrauens seiner Kollegen trug er 1872/73 und 1874/75 die Dekanatskette 
und wurde von ihnen 1875/76 zum Rector magnificus gewahlt. Wahrend der 
Innsbrucker Zeit, an welcher Stadt er, ebenso wie am Lande Tirol zeitlebens 
mit Innigkeit hing, mehr als an seinem Vaterlande Bayern, vermahlte sich 
I. -St., und zwar am 5. April 1869, mit Henriette Aigner von Aigenhofen, Tochter 



Inama-Sternegg. 1 1 y 

des nachmaligen Oberfinanzrates Karl R. A. von A., mit welcher er in der denk- 
bar glucklichsten Ehe lebte und in der Liebe zu den Kindern, 2 Sohnen und 
3 Tochtern (Karl, Joh. Paul, Franziska, Klara und Angelika), wetteiferte. — 
Am 2. Februar 1880 fand die gliickliche Tiroler Zeit ein Ende durch die Berufung 
L-St.s zum Professor der politischen Okonomie an die Universitat Prag, wo 
er eine sehr kurze Zeit verblieb. Im Friihjahr 1881 erhielt I. -St. eine Berufung 
an die Universitat Breslau, welcher er jedoch nicht Folge leistete. Es war 
unterdessen, insbesondere auf Veranlassung des Grafcn Taaffe, der Inama von 
Innsbruck her kannte und schatzte, der Plan entstanden, I. an die Spitze der 
osterr. amtlichen Statistik zu stellen, womit die Professorenlaufbahn, wenn 
auch allerdings nicht die Gelehrtentatigkeit I.s ihr Ende fand, um einer aus- 
gedehnten sowie intensiven statistisch-administrativen, daneben einer aka- 
demischen und staatsmannischen Wirkungssphare zu weichen. — Am 28. Mai 
1881 erfolgte I.s Ernennung zum Direktor der administrativen Statistik und 
tit. Hofrat, 22. Februar 1884 zum wirklichen Hofrat und Prasidenten der 
statistischen Zentral-Kommission, als welcher er am 18. Juni 1890 zum tit. 
und spater zum wirklichen Sektionschef, endlich am 27. September 1901 zum 
wirklichen gehpimen Rate ernannt wwde. — Das Presidium fuhrte I. bis 
zum 10. November 1905, dem Momente seiner Versetzung in den dauernden 
Ruhestand. Er hatte die AbsiCht, denselben, erfiillt von Planen geistigen 
Schaffens und der Freude des Familienlebens, in Innsbruck zu verbringen, 
doch waren ihm nur 3 kurze Jahre geschenkt; am 28. November 1908 ereilte ihn, 
nach nur 4tagiger Krankheit, der Tod, der allerdings schon in den letzten Jahren 
den rastlosen Mann, der seine Krafte schonungslos ausgeschopft hatte, zu 
mehreren Malen mit seinen dunklen Fittichen leicht beriihrt hatte. I. starb, 
von den Seinen umgeben, und liegt auf dem stadtischen Friedhofe zu Inns- 
bruck begraben. 

Wenngleich I. seit 188 1 der amtlichen Statistik angehorte, so fand 
doch auch seine akademische Tatigkeit wahrend der Wiener Zeit ihre Fest- 
setzung, indem er als Honorar-Professor an der Wiener Universitat und 1884 bis 
1896 als a. o. Professor an der orientalischen Akademie, ferner als Mitglied 
und spater als Vize-Prases der staatswissenschaftlichen und rechtshist. Staats- 
Prufungs-Kom. und ferner an der Hochschule fur Bodenkultur wirkte. Mehrere 
L'niversitaten und Fakultate wiirdigten ihn des Ehrendoktorates, so jene zu 
Cambridge, die Rechtsfakultaten zu Wien, Krakau und Czernowitz und die 
Akademien der Wissenschaften zu Wien (korr. Mitglied 1877, ordentl. 1899), 
Berlin, Rom sowie die K. Deutsche Akademie der Naturforscher wahlten ihn 
zum Mitgliede. 

Die ublicherweise mit dem Prasidium der statistischen Zentral-Kommission 
in Beriihrung stehenden Verwaltungstatigkeiten schufen fur I. weitere Anlasse 
zur Arbeit, so die Mitgliedschaft des Obersten Sanitatsrates, der Zentral- 
Kommission fur die Revision des Grundsteuerkatasters, der Erwerbsteuer- 
Kontingent-Kommission und im Arbeitsbeirate. 

So wie es in der amtlichen Statistik ublich und bei der hervorragenden 
Personlichkeit Inamas erklarlich, wahlten die statistischen Stellen des Aus- 
landes I. gern zu ihrem Ehren-, korrespondierenden und auswartigen Mitglied, 
so die belgische Zentral-Kommission (1888), die statistischen Gesellschaften 
zu Paris, London, fur die Schweiz, Griechenland, Nordamerika; das inter- 



1 1 8 Inama-Sternegg. 

nationale statistische Institut, in dem I. mit grofier Vorliebe weilte, wahlte 
ihn 1899 zu seinem Prasidenten. Desgleichen gehorte I. einer Reihe von 
Vereinigungen, welche seiner Arbeitsrichtung verwandt waren, als Ehrenmitglied 
und in ahnlicher Eigenschaft an, so vornehmlich der Gesellschaft der osterr. 
Volkswirte (Pras. 1891/1897), dem n. o. Gewerbe-Verein, der osterr.-ung. 
Kolonialgesellschaft, dem ung. Verein fur offentl. Gesundheitspflege, der geogr. 
Gesellschaft in Rio de Janeiro etc. Von ganz besonderem Belange fur I.s 
Individuality war die Berufung in das Herrenhaus des osterr. Reichsrates 
(1891), wo er zwar nicht parteipolitisch prononciert hervortrat, aber aufier- 
ordentlich intensiv auf verschiedenen Gebieten arbeitete, so in Angelegenheiten 
der Wahlreform, Valutaregulierung, der Handelsvertrage, in Banksachen, am 
Gewerbegesetze u. a. m. 

Die Krone erkannte I.s bedeutendes Wirken in ebenso auszeichnender 
Weise an, wie eine Reihe auswartiger Souverane. I. war Inhaber der Eisernen 
Krone II. Kl., sowie des Grofikreuzes des Franz- Josef -Ordens und besafl 
liberdies hohe Ordensdekorationen von Italien, PreuBen, Rufiland, Frankreich 
und Japan. 

Der aufieren Erscheinung nach in den Jahren seines Wiener Aufenthaltes, 
also in jener Zeit, in welcher er in der Erinnerung der meisten lebt, war I. 
eher klein, stammig, freundlichen, wohlwollenden Gesichtes, mit lebhaften 
Augen, die mitunter recht klug iiber die Brillenglaser zu blicken verstanden. 
Er gab sich gern einfach, studentisch und akademisch frei, liebte Heiterkeit, 
Scherz und frohliche Zusammenkunfte. Wenn notig, verstand er es sehr wohl 
— unbekummert, ob es ihm selbst zum Schaden gereiche — , seine Bedeutung 
und Stellung nachdriicklich und unbekummert ins rechte Licht zu setzen. 
Trat er leitend oder redend auf, riickte seine Personlichkeit sofort in den Vorder- 
grund und man erkannte den bedeutenden Geist. Er war ein Meister der Rede, 
sprach laut, klangvoll, mit Schwung und Poesie. Im innersten Wesen war er 
eine Gelehrtennatur, er fiihlte sich wohl in seinem Studierzimmer, das in Wien, 
wo er mit seiner Familie im Schottenhofe 4 Treppen hoch wohnte, allerdings 
nicht grofi w r ar, bei statistischen Quellenwerken, Handschriften und Buchern. 
Dabei war er von seltener Intuition und Augenblicklichkeit der Erfassung, 
die ihn einerseits zu einem gewandten, nie verlegenen, zumeist glucklichen 
Debatter und Redner machte, ihn aber in wissenschaftlichen Dingen nicht 
selten verleitete, einem ersten Eindruck ohne viel Erwagen Raum zu geben, 
wobei I. hie und da auch daneben griff. Ein weiterer Zug seines Wesens war 
Universalitat und Hohe des Gedankenfluges, mit Vorliebe fur grofie Probleme. 
So verkniipfte er Statistik, Rechts-, politische und Wirtschaftsgeschichte, 
politische Okonomie, Verw T altung, Geographie, Anthropologic uberall zu einem 
geistigen Knoten und betrachtete jedes Problem aus der Universalitat des 
Weltgefiiges in Raum und Zeit. Allerdings behaupten Spezialkenner mancher 
seiner Betatigungsgebiete, dafi dabei die Griindlichkeit nicht immer zum vollen 
Rechte kam, so insbesondere auch in seinem wichtigsten Forschungsgebiete, 
der deutschen Wirtschaftsgeschichte desMittelalters. So wie ihm kein mensch- 
liches Interesse fern lag, hegte er besondere Vorliebe fur Literatur und Kunst, 
insbesondere fur Musik, die er gern selbst ausubte und deren Entwicklungsgang, 
auch die neuesten Schritte, er genau verfolgte. Wohl fehlte oft die Zeit zu 
alledem und er mufite sprate Nachtstunden zu Hilfe nehmen, um auf diesem 



Inama-Sternegg. 1 1 g 

weiten Gebiete, insbesondere dem wissenschaftlichen, im Laufenden zu bleiben. 
Dafi dabei flir die Familie, an welcher Inama mit schwarmerischer Liebe hing, 
nicht viel Zeit blieb, lafit sich aus dem Vorgesagten leicht ermessen. Und den- 
noch fand er immer noch Zeit, sich der humanitaren Tatigkeit, insbesondere 
der Armenpflege selbsttatig zu widmen, insbes. als langjahriger President des 
grofien Wiener Vereins flir Armenpflege und wer ihn in die Hauser entfernter 
Vorstadte wandern sah, um manchen wichtigeren Elendsfall selbst in Augen- 
schein zu nehmen, hafte nicht gedacht, welchen Wert jede Viertelstunde der 
Zeit dieses Mannes hatte, der nicht zogerte, dem Mitgeftihl fiir die darbende 
Menschheit Abendstunden zu opfern, fiir welche er spat in der Nacht Ersatz 
schaffen mufite, da er keinen Augenblick seines Lebens ungenutzt voriibergehen 
lassen durfte. I.s Lebensbild ware unvollstandig, wollte man nicht des 
Tiroler Familienschloflchens und Gutes Lichtenwert bei Brixlegg Erwahnung 
tun, in welchem I. mit seiner Familie alljahrlich einige Monate als erholungs- 
bediirftiger, freier Mann, Landwirt und Jager, aber auch als Freund und Heifer 
der Umgebung in Ausubung seiner Liebe zu Land, Wald und Natur verbrachte. — 
Alles in allem genommen und in jedem einzelnen war I. eine bedeutende 
Personlichkeit, ein Mann, welcher durch mehr als zwei Dezennien im offent- 
lichen Leben Osterreichs, speziell Wiens, eine bedeutungsvolle Stellung ein- 
nahm, und dessen Wertung im Hinblick auf die Statistik geradezu international 
war, ein vom Gluck begunstigtes, hochemporgetragenes Schicksal, aber auch 
ein Mann, der bei aller Anpassungseignung nie seine Individuality aufgab, 
weil er eine friihzeitig und dauernd gefestigte, von seinem Werte und seiner 
Zukunft uberzeugte Natur war, welche, sich aufzugeben und zu beugen, zu 
viel Stolz besafl. Er erstrebte das Hochste im Staatsleben, erreichte viel, aber 
gerade manches, was ihm besonders wertvoll schien, nicht, und schied, nuf 
dem Andrangen der Arzte folgend, viel fruher als er wohl gedacht hatte, aus 
alien seinen vielen Tatigkeitsbereichen. 

DieGrundlage alles Denkens I.s tiberVolkswirtschaft, Staatsleben iiberhaupt 
und Verwaltungslehre und Statistik im besonderen war die Einheitlichkeit 
der Wissenschaft vom sozialen Leben, ferner die besondere Wertung der histo- 
rischen und statistischen Forschungsmethode mit einem merklichen soziolo- 
gischen Einschlage. Die sozialen Phanomone haben eine innere Einheit und 
sind alle nur im Zusammenhange zu erfassen: sie sind gesellschaftlich bedingt, 
und darin liegt fiir L die Einheit der Wissenschaft. Diesen Ausgangspunkt 
sozialen Denkens zeigen schon die ersten Schriften I.s und ebenso noch 
die letzten. Als Nationalokonom und Statistiker gehorte I. der historischen 
Forschungsrichtung an. Im Mittelpunkt seiner okonomisch-gesellschaftlichen 
Arbeit steht die »DeutscheWirtschaftsgeschichte des Mittelalters«, in 3, resp. 4 
Banden 1879, 1891, 1899 und 1901 erschienen, von denen der i.Band von I.s 
Sohn und E. Schwind im Jahre 1909 aus dem Nachlasse neu ausgegeben worden 
ist. Diese Deutsche Wirtschaftsgeschichte — gleichzeitig Rechtsgeschichte, 
in der Arbeitsweise jener Meitzens ahnlich und W. H. Riehls Einflufi unter- 
worfen, war I.s Element, sein Stolz und seine Freude, aber auch sein Schmerzens- 
kind. In der stillen Gelehrtenzeit 1870 — 1880 schuf er den I. Band und 
die Grundlagen sowie zahlreiche Vor- und Nebenarbeiten iiber Geschichts- 
quellen, Grundherrschaft, Biirgertum, Preise, Salinen, Geldverhaltnisse etc. 
Fiir die ubrigen Bande mufite er sich jedoch in Wien die Mufie miihsam ab- 



120 Inama-Sternegg. 

ringen. Das Urteil iiber dieses wirtschaftliche Hauptwerk seines Lebens ist 
noch nicht geklart. Auf der einen Seite zwei gewaltige Vorzuge: I. schuf eine 
nach alien Seiten abgeschlossene Wirtschaftsgeschichte, nicht nur Bruchstiicke, 
und er schopfte direkt aus den Quellen. Dem gegeniiber stehen Bedenken 
mancher Kritiker — mit denen I. die Fehde durchaus nicht scheute — ob der 
zweifelsohne griindlich geschulte, im Auffinden von Quellen gliickliche, im 
Erkennen der Bedeutung historischer Fakta genial veranlagte Mann auch 
immer die letzte historische Grundlichkeit besafl. — Auch auf statistischem 
Gebiete gab I. seinen historischen Neigungen Raum und schrieb ganz ausge- 
zeichnete Studien iiber histor. -statist. Quellen, Bevolkerung und Preise, Gang 
der Bevolkerung, Volkszahlen der Stadte im Mittelalter etc. und stellte die 
Pflege der historischen Statistik geradezu als eine Aufgabe der statistischen 
Amter hin. — Als theoretischer Nationalokonom bewegte sich I. mehr in kon- 
ventionellen Bahnen; mit Vorliebe beteiligte er sich an Lilienkrons Deutscher 
Biographie, soweit Nationalokonomen in Betracht kommen, und tratbei mancher 
Gelegenheit mit markanten Ausfiihrungen hervor, so z. B. mit dem »Renten«- 
gedanken und mit Ideen iiber »Weltwirtschaft«. Viel mehr fiihlte er sich von 
der Verwaltungslehre und einzelnen ihrer Probleme angezogen. In der Wissen- 
schaft selbst fiihlte er sich L. Stein kongenial und wagte er sich, 27 Jahre alt, 
an eine Verwaltungslehre in Umrissen, dieses seltsame Buch, welches heute 
auch in den Kreisen der Studentenschaft, fur welche es geschrieben war, nicht 
mehr bekannt ist. Ungleich reicher und weit ausholend sind die Studien iiber 
die Entwicklung der Verwaltungslehre und ihres Rechtes, sowie iiber einzelne 
Probleme desselben. Mit besonderer Vorliebe behandelte I. Probleme der Boden- 
politik und der Handelspolitik, dann aber allgemeine gesellschaftskonstruktive 
Fragen; in letzter Hinsicht kehrt stets der Gedanke wieder, dafl das 19. Jahrh. 
im wesentlichen nur einen »Abbruch« bedeute, dem die »soziale Rekonstruktion« 
zu folgen habe und dafi diese in der Vergesellschaftung zu suchen sei. 

I.s Ansichten uber die statistische Theorie sind nirgends systematisch 
vereinigt, wohl aber kehren sie in zahlreichen Monographien immer in derselben 
Form wieder. I. hatte — seinem entschiedenen, Zweifeln durchaus abholden 
Naturell gemafi — eine festgefiigte Meinung iiber die Statistik, diese vielum- 
strittene Sphinx; sie ist ihm eine soziologische Lehre, und zwar eine selbst - 
standige wissenschaftliche Disziplin, die Wissenschaft von den sozialen Massen. 
Sie hat die Aufgabe, diejenigen Zustande und Vorgange des menschlichen 
Gemeinlebens klarzustellen, welche sich als Massenerscheinungen von be- 
stimmter zahl- und meflbarer GroOe darstellen. Sie ist ihm etwas schlechthin 
Einheitliches, Unteilbares und um diesen Gesichtspunkt durchzusetzen, fiihrte 
I. Fehden mit dem Dorpater theologischen Moralstatistiker Alex, von Oettingen 
und sogar mit seinem Freunde, dem Miinchener Georg von Mayr, welche beide, 
allerdings jeder in sehr verschiedener Weise, der Moralstatistik eine Selbst- 
standigkeit vindizieren. Welche Bedeutung das »Massen«moment in der Statistik 
spiele, ist aus I.s Schriften nicht klar zu entnehmen, es ist ihm eher von metho- 
discher, als von objektiver Bedeutung. Statistische Theorie war fur I. 
der mit der mathematischen Richtung nicht in Beruhrung trat, im Wesen 
die Methodenlehre, und diese lag auch seinem statistischen Seminare im Wesen 
zu Grunde. — Als Honorar-Professor der Universitat hielt I. allwinterlich an 
den Donnerstag-Abenden in den Raumen der Statistischen Zentral-Kommission 



I nam a-Stem egg. I 2 1 

statistische Seminariibungen ab, bei denen zumeist seine Junger und die 
Beamten des Statistischen Zentralamtes assistierten und iiber welche die 
statistische Monatsschrift alljahrlich berichtete. Es versammelten sich da 
zumeist 20 — 30 absolvierte Studierende und reifere Junger der Wissenschaft, 
welche statistischen, okonomischen und soziologischen Problemen Interesse 
entgegenbrachten. Die Arbeitsmethode blieb sich durch die ganzen Jahre 
gleich. Es wurde stets (schon fur das nachste Wintersemester im vorherein) 
ein einheitliches Thema bezeichnet, welchem die Ubungen gelten sollten; 
hieruber erfolgten einleitende Vortrage des Seminarlciters, sodann wurden 
die Teilprobleme konstituiert und den Anwesenden zugewiesen, die iiber 
diese mundlich zu referieren hatten. Auf Grund des Referates entwickelte 
sich die Diskussion, und auf Grund der von den einzelnen Referenten bei- 
gebrachten schriftlichen Ausfiihrungen erfolgte die Veroffentlichung des 
Seminarberichtes durch die Assistenten. I. war von der Richtigkeit dieser 
Art des Seminarunterrichtes iiberzeugt und hielt daran fest, obgleich sich 
nicht verkennen laflt, dafi manche Interessenten ihren Neigungen nicht 
folgen konnten, weil ihr Arbeitsgebiet gar nicht oder zurzeit nicht an die 
Reihe kam: der Lehrzweck wurde wohl voll erreicht, weniger der Lern- 
zweck. Die grofite Bedeutung erlangte das Seminar dadurch, dafi in einer 
Zeit, in der solche empirische Ubungen in Wien selten waren, eine Statte 
geschaffen wurde, an der sich ein grofler Kreis von Jungern versammelte, 
welche die Statistik fur ihr Leben wertzuschatzen lernten, welche Wertschatzung 
dann in alien jenen Berufen zur Geltung kam, denen sich diese Junger spater 
zuwcndeten. Und es lafit sich nicht leugnen, dafi die Statistik im offentlichen 
Leben Osterreichs in den letzten 2 Dezennien tatsachlich eine grofie Bedeutung 
erlangt hat. 

Im Zusammenhang mit diesem Seminare, mit I.s Stellung als eindring- 
licher Lehrer und als Chef der Verwaltungs- Statistik und als liebenswurdiger 
und bedeutender Mensch, aber auch mit dem Umstande, dafi von vielen 
jungeren Gelehrten und Beamten der 8oer und 90er Jahre der Drang nach 
statistischer oder nach empirischer Betatigung empfunden wurde, steht die 
Entstehung und Ausbreitung einer Statistischen Schule Inama, 
welche sich aus jenen Statistikern und Nationalokonomen zusammensetzt, 
welche unter dem langjahrigen personlichen Einflusse I.s stehend, eine der 
seinigen verwandte Tatigkeit entfalten, gleichgiiltig, ob sie im eigentlichen 
formellen Sinne des Wortes seine Schtiler waren; zu dieser Schule gehoren: 

E. Mischler (Graz), I. von Roschmann-Herburg (Czernowitz), H. Rauchberg 
(Prag), H. Schullern v. Schrattenhofen (Wien, Hochschule fiir Bodenkultur), 

F. Schmid (Leipzig, friiher Innsbruck), W. Schiff (Privatdoz., Wien). Diese 
Personen waren alle eine Zeit hindurch im Statistischen Amte beschaftigt, 
zumeist ehemalige Schtiler aus der Innsbrucker und Prager Zeit I.s; einige 
haben selbst statistische Amter organisiert, geleitet oder leiten sie noch 
(Mischler Steiermark, friiher Bukowina, Roschmann Czernowitz, Schmid 
Bosnien-Herzegowina). Sie waren, in stetem Kontakte mit I. stehend, die 
Mitschopfer des Neubaues der amtlichen und wissenschaftlichen Statistik 
Osterreichs, I.s Assistenten und waren resp. sind mit I. selbst spater die 
Lehrer der Statistik an alien osterr.-deutschen Universitaten Osterreichs 
geworden. 



12 2 Inama-Stemegg. 

Mit I.s Ausscheiden aus Amt und Lehre sind allerdings auch fiir seine 
»Schule« minder gunstige Zeiten angebrochen. 

Das grofite Lebenswerk I.s, welches er mit starker Hand zu so grofler 
Bedeutung emporhob, dafi es sich nach seinem Tode und selbst schon in seinen 
letzten Lebensjahren nicht auf derselben Hohe erhalten konnte, war das Ge- 
baude der amtlichen Zentralstatistik, seine Leistung als President der k. k. 
statistischen Zentral-Kommission. Der Zustand der amtlichen Statistik zur 
Zeit seines Amtsantrittes (1881) war geradezu trostlos, und die ganz wenigen 
wirklich bedeutenden Lehrer der Statistik jener Zeit fanden in ihr gar keine 
Stiitze. Da griff I. gewaltig ein. Seine Devise und seine Erfolge waren: 
die Zentralisation der amtlichen Statistik in einer Hand, wenigstens ideell 
(allerdings durch die Loslosung der Arbeits- und Finanzstatistik durchbrochen), 
die Herbeifuhrung methodischer Verbesserungen auf alien Gebieten, die Be- 
lebung der Statistik der Stadte und Landschaften, die Verbreitung eines voll 
ausgefuhrten statistischen Baues als Grundlage der Gesetzgebung und offent- 
lichen Verwaltung, die Erfullung mit wissenschaf tlichem Geiste und die Schaffung 
geeigneter Publikationen (insbesondere die »Osterr. Statistik « als grofies Quellen- 
werk und das »Statistische Handbuch« als kurzerer Jahresbericht, das »Osterr. 
Stadtebuch« und das »Jahrbuch der autonomenLandesverwaltung«). Fiirwahr, 
ein gewaltiges Programm, welches im groflen und ganzen wenigstens in den 
Umrissen und in einzelnen wichtigen Gebieten ausgefiihrt worden ist, dank 
der unermudlichen Arbeit eines so bedeutenden Geistes, dank der hingebungs- 
vollen Mitwirkung begeisterter Jiinger, aber auch durch die Forderung 
und Anerkennung, w r elche der Zentralstatistik einige Zeit hindurch seitens 
der Regierung und in der Offentlichkeit zuteil wurde. I. erscheint damit 
als einer der bedeutungsvollsten, schopferischsten und organisatorisch belang- 
reichsten Statistiker des 19. Jahrh., gleich Czoernig, Engel, Bockh, Bodio, 
Lavasseur u. a. Gewifi bleiben in dem gewaltigen Programme noch vieleGebiete 
unausgeftihrt, und es ist abzuwarten, welche Zukunft der amtlichen Zentral- 
statistik in Osterreich beschieden ist. 

Die souverane Beherrschung der allgemein gefaflten Probleme, die Grofl- 
ziigigkeit seiner Auffassung und seine Vorliebe fiir Weltprobleme liefien I. 
an den Staatsgrenzen nicht haltmachen. Er betrat vielmehr alsbald das 
Gebiet der internationalen Statistik mit ebenso unbestrittenem Erfolge wie 
auf alien anderen. Er erlangte schnell einen dominierenden Einflufi in den 
hygienisch-demographischenKongressenund in dem internationalen statistischen 
Institute. Das hohe Niveau, welches die internationale Statistik in den letzten 
20 Jahren einhielt, so dafi sie in aufierlicher Hinsicht an die glanzvollen Tage 
des alten, allerdings nicht immer inhaltlich vollwertigen Internationalen Kon- 
gresses erinnerte, ist zum grofien Teil I.s, des langjahrigen Prasidenten, 
Verdienst. Er gab der internationalen Statistik — an Stelle der fruheren effekt- 
losen »Programme« — die Richtung der ernsten unausgesetzten Mitwirkung 
aller wissenschaf tlichen und amtlichen Statistiker der Welt an den methodischen 
Problemen der Statistik, und das Bulletin de VInstitut International de Sta- 
tistique gibt hiervon beredtes Zeugnis ab. Allen Kongressen w r ohnte I. 
mit unermudlicher Spannkraft bei, prasidierend, die Kommissionsverhandlung 
belebend und inspirierend; liberall suchte und fand er groflzugige Anknupfung 
an die fuhrenden Geister und ersten Manner aller Staaten, sich ihnen eben- 



Inama-Sternegg. 1 23 

blirtig fuhlend. Dieses Weltprasidium der Statistik war neben der Herrenhaus- 
wiirde und der hochsten menschlichen Wiirde jener des liebevollen Hausvaters 
I.s letzte Blirde und Freude. 

Biographien: E. Mischler, K. Th. von Inama-Sternegg, Rede gehalten in 
der Gesellschaft der osterr. Volkswirte in Wien am 19. Januar 1909; in Schmollers Jahrbuch 
fur Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft im Deutschen Reiche, XXXIII, 3. — 
Derselbe: K. Th. v. Inama-Sternegg, in der Osterr. Rundschau, 18. Jahrgang, I. Hft. 
(1909). — H. Rauchberg: K. Th. von Inama-Sternegg, Ztschr. f. Volksw., Sozialpol. und 
Verwaltung, XVIII, 1. — Handworterbuch der Staatswissenschaften. 

Bibliographie: Selbstandige Schriften. Probevorlesung in Miin- 
chen : Die volkswirtschaftliche Bedeutung der reinen Geistesarbeit, 1868. — Deutsche Wirt- 
schaftsgeschichte, 3 Bande, Leipzig 1879 — 1901, I. Bd. 2. Aufl. 1909. — t)ber die Emanzi- 
pation der Fraucn, Innsbr. 1869. — Die Tendenz der GroBstaatenbildung in der Gegenwart, 
ebenda 1869. — Verwaltungslehrc in Umrissen, ebenda 1870. — Untersuchungen uber das 
Hofsystem im Mittelalter, ebenda 1872. — Idealismus und Realismus in der Nationalokonomie, 
ebenda 1873. — Die tirolischen WeiBtiimer, 3 Bde. (mit J. V. Zingerle), Wien 1875 — 1880. — 
Adam Smith etc., Innsbr. 1876. — Die Ausbildung des grofien Grundbesitzes in Deutsch- 
land wahrend der Karolingerzeit (Staats- u. soziale Forschungen), Leipzig 1878. — Die per- 
sbnl. Verhaltnisse der Wiener Armen, 2. Aufl. 1899. — Staatswissenschaftliche Abhandlungen, 
Leipzig 1903, 2. Reihe (unter dem Titel : Neue Probleme des modernen Kulturlebens), ebenda 
1908, zumeist eine Sammlung der verstreut veroffentlichten Studien. — Obersicht 
uber die in Zeitschr. u. Sammelwerken enthaltenen Arbeiten: 
Raumers h. Taschenb. Folgen des Krieges 1864; Entwickelung der deutschen 
Alpendbrfer 1874. — Hist. V. fur Oberbayern, Jahresber. 1865, Joh. G. Mayr. 
— Zeitschr. f. Staatswissensch., 1865: Der Akzisestreit deutscher Finanz- 
theoretiker im 17. — 18. Jahrh.; die Lehre vom Staatsgebiet 1869, 1870, 1872. — 
Cottas deutsche Vierteljahrsschrift, 1 867 : Inhalt und Grenzen des Staats- 
lebens; Zur Landwirtschaftspolitik. - — Wiener Welt-Ausstellung 1873, Beitrage 
zur Geschichte der Preise. — Zeitschr. f. deutsche Kulturgeschichte, 
1875: Haus und Hof zur Zeit Walters v. d. Vogelw. — Akad. der Wissensch. Wien, 
phil-hist. Kl. 1877: Quellen deutscher Wirtschafts-St.; 1886: Verfass. der deutschen Salinen 
im Mittelalter. — Jahrb. f. Nat. undStatistik, 1878: Wert und Preis in der altesten 
d. Volksw.; 1880: Herrenschwand ; Hornick. — Archivalische Zeitschr., 1878: 
Urbanien. — Deutsche Revue, 1883: Alte und neue Kolonisation; 1881: Die Anfange 
des d. Burgertums. — Statist. Monatsschrift, 1886: Die Quellen der histor. Be- 
volkerungsstatistik; die Quellen der hist. Preisstatistik; 1887: Die Wiener Getreidepreise im 18. 
Jahrh.; 1906: Stadt. Volkszahlen im Mittelalter; 1888: F. X. v. Neumann-Spallart; 1889, 
Czoernig; ferner zahlreiche Abhandlungen aus den einzelnen Gebieten der Statistik, insbes. 
Osterreichs in den Jahrgangen 1882 — 1899. — Mitt, der Wiener Anthrop. Ge- 
sellschaft, 1885: nat.-dk. Vorstellungen bei Naturvolkern ; 1889, 1896, 1899: Flurverfass. 
und Ansiedelung. — Demogr. Kongr. IV. Die Entwicklung der Bevolkerung Europas 
seit 1000 Jahren; Generationsdauer u. G.-wechsel. — Pauls Grundrifi der germ. 
P h i I 1. 1889, 1898: «Wirtschaft«. — Mitt. derGesellschaft osterr. Volks- 
wirte , 1890: Sinken der Preise. — Wiener Zeitschr. f. Volks w., S o z i a 1 p. u. 
Verw., 1892: Anfange deutschen Stadtewesens; 1893: Referat tiber die Wahrungs-Reform; 
190$: Sonntagsruhegesetz; Arbeitszeit im Bergbau; 1907: Neuere Schriften zur deutschen 
Wrrtschaftsgeschichte. — Zeitschr. f. Sozial- und Wirtschaf tsgeschichte, 
1893: Goldwahrung in Deutschland im Mittelalter. — Berl. Bankarchiv, 1906: 
Osterr. Bankstatistik. — H a n d w. d. S t a a t s w., Art. Bevolkgeschichte im Mittelalt. und 
bis zum Ende des 18. Jahrh.; Stande. — Intern. Stat. Institut, Bulletin, 1887: 
Histor. Statistik. — Festgabef. G. Hanssen, 1889: Sallandstudien. — Festgabe 
f. Schmoller, 1908: Theorien d. Grundeigen turns u. der Grundrente. — Ferner zahl- 



124 Inama-Stemegg. Schwabe. 

reiche Biographien in der Allgem. deutschen Biographic — Seit 1892 war I. Mitherausgeber der 
Wiener Zeitschr. f. Volksw. Sozialpol. und Verwaltung. — Von den Referaten und Berichten 
im osterr. Herrenhaus sind namentlich jene uber die mitteleurop. Handelsvertrage, 1891, 
Valuta-Reguiierung, 1892, und das allgem. Wahlrecht, 1906, zu erwahnen. 

Ein weniger guter Stich I.s in der Manier der offiziellen Portraits, und zwar ira 
Brustbild, befindet sich in den Amtszimmern der K. K. Statistischen Zentral-Kommission. — 
Eine hochst gelungene Medaille wurde ihm von seinen Freunden im Jahre 1906 iiberreicht. 
Dieselbe enthalt auf der Vorderseite das Kopfbildnis I.s und die Umschrift Viro illustrissimo 
Carolo Tkeodoro Inama d* Sternegg — Strenuo rerum publicarum observaiori exploraiari 
descriptors anno MCMVI socii et amici D. D, D. Die Rvickseite zeigt eine weibliche Figur 
im antiken Gewande und Helm, in der linken Hand die Fackel, mit der rechten den Schleier 
von einer Sphinxgestalt luftend. — Eine Ausfuhrung in Lebensgrofie, in rotem Marmor, ist 
im Sitzungssaal der K. K. Statistischen Zentral-Kommission angebracht 

Graz. E. Mischler. 

Schwabe, Ludwig, ordentlicher Universitatsprofessor der klassischen 
Philologie und Archaologie, * 24. Juni 1835 in Giefien, f 20. Februar 1908 
in Tubingen. — Sch.s fernere vaterliche Vorfahren waren Pfarrer in Thu- 
ringen, sein Grofivater kam als Professor der Medizin 1788 nach Giefien, wo 
dann sein Vater als Kantor und Musiklehrer eine angesehene Stellung einnahm. 
Seine Schulbildung bis zur Reifeprufung empfing Sch. im Giefiener Gymnasium 
(Ostern 1844 bis Ostern 1853), und den grofiten Teil seiner Studienjahre (Ostern 
1853 — 54 und wieder 1855 — 57) brachte er in Giefien zu. Die nachhaltigsten 
wissenschaftlichen Einflusse nahm er aber wahrend seines zweiten akademischen 
Jahres (Ostern 1854 — 55) an der Universitat Gottingen auf. Er hat hier klas- 
sische Philologie, Archaologie und auch die damals noch junge Wissenschaft 
der Sprachvergleichung unter K. Fr. Hermann, W. Schneidewin, L. Lange 
und Fr. Wieseler getrieben. Nachdem er im Fruhjahr 1857 in Giefien 
die Staatsprufung bestanden und zugleich mit seiner Prufungsarbeit De nomo 
Pythio promoviert, darauf als Probekandidat am Giefiener Gymnasium gedient 
hatte, ubernahm er Anfang 1858 die Leitung einer Privatknabenschule. Am 
20. August 1859 habilitierte er sich als Privatdozent an der heimischen Uni- 
versitat mit einer Schrift De deminutivis Graecis et Latinis, die, auf sprach- 
vergleichender Grundlage beruhend, bis jetzt (1910) die einzige diesen Gegen- 
stand als Ganzes behandelnde Arbeit ist. i860 verheiratete er sich mit Minna 
Langermann, die ihm in einer aufierordentlich gliicklichen Ehe 2 Sohne und 
2 Tochter geboren hat. Die Vorlesungen des Privatdozenten erstreckten sich 
von Anfang an auf beide alten Sprachen, ihre Grammatik und die Interpretation 
ihrer Literaturdenkmaler, mit starkerer Betonung der Poesie. Bald fand er 
den ihm kongenialen Gegenstand, dessen Bearbeitung.nun fur langere Zeit den 
Mittelpunkt seiner wissenschaftlichen Studien gebildet und seinen Gelehrtenruhm 
begrtindet hat, in den Gedichten des Catullus. Feiner dichterischer Geschmack, 
solide Forschung, gluckliche Divination und Gewandtheit des lateinischen Stils 
wirkten zusammen, um seine Quaestiones Catullianae (Giefien 1862), eine literar- 
historische Vorarbeit zu seiner Catull-Ausgabe, zu einer der zugleich gediegensten 
und genufireichsten Leistungen der damaligen Philologie zu machen. Catull 
steht nun durchaus im Vordergrunde seiner wissenschaftlichen Tatigkeit bis 
1866, in welchem Jahre er mit seiner ersten Catull-Ausgabe einen gewissen Ab- 
schlufi erreicht hat. Mittlerweile war Sch. 1863 auflerordentlicher Professor in 



Schwabe. 1 25 

GieCen und 1864 ordentlicher Professor der Beredsamkeit, altklassischen 
Philologie, Asthetik und Geschichte der Kunst in Dorpat geworden. Ein wohl- 
gelungener Vortrag, den er liber die Wiederauffindung und erste Verbreitung 
des Catull im Mittelalter auf der Meifiener Philologenversammlung Herbst 1863 
gehalten hatte, war der Berufung nach Dorpat forderlich gewesen. Seine lehrende 
und administrative Tatigkeit auf der deutsch-russischen Universitat, wo er 
unter dem erleuchteten Kuratorium des Graf en Keyserling und in freundschaft- 
lichem Verkehr mit deutschen Gelehrten wie Bergmann, Adolf Wagner, Leo 
Meyer u. a. gluckliche Jahre verlebt hat, war eine aufierordentlich vielseitige. 
Die Art, wie er sich alien diesen Aufgaben sowie den Anforderungen des ge- 
selligen Lebens an seinen Humor, seine Gewandtheit und Schlagfertigkeit ge- 
wachsen zeigte, hat ihm von seiten aller beteiligten Kreise freudige Anerkennung 
eingetragen. Zu den sprachwissenschaftlichen und erklarenden Vorlesungen 
auf griechischem und lateinischem Gebiete kamen noch solche iiber Enzyklo- 
padie und Methodologie der Altertumswissenschaft, uber romische Altertumer 
und Topographie und besonders iiber antike Kunst. Mehr und mehr verschiebt 
sich in Dorpat Sch.s wissenschaftliche Arbeit nach der Archaologie hin, fur 
die er sich freilich einen wichtigsten Teil der Vorbildung, die Autopsie, erst 
nachtraglich erwerben mufite. Von November 1868 bis September 1869 hat 
er seine grofie archaologische Reise gemacht, die ihn von Berlin liber Italien 
nach London fiihrte. Erganzungen dazu bilden ein schon vorausgegangener 
kurzer Besuch in Paris (1867), ein spaterer in Petersburg (Weihnachten 1 871) 
und eine kurze Reise nach Griechenland (Marz bis April 1883). Diese Betonung 
der Archaologie neben der langst bewiesenen philologischen Tlichtigkeit liefien 
Sch. als den geeigneten Mann erscheinen fur die philologisch -archaologische 
Professur in Tubingen, die durch die Berufung von Ad. Michaelis nach Strafl- 
burg 1873 erledigt war. Sch. nahm den Ruf um so lieber an, als die Dorpater 
Verhaltnisse seit dem Riicktritt des Graf en Keyserling 1869 und dem Einsetzen 
der Russifizierungsversuche unliebsam zu werden begannen. 

Der ganze Rest seines Wirkens gehort der Tubinger Universitat. Langsam, 
wie es die bescheidenen Verhaltnisse mit sich brachten, aber stetig arbeitete 
er hier an der Erweiterung und Verbesserung der Mittel fur den archaologischen 
Unterricht; mit den Gipsen ist er zweimal umgezogen, bis er, wenige Tage vor 
seinem Tod, noch die Befriedigung erlebte, sie in wiirdigen Raumen geschmack- 
voll aufgestellt zu haben; die Mlinzsammlung verdankt ihm einen Katalog, 
und er hat sie auch fur Vorlesungen uber antike Numismatik ausgenutzt. Immer 
mehr treten hier archaologische Vorlesungen in den Vordergrund, doch las er 
auch sein enzyklopadisches Kolleg weiter und interpretierte einzelne griechische 
und romische Autoren, meist Dichter, in Vorlesungen und Seminarubungen. 
Die Geschaftsleitung des philologischen Seminars, in die er nach Teuffels Tod 
1878 eingetreten war, hat er erst 1902, die Mitwirkung am Unterricht in diesem 
Institut erst 1906 aufgegeben. Seine wissenschaftliche Produktion lag wahrend 
des groCten Teils seiner Tubinger Jahre meist in einer anderen Richtung als 
die lehrende Tatigkeit. 1876 widmete er der Tubinger Philologenversammlung, 
deren zweiter President er war, die musterhaft plinktliche Schrift de Musaeo 
Nonni imitatore, die in vorzuglicher Weise die sprachliche und metrische Techni 
der spatesten griechischen Epikerschule illustriert, und nach Wilhelm Teuffels 
Tod ubernahm er die Bearbeitung neuer Auflagen von dessen romischer Lite- 



126 Schwabe. Woltcr. 

raturgeschichte. Er hat diesem unubertroffenen Nachschlagebuch in einer 
vierten (1882) und einer fiinften (1890) Auflage seine Brauchbarkeit durch 
sorgfaltigste Nacharbeit und Erganzung nicht nur erhalten, sondern gesteigert. 
Zwischenhinein vollendete er (1886) eine zweite Auflage seiner Catull-Ausgabe. 
Als Mitarbeiter der neuen, von Wissowa redigierten Realenzyklopadie lieferte 
er einige groBere Artikel zur romischen Literaturgeschichte (Apuleius, Tacitus und 
Quintilianus). In die spatere Zeit fallen aber auch noch zwei Arbeiten archao- 
logischer Art in Tiibinger Programmen, iiber die Geschichte der archaologischen 
Sammlung der Universitat Tubingen (1891) und liber die kaiserlichen Decennalien 
und die alexandrinischen Mtinzen (1896). 

Sch. gehorte nicht zu den Bahnbrechern seiner Wissenschaft, aber er hat 
ihre Aufgabe von Anfang an in einem grofien und universalen Sinn aufgefaQt 
und er ist ein echter Humanist gewesen, ein orator und poeta von bedeutendem 
Formgeschick im lateinischen wie im deutschen Stil, klar, elegant, heiter in 
allem, was er tat, sprach und schrieb, daher auch uberall ein sehr geschatztes 
Mitglied der Gesellschaft, der er sich gern widmete und die er ohne Vordring- 
lichkeit anmutig zu beleben wuflte. Er besaC aber auch eine voile Gelehrten- 
befahigung und machte an sich selbst, was Formulierung und Durcharbeitung 
der Probleme betrifft, hohe Anforderungen, denen das, was er hat drucken 
lassen, tatsachlich auch geniigt; es sind verhaltnismafiig wenige, aber ausgereifte 
Fruchte. Im Lehrvortrag bemuhte er sich, vielleicht ctwas mehr als manchem 
seiner Horer, zumal unter den etwas schwerblutigen und anspruchsvollen 
schwabischen Studenten, erwiinscht sein mochte, um gefallige Form. In den 
Interpretationen und Ubungen zeigte und schulte er die echt philologische 
Kunst, im kleinsten Punkt die grofite Kraft zu sammeln, und eben damit hat 
er, besonders in seiner Catull-Vorlesung, auf seine Schiiler am meisten anregend 
gewirkt: zu wissenschaftlicher Weiterarbeit verstand er noch in seinen letzten 
Jahren auf dem Gebiet der Numismatik erfolgreich anzuleiten. Die mafivolle 
Feinheit seines Urteils, sein freier und weiter Blick, sein gediegenes Wissen, 
sein herzliches Wohlwollen und die schlichte Vornehmheit seines Charakters — 
alles das vermochte voll erst der gereifte Mann zu wiirdigen, dem naherer 
Verkehr mit ihm vergonnt war. Wem er sich ganz erschloC, der lernte in 
ihm eine Ehrfurcht und Liebe fordernde Verkorperung der edlen Eigenschaften 
kennen, die bei gliicklicher Anlage aus der selbstlosen Vertiefung in die Kultur- 
welt des klassischen Altertums und der lebhaften Teilnahme an dem Geistes- 
leben der Gegenwart erwachsen konnen und sollen. 

Vgl. Theodor Klett im Jahresbericht iiber die Fortschritte der klassischen Altertums - 
wissenschaft, begnindet von C. Bursian, herausgegeben von W. Kroll, 37. Jahrgang 1909, 
B± 145 B, S. 51 — 64. 

Tubingen. W. S c h m i d. 

Writer, Plazidus, mit dem Taufnamen Ernst, 2. Erzabt der Beuroner 
Benediktiner-Kongregation, * 24. April 1828 in Bonn, t 13- September 1908 
in Beuron, Hohenzollern. — Entstammte einer angesehenen Burgcrfamilie der 
rhein. Universitatsstadt. Der Vater, Lorenz W., verstand es, mit angeborenem 
padagogischen Takt seine zahlreichen Sohne zu tuchtigen Mannern zu erziehen. 
E. W. machte seine philosophischen, juristischen und theologischen Studien 



Wolter. 127 

in Bonn. 185 1 in Koln zum Priester geweiht, war er zunachst in der Seelsorge 
und an den Lehranstalten in Viersen und Aachen (Domschule) tatig; trat 
1855 in die Benediktinerabtei St. Paul in Rom ein. i860 begleitete er und 
sein altester Bruder Rudolf (Maurus) die Fiirstin Katharina von Hohenzollern 
auf einer Reise in das hi. Land. Noch im selben Jahre verliefien beide Bruder 
mit dem Auftrag und Segen Pius IX. Rom, um, einer Aufforderung der Fiirstin 
folgend, in der Heimat ein Kloster ihres Ordens zu grunden. Nach einigen ver- 
fehlten Versuchen wurde 1863 in dem ehem. Augustinerkloster St. Martin 
in Beuron im Donautal (Hohenzollern) eine Niederlassung errichtet, welche 
das Mutterkloster fiir die Kongregation dieses Namens werden sollte. Der 
durch seine literar. Arbeiten (funfbandiges Psalmenwerk, Psallite sapienter, 
Praecipua ordinis monastici elementa, Bruges 1880, Herder u. a.) bekannte 
Dr. Maurus W. war 1. Prior, spater Abt und Erzabt von Beuron. Er war 
»der Mann der groBen Ideen und weiten Entwurfe, ein Meister voll Lehr- 
weisheit«. P. Plazidus »mehr auf das Kleine bedacht, sorgsam, wachsam, voll 
unermudlichem Eifer, die rechte Hand seines Bruders, stark durch seinen 
Glauben, mit dem er alle Schwierigkeiten zu uberwinden wufite«. Unter diesen 
beiden, sich in gliicklicher Weise erganzenden Mannern mufite bald eine mach- 
tige und weitverzweigte monastische Familie erwachsen. Die schwierigen und 
opfervollen Aufgaben, wie sie Neugrundungen stellen, fielen PI. W. zu. 1871 
finden wir ihn in Arnstein bei Limburg. Nachdem diese Griindung aufgegeben, 
war er 1874 als 1. Prior in Maredsous in Belgien; 1876 in gleicher Stellung in 
Erdington in England; 1878 kehrte er als I. Abt v. Maredsous nach Belgien 
zuriick, leitete unter groOen Schwierigkeiten deninneren undauOerenAusbau der 
stattlichen, von den edelmiitigen Brudern Desclee gestifteten Abtei und griindete 
das angesehene Kolleg {ecole abbatiale) derselben. Dazwischen fielen geschaft- 
liche Reisen nach Rom (Approbation der Beuroner Konstitutionen), England, 
Schottland usf., zahlreiche seelsorgliche Arbeiten in Seminarien und Klostern 
und lebhafter Verkehr mit dem Mutterkloster. Dieses muOte, der kirchen- 
politischen Maigesetze wegen, 1875 verlassen werden. Die Monche fanden in 
Osterreich Aufnahme, woselbst die Abteien von Emaus in Prag und Seckau 
in Steiermark gegrundet wurden. 1887 kehrte Erzabt Maurus nach Beuron 
zuriick. Nach dessen am 8. Juli 1890 erfolgten Tode wurde Abt Plazidus zu 
seinem Nachfolger in der Regierung von Kloster und Kongregation erwahlt. 
Neue Unternehmungen drangten sich ihm ungesucht auf, da er, seiner Natur 
nach, die Stille des klosterlichen Regel-Lebens vorgezogen hatte. So 1892 
die Neugriindung der ehemaligen Abtei Maria-Laach. In dieser Angelegenheit 
hatte Erzabt PL Audienz bei Kaiser Wilhelm II., der ihm seither huldvolle 
Zuneigung schenkte, 1897 selbst Laach besuchte und den Erzabt mehrfach 
auszeichnete (1897 r. Adl.-O. II. Kl. m. Stern; gelegentlich der Jubilaen 190 1 
Kron.-O. I. Kl. m. d. Zahl 50, 1906 Bronzebuste Sr. Maj.); 1894 wurde er 
vom HI. Stuhl veranlaBt, Monche nach Brasilien zu schicken, um die dortigen 
Kloster des Ordens neuzubeleben, in dcmselben Jahre schlossen sich auch 
2 portugies. Kloster der Kongregation an; 1899 griindete er das Kloster, spater 
Abtei St. Joseph b. Coesfeld i. W. ; 1899 ernannte er Abte v. St. Thomas in 
Erdington und auf dem Mont Cesar in Lowen (letzteres Griindung nach 
Maredsous); 1906 wurde eine Niederlassung b. Kempen (Rhein) gemacht und 
im selben Jahre das Heiligtum »Maria Heimgang« auf dem Sion in Jerusalem 



I2 8 Wolter. Fell. 

(auf dem v. S. M. dem Kaiser dem Verein fiir das hi. Land uberlassenen 
Grundstiick) iibernommen. Obgleich seit 1893 leidend, doch stets tatig und 
urn die klosterliche Ordnung und Observanz treu besorgt, prasidierte der Erzabt 
den jedes 3. Jahr stattfindenden Generalkapiteln der Kongregation und visitierte 
samtliche Kloster (7 Manner- und 3 Frauenabteien) bis wenige Wochen vor 
seinem im 81. Lebensjahr erfolgenden Tod. Unter ihm entwickelte sich die 
Kongregation, deren Kloster sich hauptsachlich mit Pflege des liturg. Gottes- 
dienstes (Choral), seelsorglichen und wissenschaftlichen Arbeiten und Ausiibung 
der bildenden Kiinste (Beuroner Kunstschule) beschaftigen, zu hoher Blute. 

Von Natur rasch, lebhaften Geistes, impulsiv und von starkem Willen, 
verklarte sich seine edle Personlichkeit durch ubernaturliche Glaubensauf- 
fassung und Selbstzucht zu harmonisch ausgeglichener Wtirde, liebenswurdiger 
Herzlichkeit und Giite, Milde und Weisheit. 

Die Bedeutung und GroBe W.s lag nicht auf den Gebieten des offentlichen 
Lebens. Sein unermiidliches Wirken war ganz seinem Orden und dessen segens- 
reicher Tatigkeit gewidmet. 

P. Sebast. v. Oer, Erzabt Placidus Wolter, Freiburg, Herder 1909. — A. Schott, Leben 
und Wirken d. Erzabts Maurus Wolter, Stuttgart, Sudd. Verl. 1891. — D. Ursmer Berliere, 
Oraison funibre p. D. Placide Wolter, Tournay, Desctee 1 908. Nachruf der Koln. Volksztg. 
Nr. 749v. 14. Sept. 1908. s v. O e r. 

Fell, Winand, Dr. theol. et phil., Professor der alttestamentlichen Exegese 
an der westfalischen Wilhelmsuniversitat, * zu Aachen am 13. Dezember 1837, 
f am 5. Juli 1908 zu Munster i. W. Er machte seine humanistischen Studien 
am Kaiser-Karl-Gymnasium zu Aachen, um sich dann von 1857 — 1860 in Munster 
und Bonn dem Studium der katholischen Theologie und der orientalischen 
Sprachen zu widmen. Am 7. September 1861 in Koln zum Priester geweiht, 
wurde er Kaplan an der Pfarrkirche St. Ursula zu Koln. Im Jahre 1869 erhielt 
er Urlaub zur Fortsetzung der orientalischen Studien und horte bis 187 1 zu 
Leipzig und Berlin die Vorlesungen von H. 0. Fleischer, Krehl, Rodiger u. a. 
Im Sommer 1871 promovierte er in Leipzig zum Dr. phiL mit der Dissertation 
Canones apostolorunt Aethiopice. Nach dem AbschluG seiner Studien ubernahm 
er 1873 die Stelle eines Religions- und Oberlehrers am Marcellen-Gymnasium 
zu Koln und blieb in dieser Stellung bis zum Jahre 1886. Ostern 1886 trat er 
als Ordinarius fiir alttestamentliche Exegese in die theologische Fakultat der 
Akademie zu Munster ein, die ihn gleichzeitig mit dem Titel eines Dr. theol. 
ehrte. Seitdem wirkte er ununterbrochen an dieser im Jahre 1902 zu einer 
Universitat erhobenen Lehranstalt. Im Jahre 1893/94 bekleidete er das Amt 
eines Rektors und ofters war er Dekan der theologischen Fakultat. Mit der 
Diozese Munster verband ihn das Amt eines Examinator prosynodalis, mit 
der philosophischen Fakultat sein Amt als Examinator des Hebraischen und 
der Religionslehre fiir die Studierenden der Philologie. Der Staat ehrte seine 
Verdienste durch mehrere Ordensauszeichnungen. Als Gelehrter wegen seiner 
theologischen und orientalistischen Kenntnisse hochangesehen, war er in seincn 
Vorlesungen und seinen theologischen Werken stets der Vertreter eines streng 
kirchlichen Standpunktes. Das katholische Volk ehrte an ihm seine tiefe 
Frommigkeit. Seine zahlreichen Schiiler riihmten seine stets gleichbleibende 



Fell. Loe. 



129 



Freundlichkeit, die alien mit Rat und Tat zur Seite stand. Ein Herzschlag 
machte am Sonntag, dem 5. Juli 1908, seinem Leben ein Ende. Im Jahre 1878 
gab er heraus: Indices ad Beidkawii commentarium in Coranum (Leipzig, Verlag 
von F. C. Vogel), als Erganzung zu dem von H. O. Fleischer schon 1846 — 1852 
herausgegebenen Korankommentar des Beidhawi. In der Zeitschrift der deut- 
schen morgenlandischen Gesellschaft (ZDMG) erschien 1881 im 35. Bde. S. 1 — 7 
der Artikel: die Christenverfolgung in Sudarabien und die himjarisch-athio- 
pischen Kriege nach abessinischer (Jberlieferung und 1900 im 54. Bde. S. 
231 — 259 Sudarabische Studien 1. Zur Erklarung der sabaischen Gottesnamen. 
1906 gab er sein Lehrbuch der allgemeinen Einleitung in das Alte Testament 
heraus (Paderborn, Schoningh, Xu. 244 S. in 8°). Nach seinem Tode erschien 
der Artikel: ^Der Bibelkanon des Flavius Josephus (Bibl. Zeitschrift, 1909). 

% D.'Bernhard Vandenhoff. 



Lo8, Walter Degenhard, Freiherr v., K. preufi. Generalfeldmarschall, * 9. 
September 1823 auf Schlofi Allner im Siegkreis, f 6. Juli 1908 zu Bonn. Einer 
dem westfalischen Uradel angehorigen Familie entstammend, besuchte L. die 
katholische Ritterakademie in Bedburg (Kreis Bergheim im Reg.-Bez. Koln), 
die er als vorzuglichster Abiturient verliefl, studierte alsdann in Bonn, wo er dem 
Corps Borussia angehorte, und dienteals Einjahrig-Freiwilliger bei dem 5. Ulanen- 
Regiment in Dusseldorf. Beim Ausbruch der Erhebung in den Elbherzog- 
tumern trat er als Sekondleutnant in das 2. Dragoner- Regiment der schleswig- 
holsteinischen Armee und nahm als solcher an dem Feldzug teil. Am 16. Januar 
1849 trat er sodann als Leutnant im 3. Husaren-Regiment in die preuflische 
Armee ein und machte den badischen Feldzug mit; seine Laufbahn als hochbe- 
gabter Reiteroffizier nahm ihre entscheidende Wendung, als er im Jahre 1857 
zuerst zum Adjutanten des Generalgouvernements der Rheinprovinz und 
Westfalens, das Jahr darauf sodann zum personlichen Adjutanten des General - 
gouverneurs, namlich des Prinzen von Preufien, ernannt wurde. Er blieb in 
der personlichen Umgebung des Prinzen, seit dessen Thronbesteigung als Fliigel- 
adjutant. Nachdem er 1862 den Prinzen Albrecht von Preufien auf einer Reise 
in den Kaukasus begleitet hatte, wurde er 1863 zur Botschaft in Paris komman- 
diert und nahm in dieser Stellung 1864 unter General Rose an dem Feldzug 
in Algerien teil. Seine eingehenden Berichte erwiesen sich spaterhin als eine 
durchaus zutreffende Beurteilung des franzosischen Heerwesens. Wahrend des 
Krieges von 1866 in das Konigliche Hauptquartier berufen, bewahrte er sich 
in derSchlacht bei Koniggratz als sicherer Taktiker. Im deutsch -franzosischen 
Kriege kommandierte er das 7. Husarenregiment, das namentlich auf den Kampf - 
platzen des Nordens sich zu bewahren hatte, und erwarb sich das Eiserne Kreuz 
erster Klasse. Nach dem Krieg kommandierte er die 21. und die 3. Kavallerie- 
Brigade, sodann die 5. Division, inzwischen zum Generalleutnant, General h la 
suite und Generaladjutanten aufsteigend, von 1884 — 1895 sodann als General 
(seit 1893 a l s Generaloberst) der Kavallerie das VIII. (rheinische) Armeekorps. 
Am 16. Januar 1895 wurde er zum Gouverneur von Berlin und Oberbefehls- 
haber in den Marken ernannt. Am 28. April 1897 trat er in den Ruhestand 
und siedelte nach Bonn iiber, aber weder sein Avancement noch seine Be- 

Biogr. Jahrbuch u. Deutscher Nckrolog-. 13. Bd. o 



1 30 Loe. Monckeberg, 

tatigung im offentlichen Leben fanden damit ihr Ende. Die Verleihung des 
Schwarzen Adlerordens und die Berufung zum lebenslanglichen Mitglied des 
preufl. Herrenhauses und die am 1. Januar 1905 erfolgte Beforderung zum 
Generalfeldmarschall waren deutliche Zeichen der hohen Gunst und des aufler- 
ordentlichen Vertrauens, das Kaiser Wilhelm II. dem Mitarbeiter und be- 
geisterten Verehrer seines Grofivaters zollte. Einen besonderen Ausdruck fand 
dieses Vertrauen in der Yerwendung L.s zu verschiedenen diplomatischen 
Missionen im Ausland, insbesondere zu solchen, zu denen seine treu katholische, 
aber nicht ultramontane Gesinnung verbunden mit seiner unbedingten An- 
hanglichkeit an Kaiser und Reich ihn geeignet erscheinen liefl. Ein Memoiren- 
werk: Erinnerungen aus meinem Berufsleben (Stuttgart 1906, Deutsche Ver- 
lags-Anstalt) umfafit leider nur den Zeitraum bis 1867, enthalt aber auch so 
eine Fulle interessanten Stoffes und erlaubt manchen Einblick in die lebendige 
Personlichkeit des Verfassers. Aus der am 24. Mai 1859 geschlossenen Ehe 
Loes mit Franziska geb. Grafin von Hatzfeldt-Trachenberg verwitweten v. 
Nimptsch ist eine Tochter hervorgegangen. Dr Hermann D i e z. 



Monckeberg, Johantl Georg, J. U. Dr., hamburgischer Senator und 
Burgermeister, * zu Hamburg 22. August 1839, f ebendaselbst 27. Marz 1908. 
M. entstammt einer im 17. und 18. Jahrhundert in Munder am Deister (Kreis 
Springe, Rbz. Hannover) ansassigen Familie, von der nach der Mitte des 18. 
Jahrhunderts zwei Bruder, Johann Jiirgen (Georg) und Ernst Friedrich, an 
der Elbe einwanderten, ersterer in Altona, letzterer in Hamburg. Schon der 
den Namen des Oheims tragende zweite Sohn Ernst Friedrichs stieg in der neuen 
Heimat zu hoher Wurde und ansehnlichem Wohlstand auf. Hervorragender 
Advokat und Protokollist der Kommerz-Deputation, wurde der »Lizentiat« 
beider Rechte Johann Georg Monckeberg 1826 zum Senator gewahlt, und als 
er am 30. April 1842, einige Tage vor dem Ausbruch des grofien Brandes, starb, 
trauerte Hamburg um ihn als einen im Senat schwer zu ersetzenden, durch 
Verfassungskunde, Klugheit, Humanitat, Rechtschaffenheit und Charakter- 
festigkeit ausgezeichneten Mann. Es scheint, als ob die Personlichkeit des 
Grofivaters in den wichtigsten und wertvollsten Seiten ihres Wesens in dem 
gleichnamigen Enkel wieder aufgelebt ware. 

Von den sechs Sohnen des Lizentiaten und Senators hat nur ein einziger, 
der funfte, die Familie f ortgepflanzt. : Carl Monckeberg, geb. am 3. Marz 1807, 
seit 1837 Pastor zu St. Nicolai, einer der ersten Hamburger Geistlichen, die 
sich von dem bis dahin herrschenden Rationalismus abwandten, im Jahre 
1877 namentlich wegen seiner Verdienste um die Revision der Lutherbibel 
von der Leipziger Fakultat zum Doktor der Theologie promoviert, vermahlt 
mit Johanna Louise Schroder, Tochter des Oberalten Anthon Diederich Sch. 
Dieser Ehe entsproflte der nachmalige Burgermeister als altester Sohn. 
J. G. M. besuchte das Hamburger Johanneum und im Anschlufl daran das 
sog. Akademische Gymnasium, studierte in Heidelberg und Gottingen Rechts- 
wissenschaft, promovierte 1862 als Doktor utriusque juris und liefi sich dann 
als Advokat in seiner Vaterstadt nieder, um bald darauf als Syndikus und 
Aufsichtsratsmitglied in die Verwaltung der Berlin-Hamburger Eisenbahn- 
gesellschaft einzutreten. Seine ehrenamtlicheTatigkeit imDienste der Vaterstadt 



Mttnckeberg. 1 3 I 

beginnt er als Armenpfleger und Lcutnant des Biirgermilitars ; 1872 wurde er in 
die Burgerschaft und als Schriftfiihrer alsbald auch in deren Vorstand gewahlt, 
in das Armenkollegium und als dessen Vertreter in das Medizinalkollegium, 
1873 in das Waisenhauskollegium berufen. Wenige Jahre spater, am 3. Juli 
1876, wurde er an Stelle des in den Ruhestand tretenden Burgermeisters 
Dr. Haller in den Senat gewahlt. Entsprechend der Organisation der ham- 
burgischen Staatsverwaltung hat M. sich im Laufe der Jahrzehnte auf den 
verschiedensten Gebieten betatigt und bewahrt, so insbesondere auch als Mit- 
glied der Oberschulbehorde und des Kirchenrats, als Landherr und als Mitglied 
der Kommission f ur den hoheren Verwaltungsdienst. Das Feld seiner eigentlichen 
Tatigkeit fand er in der Finanzdeputation, der er von 1877 — 1880 als Mit- 
glied, von 1885 bis zu seinem Tode als Prases angehorte. 

M. ist somit 23 Jahre lang Finanzminister der freien und Hansestadt 
gewesen, und zwar zu einer Zeit, in der das alte Hamburg zur modernen Welt- 
stadt und zum Riesenemporium des Deutschen Reiches sich entwickeln sollte. 
In seinem Nachrufe fur den verewigten Amtsgenossen hat Biirgermeister Dr. 
Burchard am 13. April 1908 hervorgehoben, dafi M. in Sachen der allgemeinen 
Staatsverwaltung niemals Enthusiast, vielmehr ein Mann kuhler, sachlicher 
Oberlegung gewesen sei, der seinen erheblichen Einflufi auf die Gestaltung des 
Jahresbudgets der Behorden und damit des Staatshaushalts im Sinne einer 
gewissen Vorsicht mit Bezug auf die Inangriffnahme kostspieliger Kultur- 
aufgaben geubt habe, sobald diese nicht die nachstliegenden Interessen des 
Stadtstaates beruhrten. Dieselbe Vorsicht beobachtete er regelmafiig bei der 
Etatsaufstellung als solcher, so dafi die Voranschlage meist mit erheblichen 
Fehlbetragen abschlossen, wahrend das Finanzjahr selbst ganz stattliche t)ber- 
schiisse ergab. Dieses System gab wohl auch zur Kritik Anlafi; die gunstigen 
Jahresabschliisse, die auf solche Weise zustande kamen, hatten aber jeden- 
falls die wertvolle psychologische Wirkung, dafi das hamburgische Biirgertum 
von freudigem Vertrauen auf die finanzielle Soliditat und Leistungsfahigkeit 
des Gemeinwesens erfiillt wurde, das die grofiziigige Losung der gestellten 
Aufgaben wesentlich erleichterte. Diese Aufgaben waren, nachdem das grofi- 
artige Werk des Zollanschlusses mit seinen gewaltigen Bauten und Delogierungen 
vollendet war, insbesondere die durchgreifende Sanierung der Stadt, deren 
Notwendigkeit durch die Cholera- Epidemie des Jahres 1892 zum Schlufi noch 
einmal so furchtbar beleuchtet worden war, sodann die Festlegung und Durch- 
fuhrung der Bebauungsplane und die Losung des schwierigen Verkehrspro- 
blems durch die Wahl und Ausfuhrung eines umfassenden Stadt- und 
Vorortsbahnprojekts. Dazu kam die niemals ruhende Erweiterung der Hafen- 
anlagen und die schwierige Arbeit der Erhaltung und Vertiefung des Elbfahr- 
wassers. Auf alien diesen Gebieten hat M. Grofies geleistet und sich bleibende 
Verdienste um Hamburgs Grofie und Wohlfahrt erworben. Eine Tatigkeit, die 
ihm schon nach den Traditionen seines Elternhauses sehr am Herzen lag, war 
auch die der kirchlichen Verwaltung, die in Hamburg bei begrifflich und recht- 
lich reiner Scheidung von Kirche und Staat durch Personalunion mit der 
Staatsverwaltung verbunden ist, und der er als Prases des Kirchenrats und 
der Synode seine Kraft gewidmet hat. 

Fur das Burgermeisteramt, das in Hamburg von drei Senatsmitgliedern und 
in der Regel, aber durchaus nicht immer und nicht notwendigerweise, 

9« 



j ^2 Mtfnckeberg. 

von den drei amtsaltesten Juristen des Senats in der Weise verwaltet zu werden 
pflegt, dafi der Gewahlte im ersten Jahre als zweiter, im zweiten Jahre als 
erster Burgermeister funktioniert, wahrend er im dritten Jahre pausiert, um 
dann von neuem in den Turnus einzutreten, wurde M. zum ersten Male fur 
das Jahr 1889 gewahlt; er bekleidete somit in seinem Todesjahre zum achten 
Male das hochste Amt, das seine Vaterstadt zu vergeben hat, das eines Prasi- 
denten des Senats und ersten Burgermeisters. Diese Stellung verlangt abgesehen 
von den Anforderungen des Vorsitzes als solchen insbesondere auch represen- 
tative Eigenschaften, und auch sie hat M. in ungewohnlichem Mafle besessen. 
Kaiser Wilhelm soil von ihm gesagt haben, er sei der beste Redner, den es in 
Deutschland gebe, und tatsachlich sprach er trotz sorgfaltigster Vorbereitung 
anscheinend vollstandig frei, aus der Gedanken- und Stimmungswelt des Augen- 
blicks schopfend, in vollster Harmonie von Inhalt und sprachlicher Form, geist- 
voll und schlicht. So namentlich auch bei dem jahrlichen Festmahl des Nord- 
deutschen Regattavereins auf der Unterelbe, zu dem ihn nicht einmal eine 
besondere Neigung zog, weil er z. B. schon die Klub -Uniform nicht liebte. 
Aber er wufite, was die Sympathie des Kaisers fur die See, das Hanseaten- 
tum und den Wassersport bedeutete, die namentlich auch bei diesen Anlassen 
zum Ausdruck kam. Und er war wie seiner Vaterstadt so auch dem in heiflen, 
schweren Kampfen glorreich geschaffenen Deutschen Reich und seinem Ober- 
haupt in aufrichtiger Begeisterung zugetan und verbunden. Burgermeister 
Burchard hat auch diese bestimmenden Zuge seiner Gesamtpersonlichkeit, 
die in einer ungewohnlich hohen, stattlichen Erscheinung und namentlich 
auch in einem ungemein anziehenden, seelenvollen Augenpaar einen charak- 
teristischen Ausdruck fand, in dem schon erwahnten Nachruf klassisch 
nachgezeichnet : 

»Biirgermeister Monckeberg war eine charaktervolle, vorurteilslose, inner - 
lich freie Personlichkeit, von seltener und uberaus vielseitiger Begabung, und 
von einer Leichtigkeit und anscheinenden Muhelosigkeit der Produktion, wie 
sie auch Hochbegabten nur ausnahmsweise beschieden ist Zugleich ein Redner, 
der die Horer zu bezwingen und zu fesseln wufite durch die Anmut und iiber- 
zeugende Kraft seines Vortrags: mochte er in begeisterten Worten von Kaiser 
und Reich den nationalen Gedanken feiern oder bei der Einfuhrung eines neu- 
gewahlten Senatsmitgliedes in geistvollen Ausfiihrungen den ihm eigenen 
Gedankenreichtum kundgeben, mochte er eine Ausstellung eroffnen oder war 
es eine wissenschaftliche Vereinigung, der seine Begriifiung gait, oder die Ver- 
tretung des Budgets oder einer sonstigen Vorlage in der Biirgerschaft: wo 
immer er offentlich auftrat, war was er bot ein Kunstwerk, geschaffen von einer 
die Kunst der Rede in souveraner Weise beherrschenden, in sich geschlossenen 
und ihrer selbst sicheren Personlichkeit. « 

M. war im Grunde seines Wesens ein konservativer Mann; die bestehende 
Ordnung in Staat, Gesellschaft, Kirche u. s. w. war ihm ein unendlich wert- 
voller Kulturbesitz und ein Fortschritt nur auf dem Wege organischen Weiter- 
baues in harmonischem Zusammenhang mit dem geistigen Leben der Ver- 
gangenheit moglich. Der Gedanke, dafi an Stelle dieser Ordnung ein Chaos 
treten konnte und sollte, in dem alles verloren ginge, was die Menschheit seit 
Jahrhunderten geschaffen, war ihm unertraglich, und Bestrebungen, die einen 
Neubau auf dieser Grundlage bezweckten, erschienen ihm als Torheit und 



Monckeberg. 1 3 3 

Frevel. Er beklagte, dafi eine aufrichtige und wirksame soziale Reform - 
politik so auOerordentlich erschwert werde durch die Sozialdemokratie, die 
sich zu Unrecht Arbeiterpartei nenne, weil sie lediglich mit Hilfe der 
Arbeiter die politische Macht erringen wolle, um so ihre religions-, gesell- 
schafts- und ordnungsfeindlichen Absichten zu verwirklichen. Der Kampf 
gegen diese Partei des Umsturzes erschien ihm als heilige Pflicht und wenn 
er Mittel wie das sog. Umsturzgesetz als wenig glucklich und wirksam erkannte, 
so hielt er es doch fur ungerechtfertigt, derartige Versuche als Bedrohung 
der Gedankenfreiheit zu brandmarken. Die Forderung einer Ruckwarts- 
revidierung des Reichstagswahlrechts, die ein ihm personlich nahestehender 
Politiker einmal in offentlicher Rede vertrat, lehnte er aus praktischen Er- 
wagungen ab, weil der Versuch doch aussichtslos sei und lediglich ein wert- 
volles Agitationsmittel fur den Gegner bilde, und so wurde auch von glaub- 
hafter Seite versichert, dafl er die im Jahre 1906 beschlossene Anderung 
des Hamburger Burgerschaftswahlrechts nicht gebilligt habe, wenn er sich 
auch der Mehrheit fiigte. 

Es war ein Beweis fur die ganz ungewohnliche Arbeitskraft Monckebergs, 
dafl er neben der gewaltigen Last seiner amtlichen Arbeit noch eine Fiille frei- 
willig ubernommener Verpflichtungen trug. So war er namentlich der Geo- 
graphischen Gesellschaf t in Hamburg jahrzehntelang ein glanzender Vorsitzender 
und ein unermiidlicher Forderer. Der kiinstlerischen Seite seiner Personlich - 
keit aber hat er indirekt selbst ein hochragendes Denkmal gesetzt in dem 
unvergleichlichen Hamburger Bismarck-Monument von Lederer und Schaudt, 
dessen einzigartiger Grofle und Schonheit er als Leiter des Denkmalkomitees 
gegeniiber allem Widerstand und aller Kritik des Philistertums zum Siege 
verhalf. 

M. hatte sich am 6. Juni 1867 mit Elise Mathilde geb. Boxberg, der Adop- 
tivtochter des Senators Ad. Tesdorpf, vermahlt. Der uberaus harmonischen 
und glucklichen Ehe sind neun Kinder entsprossen. Die alteste Tochter ist 
mit dem Rechtsanwalt und Reichstagsabgeordneten Dr. Johannes Semler 
vermahlt; eine andere ist dem Gatten nach Obersee gefolgt, so dafi auch in 
der engeren Familie des Burgermeisters der kosmopolitische Zug des Hanse- 
atentums zum Ausdruck kam; der alteste Sohn Carl Monckeberg, auch schrift- 
stellerisch hochbegabt und als Dichter mehrfach hervorgetreten, ist in diesem 
Jahre in die Hamburger Biirgerschaft gewahlt, und zwar als Kandidat des 
entschiedenen Liberalismus. Er ist, wie es heiflt, damit beschaftigt, eine Bio- 
graphie seines Vaters zu schreiben. Das reiche und ungetrubte Gluck seines 
Hauses ist offenbar eine der starksten Quellen gewesen, aus denen M.s uner- 
mudliche Arbeitskraft und Arbeitsfreudigkeit floC. 

Seine aufiere Erscheinung ist vielfach und von hervorragenden Meistern im 
Bilde festgehalten worden. Auf dem Gruppenbilde des Hamburger Senats, 
das Hugo Vogel fur das neue Rathaus gemalt hat, tritt er, mit seinen Kollegen 
O'Swald und Lehmann unmittelbar hinter dem Burgermeister Dr. Versmann 
stehend und in dieser zweiten Reihe dem Beschauer am nachsten, besonders 
charakteristisch und wirkungsvoll hervor. Sein in der Hamburger Kunsthalle 
hangendes Bildnis von Wilhelm Trubner wird dagegen seiner Erscheinung 
nicht vollig gerecht. 

Dr. Hermann Diez. 



1 34 Speck v. Stemburg. 

Speck von Sternburg, Hermann, Freiherr, kais. deutscher Botschafter, 
* 21. August 1852 zu Leeds in Yorkshire (England), f 23. August 1908 zu 
Heidelberg. — Als Sprofl eines alten, angesehenen, in Sachsen (Ltitzschena bei 
Leipzig) ansassigen, urspriinglich aber aus Bayern stammenden Geschlechts 
auf englischem Boden von einer englischen Mutter geboren und so mit der 
englischen Sprache von Kindheit an vertraut, besuchte Sp. v. St. die Fursten- 
schule von St. Afra in Meiflen, trat 1870 in das 2. sachsische Reiter- Regiment, 
in welchem er wahrend des Krieges zum Offizier aufriickte, und war Rittmeister 
im Generalstab, als er 1888 als Militarattach6 an die Botschaft in Washington 
kommandiert wurde. Im Jahre 1891 wurde er als Major zur Disposition gestellt 
und trat nun formlich in die diplomatische Laufbahn iiber, gehorte von 1891 
bis 1896 als Legationssekretar zur Gesandtschaft in Peking, war langere Zeit 
bei den Gesandtschaften in Buenos Aires und Belgrad tatig und kehrte 1898 als 
erster Sekretar der Botschaft nach Washington zuriick. Nun naherte sich sein 
Leben rasch seinem Hohepunkte. Als Mitglied der internationalen Kommission, 
die am 13. Mai 1899 auf Samoa eintraf, um den nachgerade unertraglich 
gewordenen Wirren und Zwistigkeiten ein Ende zu bereiten, errang er seinen 
ersten groflen diplomatischen Erfolg; er hatte, wie man sich erzahlt, seinen 
amerikanischen Kollegen Bartlett Tripp schon wahrend der Uberfahrt fur 
den deutschen Standpunkt zu gewinnen gewufit, so dafi der englische Kommissar 
sich von Anfang an in der Minderheit befand. So konnte die Kommission 
in zweimonatiger Tatigkeit ihre aufierordentlich schwierige Aufgabe durch 
die Vereinbarungen losen, auf denen nachher der bis heute giiltige Samoa- 
Vertrag von 1900 aufgebaut wurde. Dieser Vertrag war eine erste Frucht des 
sich anbahnenden besseren Verstandnisses und Einverstandnisses zwischen dem 
Deutschen Reich und den Vereinigten Staaten, deren Verhaltnis wahrend des 
amerikanisch-spanischen Krieges unter dem Argwohn weiter amerikanischer 
Kreise gegen die Absichten der deutschen Politik gelitten hatte, was speziell 
auch wahrend der Samoa-Wirren in der deutsch-feindlichen Stimmung und 
Stellung der amerikanischen Marine-Offiziere zum Ausdruck gekommen war. 
Sp. v. St. dagegen war schon wahrend dieses Krieges in ein immer naheres 
Freundschaftsverhaltnis zu Theodore Roosevelt getreten, den er bei der Bil- 
dung, Ausriistung und Fuhrung seines Rough -Rider- Regiments mit fach- 
mannischem Rate unterstlitzte und den er in abenteuerlichem und gefahr- 
lichem Parforceritt auch einmal auf seinem exponierten Posten wahrend des 
kubanischen Feldzugs aufsuchte. Im Jahre 1 900 trat er, schon damals ein 
trefflicher Kenner Amerikas und ein aufrichtiger Freund amerikanischer Sitte 
und Art, in noch innigere Beziehungen zur vornehmen amerikanischen Gesell- 
schaft durch seine Vermahlung mit Mifl Lillian M. Langham aus Louisville. 

Im Jahre 1901 fuhrte ihn seine berufliche Laufbahn nochmals nach Asien, 
und zwar nach Kalkutta, wo er etwa zwei Jahre als Generalkonsul wirkte. 
In demselben Jahre aber wurde Theodore Roosevelt, der 1899 zum Vizepra- 
sidenten gewahlt war, durch die Ermordung des Prasidenten Mac Kinley in 
das Weifie Haus berufen, und als nun 1903 der deutsche Botschafter v. Hol- 
leben abberufcn wurde, da erschien Sp. v. St. trotz der Kiirze seiner diplo- 
matischen Dienstzeit als der gegebene Mann fur diesen wichtigen Posten, den 
er fiinf Jahre lang bekleiden sollte. Seine Tatigkeit als Botschafter blieb, 
wie es sich bei solch ungewohnlicher Karriere eigentlich von selbst verstand, 



Speck v. Sternburg. Schlumberger. 13c 

nicht ohne Anfechtung und Widerspruch; er war insbesondere den »alldeutsch« 
gerichteten Kreisen der Heimat, aber auch einem Teil des Deutsch-Amerikaner- 
tums zu sehr Amerikaner geworden, und so wurde behauptet, der vertraute 
Freund des Prasidenten sei nicht geeignet, die Wurde des Deutschen Reichs 
entsprechend zu wahren: zum mindesten musse er alle personlichen Gegner 
des Prasidenten von vornherein gegen sich haben. Mit der siegreichen Popu- 
larity Roosevelts wuchs indessen naturgemafi auch die Stellung des Bot- 
schafters und im ubrigen war gerade er mit dem amerikanischen Wesen genug 
vertraut, um zu wissen, da6 ein Botschafter, wollte er anders erfolgreich tatig 
sein, sich beim amerikanischen Volke beglaubigt fuhlen und seine Popularitat 
namentlich auch bei grofien Versammlungen, patriotischen Festen u.s. w. pflegen 
mufite. So gelang es ihm, seine Stellung mehr und mehr zu befestigen. Schon 
auf dem Deutschen Tag der Weltausstellung in St. Louis am 6. Oktober 1904 
hatte er begeisternde Worte zur Wiirdigung des Augenblickes gefunden, wo so 
viele Tausende und Zehntausende von Mannern und Frauen deutschen Blutes 
sich zusammengefunden hatten wie noch nie zuvor in der Geschichte der groBen 
amerikanischen Republik, und als er darauf den kaiserlichen Grufi und Wunsch 
verlas, dafi dieser Tag in ungetriibter Freude begangen werden moge »als wiir- 
diges Zeugnis dessen, was in der erstaunlichen Entwickelung des groBen trans- 
atlantischen Freistaates die deutsche Einwanderung bedeutet«, da erhoben 
sich alle Anwesenden, die Manner entbloBten das Haupt und die Stimmung 
der Stunde entlud sich in einem dreifachen Hoch auf den Kaiser und in dem 
tausendstimmigen Gesang der »Wacht am Rhein«. Aus den folgenden Jahren 
ist insbesondere das Zustandekommen einer wenn auch nur provisorischen 
Regelung der deutsch-amerikanischen Handelsbeziehungen sowie die Einrichtung 
der Austauschprofessuren zu erwahnen, insbesondere aber das stetige sichtbare 
Wachstum des guten Willens der beiden Volker, in Freundschaft und frucht- 
baren Wechselbeziehungen miteinander zu leben. Und diesen hocherfreulichen 
Erfolg der in Wort und Schrift gleich unermiidlichen Aufklarungs- und Ver- 
sohnungsarbeit des Botschaf ters, der gleichzeitig mit dem Prasidenten Roosevelt 
zum Ehrendoktor der beruhmten Harvard- Universitat in Cambrigde (Boston) 
ernannt wurde, konnte es nicht beeintrachtigen, wenn man hin und wieder 
in der Heimat fand, dafi er in dem einen oder anderen Ausdruck einer offent- 
lichen Rede danebengegriffen habe. Das unbegrenzte Vertrauen des Kaisers 
hielt ihn unbedingt. — Leider liefl der Gesundheitszustand Sp. v. St.s bald 
nach dem Antritt seiner Stellung als Botschafter sehr zu wiinschen ubrig. Ein 
krebsartiges Leiden machte wiederholte Eingriffe notig. In Heidelberg, wo er 
Heilung suchte, nachdem er noch im Friihjahr eine Reise durch Kuba unter- 
nommen hatte, ereilte ihn sein friiher Tod, der von beiden Volkern, ins- 
besondere aber auch von dem Prasidenten Roosevelt in einem iiberaus herz- 
lichen Beileidstelegramm an den Deutschen Kaiser beklagt wurde. — Der Vater 
des Botschafters, Alexander Maximilian Frhr. Speck v. Sternburg, lebt noch 
heute auf Liitzschena. Dr. H e r m a n n D i e z. 



Schlumberger, Johann von, elsassischer GroBindustrieller und Politiker, 
Kais. Wirklicher Geheimer Rat, Dr. pkiL hon. c. y * 24. Februar 18 19 zu Geb- 
weiler, f daselbst 13. September 1908. — Geboren als Sohn eines Fabrikbesitzers 



ig6 Schlumberger. 

und durch die Tradition der Familie gleich seinem Vater zum Industriellen 
bestimmt, zeigte Johann (Jean) Schl. seit seinen Jugendjahren ein uber diese 
Tradition weit hinausgehendes Bildungsinteresse. Ein langerer Aufenthalt in 
der Schweiz trug viel zur Weckung des freien, schlichten Biirgersinnes bei, 
der ihn sein Leben lang erfiillte und auszeichnete; in Paris forderte er seine 
fachwissenschaftlichen Kenntnisse an der *Ecole centrale des arts et des manu- 
facture s« } wahrend sein vielseitiger Geist und Wissenstrieb zugleich im Rechts- 
studium und in der Pflege der schonen Wissenschaften Befriedigung suchte und 
fand. Im Alter von 25 Jahren nach Gebweiler heimgekehrt, ubernahm er die 
vaterliche Fabrik, ein Jahr spater vermahlte er sich mit Clarisse Dollfus, der 
Tochter einer alten Miilhauser Patrizierfamilie, zu mehr als 6ojahriger, uberaus 
glucklicher Ehe, der sechs Kinder entsprofiten. Neben seiner Berufstatigkeit 
fand er andauernd Interesse und Zeit fur die Betatigung auf den verschieden- 
sten wissenschaftlichen Gebieten, insbesondere auf denen der Geschichtswissen- 
schaft und der Altertumskunde, aber auch die Naturwissenschaften, namentlich 
Botanik und Entomologie waren ihm eine Quelle reichen Genusses und der 
im Jahre 1873 gegrundete Vogesen-Verein fand in ihm eines seiner ersten, tat- 
kraftigsten und begeistertsten Mitglieder. Von hoher entscheidender Bedeutung 
war fur Schl. die grofie Umwalzung des Jahres 1870/71 und es ist wesentlich 
mit seinem mafligenden EinfluB zuzuschreiben, wenn die Entwickelung der 
Dinge in den wiedergewonnenen Provinzen bei alien Schwierigkeiten einen 
leidlich befriedigenden Gang nahm. Dem durch Erlafl vom 29. Oktober 1874 ge- 
schaffenen LandesausschuB gehorte er von Anbeginn an und wenn seine Wahl 
zum Prasidenten das erste Mai bei gleicher Stimmenzahl zweier Bewerber 
nur durch das Los erfolgte, so war er doch bald der selbstverstandliche, der 
geborene President und konnte, ein geradezu einzigartiger Fall, zugleich mit 
dem Jubilaum des Landesausschusses im Jahre 1900 sein 25jahriges Jubilaum 
als President feiern. Was ihn in dieser Stellung auszeichnete, war neben seiner 
erstaunlichen Arbeitskraft und unermudlichen Arbeitsfreudigkeit sein immer 
zur Versohnung neigender Charakter und sein auf Milderung der Gegensatze 
bedachter Sinn, der keine Feindschaft, ja nicht einmal eine Gegnerschaft gegen 
den allverehrten Prasidenten aufkommen lieB. Der kaiserliche Dank fur diese 
politische Wirkung wurde ihm in der Verleihung des erblichen Adels und in 
der Ernennung zum Wirklichen Geheimen Rat zuteil. Die Gattin des Staats- 
sekretars Max v. Puttkammer, die hochbegabte Schriftstellerin Alberta v. P., 
hat ihr auf jahrelange Beobachtung gestiitztes Urteil tiber die besonders durch 
schone Ziige von Humanitat anmutende Personlichkeit Schl.s folgendermaflen 
formuliert: »Er wirkte wie eine Verkorperung der Ehrenhaftigkeit, des Altruis- 
mus und der burgerlichen Tugend in Staat und Familie. Er hat von Anbe- 
ginn der deutschen Regierung im wiedergewonnenen Reichsland zu den wenigen 
Bekennern der Politik gehort, die den neuen Boden der geschichtlichen Tat- 
sachen anerkannten und den Mut besaBen, dieses Anerkennen auch zu einem 
Bekennen zu machen. Er stellte sich, obgleich damals schon bejahrt, fest und 
jugendlich in die Reihen derer, die ihre Kraft mit der neuen Regierung gemein- 
sam der Verwaltung ihres engeren Vaterlandes widmeten. Seine GroBherzigkeit 
gegentiber »Enterbten« der Menschheit, sein streng rechtlicher Sinn, seine 
arbeitsfreudige Rustigkeit und sein vermittelnd herzliches Wesen haben ihm 
die Freundschaft aller Kreise erobert.* Im Oktober 1903 wurde er durch Krank- 



Schlumberger. FUrst Innhausen und Knyphausen. 137 

heit genotigt, das Amt, das er fast ein Menschenalter hindurch seinem Heimat- 
lande und defli Reich zum Segen gefuhrt, niederzulegen. Sein Tod wurde im 
ganzen Lande aufrichtig und tief betrauert. Dr Hermann D i e z. 



Innhausen und Knyphausen, Edzard Friedrich Ludwig Karl Adolf 
Theodor, 1, Ftirst zu, Edler Herr zu Lutetsburg und Bergum, Durchlaucht, 
* 14. Dezember 1827 zu Hannover, f 16. Januar 1908 zu Lutetsburg bei Hage 
in Ostfriesland. — Das Geschlecht der Graf en zu Inn- und Knyphausen, dessen 
jeweiligem Oberhaupt vom Kaiser Wilhelm II. zum 1. Januar 1900 der Fiirsten- 
titel verliehen wurde, geht in der weiblichen Linie auf die Hauptlinge zuriick, 
die im 13. Jahrhundert in Ostfriesland emporkamen, und der Kern des alten 
Familienbesitzes Lutetsburg im Kreise Norden hat sich ebenso erhalten wie 
die eigenartigen Vornamen. Im Jahre 1737 erlosch die altere Linie des Hauses, 
die im Laufe der Jahrhunderte in den Reichsfreiherrn- und Reichsgrafenstand 
erhoben worden war: die jungere Linie erlangte im Jahre 1816 die Erhebung 
in den hannoverschen Grafenstand. Ihr gehorte der Vater des Fursten Edzard, 
Graf Karl, vermahlt mit Luise geb. Grafin von Kielsmannsegg, an, der langere 
Jahre als hannoverscher Gesandter am Berliner Hofe tatig war. Graf Edzard 
besuchte von 1842 bis 1847 die Ritterakademie in Liineburg, studierte bis 
1850 Rechtswissenschaft in Bonn, wo er dem Korps Borussia beitrat, und 
Berlin, arbeitete von 1 850 bis 1854 als Auskultator beim Kreisgericht Berlin 
lind wurde 1856 in die hannoversche Erste Kammer berufen und zum han- 
noverschen Kammerherrn ernannt. Nach dem Ubergang Hannovers an PreufJen 
wurde er, durch den im Jahre i860 erfolgten Tod seines Vaters zum Haupt 
der Familie geworden, Mitglied des Provinziallandtages, in dem er lange Jahre 
den Vorsitz fiihrte, spater auch des Provinzialausschusses und der reformierten 
Gesamtsynode. Da dem der Familie I. u. Kn. gehorigen Fideikommifl das 
Recht der erblichen Mitgliedschaft im Herrenhause verliehen wurde, trat er 
im Jahre 1867 auch in das Herrenhaus ein. In den Reichstag, wo er sich als 
Hospitant der konservativen Fraktion anschloB, wurde er von seinem heimat- 
lichen Wahlkreis (dem I. hannoverschen, Emden-Norden-Weener-Leer) zum 
ersten Male im Jahre 1893 entsandt, dann wieder von 1899 ab. Am 16. Januar 
1904 wurde er zum Prasidenten des preufiischen Herrenhauses gewahlt, am 
4. Jahrestag dieser Wahl ist er gestorben. Am 27. Januar 1898 war er zum Kgl. 
preufl. Wirklichen Geheimen Rat ernannt worden: am 1. Januar 1900 erfolgte, 
wie schon erwahnt, die Verleihung des Flirstentitels an das jeweilige Haupt 
der Familie. 

Die politische Stellung des Fursten beruhte hauptsachlich auf dem 
personlichen Ansehen, das er in dem alten Stammland seines Geschlechtes im 
auBersten Nordwesten deutschen Landes genofi. Er war ostfriesischer Land- 
schaftsrat und 35 Jahre lang Vorsitzender des landwirtschaftlichen Haupt- 
vereins Ostfriesland. In diesem jahrzehntelangen innigen Zusammenwirken 
war die autoritative Stellung des alten ostfriesischen Dynasten und Stammes- 
hauptlings gleichsam in moderner Form wieder aufgelebt und als das Muster- 
bild eines ritterlich vornehmen, einfluSreichen ostfriesischen Groflen genoG 
Furst E. hohe Verehrung und unerschutterliches Vertrauen. Seine ganz auCer- 
gewohnliche personliche Beliebtheit im ganzen Lande verschaffte ihm auch das 



!^8 Ftlrst Innhausen und Knyphausen. Ehrhart. Douglas. Holleben. 

Reichstagsmandat trotz der starken Verbreitung liberaler Anschauungen in 
dem Wahlkreise. 

Aus seiner am 7. Juni 1 86 1 geschlossenen Ehe mit Luise Freiin v. Krassow, 
aus dem Hause der Grafen v. Krassow, Herrin des Fideikommisses Pansewitz 
auf Riigen sind 8 Tochter und ein Sohn, der nunmehrige Fiirst Dodo, her- 
vorgegangen. Dr. H e r m a n n D i e z. 



Ehrhart, Franz Josef, Reichstags- und bayerischer Landtagsabgeordneter, 
* 6. Februar 1853 zu Eschbach (Rheinpfalz), f 20. Juli 1908 zu Ludwigshafen. — 
E. besuchte bis 1861 die Volksschule seines Geburtsortes, sodann bis 1864 die 
katholische Volksschule zu Furth in Bayern, lernte sodann ebendort das Tape- 
ziergewerbe, arbeitete als Handwerksgehilfe in England, Frankreich und Bel- 
gien und liefi sich 1882 in Ludwigshafen nieder, wo er 1885 Meister wurde. In 
demselben Jahre wurde er in den Stadtrat gewahlt, seit 1902 gehorte er auch 
dem Distriktsrat an. Der sozialdemokratischen Partei hatte sich E. schon im 
Jahre 1872 angeschlossen, seit 1884 kandidierte er regelmaflig flir den Reichs- 
tag, eroberte aber im Jahre 1898 zum ersten Male den 1. pfalzischen Wahlkreis 
(Speyer-Ludwigshafen), den er bis zu seinem Tode im Reichstage vertrat. Dem 
bayerischen Landtage gehorte er seit 1893 an, und wahrend er im Reichstage 
wenig hervortrat, hat er hier eine bedeutsame Rolle gespielt und auch aufierhalb 
seiner Partei voile Achtung genossen. Dr Hermann D i e z. 

Douglas, W i 1 h e 1 m Ludwig Karl Graf von, badischer Groflgrundbesitzer 
und zeitw. Reichstagsabgeordneter, * 8. Februar 1849 auf Villa Douglas bei 
Konstanz, f 22. April 1908 auf Schlofl Gondelsheim bei Bret ten. — Einer 
der grofiten Grundbesitzer Badens, insbesondere als Universalerbe des am 
II. Juni 1872 gestorbenen Grafen Ludwig von Langenstein und Gondelsheim, 
eines Bruders seiner Mutter, hat Graf W. D. lange Jahre in den landwirt- 
schaftlichen Kreisen des Groflherzogtums eine ftihrende Rolle gespielt: er war 
Vorsitzender des Bundes der Landwirte und Mitglied des Vorstandes der 
konservativen Partei. Von 1888 bis 1898 vertrat er den 13. badischen Wahl- 
kreis (Bretten-Sinsheim) im Reichstage. ^ Hermann Die z. 

Holleben, Dr. Ernst Albert Ludwig von, Exzellenz, K. preufl. Oberlandes- 
gerichtsprasident a. D. und Kanzler im Konigreich Preuflen, * 15. April 181 5 
in Koblenz, | am 25. April 1908 zu Kassel. — H. trat im Jahre 1836 in den 
preuflischen Justizdienst, wurde 1868 Obertribunalrat, 1879 Senatsprasident 
beim Kammergericht und 1885 Oberlandesgerichtsprasident in Konigsberg, 
ein Amt, mit dem traditionsgemafi eines der vier groflen Hofamter im (alten) 
Konigreich (Ost-) Preuflen verbunden ist, das des Kanzlers: als solcher trat 
H. 1886 in das preuflische Herrenhaus ein. Im Jahre 1888 wurde er zugleich 
zum Kronsyndikus ernannt, d. h. zu einem der Rechtsgelehrten, die auf Ver- 
langen der Krone iiber zweifelhafte staatsrechtliche Fragen Berichte zu erstatten 
haben. Seit 1899 hatte er sein Richteramt niedergelegt. Im Herrenhause 
fungicrte er lange Zeit als Altersprasident. Dr Hermann Diez. 



Meyer. Beckh. 130 

Meyer, Df, Alexander, freisinniger Politiker und Schriftsteller, * 22. Februar 
1832 zu Berlin, f 27. Juni 1908 zu Friedenau bei Berlin. — Studierte nach 
Absolvierung des Werderschen Gymnasiums an der Universitat seiner Heimat- 
stadt die Rechte und holte sich nach einigen Jahren praktischen Justiz- 
dienstes an der Universitat Wiirzburg die Doktorwiirde, wandte sich dann 
aber — von 1 862 ab — der Journalistik zu. Von 1864 bis 1866 gehorte er 
der Redaktion der Weserzeitung in Bremen an, schon damals ein begeisterter 
Vertreter der Freihandelslehre, der er sein Leben lang treu geblieben ist, weil 
sie ihm immer nicht nur ein verstandesmafliges Ideal, sondern zugleich eine 
Sache des Herzens und des Charakters war. Daneben aber verfocht er in 
jenen Jahren die deutsche Politik Bismarcks mit voller Hingabe. Von 1866 
bis 1871 Sekretar der Breslauer Handelskammer, 1871 bis 1876 General- 
sekretar des Deutschen Handelstages, trat er im letztgenannten Jahre als 
Abgeordneter fur Breslau (1876 — 88) in das preuflische Abgeordnetenhaus ein, 
dem er sodann wieder von 1892 bis 1893 a ' s Vertreter von Berlin II ange- 
horte. Von 1 88 1 bis 1890 und von 1893 bis 96 vertrat er den Wahlkreis 
Halle, von 1890 bis 1893 den I. Berliner Wahlkreis im Deutschen Reichstage. 
Durch die Sezession von 1880 schied er aus der nationalliberalen Partei aus 
und trat der neu gegnindeten Liberalen Vereinigung bei, die sich 1884 mit 
der Fortschrittspartei zur Deutschen Freisinnigen Partei verschmolz. Er ge- 
horte aber folgerichtig auch zu den Abgeordneten, die in der Krisis von 1893 
sich wieder von Eugen Richter trennten und in der Freisinnigen Vereinigung 
eine Partei schufen, die unbeschadet ihres wirtschaftlichen und politischen 
Liberalismus die Wege der bedingungslosen Opposition in Heeres- und Flotten- 
fragen verliefl. Im Laufe des Jahres 1896 wurde die Wahl M.s fur ungiiltig 
erklartund damit endete seine parlamentarische Tatigkeit. Von 1884 bis 1895 
gehorte er der Berliner Stadtverordnetenversammlung an, in der er zwei 
Jahre lang auch das Amt eines stellvertretenden Vorstehers bekleidete. Als 
Hauptmitarbeiter der Breslauer Ztg., der » Nation « und der Voss. Ztg. zahlte 
A. M. zu den bedeutendsten publizistischen Wortfuhrern seiner Partei. In den 
Parlamenten warM. insbesondere alsRedner von erfrischendem Humor beliebt; 
auflerdem wuflte man, dafl er nur sprach, wenn er etwas Besonderes, Eigenes 
zu sagen hatte. Das sicherte ihm in ungewohnlichem Mafie das Ohr des 
Hauses. Aus Anlafl seines 70. Geburtstages hat Dr. Theodor Barth in der 
^Nation* ein ebenso diskretes wie fesselndes Charakterbild des hervorragenden 
Mannes gezeichnet, der ein vortrefflicher Goethekenner und eine Zierde 
der Weimarer Goethetage war. In seinem Todesjahre erschien noch aus 
seiner Feder: »Aus guter alter Zeit. Berliner Bilder und Erinnerungen« 
(Stuttgart 1908) *), Vorwort von Richard M. Meyer. 

Dr. Hermann Diez. 

Beckh, Hermann, Kgl. bayerischer Justizrat, Reichtstags- und Landtags* 
abgeordneter, * am 15. Oktober 1832 zu Niirnberg, f am 2. April 1908 eben- 
daselbst. — B. war ein hervorragender Vertreter der deutschen Einheits- und 

*) Das Biogr. Jahrb. und der Deutsche Nekrolog haben Alexander Meyer eine Rcihe 
bedeutender Beitrage (Bismarck, Caprivi, Bamberger usw.) zu danken. — Anmerk. d. 
Herausg. 



140 



Beckh. Helldorff-Bedra. 



Freiheitsbewegung, wie sie einerseits in den Burschenschaften, andererseits 
in den Organisationen des deutschen Mannergesanges ihre Trager und Stiitzen 
fand. Im Jahre 1849 beteiligte er sich an der Stiftung der Burschenschaft 
»Germania« in Erlangen, 1862 an der Griindung des Frankischen und des 
Deutschen Sangerbundes, und von 1887 ab war er Vorsitzender des letzteren, 
auf dessen Festen er seine Horer durch seine glanzende, schwungvolle Bered- 
samkeit zu begeistern verstand. Seine Berufslaufbahn fiihrte ihn nach Be- 
endigung seiner juristischen Studien an verschiedene bayerische Gerichtshofe, 
bis er sich in seiner Heimatstadt Niirnberg als Rechtsanwalt niederliefi. 
Politisch war er Mitbegrunder der bayerischen Fortschrittspartei, deren Grund- 
satze er lange Jahre (1875 bis 1881 und 1889 — 1893) wirksam und erfolgreich 
in der bayerischen Abgeordnetenkammer vertrat. Dem Reichstage gehorte er 
als Erwahlter des Herzogtums Coburg von 1893 bis 1903 an. Im Dezem- 
ber 1907 erkrankte er schwer, um einige Monate spater einem Herzschlage 

zu erlie S en ' Dr. Hermann Diez. 



Helldorfl-Bedra, Otto Heinrich von, preufl. Grofigrundbesitzer und 
konservativer Politiker, * 16. August 1833 auf Schlofi Bedra (bei Neumark, 
Provinz Sachsen), f am 11. Marz 1908 ebendaselbst. — Nach Vollendung seiner 
juristischen und kameralistischen Studien in Bonn, Leipzig, Heidelberg und 
Berlin trat v. H. in den preufiischen Staatsdienst, arbeitete am Kreisgericht 
und bei der Regierung in Merseburg, wurde 1867 Landrat in Wetzlar, schied 
jedoch 1874 aus dem Staatsdienst aus, um die vaterlichen Giiter zu ubernehmen. 
Schon im Jahre 1871 war er aber als Reichstagsabgeordneter fur Wetzlar in 
die politische Laufbahn eingetreten, und mit Ausnahme der Wahlperiode 1 88 1 — 84 
war er von 1877 bis 1890 ununterbrochen Mitglied des Reichstags, und zwar 
als Vertreter des Wahlkreises Wittenberg. Zu Ende 1890 wurde er dann von 
dem Wahlkreis Schlochau-Flatow nochmals in den Reichstag entsandt. 1884 
wurde er zum Mitglied des neu organisierten Staatsrats ernannt und 1 890 
aus allerhochstem Vertrauen in das preuOische Herrenhaus berufen. — Eine 
ganz hervorragende, freilich zunachst auch viel angefochtene Rolle hat v. H. 
in der Geschichte der deutsch-konservativen Partei gespielt. An ihrer Neu- 
organisation im Jahre 1876 nahm er wesentlichen Anteil und er wurde fuhrendes 
Vorstandsmitglied der Reichstagsfraktion wie des parteileitenden Wahlvereins- 
Ausschusses. Ihren Hohepunkt erreichte seine politische Laufbahn in der 
Mitte der achtziger Jahre, insbesondere durch die Wahlen zum sogenannten 
Kartellreichstag im Jahre 1884, dessen politische Konstellation seiner gemafiigten, 
regierungsfreundlichen Richtung am meisten entsprach. Die Konservativen 
errangen damals die hochste Zahi ihrer Reichstagsmandate. Bald aber erwuchs 
der von ihm und v. Levetzow vertretenen gemafiigten Gruppe eine immer 
heftigere Gegnerschaft von seiten des extremen Fliigels unter dem Kreuzzeitungs- 
redakteur v. Hammerstein und dem Hofprediger Stocker. Sein Eintreten fur 
die Landgemeindeordnung und die Handelsvertrage sowie sein ubrigens nicht 
ganz geklarter Anteil an der Zuruckziehung des reaktionaren Zedlitzschen 
Schulgesetzentwurfs beeintrachtigten seine Stellung innerhalb der Partei, ganz 
besonders aber das Emporkommen des Bundes der Landwirte und die auf 
der sogenannten Tivoli-Versammlung im Dezember 1892 vollzogene radikale 



HelldorfF-Bedra. Lucanus. 



141 



Schwenkung der Agrarier. Das politische Organ v. H.s war das Conservative 
Wochenblatt«, das damals in scharfem Kampf gegen die Kreuzzeitung lebte. 
Der radikale Flugel gewann jedoch die Oberhand. Die konservative Fraktion 
des Herrenhauses erklarte schliefllich, dafl sie v. H. als nicht mehr zu ihr ge- 
horig betrachte, und auch die Fraktion des Abgeordnetenhauses fafite Be- 
schliisse gegen ihn: bei der Neuwahl des geschaftsfuhrenden Parteiausschusses 
im Jahre 1892 wurde v. H. beiseite gedrangt, ebenso bei der Neuwahl des 
Vorstandes der Reichstagsfraktion in demselben Jahre. Auch das Conser- 
vative Wochenblatt«, in dem H. den Kampf gegen die radikalen Elemente 
weiterfiihrte, konnte sich unter der Ungunst der Verhaltnisse nicht halten 
und horte zu Ostern 1893 zu erscheinen auf. In diesem Jahre zog sich H. 
von den Parteikampfen zuriick und widmete sich fortan, von Kaiser Wilhelm II. 
vielfach durch Beweise seiner besonderen Gunst ausgezeichnet, vornehmlich 
der Bewirtschaftung seiner Giiter. — Einen verdienstvollen Anteil hat v. H. 
als Mitglied der Kommission fur die Ausarbeitung des neuen Biirgerlichen 
Gesetzbuches auch an der Vereinheitlichung des deutschen biirgerlichen Rechts 
genommen. Dr. Hermann Diez. 



Lucanus, Friedrich Karl Hermann von, Wirkl. Geheimer Rat und 
Chef des Kaiserlichen Geheimen Zivilkabinetts, * 24. Mai 1 83 1 zu Halberstadt, 
t 3. August 1908 zu Potsdam. — L. entstammt einer angesehenen biirgerlichen 
Familie Halberstadts. Sein Vater war Apotheker, zugleich als Gonner und 
Forderer der Kunst geschatzt und verehrt. Nach Absolvierung des Gymnasiums 
in H. und Beendigung seiner juristischen St&dien (Heidelberg und Berlin) 
trat L. im April 1854 als Auskultator in den preufiischen Justizdienst und 
wurde, nachdem er in Halberstadt und Frankfurt a. 0. tatig gewesen, 1859 
als Hilfsarbeiter in das Kultusministerium berufen, in dem er bis zum 
Unterstaatssekretar aufstieg (1866 Regierungsrat, 1871 Vortragender Rat, 1878 
Ministerial-Direktor, 1881 Unterstaatssekretar). Im Jahre 1884 wurde er ehren- 
halber von der Universitat Gottingen zum Dr. juris, von der Universitat Halle 
zum Dr. med. promoviert; 1886 wurde er zum Wirklichen Geheimen Rat mit 
dem Pradikat Exzellenz ernannt, 1888 wahrend der kurzen Regierungszeit Kaiser 
Friedrichs III. in den erblichen Adelstand erhoben. Noch in diesem selben 
Jahre begann mit der Ernennung zum Geheimen Kabinettsrat und Chef des 
Geheimen Zivilkabinetts Kaiser Wilhelms II. diejenige Periode seines Lebens, 
die mit der Zeit seinen Namen zu einem der popularsten in Deutschland machte. 
Allerdings barg sich in dieser Popularitat ein gutes Teil Legende. Seit der 
grofieren Offentlichkeit bekannt geworden war, dafi der Kaiser sich naturgemafl 
seines Kabinettschefs bedient hatte, um den zogernden Flirsten Bismarck zur 
Einreichung des angeklindigten Abschiedsgesuches zu veranlassen und zumal, 
seit man in einigen minder bedeutsamen spateren Fallen in Erfahrung gebracht, 
dafi der Chef des Zivilkabinetts in diesem oder jenem Ministerpalais erschienen 
war, um der mehr oder minder uberraschten Exzellenz das Ende der Minister - 
herrlichkeit zu verkunden, gewohnte man sich in der politischen Welt, nament- 
lich aber auch in der Presse und in den Witzblattern, allmahlich daran, Lucanus 
als den Uberbringer der seidenen Schnur anzusehen, der berufen sei, das un- 
berechenbare Moment des Herrscherwillens in die Politik einzufiihren. Natur- 



142 



Lucanus. Eckardt. 



gemafi gehorte allerdings auch die Ausfuhrung solcher Auftrage durchaus 
zum amtlichen Pflichtenkreis des Kabinettschefs, der die Durchgangsstelle bildet 
fiir alle vom Monarchen unmittelbar ausgehenden oder unmittelbar an ihn 
herantretenden Angelegenheiten, aber es versteht sich von selbst, dafi weder 
das Amt als solches, noch sein Trager irgendwie charakterisiert wird durch 
diese immerhin exzeptionellen und seltenen dramatischen Eingriffe in das poli- 
tische Leben. Dagegen ist sicherlich auch die stille, gerauschlose, regelmafiige 
Tatigkeit des Kabinettschefs von allergrofiter politischer Bedeutung. Indem er 
das Material herbeischafft fur die Orientierung des Monarchen, Erkundigungen 
einzieht uber die ihn interessierenden Personlichkeiten und Dinge und dem 
Trager der Krone durch all das menschlich viel naher tritt als normalerweise 
selbst ein leitender Minister, wird er mit Naturnotwendigkeit, falls er sich in 
seinem Amte iiberhaupt zu halten weiG, zu einem der nachsten Vertrauens- 
manner und damit zum Trager eines ganz bedeutenden Einflusses. Und so 
ist es auch ein iiberaus ehrenvolles Zeugnis und ein sprechender Beweis fiir die 
Lauterkeit seines Charakters, dafi in den zwanzig Jahren, in denen Herr von 
Lucanus sein verantwortungsvolles Amt bekleidet hat, niemals und von keiner 
Seite auch nur der leiseste Vorwurf des Amtsmifibrauchs gegen ihn erhoben 
worden ist. Ein hochstesMafi personlichen Taktes hat sich in ihm mit der ge- 
diegensten und glanzendsten Schulung des hohen preuflischen Beamtentums 
verschmolzen und das Ergebnis war eine geradezu vorbildliche Losung der 
ihm gestellten unendlich schwierigen Aufgabe, dem Kaiser die Erledigung 
seiner Geschafte durch unparteiischen Vortrag zu erleichtern und in weit- 
gehender Resignation zum Gehilfen der kaiserlichen Intelligenz und zum Organ 
des kaiserlichen Willens zu werden. Im Jahre 1897 zeichnete der Kaiser seinen 
getreuen Kabinettschef durch die Verleihung des Schwarzen Adlerordens aus. 

Dr. Hermann Diez. 



Eckardt, Julius von, K. preufi. Geh. Regierungsrat, Kais. Generalkonsul 
und Publizist, * 1. August 1836 in Wolmar (Livland), f 20 - Januar 1908 in 
Weimar. — In der baltischen Heimat, in der sein Vater spater als Assessor des 
Mitauschen Rates wirkte, war E. nach Vollendung seiner rechtswissenschaft- 
lichen und geschichtlichen Studien eine Zeitlang als Sckretar des livlandischen 
Landeskonsistoriums in Riga tatig, fiihlte sich aber schon fruh zu publizisti- 
scher Tatigkeit getrieben und zwar unter dem Druck der immer schroffer auf- 
tretenden Russifikationsbestrebungen. Die Organe seiner Heimat — die Bal- 
tische Monatschrift, der Rigasche Almanach und die Rigaer Zeitung, deren 
Mitherausgeber er schliefilich wurde — waren jedoch fiir eine erfolgreiche 
Durchfiihrung dieses Kampfes viel zu schwach und so gait es, die westeuropa- 
ische Presse als Bundesgenossin zu gewinnen. Zu diesem Zweck mufite vor 
allem das n^mentlich in liberalen Kreisen Deutschlands weit verbreitete Vor- 
urteil zerstort werden, als ob es sich in den Ostseeprovinzen urn den reak- 
tionaren Widerstand des feudalen, grundbesitzenden Adels gegen die Befreiung 
der unteren Volksschichten handelte. Dieser Aufklarung sollte eine Reise 
dienen, die E. im Jahre 1865 nach Deutschland, Frankreich und Belgien unter- 
nahm und die ihn u. a. nach Berlin, Leipzig, Augsburg, Frankfurt, Koln und 
Hamburg fuhrte. Sie war keineswegs erfolglos, mit Siegesgewifiheit konnte 



Eckardt. 



143 



sie ihn aber nicht erfiillen. Dagegen wurde die in Leipzig angekniipfte Ver- 
bindung mit den »Grenzboten« entscheidend fCir sein ganzes Leben. Im Jahre 
1867 folgte er, nicht leichten Herzens, aber mehr und mehr iiberzeugt von 
der Aussichtslosigkeit des Kampfes um das Deutschtum seiner Heimat einem 
dringenden Rufe Gustav Freytags an die »Grenzboten«, denen er eine Reihe 
wertvoller Beitrage geliefert hatte. Auf Grund einer Besprechung mit Bismarcks 
Gehilfen v. Keudell ubernahm er bald auch die Aufgabe, dem Auswartigen 
Amt wochentlich eine gedrangte Zusammenfassung samtlicher fur die aus- 
wartige Politik bedeutsamer russischer Preflstimmen zu liefern, Diese Tatig- 
keit horte in den siebziger Jahren auf, wurde aber wahrend des russisch- 
tiirkischen Krieges wieder aufgenommen. Von 1 870 bis 1874 redigierte er 
den Hamburgischen Correspondenten. In diese Zeit fallt sein Bekanntwerden 
mit Lujo Brentano und seine hervorragende Beteiligung an den Vorarbeiten 
fiir die ersten sozialpolitischen Kongresse in Halle und Eisenach. Im Jahre 
1874 trat er als Senatssekretar in den Dienst des hamburgischen Staats, 
eine ungewohnliche Wahl, die er selbst als eine Art Konzession an den 
Liberalismus bezeichnet. Bei der Wahl zum Syndikus wurde er aber wenige 
Jahre spater doch ubergangen und eine wenig riihmliche Schwache, die im 
Friihjahr 1882 Burgermeister Dr. Petersen angesichts einer diplomatischen 
Beschwerde Rufllands (iber die literarische Tatigkeit E.s an den Tag legte, 
trug vollends dazu bei, ihm den hamburgischen Staatsdienst zu entleiden. 
So beharrte er, empfindlich verletzt, auf seinem Abschiedsgesuch, auch als 
auf das Eingreifen Bismarcks der Senat ihm die Zurucknahme nahelegte. 
Nach einem kurzen Schwanken zwischen der Riickkehr zur Journalistik und 
dem Eintritt in den preufiischen oder Reichsdienst entschlofl er sich fiir den 
letzteren Weg. Schon vor dem russischen Zwischenfall hatte er mit dem 
Staatssekretar v. Boetticher wegen eventueller Ubernahme des PreOdezernats 
verhandelt, die Sache hatte sich aber zerschlagen, anscheinend an der von 
ihm gestellten Bedingung einer volligen Zentralisation. Das sympathische 
Interesse Bismarcks fur seine Person und seine Tatigkeit offneten ihm aber 
trotzdem die Bahn; er sollte, so hatte der Kanzler angeordnet, angestellt 
werden, sobald der russische Rauch sich verzogen habe. Zunachst allerdings 
war nur eine Stelle im inneren preufiischen Dienst frei, die, nicht eben zu 
seiner Freude, vom Polizeiprasidium ressortierte (1. Juli 1882). Er erhielt 
den Titel eines Geheimen Regierungsrats, wurde aber bald als Hilfsarbeiter 
in das Auswartige Amt berufen; 1885 ging E. als Konsul nach Tunis, 1889 
nach Marseille, 1892 als Generalkonsul nach Stockholm, 1897 als Konsul mit 
dem Titel dines Generalkonsuls nach Basel, 1900 als Generalkonsul nach Zurich. 
Hier fing seine Gesundheit ernstlich zu leiden an, bald nachdem ihm der Tod 
seiner Gattin, einer Tochter des beriihmten Violinvirtuosen Ferdinand David, 
die traute Hauslichkeit zerstort hatte. So trat er 1 907 in den Ruhestand und 
zog sich nach Weimar zuruck. Am 23. Januar 1908 wurde er in Travemlinde in 
der Stille, aber unter vielfachen ehrenvollen Zeichen der Teilnahme beigesetzt. 
Julius v. E. war in erster Linie Balte, ein getreuer Sohn, ein intimer Kenner 
und ein hervorragender publizistischer Anwalt seiner vielgepriiften Heimat. 
Er hat sie nicht retten konnen, aber er hat ihr nicht nur manches schone 
und bleibende literarische Denkmal gesetzt, sondern auch als Mann der Tat 
gekampft solange es moglich war. Und sie hat ihm diese Liebe auch gelohnt. 



144 



Eckardt. 



Denn der Liebe zu seiner ersten Heimat verdankte er jene genaue Kenntnis 
der russischen Verhaltnisse, die ihn in seiner zweiten Heimat um so mehr 
auszeichnete, je seltener sie selbst in den Kreisen war, wo man ihrer dringend 
bedurft hatte. So fand er die russische Politik Bismarcks an dem kapitalen 
Fehler leidend, dafi sie davon ausging, auch in dem Rufiland der siebziger 
Jahre bedeute die Person des Selbstherrschers Ein und Alles, was zu einer 
verhangnisvollen Unterschatzung der deutsch-feindlichen Stimmung im russi- 
schen Volke fuhren muflte. Um diese Erkenntnis zu fordern, hatte er im 
Jahre 1873 eine anonyme Sammlung von Aufsatzen »Aus der Petersburger 
Gesellschaft« herausgegeben, deren buchhandlerischer Erfolg seine kiihnsten 
Erwartungen iibertraf. Natiirlich beklagte er auch die »ehrliche Makler«- 
politik des Berliner Kongresses und er machte damals einen energischen publi- 
zistischen Versuch, ein Zusammengehen zwischen Deutschland und England 
herbeizufuhren, den kein geringerer als Bismarck selbst einer warm anerkennen- 
den Besprechung in der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung gewiirdigt hat. 
Aber der Sturz Lord Beaconsfields machte diese Bemiihungen gegenstandslos. 
Was ihm das amtliche Leben brachte, mochte ihm, gemessen an diesen Ge- 
danken und Planen, wie ein bescheidenes Glimmen und schliefiliches Verloschen 
im stillen Winkel erscheinen und ist ihm tatsachlich so erschienen. An und 
fur sich aber hat er ein reiches und schones Leben gelebt. Ein Bild davon 
gibt schon eine Aufzahlung seiner Bucher. Er hat unter seinem Namen ver- 
offcntlicht: York und Paulucci, Aktenstucke und Beitrage zur Geschichte der 
Konvention von Tauroggen 1865; Die baltischen Provinzen Rufilands 1869 
(2. Aufl. 1877); Baltische und russische Kulturstudien 1869; Burgertum und 
Bureaukratie. Vier Kapitel aus der neuesten livlandischen Geschichte 1869; 
Juri Samarins Anklage gegen die Ostseeprovinzen 1869; Rufilands landliche 
Zustande seit Aufhebung der Leibeigenschaft 1870; Jungrussisch und alt- 
livlandisch 1871; Livland im 18. Jahrhundert 1876; Russische und baltische 
Kulturbilder 1876; Garlieb Merkel uber Deutschland zur Schiller- und Goethe- 
zeiti797 — 1806 1887; Ferdinand David und die Familie Mendelssohn -Bartholdy 
1888; Figuren und Ansichten der Pariser Schreckenszeit (1791-— 94) 1893, — 
Anonym sind aus seiner Feder erschienen: Aus der Petersburger Gesellschaft 
1873 (5. Aufl. 1880); Neue Folge 1874 (3. Aufl. 1881); Rufiland vor und nach 
dem Kriege 1879; Von Nikolaus bis Alexander III. 1881; Russische Wand- 
lungen 1882; Aussichten des deutschen Parlamentarismus 1882; Memoiren 
eines Livlanders (Eckardts Grofivater Lenz) 1883; Rufiland unter Alexander III. 
1891; Berlin-Wien-Rom, Betrachtungen uber den neuen Kurs und die neue 
europaische Lage 1892. 

In einem seiner ersten Essays schildert v. E. Bismarcks Personlichkeit 
und Wirken wahrend seiner Petersburger Botschafterzeit und zeigt schon darin 
seine herzliche Bewunderung fur den grofien Staatsmann, den ersten, der sich 
und die Ehre des preufiischen Namens auch ohne den Glanz aufieren Auftretens 
in der hochmiitigen St. Petersburger Gesellschaft zu behaupten und durch- 
zusetzen wuflte. Seine spateren Erlebnisse, zu denen auch eine personliche 
Begegnung mit Bismarck gehort, und die politische Entwicklung als solche 
konnten trotz des schon erwahnten Gegensatzes speziell in den Fragen der russi- 
schen Politik diese verehrungsvolle Anhanglichkeit nur vertiefen, und so hat 
er schliefllich auch den Wechsel des Kurses im Jahre 1890 sehr schmerzlich 



Eckardt. Gersdorff. Schnabel. 14 c 

empfunden. Er veroffentlichte denn auch im Jahre 1892 die an letzter Stelle 
genannte Broschlire, die trotz ihrer Anonymitat nicht ohne EinfluB auf seine 
amtliche Laufbahn geblieben zu sein scheint. Im ubrigen war er auch nie eine 
Beamtennatur, sondern viel eher Gelehrter und Schriftsteller. In der Geschichte 
des Baltentums hat er seinem Namen eine dauernde ehrenvolle Stellung ge- 
schaffen, aber auch seine sonstigen Veroffentlichungen tragen durchweg den 
Stempel jener hoheren, von historischem Geist durchwehten Publizistik, die 
in der deutschen Presse nur selten auftritt. Die Erinnerungen, die Sohnes- 
hand in der Deutschen Rundschau zu veroffentlichen begonnen hat (Jahr- 
gang 1910, Marz und folgende Hefte), zeigen uns eine feingebildete, scharf- 
sinnige, vornehme und sympathische Personlichkeit, die viel erlebt und 
an allem Erlebten das Bedeutsame, das Wesentliche erkannt und es zur 
Bereicherung des eigenen Innenlebens kraftvoll angeeignet hat. 

Gebiete, die ihm lieb und vertraut geworden, waren insbesondere auch Sud- 
frankreich und Nordafrika. Seine historischen Untersuchungen galten u. a. der 
Geschichte der Demokratie und des Parlamentarismus, die beide seiner geistes- 
aristokratischen Personlichkeit wenig sympathisch waren. — Von der zahlreichen 
Familie, die v. E. zuruckliefl, steht der eine Sohn im diplomatischen Dienst des 
Reichs, ein anderer redigiert den Hamburgischen Correspondenten, wie vor mehr 
als einem Menschenalter sein Vater getan ; eine Tochter war mit dem im Jahre 19 10 
getorbenen Generalkonsul Knappe vermahlt. £> r# Hermann Diez. 

Gersdorff, Hans Otto Gust von, Rittergutsbesitzer, K. preufl. Rittmeister 
der Reserve und konservativer Politiker, * 10. Januar 1864 zu Bauchwitz, 
Reg.-Bez. Posen, f 17. Oktober 1908 auf Schlofl Bauchwitz. — G. besuchte 
von 1874 bis 1884 das Gymnasium in Meseritz und die Klosterschule in Rofi- 
leben, studierte 1884 — 85 zu Berlin Jura, diente von 1885 bis 1892 beim 2. 
Garde-Ulanen- und 5. Kiirassier-Regiment, widmete sich sodann theoretisch 
und praktisch der Land- und Forstwirtschaft, machte langere Reisen in Italien, 
besuchte Algier und den Orient, ubernahm 1892 den vaterlichen GroOgrund- 
besitz und wurde im Jahre 1900 als Vertreter des Wahlkreises Meseritz- Bomst 
(3. Posen) in den Reichstag gewahlt; zugleich trat er als Mitglied des engeren 
Ausschusses der Posener Landschaf t und stellvertretenderVorsitzender desKreis- 
ausschusses in die erste Reihe seiner Standes- und Berufsgenossen. G. war ein 
uberzeugter Konservativer und Agrarier und namentlich auch ein entschlossener 
Gegner der Sozialdemokratie. Sein fruher Tod hat einer allem Anschein nach 
bedeutenden Laufbahn ein Ende gemacht. £) r> Hermann Diez. 

Schnabel, Isidor, Ophthalmologe, * 14. November 1842 in Neubidschov in 
Bohmen, 1 4- Dezember 1908 in Wien. — Friih reif, maturierte er mit 17 Jahren 
am Prager Grabengymnasium, absolvierte das medizinische Universitats- 
studium in Wien und Prag und wurde an der Wiener Universitat am 14. Marz 
1865 promoviert. Nach kurzem Studium an der chirurgischen und medizinischen 
Klinik in Wien wurde er Schuler Eduard von Jaegers, bald dessen Mitarbeiter. 
1 87 1 habilitierte sich Sch. an der Wiener Universitat fur Augenheilkunde, und 
bald zog der junge Gelehrte die Aufmerksamkeit der Fachgcnossen auf sich. 
Auf Grund scharfsichtiger Beobachtungen, kritischer Sichtung des gesammelten 
Materiales und logischer Induktion wagte er es, an den feststehendsten Saulen 

Biogr. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog*. 13. Bd. IO 



I46 Schnabel. 

der Ophthalmologic zu riitteln. Fur Sch. gab es kein Paktieren mit der herr- 
schenden Lehre, keine Kompromisse, wenn er Neues gefunden. Er hat nie ver- 
sucht, zwischen den eingewurzelten Dogmen der herrschenden Lehre und seinen 
neuen Lehren dem Verstande eine Briicke zu bauen. So war und ist Sch. auch 
heute noch vielen, die seine Bedeutung nicht zu erfassen vermogen oder ver- 
stehen wollen, »ein Hain am Wegessaum« (Lenau). 

1877 wurde Sch. als Professor der Augenheilkunde, Nachfolger Mauthners, 
des alteren Jaeger- Schulers, deji er an Leistung und Erfolg bald gewaltig liber - 
traf, nach Innsbruck, Mai 1887 nach Graz berufen. Mai 1 891 ubernahm er die 
durch das Scheiden Sattlers verwaiste Lehrkanzel an der Prager deutschen 
Universitat, um endlich im Mai 1895 an die Statte seines ersten Wirkens, nach 
Wien, zuruckzukehren. 1898 wurde er zum Hofrat ernannt. Mitten in voller 
Schaffenskraft, auf dem Hohepunkte seiner Leistungen und seines Erfolges, 
wurde er, ohne Vorboten, auf dem Wege zur Klinik von jahem Tode ereilt. 

Sch.s Wirken als Lehrer der Augenheilkunde bedeutet einen Markstein 
der Geschichte des ophthalmologischen Unterrichtes. Er hat zuerst das Ge- 
samtgebiet der Augenheilkunde unterrichtet, er hat an alien deutschen Hoch- 
schulen Osterreichs den Unterricht in der Ophthalmoskopie und in den optischen 
Fehlern des Auges, welche Spezialzweige kurzsichtige Fachgenossen den Spe- 
zialisten vorbehalten wissen wollten, eingefuhrt: widerwillig ist man ihm 
gefolgt, aber heute ist die ganze ophthalmologische Welt von der Unentbehr- 
lichkeit der genannten Teildisziplinen fiir den Arzt uberzeugt. 

Dem Unterrichte hat sich Sch. mit gluhender Begeisterung hingegeben. 
Der tiefe Gedankenreichtum, die plastische, vollendete Form seiner Vortrage 
haben sie oft weit liber den Rahmen klinischen Unterrichtes hinausgelioben, 
haben dem Schiiler nicht nur Belehrung, sondern auch Anregung zu weiterem 
Forschen gegeben. Sch. war der grofite Meister der Rede, den ich gekannt. 

Sch.s wissenschaftliches Wirken gehort nicht der Vergangenheit an, es ist 
die Gegenwart der Ophthalmologic Ein abschlieOendes Urteil dariiber wird 
die Zukunft bringen, aber schon heute beginnt in dem Lieblingsarbeitsfelde 
Sch.s, in der Glaukomlehre, die Saat, die er gelegt, zu keimen, und ich glaube 
kein falscher Prophet zu sein, wenn ich es ausspreche, daB in Jahren die voile 
Bedeutung seiner Forschungen uber das glaukomatose Sehnervenleiden erst 
anerkannt werden wird. Seine Schatten wirft dies Ereignis schon voraus. 

Neben dem Glaukom waren die Kurzsichtigkeit und die Lehre vom Schielen 
Lieblingsstudien Sch.s. Besonders die letztgenannten Arbeiten, die zweifellos 
zu dem besten gehoren, was uns die Neuzeit der Ophthalmologic gebracht, 
werden erst, wenn der personliche Kampf erloschen sein wird, als Grundpfeiler 
unseres Wissens anerkannt werden. 

Wahrhaftigkeit und das ernste Streben nach Vollkommenheit gaben dem 
Leben Sch.s das Leitmotiv, Pflichterfullung und Arbeit die Harmonic. Un- 
beeinflufit und unbeirrt durch die Meinung der Welt ging er seinen Weg. Er 
war der treueste Freund, der verlaGlichste Charakter. Wenige haben ihn ganz 
gekannt, wer ihm naher trat, wer ihn kennen lernte, konnte ihm Hochachtung 
und Bewunderung nicht versagen, auch wenn er sein Freund nicht wurde. 
Nicht schwanken wird sein Charakterbild in der Geschichte. 

WichtigstePublikationen: Uber die Lage und Grofle des aufrechten Bildes 
des Augenhintergrundes. Kiinische Monatsbl. fQr Augenheilk. 1872. X. — Zur Lehre von den 



Schnabel. Schafer. 147 

Ursachen dcr Kurzsichtigkeit. Arch. f. Ophthalm. 1874. XX. 2. — Notiz uber die Jagerschen 
Schriftskalen. Arch, fur Augen- u. Ohrenheilkunde. 1876. V. 1. — Ober die angeborene Dis- 
position zum erworbenen Staphyloma posticum Scarpae. Wiener med. Wochenschr. 1876. 
Nr. 33 — 37. — Die Begleite- und Folgekrankheiten der Iritis. Arch. f. Augen- u. Ohrenheilk. 
1876. V. 1. — Uber Glaukom und Iridektomie. Arch. f. Augen- und Ohrenheilk. 1876. VI. 1. 

— Beitrage zur Lehre vom Glaukom. Arch. f. Augen- und Ohrenheilk. 1877. VI. 1. — Bei- 
trage zur Lehre vom Glaukom. Zweiter Artikel. Ebend. 1878. VII. — Zur Lehre von der 
ophthalm oskopischen Vergroflerung. Arch. f. Augenheilk. 1880. IX. 3. — Ophthalmologische 
Mitteilungcn. I. Ober Sekundarglaukom. II. Uber arteficielle und pathologische Hypotonic 
Wiener med. Blatter. 1880. — Mitteilungen aus der Innsbrucker Augenklinik aus den Jahren 
1880 u. 1 88 1. Wiener med. Blatter. 1882. Nr. 22 — 26, 33 — 34. — Ober syphiiitische Augen - 
erkrankungen. Ebend. 1882, p. 1015, 1048. — Ober Geistesstorungen nach Augenoperationen. 
Ber. d. naturw. med. Vereins in Innsbruck. 1883. — Zur Symptomatologie der Retinitis al- 
buminuria*. Ebend. — Ober Macular-Colobom, physiologische Exkavation und angeborenen 
Conus. Wiener med. Blatter. 1884. N. 6 — 9. — Beitrage zur Lehre vom Glaukom. Dritter 
Artikel. Arch. f. Augenheilk. 1885. XV. — (Mit T h. S a c h s.) Uber unvollstandige Embolie 
der Netzhaut-Schlagader und ihrer Zweige. Ebend. 1884. XIV. — Das glaukomatose Seh- 
nervenleiden. Arch. f. Augenheilk. 1892. XXIV. — Ober die Beleuchtung des Gesichtsfeldes 
bei der Untersuchung mit dem Augenspiegel. Prager med. Wochenschr. 1892. Nr. 30. — 
Ober eine Sehs toning durch Suggestion bei Kindera. Prager med. Wochenschr. 1893. Nr. 10. — 
Ober Einwartsdrehung der W r impern bei follikularer Bindehautentziindung. Ebend. Nr. 20, 
21. — (Mit Herrnheiser.) Ober Staphyloma posticum, Conus und Myopie. Zeitschr. f. 
Heilk. 1895. XVI - — Ober 2 Falle von Strabismus. Wiener klin. Wochenschr. 1897. Nr. 47. 

— Kleine Beitrage zur Lehre von der Augenmuskellahmung und zur Lehre vom Schielen. 
Wiener klin. Wochenschr. 1899. Nr. 20, 22 und 31. — Ober das Sekundarschielen. Wiener 
klin. Wochenschr. 1901. Nr. 49. — Die glaukomatose Sehnervenatrophie. Wiener med. 
Wochenschr. 1900. Nr. 24 u. 25. — Die sympathisers Iridocyklitis. Wiener med. Wochenschr. 
1902. Nr. 29 u. 30. — Die Entwicklungsgeschichte der glaukomatosen Exkavation. Zeitschr. 
f. Augenheilk. 1905. XIV. — Klinische Daten zur Entwicklungsgeschichte der glaukomatosen 
Exkavation. Zeitschr. f. Augenheilk. 1908. XIX. S. 335. — Uber die Methode des klinischen 
Forschens und Lernens. Antrittsvorlesung. Prager med. Wochenschr. 1895. Nr. 28. — Fest- 
rede aus Anla6 der Enthiillungsfeier des Denkmals Prof. L. Mauthners. Ebend. Nr. 12. 

— Karl Stellwag von C a r i n. (Eine Gedachtnisrede, gehalten in der Ophthalm. 
Gesellsch. in Wien am 1. Dezember 1904). Wiener klinische Rundschau. 1904. Nr. 50. g 

Schafer, Carl, Architekt, Professor an den Technischen Hochschulen in 
Charlottenburg und Karlsruhe, Oberbaurat, Dr. ing., * 18. Januar 1844, 
t 5. Mai 1908. — Sch. wurde in Cassel geboren und besuchte nach Absolvierung 
der Realschule die dortige »Hohere Gewerbeschule«, zunachst als Ingenieur, 
seit i860 unter Ungewitters Leitung als Architekt. Nach Vollendung des Stu- 
diums arbeitete er bis 1862 in Ungewitters Atelier und besuchte gleichzeitig 
die Casseler Kunstakademie. Nach kurzer Tatigkeit als Lehrer der Bauge- 
werkschule zu Holzminden trat er 1864 in das Dombauamt zu Paderborn ein, 
wo in der Hauptsache nach seinen Entwiirfen die Wiederherstellung des Domes, 
das bischofliche Konvikt, das Generalvikariat und zahlreiche andere, meist 
kirchliche Bauten in Stadt und Diozese Paderborn ausgefuhrt wurden. In 
selbstandiger Stellung fuhrte er alsdann die Wiederherstellung der Busdorf- 
kirche in Paderborn und zweier Kirchen in Lippspringe aus und baute auch 
Schlofl Hinnenburg bei Brakel. — 1867 ging er nach Miinchen und war dort 
bei der Wiederherstellung der Frauenkirche, fiir die konigliche Glasmalerei- 
anstalt und mit Privatbauten beschaftigt. 1868 wurde er an der »Hoheren 

io« 



I48 Schafer. 

Gewerbeschule* in Cassel als Ungewitters Nachfolger Lehrer der Architektur, 
bis diese Anstalt 1870 in eine einfache »Gewerbeschule« verwandelt wurde, 
worauf er sein Amt niederlegte. In diesen 2 Jahren entwickelte er in Cassel, 
Marburg, Lippoldsberg, Frankenberg, Wetter, Amoneburg, Gelnhausen und 
an anderen Orten in Wiederherstellungen und Neubauten eine rege Bau- 
tatigkeit. Besonders zu erwahnen aus diesem Lebensabschnitt ist sein Wett- 
bewerbsentwurf fiir die Johanniskirche in Altona, der als erster und einziger 
seiner Art die Formengebung des historischen Backsteinbaus zeigt, wie sie 
seitdem in ganz Norddeutschland ublich geworden ist. Von 1 87 1 bis Jj war 
Sch. Universitatsbaumeister in Marburg und zeitweise zugleich Stadtbaumeister 
daselbst. Neben einer groBen Anzahl von Wiederherstellungen und Neubauten 
in und um Marburg errichtete er in diesen Jahren das Kollegiengebaude der 
dortigen Universitat. Durch dieses Bauwerk trat Sch. als Siebenundzwanzig- 
jahriger in die erste Reihe der deutschen Architekten des 19. Jahrhunderts. 
Dem bis dahin bei Monumentalbauten allein herrschenden und spater noch 
lange bevorzugten italienisch-griechischen Formalismus mit seiner starren 
Achsenteilung, seinen flachen Dachern, seinen schematischen Palastarchitek- 
turen stellte Sch. einen Bau entgegen, der in Aufbau und Durchbildung der 
Einzelheiten die seit 100 Jahren verloren gegangene Tradition der deutschen 
Baukunst wieder aufnimmt, indem er Anlage und Architektur nach der Eigen- 
art der Baustelle, des Zweckes des Gebaudes und des Materials individuell 
gestaltete. Seine Kiinstlerhand schuf aus diesen gegebefien Bedingungen 
ein Werk, das Monumentalitat mit malerischer Anlage zu seltener Schonheit 
gereinigte und berechtigtes Aufsehen machte. Leider legte Sch. sein Amt 
nieder, noch ehe das Kollegiengebaude vollendet war, als im Jahre 1877 der 
Universitatsbaumeister der Marburger Kreisbauinspektion unterstellt wurde. 
Doch wurde glucklicherweise wenigstens Entwurf und kiinstlerische Leitung 
des einige Jahre darauf errichteten, sich an das Kollegienhaus anschlieOenden 
Aulabaus wieder in Sch.s Hande gelegt. 

Von Marburg war Sch. nach Berlin ubergesiedelt und als Hilfsarbeiter 
in das Ministerium der offentlichen Arbeiten eingetreten, wo er bis 1884 eine 
grofle Anzahl von Entwurf en fiir staatliche Neu- und Umbauten in Marburg, 
Schulpforta, Soest, Merseburg, Heiligenstadt, Magdeburg, Coin, Miinchenlohra 
und anderen Orten auf stellte. Von 1884 — 87 war Sch. auOerdem der Redakteur 
der Zeitschrift fiir Bauwesen und des Zentralblattes der Bauverwaltung, das 
er begrtinden half und das hauptsachlich durch seine Mitarbeit auf die Hohe 
gebracht wurde, die es damals innehatte. Schon seit Ostern 1878 dozierte 
Sch. als Privatdozent zunachst an der Bauakademie und nach der Neuorga- 
nisation an der Technischen Hochschule zu Charlottenburg und zwar mit einem 
derartig ungewohnlichen Lehrerfolg, dafl fiir die vor ihm an dieser Schule 
unbekannte und erst von ihm begriindete Disziplin der mittelalterlichen Bau- 
kunst trotz mancher personlicher Widerstande eine neue etatsmaflige Professur 
geschaffen und er mit ihr betraut wurde. 

Seinem baukunstlerischen Schaffen, das neben der akademischen und 
der Tatigkeit auf dem Ministerium herging, wurden leider nur selten ange- 
messene Aufgaben gestellt. Von den stadtischen und staatlichen Behorden er- 
hielt dieser hervorragende Architekt wahrend der 16 Jahre seines Berliner 
Aufenthalts keinen einzigen Auftrag von Bedeutung, zu einer Zeit der schnell- 



Schftfer. I49 

sten baulichen Entwicklung Berlins. Von den 12 in diesen Jahren entstandenen 
grofien Kirchen Berlins wurde die Mehrzahl zwar von Schulern Sch.s oder 
mit deren ungenannter Hilfe gebaut, keine einzige aber von ihm selber. Zwar 
errichtete er 1887 fur die Equitablegesellschaft jenes grofie Geschaftshaus an 
der Ecke Friedrich- und Leipziger Strafie, das mit seiner von unten bis oben 
durchgehenden Vertikalgliederung den Typus des modernen Geschaftshauses 
schaffen half; zwar hatte er allerhand kleinere Privatbauten auflerhalb Berlins, 
zwar konnte er durch seine klassischen Konkurrenzprojekte fiir die West- 
fassade des Bremer Domes und fiir den Umbau des Romers zu Frankfurt seinen 
kunstlerischen Ruf behaupten; doch konnte das seinem Schaffensdrange nicht 
geniigen, und so entschlofi er sich 1894, Berlin den Riicken zu kehren und 
einen Ruf an die Technische Hochschule in Karlsruhe anzunehmen, wo ihm 
grofiere Bauaufgaben in Aussicht gestellt wurden. Mit dem Titel Oberbaur&t 
nahm er seine Lehrtatigkeit in erweitertem Umfange in Karlsruhe wieder auf, 
wo durch seinen Ruf die Zahl der Studierenden der Architektur bald auf mehr 
als das Doppelte stieg. Auch die ersehnte bauliche Tatigkeit blieb nicht aus. 
In Freiburg erbaute er die neue Universitatsbibliothek, in Karlsruhe die alt- 
katholische Kirche und auf und ab im badischen Lande eine grofie Anzahl 
von Privatgebauden. Auch war ihm die Leitung der Wiederherstellungsarbeiten 
am Munster in Bern und die Oberaufsicht iiber die Arbeiten am Miinster in 
Strafiburg iibertragen. Wichtiger waren die 3 grofien Wiederherstellungsbauten, 
die er im letzten Jahrzehnte seines Lebens von Karlsruhe aus leitete: die Wieder- 
herstellung der alten Jung- St. Peterkirche zu Strafiburg, die Wiederherstellung 
des Friedrichbaus auf dem Schlofi zu Heidelberg und die Aufrichtung der 
Westturme am Dom zu Meifien. Dies waren Aufgaben, die seiner Kiinstlerschaf t 
wurdig waren, und trotz starker Anfeindungen von seiten der ziinftigen Kunst - 
historiker und der archaologisch gesinnten sowohl wie der ultramodernen 
Architekten und Kunstschreiber entstanden hier Kunstwerke ersten Ranges 
von unverganglichem Wert. Jung- St. Peter in Strafiburg wurde epochemachend 
auf dem Gebiete der Wiederherstellung, und iiber ganz Deutschland erstreckt 
sich die Wirkung dieses Vorbildes kunstlerischen Gestaltens bei treuster Pietat 
gegen das historisch gewordene. In Heidelberg schuf Sch. aufier der klassischen 
Wiederherstellung des leidlich erhaltenen Aufienbaues im Innern, nur wenig 
beengt durch geringe Reste des alten Zustandes, Raume von marchenhafter 
Schonheit im Geiste der Kunst des ausgehenden 16. Jahrhunderts, deren gesunde 
Kraft in Form und Farbe den (iberzartelten Geschmack seiner Zeitgenossen 
zunachst verletzte, ihn zu uberwinden aber viel beigetragen hat. Als die badische 
Regierung nach so glucklichem Erfolg auch den Otto-Heinrichsbau des Heidel- 
berger Schlosses durch Sch.s bewahrte Hand vor dem sicheren Untergange 
erretten und in alter Pracht erstehen lassen wollte, begann eine jahrelange, 
aus echter und anempfundener Sentimentalitat, aus Neid, Diinkel und Phrasen- 
tum gemischte Opposition, die die Ausfiihrung des Planes bis nach Sch.s Tode 
verzogerte. Dieselbe meist personlich bestimmte Opposition regte sich, gottlob 
mit weniger Erfolg, bei seinen Arbeiten fur den Aufbau der Tiirme des Meifiener 
Doms. Hier konnte er seine Entwurfe unverkiirzt zur Ausfiihrung bringen, 
und so.entstand, wieder durch das Zusammenwirken feinsten kunstlerischen 
Empfindens und genauester historischer Kenntnis ein Werk, das den besten 
Bauten alter deutscher Kunst ebenburtig zur Seite steht und in unserer Zeit 



150 



Schafer. 



einseitiger Freude am Malerischen und Biirgerlich-behaglichen ein Beispiel 
monumentalen architektonischen Gestaltens aufstellte. Kurz vor Vollendung 
der Tiirme in seinem 64. Lebensjahre folgte Sch. seiner geliebten Gattin allzu- 
friih in den Tod. 

Ober die prominente Stellung des Kiinstlers Sch. in der ersten 
Reihe der deutschen Architekten des 19. Jahrhunderts bestehen Zweifel wohl 
nicht mehr. Dagegen wird seine Bedeutung fur die Entwicklungsgeschichte 
der deutschen Baukunst im 19. Jahrhundert heute kaum schon richtig ein- 
geschatzt. Seit dem Ausgange des 18. Jahrhunderts lag die deutsche Bau- 
kunst im Banne des Hellenismus. Jener elegante Formalismus eines von Grund 
aus anders gearteten und unter anderen Bedingungen lebenden Volkes hatte 
sich unter dem Einflufl schongeistiger Literaten wie ein Mehltau auf die zwar 
schon durch die italienischen Einfliisse des 16. und 17. Jahrhunderts stark 
verwusteten, aber noch immer in grofier Mannigfaltigkeit und bodenstandiger 
Kraft bliihenden Felder deutscher Kunst niedergelassen. Von ihm suchte sich 
Deutschland durch die Romantik zu befreien, und Sch. wurde, auf den Vor- 
arbeiten seines Lehrers Ungewitter und des Franzosen Viollet-le-Duc fuflend, 
der Fiihrer in diesem Kampfe gegen Griechentum und italienische Renaissance. 
Dafi die deutsche Kunst siegte, dafi man heute in ganz Deutschland jene fremd- 
landischen Ideale aufgegeben und mit Bewufitsein die einst zerrissenen 
Faden Jahrhunderte alter deutscher Kunsttradition in der Baukunst wieder- 
aufgenommen hat, ist in erster Linie sein Verdienst. In diesem Kampfe 
wurde die vorbildliche Wirkung der zahlreichen im vorstehenden nur zum Teil 
genannten Bauten Sch.s unterstutzt durch eine 30jahrige, ungewohnlich erfolg- 
reiche Lehrtatigkeit. Tausende von Schiilern wurden ebenso durch die groBe 
von ihrer Sache ganz erfiillte Personlichkeit wie von der Oberzeugungskraft 
der vorgetragenen Griinde hingerissen und der deutschen Sache gewonnen. 

Aber nicht nur durch Vorbild und Lehre wirkte er auf seine Zeit; er gab 
ihr auch das Rustzeug, nun das Ziel zu erreichen, indem er durch unausgesetzte 
baugeschichtliche und technische Studien der Werke unserer Vorfahren die 
Wiederaufnahme der verloren gegangenen Tradition ermoglichte. So bot er 
in seinem Kolleg uber Konstruktions- und Formenlehre der mittelalterlichen 
Baukunst eine neue klassische Entwicklungsgeschichte jener hochsten Bliite 
deutscher Architektur und ihrer kunstlerischen wie technischen Eigenart; 
als erster erforschte er das Wesen der deutschen Holzbaukunst, stellte 4 stamm- 
lich gesonderte Holzbauarten fest und erweckte so diese fast vergessene Bau- 
weise zu neuem Leben; als erster schuf er eine Entwicklungsgeschichte und 
systematische Darstellung der Technik des mittelalterlichen Backsteinbaus 
in Norddeutschland und auf der bayerischen Hochebene und begrundete damit 
eine neue Epoche des Ziegelrohbaus ; als erster erforschte er die Geschichte 
und die technischen Voraussetzungen der historischen Glasmalerei und rief 
dadurch eine neue Bliite dicser ganzlich verloren gegangenen Kunst hervor; 
als erster wies er die Systeme der mittelalterlichen Kirchenbemalungen nach; 
als erster trat er schon in den 70er Jahren fur die farbige Behandlung der 
AuBenarchitektur ein, indem er feststellte, daB in Deutschland vom 8. bis zum 
18. Jahrhundert alle Architektur farbig gewesen sei usf. 

Mitgeteilt hat er alle diese Dinge hauptsachlich in seinen akademischen 
Vortragen und auBerdem in einer sich uber 40 Jahre erstreckenden Reihe von 



Schafer. S choenaich- Carol ath. I c j 

Publikationen. Unter den letzteren nehmen eine besondere Stellung diejenigen 
baugeschichtlichen Inhalts ein, denn sie sind vorbildlich geworden fur die 
weiteren Arbeiten auf diesem Gebiete. 

Bauten, Eine Zusammenstellung der von Sch. ausgefiihrten Bauten verbietet sich 
an dieser Stelle wegen Raummangels. Eine ziemlich liickenlose Aufzahlung findet sich im 
Zentralblatt der Bauverwaltung vom 16. Mai 1908 in dem Nachrufe von Baurat Ludwig Dihm. 
— Seine akademischen Vorlesungen nannte er: 1. Konstruktions- und Formenlehre 
der mittelalterlichen Baukunst; 2. Innerer Ausbau mittelalterlicher Gebaude; 3. Geschichte 
der Holzbaukunst; 4. Geschichte des mittelalterlichen Backsteinbaues; 5. Anlage und 
Ausbau des Kirchengebaudes; 6. Zwanglose Vortrage, in denen er uber Treppenbau, 
Dachstuhle, farbige Architektur, Kleinkunst, Mobel, Heraldik, mittelalterliche Kleidung, 
Perspektive und anderes mehr vortrug. — ImDruck erschienen istfolgendes: Die Glasmalerei 
des Mittelalters und der Renaissance. Berlin 1881. Ernst und Korn. Ornamentale Glasmalerei 
des Mittelalters und der Renaissance. Berlin 1881. Ernst Wasmuth (Tafelwerk, herausge- 
geben zusammen mit A. Roflteuscher). Die Bauhiitte des Mittelalters. Berlin 1883 — 1895. 
Ernst Wasmuth (Schtilerentwurfe). Die Holzarchitektur Deutschlands vom 14. — 18. Jahr- 
hundert. Berlin 1884. Ernst Wasmuth (Tafelwerk). Bauornamente der romanischen und 
gothischen Zeit. Berlin 1889. Ernst Wasmuth (Tafelwerk). Die mustergultigen Kirchenbauten 
des Mittelalters in Deutschland. Berlin 1892. Ernst Wasmuth (fortgesetzt von O. Stiehl). 
Die Abtei Eberbach im Mittelalter. Berlin 1901. Ernst Wasmuth. Auflerdem eine grofle 
Zahl von Aufsatzen und Abhandlungen aus den Jahren 1864 — J 9°3 m verschiedenen Zeit- 
schriften zerstreut. Ein vollstandiges Verzeichnis, von Baurat L. Dihm zusammengestellt, 
in Nr. 37 der Wochenschrift des Architekten-Vereins zu Berlin vom 11. 9. 1909. Eine Aus- 
wahl dieser Abhandlungen ist kilrzlich von dem Sohne H. A. Schafer herausgegeben worden 
unter dem Titel: Von deutscher Kunst. Gesammelte Aufsatze und nachgelassene Schriften. 
Berlin 1910. Ernst u. Sohn. — BiographischeNachrichten und Wiirdigungen sind in 
folgenden ausfuhrlichen Nachrufen enthalten: Berliner Tageblatt. Nr. 242 vom 13. Mai 1908 
(Hermann Dernburg). — Zentralblatt der Bauverwaltung. Nr. 39 vom 16. Mai 1908 (Ludwig 
Dihm). — Zeitschrift fur Geschichte der Architektur. Heft 9 vom Juni 1908 (Friedrich Osten- 
dorf). — Verbffentlichungen des Mei fierier Dombauvereins, Heft III (Hugo Hartung). — 
Danziger Zeitung, Nr. 82 vom 18. Februar 1909 (Gedachtnisrede von Carl Weber). — 
Wochenschrift des Architekten-Vereins zu Berlin, Nr. 37 vom 11. September 1909 (Ge- 
dachtnisrede von Ludwig Dihm). — Ein Bildnis, im Jahre 1902 von Leo Samberger in 
Munchen gemalt, ist im Besitz der Familie. Carl Weber 

Schoenaich-Carolath, Prinz Emil von, * Breslau 8. April 1852, f 30. April 
1908 Haseldorf bei Hamburg. — Sch.-C. war der einzige Sohn altvornehmer, 
geistig hochstehender, kunstlerisch angeregter Eltern; die eigentlichen Dichter- 
gaben diirfte er von der Mutter, einer geborenen von Oppen-Schilden, geerbt 
haben. Fur die Bildung des Knaben geschah vieles, ohne da6 er im Anfang 
einen geregelten Schulweg nahm. Er begleitete die leidende Mutter auf ihren 
haufigen Reisen nach dem Suden. Als Funfzehnjahriger kam er auf eine Real- 
schule in Breslau; kurz danach zogen seine Eltern nach Wiesbaden, und hier 
wurde er Realgymnasiast. Diese Schulwahl war keine gluckliche, da der kiinftige 
Dichter allein fur Literarisches Verstandnis und Interesse zeigte, im ma- 
thematischen Fache und auf angrenzenden Gebieten aber ganz versagte. Als 
blutjunger Mensch hatte er ein trauriges Liebeserlebnis, das ihn jahrelang 
peinigte und in eine pessimistische Richtung drangte. So vorbereitet geriet 
er an Schopenhauers Werke. Jenes Erlebnis, der Einflufi dieses Philosophen, 
dazu das Zeitgeprage der sechziger und siebziger Jahre — man hat es zu- 



152 



Schoenaich-Carolath. 



sammen, wenn man neben dem Modephilosophen Schopenhauer den Modemaler 
und den Modedichter, Makart und Grisebach, nennt, also die Wildheit desGenufi- 
verlangens zum Dusteren der Weltanschauung fiigt — diese Dreiheit wurde 
fur den Anfang des jungen Dichters bestimmend. Von Wiesbaden kam Sch.-C. 
zu Beginn des siebziger Krieges zur Universitat Zurich, wo Johannes Scherr 
und Gottfried Kinkel auf ihn einwirkten. Nach dem Friedensschlusse wurde 
er Offizier im Kolmarer Dragonerregiment, bald aber gab er den militarischen 
Beruf auf und lebte in volliger Ungebundenheit. Er hatte die Eltern friih ver- 
loren und war der Besitzer eines grofien Vermogens. Lange Reisen ftihrten ihn 
nach Spanien und Tunis, nach Griechenland und Kleinasien. Auf Haseldorf. 
dem Gute seines Onkels, das er spater erbte, und auf Palsgaard, einer durch 
Kauf erworbenen Besitzung am danischen Belt, konnte er von seinen Fahrten 
ausruhen. 1887 vermahlte er sich mit Katharina von Knorring, und die Ehe 
wurde die gliicklichste. Dem Dichter waren zwei friedliche Jahrzehnte ver- 
gonnt, um so friedlichere, als aus dem verzweifelnden Pessimisten langst ein 
uberzeugter Glaubiger, ein kirchlich frommer Christ geworden war. Die dich- 
terische Ausbeute dieses reichen und gliicklichen Lebens ist quantitativ eine 
fast sparliche: sieben kleine Bande des Goschenschen Verlages umfassen jetzt 
das Gesamtwerk des Mannes, Lyrik, kleine Epen und meist lyrisch gestimrate 
Novellen. Der kiinstlerische Wert aber steht auch hier, wie so oft, in umge- 
kehrtem Verhaltnis zur Zahl der Schopfungen. Es hat ihnen nie an Aner- 
kennung gefehlt. Zu manchem ruhmenden Zeitungs- und Zeitschriften-Hinweis 
kam 1903 Hermann Friedrichs Buch: »Prinz Emil von Schoenaich-Carolath*; 
in der literarhistorischen Einleitung zu seiner weitverbreiteten »Neueren deut- 
schen Lyrik « ist Carl Busse enthusiastisch fiir den Dichter eingetreten, in 
Richard M. Meyers »Deutscher Literatur des neunzehnten Jahrhunderts* 
gelten ihm mafivollere, aber ehrende Worte; unmittelbar nach seinem Tode 
haben Lorenz Krapp und Victor Klemperer kleine Monographien iiber Sch.-C. 
veroffentlicht, 1909 folgte noch Gustav Schlilers Buch: »Prinz Sch.-C. als 
Mensch und Dichter «. Wenn trotz solcher Bemuhungen um diese Werke, 
und trotzdem ihnen wohl nie ein entschiedener Gegner entstand, die Gemeinde 
der Sch.-C. -Verehrer eine kleine geblieben ist, so mull dafiir der Grund in den 
Dichtungen selber zu finden sein. Und ich meine, diese schon geformten und 
tief empfundenen Dinge miissen deshalb auf grofiere Wirkung verzichten, weil 
sie aus allzu demiitig gliicklichem Herzen kommen, weil sie zum heiflesten 
Gedankenringen der Zeit in keiner Beziehung stehen. Es mag sehr paradox 
klingen, den Dichter, der nur vom Schmerz zu singen vermochte, der von 
seinem Gliick niemals dichterisches Zeugnis ablegen konnte, den Schuler Byrons 
und Schopenhauers einen allzu friedlich Gliicklichen zu nennen. Und doch 
ist es so; denn jenes festumgrenzte Christentum des Mannes tritt iiberall in 
seinen Dichtungen zutage, den Pessimismus und seine Komplementarer- 
scheinung, das starke Verlangen nach unmittelbar greifbarem Genufl, nicht 
allmahlich liberwindend, so daB die Entwicklung asthetische Freude gewahren 
konnte, viclmehr das friihere Empfinden und Denken mit befremdlichem 
Ruck beiseite stoBend. Sch.-C. hat Stucke geschrieben, die durch ihren volligen 
Pessimismus, andere, die durch ihr stilles Christentum reine Wirkungen her- 
vorbringen. Aber gerade in seinen hochststrebenden Dichtungen scheint er 
fiir den unbefangenen Leser allzuoft und in allzu plotzlichem Niederbruch das 



Schoenaich-Carolath. 



153 



peinliche Opfer der eigenen Vernunft zu bringen. Es ist das Wesen der Gegen - 
wart, daB sie jede Personlichkeit achtet, die fromme wie die unfromme, die 
gliickliche wie die glucklose, denen jedoch, die eine allzu bedriickende Unab- 
hangigkeit gegen eine mildere Sklaverei verkaufen, mit Gleichgultigkeit gegen- 
ubersteht. 

Sch.-C.s erste Verdffentlichung, die »Lieder an eine Verlorene« vom Jahre 
1878, ist ganz auf den einen Ton des jugendlichen Pessimisten, auf die Klage 
um verratene Liebe gestimmt. Ein echter Lyriker, weifi der Dichter das eine 
Thema immer neu zu variieren, indem er es bald in unmittelbarer Subjektivitat 
darstelit, bald leicht balladisch verkleidet. Auf solche schlichten Verse wird 
sich, m. E., der Ruhm des Dichters langer grunden als auf seine kunstvolleren, 
gedankentiefen Epen, eine Benennung ubrigens, die diesen Dichtungen doch 
wohl nur halb zukommt, da Gedankliches und Lyrisches die eigentliche 
Handlung uberwuchern. Was den an einzelnen Schonheiten reichen Schopfungen 
Abbruch tut, ist, aufler und iiber einigen Dunkelheiten des Ausdruckes, eben 
der peinliche Zusammenprall zwischen Pessimismus und Christentum. Das 
heiflt, das eigentlich Vorhandene ist der wild pessimistische Schmerz; dann 
aber wird ihm unvermittelt ein christlicher Schlufi angehangt, der nun not- 
wendig unharmonisch wirken mufi. Das wird besonders deutlich, wo Sch.-C.s 
Pessimismus den umfassendsten Ausdruck findet; im » Judas in Gethsemane«. 
Christus hat sein Leben den Menschen, der Welt geweiht, nun sieht er sich 
von seinem Junger verraten. Aber dieser Jiinger ist unglucklicher als der Heiland. 
»Geschopf bin ich, und Du bist Gottes Sohn«. Und das Ungluck der Menschen, 
der Rachedurst gegen den harten Lenker menschlicher Geschicke, trieb ihn 
zum Verrat an Gottes Sohn. Er schreit es dem Heiland ins Gesicht, was alles 
er zu rachen hat: 

Wir schleppen hier auf einem Berg voll Scherben 

Ein sterbend Leben, ein lebend'ges Sterben, 

Wir spuren ihn, wir schmecken ihn, den Tod 

In jedem Trunke, jedem Bissen Brot. 

In jeden Laut, in jedes Liebeslallen 

Laflt er sein Rocheln als Begleitung fallen 

So hetzen uns durch dieser Erde Griinde 

Die Herzensangst, der Zeugungstrieb, die Siinde. 

Soweit ist die Dichtung in ihrer fanatischen Einseitigkeit unerhort wuchtig. 
Der fluchende, rachende Judas, der still duldende Christus — beide erscheinen 
sie, gleichsam geschwisterlich zusammengehorend, als Opfer derselben Gott- 
heit, als Anklager wider denselben Gott. Und nun eine ganz unvermittelte 
Abbiegung ins Christlich-Dogmatische. Judas: der Sunder — Christus: der 
Erloser. Und der Liebesblick des sterbenden Erlosers wird alle befreien und 
selig machen, die sich kunftig in Siinde verstricken. . . . Dieser versohnliche 
Schlufi ist erzwungen, er stellt ein krampfhaftes Anklammern an dogmatische 
Trostung dar. Einmal hat Sch.-C. scheinbar die auch in dem Epos »Angelina« 
wiederkehrende Abbiegung ins Kirchliche vermieden, in seiner »Sphinx«. Hier 
hadert er mit der Gottheit um des Weibes willen, in dem er vor der Hand nur 
das Schlechte und Verderbliche sieht. Er schildert das sinnliche Begehren, 
die Sattigung und den lahmenden Ekel seines Helden mit so gewaltiger Kraft 
und herzensadliger Reinheit zugleich, daB er sich weit liber Grisebachs 



154 



Schoenaich-Carolath. 



»Neuen Tanhauser« emporhebt. Sein Held wirft schliefllich ein Leben fort, 
in dem er nichts Gottliches mehr sieht. 1st hier derart am SchluB der Pessimis* 
mus beibehalten, so wird doch vorher recht unvermittelt durch die Sunderin 
selber eine fromme christliche Erklarung fur die weibliche Unzulanglichkeit 
gegeben. 

Es ist aber ein nicht genug zu riihmender Charakterzug des Dichters, dafi er 
seine eigene Weltanschauung keinem andern aufzudrangen sucht, dafi er jede 
ideal gerichtete Gesinnung und Kunst, auch die ganz unkirchliche, hochschatzt. 
So preist er in Bocklins Werken »den Lichtbrand des Hellenentums«. Was er 
von anderen Menschen, anderen Schaffenden verlangt, ist einzig das ideale 
Hochstreben; ob diese anderen den christlichen oder einen anderen Weg zur 
Hohe einschlagen, gilt ihm in seinen Wertschatzungen gleich. Einzig auch 
darauf gestutzt, dafi solches Emporwollen dem deutschen Volke vielfach eigen 
sei, ohne Frommelei und ohne Hurrastimmung, hat er seiner Liebe zu Deutsch- 
land ergreifenden Ausdruck gegeben. Bei aller Weitherzigkeit fiir andere aber 
ist er doch, wie gesagt, fiir sich selber vom schrankenlosen Pessimismus aus- 
gehend bei enggebundenem Christentum angelangt. Nur ein Gefiihl des Dichters 
hat sich bei dieser Wandlung vollig unverandert bewahrt: der Schopenhauer - 
Schuler und der Christ Sch.-C. sind beide vom tiefsten Mitleid fiir jeden Men- 
schen und fiir jede leidende Kreatur erfiillt. Die Strophen, in die Sch.-C. sein 
Mitgefiihl fiir die Armen und Unterdriickten gelegt hat (so vor allem auch 
seine schlichten und farbenechten Landsknechtslieder), sind das Herzge- 
winnendste und wohl auch das uneingeschranktestem Verstandnis Begegnende, 
was ihm gelungen ist. Der Liebe zu den Beladenen eint sich als notwendige 
Erganzung der Hafi gegen die Unterdriicker, wie gegen die gleichgultig Mit- 
leidlosen. Dafi diese mannliche Kraft des Hasses gegen das Schlechte und 
Laue dem Dichter bei seiner Sanftigung zur Christlichkeit nicht abhanden 
gekommen ist, dafi sein Vorbild nicht nur der dornengekronte Heiland am 
Kreuz war, sondern auch der zornmiitige Jesus, der die Wechsler aus dem 
Tempel peitschte, dies ergibt sich noch deutlicher als aus seinen Versen aus 
den Novellen Sch.-C.s. Es bedurfte fiir den zum Lyriker Geborenen einer 
strengen Selbstzucht, ehe ihm wirklich novellistisches Gestalten gliickte. Im 
Anfang waren seine Erzahlungen nur aufierlich von seinen Versen getrennt. 
Etliche der »Geschichten aus MolU, auch die breitere Erzahlung »Tauwasser« 
sind in der Hauptsache Gedichte in Prosa, die von verratener Liebe erzahlen. 
Schon unter diesen kiinstlerisch noch unfertigen Novellen steht eine, die den 
Parteiganger des Schonen und Guten auch als Hasser des Schlechten zeigt. 
Als fast zu fiirchterlichen Hasser, denn in der Erzahlung: »Die Rache ist mein« 
halt es der jugendlich Leidenschaftliche noch ganz und ohne innerliches Zu- 
riickschaudern mit dem naturbekraftigten Jahwewort, wonach sich die Schuld 
der Vater an den schuldlosen Kindern racht. Ober den etwas engen Fanatis- 
mus dieser zeitigeren Novelle hat er sich spater, als auch sein novellistisches 
Gestalten ein kraftigeres, objektiveres geworden war, hoch empor geschwungen. 
Da gelang ihm ein Meisterstiick: »Die Kiesgrube«. Zwischen Loire und Jura 
steht wahrend des siebziger Krieges ein stark demoralisiertes franzosisches 
Bataillon auf Vorposten. Die Leute beschaftigen sich damit, ein sterbendes 
Pferd zu mifihandeln. Der herbeieilende General erschiefit das Tier, dessen 
Kadaver in der Kiesgrube liegen bleibt. Am nachsten Morgen kommt es zum 



Schoenaich-Craolath. Leitner. 



155 



verzweifelten Kampf mit den Preufien. Fiir die Franzosen hangt alles an der 

Wiedererlangung der zu frtih geraumten Kiesgrube. Sie liegt aber unterm 

heftigsten Feindesfeuer und mufl ein »Massengrab« der ersten Sturmer werden. 

Da schickt der General jenes Bataillon vor und befiehlt den nachfolgenden 

Truppen, auf etwaige Fluchtlinge zu feuern. Er will nicht eigentlich das zu 

Tode gefolterte Pferd rachen; doch die bestialische Tat schien ihm bedeutsam 

fiir die vollige sittliche Verkommenheit der Leute und so nutzt er die Ge- 

legenheit, die Menschheit von etlichen Schlechten zu befreien. Da ist wieder 

der Gedanke des Hasses gegen das Schlechte, diesmal in hochster Steigerung, 

zugleich aber auch diesmal in vollkommenem Einklang mit dem Sittengesetz. 

Erst nach solcher allgemein menschlichen Durchflihrung lafit der Dichter 

dann die Erzahlung in rein christliche Gedanken ausklingen. Die grofle Liebe 

zur gequalten Kreatur, die sich in der »Kiesgrube« so schon bekundet, hat 

Sch.-C. noch einmal und noch ausdrucklicher im »Heiland der Tiere«, einer 

stark phantastischen Schopfung, an den Tag gelegt. Vom asthetischen Stand - 

punkt war er als Novellist ungleich gliicklicher, wo er das Mitleiden mit dem 

Tier, als wo er sein Mitgefuhl mit dem Menschen zum Thema nahm. Seine 

Xovelle »Burgerlicher Tod«, eigentlich ein kleiner Roman, da sie am Einzel- 

fall die Zustande eines ganzen Volkes und einer ganzen Epoche schildert, ist 

kiinstlerisch kein Meisterwerk; das Buch ist eher eine Predigt, eine soziale 

Abhandlung zu nennen als eine Dichtung. Aber eine edle Mannestat ist die 

Schrift. Stammt sie doch aus dem gleichen Jahre 1891 (veroffentlicht wurde 

sie erst 1894), in dem Paul Heyse sein verbittertes Kampfdrama »Wahrheit?« 

gegen die siegreich aufstrebende moderne Richtung ins Feld schickte. Und 

Prinz Sch.-C, den doch sein Adel, seine politische Gesinnung, sein Christen - 

tum ganz anders der Moderne hatten entfremden konnen, als Heyse sein nur 

asthetisches Abweichen — er ging bei Zola und Hauptmann in die Lehre, 

vergaB des eigenen vornehm behaglichen Lebens und befafite sich mit der 

Not der armen Leute. . . . 

Auf diese Formel konnte man vielleicht das Leben des Prinzen bringen: 

er war immer ein edler Mensch, oft ein grofier Dichter, nie ein Fuhrer zu ent- 

schiedener geistiger Freiheit. v :,.♦.,* .. uin^^^ror 

b b VictorKIemperer. 

Leitner, Dr. Franz Xaver, Domkapitular in Regensburg, papstl. 
Hauspralat, Summus Kustos xx., * 5. Januar 1842 zu Bodenwohr, Bez. A. 
Neunburg v. W. (Oberpfalz), f 2. Juni 1908 zu Regensburg. — Sohn eines 
Paliers besuchte der aufierst talentierte Knabe das Benediktinergymnasium 
Metten (Niederbayern), wo er sogleich im ersten Jahre der zweite, spater aber 
muhelos nicht nur der erste seines Kurses im allgemeinen, sondern auch in alien 
Gegenstanden wurde. Da er auch durch musterhaftes Betragen sich auszeich- 
nete, war es nicht zu verwundern, dafi der hervorragende Knabenseminarist 
auch als Klerikalseminarist in Regensburg, wo er am Kgl. Lyzeum seine voile 
akademische Ausbildung sich holte, der besondere Liebling seines Diozesan- 
bischofs Dr. Ignatius v. Senestr^y (f 1906) verblieb. Als ordinierter Priester 
(1869) war er nur ein Jahr in der Seelsorge zu Burglengenfeld verwendet und er- 
hielt alsdann schon die Erlaubnis, an der Universitat Wtirzburg der Vorbe- 
reitung auf den theologischen Doktorgrad zu obliegen. Aus dieser Tatigkeit 



1 cj 6 Leitner. Schrader. 

erwuchs die als Inaugural -Dissertation bei Herder in Freiburg 1872 erschienene 
Schrift: »Die Lehre des hi. Thomas iiber das unfehlbare Lehramt des Papstes«, 
ein Seitenstiick zu der wahrend des Vatikanischen Konzils von seinem Ober- 
hirten verfaflten Abhandlung: »Die Lehre des seligen Albertus Magnus iiber 
die papstliche Unfehlbarkeit*. 1874 veroffentlichte L. noch eine von besonders 
praktischem Erfolge begleitete Arbeit: »Ein Wort iiber den Gegenstand der 
Andacht zum heiligsten Herzen Jesu«. In siegreicher Polemik vertritt er hier 
entgegen der bloC symbolischen Fassung die These, dafl das leibliche Herz 
Jesu als Gegenstand des latreutischen Kultus festzuhalten sei. Nach riihm- 
licher Promotion in Wiirzburg wurde er als Hauskaplan und Sekretar in den 
unmittelbaren Dienst seines bischoflichen Gonners gezogen. Spater wurde er 
Domvikar und frequentierender Geistl. Rat, hierauf Kanonikus des Stifts zur 
Alten Kapelle, ebenfalls durch den Ordinarius, an welchen das Ernennungs- 
recht devolviert war; schliefllich, 1893, durch den Prinzregenten Domkapitular 
und durch den Bischof Generalvikar, eine Vertrauensstellung, welche er bis 

2 Jahre vor seinem Tode innehatte. Es ist bekannt, dafl er mit Kraft seines 
Amtes waltete. Doch wenn, zumal in der gegnerischen Presse, vielfach iiber 
»ein System Leitner « geklagt wurde, so wird man bei gerechtem Urteile 
doch sagen miissen, das war ein Schlagwort, wie deren viele schon gepragt 
worden. Richtig ist, dafl L. mit dem fortiter in re nicht ebenso das suaviter 
in modo zu vereinigen wuflte. Im Verkehr mit den staatlichen Behorden liefi 
er haufig den richtigen Ton vermissen, wozu trat, dafl manches, was andere 
z. B. betreffs der Kirchengemeindeordnung in oppositionellem Sinne schrieben 
und taten, auch ihm aufs Konto gesetzt wurde. Ein vielleicht zu sehr ent- 
wickeltes Machtbewufitsein hinderte ihn, Vereinbarungen, welche ohne sein 
Zutun durch hohere Autori taten getroffen worden waren, entsprechend Rech- 
nung zu tragen. So hatte die nach einem neuen, von Rom genehmigten Modus 
ohne einen bischofl. Kommissar erfolgte Abtwahl in Metten (1905) ihn sogar 
mit dem papstl. Nuntius Caputo in einen Zwiespalt versetzt. Endlich hatte er, 
nicht beach tend, dafl der erste Verdrufl besser ist als der letzte, die Gewohn- 
heit, anstatt sogleich entschieden zu verneinen, wo er nicht bejahen konnte 
oder wollte, durch Zusagen Hoffnungen zu erwecken, deren Nichterfullung 
in den Getauschten einen Stachel der Bitterkeit zuruckliefl. Dadurch hatte 
er sich eine zahlreiche Gegnerschaft zugezogen, so dafl man von Klerikern 
in unverhohlener Freude Isaias XIV, 12 zitiert horen konnte, als L. nach dem 
Tode des Bischofs Ignatius von der Fuhrung des Generalvikariats enthoben ward. 
Indes sein plotzliches, apoplektisches Ende rief selbst bei liberal gesinnten 
Laien ungeheucheltes Mitleid hervor, und an seiner Bahre muflte doch Freund 
und Feind gestehen, dafl hier ein selten begabter, sittenstrenger Priester 
durch schwere Prufung sicher gelautert in die ewige Ruhe hiniibergegangen sei. 

Dr. S c h e n z. 



Schrader, Eberhard, Assyriolog, * 5. Januar 1836 in Braunschweig, t 8. 
Juli 1908. — E. Sch.s Leben ist in einfachen Bahnen verlaufen. Geboren in 
Braunschweig am 5. Januar 1836 als vierter und jiingster Sohn eines Kauf- 
manns, hat er in seiner Vaterstadt das Gymnasium und nach dessen Absol- 
vierung 1854 das damals noch bestehende Collegium Carolinum besucht, eine 



Schrader. 



157 



der ehemals zahlreichen Anstalten in norddeutschen Stadten, welche den t)ber- 
gang von der Gelehrtenschule zur Universitat vermitteln sollten. Hier hat er 
unter anderem die Anfangsgriinde des Arabischen bei Petri gelernt. 1856 
ging er nach Gottingen, um sich neben der Theologie dem Studium der semi- 
tischen Sprachen zu widmen, unter Leitung E w a 1 d s , dem er zeitlebens 
dankbare Verehrung bewahrt hat. 

Sch. war zunachst wesentlich Hebraist, wenn er auch das Studium des 
Alten Testaments durch die Aufschliisse, welche die ubrigen semitischen Sprachen 
boten, zu erganzen suchte. Mit welchem Erfolg er sich mit diesen beschaftigt 
hatte, bewies er durch Losung der von der philosophischen Fakultat 1858 ge- 
stellten Preisaufgabe De linguae Aethiopicae cum cognatis Unguis comparatae 
indole universa. Auf Grund dieser Arbeit wurde er i860 zum Doctor philosophiae 
promoviert. 

Die nachsten Jahre hat er in der Heimat verlebt. Hier traf ihn, der kein 
theologisches Examen gemacht hatte, 1862 ein Ruf nach Zurich, um dort als 
Nachfolger des nach Heidelberg berufenen Hitzig in der theologischen Fakultat 
die alttestamentliche Exegese zu ubernehmen, zunachst als besoldeter Privat- 
dozent; schon im nachsten Jahre wurde er ordentlicher Professor. Neben 
exegetischen Vorlesungen las er hier liber Arabisch, Athiopisch und Koptisch 
und veroffentlichte mehrere Arbeiten auf alttestamentlichem Gebiete. Daran 
reiht sich die tiefgreifende Neubearbeitung von de Wettes Lehrbuch der Ein- 
leitung in das Alte Testament (8. Auflage, 1869), die als eine gute Zusammen- 
fassung des Standes der alttestamentlichen Forschung in diesem Zeitpunkt 
gelten kann, kurz bevor sie durch die von Vatke, Reufi, Graf ausgehende, von 
Wellhausen siegreich durchgefuhrte Umwalzung auf eine ganz neue Grundlage 
gestellt wurde. Aber in diese Zeit ruhiger Lehrtatigkeit, die durch angeregten 
Verkehr und 1865 durch die Vermahlung mit seiner Braunschweiger Jugend- 
geliebten, Ida Giltner, verschont wurde, fallt ein Ereignis, das fiir Sch.s weiteren 
Lebensgang entscheidend werden sollte. Dem Ziiricher Museum waren eine 
Anzahl keilschriftlicher Denkmaler geschenkt worden, und Sch. wurde auf- 
gefordert, sie zu katalogisieren. Das gab ihm Anlafl, sich mit den Arbeiten 
der englischen und franzosischen Entzifferer zu besch&ftigen und sich in die 
bis dahin erschienenen Textpublikationen hineinzuarbeiten, und bald fesselte 
ihn das neuerschlossene, fortwahrend aufs neue die uberraschendsten Aufschliisse 
gewahrende Gebiet immer ausschliefilicher. Als erste Frucht seiner Studien 
erschien im Jahre 1869 im 23. Band der Zeitschrift der Deutschen Morgen- 
landischen Gesellschaft der Aufsatz: »Die Basis der Entzifferung der assyrisch- 
babylonischen Keilinschriften, gepriift von Eb. Schrader*. Klar und gemein- 
verstandlich sind hier die Grundlagen der Entzifferung und die Mittel dar- 
gelegt und an gut gewahlten Beispielen erlautert, durch die es gelungen war, 
die zahlreichen im Charakter der Schrift liegenden Schwierigkeiten zu iiber- 
winden; noch jetzt kann dieser Aufsatz jedem empfohlen werden, der sich iiber 
diese Fragen und zugleich iiber den damaligen Stand der Ergebnisse der For- 
schung orientieren will. Er gab Anlafi, dafl der Vorstand der Deutschen Morgen- 
landischen Gesellschaft den Verfasser zu »einer erneuten und erweiterten Unter - 
suchung der Grundlagen der Entzifferung der dritten Keilschriftgattung« auf- 
forderte. Sch., der inzwischen 1870 einem Ruf nach Giefien gefolgt war, hat 
den Auftrag angenommen: das Ergebnis war ein umfassendes, im 26. Bande 



158 Schrader. 

der Zeitschrift der Deutschen Morgenlandischen Gesellschaft im Herbst 1872 
veroffentlichtes Werk (auch separat erschienen): »Die assyrisch-babylonischen 
Keilinschriften*, in dem, nach nochmaliger Besprechung der Hilfsmittel, der 
Charakter der Schrift und die Grammatik der entzifferten Sprache mit ein- 
gehender kritischer Begriindung systematisch dargelegt wurde, zunachst auf 
Grund der in den trilinguen Inschriften der Achamenidenzeit vorliegenden 
Texte, deren Sinn ja durch die persische Version feststand, doch mit Beriick- 
sichtigung alles sonst erschlossenen Materials. Wenn Sch.s Werk auch nur 
eine Zusammenfassung der von den englischen und franzosischen Entzifferern 
gewonnenen Ergebnisse sein will und in Einzelheiten nur gelegentlich neue 
Resultate geben konnte, so ist er doch gerade durch diese systematische Zu- 
sammenfassung vor allem in der Behandlung der Grammatik betrachtlich uber 
sie hinausgekommen und hat dadurch die junge Wissenschaft der Assyriologie 
ganz wesentlich gefordert. Die Erganzung bildet das gleichzeitig ausgegebene 
Werk »Die Keilinschriften und das Alte Testament*, in dem die Ergebnisse 
der assyrischen Inschriften, soweit sie sich mit dem Inhalt der biblischen Biicher 
beriihren und fur deren Verstandnis neue Aufschliisse geben, in sehr libersicht- 
licher Weise im Anschlufi an die einzelnen Stellen des Alten Testaments zu- 
sammengestellt sind. Oberhaupt zeigt Sch., trotz mancher Schwerfalligkeiten 
im Ausdruck, in diesen beiden Werken ein groCes praktisches Geschick; die in 
ihnen in Transkription und Obersetzung, mit eingehendem Kommentar, ge- 
gebenen assyrischen Texte und die beiden Werken beigegebenen Glossare sind 
lange Jahre hindurch fur jeden, der sich mit der Assyriologie beschaftigen 
wollte, unentbehrliche Hilfsmittel geblieben. 

Die Wirkung der Sch.schen Werke ist sehr weitgreifend gewesen*). Wenn 
man bis dahin in Deutschland, von wenigen ruhmlichen Ausnahmen, wie Justus 
Olshausen, Max Duncker und Johannes Brandis, abgesehen, der Entzifferung 
der babylonisch -assyrischen Keilinschriften ganz ablehnend, ja nicht selten 
mit unverhohlenem Spott gegenuberstand, so drang jetzt die Anerkennung 
der genialen Entdeckungen eines Rawlinson, Hincks, Oppert durch, und man 
begann ihre Ergebnisse zu verwerten. Sch. war inzwischen, 1872, an die Jenenser 
theologische Fakultat berufen worden, und hier hat er zum ersten Male Vor - 
lesungen uber das Assyrische gehalten und in Friedrich Delitzsch seinen ersten 
Schiiler gewonnen, der das Werk des Lehrers alsbald namentlich nach der 
grammatischen und lexikalischen Seite in willkommenster Weise erganzte. 
In diese Jahre fallen zahlreiche kleinere Arbeiten, darunter eine Bearbeitung 
des vor kurzem entdeckten mythologischen Gedichts von der Hollenfahrt der 
Istar, eine eingehende Polemik gegen die von Hal6vy seit 1874 verfochtene 
Ansicht, das Sumerische (oder wie Sehr. damals mit den englischen Assyriologen 
irrttimlich sagte, das Akkadische) sei keine Sprache, sondern ein von den semi- 
tischen Babyloniern erfundenes »hieratisches « Schriftsystem, und vorher schon 
ein Aufsatz uber die Ursitze der Semiten, in dem er energisch fur Arabien als 
Heimat der semitischen Stamme eintrat, eine Anschauung, die jetzt fast allge- 



2 ) Als einen Beleg fiir den Eindruck, den sie machten, darf ich wohl erwahnen, dafi ich 
als junger Student Schraders ^Assyrisch-babylonische Keilinschriften* sofort nach dem Er- 
scheinen in einer Nacht durchgelesen und alsbald angefangen habe, mich an der Hand derselben 
in die kejlinschriftlichen Texte hineinzuarbeiten. 



Schrader. 1 59 

mein als zutreffend anerkannt ist, die freilich vor ihm schon A. Sprenger auf 
Grund einer viel umfassenderen historischen Auffassung vertreten hatte. 

Inzwischen war in Berlin durch Roedigers Tod die Professur fur semitische 
Sprachen freigeworden, und die philosophische Fakultat beantragte in einer 
Eingabe vom 31. Juli 1874, dieselbe fur die Zukunft in eine Professur fur mo- 
hammedanische Literatur und eine fur semitische Sprachen zu teilen; fur die 
letztere wurde an erster Stelle Noldeke, an zweiter Sch. vorgeschlagen. Gleich- 
zeitig hatte die Akademie an das Ministerium den Antrag gerichtet, Sch. fur 
Berlin zu gewinnen, und sich bereit erklart, einen Teil der dafur erforderlichen 
Mittel bereitzustellen. In dem von Olshausen verfaflten Antrag — unterzeichnet 
ist er, auBer von diesem, von Lepsius, Mommsen, Droysen, Duncker — wird Sch. 
bezeichnet als »ein Mann von eisernem FleiB, von grundlicher und vielseitiger 
Gelehrsamkeit, von durchaus gesunder Kritik, frei von Illusionen wie von 
Vorurteilen« und als »Schiiler Ewalds, aber nicht dessen Nachbeter«. Da die 
wohl niemals ernsthaft gefuhrten Verhandlungen mit Noldeke scheiterten, 
wurde Sch. am 14. Juni 1875 zum Ordinarius in der philosophischen Fakultat 
und ordentlichen Mitglied der Akademie ernannt. Damit war zugleich die neue 
Wissenschaft der Assyriologie als ihren alteren Schwestern ebenbiirtig anerkannt 
und unter die an deutschen Hochschulen vertretenen Facher aufgenommen. 

Indessen diese Anerkennung blieb nicht ohne lebhaften Widerspruch. 
Es fallt uns jetzt schwer, die schroff ablehnende Stellung zu verstehen, welche 
so viele hervorragende Semitisten und Altertumsforscher lange Jahre hindurch 
gegen die Assyriologie eingenommen haben, obwohl der Nachweis der Soliditat 
der Entzifferung fur jeden, der die Augen auf tun wollte, schlagend gefiihrt war. 
Man hatte erwarten konnen, die Erschlieflung eines neuen Gebiets, die Aussicht 
auf eine urkundliche Erweiterung des bisherigen ganz unzulanglichen Materials 
wurde von den Historikern und alttestamentlichen Theologen wie von den 
Sprachforschern mit Freude begriiflt worden sein; aber das Gegenteil war der 
Fall. Die Schwierigkeiten der Erlernung der Schrift, die Unsicherheit mancher 
Ergebnisse, die zweifellosen Fehler, die dabei vorkamen, konnen nicht das 
Entscheidende gewesen sein; denn gegen die Agyptologie hat man sich niemals 
so ablehnend verhaltcn, obwohl auch hier die Schwierigkeiten nicht geringer 
und das Verstandnis der Texte um 1875 kaum weiter fortgeschritten war und 
sie seitdem ebensoviel hat berichtigen und vertiefen mtissen wie die Assyriologie. 
Vielmehr sind zwei andere Momente von ausschlaggebender Bedeutung gewesen. 
Gegenwartig fallt es auch dem, der die folgende Entwicklung mit durchlebt hat, 
schwer genug, sich ins BewuBtsein zuruckzurufen, wie unendlich vieles von dem, 
was wir jetzt von der Geschichte des alten Orients wissen, ja was fast elementares 
Gemeingut geworden ist, vor einem Menschenalter noch vollig unbekannt war. 
Von dem grofien politischen Hintergrund, auf dem sich die im Alten Testament 
bewahrten Episoden abgespielt haben, von den Einzelvorgangen, aus denen die 
AuBerungen der Propheten erwachsen sind, wuflten wir bitterwenig; und immer 
von neuem miihte man sich an der Danaidenarbeit ab, aus den Nachrichten 
des Herodot, des Ktesias, des Berossos und den im Alten Testament erhaltenen 
Geschichtstrummern einen Oberblick der Geschichte des alten Orients zu ge- 
winnen. Da traten die assyrischen Nachrichten ein. Uberall brachten sie, 
falls sie zuverlassig waren, ungeahnte Kunde, uberall aber traten sie mit den 
herkommlichen Darstellungen der israelitischen Geschichte sowohl (dagegen 



l6o Schrader. 

keineswegs mit den wirklich geschichtlichen Nachrichten, welche das Alte 
Testament bewahrt) wie mit den bei den Griechen bewahrten Nachrichten 
und vollends mit den darauf aufgebauten Systemen in flagranten Widerspruch. 
Begreiflich genug, dafl man sich straubte, sie anzunehmen: wie sehr man 
bisher in die Irre gegangen war, wie wenig vor allem alle diese griechischen 
Nachrichten, abgesehen von den Fragmenten der Berossos, von historisch ver- 
wertbarer Kunde enthielten, konnte bis dahin kein Mensch ahnen. So erklart 
es sich, dafl vielen Gelehrten die geistige Elastizitat fehlte, das Neue vorurteils- 
los zu prufen und in sich aufzunehmen: statt sich in die Elemente der assy- 
rischen Schrift hineinzuarbeiten, wodurch jeder sprachlich Geschulte sofort die 
Moglichkeit gewonnen hatte, mit ziemlicher Sicherheit zu beurteilen, was als 
gesichert gelten konnte, wo Reserve geboten war, klammerte man sich an die 
scheinbaren und wirklichen Seltsamkeiten der Schrift und vor allem an die be- 
kannte Tatsache, dafl die Lesung der grofltenteils ideographisch geschriebenen 
Gotter- und Personennamen sehr unsicher und schwankend war — vielfach 
sind diese Schwierigkeiten auch jetzt noch nicht gehoben — ; und dieselben 
Manner, die die zahlreichen fortwahrend auf alttestamentlichem Gebiet vor- 
gebrachten Phantasien und die Ungeheuerlichkeiten, zu denen hervorragende 
Gelehrte nur zu oft bei der Interpretation phonikischer und aramaischer In- 
schriften und Sigel gelangt waren, mit gebiihrender Milde beurteilten, hielten 
den Assyriologen unnachsichtlich jeden Miflgriff, jeden sprachlichen oder 
sachlichen Fehler, jede falsche Kombination vor, und glaubten mit diesen 
Irrtiimern auch die gesamten Ergebnisse ihrer Entdeckungen verwerfen oder 
zum mindesten anzweifeln zu diirfen. 

Dazu kam ein weiterer Umstand. Die Entzifferung der babylonisch- 
assyrischen Keilschrift ist in England und Frankreich ausgefuhrt worden 
und in diesen Landern ist bekanntlich jede Wissenschaft, die sich durchsetzen 
und Erfolge erreichen will, darauf angewiesen, das Interesse der breiten Massen 
der Gebildeten zu gewinnen. Bei der Assyriologie war das um so mehr der Fall, 
da sie nun einmal mit dem Alten Testament in enger Beziehung steht und dies 
ohnehin schon in England in ganz anderer Weise ein allgemeines Interesse 
erweckt als etwa bei uns. Schon an sich locken Entzifferungsaufgaben unberu- 
fene Dilettanten an, denen doch einmal, neben vielem Verkehrten, ein guter 
Fund gelingen mag; und auch bei den wirklich Berufenen kann die divinatorische 
Kombination, mit der ein Entzifferer vorgehen mufl, den Sinn fur strenge 
Kritik und methodische Selbstzucht nicht gerade fordern: nur zu oft erweist 
sich hier, was zunachst ganz unwahrscheinlich erschien, dennoch als ein gang- 
barer Weg, ja als das einzig richtige. So ist es begreiflich, dafl die Assyriologie 
den Kinderkrankheiten der Popularitatshascherei und der wilden, ziellosen 
Kombination besonders stark ausgesetzt war; selbst gegenwartig hat sie die- 
selben noch nicht immer vollig iiberwunden. Diese Gebrechen machten sich 
jetzt auch in Deutschland geltend; gerade durch das ablehnende Verhalten 
eines grofien Teils der ihr sachlich am nachsten stehenden Gelehrten wurde 
sie um so mehr in diese Bahnen gedrangt. Aber wer unbefangen urteilt, wird 
den Vorwurf, dafl er diese Ausschreitungen gefordert habe, gegen Sch. nicht 
erheben konnen: gewifi war er schon seiner Natur nach enthusiastisch gestimmt 
— aber wer will ihm verdenken, dafl ihn das gewaltige Gebiet neuer Belehrung, 
welches sich ihm erschlossen hatte, mit Begeisterung erfiillte und er danach 



Schrader. jgj 

strebte, ihm die so lange vorenthaltene Anerkennung zu erringen? Gewifl 
fehlte ihm die strenge sprachliche Schulung, die ihn vor manchen Mifigriffen 
hatte bewahren konnen, und liefi er sich mitunter von verwegenen Kombinatio- 
nen anderer (nicht von eigenen) blenden, wo scharfe Kritik angebrachter gewesen 
ware; aber nur um so mehr ist anzuerkennen, dafi er sich ernstlich und sehr 
erfolgreich bemuht hat, diese Kritik zu tiben, das Sichere von dem Problemati- 
schen zu scheiden, und dafi seine Arbeiten, indem sie die Ergebnisse der bahn- 
brechenden Entzifferer zusammenfafiten und sichteten, zugleich eine weit 
solidere Basis fur die fortschreitende wissenschaftliche Arbeit schufen, als 
diese zu geben vermocht hatten. Dennoch ist es natlirlich, dafi die Angriffe 
gegen die Assyriologie sich in erster Linie gegen ihn richteten, als den Mann, 
der diese Wissenschaft in Deutschland heimisch gemacht hatte. 

Als Wortfiihrer dieser Stimmungen erhob sich Alfred von Gutschmid. Das 
Erscheinen der vierten Auflage von Dunckers Geschichte des Altertums (1874), 
bei der Sch. dem Verfasser manche Aufschlusse gegeben hatte und die er gegen 
eine Rezension Gutschmids energisch verteidigte, gab diesem den Anlafi zu 
einem scharfen Angriff gegen Sch. und die Assyriologie uberhaupt, der zu Anfang 
des Jahres 1876 unter dem Titel »Neue Beitrage zur Geschichte des alten Orients. 
Die Assyriologie in Deutschland « erschien und die wissenschaftliche Welt aufs 
lebendigste erregte. An Umfang des geschichtlichen Wissens, an historischer 
Schulung und kritischer Begabung war Gutschmid seinem Gegner weitaus iiber- 
legen; daneben verwendet er alle Mittel des Witzes und der Satire, die er als 
Meister beherrschte, zu einem Sturm auf die gesamten Grundfesten der Assyrio- 
logie, die Hilfsmittel, die Methode, die Ergebnisse, von denen er nur ganz wenige 
mit aller Reserve als verwertbar anerkennen will: mit dem Worte des alten 
Cato »Chaldaeos ne consulitol« schliefit die Schrift. Es ist nicht zweifelhaft, dafi 
dieser leidenschaftliche Angriff wie ein reinigendes Gewitter gewirkt hat; auf 
gar manche w r unde Punkte, auf Fluchtigkeiten und voreilige Schlusse, auf die 
aus der Popularisierungssucht erwachsenden Gebrechen hat Gutschmid den 
Finger gelegt und indem er die neuentstehende Wissenschaft zur Selbstbesinnung 
und erneuten Nachprufung zwang, ihre weitere Entwicklung gefordert. Aber 
als Ganzes schiefit der Pfeilhagel, mit dem sie uberschuttet wurde, weit uber 
das Ziel hinaus: wenn er dem Gegner Befangenheit vorwirft, so war er selbst in 
noch weit hoherem Grade befangen. Es hat sich an ihm geracht, dafi er gar 
nicht den Versuch gemacht hat, sich die Elemente der Schrift anzueignen — 
das war auch damals schon weit leichter, als es dem Fernerstehenden scheinen 
konnte — und etwa einen einfachen historischen Text zu lesen: seine Angriffe 
hatten an positiven Ergebnissen fruchtbarer sein konnen, wenn er hier etwas 
mehr Sachkenntnis besessen hatte. So aber verschliefit er sein Auge geradezu 
gegen doch vollig gesicherte Tatsachen; es fallt auf ihn selbst zuruck, wenn er 
den trotz einzelner Fluchtigkeiten in allem wesentlichen durchaus soliden 
Transkriptionen und Ubersetzungen Sch.s die Werke M^nants als Muster gegen - 
iiberstellt, Bucher, die, ganz abgesehen von den zahllosen Druckfehlern, die sie 
entstellen, Satz fur Satz mit beispielloser Oberflachlichkeit und Fliichtigkeit 
gearbeitet sind und in der Tat eine vernichtende Kritik der Art, wie sie Gut- 
schmid an Sch. zu liben suchte, verdient hatten. Sch. hat den Fehdehandschuh 
aufgenommen; nach zweijahriger angestrengter Arbeit veroffentlichte er 1878 
ein umfangreiches Werk »Keilinschriften und Geschichtsforschung«, vielleicht 

Biogr. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog*. 13. Bd. 1 1 



1 62 Schrader. 

die reifste und ertragreichste seiner Arbeiten. Er hatte dem Gegner gegeniiber 
einen schweren Stand: die Schlagfertigkeit, die Gabe pointierter und wirkungs- 
voller Formulierung seiner Ansichten, die Gutschmid in hervorragendem Mafie 
besafi, war ihm versagt, eine gewisse Schwerfalligkeit haftet alien seinen Schriften 
an. Aber was ihm nach der formellen Seite fehlte, ersetzte er durch solide 
Gelehrsamkeit und streng sachliche Diskussion; und die Ehrlichkeit einer 
gewissenhaften Uberzeugung, die in seiner Personlichkeit wie in seinen Schriften 
(iberall hervorleuchtet, konnte die Wirkung nicht verfehlen. In den Einzel- 
fragen hat sich naturlich in den 30 Jahren, die seitdem vergangen sind, gar man- 
ches anders gestaltet, wenn auch recht viele von den Sch.schen Ergebnissen 
bestehen geblieben sind; in der Hauptsache hat er seine Sache siegreich und 
erfolgreich durchgefochten. Seit dem Erscheinen seines Werks sind die Zweifel 
an der Zuverlassigkeit der Entzifferung verstummt; und auch diejenigen Ge- 
lehrten, welche bis dahin der Assyriologie ganz skeptisch gegeniiberstanden, 
haben seitdem ihre Resultate angenommen; wenn dabei Vorsicht und die bei 
der Verwendung fremder Ergebnisse immer gebotene Zuruckhaltung geubt 
wird, so kann das jedem, der es mit der Wissenschaft ernst meint, nur will- 
kommen sein. 

Inhaltlich liegt der Schwerpunkt des Sch.schen Werkes in zahlreichen 
historischen und geographischen Einzeluntersuchungen; und diesen Gebieten 
gehort auch die Mehrzahl der Arbeiten an, die er seitdem, vor allem in den 
Schriften der Berliner Akademie, veroffentlicht hat. Auch der zweiten, ganzlich 
umgearbeiteten Auflage des Werkes »Die Keilinschriften und das Alte Testa- 
ment^ die 1883 erschien, ist diese Richtung seiner Studien zugute gekommen. 
Grammatische Arbeiten hat er nicht mehr veroffentlicht; sein Interesse lag 
eben durchaus auf der Seite der Realien, und der fortschreitenden Ausbildung 
der assyrischen Philologie, dem Ausbau der Grammatik und des Lexikons, der 
an Friedrich Delitzsch ankniipft, hat er wohl kaum mehr uberall ganz folgen 
konnen. So erklart es sich, dafi er in dem eben genannten Werke die Bearbei- 
tung des keilinschriftlichen Sintflutberichts an Paul Haupt (ibertrug, und dafl, 
als er 1889 ein neues grofles Unternehmen begann, die »Keilinschriftliche Bib- 
liothek«, eine auflerst dankenswerte Sammlung alier wichtigeren babylonischen 
und assyrischen Texte, zuerst der historischen Inschriften, in Transkription 
und Obersetzung, er wohl noch einige assyrische Konigsinschriften selbst be- 
arbeitet, weitaus das meiste aber jungeren Gelehrten (C. Bezold, H. Winckler, 
P. Jensen, F. E. Peiser, L. Abel) uberlassen hat, die er in die Anfangsgriinde 
des Assyrischen eingefuhrt hatte. 

Denn eine reiche Lehrwirksamkeit hatte sich ihm in Berlin eroffnet, und 
die neue Wissenschaft warb jetzt zahlreiche Jtinger. Wenn Sch. die fuhrende 
Stellung, die ihm in derselben zunachst zugefallen war, auf die Dauer nicht 
eingenommen und auch niemals beansprucht hat, so war er durch seine Person- 
lichkeit um so mehr berufen zu einer vermittelnden Tatigkeit, zum Ausgleichen 
und Einschranken der Gegensatze, die in der weiteren Entwicklung nicht aus- 
bleiben konnten: es ist gerade auch nach dieser Seite ein schwerer Verlust fur 
die Wissenschaft gewesen, dafi er ihr so bald entrissen worden ist. Denn was 
Sch. auszeichnete, war die innere Lauterkeit und Wahrhaftigkeit seines Cha- 
rakters und die Herzenswarme, mit der er Leben und Wissenschaft erfaOte, und 
die er jedem entgegentrug, der mit ihm in Beruhrung trat. Auf ihr beruhte es, 



Schrader. 163 

dafi er sich zu einem kraftigen, gesunden Optimismus systematisch erzogen hat, 
dafi er Widerspruch und Belehrung durch andere gern ertrug, dafi er durch - 
aus Selbstkritik iibte und nicht selten daruber scherzte, dafi er nun einmal 
ein »Brausekopf« sei, der sich leicht zu Voreiligkeiten verleiten lasse; und 
wenn er mir einmal den sehr beherzigenswerten Rat gegeben hat, sich durch 
Einwendungen gegen eine wohlerwogene Ansicht nicht einschuchtern zu lassen, 
da man uber diesen Einwendungen nur zu leicht die Grunde vergesse oder 
geringschatze, welche zur Bildung dieser Ansicht gefiihrt hatten, so sprach sich 
darin das Bewufitsein aus, dafi er selbst immer geneigt war, gegen diese Lehre 
zu verstoflen. 

Sch. stand in der Vollkraft seiner Wirksamkeit, in einem reichen, wenn 
auch durch langes Leiden und friihen Tod einer eben herangewachsenen Tochter 
getriibten Familienleben: da traf im Februar 1895 den 59 jahrigen ein schwerer 
Schlaganfall, der die linke Seite dauernd lahmte. Die geistigen Fahigkeiten 
hatten zunachst nicht gelitten; und in dem ersten Wort, welches Sch. sprach, 
als er wieder zu vollem Bewufitsein kam, gelangte sein unverwustlicher Opti- 
mismus zu ergreifendem Ausdruck: »Es ist doch ein Gluck, dafi nicht die rechte 
Seite gelahmt ist. « Aber die aufierste Schonung war geboten, und die Mog- 
lichkeit zu selbstandigem Weiterarbeiten ist nicht wiedergekehrt. Vorlesungen 
hat er in seiner Wohnung noch wieder mehrere Semester hindurch halten konnen, 
und fur diese Stunden trat auch die alte Frische noch wieder hervor; aber das 
Leiden schritt fort, und im Jahre 1899 mufite er sich dauernd von seinen Amts- 
pflichten entbinden lassen. Auch die langst vergriffene zweite Auflage des 
Werkes »Die Keilinschriften und das Alte Testament « neu zu bearbeiten war 
ihm nicht mehr moglich; er hat das Werk an Hugo Winckler und Heinrich 
Zimmern ubertragen, die an Stelle des Sch.schen Buchs ein ganz anderes gesetzt 
haben, das mit jenem nur den Titel gemein hat. 

So endete das mit so reichen Erfolgen begonnene Leben in langem schwe- 
rem Leid. Aber bewaltigen lassen hat Sch. sich nicht: statt zu klagen, hat er 
sich gefreut, dafi es ihm vergonnt war, die aufsteigende Weiterentwicklung 
der von ihm nach Deutschland verpflanzten Wissenschaft noch weiter ver- 
folgen zu konnen, wo er selbst die Hand vom Pfluge hatte abziehen mussen; 
und alle neuen Erscheinungen hat er mit Freuden begruGt, auch als allmahlich 
auch die geistigen Krafte immer mehr abnahmen. Seine Gattin und seine 
beiden Kinder haben ihn treu gepflegt. Da wurde ihm im Friihjahr 1908 die 
Lebensgefahrtin nach kurzer Krankheit entrissen. Dieser neue harte Schlag 
hat zunachst ein nochmaliges Aufflackern des geistigen Lebens herbeigefiihrt. 
Nur um .so rascher verzehrten sich die Krafte, die ihm noch geblieben waren: 
am 8. Juli 1908 ist er sanft entschlafen. 

AuBer Mitteilungen des Sohns, Pastor Eb. Schrader in Reinickendorf, habe ich einen 
Nekrolog aus der Feder des Schwiegersohns Fr. Conze im »Braunschweigischen Magazine 
Oktober 1908 sowie die Nekrologe von H. Zimmern (Ber. d. Sachs. Ges. d. Wiss. 14. November 
1908) und C. Bezold (Ztschr. f. Assyriologie Bd. 22, mit sorgfaltigem Verzeichnis aller Schriften 
Schraders) benutzen konnen. 

Mit Gcnehmigung des Verfassers aus seiner »Gedachtnisrede auf Eberhard Schrader*. 
Abhandlungen der kgl. preufi. Akademie der Wissenschaften vom Jahre 1909 (wieder ab- 
^edruckt in seinen >Kleinen Schriften* 19 10) wiederholt. — 

Eduard Meyer. 

11* 



164 Beck. Thiel. 

Beck, Konrad August, Bischof der evang. Bruderkirche. * 19. Oktober 
1835 in Herrnhut (Sachsen), f 24. Februar 1908 in Herrnhut. — Er besuchte 
zuerst die Knabenschule in Herrnhut, trat 1848 in das Padagogium der Bruder- 
gemeine in Niesky (Oberlausitz) ein und studierte dann von 1853 — 5^ Theologie 
im theologischen Seminarium der Bruderkirche zu Gnadenfeld (Oberschlesien). 
Nachdem er 6 Jahre als Lehrer tatig gewesen war, zuerst in der Knabenpensions- 
anstalt der Brudergemeine in Gnadenberg (bei Bunzlau) und danach am Pad- 
agogium zu Niesky, wurde er 1863 zum Pfarrvikar der zerstreuten evangelischen 
Gemeinde in Rosendorf (Bezirk Tetschen in Nordbohmen) berufen, deren 
Mitglieder schon lange nahe Beziehungen zur Brudergemeine Herrnhut unter- 
halten hatten. Daselbst verheiratete sich Beck mit Frl. Pauline Rosenow, bis 
dahin Lehrerin in Gnadenberg. Im Jahre 1876 folgte er einer Berufung als 
Prediger der Brudergemeine Gnadenfeld, von wo aus er 1886 zum Mitglied der 
Deutschen Unitats-Direktion gewahlt wurde; damit verlegte er seinen Wohn- 
sitz nach Berthelsdorf bei Herrnhut. Hier empfing er 1888 die Weihe zu einem 
Bischof der Evangelischen Bruderkirche. Innerhalb der Direktion gehorte er 
der Abteilung fur Kirchen- und Schulangelegenheiten an. Nach seinem Eintritt 
in den Ruhestand 1901 verbrachte er seine letzten Lebensjahre in Herrnhut, 
wo er am 24. Februar 1908 im Alter von 72 Jahren und 4 Monaten entschlief. — 
Becks ernste und strenge, dabei jedoch zugleich liebevolle und herzlich teil- 
nehmende Art als treuer Berater, Seelsorger und Vorgesetzter, sein kraftvolles 
evangelisches Zeugnis als Kanzelredner und sein entgegenkommendes Ver- 
standnis fur christliche Gemeinschaftspflege auf gesunder, nuchterner evange- 
lischer Grundlage sicherten ihm einen weitreichenden und tiefgehenden Einflufl 
auf grofle Kreise innerhalb und aufierhalb der Bruderkirche, wie denn auch 
seine besondere Gabe auf dem Gebiet der geistlichen Rede und der personlichen 
Seelsorge lag. Als Mitglied der lcitenden kirchlichen Behorde des deutschen 
Zweiges der Bruderkirche erfreute er sich aber auch infolge seiner grofien Ge- 
wissenhaftigkeit als Verwaltungsbeamter und wegen seines klaren, weiten Blickes 
und seines sicheren Urteils hoher Achtung und Wertschatzung. 

Sein Bildnis ist veroffentlicht worden im *Bruderkalender 1909* nebst kurzer Charakte- 
ristik. Ein Abrifi seines Lebensganges erschien im »Herrnhut«s Wochenblatt aus der Bruder- 
gemeine, 1908, Nr. ii u. 12. (Schriftl. u. Verlag fur bcides: Prediger Ad. Schulze, Herrnhut 

in Sachsen.) A P , , 

' A. Schulze. 

Thiel, Andreas, Bischof von Ermland, * 28. September 1826 in Lokau bei 
Seeburg, Ostpr., f 17. Juli 1908 in Frauenburg. Bezog nach Beendigung der 
Gymnasialstudien in Roessel und Braunsberg 1845 das Konigliche Lyceum 
Hosianum in Braunsberg, wo er sich drci Jahre den philosophischen und theolo- 
gischen Studicn widmete, besonders dem Studium der Geschichte. Hierfur 
hatte er schon auf dem Gymnasium in Braunsberg durch dessen Direktor Jakob 
Lilienthal, einen ausgezeichneten Kenner besonders der Vergangenheit Brauns- 
bergs, die erste Anregung empfangen, welche durch den Dozenten der Kirchen- 
geschichte am Lyzeum, Professor Anton Eichhorn, gefordert wurde. Nach 
Beendigung seiner Studien (1849) war Th. kurze Zeit in der Seelsorge tatig 
(Drangowski bei Tilsit), 185 1 setzte er seine Studien in Breslau fort, wo er 1853 
zum Lizentiaten der Theologie (Inauguraldissertation De Nicolao Papa I legis- 



Thiel. Robbert. ^5 

lalore ecclesiastico) und 1859, 20. Juli zum Doktor der Theologie promovierte 

(Nicolai Papae I idea de primatu Romani pontificis explicata). Schon 1853 

habilitierte sich Th. als Nachfolger Eichhorns am Lyceum Hosianum fur die 

Facher der Kirchengeschichte und des Kirchenrechts (Habilitationsrede: Alt- 

rdmische Rechtsanschauung in bezug auf die politische Stellung der christlichen 

Kirche, 1855 in der Tubinger Quartalschrift veroffentlicht) ; er wurde 1855 Extra - 

ordinarius, 1858 Ordinarius. Das Werk achtjahriger emsiger Arbeit waren die 

Epistolae Romanorum Pontificum genuinae et quae ad eos scriptae a S. Hilaro 

tisque Pelagium II. Tom. I. Brunsbergae 1868, eine Fortsetzung der Coustantschen 

Publikation (Paris 1721), wofur er das Material hauptsachlich in einem ein- 

jahrigen Aufenthalte in Rom seit Herbst i860 sammelte. Der zweite Band, 

dessen Material ebenfalls vorliegt, blieb unediert. Schon 1866 hatte ihn die 

theologische Fakultat zu Wien wegen seiner hervorragenden Leistungen auf 

theologischem Gebiete zu ihrem Ehrenmitgliede ernannt. Kleinere Arbeiten 

erschienen in den Indices des Lyzeums: De decretali Gelasii papae de recipiendis 

et non recipiendis libris et Damasi consilio Romano (1864/65, 1865/66, 1866). 

Th. war auch 1856 Mitbegrlinder des Vereins fur die Geschichte und Altertums- 

kunde Ermlands, zuerst Sekretar, nach Eichhorns Tode 1869 — 1885 Vor- 

sitzender des Vereins. Die Zeitschrift des Vereins enthalt von ihm folgende 

Aufsatze: Das Verhaltnis des Bischofs Lucas Watzelrode zum Deutschen 

Orden (Bd. 1), Beitrage zur Verfassungs- und Rechtsgeschichte Ermlands 

(Bd. 3), Der Flachsbau und Flachshandel in Ermland (Bd. 5), Wehrverfassung 

und Wehrverhaltnisse im alten Ermland (Bd. 6). 

Durch seine Ernennung zum Domkapitular (1870) und Generalvikar der 
Diozese Ermland (1871) wurde Th. diesen literarischen Beschaftigungen zu 
seinem groflen Leidwesen entrissen und genotigt, seine Tatigkeit mehr auf das 
Gebiet der Verwaltung zu verlegen, zumal da der kirchenpolitische Konflikt 
jener Jahre die Diozese ganz besonders traf. Noch weniger Zeit zu literarischen 
Arbeiten fand er seit seiner Erhebung auf den bischoflichen Stuhl von Ermland 
(1885). Die verschiedenen geistlichen Bediirfnisse seines Sprengels nahmen 
ihn ganz in Anspruch, doch betatigte er bei seinem hochidealen Sinne stets sein 
Interesse fur die Wissenschaft und speziell fur die Geschichte Ermlands. 

Braunsberg. Universitatsprofessor Dr. Jos. Kolberg. 

Robbert, Wilhelm, * 31. Mai 1838 zu Donsbriiggen, einem Dorfe in der 
Rheinniederung bei Cleve, f 27. Oktober 1908 zu Cleve. R. widmete sich, 
bevor er das vaterliche Hotel ubernahm, dem Studium der Landwirtschaft 
auf der Poppelsdorfer Akademie bei Bonn (1858 und 1859). Schon 1866 er- 
schien ein Bandchen Gedichte, bekannter aber wurde er erst durch das von 
frischem Weidmannshumor durchwehte Biichlein »Memoiren des Hasen Loffel- 
mann« mit eingedruckten Illustrationen von G. Marx (Dusseldorf, Bagel 1882). 
In den Bahnen Wilhelm Buschs wandelt R., der sich ubrigens auch als ge- 
wandter und geschatzter Gelegenheitsdichter erwies, in seinem zweiten und 
letzten Werkchen: Friedrichs und Ferdinands Buben- und Studentenstreiche, 
eine rheinische Dorf- und Hochschulhumoreske, in lustige Reime gebracht 
(Dusseldorf, Bagel 1887). In diesem derbhumoristischen Versbuch hat R. 
in gliicklicher Weise Erinnerungen aus seiner Bonner Studentenzeit verarbeitet. 



1 66 Robbert. Oeri. 

Neben den beiden Titelhelden, von denen der Friedrich genannte Studiosus 
juris der spatere Ministerialdirektor im preufiischen Unterrichtsministerium 
Althoff sein soil, ist die Hauptperson der biedere Schmitze-Iupp, ein als 
Original weit und breit bekannter ehemaliger Wirt in der rheinischen Musen- 
stadt. E. L. 

Oeri, Johann Jakob, Dr. phii, Gymnasialprofessor, * 24. Juni 1844 
zu Lausen (Kt. Baselland), | 2. April 1908 in Basel. — Sohn eines Baslerischen 
Geistlichen, erwarb sich Oe. seine Bildung in der Heimat der Eltern, lag an 
der Universitat dem Studium der Philologie ob und erwarb sich mit einer Ab- 
handlung uber die Frage der Responsion in den griechischen Dramen (Bonn 
1865) den Doktortitel. Das Diplom eines preufiischen Oberlehrers offnete ihm 
eine Gymnasialpraxis in Schlesien. Nachdem Oe. seit Anfang der 70er Jahre 
in gleicher Stellung in Schaffhausen gewirkt und sich daselbst um die sorg- 
faltige, reizvolle Publikation des Onyx (ersch. als Jubilaumsschrift des hist.- 
antiquar. Vereins Schaffhausen, Zurich, Hofer 1882) verdient gemacht hatte, 
folgte er 1882 einem Ruf als Lehrer an das obere Gymnasium Basel. Hier 
anfanglich in Wort und Schrift politisch — besonders in Schulfragen — tatig 
und als Mitglied des Grofien Rates (1889 — 99) eifriger Verfechter des Proportio- 
nalwahlsystems, widmete er sich spater nach Baslerischer Uberlieferung mehr 
und mehr der Gemeinnutzigkeit. — Oe.s fachwissenschaftliche Tatigkeit gait 
ausschliefilich dem mit grofler Kombinationsgabe und gewandter Darstellungs- 
kunst wiederholt behandelten Problem seiner Dissertation (Novae in responsio- 
nem Aristophaneam animadversiones, Schaffh. Progr. 1876 — Die grofle Respon- 
sion in der spatern Sophokleischen Tragodie, Berlin 1880 — Interpolation und 
Responsion in den jamb. Partien der Andromache des Euripides, Schaffh. Progr. 
1882 — Die euripid. Verszahlensysteme, Basel Progr. 1897/98 — Die Sophokl. 
Responsion -Verteidigung, Berichtigungen, Folgerungen, Basel, Progr. 1903). 
Daneben galten seine Arbeiten dem Studium der griechischen Dramatiker 
iiberhaupt, speziell Sophokles, von dessen »Madchen von Trachis« Oe. eine 
gute tJbersetzung (Basel, Sallmann 1892) und einen Kommentar (Beitrage 
zum Verstandnis der Trachin. des Sophokles, Berlin 1882) veroffentlichte. 
Auch uber Euripides aufierte sich Oe. ofter in den Versammlungen des Vereins 
Schweiz. Gymnasiallehrer und Programmen des Basler Gymnasiums (Uber 
Gotter und Menschen bei Euripides, usw.) — alles »hypothetisch, aber hiibsch 
zu Iesen«, wie ein Kritiker urteilt. 

Damit in engstem Zusammenhang stehen Oe.s Verdienste als Herausgeber 
der nachgelassenen Werke Jakob Burckhardts, der Griechischen Kultur- 
geschichte, 4 Bande, Berlin u. Stuttgart, Speemann 1898 — 1902 — sowie der 
»Weltgeschichtlichen Betrachtungen«, Berlin 1905. Nach oft nur durftigen 
Aufzeichnungen des Verfassers, wie sie der Schwestersohn im Nachlafl seines 
Oheims vorgefunden, und nach fliichtigen Nachschriften der Schuler fast selb- 
standig gearbeitet, sollten diese Ausgaben das Interesse am griechischen Alter- 
tum aufs neue wecken und steigern. In der Tat spricht denn^auch aus ihnen, 
die sich von ziinftiger Seite Anfechtungen gefallen lassen mufiten, die unver- 
gefiliche Personlichkeit Jakob Burckhardts recht lebhaft zum Leser. — Mit 
Oe.s Hinschied verlor das Basler Gymnasium auch einen bedeutenden Lehrer, 
der besonders in der Horazinterpretation, an der sich seine epikuraisch und 



Oeri. RoseDmund. 1 67 

satirisch veranlagte Natur Genuge tun konnte, sowie im Unterricht der deut- 
schen Literatur den Schlilern naher trat. (Man vergleiche seinen Vortrag 
»Ober die Erziehung der Jugend zum Verstandnis der Poesie«, Schaffh. 1882.) 

Hermann Schollenberger. 

Rosemnund, Max, Dr. phil., Ingenieur, Professor am eidgenossischen Poly- 
technikum in Zurich; * 12. Febr. 1857 in Liestal (Kt. Baselland), f 18. Aug. 
1908 in Kusnacht bei Zurich. — Als jiingster Sohn beguterter Eltern unter 
gliicklichen Verhaltnissen geboren, genofi R. eine vorziigliche Erziehung in 
Haus und Schule, zunachst in Zirich, wohin die Familie ubergesiedelt war. 
Nach dem fruhen Tode des Vaters, der ihn zur Obernahme seines uberseeischen 
Geschafts in Rio de Janeiro bestimmt hatte, liefi die Mutter den Knaben zur 
Vorbereitung auf den seinen innersten Neigungen entsprechenden Ingenieur - 
beruf die Industrieschule in Lausanne besuchen. Hier fand seine fruh reifende, 
durch verstandnisvolle Lehrer geweckte Freude an der Natur eine erste Be- 
tatigung in kiihnen Kletterpartien des spatern geiibten Hochtouristen, der 
noch drei Jahre vor seinem Tode muhelos den Jungfraugipfel bestieg. Ebenso 
wurde die Mufiezeit der Studienjahre am Polytechnikum, das R. im Herbst 
1875 bezog, zu eifrigen Touren in die Alpen, die Pyrenaen und die Dauphin6e 
benutzt. Die hier bewiesene Ausdauer sowie ein die Gefahr zwar nie unter- 
schatzender, jedoch vor keiner Strapaze und Entbehrung zuruckschreckender 
Unternehmungsgeist befahigten R. auch zu den Erfolgen auf seinem Berufsfeld, 
auf das ihn sein im Herbst 1879 erworbenes Diplom als Bauingenieur hinwies. 
Nach Absolvierung eines langern Militardienstes — R. brachte es in regelm&Bigem 
Avancement bis zum Rang eines Obersten der schweizerischen Artillerie im 
2. Armeekorpsstab (1906) — begann er seine praktische Tatigkeit als Bau- 
praktikant bei Flufibauten zum Zweck der Verbesserung der Schiffahrt auf 
der Seine in Suresne bei Paris. Seit 1 88 1 als Aufnahmeingenieur im eidgen. 
topographischen Bureau in Bern niedergelassen — er bearbeitete als solcher 
das Blatt Partnun des Siegfriedatlasses — wurde der fleifiige und zuverlassige 
Arbeiter schon 1882 zum Triangulations- Ingenieur befordert und von seinen 
Vorgesetzten bald mit der Losung der hochsten wissenschaftlichen Aufgaben 
auf dem Gebiet des Vermessungswesens betraut, denen zufolge er seine ganze 
Kraft auf die trigonometrisch-geodatischen Arbeiten der schweizerischen Landes- 
messung sowie der internationalen europaischen Gradmessung verlegte. So 
entstanden seine »Untersuchungen uber die Anwendung des photogramme- 
trischen Verfahrens fiir topographische Aufnahmen«, veroffentlicht als Bericht 
Bern 1896. Nachdem sich R. so praktisch und theoretisch in das Gebiet der 
Geodasie in ihren Beziehungen zur Land- und Erdmessung eingearbeitet und 
die Fiihrung in diesem Zweig des schweizerischen Landvermessungswesens 
ubernommen hatte, ubertrug ihm die Baugesellschaft fiir den Simplontunnel, 
Brandt, Brandau & Co., 1898 die Richtungsbestimmung der Achse fiir den 
Tunnel sowie die jeweiligen Kontrollmessungen bezuglich der Lange und 
Hohenverhaltnisse bis zum Durchschlag des Tunnels. Die in dieser Ver- 
messungsarbeit am Simplontunnel gemachten Erfahrungen, die R. den Welt- 
ruhm eintrugen, legte er in drei Publikationen nieder; zuerst in einem Spezial- 
bericht (Bern 1901), dann in einem als Separatabdruck der »Schweizerischen 



1 68 Rosenmund. Walfflin. 

Bauzeitung« (Bd. XXXVII), Zurich 1 901, erschienenen Aufsatz »Uber die 
Absteckung des Simplontunnels«, sowie endlich in der gemeinsam mit Charles 
Ed. Guillaume und Raoul Gautier veroffentlichten wissenschaftlichen Ab- 
handlung »La mesure de la base geodesique du tunnel du Simplon« } Bd. XI der 
»Travaux astronom. et geodes. exec, en Suisse*. Mit der Bestimmung der 
Lange und Richtung der Achse des Simplontunnels mit der Genauigkeit eines 
Millionstels der Gesamtlange hatte R. sein Meisterstuck abgelegt, indem er 
hier die zu erwartenden Fehler in den Bestimmungen voraussagte. Der im 
Februar 1905 erfolgte Durchschlag des Vortriebstollens I ergab die Richtigkeit 
von R.s muhevollen, ausdauernden Arbeiten. Seine bei der Eroffnung der 
Bahn bewiesene Bescheidenheit und Entsagimg, welche ihn von dem rauschenden 
Zug der Festteilnehmer durch die Simplonstadte ferngehalten, konnte es nicht 
verhindern, dafi ihm im April 1905 von den drei schweizerischen Universitaten 
Genf, Lausanne und Basel zugleich das Diplom des Ehrendoktors uberreicht 
wurde. — 

Zuletzt war R. — bis 1904 — in Bern tatig als Adjunkt des Direktors der 
Abteilung fur Landestopographie des eidgenossischen Militardepartements 
und hatte in dieser Stellung die wissenschaftliche Bearbeitung des Materials 
sowie die Einfiihrung der Ingenieure in die neu auftretenden Probleme der 
Landesvermessung zur Aufgabe. Dieser entsprang seine »Anleitung fur die 
Ausfiihrung der geodatischen Arbeiten der schweizerischen Landesvermessung* 
(Bern 1898), jener die im Auftrag seiner Behorden verfafite »Anderung des 
Projektionssystems der schweizerischen Landesvermessung* (Bern 1903). — 
Einem Ruf an die durch den Tod von Prof. Dr. Decher verwaiste Professur 
fiir Vermessungskunde und Geodasie am eidgenossischen Polytechnikum in 
Zurich mit dem Anerbieten lebenslanglicher Anstellung leistete R. inmitten 
dieser Plane und Arbeiten nur zogernd Folge. Durch grofiere noch in den letzten 
Jahren unternommene Reisen ins Ausland, durch seine vielfachen Beziehungen 
zu auslandischen Fachkollegen und fleifiiges Studium der einschlagigen Literatur 
behielt R. stets ein offenes Auge fur die Fortschritte auf seinem Gebiete. Auch 
in andern Missionen stellte er seine Fahigkeiten und Kenntnisse dem Vaterland 
zur Verfiigung; so als Mitglied der eidgenossischen geodatischen Kommission 
durch die Oberleitung der Schwere-undLangebestimmungen und die Einfiihrung 
der Ingenieure in ihre Arbeiten, als Mitglied der eidgenossischen Artilleriekom- 
mission in der schwierigen Frage der Neubewaffnung usw. Anfang Mai 1908 
zwangen ihn Gesundheitsrucksichten, um einen langern Urlaub nachzusuchen, und 
bereits am 18. August desselben Jahres raffte ihn eine tuckische und hartnackige 
Krankheit dahin. Die kurze Dauer seiner Lehrtatigkeit (1904 — 08) hatte doch 
geniigt, um das grofie Verdienst seiner akademischen Wirksamkeit erkennen 
zu lassen: die Herausgestaltung einer nationalen Richtung im Vermessungswesen. 

(F. B.[ecker]. Neue Zurcher Zeitung, 25. VIII. 08. — K. E. H.[ilgard], Ziircher Wochen- 
chronik. 29. VIII. 08.) Hermann S c h 1 1 e n b er g er. 

WSlfflin, Eduard Ritter von, Dr. phil et jur. t k. Geheimrat, Professor der 
lateinischen Philologie an der Universitat Miinchen, * 1. Januar 183 1 in Basel, 
t 8. November 1908 ebenda. — In der alten Humanistenstadt als Sprosse eines 
cingesesscnen Geschlechtes, jedoch aus ungelehrten Kreisen hervorgegangen, 



Walfflin. i(> 9 

genofi W. den ersten Unterricht in der Altertumskunde am Gymnasium und 
an der Universitat seines Heimatortes und promovierte in Gottingen unter 
R. F. Hermann, F. W. Schneidewin und E. v. Leutsch mit der Arbeit t>De Lucii 
Ampelii libro memoriali quaestiones critic, et historic* 1854, welcher er kurz 
darauf eine heute noch maflgebende kritische Textausgabe folgen liefi. In Basel 
als Gymnasiallehrer und Beamter an der Universitatsbibliothek beschaftigt und 
seit 1856 fur klassische Philologie habilitiert, wirkte W. spater in Winterthur 
und Zurich — hier seit 1870 als ordentlicher Professor — und von 1875 — 80 in 
Krlangen. Als Nachfolger Karl Halms (vgl. W.s »Gedachtnisrede auf K. H. ge- 
halten in der offentlichen Sitzungder Konigl. Bayerischen Akademie der Wissen- 
schaften inMiinchenl883) an die Miinchener Universitat beruf en, gehorteer dieser 
wahrend der fruchtbarsten Zeit seines Wirkens — voile 25 Jahre — an. Erst als 
ihn 1906 ein schweres Augenleiden und verstarkt auftretende Altersgebrechen 
zur Einschrankung seiner Tatigkeit zwangen, zog er sich in seine Vaterstadt 
zuruck, wo er zuletzt ganz zuriickgezogen fast nur noch seinen musikalischen 
Neigungen lebte, bis ihn ein sanf ter Tod dem Kreise seiner Angehorigen entzog. 
W.s erste, bereits durch die eigenartige Form wie Behandlung literar- 
und sprachhistorischer Probleme ausgezeichneten, mit der seinem Wesen ent- 
sprechenden Akribie, gnindlicher Sprachkenntnis und hervorragender palao- 
graphischer Bildung verfaflten Arbeiten bestanden in kritischen Ausgaben 
einiger spatgriechischen und romischen Autoren (Ampelius, Leipzig 1854 — 
Cacilius Balbus, Basel 1854 — Polyanos, Leipzig i860 (2. Aufl. bes. v. Melber 
1887) — Publilius Syrus, Leipzig 1869 — sowie eine Ausgabe von Buch 21 — 23 
des Livius, 3 Bande, Leipzig 1873 — 83 und seither wiederholt aufgelegt, zuletzt 
durch seinen Schiiler Fr. Luterbacher). Seine Aufsatze liber Livius (Liviani- 
sche Kritik und Livianischer Sprachgebrauch, Winterthur 1864/65) und Tacitus 
(ersch. im »Philologus« XXIV 1866), worin W. mit bisher in den Fachkreisen 
nicht geiibter Sorgfalt die Stilentwicklung der gen. Geschichtsschreiber erschlofi, 
fiihrten ihn seinem spatern Hauptgebiet, der lateinischen Sprachgeschichte, 
immer naher. Wegweisend fur dies Spezialgebiet W.s sind seine »Untersuchun- 
gen uber latein. und roman. Comparation«, Erlangen 1879, deren Tendenz 
bereits auf einen Zusammenschlufl der »Latinisten« und »Romanisten« gerichtet 
ist, sowie sein Vortrag iiber »Die Latinitat des Afrikaners Cassius Felix «, Mun- 
chen, Sitzungsber. 1880. Hatte er es in der einen oder andern dieser Arbeiten — 
von der Fachwissenschaft als irrig zuruckgewiesen wird z. B. seine Hypothese 
uber Asinius Pollio, sowie die Textgestaltung der Benediktinerregel — an 
kritischer Sicherung des Materials fehlen lassen und in seiner Forscherfreude 
aus demselben oft zu weitgehende Schlusse gezogen, so konzentrierte sich doch 
hier schon seine Tatigkeit auf das Beobachten des nach Zeit und Gegend ver- 
schiedenen Absterbens von Wortern und Ausdrucksformen und ihren Ersatz 
und die Ausdehnung dieser Methode von der Untersuchung einzelner Worte 
auf stilistische Formeln und ahnliche Wortkomplexe. So hat W. in diesen 
altesten Zweig der Philologie, die Lexikographie, als neues Element die »histo- 
rische und geographische Synonymik« (Vollmer) getragen, wobei sich ihm 
freilich uberall die Unzulanglichkeit der bisherigen lexikalischen Hilfsmittel 
fuhlbar machte. Die bereits in seiner Schrift uber »Antiochus von Syrakus und 
Coelius Antipater«, Winterthur 1872, enthaltenen mafigebenden Gesichtspunkte 
mufiten W. nach seiner vielseitigen Tatigkeit als Einzelgelehrter auch die groCten 



170 



WBlfflin. 



Erfolge bringen in seiner Eigenschaft als Vorkampfer fur das bedeutendste 
neuere Unternehmen auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Lexikographie, 
den Thesaurus linguae Latinae. 

Allerdings ist der von F. A. Wolf zuerst beabsichtigte Plan eines groflen 
Lexikons, welches die ganze lateinische Literatur bis zum Obergang in das 
Mittellatein umfassen und auf textkritischer und sprachgeschichtlicher Grund- 
lage aufgebaut sein sollte, vor W. schon von Halm auf der Wiener Philologen- 
versammlung des Jahres 1858 von neuem angeregt worden. Allein das durch 
die Forderung von Konig Max II. der Ausftihrung nahe Werk zerschlug sich 
an der Ungunst der politischen Verhaltnisse und schien endgiiltig begraben. 
Die Wiederbelebung dieses Gedankens in einem durch die vielen Fehlschlage 
bedingten vollig aussichtslosen Zeitpunkt mit Mut erkampft zu haben, ist als un- 
bestrittenes Verdienst W. allein zuzuweisen. Sein im »Rheinischen Museum* 
(XXXVII, 1882) erschienener Aufsatz »(Jber die Aufgaben der lateinischen 
Lexikographie « belebte von neuem das Interesse fiir die gewaltige Aufgabe, 
indem es W. aus Fachkreisen eine Menge opferwilliger Gelehrter zufuhrte, und 
der seither von ihm mit beispielloser Zahigkeit und Ausdauer festgehaltene 
Gedanke (vgl. seinen weitern Aufsatz »Die neuen Aufgaben des Thesaurus 
linguae Latinae*, Miinchen, Sitzungsber. 1894) — fiihrte zur schliefilichen 
Obernahme des Werkes durch die fiinf groflen deutschen Akademien Berlin, 
Wien, Miinchen, Leipzig, Gottingen, so dafi 1893 die Vorarbeiten beginnen 
konnten. W.s spezielle Vorarbeit war sein »Archiv fiir lateinische Lexikographie 
und Grammatik mit Einschlufl des altern Mittellateins*, Leipzig 1884 ff., das 
er zuerst mit Unterstutzung der Konigl. Bayerischen Akademie der Wissen- 
schaften, deren ordentliches Mitglied W. seit 1880 war, herausgab. Diese 
Zeitschrift ward allmahlich zum Hauptorgan fiir geschichtliche 'Betrachtung 
und Erforschung vor allem des Volks- und des Kirchenlateins der spatern Jahr- 
hunderte. Mit ihr hatte W. aber auch einen Sammelpunkt fiir alle lexikologischen 
Untersuchungen geschaffen, der bis und mit dem Schluflband XV das »wissen- 
schaftliche Feldherrntalent« seines Urhebers glanzend an den Tag legte. Das 
durch geschickte Fragestellung ausgezeichnete Zettelmaterial, das W. den 
einzelnen Gelehrten nach Maflgabe ihrer Befahigung zur Bearbeitung uberwies, 
wurde gleich vom ersten Jahrgang an zu »Probeartikeln« fiir den Thesaurus 
verarbeitet. Dieser selbst hatte 1899 mit der Redaktion der einzelnen Artikel 
seinen Anfang genommen, wobei W. personlich die Verzettelung der lateinischen 
Prosaiker besorgte und dem ganzen Unternehmen selbst als Mitglied und Seele 
des Direktionskomitees vorstand. 

Neben diesem seinem eigentlichen Lebenswerk — W.s letztwillige Ver- 
fugungen ubermachten mit einer bedeutenden Geldsumme fast den ganzen 
Bestand seiner Bibliothek dem Thesaurus — stehen seine Verdienste als akade- 
mischer Lehrer auf gleicher Stufe. Sein klarer, lebendiger Vortrag, welcher die 
Originalitat in Auffassung und Behandlung des Gegenstandes anregend zum 
Ausdruck brachte, verschaffte W. schon in seinem ersten deutschen Wirkungs- 
kreis eine groflere Zahl begeisterter Schiiler, aus deren Mitte die *Acta seminarti 
philoL Erlangensis* erwuchsen. Und auch die reichbesuchte ideenreiche Miin- 
chener Vorlesung uber Grammatik des Vulgarlateins und Erklarung ausgewahlter 
Briefe Ciceros oder die Interpretation des helium Hispaniense im philologischen 
Seminar werden dem einstigen Zuhorer unvergefilich bleiben. 



Wblfflin. Stiefel. 171 

Vollmer, Sitzb. d. philos.-philol. u.d. hist. Kl. d. K. B. Akad. d. Wissensch. in Miinchen. 
10. Marz 1909. — Edmund Hauler, Almanach der Kaiserl. Akad. der Wissensch. in Wien 1909. — 
Oskar Hey, Beilage der Munchener Neusten Nachrichten, 1. Jan. 1909. — Neue Zurcher Zeitung, 
26727. Nov. 1908. — Basler Nachrichten, Sonntagsblatt, 15. Nov. 1908. — W.s wohlgetroffenes 
Bildnis ziert die *Commentationes Woelfllinianae* und das Erganzungsheft zum XV. Bd. des 
»Archivs«, hsg. von 0. Hey — ein Abgufi der trefflichen Biiste des Munchener Bildhauers 
Hahn befindet sich im klass.-philol. Seminar der Univ. Miinchen. 

Hermann Schollenberger. 



Stiefel, Karl Julius, Dr. phii, Professor der deutschen Literatur und Asthe- 
tik am eidgenossischen Polytechnikum und an der Universitat Zurich, * 31. Mai 
1847 in Zurich, f 24. Juni 1908 ebenda. — Die in abhangiger Stellung in Zurich 
dienende Mutter St.s, »deren aus Humor und Ernst so wundersam gewobenes 
Wesen mir allezeit wie Verkorperung der Poesie erscheint«, ubergab den korper- 
lich schwachlichen Knaben nach dem Tode des Vaters der einfachen landlichen 
Umgebung von Wermatswil bei Uster (Kt. Zurich), wo friih seine Freude an 
der Natur und — durch wenig erzieherische Einsicht genahrt — sein sinnendes, 
griiblerisches Wesen sich entwickelte. Er selber fuhrte die Freude an der Poesie 
auf den Unterricht des spatern Seminardirektors Bachofen, unter dem St. die 
Sekundarschule Fehraltorf besuchte, und dem er stets, trotz spaterer religioser 
Unstimmigkeiten, ein dankbares Andenken bewahrte, zuruck. Bachofen ver- 
mittelte St. im Einverstandnis mit dessen Vormund und Gonner Theodor Baur, 
dem Besitzer des renommierten Hotels am See in Zurich, einen Platz in dem 
von der evangclischen Gesellschaft fiir Theologiestudierende gegriindeten Konvikt 
in Unterstrafi, wo sich dem von seinem ktinftigen Beruf wiederum durch unver- 
standige Besorger abgestofienen Jiingling (»ich bin mit der Theologie zu friih 
fertig geworden«) zum ersten Male die Gedankenwelt der groflen deutschen 
Schriftsteller erschlofl. Ein hartnackiger, von beiden Seiten leidenschaftlich 
gefiihrter Kampf mit dem Vormund, als dessen vorzeitige Friichte sich St.s 
Hang zur Nervositat, Bitterkeit, Melancholie in einem Tagebuch aus jener Zeit 
wiederfinden, fuhrte zunachst zu keinem Ergebnis; trotz starker literarischer 
Neigungen studierte St. Theologie, bis es ihm wohlwollende Eltern von Gym- 
nasialfreunden, die Familien von Muralt und Stadlcr, ermoglichten, die Studien 
in seinem Lieblingsfach, der deutschen Literatur, fortzusetzen. Durch den Besuch 
von Vorlesungen von Joh. Scherr und Fr. Th. Vischer, durch Konzentrierung 
seiner Privattatigkeit auf das spezielle Gebiet der Lyrik gelang es St., unter- 
stiitzt durch eine umfassende allgemeine Bildung wie durch seine naturliche 
Begabung, schon 1870 an der Universitat Zurich, unter dem Rektorat von 
Adolf Gusserow mit einer Arbeit uber »die deutsche Lyrik des 18. Jahrhunderts 
(als »asthet. Studien «, Leipzig 1871, erweitert erschienen) zu doktorieren. 
Die in uberwiegend philosophisch-asthetischer Methode ausgefiihrte Spezial- 
arbeit uber die Anfange der selbstandigen modernen deutschen Lyrik unter 
Haller und Hagedorn, und deren Entwicklung bis auf Hebel, enthalt trotz 
mancher Sprachharten und schwer verstandlicher Partien musterhafte Gedicht- 
analysen (z. B. Klopstocks, Goethes und Holderlins) sowie ein sicheres Urteil 
in der schwierigen Einteilung der lyrischen Formen, die St. einlafilicher und 
vielfaltiger gliedert, als Vischers Asthetik bei der Grofie ihrer ganzen Anlage 



1/2 



Stiefel. 



in diesem Teil sie leisten konnte. So fand auch Moriz Carrifcre in St.s Buch 
»viel Sinniges und tiberall den Beweis, dafl Sie glticklich verstehen, die dich- 
terische Empfindung auf eine begriffliche Formel zu bringen.* — »Ihr Buch 
macht mir den Eindruck, dafi Sie eine Zukunft haben. Also frisch vorwartsU 
hatte ihm von Stuttgart aus Vischer zugerufen (30. Januar 187 1 ). An mafl- 
gebender Stelle konnte der den meisten Literarhistorikern jener Tage fehlende 
Vorzug St.s nicht ubersehen werden: jene feine, sinnige Vertiefung in das 
spezifisch Poetische, ohne welche die Kritik immer nur schablonenmafiig, nie- 
mals aus dem Innersten heraus lebendig empfindend und urteilend ist. Mit 
diesem verstandnisvollen Nachempfinden verband St. einen kundigen, geschicht- 
lichen Blick, der das Einzelne sofort in grofie Gruppen und in allgemeine ge- 
schichtliche Zusammenhange einzufiigen weifi — Qualitaten, deren Wurdigung 
St. bald darauf auch die Bewilligung zur Habilitation eintrug. Anderseits 
jedoch strebte St. mit Energie darnach, sich nachtraglich noch einer metho- 
dischen Schulung zu unterziehen, welche ihm materielle Erweiterung seiner 
Kenntnisse auf seinem Hauptgebiet und ein mehr historisches Verstandnis 
der literarischen Erscheinungen gewahren sollte. Mit einem glanzenden Zeugnis 
des klassischen Philologen Prof. Arnold Hug versehen, bezog St. im Jahre 1873 
die Universitat Berlin, um sich besonders dem Studium der modernen Philologie, 
sowie der Germanistik zu widmen. Nach Zurich zuriickgekehrt, war er hier in 
gewissenhafter Erfullung seiner Sohnespflichten bestrebt, sich alsobald nach 
einer praktischen Tatigkeit umzusehen. Eine Empfehlung Scherrs, der seinem 
ehemaligen, sehr fleifligen Zuhorer das Zeugnis ausstellt, ein »talentvoller, 
strebsamer, wissenschaftlich tiichtig durchgebildeter junger Mann und uberdies 
von Gesinnung und Charakter durchaus ehrenhaft und wacker* zu sein, ver- 
schaffte ihm die Lehrstelle fur deutsche Literatur an der Industrieschule Zurich, 
die St. vom 1. Mai 1876 an ein Dezennium innehatte. Nach dem Tode Kinkels 
und dem durch Krankheit bedingten Rticktritt Scherrs sah St. mit seiner Wahl 
als beider Nachfolger einen langgehegten Wunsch in Erfullung gehen. 1887 
wurde ihm aufierdem eine a. 0. Professur fur Asthetik und Geschichte der 
Asthetik nebst Betatigung im deutschen Seminar mit besonderer Beriick- 
sichtigung der rhetorischen Obungen an der Universitat Zurich zugewiesen. 
Die Zuhorer seiner Vorlesungen uber »Welt und Menschen in Shakespeares 
Dramen« — »Die klassische Dichtung der Deutschen von Klopstock und Goethe 
bis zu Schillers Tod« — »Das neue deutsche Drama: Kleist, Hebbel, Grill- 
parzer« sowie liber die tiefgreifendsten Kapitel der Asthetik, das Tragische 
und Komische usw. — besonders aber das Auditorium, dem er die Schonheit 
dcs groflen zeitgenossischen Schweizer Schrifttums enthiillte, bewahren noch 
hcute in lebendiger Erinnerung St.s in Auffassung und Vortrag hinreiflende 
Beredsamkeit, seine von tiefem Lebensgehalt geistspriihende Darstellungsgabe, 
die mit bewufiter Betonung der padagogischen Aufgabe der Literaturgeschichte 
die Schwache der rein philologischen Kritik vermied. St.s unerschutterliche 
Uberzeugung: »die Weltliteratur ist die Erzieherin des Menschengeschlechtes* 
licfi ihn die Sache der Poesie stets als eine heilige auffassen und drangte ihn so 
zu einer ebenso starken Verteidigung der klassischen Richtung, als entschie- 
denen Ablehnung der Moderne. (Man lese etwa den vom warmsten patriotischen 
Gefiihl durchhauchten, an der aufierordentlichen Schulsynode vom 9. Juni 
1902 gehaltcnen Vortrag »Pocsie und Schule«). 



Stiefel. 



1/3 



In diescr Weltanschauung sah sich St. mit seinen grofien Zeitgenossen 
Gottfried Keller und C. F. Meyer einig; beide durfte er neben dem andern 
Dioskurenpaar, Arnold Bocklin und Rudolf Roller, seine Freunde nennen. C. F. 
Meyer, erfreut iiber die »geist und verstandnisvolle« Kritik, mit der St. in der 
Neuen Ziircher Zeitung »Huttens letzte Tage« begrufit hatte, liefl sich nach 
seiner Riickkehr aus Venedig im Fruhjahr 1872 durch den bekannten Literatur- 
freund Wille in dessen Besitzung Mariafeld bei Meilen St. personlich vorstellen, 
und bald war ein lebhafter miindlicher und schriftlicher Verkehr im Gange. 
Der erst mit dem Tode Meyers abschliefiende Briefwechsel beschlagt dessen 
schriftstellerische Plane, die meist erst nach fruchtbarer gemeinsamer Be- 
sprechung zur Reife gediehen. Dabei befiirwortete St. seinem Freunde stets 
die Erstlingsfassung, so im Juni 1876 bei »Jtirg Jenatsch« und im Nov. 89 bei 
Meyers »Liebling« der »Richterin«; »je weniger Sie daran andern, desto besser 
bleibt sie«. An Keller brachte St. im Oktober 1872 von Hermann Hettner 
aus Dresden Griifle mit, ebenso aus seiner Berliner Studienzeit von Theodor 
Fontane, verstimmte den Dichter jedoch mit einer Bemerkung liber das Un- 
asthetische an der Zeichnung seines Ritters »Maus der Zahllose« in den »Le- 
genden« (Ges. Werke VII, 380) so sehr, dafi sich beide erst spater, als Keller 
im Zeltweg in der Nahe St.s Wohnung genommen, wieder naher kamen. Das 
Unaufdringliche, ja verschlossen Einsiedlerische in der Natur namentlich des 
altern St. mufi das verwandte Wesen Kellers angezogen haben, und in gemein- 
sam auf dem Seelisberg verbrachten Ferientagen wurde herzliche Freundschaft 
geschlossen, die leider — der ortlichen Nahe wegen — in keinem Briefwechsel 
ihren Abglanz gefunden hat. Die wenigen Briefe Kellers an St. beziehen sich 
auf die Vorbereitungen des an Rheumatismus leidenden Dichters, auf dem 
Seelisberg »ein Asyl gegen die Geburtstagsverfolgungen am 19. Juli zu ge- 
winnen*. 

Auf diese Weise wie nur wenige begiinstigt, hatte sich jeder andere die 
Publikation von Erinnerungen in irgendwelcher Form zur Ehrenpflicht gemacht, 
und St., mit Keller und Meyer seit langen Jahren in Freundschaft verbunden 
und deren geistigem Wesen nahestehend, ware wie kein zweiter in der Lage 
gewesen, mit kundiger Hand beider Wesen zu zeichnen. An Anregungen hiezu 
hat es denn auch zu keiner Zeit gefehlt: Hier wollte ihm seine Frau den Pinsel 
zu einem wahrheitsgetreuen Gemalde der durch Jakob Baechtold ungerecht 
verdunkelten Gestalt von Kellers »treuem Geschwister« (Storm) Regula in die 
Hand drucken; dort drangte C. F. Meyer selber: »Was Sie mir das letztemal 
von Keller erzahlten, sollte doch einmal grundlich niedergeschrieben werden« 
(3. XII. 91). Allein von St.s Schreibscheu hoffte Meyer und mit ihm andere 
umsonst, dafi es sich damit zur rechten Stunde von selbst geben werde. Seine 
langsame, unproduktive Arbeitsart war der sensiblen Natur mit ihren Aufler- 
lichkeiten und Stimmungen viel zu sehr unterworfen, als dafi sie ihn zu an- 
dauernder Tatigkeit am Schreibtisch festzuhalten vermocht hatte. Auch die 
fruheren Publikationen des Studenten und akademischen Lehrers sind ebenso 
sehr Brotarbeit wie aus der ihn gerade beherrschenden Stimmung heraus- 
geschrieben. Sie betreffen in ihrer Mehrheit das Theater und seine Vertreter. 
Der jugendliche Verfasser eines wirklich aufgefiihrten Rauberdramas wurde 
durch einen geflissentlich gesuchten Umgang mit den gefeiertsten Biihnen- 
klinstlern im Ausland auf dieses Gebiet hingewiescn, das St. dann auch mit 



174 



Stiefel. 



Vorliebe seinen Doktoranden zur Bearbeitung empfahl. Die zum Teil wahrend 
des Spiels zu Papier gebrachte Theaterkritik wuchs sich schliefllich zu einer 
mit feinen Apergus (man vgl. z. B. zu der Notiz liber Klara Ziegler in einer 
Berliner Aufflihrung der »Jungfrau«: »prophetisch groB, und dochnaiv madchen- 
haft« den bekannten Dresdner Brief Schillers an Iffland vom 2. Sept. 1801!) 
durchsetzten kleinen Dramaturgic aus, die Stiefel selbst zu Korrespondenzen 
und Skizzen — er nannte sie bescheiden »summarische Notizen, in der Stim- 
mung einer Art idealischen Dankgefuhls entstanden* — in der Kieutschen 
Warte«, der »Gartenlaube« und der »N. Z. Z.« verarbeitete. Hier finden sich viele 
geistreiche Bemerkungen, so z. B. liber Dilettantismus, liber die Berechtigung 
und Verwendung des Dialekts usw. 

Am besten orientiert ist St. liber die Miinchener Biihne der 70er Jahre, 
mit deren hervorragendsten Mitgliedern — Christen, Possart, Rlithling, Dahn- 
Hausmann, Marie Meyer, Seebach — er freundschaftlich und kritisch zugleich 
verkehrte. So verdankt ihm z. B. Bernhard Riithling seine eigenartige Auf- 
fassung des Cheruskerflirsten in Kleists »Hermannsschlacht«, wahrend urn- 
gekehrt St. in den Proben, zu denen er ungehindert Zutritt hatte, von den 
Schauspielern die Technik des Vortrages sich zueigen machte. Dieses feine 
Nachempfinden befahigte St. auch zu den heute noch unlibertroffenen Cha- 
rakteristiken, in denen er * — in Bewunderung zweifelnd, im Zweifel bewun- 
dernd — « die Personlichkeit grofier Blihnenklinstler zeichnete. Seine in der 
»Deutschen Warte« i. J. 1873 veroffentlichte Reiseskizze liber Adolf Sonnen- 
thal liefi diesen die zwischen beiden bestehende »Seelenverwandtschaft« er- 
kennen und St. gegeniiber die Bitte aussprechen, »im Interesse des deutschen 
Theaters auf diesem Wege fortzufahren«. — »Wenn die Schauspieler erst sehen, 
dafl sie von solchen Mannern beachtet werden, dafl sie nicht blofl zur Unter- 
haltung des groBen Haufens da sind, — dann werden sie sich wieder ihrer 
grofien Aufgabe bewuflt werden, dann wird sich das deutsche Theater wieder. 
heben, und das goldene Zeitalter Schroders und Ifflands wird wiederkehren, 
und das walte Gott! «(u. Sept. 1873). Eine ahnliche Licht und Schatten 
gerecht verteilende Kritik liber Ernst von Possart als tragischen Darsteller 
offnete ihm das Herz dieses hervorragenden Menschen, mit dem St. bis zum 
letzten Lebenstag die ungetrlibteste Freundesliebe verband. Possart war es 
auch, der St. fur seine noch in letzter Zeit geplanten Vortrage in Miinchen 
liber die Schweizer Dichterschule den Weg ebnen wollte. 

Solche Plane — auch eine Schrift liber das Volkstheater der Schweiz war 
beabsichtigt — traten naher an ihn heran, als die Gebrechlichkeit des Korpers 
ihn zur Einstellung des Lehramtes zwang. Allein die Auflosung von Korper und 
Geist schritt unaufhaltsam vorwarts, und so hinterliefl St. bei seinem Tode 
aufier unleserlichen »Kollegienheften« und einem zwar abgeschlossenen, aber 
aus demselben Grunde fur den Druck aussichtslosen Manuskript uber G. Kellers 
Lyrik nur eine groBere Publikation, die anlafilich der Zurcher Tell-Ausstellung 
1904 erschienene Schrift »Reden und Vortrage «. Sie enthalt Stoffe, die lange 
in ihm gegluht haben, und vornehmlich die Aufsatze liber Schillers Wilhelm 
Tell, uber Jeremias Gotthelfs »Erzahlungen und Bilder aus der Schweiz* und 
liber die erzieherischen Ideen in Gottfried Kellers Dichtungen zeigen deutlich, 
daB der Bildner seine Geschopfe erst in der vollendetsten, durchgedachtesten 
Form aus den Handen gab, dann aber auch mit wunderbarer Redegewalt in 



Stiefel. MUller. 1 75 

die Herzen der Horer hineinzubannen verstand. Diese Kunst zeichnet auch sein 
als Familienmanuskript gedrucktes Lebensbild einer edlen, vornehmen Ziir- 
cherin — »Henriette von Muralt-Hirzel« (Zurich, Ulrich, 1883) aus. — Allein 
St.s Starke ist und bleibt das freie, ungebundene, momentan aus der Tiefe 
quellende Wort. So lauschen wir ehrfurchtsvoll den Gedachtnisreden auf 
Scherr, Keller und Meyer, und schatzen uns gliicklich, in unserm Landsmann 
einen Ausleger dieser auch im Ausland Gefeierten zu haben, der uns deren 
Personlichkeiten in so ergreifender Weise nahe zu bringen wuflte. Hierin ruht 
St.s bleibendes Verdienst; er war — um mit seinen Worten zu sprechen — 
ein nachempfindender Interpret des Genies. 
Mit teilweiser Benutzung des Nachlasses. 

Hermann Schollenberger. 

Muller, Hermann von, Preufiischer Generalleutnant, hervorragend als 
Forderer der gezogenen Artillerie, als Fachschriftsteller und als Historiker 
seiner Waffe, * 2. Juli 1832, f 9. Januar 1908. — M. trat nach Besuch der Real- 
schule zu Aschersleben am 2. Februar 1852 wahrend der Mobilmachung bei der 
Ersatzabteilung der 3. Artillerie- Brigade in Magdeburg ein. Oktober 1853 bis 
Juli 1855 war er zur Artillerieschule in Berlin kommandiert, wurde Oktober 1854 
zum Leutnant befordert und auf Grund seiner vorziiglichen Leistungen dem 
Patent nach der alteste Offizier seines Jahrganges. Die bildende Kunst zog 
ihn machtig an; in den Berliner Museen formte er sein Urteil, Musik genoB 
er soviel seine bescheidenen Mittel es irgend gestatteten. Wissenschaftlich 
arbeitete er fiir sich; er trieb Sprachen, horte Kollegien an der Universitat. 
Dieser Zug zur Fortbildung, diese Begeisterung fiir alles Schone hat ihn sein 
langes Leben begleitet, ihn uber die Kleinheit des taglichen Einerlei hinweg- 
geholfen, seinem Geiste stets den hoheren Flug gewahrt. — Nach der Mobil- 
machung 1859 kam er zur Kriegsakademie in Berlin. Dienstlich und aufier- 
dienstlich schritt er zu immer reiferer Entwickelung fort. Er hatte das Gliick, 
in den Kreisen von Kunst und Wissenschaft Verkehr zu finden. Vorzuglich 
abschliefiend mit der Akademie, wurde er fiir ein Jahr Militargouverneur des 
spateren Fursten zu Carolath. Aus dem Auslande heimgekehrt, kam er im 
Dezember 1863 gerade zurecht fiir die Mobilmachung gegen Danemark. Vom 
Tage der Grenziiberschreitung an, dem 1. Februar 1864, fuhrte er als Premier- 
leutnant die 3. zwolfpfiindige Batterie der 3. Artillerie- Brigade, nahm mit 
dieser Teil an verschiedenen Gefechten, an der Belagerung, am Sturm von 
Duppel! — Unmittelbar an den Feldzug schlofi sich seine Kommandierung 
zum Groflen Generalstabe. Moltke erkannte seinen Wert, er bewahrte ihm 
bis an sein Lebensende sein vollstes Vertrauen, er schatzte ihn als den vor- 
urteilsfreien, sachlich klaren Berater in alien artilleristischen Fragen. Den 
Feldzug 1866 sah M. als Fiihrer einer Munitionskolonne, im Herbste zum Haupt- 
mann befordert, tat er ein Jahr lang wieder praktischen Dienst, dann wurde 
er in die Artillerie-Priifungskommission versetzt. Die wichtigen Pulverversuche 
lagen in seiner Hand. Dort konstruierte er in drei Jahren schwerster Arbeit, 
grofiter Anstrengungen die erste gezogene Haubitze, das kurze 15 cm-Geschutz, 
fiir den indirekten Brescheschufi. — Gewappnct war cr fiir diese Aufgaben 
durch seine mit unendlichem Fleifie erworbenen reichen Kenntnisse und be- 



176 Miiller. 

sonders durch das Studium der Scharnhorstschen Schriften mit ihren klassischen 
Regeln fur die Ausfiihrung von Schieflversuchen. Am 26. April 1870 hatte 
er die Ehre, das von ihm in alien Teilen neu konstruierte Geschutz dem Konig 
Wilhelm personlich vorzufiihren und schon vier Monate spater legte er mit 
diesen Geschiitzen Bresche in die Vaubansche Befestigung von Straflburg, 
kurz darauf in die von Soissons und flihrte dadurch den schnellen Fall dieser 
Festung herbei. Als »Instruktor« dem artilleristischen Angriff gegen die 
Siidfront von Paris beigegeben, wirkte er in so hervorragender Weise, daO 
er als Erster von der gesamten Belagerungsartillerie mit dem Eisernen Kreuze 
I. Klasse dekoriert wurde. Der Kronprinz uberreichte ihm personlich diese 
Auszeichnung. 

Der General v. Hindersin hatte ihn als Adjutant zur Generalinspektion 
der Artillerie gezogen, sein Nachfolger, der General v. Podbielski, stellte die 
eigene geniale Arbeitskraft ganz in den Dienst der groflen Aufgabe einer Re- 
organisation der ihm bis dahin fremden Waffe. — Neue Geschtitze waren not- 
wendig. Podbielski uberliefi M. in vollem Vertrauen auf dessen bewahrte Tiich- 
tigkeit, seine klare Umsicht und Stetigkeit die schwere Verantwortung, in alien 
diesen fur die Feld- wie fiir die Festungsartillerie entscheidenden Lebensfragen 
das Interesse der Truppe bei der Artillerie-Priifungskommission und gegeniiber 
dem Kriegsministerium zu vertreten. Im Fruhjahr 1872 wurde M. um voile 
zwei Jahre als Hauptmann vorpatentiert, im Oktober dieses Jahres zum Major 
befordert. — Dann wurde er in den Generalstab versetzt, um dort die Podbielski- 
schen Ideen lebendig zu vertreten. — In dieser Zeit wirkte er als Lehrer an 
der Kriegsakademie, wo er den Festungskrieg, nicht nach handwerksmafligen 
Schablonen und Regeln vortrug, sondern aus der historischen Gestaltung von 
Angriffs- und Verteidigungsmitteln das Werden und Wesen desselben geistreich 
fesselnd entwickelte. 

Miiller verheiratete sich im Juni 1876 mit Marie Schmuckert, Tochter 
eines ausgezeichneten Juristen, Enkelin des 1862 verstorbenen Preufiischen 
Generalpostmeisters Schmuckert. Er fand eine Lebensgefahrtin, die ihm, mit 
gleichem Sinne fiir Kunst und Musik begabt, ein hausliches Leben voller An- 
regung schuf. Kiinstler, Gelehrte, hohe Staatsbeamte trafen sich in dem ein- 
fach gehaltenen gastlichen Hause. 

Nach kurzer Zeit als Regimentskommandeur wurde M. am I. April 1879 
in das Kriegsministerium berufen. Als Chef der Artillerie-Abteilung hat er 
unter den Ministern v. Kamecke und v. Bronsart I, sowie unter dem Depar- 
tements-Direktor v. Haenisch eine Vertrauensstellung inne gehabt, wie das nur 
bei seiner Beanlagung und Charakterbildung moglich war. Es war die Zeit 
der machtigen Entwickelung der neu werdenden Artillerie. Wenige nur 
konnten den vollen Oberblick behalten. Eigentlich war es wohl nur M., 
der alle Fragen der Feld-, der Fufiartillerie, der das gesammte Waffenwesen 
ganz beherrschte. — Schwere Kampfe mit Wohlmeinenden, aber auf falschem 
Wege sich Befindlichen, waren durchzufiihren. Nur durch das felsenfeste 
Vertrauen seiner Vorgesetzten zu ihm konnte er sich in diesen Zeiten der 
sich widersprechenden Interessen halten. — g l / 2 Jahre harrte er hier aus. Re- 
formierend wirkte er nach alien Seiten in seinem Bereich. — Die altpreufiische 
Sparsamkeit herrschte unbedingt in seiner Verwaltung. Durch sie ermog- 
lichte er es, Tausende von glatten Geschiitzen aus der Festungsbewaffnung 



Mtiller. 



177 



ausscheiden zu lassen, die neue Munition einzufiihren, ohne dafi in dieser Zeit 
des Cberganges wesentliche besondere Gelder liber die laufenden Mittel hinaus 
dafiir notwendig wurden. Sein weises Zuriickhalten machte ihm viel Feinde; 
es kiimmerte ihn nicht. — 1883 war er Oberst, 1888 General geworden. Kaiser 
Friedrich ernannte ihn dazu am 14. Juni, am Tage vor seinem Tode. 

Von September 1888 bis Dezember 1889 war er wieder im Truppendienst; 
dann fur die kurze Zeit von drei Monaten Prases der Artillerie-Prlifungs- 
kommission, um zum April 1890 in das Kriegsministerium zuriickzukehren als 
Direktor des Waffendepartements. Am 24. Marz 1890 war er zum General - 
leutnant befordert worden. — Drei Jahre lang wirkte er wieder in der Ver- 
waltung. Mit grofien extraordinaren Mitteln gelang es, die inzwischen ab- 
geschlossenen Neukonstruktionen der Handwaffen, der Festungs- und Be- 
lagerungsartillerie praktisch zu verwirklichen. Die Feldgeschutzfrage ging 
ihren planmafiig festgelegten Gang. Ein baldiger Abschlufi der Versuche war 
noch nicht abzusehen. — Aus falscher Organisation des Kriegsministeriums sich 
ergebende Reibungen erschwerten den Geschaftsgang, schufen manche Er- 
bitterung. M. zog sich, 61 Jahre alt mit 42 Dienstjahren, ins Privatleben zuriick. 
Am 7. Marz 1893 wurde ihm der Abschied unter Verleihung des Kronen-Ordens 
I. Klasse bewilligt. 

Nun begann fiir M. die Zeit, in der er, ungehindert durch des Dienstes 
zeitverzehrende Miihen, in uberlegter Sicherheit die Ergebnisse seiner Lebens- 
arbeit und die Friichte seines Wissens in der stattlichen Reihe seiner Werke 
schriftstellerisch festlegte. — Historisch war er, historisch fafite er alles an. — 
Er gab klar die tJbersicht liber die Entwickelung der Artillerie in alien ihren 
Zweigen und zuletzt fafite er die Lehren und Ergebnisse der Belagerungen des 
Feldzuges 1870/71 in einem grofi angelegten Werke zusammen, von dem ein 
so berufener Beurteiler, wie der Bayrische General v. Sauer sagen konnte: 
»Fur das prachtige Werk kann die deutsche Artillerie, die Artillerie der ganzen 
Welt, nicht dankbar genug sein!« Am 25. Jahrtage der Obergabe von Strafi- 
burg, am 28. September 1895, wurde M. in Anerkennung seiner damaligen 
und spateren hohen Verdienste durch Verleihung des erblichen Adels geehrt. 

Durch einen Schlaganfall schied v. M. mitten aus dem Schaffen heraus; 
trotz seiner 75 Jahre war er jugendfrischen Geistes geblieben bis zuletzt! — 
Ein reich gesegnetes Lebenswerk liefi er hinter sich. 

Ein Untergebener, der Jahre lang das Gluck hatte unter v. M. zu arbeiten, 
zeichnete kurz nach dem Tode sein Bild (Kolnische Zeitung, 20. Januar 1908) 
mit nachstehenden Worten: 

Mit dem General Hermann v. Miiller ist wieder einer der Offiziere aus 
der grofien historischen Schule Moltkes dahingeschieden. Auf einer tiefgehenden 
Allgemeinbildung bauten sich bei ihm die Kenntnisse der verschiedenen mili- 
tarischen Fachwissenschaften zu einem so harmonischen Ganzen auf, dafi 
schwer zu entscheiden ist, auf welchem dieser so weit auseinanderliegenden 
Gebiete seine Leistungen am eigenartigsten, am bedeutendsten waren. Soldat 
von Kopf zur Zeh, war er gleichzeitig der geniale Konstrukteur, welcher der 
werdenden neuartigen Artillerie die grundlegenden Gesetze vorgeschrieben hat, 
war er Geschichtsforscher und Schreiber von peinlichster Gewissenhaftigkeit, 
beseelt von vornehmstem Gerechtigkeitsgefiihl, dem Drang nach reinster Wahr- 
heit und ausgeriistet mit der Gabe lichtvollster Darstellung. Als Lehrer wufitc 

Bio#r. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog. 13. Bd. 1 2 



i 7 8 



Mttllcr. 



er bei schlichtem Vortrage seine Horer zu packen und zu begeistern. Mit der 
Verwaltung des gesamten Waffenwesens der Armee betraut, schuf er mit weiser 
Sparsamkeit Grofies, vereinfachte und erleichterte den schweren und unge- 
fugen Verwaltungsapparat. v. M.s besondere Eigenart bestand wohl darin, 
dafi er bei jeder Tatigkeit, bei jeder neuen Aufgabe auf deren Uranfange zuriick- 
ging, dafl er, alle Einzelheiten des Werdens mit einem staunenswerten Ge- 
dachtnis festhaltend, in klarer Weise die naturnotwendige Weiterentwicklung 
vor Augen, sich nie von Einzelerscheinungen fesseln oder blenden lieB, sondern 
stets aus dem Gange des Gewordenen heraus das mit den jeweils vorhandenen 
Mitteln iiberhaupt Erreichbare in fester gesetzmafliger Entwicklung klar und fer- 
tig vor sich sah. So schien er denn oft den Himmelssturmern an der Erden- 
scholle poesielos zu kleben, und den weniger Wissenden kam er fast wie 
ein unheimlicher Geist vor, wenn seine Berechnungen, seine Voraussagungen 
sich voll erfullten. Seine historische Richtung konnte nur ihre reichen Friichte 
tragen, weil sie sich auf einen solchen Schatz von Wissen stutzte, wie ihn sein 
unermudlicher, arbeitsfreudiger Fleifi zusammengetragen hatte, und weil ein 
gutiges Geschick in Krieg und Frieden ihm in alien Zweigen des Dienstes unter 
den verschiedensten und schwersten Lagen eine vollendete praktische Schulung 
hatte angedeihen lassen. 

Nach den Lehrjahren der Kriegsakademie und des Generalstabes war es 
v. M. vergonnt, langere Zeit in ebenso ehrender wie verantwortlicher Stellung 
in Italien zu verweilen. Der Aufenthalt in Rom fiihrte ihn mit den bedeutendsten 
dort damals lebenden Kiinstlern zusammen. Bis zum Lebensende dauernde 
Freundschaften wurden dort geschlossen. Durch seine Dienststellung spater 
berufen, entscheidend mitzuwirken bei der Umwandlung des Zeughauses in 
eine Ruhmeshalle fiir PreuCens Herrscher und Heer, konnte er bei der kiinst- 
lerischen Ausschmiickung des Baues die auf geweihtem Boden gewonnenen 
Kenntnisse der Kunst reich verwerten. In der Artillerieprufungskommission 
hat v. Muller sich sein erstes Denkmal gesetzt durch die Konstruktion der 
kurzen l5cm-Kanone. Er hatte das Gluck, unmittelbar nach Abschlufi seines 
Werkes bei den Belagerungen des Krieges 1870/71 den Beweis fiir die richtige 
Losung der ihm gestellten Aufgabe zu liefern. Wo er die Geschiitze im Feuer 
leitete, da war auch bald in den verdeckt gelegenen Wallen und Mauern die 
geforderte Bresche indirekt gelegt. Eine damals viel angestaunte Leistung. 

Prachtig war er aber selbst im Feuer. Brav waren ja alle, als wahre Helden 
zeichneten sich viele in den Gefahren aus — aber eine solche Kaltbliitigkeit, 
eine solche klassische Ruhe, ein so ideales Verhalten, wie v. M. es im Feuer 
bewahrte, erweckte die Bewunderung aller, die ihn tagaus tagein vom Morgen- 
grauen bis in die Nacht hinein gleichmafiig treu seine Pflicht im Feuer erflillen 
sahen. Die stahlgrauen harten Augen schauten fest nach dem Feinde, scharfer 
blickend als manche andere mit Hilfe kunstvoller Glaser; keine Wimper zuckte 
unter den buschigen Braunen, die edle Romernase, sein energisch geschlossener, 
schmallippiger, durch vollen Bart umrahmter Mund, nichts regte sich. Und 
so hat Geiger, als Kunstler von diesem herrlichen Kopfe angezogen, mit Meister- 
hand v. M.s Bild fur die Zukunft erhalten. — Nach dem Feldzug 1870/71 wech- 
selten oft die ehrenvollen Dienststellen, auf die das Vertrauen seiner Vorge- 
setzten ihn berief. Oberall, als Adjutant bei der Generalinspektion der Artillerie, 
beim Generalstabe, bei der Artillerieprufungskommission entfaltete er die gleiche 



Mttller. 



179 



stille fordernde Tatigkeit. In alien Satteln gerecht, jeder Aufgabe sich freudig 
unterziehend, hat er wohl die lebhafteste innere Befriedigung durch seine Lehr- 
tatigkeit an der Kriegsakademie empfunden. Dort konnte er begeisterten 
Zuhorern an der Hand der Geschichte zeigen, wie zwar Zeiten und Mittel sich 
andern, wie aber die Grundregeln zur Erreichung des Endzweckes stets unver- 
anderlich bleiben, und wie es nur die Aufgabe der jeweiligen Gegenwart ist, 
rechtzeitig die Neuanpassung zu vollziehen und den Aufgaben der Zukunft 
vorausahnend gerecht zu werden. Das sind Eigenschaften, die eben nur eine 
kunstlerische Beanlagung zu losen vermag, ein freier prophetischer Geist, 
gestutzt auf den sicheren Besitz reicher Erfahrung, umfassenden Wissens. 
Der damals zunachst nur fur die Zuhorer bestimmte Grundrifl des Festungs- 
krieges mufl trotz der durch den Lehrzweck bedingten lapidaren Kiirze jeden 
Leser fesseln und fur das sprode Gebiet des Festungskrieges interessieren. 

Der erfolgreichste Abschnitt in v. Mullers Dienstleben begann mit seinem 
Eintritt in das Kriegsministerium. Mit der nach 1871 fast bei alien Machten 
eingefiihrten allgemeinen Wehrpflicht, dem Aufbliihen der Technik und In- 
dustrie, dem gesteigerten Erwerbssinne, drangte sich Erfindung auf Erfindung, 
um zunachst der eigenen Nation, dann aber der Allgemeinheit zur Erhaltung 
der Wehrhaftigkeit der Staaten, zur Verstarkung ihrer Angriffskraft neue 
Waffen und Kampfmittel zu geben. v. Miiller trat an die Spitze der Abteilung 
fur Artillerie-Angelegenheiten, der das gesamte Waffenwesen der Armee unter- 
stellt war. Die abgekurzte Bezeichnung »Artillerie-Abteilung« hat verwirrend 
gewirkt, viel falsche Begriffe uber die Aufgaben und Leistungen der Abteilung 
verursacht. Die Infanterie glaubte sich dem Gangelbande der Artillerie ent- 
ziehen zu sollen, um in Fragen ihrer Bewaffnung allein zu entscheiden. Es 
geniigte diesen Anschauungen nicht, dafi in der Waffen(Artillerie)abteilung 
die Fragen der Infanteriebewaffnung durch einen Infanterieoffizier bearbeitet 
wurden, es sollte auch jede Mitwirkung des Chefs der Abteilung, weil er aus 
der Artillerie hervorgegangen war, ausgeschaltet werden. Dafi es nur eine 
Schiefilehre gibt, dafi der groflte lebende Ballistiker eben gerade an der Spitze 
der Abteilung stand, fiel fur die Dranger dabei nicht ins Gewicht. Unter der 
Abteilung bearbeitete die Gewehr-Prufungskommission, in ihren etatsmafligen 
Stellen nur ausschliefilich aus Infanterie-Offizieren zusammengesetzt, alle 
Fortschritte des Handwaffenwesens. Sie loste im Verein mit der Gewehrfabrik 
Spandau — dem Major Kiihn — die Aufgabe, ein dem Einzellader uberlegenes 
schnellfeuerndes Gewehr zu schaffen, in dem Muster eines Magazingewehrs, 
das unter dem Namen M 71/84, trotz mancher Schwierigkeiten, die v. M. zu 
uberwinden half, zur Einfiihrung gelangte. Auch neues Pulver, neue Zund- 
hutchen und Geschosse waren fiir dieses Gewehr notwendig geworden. Alle 
Machte, besonders das vollig iiberraschte Frankreich, folgten mit der Einfiihrung 
von Magazingewehren oder Mehrladern nach. Es gait also, weiter zu arbeiten. 
Die Versuche mit einem kieinkalibrigen Gewehre, die wahrend der ganzen 
Zeit gleichlaufend gefuhrt worden waren, wurden aufs eifrigste betrieben. 
Immer von neuem betonte v. M., dafi die ganze Kaliberfrage sich in der Pulver- 
frage zusammendrange, dafi ein Gewehr mit einer engen Bohrung anzufertigen 
kein besonderes Kunststuck sei, dafi aber ohne wesentliche Erhohung der 
Treibkraft des Pulvers die Kaliberverengung wirkungslos sei. Die Franzosen 
erlangten nun ihrerseits dank dem neuen Pulver ihres grofien Chemikers Vieille 



12* 



180 MUller. 

einen wesentlichen Vorsprung. Unermudlichem Eifer der Pulverfabriken, 
der Privatindustrie sowohl wie der koniglichen Fabriken, gelang es dann auch 
bei uns, ein hochsten Ansprtichen entsprechendes Pulver herzustellen. Der 
geniale Major Habrecht, im Ministerium v. M.s langjahriger Mitarbeiter, baute 
in kurzer Zeit fiir das neue Treibmittel ein passendes kleinkalibriges Mehrlade- 
gewehr, das nicht nur den franzosischen Vorsprung einholte, sondern einen 
neuen weiteren Fortschritt darstellte. In dem rastlosen Ringen rechtzeitig fertig 
zu werden, hat Habrecht seine Lebenskraft erschopft, er starb als eines der 
Opfer, die auch im Frieden das Schlachtfeld der Armee fordert. 

Nur aus den Akten kann dargestellt werden, obgleich auch diese die wirk- 
samste meist unmittelbar geubte mundliche Einwirkung nicht erkennen lassen, 
in welcher Weise, zielbewuflt und entscheidend, v. M. die Losung der Pulver- 
und der Kleinkaliberfrage zu einem guten Ende hat fiihren helfen, auch nach 
der Zeit, als einer besonderen Infanterie-Abteilung im Ministerium die Bear- 
beitung der Handwaffenangelegenheiten uberwiesen worden war. Dieser Lei- 
stungen in der Gewehrfrage ist hier eingehender gedacht, um stilles Verdienst 
klarer zu stellen. v. M. kannte keine Pflichten verschiedenen Grades, er kannte 
nur e i n e Pflicht. Und dieser ist er bei alien ihm gestellten Aufgaben in gleicher 
Weise gerecht geworden, ob sie Infanterie, Kavallerie, Feld- oder Fufiartillerie, 
ob sie Pioniere oder Verkehrstruppen betrafen. Auch das Luftschifferwesen 
fand, wie sich niemand dieses in den bisherigen Reigen schwer einzufugenden 
Kindes annehmen wollte, in der von v. M. geleiteten »Artillerie«-Abteilung 
eine liebevolle Aufnahme. Die Tatigkeit v. M.s im Ministerium nur annahernd 
klar zu schildern, bedtirfte es einer vollen Geschichte des Waffenwesens in dem 
dem Jahre 1893 vorangegangenen Vierteljahrhundert — einer Geschichte der 
neuzeitlichen Artillerie. Alle Neuschopfungen dieser Zeit, die einer volligen 
Umwalzung gleichkommen, sind von ihm angeregt, geleitet, gefordert, belebt 
worden. Der titanenhafte Fuchs v. Bimbach wurde mit seinen Vernichtung 
bringenden Gewaltgeschossen das darauf gegrundete System vielleicht nicht 
zu einer solchen reifen Durcharbeitung und einem guten Ende gebracht haben, 
ohne die oft ziigelnde und mahnende, stets^ber geistig fordernde Leitung v. 
M.s. Es waren wirklich grofie Zeiten, die damals die Artillerie- En twicklung 
durchmachte: bei der schweren Artillerie die Schaffung einer Einbruchswaffe 
fiir den Kampf mit Frankreichs eisengepanzerten Sperrbefestigungen, die Ent- 
wicklung eines weittragenden Schrapnellschusses fiir Feld- und Fuflartillerie, 
fiir die Feldartillerie die Fragen des Einheitsgeschosses, der Kalibervermin- 
dcrung, des leichten Schnellfeuergeschutzes. Wenn die Feldartillerie auch ihre 
Wege allcin ging, die wissenschaftlich unanfechtbaren Grundlagen hat v. M. 
auch hier gelegt, und nach manchem Tasten in verschiedenen Richtungen hat 
sein Ausblick in die Zukunft, seine Voraussage des Erreichbaren doch im wesent- 
lichen recht behalten. Es war aber nur einer — v. M. — vorhanden, der histo- 
risches Werden, der mathematische und naturwissenschaftliche Kenntnisse 
mit den auf den Schlachtfeldern gewonnenen eigenen Erfahrungen zu einem 
geschlossenen Gesamtwisscn vereinte, der sein grofies Wissen in einfachen, 
jeder Phrase abholden nuchternen Worten, allgemein verstandlich, wie etwas 
Altbekanntes zum Ausdruck bringen konnte. — Die lange Zeit im Kriegs- 
ministerium erlitt eine Untcrbrechung durch zeitweisen Rucktritt in die Front. 
Mit der Ubernahme einer FuCartillerie-Tnspektion hatte er die Freude, einmal 



MUller. 1 8 1 

wieder im praktischen Dienst wirken zu kJbnnen. Ordentlich jugendlich enthu- 
siastisch lebte er auf, eine abgeklarte Heiterkeit zeigte sich auch auflerlich 
bei dem sonst so ernst dreinblickenden Manne. Damals wurden auch Ferner- 
stehende gewahr, was fur ein warmes, liebeempfangliches, Warme verbreitendes 
Herz in seiner Brust schlug. Seine Freunde wufiten das langst, und wie den 
Geistern der Kunstwelt er sich ebenbiirtig durch sein feines Empfinden gab 
und nahte, so hat er stets in kameradschaftlichem Sinne mit seinen fruheren 
Untergebenen, seinen Kriegsgefahrten, den Mannschaften seiner Feldzugs- 
batterien harmlos heiter verkehrt. Als wirklich vornehme Natur war er bei 
diesem Umgang immer nur der Gleiche unter Gleichen, er stieg zu den an Jahren 
Jiingeren, zu den im Dienstrange Nachgeordneten als Freund und Kamerad 
herab, hob und veredelte, was sich ihm nahte. 

Doch nach kurzer Zeit der Erquickung und Erfrischung wurde er wieder 
zur strengen Geistesarbeit zuruckgerufen. Er wurde zum Prases der Artillerie- 
Prufungskommission ernannt. Im Ministerium hatte der Schwerpunkt seiner 
Tatigkeit in der verantwortlichen kritischen Entscheidung gelegen. Jetzt war 
es ihm vergonnt, einmal zusammenfassend sein artilleristisches Credo nieder- 
zulegen. Es ware wohl eine schone Anerkennung fur ihn, dem die Armee so 
unendlich viel verdankt, wenn seine damals fur seine Mitarbeiter in der Kom- 
mission verfafiten Denkschriften unverkiirzt veroffentlicht wurden. Dann wurde 
ein jeder sich ein eigenes Urteil liber v. M. als Artillerist im engern Sinne des 
Wortes bilden konnen, wie er v. M. als Historiker nach seinen Werken kennt. 
Jetzt, nach so langen Jahren, wo inzwischen wieder eine ganz neue Etappe 
im Entwicklungsgange der Waffe erreicht ist, kann die Bekanntgabe der da- 
mals anzustrebenden Ziele keinerlei Schaden verursachen, wohl aber wlirde die 
deutsche artilleristische Literatur um ein kostbares Dokument bereichert. — 
Nur zu kurz dauerte die Tatigkeit bei der Artillerie-Prufungskommission. 
Er wurde an die Spitze des vor einiger Zeit im Kriegsministerium neugebildeten 
Waffendepartements gestellt. Diese Schopfung war aus einer Reihe von Kom- 
promissen hervorgegangen. Zusammengehoriges war dabei getrennt worden. 
Das ging auf die Dauer nicht. So fand denn nach schweren, durch die Lage 
der Dinge vielfach zur Unfruchtbarkeit verdammten Arbeiten v. M.s dienstliche 
Tatigkeit mit dem notwendig gewordenen Eingehen des Waffendepartements 
ein leider viel zu fruhes Ende. An der Ungunst der Verhaltnisse gescheitert, 
zu einer Zeit, in der er noch in vollster Schaffenskraft viel hatte leisten konnen, 
warf ihn eine schwerc Krankheit nieder, die im Verein mit seinem still ge- 
tragenen Seelenkummer ihn dicht an den Rand des Grabes brachte. Sein ge- 
sunder, durch ein enthaltsames, einfaches Leben gestahlter Korper uberwand 
den Angriff. 

So begann fiir v. M. eine Zeit, in der er sich grofien literarischen Arbeiten 
widmen konnte. Zu einer stattlichen Reihe wuchsen seine Werke heran. Aus 
ihnen spricht seine Eigenart. Nicht autoritar legt er sich dem Leser auf — 
nein — klar, schlicht, einfach stellt er die Dinge hin, wie sie geworden sind, 
wie sie aufeinander gewirkt haben. Er erzahlt, was die einzelnen Schriftsteller 
behauptet haben. Der Leser soil selber sich sein Urteil bilden, soil selber Kritik 
uben. Dann erst gibt er ein Schlufiurteil, das, wo er tadeln mufi, oft so milde 
ausgedruckt ist, dafi der Leser nicht immer das Gefuhl der volligen Ablehnung 
empfindet. Das steht nun nicht mit seiner absoluten Wahrheitsliebe, seinem 



1 82 MUller. 

strengen Gerechtigkeitssinn im Widerspruch. Wo es aber sein mufl, da wird er 
derart deutlich, dafi tiber seine Meinung keinerlei Zweifel aufkommen konnen. 
Diese rucksichtslose Wahrhaftigkeit, die im Dienstleben oft von Leuten, die 
das Sachliche nicht von ihrer Person zu trennen verstanden, als personlich 
verletzend schwer empfunden wurde, ist auch der Grundzug aller seiner kri- 
tischen gelehrten Untersuchungen. Aber, fiir die Offentlichkeit bestimmt, 
vermeidet er streng jedes Wort, das irgend verletzen konnte. Die Gegenkritik 
ist nicht immer so glimpflich mit ihm umgegangen. Aber er liefi nie sich ver- 
leiten, aus seiner Hohe und seiner iiberlegenen Ruhe zu den Neidern und Ver- 
kleinerern herabzusteigen. 

Ein grofles Verdienst ist es von ihm unter vielen, vielen andern Verdiensten, 
dafi er unwiderleglich nachgewiesen hat, an welcher Stelle die Ursache fiir die 
Verzogerung des Artillerie-Angriffes auf Paris zu suchen ist. Auch nachher 
erfolgte Veroffentlichungen vermogen an der Richtigkeit dieser Feststellung 
nicht zu riitteln. Die jiingst erschienene Geschichte des Festungskrieges seit 
1885 bis einschliefilich der Belagerung von Port Arthur bildet den harmonischen 
Schlufiakkord seiner literarischen Tatigkeit. Bei dem Ringen der beiden Gegner 
sucht er sowohl dem Verteidiger wie dem Angreifer gerecht zu werden. Er 
hat dabei manche Legende tiber den Artillerieangriff zerstort, die sich schon 

— hauptsachlich aus Unkenntnis des Tatsachlichen — gebildet hatte. Aber 
wohl keine aufrichtigere und gerechtere Beurteilung und Anerkennung konnte 
dem Werke zuteil werden als durch den Lorbeerkranz, den der kaiserlich ja- 
panische Militarattach6 an v. Mullers Sarge niederlegte. 

v. M. war ein so edler, reiner Mensch, dafi er die Welt im idealen Sinne 
iiberschatzte, sachlich auch bei andern nur Sachlichkeit voraussetzte, selbst 
da, wo der Neid geistig tief unter ihm Stehender aus selbstischen Griinden 
Hindernisse schuf, Schwierigkeiten in den Weg legte. Seine zu grofle Bescheiden- 
heit, sein Sichzuriickziehen, wo er berechtigt, auch verpflichtet gewesen ware, 
seine Person zu groflerer Geltung zu bringen, war wohl sein einziger Fehler. 
Seinen Konigen war er ein treuer Diener im echten altpreufiischen Sinne. Er 
war ein vornehmer Mensch, ein herrlicher Gatte und Vater, ein leuchtendes 
Beispiel fiir alle, die ihm naher treten durften, Freund auch dem Jungsten in 
seinem Kreise. Voile Wurdigung seiner hohen wissenschaftlichen Bedeutung 
kann erst dann eintreten, wenn ein gerechter Geschichtschreiber in v. M.s 
Werken iiberall da dessen Namen einsetzt, wo er selber ihn aus Bescheidenheit 
verschwiegen hat. Die Arbeit seines langen reichen Lebens wird nicht nur in 
der Waffe, in der er selber gedient hat, sondern in der ganzen Armee — viel- 
fach unbewufit — noch auf lange, lange hinaus befruchtend weiter wirken. 

Verzeichnis der von Miiller verfafiten Schriften: 1. Les idfos NapoUonniennes. Cber- 
setzung. — 2. Grundsatze der neuen Befestigung. — 3. Du passi et de favetrir de 
Vartillerie. — Von Napoleon III. Obersetzung. 2 Bande. Berlin, v. Decker. — 4. Urn- 
drehung der runden Artilleriegeschosse. 1862. — 5. Historische Skizze 
tiber die Entwickelung der kurzen 15 cm Kanone. 1870. Berlin, Vossische Buchhandlung 
(Strieker). — 6. Entwickelung der Feldartillerie in bezug auf Material, Organi- 
sation undTaktik von 181 5 — 1870. — 1873. Berlin, Oppenheim. — 7. Die Belagerung 
von Soissons imjahre 1870. Im dienstlichen Auftrage. 1875. — Berlin, Vossische Buch- 
handlung (Strieker). — 8. Entwickelung der preuflischen Festungs- und Be- 
lagerungsartillerie in bezug auf Material, Organisation und Ausbildung von 181 5 — 1875. 

— 1876. Berlin, Oppenheim. — 9. Loebellsche Jahrbiicher 1873 — 1888. Bericht 



Mttller. L5w. 1 83 

uber die Taktik der Feldartillerie. Obersicht der Gesamtliteratur. — 10. Entwickelung 
der Preufiischen Kusten- und Schiffsartillerie von i860 — 1878. 1879. 
Berlin, Oppenheim. — n. Geschichte des Festungskrieges seit allgemeiner 
Kinfuhrung der Feuerwaffen bis zum Jahre 1880. — 1880. Berlin, Oppenheim. — 12. Ge- 
schichte des Festungskrieges seit Einfiihrung der Feuerwaffen bis zum Jahre 
1892. Zweite umgearbeitete Auflage. 1892. — Berlin, E. S. Mittler & Sohn. — 13. Ent- 
wickelung der Feldartillerie in bezug auf Material, Organisation und Taktik 
von 1815 — 1892. Bd. 1: Entwickelung der Feldartillerie von 1815 — 1870. Zweite vervoll- 
standigte Ausgabe. Bd. 2: Entwickelung der Feldaatillerie von 1870 — 1892. Bd. 3: Die 
Wirkung der Feldgeschutze von 181 5 — 1892. Mit Anhang. Bd. 1 u. 2 1893, Bd. 3 1894. 
Berlin, E. S. Mittler & Sohn. Die Kritik hob hervor, die Arbeit stehe in der Militar- 
1 iteratur aller Lander einzig da. Keine Nation konne Ahnliches 
aufweisen. — 14. Entwickelung der deutschen Festungs- und 
Belagerungsartillerie in bezug auf Material, Organisation, Ausbildung und 
Taktik von 1875— 1895. ~ l8 9 6 - Berlin, E. S. Mittler & Sohn. — 15. DieTatigkeit 
der deutschen Festungsartillerie bei den Belagerungen, Beschiefiungen und 
Einschliefiungen im deutsch-franzosischen Kriege 1870 — 1871. Bd. 1: Die Belagerung 
von Strafiburg. Bd. 2: Die Belagerungen und BeschieOun gen der 
kleinen franzosischen Festungen und Einschliefiung von Metz. Bd. 3: D i e 
Belagerung von Belfort. Bd. 4 : Die Artillerieangriffe auf Paris 
und Schlufibetrachtungen uber den Festungskrieg im Kriege 1870 — 1871. 1898 — 1901. Berlin, 
E. S. Mittler & Sohn. — 16. Hierzu: Erganzungsheft zur Beschiefiung von Paris 
1870 bis 1871. 1904. Berlin, E. S. Mittler & Sohn. — 17. Geschichte des Festungs- 
krieges von 1885 — 1905 einschliefllich der Belagerung von Port Arthur. 1907. Berlin, 
E. S. Mittler & Sohn. — 18. Kriegerisches und friedliches aus den Feld- 
ziigen von 1864, 1866 und 1870 — 1871. Hinterlassenes Werk: 1909. Berlin, E. S. Mittler 
& Sohn. — 19. Lebensgeschichte des Generalpostdirektors Schmtickert. 
1904. Berlin, E. S. Mittler & Sohn. 

Bernhard Rathgen, Strafiburg- Elsafi. 

L3w, Ernst, Gymnasial -Professor, * 23. Juli 1843 m Berlin als Sohn des 
spateren Geh. Regierungsrates und vortragenden Rates Eduard Low, f 12. 
August 1908 ebenda. — L. verlieB im Herbst 1861 das Kgl. Friedrich-Wilhelm- 
Gymnasium in Berlin mit dem Zeugnis der Reife, um sich, wohl beeinflufit durch 
seinen Onkel, den Entomologen Hermann Low, dem Studium der Naturwissen- 
schaften zu widmen. Mit Ausnahme von 1863 — 64, das ihn in Tubingen sah, 
studierte er in Berlin; 1865 promovierte er daselbst mit einer Arbeit De casu- 
annearum caulis foliique evolutione et structura. Ein Jahr war er dann Haus- 
lehrer beim Prinzen Byron von Kurland in Schlesien. Dann wurde er Probandus 
(1. IV. 1867) an der damaligen Kgl. Realschule in Berlin, die jetzt die Be- 
zeichnung Kaiser- Wilhelm-Realgymnasium flihrt. Bis zu seiner 1906 erfolgten 
Pensionierung blieb er dieser Schule treu, in welcher er in alien Naturwissen- 
schaften, hauptsachlich zuletzt in Physik und Chemie unterrichtete. Seine 
Mufiezeit gehorte aber stets botanischen Studien. Seine Lehrer in diesem 
Zweig der Naturwissenschaften waren hauptsachlich Alexander Braun, Jo- 
hannes von Hanstein in Berlin und Hugo von Mohl in Tubingen gewesen. Zu- 
nachst beschaftigte er sich hauptsachlich mit Pflanzenanatomie und Pflanzen- 
geographie, dann eine Zeitlang mit den Pilzen. Seine Hauptarbeit gehorte aber 
spater den bliitenbiologischen Forschungen, die ihn auch zu entomologischen 
Studien brachten. Seiner Anregung entstammen die vielfachen Arbeiten uber 
die Oberpflanzen. 



184 Lttw - 

Otto Appel hat seinem dahingeschiedenen Freunde ein ehrendes Denkmal 
gesetzt. Seinen Ausfiihrungen entnehmen wir, dafi die Hauptergebnisse dieser 
durch Jahre fortgesetzten, an einem sehr grofien Material ausgef uhrten Studien 
eine voile Bestatigung der damals von verschiedenen Seiten angezweifelten 
Hermann Mullerschen Ansicht brachten, dafi nicht bestimmte Insekten 
bestimmten Pflanzensorten angepafit sind, sondern daO jede Insektengruppe 
diejenige Blumenkategorie am meisten bevorzugt, fur deren Ausnutzung sie 
auch in korperlicher Beziehung am besten ausgeriistet erscheint. L. lieferte 
dann den ersten umfangreichen Beweis, dafi die blumentuchtigeren Insekten 
die dunklen Farben an Bliiten bevorzugen, die ungeschickteren lieber an helle 
Bliiten anfliegen. 

Was aber L. auch arbeitete, stets waren seine Studien grundlich, exakt und 
weitausschauend. Stets kam etwas dabei heraus. So verdichteten sich seine 
Forschungen nach der glucklichen Auffindung von Thymelaea passerina an den 
Abhangen des Odertales bei Nieder-Finow zu der gedankenreichen Abhandlung 
uber Perioden und Wege ehemaliger Pflanzenwanderungen im norddeutschen 
Tieflande (1879). Seine Unterrichtsstunden liefien ihn schreiben: Methodisches 
Cbungsbuch fiir den Unterricht in der Botanik an hoheren Lehranstalten und 
Seminarien Heft 1 — 3, das zum Teil in zweiter Auflage erschien. Ahnliche 
Zwecke verfolgte er mit dem: Elementarkursus der Botanik nach methodischen 
Grundsatzen 1878, Pflanzenkunde fiir den Unterricht an hoheren Lehranstalten, 
1887 u. 88 (4 Auflagen). 1894 kam heraus: Blutenbiologische Floristik des 
mittleren und nordlichen Europas sowie Gronlands. Systematische Zusammen- 
stellung des in den letzten 10 Jahren veroffentlichten Beobachtungsmateriales. 
Anschliefiend erschien 1895 Einfuhrung in die Bliitenbiologie auf historischer 
Grundlage. 

Als Paul Knuth sein Handbuch der Bliitenbiologie beim Tode unvollendet 
hinterliefl, gab L. den dritten Band 1904 heraus unter dem Titel: Die bisher 
in aufiereuropaischen Gebieten gemachten blutenbiologischen Beobachtungen. 
In demselben Jahre veroffentlichte er zusammen mit O. v. Kirchner und C. 
Schroter den ersten Band von: Lebensgeschichte der Blutenpflanzen Mittel- 
europas (speziell die Typhaceen und Juncagineen). Das Jahr darauf erschien 
der zweite Band dieses weit ausschauenden Werkes. 

Neben einer starken Reihe von Aufsatzen in Zeitschriften verfafite dann L 
die botanischen Artikel fiir die 4, und 5. Auflage des Meyerschen Kon versa tions- 
lexikons in den Jahren 1884 bis 1896. Fiir seine Spezialkollegen von der Schule 
gab er 1886 bis 1 89 1 im Jahresbericht fiir das hohere Schulwesen Bench te uber 
Naturwissenschaft, die Allgemeines umfafiten, die beschreibenden Naturwissen- 
schaften beriihrten und Chemie wie Mineralogie erschopfend behandelten. 
Spater beschrankte sich L. auf diese beiden Facher und schrieb inhaltsreiche 
Besprechungen fiir obige Zeitschrift von 1895 bis 1904. 

Wie genau L. in seinen Arbeiten war, welche immense Arbeitslast er neben 
seiner Schule — er war nur einmal ein haibes Jahr zu wissenschaftlicher Be- 
arbeitung beurlaubt — bewaltigte, erhellt beispielsweise aus dem Literatur- 
verzeichnis des III. Bandes des Handbuches der Bliitenbiologie, das 379 2 
Nummern umfafit; Appel hebt besonders hervor, dafi das aber nicht nur eine 
Zusammenstellung von Titeln war, sondern der weitaus grofite Teil der Ar- 
beiten wurde gelesen und ihr Inhalt nach jeder Richtung hin verarbeitet. 



L8w. Noll. 185 

Dafi einem solchen Arbeiter auch die aufiere Anerkennung nicht fehlte, 
ist klar. 1888 erhielt L. den Professortitel, 1897 den roten Adlerorden IV. Klasse 
und 1906 beim Abschied von der Schule den Kronenorden III. Klasse. Im 
Botanischen Verein der Provinz Brandenburg war er zweimal Vorsitzender 
und gehorte lange Jahre dem Vorstand an. 

Verheiratet war L. seit 1870 mit Auguste geb. Schiitz; Kinder entsprossen 
der sonst gliicklichen Ehe nicht; seine Gattin war ihm eine verstandnisvolle 
Gefahrtin seiner Reisen und eine treue aufopfernde Pflegerin in seiner letzten 
Krankheit; er ging an Krebs zugrunde. 

Beliebt war L. bei alien, die ihn kannten. Ein feiner Humor stand ihm zu 
Gebote und Schwanke wie ernste Gedichte wufite er meisterhaft zu verfassen. 

Nachrufe von 0. Appel in Berichte der deutschen Bot. Gesellschaft, Bd. 26 a, 1908; 
P. Ascherson in Verhandlungen des Bot. Vereins der Provinz Brandenburg, 50. Jahrg., 1908; 
P. Magnus in Naturwiss. Rundschau, 23. Bd. t 1908. — Erstgenannter gibt eine genaue Biblio- 
graphic samtlicher Veroffentlichungen von E. Low, die P. Ascherson seinem Verzeichnis der 
botanischen Veroflentlichungen zugrunde legt. 

Halle a. S. E. R t h. 

Noll, Fritz, * 27. August 1858 zu Frankfurt a. M., f 20. Juni 1908 zu Halle 
a. S. — Von grofitem Einflufl war auf den heranwachsenden Jungen sein Vater, 
der als Oberlehrer fur Naturkunde in Frankfurt a. M. grofies Ansehen genofi. 
Seine Mutter stammte aus St. Goar am Rhein, wo er die weitaus meisten Schul- 
f erien zubrachte und Liebe zu den Naturwissenschaften einsog. Das Abiturienten- 
examen machte N. 1878 Ostern an der Musterschule zu Frankfurt a. M. f um 
sich von den Naturwissenschaften zunachst der Zoologie zu widmen. Bald aber 
zogen den Jiirtgling die Vorlesungen des unvergefllichen Sachs derart an, dafi 
er sich ganzlich der Botanik zu widmen beschlofl. Vom vierten Semester an 
besuchte N. die heimische Universitat Marburg, an welcher er im Juli 1882 
das Oberlehrerexamen mit einem Zeugnis ersten Grades bestand. Er hatte 
nunmehr die Lehrbefahigung in Chemie, Botanik, Zoologie und Mineralogie 
fur alle Klassen, die fur Physik, Mathematik und Geographie fur mittlere er- 
rungen. Schon fruh zeigte sich sein Lehrtalent darin, dafi er einen naturwissen- 
schaftlichen Verein in Marburg zu griinden vermochte, der bald aufbliihte. — 
Die nachste Etappe war eine Assistentenstelle bei Pfitzer in Heidelberg, von wo 
er auch mit der ihm von Wigand gegebenen botanischen Examenarbeit: Ent- 
wicklungsgeschichte der Veronicabliite im Dezember 1882 in Marburg promo- 
vierte. — Der Winter 1886/7 sah ihn dann in Neapel in der von Dohrn gegriin- 
deten zoologischen Station physiologische Untersuchungen an Meeresalgen vor- 
nehmen, um nach einem weiteren Assistentensemester bei Pfister in gleicher 
Eigenschaft zu Jul. Sachs nach Wiirzburg uberzusiedeln. Dort habilitierte er 
sich dann auf Grund seiner: Experimen telle Untersuchungen iiber das Wachs- 
tum der Zellmembran, eine Frucht seines Neapolitaner Aufenthalts. 1889 
im Herbst mufite er infolge der unheilbaren Erkrankung seines Chefs und Lehrers 
Wiirzburg verlassen, um als Assistent zu Strasburger nach Bonn uberzutreten, 
wohin er sich auch umhabilitierte. Im Wintersemester 1894/95 hielt er neben 
seinen Vorlesungen an der rheinischen Universitat auch Kurse iiber Anatomie 
und Physiologie der Pflanzen an der landwirtschaftlichen Akadcmie zu Poppels- 
dorf, um nach zwei weiteren Jahren auch die physiologischen und mikroskopi- 



1 86 Noll. Berg. 

schen Obungen daselbst zu ubernehmen, freilich unter Aufgabe seiner Assisten- 
tenstelle. Am I. April 1898 ernannte ihn dann der Staat zum etatsmafligen 
Professor und Vorsteher des botanischen Instituts an der Poppelsdorfer Aka- 
demie, worauf er auch auflerordentlicher Professor an der Bonner Universitat 
wurde. Im Herbst 1907 folgte unser Gelehrter dann einem Rufe nach Halle a. S., 
als Nachfolger von G. Klebs. 

Die Hauptarbeit N.s kam der Pflanzenphysiologie zugute — von 71 Publi- 
kationen gehoren ihr allein 30 an — , wenn er auch auf fast alien Gebieten der 
Botanik zuhause war und daraus Schriften veroffentlicht hat. »Charakte- 
ristisch fiirN. war es«, sagt M. Koernicke in seinem ausf iihrlichen Nachruf, »dafl 
er bei der Wahl seiner Themata sich mit Vorliebe Fragen zuwendete und auch 
mundlich gern solche diskutierte, deren Losung auf besonders grofie Schwierig- 
keiten stiefi, wie einer Anzahl reizphysiologischer Aufgaben, ferner dem Problem 
des Saftsteigens, dem Geheimnis des Cytisus Adami, der Geschlechtsbestim- 
mung usw.« Dabei hat der Aufenthalt in Neapel noch jahrelang nachgewirkt, 
viele Anregungen der damaligen Zeit kamen erst spater zur Bearbeitung. Dann 
beschaftigten ihn wahrend nahezu 20 Jahren in Bonn namentlich reizphysio- 
logische Fragen. Daneben wandte er sich stets mit Vorliebe Arbeiten mit 
praktischen Tendenzen zu, es trieb ihn dazu ein aufs Praktische gerichteter Sinn, 
der sich in seinem physiologischen Zwecken dienenden Versuchshaus in Poppels- 
dorf so recht zu zeigen vermochte. Neben diesen fur einen Dozenten so wert- 
vollen Eigenschaften besafl N. in hohem Grade die Gabe des freien Vortrags, 
der wieder durch sein immenses Zeichentalent wirkungsvoll unterstiitzt wurde. 
Eine gewinnende auBere Erscheinung und eine geradezu packende Liebens- 
wtirdigkeit machten ihn zum idealen Universitatslehrer und gefeierten Kollegen. 

Von seinen Werken seien noch erwahnt Blutendiagramme fiir Studierende 
zusammengestellt, Leipzig 1886, und seine Physiologie in dem bekannten Lehr- 
buch der Botanik von Strasburger, Noll, Schenck, das neun Auflagen erlebte. 

Nach: M. Koernicke, Fritz Noll in: Berichte der deutschen bot. Ges. t 26. Jahrg.. Bd. 26 a , 
1908; daselbst auch eine Aufzahlung der 71 VerSflentlichungen. Reden bei der Beerdigung 
von Fritz Noll, von C. Mez; Nachruf am Grabe von F.Wohltmann, beide in Leopoldina, Heft 44, 
1908. 

Halle a. S. E. R o t h. 

Berg, Leo, * 29. April 1862 in Zempelburg, f 12. Juli 1908 in Berlin. — 
B., jlidischer Abstammung, kam schon in fruhen Knabenjahren aus seinem 
westpreufiischen Heimatsstadtchen nach Berlin, wo er das Konigsstadtische 
Gymnasium besuchte, und er hat dort auch studiert, sofern man das von einem 
Mann sagen kann, der hochst ungern einer offiziellen Autoritat zu FiiCen und 
gar mit anderen zusammen auf den Banken safi, der als Autodidakt von Be- 
stimmung gegen jede Zunft, besonders die der Philologen, eine lebhafte Ab- 
neigung ziichtete. Die Not des Lebens mochte ihm wohl auch keinen ruhigen 
Studiengang, keine unbesorgte Jugendzeit reinen Aufnehmens gestatten, und 
da die Natur ihn nicht freundlich behandelt hatte — er trug seinen grofien, 
nicht unbedeutenden Wollkopf auf einem breiten verwachsenen Korper — , 
so trat er in die literarische Laufbahn mit einem proletarischen Trotz ein, der 
ihn auch spater nach den schweren Anfangen nicht verlassen hat. B. blieb 
ein Einganger, aber er hatte auch die Vorzuge der Einsamkeit und Unabhangig- 



Berg. 187 

keit; Bedenken und Riicksichten hat seine Feder nicht gelernt. Bemerkens- 
wert war B.s vielseitige Belesenheit, die alle Resultate der Forschung, auch der 
naturwissenschaftlichen und philosophischen, gegenwartig haben wollte. Ebenso 
achtungswert war der Trieb, sich von keiner Spezialitat beengt mit alien be- 
deutenden Problemen der Geistesgeschichte auseinanderzusetzen. Als Zwanzig- 
jahriger wurde B. vonder jiingstdeutschen Bewegungmitgerissen, diedieLiteratur 
im Anschlufi an die moderne Wissenschaft, an Biologie und Soziologie, revo- 
lutionieren wollte. Die Briider Hart, Holz und Schlaf, die spateren Friedrichs- 
hagener Bolsche und Wille folgten derselben Sturmfahne, auf die man vor- 
laufig die Parole des Naturalismus geschrieben hatte, mit dem ubrigens der 
bewegliche und entwicklungssiichtige Geist eines Generalkritikers und Vor- 
fiihlers aller Zeiterscheinungen bald fertig wurde. B.s radikaler Energie ent- 
sprach der Name des von ihm gegriindeten Vereins »Durch«, der sich spater 
mit bewuflter Selbstironie in den »Genieklub« verwandelte. Da wurde Schiller 
umgebracht, Goethe unter gewissen Bedingungen anerkannt, da wurde die 
epigonenhafte oder gefallige Literatur der siebziger und achtziger Jahre ge- 
richtet und der Entwicklung der nachsten zwanzig Jahre ihr genaues Pensum 
aufgegeben. Von diesem Kreise wurde auch Gerhart Hauptmann angezogen, 
und aus seinem Kern ist die Freie Buhne hervorgegangen. Spater ist B. von 
solchen Konstruktionen der Zukunft mit einem wachsenden Skeptizismus 
abgefallen, der ihn uberhaupt an der Zukunft der Kunst im Zeitalter des 
Kapitalismus und des offenen Marktes zweifeln liefi. Rein soziologische Ge- 
sichtspunkte bestimmten immer mehr das Urteil des ehemaligen Marxisten, 
und wenn Gerhart Hauptmann die Genossen Holz und Schlaf hinter sich liefl, 
so schrieb B. seine Vorherrschaft nicht der Oberlegenheit des Talentes, sondern 
den okonomischen Verhaltnissen zu. Seine Aufmerksamkeit auf alle europaischen 
Erscheinungen, solange er noch eine Propaganda fur die Zukunft betrieb, 
machte ihn zunachst zum Propheten Zolas, dessen theoretische Schriften er 
zum grofien Teil ubersetzt hat. Er gehorte auch zu den ersten Jungern, die 
von dem neuen Magus im Norden gehort hatten und ihm verehrend entgegen 
gingen. Eine Broschiire uber Henrik Ibsen und das Germanentum in der mo- 
dernen Literatur blieb als Frucht dieser Hingabe. Die Kameradschaft der 
Radikalen, der Sozialisten und Naturalisten zerfiel, und B. ging nun seinen 
eigenen Weg, um mit den anderen an demselben Ziele anzukommen, das er 
als Erster erblickt haben wollte. Aus den Demokraten wurden Aristokraten, 
aus den Sozialisten wurden Individualisten; aus den Trummern der materia- 
listischen Geschichtsauffassung erhob sich das neue Ideal des Ubermenschen. 
Einer der schnellsten in diesem Wettrennen und Wettmausern ist B. jedenfalls 
gewesen, und man mufi seiner echten Aufrichtigkeit im Wandlungsverlangen 
von vornherein zugestehen, dafi sie das Kleid nicht nach der Mode trug. Mit 
geztickter Feder ging er vor Nietzsche her, und wie sein Meister fuhlte er sich 
als Kampfer gegen seine Zeit, nur dafi es ihm an der Opposition fehlte, die 
bedeutenden Figuren als Sockel zu dienen hat. B. focht auf ebener Erde unter 
vielen anderen, die ihm an Scharfsinn und geistiger Strenge nicht gleich kamen, 
und er hatte das Ungluck, dafi die Streiche, die er austeilte, nicht immer er- 
widert wurden. Dazu war er nicht bcdeutend genug, weil dem Polemiker vor 
allem der Nimbus eines bestimmten epochalen Werkes fehlte, und er hatte 
auch als Gegner oder Herausforderer nicht viel Anziehendes. Mit grofier Vehe- 



1 88 Berg. 

menz schlug er den Gotzen seiner literarischen Jugend auf die Kopfe, um ihre 
Hohlheit zu beweisen, und mit allem, was vom Naturalismus ubrig war, hat er 
besonders Gerhart Hauptmann in einer monotonen Gehassigkeit zu zerstuckeln 
gesucht. 

B. war klug und scharf genug, um oft Recht zu haben; aber man gab es 
ihm ungern, weil seine Kritik, zuletzt im literarischen Echo konzentriert, sich 
auf eine Skalpiermethode versteifte, die es nur noch auf den Kopf des Kunstlers 
oder des Kunstwerkes abgesehen hatte. Wenn er das Gehirn blofilegte, um 
Ideen und Tendenzen herauszuschalen, so vergaB er den Organismus mit alien 
Natiirlichkeiten der Gestaltung, mit alien Unwillkurlichkeiten der Farbe und 
des warmen Scheines. Auch sein Stil litt an einem Mangel der Blutwarme 
und trotz aller polemischen Energie blieb er fleischlos abstrakt. Sein Geistiges 
war stark genug, um ihn hoch uber handwerksmaOige Kritik herauszuheben, 
aber zu dem groflen Essayisten, fur den er sich halten mochte, fehlte ihm die 
Geschlossenheit der Form, die Fahigkeit der Kristallisation. Man findet bei 
ihm ausgezeichnete Bemerkungen, fruchtbare Paradoxe uber die Kunst, die 
Gesellschaft, sogar uber die Frauen, die dieser Paria des Lebensgenusses mit 
seinem bosen Blick beurteilt hat, aber wie seine vielen Bucher oder Broschuren 
die einzelnen Teile zu keiner einheitlichen Wirkung zusammenschliefien, so 
fallen auch aus den einzelnen Essays die wertvollen Brocken mehr heraus, 
als dafi sie zusammenhalten. Ein nicht eben bequemes Leben wird ihm auch 
die Ruhe des bedachtigen Schleifens und Feilens nicht bewilligt haben. Viel- 
leicht ware die lange geplante Biographie des von ihm andachtig verehrten 
und fein charakterisierten Heine ein geschlossenes und dauerhaftes Werk ge- 
worden, das sein plotzlicher Tod, er starb am Hitzschlag, vereitelte. B. erhielt 
sich ausschlieBlich als freier Schriftsteller, dem das Talent des Plauderns, des 
leichten und sparsamen Ausgebens versagt war, was in Deutschland immer 
noch ein schwer losbares Problem bleibt. Er war wohl auch zu stachlig und 
unbequem, um irgendwo einem Ganzen eingeordnet zu werden, und wie der 
wenig Begiinstigte alles Ziinftige verfolgte, alles was ehrbar nach Fach und 
Handwerk aussah, so hielt er gern denjenigen fur unfrei und gefesselt, der irgend- 
einen Unterstand im literarischen Leben oder im Journalismus gefunden hatte. 
Gegen Dummheit, Feigheit, Unverstand lag er immer auf der Lauer, auch 
w t o sich eine feindselige Beobachtung durchaus nicht lohnte. Der grofie Erfolg 
liefl ihn nicht ruhen, bis er hinter die Schliche der Mache oder der Mode ge- 
kommen war; dafiir proklamierte er zuweilen irgendeine harmlose Erscheinung 
mit einer Verve, als ob sich seine spitze Logik in einer Laune ausruhen wollte. 
Liebenswurdig und umganglich war diese schriftstellerische Personlichkeit 
nicht, aber sie forderte Achtung in der sproden Selbstandigkeit eines Zuruck- 
gesetzten, in der scharfen Wahrhaftigkeit, mit der L. B. im literarischen Leben 
Berlins als eine Figur von Charakter bestanden hat. 

Leo Berg vcrfaflte: Henrik Ibsen und das Germanentum in der modernen Literatur. 
1887. — Wildenbruch und das PreuBentum in der deutschen Literatur, 1888. — Gottfried Keller 
oder Humor und Realismus. 1889. — Haben wir iiberhaupt noch eine Literatur? 1890. — Das 
sexuelle Problem in der modernen Literatur, 1891. — Der Naturalismus zur Psychologie der 
modernen Kunst, 1892. — Zwischen zwei Jahrhunderten, 1895. — Der t)bermensch in der 
modernen Literatur, 1897. — Gefesselte Kunst, 1901. — Henrik Ibsen, Studien 1901. — Neue 
Essays, 1901. — Literaturmacher, 1903. — Deutsche Marchen des 19. Jahrhunderts, 1905. — 



Berg. Dix. 1 89 

Aus der Zeit — Gegen die Zeit, ges. Essays, 1905. — Geschlechter, 1906. — Heine, Nietzsche, 
Ibsen, Essays, 1908. — Obersetzte von Zola: Kritische theoretische Schriften, 1893. — D' e 
naturalistischen Romanschriftsteller Frankreichs, 1893. — Der Experimentalroman, 1894. 

Arthur Eloesser. 

Dix, Ludwig Hermann, Studienrat Konrektor Professor, Mathe- 
matiker, * 18. Februar 1838 in Zwickau (Sachsen), f 22. Oktober 1908 in 
Zittau. — D. war der Sohn eines Tischlermeisters. Nachdem er die Zwickauer 
Burgerschule besucht hatte, kam er 1852 auf die Gewerbeschule in Chemnitz, um 
durch Ubung im geometrischen Zeichnen und Erlernung der Elementarmathe- 
matik fur das Tischlerhandwerk geschickter zu werden. Aber nach Vollendung 
des Kursus Ostern 1856 entschlofi er sich, durch seine Lehrer ermuntert, noch 
die Polytechnische Schule in Dresden zu besuchen, um die theoretischen Stu- 
dien ftir Maschinenbau und mechanische Technik fortzusetzen. Er gewann 
damals eine besondere Vorliebe ftir den Lehrerberuf. Daher blieb er, nachdem 
er das Maturitatsexamen in der oberen Abteilung der Polytechnischen Schule 
1858 bestanden hatte, noch ein Jahr in Dresden, um sich fur das Lehramt 
vorzubereiten, indem er sich einem spezielleren Studium der Mathematik, 
Mechanik und Maschinenlehre widmete und teils Privatunterricht gab, teils 
fur die Polytechnische Schule arbeitete. Auf Empfehlung Hiilfles, des Direktors 
derselben, wurde er 1859 provisorischer Lehrer fur Mathematik und technisches 
Zeichnen an der Realschule zu Reichenbach. Da aber zu einer standigen An- 
stellung das Examen ftir das hohere Schulamt erforderlich war, bezog er i860 
die Universitat Leipzig, um in der Mathematik und Physik die notige wissen- 
schaftliche Ausbildung zu erlangen. Vom August bis zum November 1862 und 
von Ostern 1863 an war er, vom Ministerium dazu aufgefordert, an dem mit 
Realschule verbundenen Gymnasium zu Zittau als Vikar tatig. Dadurch er- 
fuhren seine Examenarbeiten eine zweimalige Unterbrechung. Erst 1863 wurde 
es ihm moglich, die Priifung ftir das hohere Schulamt zu absolvieren, worauf 
sofort seine definitive Anstellung an der genannten Zittauer Lehranstalt erfolgte. 
Hier wirkte nun D. ununterbrochen, vom 1. Juli 1890 an als Konrektor, bis zu 
seiner Versetzung in den Ruhestand 1904. Nach seiner Emeritierung lebte er 
still im Kreise der Seinen, wiederholt heimgesucht durch korperliche Leiden 
und schwere Familienschicksale, bis ihm ein sanfter Tod Erlosung brachte. 

D. war, wie sein Rektor bei seiner Entlassung zu ihm sagte, ein Lehrer 
von Gottes Gnaden, mit reichen Kenntnissen und von grofier Herzensgute, 
der sich, wenn auch gefiirchtet von den wenig Strebsamen, die dauernde Liebe 
der Jugend erwarb. Sein gesunder Humor half ihm uber die Unannehmlichkeiten 
seines Berufs rasch hinweg. Er veroffentlichte eine Abhandlung »t)ber das 
PendeU (Beilage zu den »Nachrichten liber das Johanneum in Zittau. Zittau 
i87i«). 

mo. Jahresbericht iiber die Realschule . . . zu Reichenbach. Reichenbach i86o«, 
S. 17 f. — m. Jahresbericht . . . Reichenbach 18614, S. 21. — »Programm des Gymnasiums 
und der Realschule zu Zittau. Zittau 1863*, S. 41. — Desgl. Zittau 1864, S. 41 f. — »Nachrichten 
uber das Johanneum ... in Zittau. Zittau i88o«, S. 6. — » Jahresbericht des Kgl. Realgym- 
nasiums mit hoherer Handelsschule zu Zittau fur 1890/91. Zittau 1891*, S. 34. — Desgl. fur 
1899/1900, S. 1, fur 1904/05, S. 49 f., fur 1908/09, S. 7 f. — »Dresdner Anzeigeu. Jahrg. 179, 
Nr. 295, 24. Okt. ,908, S. 7. A. R e i c h a r d t. 



190 



Abendroth. 



Abendroth, Gustav William, Studienrat Konrektor Prof. Dr., Mathematiker 
und Physiker, * 10. Juli 1838 in Pima, f 2.Marz 1908 in Dresden. — A., dessen 
Vater Stadtgerichtsassessor, spater Bezirksgerichtsrat in Pirna war, erhielt 
seinen ersten Unterricht in der dortigen, damals in vorzuglichem Rufe stehenden 
Stadtschule. Dann besuchte er die mit dieser verbundene lateinische und 
griechische Selekta, erhielt noch ein Jahr lang Privatunterricht in der franzosi- 
schen Sprache und kam Ostern 1852 als Alumnus auf die Flirstenschule zu Meifien. 
1855 erlaubte ihm sein Vater zum Studium der Bergwissenschaft nach Freiberg 
zu gehen. Aber aus verschiedenen Grunden mufite dieser Plan wieder auf- 
gegeben werden, und bald danach fafite A. den EntschluG, Mathematik zu 
studieren. Im letzten Vierteljahre seiner Schulzeit bekam er einen Preis fur 
eine Arbeit iiber die Methoden der Naturforschung in alter und neuer Zeit und 
eine Darstellung der Lehre vom Magnetismus. Als er jedoch Ostern 1858 die 
Universitat Leipzig bezog, beabsichtigte er, dem Wunsche seines Vaters folgend, 
sich der Jurisprudenz zu widmen. Aber bald liefi er sich durch seine Neigung 
zum Studium der Mathematik und der Naturwissenschaften bestimmen. Er 
wurde Famulus bei dem Mathematiker Mobius und 1861 bei dem Physiker 
Hankel. Dieser bot ihm die damals seltene Gelegenheit des Experimentierens 
und der Vorbereitung von Vorlesungsversuchen. 1862 bestand A. das Examen 
fur die Kandidatur des hoheren Schulamts und kurz darauf das philosophische 
Doktorexamen. Neujahr 1863 trat er als Probelehrer in das Vitzthumsche 
Gymnasium zu Dresden ein. Anfang Dezember erhielt er interimistisch und 
1864 definitiv das Amt eines Lehrers der Mathematik und der Naturwissen- 
schaften an der Dresdner Kreuzschule, an der er uber 43 Jahre erfolgreich 
wirkte. In den nachsten Jahren trieb er besonders zoologische und botanische 
Studien, folgte aber auch den Fortschritten der Physik mit reger Aufmerksam- 
keit. 1876 erhielt er den Professortitel. Damals verheiratete er sich und fiihrte 
lange Jahre ein gllickliches Familienleben. Das Konrektorat erhielt er Neujahr 
1883, und 1. Mai 1905 folgte der Titel Studienrat. Ostern 1907 trat er in den 
Ruhestand. Im nachsten Jahre fuhrte ihn ein schweres inneres Leiden in 
wenigen Tagen zum Tode. Seine Beisetzung erfolgte am 5. Marz 1908 auf dem 
Dresdner Johannisfriedhofe in Tolkewitz. 

A.s nahere Bekannte fanden unter einer rauhen Schale einen trefflichen 
Kern. Durch seinen geraden, unbeugsamen Charakter schuf er sich wohl man- 
chen Feind, jedoch auch treue Freunde. Viele seiner Schuler verdankten ihm 
auch uber die Schulzeit hinaus Anregung und Forderung. Er war von 1867 an 
Mitglied und zeitweilig Sektionsvorstand der naturwissenschaftlichen Gesell- 
schaft »Isis« in Dresden. Im Dresdner Verein fiir Erdkunde, zu dessen Grun- 
dern er zahlte, hielt er zahlreiche Vortrage und schrieb fiir dessen »Jahres- 
berichte« und »Mitteilungen«. 

AuOer kleineren Aufsatzen und Rezensionen in den Jahresberichten des Vereins fiir 
Erdkunde zu Dresden und im Dresdner Anzeiger veroffentlichte er folgende Schriften: »Dar- 
stellung und Kritik der altestcn Gradmessungen. (Programm des Gymnasiums zum heiligen 
Kreuz in Dresden.) Dresden 1866. «; »Ober elektrisierte Flussigkcitsstrahlen. Neue Versuche 
und Erklarungen. (Programm des Gymnasiums zum heil. Kreuz.) Dresden 1874.4; »Anfangs- 
griinde der analytischen Geometrie der Ebene, fiir die oberste Stufe der hoheren Schulen und 
zum Selbstunterricht. Leipzig 1882.*; »Leitfaden der Physik, mit EinschluB der einfachsten 
Lehreo der Chemie und mathematischen Geographic Bd. 1. 2. Leipzig 1 883/84. 4 (3. Aufl. 



Abendroth. Droysen. igi 

Leipzig 1902, 1907); »Sir Isaac Newtons Optik oder Abhandlung uber Spiegelungen, Brechungen, 
Beugungen und Farben des Lichts. Cbersetzt und hgg. von William A. (Ostwalds Klassiker 
der exakten Wissenschaften Nr. 96/97.) Leipzig 1898.4; »Entwicklung und gegenwartiger 
Stand der Gezeitenforschung* (in den >Mitteilungen des Vereins fur Erdkunde zu Dresden, 
Heft 3. Dresden 1906*). 

»Afranisches Ecce* 1908. Heft 13. Dresden 1908, S. 53 ff. — »Programm des Vitzthum- 
scben Gymnasiums*. Dresden 1863. S. 90; »Programm (Jahresbericht) des Gymnasiums 
zum heiligen Kreuz in Dresden*. Dresden 1864. S. 36 f.; 1870. S. 26 f.; 1876. S. 18; 1883. 
S. 2; 1906. S. 5; 1907. S. 5; 1908. S. 3 f. — »Dresdner Anzeiger«, Jahrg. 178. 1908 Nr. 63. 
4. Marz S. 27; Nr. 65. 6. Marz S. 5; Nr. 66. 7. Marz S. 2f. — »Dresdner Nachrichten*, Jahrg. 52 
Nr. 65. 6. Marz 1908. Abendausgabe S. 2. — »Dresdner Journal*, 9. Marz 1908 S. 2. 

A. Reichardt. 



Droysen, Gustav, Dr. phil., Geheimer Regierungsrat, o. 6. Professor der 
Geschichte an der Universitat Halle -Wittenberg, * 10. April 1838 zu Berlin, 
f 11. November 1908 zu Halle a. d. Saale. Er war der alteste Sohn von Johann 
Gustav Droysen, aus seiner ersten Ehe mit Maria Mendheim; der Geschicht- 
schreiber des Hellenismus und geistvolle Ubersetzer von Aschylus und Aristo- 
phanes, der Biograph Yorks von Wartenburg, der kundige und begeisterte 
Fuhrer durch die Jahrhunderte preufiischer Politik hat seinem Leben den 
Stempel aufgepragt. Zu den Freunden des Vaters gehorten Felix Mendels- 
sohn- Bartholdy, der Musiker, und die Maler Eduard Bendemann und Julius 
Hiibner — diese Namen kennzeichnen die Geisteshaltung, in die er hineinwuchs. 
Nachdem er das Gymnasium in Altenburg besucht hatte, bezog er die Universitat 
Jena, um Jurisprudenz zu studieren. Bei Leist horte er Institutionen, bei 
Danz romische Rechtsgeschichte, dann in Berlin vor alien bei dem Pandektisten 
Keller und bei Beseler deutsche Rechtsgeschichte, auch bei Stahl u. a. Daneben 
trieb er von Anfang an Geschichte, in Berlin auch Nationalokonomie bei Hanssen. 
Zuletzt ging er nach Gottingen, um Waitz und bei Helferich Staatswissenschaften 
zu horen. Sein Vater und Waitz sind seine beiden hauptsachlichsten Lehrer 
in der Geschichte gewesen, daneben Ranke und Jaff6. Geschichte und National- 
okonomie waren die beiden Facher, in denen er 1862 zu Gottingen promovierte. 
Die Jurisprudenz war verlassen, ihr Studium ist ftir ihn aber nicht ohne Gewinn 
gewesen. Ein anderes Gebiet war es, das ihn stark lockte, das der bildenden 
Kunst, besonders die Malerei; Bendemann beurteilte seine Zeichnungen und 
Kompositionsentwurfe gunstig. Aber er wahlte die Historie zu seinem Lebens- 
beruf. Die anerkennenswerte kiinstlerische Fertigkeit diente zur Erhohung 
des Lebens, sie gab ihm auCerdem noch die Fahigkeit reiferer Beurteilung auf 
kunstgeschichtlichem Gebiete. Der Geschichte blieb er fortan zugetan, und 
zw^r der Geschichte im weitesten Umfange. Zunachst aber gait cs, sich auf 
ein bestimmtes Gebiet zu beschranken, um dort etwas zu leisten. Schon dcm 
Jiingling hatte der Gedanke vorgeschw T ebt, ein Bild Gustav Adolfs zu zeichnen. 
Was er in der nachsten Zeit arbeitete, steht zumeist mit dieser Aufgabe in Zu- 
sammenhang. Ein Jahr nach seiner Promotion erschien eine quellenkritische 
Untersuchung liber die Zerstorung Magdeburgs im Jahre 1631, eine Abhandlung, 
die zunachst von Usinger in Sybels Historischer Zeitschrift lobend bcsprochen, 
dann aber von Wittich heftig bekampft wurdc und einen durch Jahrzehnte 
geflihrten Streit entfacht hat. Droysen hatte seine Meinung geauBert und wissen- 



ip2 Droysen. 

schaftlich begrundet, mochte sie unparteiisch gcpriift werden; auf verletzende 
Angriffe antwortete er nicht. Er hat in dieser Streitfrage nicht wieder zur 
Feder gegriffen, wohl aber haben mehrere seiner Schtiler sich selbstandig geauflert. 
Schliefllich nach 40 Jahren hat einer den Kampf uberblickend das Endergebnis 
festgestellt, das im wesentlichen nicht anders lautet, als das, was Droysen 
einstmals nachgewiesen hatte, dafi wohl auf Pappenheims Befehl einige Hauser 
angesteckt worden seien, dafi aber der Urheber des volligen Abbrennens der 
Stadt nicht zu ermitteln sei. Droysen sagte, da ist ein Punkt, vor dem die 
Forschung den Mut haben mufi ehrlich zu bekennen: wir wissen nicht; wo sie 
sich mit der Tatsache begniigen, darauf verzichten mufi zu sagen, wie sie ent- 
stand; ein Ausspruch, der fur seine Gewissenhaftigkeit charakteristisch ist, 
gegeniiber dem Anspruch, dafi immer ein »positives« Ergebnis zutage gefordert 
werden musse. Der kiinstlerisch schaffende und nachschaffende, der Poet, 
Musiker und Maler von reizvoll bew r egter Phantasie war in historischen Unter- 
suchungen von vorsicHtigster Nuchternheit und scharfer, unerbittlicher Kritik. 

Im Jahre 1864 habilitierte er sich an der Universitat Halle auf Grund einer 
Abhandlung uber Quellenschriftsteller zur Geschichte des Dreifiigjahrigen 
Krieges. Von den Thesen lauten zwei: ^Historicus politicus esse debet*, und 
bHistoria universalis est historia idearum non return gestarutn.« Seine Habili- 
tationsvorlesung uber die baltische Frage gehort auch zu den Studien, die sein 
groBes Werk vorbereiten. Wie ein Auftakt fiir Kiinftiges beginnt sie mit den 
Worten: »Es gilt vielen dafur, dafi Gustav Adolf um des Glaubens willen zur 
Teilnahme an dem Dreifligjahrigen Kriege sei veranlafit worden. « Es folgten 
noch mehrere vorbereitende Aufsatze, darunter zwei Quellenstudien in der Art 
wie die Magdeburger iiber die Schlachten bei Liitzen und bei Breitenfeld, bis 
er dann im Herbst 1868 die Vorrede zum ersten Bande seines »Gustav Adolf* 
unterzeichnen konnte, den er dem Freunde Gustav Schmoller widmete. Der 
zweite Band folgte ein Jahr spater. 

Ostern 1869 ging D. als aufierordentlicher Professor nach Gottingen, im 
Herbst desselben Jahres ftihrte er dahin seine junge Gattin, Anna Mayer, die 
Tochter des Hallischen Arztes Dr. Eduard Mayer und seiner Gattin Klementine 
geb. Schneidewind. 1872 wurde er ordentlicher Professor in Halle, dem er 
treu geblieben ist. Dieser Universitat gehort das Wesentliche seiner Lehr- 
tatigkeit. Seit seiner Habilitation erwuchsen ihm hier Zeiten scharfer Arbeit 
und frohen Lebensgenusses. Das Studium der alten Archivalien machte ihn 
nicht zu einem »blofien langstieligen Gelehrten«, nicht zu einem Virtuosen der 
Einseitigkeit. Neben den Forschungen zur Geschichte des Dreifligjahrigen 
Krieges gingen andere her, so schrieb er iiber Friedrichs des Groflen Politik zur 
Zeit seines letzten Krieges, so machte es ihm Vergnugen, kulturhistorische 
Merkwurdigkeiten pseudonym zu bearbeiten, sich als »kurfurstlich winkelkram- 
scher Bibliotheksaccessist« aufzuspielen und Proben aus der Geschichte der 
Liebe darzubieten — »wer auch will immer den bis an die Erde reichenden Zopf 
der VollstandigkeitU Er ist auch dem Reizc nicht ausgewichen, dichterische 
Gestalten mit ihren geschichtlichen Urbildern zu vergleichen. Und er versuchte 
sich mit Gluck auf dem damals noch wenig angebauten Felde der Kunstschrift- 
stellerei, das heute so bedenklich ins Kraut geschossen ist. Die Wahl der Kiinstler, 
iiber die er handelte, ist bezeichnend. Der eine ist Asmus Jakob Carstens, der 
von der Kunst verlangte, dafl sie die Krone eines nach alien Seiten hin gestei- 



Droysen. \g? 

gerten geistigcn Lebens sei, dessen Gestalten von dem innigen Grofigefiihl 
erf ullt sind, das Homer seinen Gottern und Helden gibt, der andere ist Leonardo 
da Vinci. Aus einem Vortrage im Leipziger Kunstverein ist dieser Aufsatz 
erwachsen, der zum ersten Male, wenn er auch in eine Betrachtung des » Abend - 
mahls« auslauft, dem ganzen Menschen und Kunstler Leonardo nahezukommen 
versucht. Er fand Anton Springers besonderen Beifall. Aber das sind nur 
hochst wesentliche Nebenarbeiten. Das Hauptwerk ist der »Gustaf Adolf «, 
ein Buch, das von bestimmendem Einflufi auf die allgemeine Auffassung dieses 
Glaubenshelden werden sollte. Keine Biographic Die Einwirkung des Schwe- 
denkonigs auf die europaischen Verhaltnisse war das Thema, die Aufhellung 
des Zusammenhanges zwischen ihm und den europaischen Verhaltnissen. Die 
Erforschung der Griinde, die ihn zu den weltgeschichtlichen Taten trieben, 
wegen deren er heute noch unvergessen ist, fiihrte zu dem Ergebnis, dafi die 
Verteidigung seines Thrones gegen das machtvolle Vordringen Habsburgs, die 
Frage des dominium maris baltici, die Sicherheit seines eigenen Landes ihn zwan- 
gen, fur die Sicherheit der glaubensverwandten Nachbarn einzutreten. »Nicht 
dafi fur die Entwicklung der reinen Lehre Gustaf Adolfs Eingreifen in die 
deutschen Angelegenheiten entscheidend gewesen ist, bestreite ich; aber ich 
bestreite, dafi er zu Nutz und Frommen des kirchlichen Lebens und der Glaubens- 
freiheit in sie hat eingreifen wollen. Ich behaupte, dafi ihn Griinde durchaus 
politischer Natur zur Verwendung auch dieses Mittels bewogen, gezwungen 
haben.« Der Erfolg seines Eingreifens war Deutschlands Freiheit, aber dieser 
Erfolg war nicht der erste Zweck. Religiose Angelegenheiten hatten damals 
vielfach eine rein politische Bedeutung, ftir Gustav Adolf war der Schutz der 
Protestanten ein Mittel zum Zweck, im Bunde mit dem katholischen Frankreich 
kampfte er nicht gegen die katholische Kirche, sondern gegen das politische 
Ubergewicht des Hauses Habsburg. Rezensionen von K. G. Helbig gaben 
Droysen Gelegenheit zu erneuter prinzipieller Ausftihrung. Es folgten eine 
langeReihe von Aufsatzen aus demGebiete des Dreifiigjahrigen Krieges, in denen 
weniger die Absicht herrscht zu erzahlen als mitzuteilen, und lose zusammen- 
hangende Beitrage zur Geschichte des Militarwesens in Deutschland, Abfalle, 
die ftir andere Zwecke bereitgestellt werden sollten. 

Die Hauptarbeit dieser Jahre war die Ausgestaltung der Lehrtatigkeit. 
In seinen Vorlesungen behandelte Droysen hauptsachlich die allgemeine Ge- 
schichte der neueren und neuesten Zeit, in glanzendem Vortrage, dem man nicht 
anmerkte, dafi er las. Er liebte es, seine Gedanken in die gefeilteste Form zu 
gieflen, klar und durchsichtig, rcich an packenden Wendungen und brillanten 
Pointen, in denen sich ein scharfer politischer Geist offenbarte. In dem Heraus- 
praparieren verschlungener diplomatischer Faden, in der kunstvollen Gliederung, 
der bewufiten Steigerung des Vortrags, dem plastischen Hervortreten der Per- 
sonlichkeiten liegt der grofie Erfolg seiner Vorlesungen zum Teil begriindet. 
Sie fesselten, belehrten und regten zu erneuter Forschung an. Stets wurde 
der Finger an eine Lucke gelegt, der offenen Fragen wurden viele hervorgehoben 
und der Eifer zu selbstandiger Forschung erweckt. Anders als bei seinem Vater 
diente daher bei ihm das historische Seminar in der Hauptsache der Ubung im 
quellenmafligen Arbeiten. Interpretation und Kritik von Quellen zur Ge- 
schichte des Mittelalters und besonders der Neuzeit wurden dort getrieben. 
Damit jeder der Studenten den Text in der Hand haben konnte, wurden seit 

BiogT. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog-. 13. lid. 1 3 



194 Droysen. 

1880 einige Hefte »Materialien zur neueren Geschichte« im Buchhandel heraus- 
gegeben, anderes wurde nur fur die Seminarmitglieder vervielfaltigt. Im An- 
schlufl an seinen Vater zog er bei alien Untersuchungen die zeitgenossische 
Publizistik heran. Sein Katalog von Flugschriften aus dem 17. Jahrhundert 
ist einzigartig. Von seinen Schulern verlangte er, dafi sie hartes Holz bohrten, 
er hat es ihnen beim Arbeiten nie leicht gemacht, und mancher von ihnen hat 
nachtraglich dankbar angesehen, was er einst als Harte empfunden hatte. 
Glaubte Droysen wissenschaftliche Unfahigkeit oder Mangel an Eifer zu 
finden, so konnte er wenig hof lich sein, anderseits ist er, wenn er sich studentikos 
geben wollte, manchmal mifiverstanden worden. Es lag ihm fern, eine Doktoren- 
fabrik zu betreiben, aber manche Arbeit ist im Laufe der Jahre aus seiner Schule 
hervorgegangen. Die besseren der Arbeiten, die auf seine Anregung entstanden 
waren oder auch von einstigen Mitgliedern seines Seminars herruhrten, gab er 
in den »Halleschen Abhandlungen zur neueren Geschichte* heraus, einer Samm- 
lung, die 1874 mit Reinhold Kosers »Kanzleienstreit« ins Leben trat und bis auf 
46 Nummern gekommen ist. Es ist die erste derartige Sammlung, seitdem hat 
der Gedanke Schule gemacht. Aufler Kolleg und Seminar gab es noch zwang- 
losere Zusammenkiinfte mit den Studenten, die oft sehr angeregt und bunt 
waren, und wo auch der Witz zu seinem Rechte kam. Das Beste gab Droysen 
im Gesprach, denn er verstand zu plaudern. 

Am ersten Jahrestage von seines Vaters Tode unterzeichnete er die Vorrede 
zu seinem nachsten Werke, das 1885 in zwei Banden erschien, der Arbeit uber 
den zweiten der grofien protestantischen Heerfiihrer des Dreifiigjahrigen Krieges, 
Bernhard von Weimar, den hoch denkenden Ernestiner, keine weltgeschichtliche 
Personlichkeit, wohl aber einen deutschen Fiirsten, der erfullt war von starkem 
Gefuhl fiir Ehre und Wohlfahrt des deutschen Volkes. Einen Stoff, der einst 
Goethe gelockt hatte, gestaltete D., nicht ohne Schwierigkeit, zu einem lebens- 
vollen Bilde des ungliicklichen Fiirsten und seiner Zeit. Ein nicht veroffent- 
lichtes Urteil Heinrichs von Treitschke moge hier Platz finden: »Das neueste 
Werk Gustav Droysens bezeichnet nicht nur einen grofien Fortschritt in der 
Entwicklung des Verfassers, der friiherhin begreiflicherweise in Form und Inhalt 
seiner Schriften dem Vater nachahmte, jetzt aber frei und selbstandig geworden 
ist; das Buch bringt auch der nationalen Geschichtsschreibung eine dankens- 
werte Bereicherung. Das einst von Barthold und andern so arg verkannte, 
auch in Roses subalterner Darstellung nur undeutlich geschilderte Charakter- 
bild Bernhards von Weimar tritt uns hier endlich klar und verstandlich entgegen. 
Bernhard erscheint als der evangelische Reichsfurst, der, nicht frei von tragischer 
Schuld, doch nur um Deutschlands wilien den fremden Kronen seinen Reiterdienst 
tut« und, bei starkem personlichen und dynastischen Ehrgeiz, doch immer das 
Ziel des allgemeinen deutschen Religionsfriedens fest im Auge beh&lt. Das 
Ergebnis ist, obgleich der Verfasser keineswegs eine der beliebten »Rettungen« 
zu schreiben beabsichtigt, doch die historische Rechtfertigung eines oft mifi- 
verstandenen grofien Charakters und erscheint im wesentlichen unanfechtbar. 
Die neuesten Forschungen von Gonzenbach und Vischer uber Hans Ludwig 
von Erlach gelangen von anderer Seite her zu demselben Schlufl. Nur an weni- 
gen Stellen unterliegt Droysen der jeden Biographen bedrohenden Versuchung, 
seinen Helden zu iiberschatzen. So etwa II 495, wo die Eroberung Breisachs 
geradezu »die glanzendste Waffentat wShrend des ganzen dreifiigjahrigen 



Droysen. igj 

Krieges « genannt wird — ein Urteil, das sich sicherlich nicht halten laBt, wenn 
man sich an den ersten, von Napoleon so hoch bewunderten deutschen Feldzug 
Gustav Adolfs erinnert. D. hat seiner gut evangelischen Gesinnung kein Hehl, 
doch erkennt er die historische Notwendigkeit der groBen, die Zeit beherrschenden 
kirchlichen und politischen Gegensatze unbefangen an und urteilt mit Recht 
weit strenger uber Kursachsen und die ungetreuen Protestanten als uber die 
folgerichtige Politik des Wiener Hofes. Leider besitzt der Verfasser nicht in 
gentigendem Mafie »die Kunst der Massen«, wie Schiller es nennt. Seine durch- 
weg in wurdigem, angemessenem Tone gehaltene Darstellung ist nicht uberall 
recht durchsichtig — ein Mangel, der sich freilich aus der sproden Natur des 
Stoffes erklart. Droysen gesteht selbst, daB er »den xenophontischen Para- 
sangenstil« nicht immer habe vermeiden konnen. Da der Krieg jener Zeiten 
wesentlich Festungskrieg war, so wird die Einnahme einer Menge unbedeutender 
Platze sehr umstandlich geschildert; und da das verschlungene diplomatische 
Spiel mit Schweden, Frankreich, Wallenstein, Kursachsen usw. den Gang des 
Krieges mit bedingt, so werden auch manche Verhandlungen, die ohne jeden 
Erfolg blieben, so grundlich erortert, dafi die Perspektive verloren geht und die 
grofie Katastrophe der Nordlinger Schlacht neben dem vielen kleinen Detail 
nicht ganz zu ihrem Rechte kommt. Wo die Dinge einfacher liegen, wie bei der 
Belagerung von Breisach, da ist die Erzahlung bei ailer Einfachheit lebendig, 
ergreifend, dramatisch spannend. Das Material ist mit umsichtigem FleiB 
gesammelt, nur die Darstellung der franzosischen Politik bleibt im Halbdunkel. 
Man erfahrt wohl, wie unwahr, hinterhaltig, geizig die Staatskunst Richelieus 
sich zeigte; doch man kann ihre letzten Beweggriinde nur erraten, nicht deutlich 
erkennen. Das Werk ist nicht bloB fur Gelehrte geschrieben. Indes werden nur 
die Kenner, denen die diplomatischen Verwickelungen der Zeit schon vertraut 
sind, den rechten Genufi davon haben.« 

Im Jahre darauf wurde der Allgemeine historische Handatlas fertig, der 
nach D.s Plan und unter seiner Leitung von Fachgelehrten bcarbeitet sich an 
ein groBeres historisch interessiertes Publikum wendet. Auch Schiiler von ihm 
haben daran mitgearbeitet. Der Schwerpunkt seiner schriftstellerischen Tatig- 
keit liegt — von einigen Aufsatzen abgesehen — auf dem Gebiete des DreiBig- 
jahrigen Krieges. Und so trat ihm der Gedanke nahe, die Geschichte der Kriege, 
die wir unter diesem Namen zusammenfassen, im Zusammenhang zu geben. Ehe 
er jedoch dazu schritt, hielt er es fur notig, zu schildern, wie sich die europaischen 
Verhaltnisse entwickelten, bis der Funke in den langst angesammelten Zlindstoff 
fiel. Nur dieses einleitende Werk ist vollendet worden. Seine »Geschichte der 
Gegenreformation« in der Onckenschen Allgemeinen Geschichte in Einzeldar- 
stellungen hebt beim Augsburger Reichstagsabschied von 1555 an, schildert 
die Zersetzung der protestantischen Partei in Deutschland, das Werden, Wesen 
und Vordringen des Ultramontanismus und den Kampf um den Religions - 
frieden bis zum Reichstage von 1608. Kranklichkeit war die Ursache, daB 
die Arbeit an der Fortsetzung stockte, Georg Winter hat rasch die Geschichte 
des Dreifligjahrigen Krieges fiir diese Sammlung geschrieben, auf eine Weise, 
die Droysens vollen Beifall fand. Allen seinen Arbeiten uber diese Zeit ist eine 
groBe Beherrschung der zeitgenossischen Literatur gemeinsam, mit warmem 
Herzen sind sie geschrieben, es bleibt nicht verhullt, daB des Verfassers Neigung 
auf der Seite steht, die den Fortschritt in der Geschichte bringt. Schriftstelle- 

13* 



I96 Droysen. 

risch hatte er nun mit dieserZeit abgeschlossen, nur dieFrage nachGustaf Adolf s 
Landungsgebet hat ihn spater noch einmal auf verlassene Wege zuriickgefiihrt. 
D.s Lehrauftrag war nicht auf Geschichte im engeren Sinne beschrankt. 
Von fruher Jugend an in intimem Verhaltnis zur Kunst, ein feinsinniger Inter- 
pret dichterischer und musischer Werke, ein Liebhaber und Kenner bildender 
Kunst vereinte er asthetische Auffassung mit dem uberschauenden und ord- 
nenden Blick des Historikers. Als kunstgeschichtliche Vorlesungen noch nicht 
Mode waren, versammelte er wenige Zuhorer vor den Staffeleien des Kupfer- 
stichkabinetts und gab in diesen peripatetischen Vortragen, die manchmal 
auch Colloquia wurden, vielerlei Anregung, lehrte er sehen. Mit geringen 
Mitteln hat erimLaufe der Jahre dielange vernachlassigteKupferstichsammlung 
der Universitat zu einem ganz ansehnlichen kunstwissenschaftlichen Apparat 
erweitert und umgestaltet — die Schradersche Geschichte der Universitat Halle 
hebt dies besonders hervor. Als das Skioptikon die Moglichkeit gewahrte, 
dasselbe Bild einem groBeren Kreise gleichzeitig vorzufuhren, hat er mehrfach 
Vortragsreihen gehalten, die betrachtlichen Zulauf fanden. Aufier gelegent- 
lichen Anzeigen hat er aber auf kunstgeschichtlichem Gebiete nichts mehr 
veroffentlicht, aus einer gewissen Scheu und Zuriickhaltung heraus. Ein Gehor- 
leiden machte ihn in spateren Jahren unzuganglicher, dafl er nichts veroffent- 
lichte, liefi die letzten Jahre unfruchtbar erscheinen und mochte manchen 
verstimmen, der wiinschte, dafl gerade diese Feder nicht rastete. Eine sehr 
reizvolle Mitteilung uber die Freundschaft zwischen seinem Vater und Mendels- 
sohn in drei Heften der » Deutschen Rundschau* zeigte auch einem grofleren 
Kreise, was die Naherstehenden langst wuflten, da6 er an einer Biographie 
Johann Gustav Droysens arbeitete. Eifriges Forschen uber mancherlei Einzel- 
heiten liefi die Befiirchtung wach werden, er mochte in der Kleinarbeit auf- 
gehen, es gab wohl auch Zeiten, wo das Tatigkeitsbediirfnis sich mit geistigem 
Geniefien begniigte, wo die Freude am Stoff, die liebevolle Vertiefung der Ge- 
staltung hinderlich war. Er hat das Werk nicht vollendet, aber wenigstens der 
erste Band konnte aus dem Nachlafi von seinem Neffen Rudolf Hubner heraus- 
gegeben werden. Er zeigt die Freude, mit der Droysen sich dem Reize hingab, 
nun auch einmal biographisch zu arbeiten, alien Lebensaufierungen eines lebens- 
vollen Mannes nachzugehen. Nach seinem 70. Geburtstage trat er in den Ruhe- 
stand, ein halbcs Jahr spater ist er verschieden. 

Schriften: Albrechts I. Bemuhungen um die Nachfolge im Reich. Inaug. -Dissertation, 
1862. — Studien uber die Belagerung und Zerstorung Magdeburgs 1631 (Forschungen zur 
Deutschen Geschichte Bd. 3, 1863). — Arlanibaeus, Godofredus, Abelinus. Berlin 1864 (Hal- 
lesche Habil.-Schrift). — Aus den danischen Biichern (Archiv fur die Sachsische Geschichte 
Bd. 2, 1864 und Bd. 5, 1867). — Die Schlacht bei Lutzen 1632 (Forschungen zur Deutschen 
Geschichte Bd. 5, 1865). — Asmus Jacob Carstens (Bremer Sonntagsblatt. Organ des Kunstler- 
vereins, 14. Jahrg., Nr. 5 — 6, 1866, Febr. 4 u. 11). — Studien zur baltischen Frage (Historische 
Zeitschrift Bd. 15, 1866) [Habilitations-Vorlesung]. — Erinnerungen an Friedrich den GroGcn 
(PreuBische Jahrbiicher Bd. 18, H. 4 — 6, 1866). — Leonardo da Vinci (ebenda Bd. 19* H. 5, 
1867). — Die ersten Berichte uber die Schlacht bei Breitenfeld (Archiv fur die Sachsische Ge- 
schichte Bd. 7, 1869). — Gustaf Adolf. 2 Bde. f Leipzig 1869 und 1870. — Die niedersachsischen 
Kreisstande wahrend des schwedisch-deutschen Krieges 1631 und 1632 (Zeitschrift fur Preufii- 
sche Geschichte Jg. 8, 1871, Juniheft). — Das Auftreten Pappenheims in Norddeutschland 
nach der Schlacht bei Breitenfeld (ebenda, Juli- u. Oktoberheft). — Gustaf Adolf. Eine 
Erwiderung an Herrn Helbig (ebenda, Augustheft). — Aus alten Tr6stern. Kollektanecn von 



Droysen. Thumann. I gj 

Gotthelf Lederer (Westermanns Deutsche Monatshefte, November 1871). — Der Krieg in Nord- 
deutschland von 1632. Generallieu tenant von Baudissin (Zeitschrift fiir Preuflische Geschichte 
Jg- 9i l %7 2 * April- u. Maiheft). — Pappenheims letztes Auftreten in Niedersachsen (ebenda, 
Juliheft). — Zur Schlacht bei Frankenhausen (1525) (ebenda. Jg. io, 1873, September-Oktober- 
heft). — t)ber die Feldziige der Sachscm im Bunde mit Schweden (Archiv fiir die Sachsische 
Geschichte Bd. 12, 1874). — Die erste Kriegsschule in Deutschland (Zeitschrift fiir deutsche 
Kulturgeschichte, N. F. 4, 1875) [Behandelt die von Johann d. A., Graf en zu Nassau, Katzen- 
ellenbogen usw. in Siegen begrlindete »Kriegs- und Ritterschule« unter Johann Jacobi von 
Wallhausen], — Beitrage zur Geschichte des Militarwesens in Deutschland wahrend der Epoche 
des Dreifligjahrigen Krieges (ebenda, durch drei Hefte). — Schriftstucke von Gustaf Adolf 
zumeist an evangelische Fursten Deutschlands. Stockholm 1877. — Brandenburgische Au- 
dienzen bei Gustaf Adolf (Zeitschrift fur Preufiische Geschichte Jg. 15, 1878, Januar-Februar- 
heft). — Die evangelischen Kurfursten und der Reichskanzler Oxenstiern nach Gustaf Adolfs 
Tod (ebenda, Jg. 16, 1879, November-Dezemberheft). — Die Verhandlungen iiber den Uni- 
versalfrieden im Winter 1631/32 (Archiv fur die Sachs. Gesch. N. F. Bd. 6, 1880, durch zwei 
Hefte). — Hoicks Einfall in Sachsen im Jahre 1633 (Neues Archiv fur Sachs. Gesch. Bd. I, 
1880, durch zwei Hefte). — Egmont (Auf der Hohe. Internationale Revue hrsg. v. Leopold 
v. Sacher-Masoch, Bd. 2, 1882, Januarheft). — Raffael und Michelangelo (Deutsche Revue 
Jg. 10, Bd. I, 1885, Januarheft). — Bemhard von Weimar, 2 Bde., Leipzig 1885. — In Sachen 
Herzog Bemhard s von Weimar. Eine Erwiderung an Herrn A. v. Gonzenbach (Forschungen 
zurDeutschen Geschichte Bd. 26, 1886). — Allgemeiner historischer Handatlas. Bielefeld und 
Leipzig 1886. — Geschichte der Gegenreformation (Oncken, Allgemeine Geschichte in Einzel- 
darstellungen), Berlin 1893. — Gustaf Adolfs Landungsgebet (Mitteilungen des Instituts fiir 
osterreich. Geschichtsforschung Bd. 22, 1901). — Johann Gustav Droysen und Felix Mendels- 
sohn- Bartholdy (Deutsche Rundschau Bd. in, April-Juni 1902). — Johann Gustav Droysen. 
1. Teil: Bis zum Beginn der Frankfurter Tatigkeit (hrsg. v. Rudolf Hiibner), Leipzig u. Berlin 
1910. — 

Paul Fredericq, de U enseignement supirieur de Vhistoire. Notes et impressions de voyage 
{Revue de V instruction publique en Belgique, T. 2$, Gand, 1882 , p. 35, J7). — Wiihelm Schrader, 
Geschichte der Friedrichs-Universitat Halle-Wittenberg. Hans Schulz. 

Thumann, Paul, Maler, Professor, * 5. Oktober 1834 zu Grofi Tschacksdorf 
in der Niederlausitz, f 19. Februar 1908 in Berlin. — Durch seine Illustrationen 
zu deutschen Dichtern, seine Zeichnungszyklen und seine Gemalde hat Th. 
sich einen weit verbreiteten Ruf und viele Beliebtheit bei einem grofien Teil 
des Publikums erworben. Mit gliicklichem Talent begabt, hatte er sich fruh 
schon fiir die Wahl des kiinstlerischen Lebensberufs entschieden. Den ersten 
Unterricht, der ihn dazu vorbereiten sollte, empfing er auf der Berliner 
Kunstakademie. An der Dresdener setzte er seine Studien unter Prof. Julius 
Hiibner von 1855 bis i860 mit bestem Erfolge fort. Damals fand die Griindung 
der neuen Kunstschule zu Weimar durch den Grofiherzog Karl Alexander 
statt, der bemiiht war, die vorzuglichsten unter den jiingeren Meistern, und 
zwar nicht nur unter den deutschen, als Lehrer fiir diese seine Schopfung 
zu gewinnen; besonders solche, die durch ihre Werke bewiesen hatten, dafi 
sie auch das Handwerk der Malerei, die Technik, aus dem Grunde verstanden 
und die rechten Manner zu sein schienen, um tiichtige Schuler heranzubilden. 
Zu den fremdlandischen namhaften Malern, welche den Ruf an die Weimarsche 
Kunstschule annahmen, zahlt auch der Belgier Pauwels, der mit seinen ersten 
Geschichtsbildern 1861 in Antwerpen so allgemein bewundernde Anerkennung 
geerntet hatte. In seine Schule zu Weimar trat Th. 1862 ein, um dort dann 
vier Jahre unter Pauwels' Leitung zu malen. Zunachst entwickelte er eine aufier- 



198 



Thumann. Biermann. 



ordentliche Tatigkeit als Zeichner von Illustrationen fur den Holzschnitt auf 
dem Block, mit denen besonders zahlreiche Werke im Verlage der Buchhandlung 
von Muller-Grote geschmiickt wurden. Er gebot uber eine reiche erfin- 
derische Phantasie und verstand, leicht und sicher und immer so einfach, nur 
durch Schattenlagen und lichte Stellen seine Gestalten modellierend, auf den 
Block zu zeichnen, dafi es den Xylographen keine grofien Schwierigkeiten 
bereitete, die so behandelten, malerische Tonwirkungen nicht anstrebenden 
Zeichnungen faksimile zu schneiden. Th. durfte sich ruhmen, wohl 3000 
illustrierende Holzzeichnungen geschaffen zu haben. Aber er hatte das Malen 
darum nicht vernachlassigt. Im Auftrage des Grofiherzogs fiihrte er in der 
Wartburg einen Zyklus von Wandgemalden zur Lebensgeschichte Luthers aus. 
Eine Szene aus diesem Leben: Die Trauung des Reformators mit Katharina 
von Bora, stellte Th. auch in einem grofien Staffeleigemalde dar. Fur die 
photographische Reproduktion entwarf er ganze Kompositionszyklen zu volks- 
beliebten Dichtungen wie Chamissos »Frauenliebe und -lebe n«; 
spater auch zum »Vater Unser«. Als im Jahre 1875 die griindliche Neuge- 
staltung der Berliner Hochschule der bildenden Kunst durch Anton v.Werner 
durchgefiihrt wurde, berief dieser auch Th., ebensowie dessen ehemaligen Wei- 
marischen Mitschiiler Karl Gussow als Lehrer an dies neubelebte Kunstinstitut. 
Hier rechtfertigten beide das in ihr Lehrtalent gesetzte Vertrauen in vollem 
Mafle. Th. errang hier in der kunstlerischen Gesellschaft Berlins bald eine 
hervorragende Stellung. Er erfreute sich der besonderen Gunst des Kronprinz- 
lichen Paares. Aus seiner Werkstatt gingen wahrend der folgenden Jahre 
mehrere Gemalde hervor, die idyllisch-poetische Szenen, antiker Dichtung 
entlehnte, und frei erfundene des gleichen anmutigen, gcfalligen Genres, zum 
Gegenstand hatten. Grazios bewegte, keusch reizende Madchengestalten und 
Junglinge verwandten Schlages in idealen Gewandern ftihrt er in einfachen 
ansprechenden ruhigen Situationen und Gruppierungen vor. Diese Gemalde 
sind untadelig gezeichnet und kiihl koloriert und erheben auf starke Farben- 
wirkungen keinen Anspruch. Wir nennen hier nur Bilder »Die drei £rrazien«, 
»Psyche sich im Wasser spiegelnd«, »Kunst bringt Gunst«, »Amor und Psyche«, 
»Die unaufmerksame Schulerin«. Seine Stellung an der Hochschule der bilden- 
den Kunst gab Th. in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts auf. 
Er brach seine Zelte in Berlin ab und libersiedelte nach Italien. Nach mehr- 
jahrigem Aufenthalt in Florenz und Rom kehrte er schwer leidend nach Berlin 
zuriick. Seiner am Mark des Lebens zehrenden Krankheit ist er am 19. Fe- 
bruar 1908 erlegen. Seine liebenswiirdige menschliche Personlichkeit und sein 
kiinstlerisches Schaffen werden ihm immer ein freundliches und ehrendes 

Andenken sichern. T i> • «. _ u 

L. rietscn. 



Biermann, Gottlieb, Maler, * 1827, f iS.Oktobcr 1908 im 81. Lebensjahr zu 
Berlin, seinem Geburtsort. — Das Geschick hatte ihn in seiner Jugend nicht 
sanft gewiegt. Sein Vater verlangte, dafl der herangewachsene Knabe das 
vaterliche Handwerk, das des Schneiders, erlernen solltc. Es hat den Sohn 
schwere Kampfe gekostet, bis er es erreichtc, dafi ihm erlaubt wurde, sich der 
Malerei zu widmen und deren Studium in der Berliner Kunstakademie zu be- 
ginnen. Er arbeitete sich durch ihre Zeichen-, Gips-, Akt- und Malklassen 



Biermann. Ltiders. 



199 



wahrend der vierziger Jahre fleiflig und eifrig vorwarts, nahm 1 850 an dem 
Wettbewerb um den grofien Staatspreis des dreijahrigen Stipendiums zur 
Studienreise nach Italien teil und trug den Sieg davon. In Venedig, Florenz, 
Rom und Neapel studierte er das Volksleben ebenso wie die Meisterwerke der 
grofien alten Kunst. Sein schones koloristisches Talent entwickelte sich dort 
zur vollen Reife, und in seinen nach Berlin gebrachten Gemalden, die meist 
Szenen aus dem romisch-neapolitanischen Volksleben darstellten, gab er glan- 
zende Proben seines gereiften Konnens. In Berlin sah er sich bald mit 
Bildnisauftragen uberhauft. Die von ihm in den sechziger und siebziger Jahren 
gemalten Portraits von Damen und Herren der reicheren Berliner Gesellschaft 
entsprachen den Anforderungen dieser Kreise in hohem Grade, auch durch die 
starken koloristischen Wirkungen, die der Klinstler diesen Bildnissen durch 
gewahlte Toiletten und reiche Hintergriinde — angedeutete elegant und 
prachtig ausgestattete Innenraume mit luxuriosen Mobeln, Vorhangen, Kaminen, 
mit Lampen und Standuhren auf dem Sims — zu geben wufite. Ebenso 
gliickliche Erfolge hatte er mit seinen Bildern grofier idealer und charak- 
teristischer Einzelfiguren schoner weiblicher Wesen von seltsamem, geheimnis- 
vollem Reiz und in originellen, freierfundenen, reichfarbigen, phantastischen 
Trachten, wie seine »Spanierin«, seine vielbewunderte »Zigeunerprinzessin«,, 
sein »Lebensfriihling« u. a. m. Sein Dasein flofi ruhig dahin. Wenn in seinen 
letzten beiden Jahrzehnten seine schopferische Kraft nach dem natlirlichen 
Gesetz alles Lebens allmahlich geringer werden mochte und er gegen jungere 
Talente zuriicktreten mufite, so sorgte er bis noch in seine letzte Lebenszeit 
hinein, dafi er nicht vergessen werde. Auf jeder grofien Kunstausstellung er- 
schienen (meist kleinere) Gemalde von ihm, in denen sich sein alter Farbensinn 
immer wieder glanzend betatigte; wie — um nur zwei Schopfungen aus jtingster 
Zeit zu nennen — seine Bilder »Muttergluck« und »R(idiger befreit die (nackte) 
dem Ungeheuer zum Opfer bestimmte Angelika (im »RasendenRoland«). Letzt- 
genanntes Gemalde, eine liberraschend glanzende Leistung des Achtundsiebzig- 
jahrigen, schmuckte noch die grofie Berliner Kunstausstellung im Jahr 1906. 

L. P i e t s c h. 

Ltiders, Hermann, Maler und Zeichner, * 25. November 1836 zu Osterwieck, 
f 27. November 1908 in seiner Villa zu Grofi-Lichterfelde bei Berlin. — Talent 
und Lust zum Zeichnen zeigten sich und erwachten fruh bei ihm. Um sich zum 
Kiinstler auszubilden, kam er nach Berlin, wo er in Karl Steffecks, des genialen 
Genre- und Tier- (besonders Pferd-)malers, Atelier eintrat, der damals in den 
funfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hier als einer der geschatztesten und 
gesuchtesten Lehrer in der Kunst des Zeichnens und Malens gait. Das Meiste 
und Beste aber hat L. im aufmerksamen, bestandigen Beobachten und Stu- 
dieren der lebendigen Natur gelernt. Seine kunstlerische Laufbahn mit dem 
Malen von auszustellenden Olgemalden zu beginnen, gestatteten ihm seine Ver- 
haltnisse nicht. Er mufite fruh schon fur sich selbst sorgen und seinen Lebens- 
unterhalt erwerben. Das gelang am schnellsten und sichersten durch das Zeich- 
nen von Aktualitaten fur illustrierte Zeitungen. Er entfaltete bald eine grofie 
Geschicklichkeit darin, das in der Wirklichkeit Gesehene lebensvoll leicht und 
sicher auf dem Papier oder auf dem Holzstock in wirksamen Zeichnungen 
darzustcllen. Damals war die Photographic nach der Natur, zumal nach be- 



200 Ltiders. 

wegten Lebewesen, noch nicht entfernt zu der Leistungsfahigkeit entwickelt, 
welche sie heute erreicht hat, wo kein Zeichner mehr im Wettkampf mit ihr 
in bezug auf die »Fixigkeit« wie auf die »Richtigkeit« bestehen kann. L. hatte 
seiner Militarpflicht bei den Gardeschtitzen in einer Zeit genugt, welcher bald die 
Eroffnung des Krieges gegen Danemark folgte. Der Kiinstler, der mit Lust 
zur Sache gedient hatte, wurde eingezogen und muflte mit den Truppen ins 
Feld rucken. Das hat sich dann noch im Jahr 1866 beim Ausbruch des Krieges 
gegen Osterreich und die mit diesem verbiindeten deutschen Staaten, und ebenso 
auch bei dem des Krieges gegen Frankreich wiederholt. Er war bereits gluck- 
lich verheiratet und Familienvater, als er zum dritten Male das Atelier und 
Heim verlassen und den Pinsel mit der Buchse vertauschen muflte. Aus alien 
drei Feldziigen ist er glucklich unverwundet und unerkrankt zunickgekehrt; 
und wenn sie ihn empfindlich seiner schopferischen kiinstlerischen Tatigkeit 
entzogen, so bereicherten sie seine Phantasie und seine Naturanschauung ande- 
rerseits doch um eine Fulle von unschatzbaren Motiven und Lebensbildern, 
die er vorzuglich verwerten konnte. Im Felde ruhte sein Zeichenstift kaum 
einen Tag. Reich mit Entwurfen und rasch hingeworfenen Zeichnungen nach 
Szenen und Gestalten aus dem Kriegsleben gefiillte Skizzenbucher brachte er 
aus diesen Feldziigen mit heim. Wahrend der folgenden glanzenden Friedens- 
jahre war L. wieder unausgesetzt mit Auftragen zu Holzschnittzeichnungen 
von offentlichen Vorgangen, die sich in Berlin wie auflerhalb der Grenzen des 
Vaterlandes abspielten, iiberhauft. Zu den groflen Manovern, zu der russischen 
Kaiserkronung in Moskau und den folgenden Festlichkeiten und ebenso ge- 
legentlich des Besuchs Kaiser Wilhelms II. am russischen Hof (1888), wurde L. 
nach Rufiland gesandt. Die spanische Reise des Kronprinzen Friedrich machte 
er mit, um von den dortigen Vorgangen Zeichnungen zu liefern. Als der neue 
Kaiser im Herbst 1888 nach Rom und Neapel, 1889 nach Athen und Konstanti- 
nopel ging, zog L. zu denselben Zielen, um die wichtigsten und interessantesten 
Szenen dieser Kaiserreise fiir illustrierte Zeitungen zu zeichnen. Er hat auch 
zur Feder des Schriftstellers gegriffen und verschiedene mit eignen Zeichnungen 
geschmuckte Biicher verfaflt und erscheinen lassen, die meist Selbsterlebtes 
auf seinen Kriegs- und Friedensreisen wahrhaftig, lebendig und fesselnd schildern. 
Fiir das anziehende Werk, in welchem Friedrich Dernburg die Kronprinzenreise 
nach Spanien erzahlt, hat L. nur die vorziiglichen Illustrationen gezeichnet. Die 
Biicher iiber »Unter drei Kaisern« und »Soldatenleben im Krieg und Frieden* 
sind von ihm geschrieben und illustriert. 

In GroC-Lichterfelde, wo er sich in gartenumgebener Villa niedergelassen 
hatte, verlebte er sein letztes Jahrzehnt mit seiner Familie in ruhigem Behagen. 
»Weit und breiten Landes Durchstreifen freut nicht rnehr* mochte der sich dem 
siebzigsten Lebensjahr Nahernde mit dem a 1 1 e n Goethe gesagt haben. Aber 
rastlos blieb er kiinstlerisch tatig. Er schmiickte einen Saal im dortigen Rat* 
hause mit Wandgemalden und malte eingrofles Bild »Das Gardeschiitzenbataillon 
bei St. PrivaU fiir das Offizierkasino dieses Bataillons. In der Ausfiihrung 
dieser Werke bewies er eine nicht geringere Tuchtigkeit als Maler, wie er sie 
stets als Zeichner und Illustrator bewiesen hatte. Hochgeschatzt und geehrt 
von seinen Mitbiirgern und bis zum Ende im Vollbesitz seiner Geisteskraftc 
konnte er wahrend seiner letzten Jahre ein ruhig befriedigtes Dasein fiihren. 

L. P i e t s c h. 



Werner. 201 

Werner, Fritz, Professor, * 3. Dezember 1829, f 16. April 1908 zu Berlin. — 
Einer unserer hervorragendsten, talent- und geistreichsten Kiinstler war der 
Maler und Stecher W. Keiner von alien seinen Kunstgenossen ist so stark in 
seiner ganzen Entwicklung durch das grofleste, strahlendste deutsche Kunst- 
gestirn des 19. Jahrhunderts, Adolf Menzel, beeinflufit gewesen wie dieser. 
Er hatte urspriinglich die Kupferstecherkunst als Lebensberuf gewahlt. Im 
Zeichnen mit Kreide, Stift und Feder wie im Kupferradieren und -atzen erwarb 
er bald ein ungewohnliches Konnen. Die Gabe scharfer Beobachtung der Wirk- 
lichkeit verband sich in ihm mit grofler kunsttechnischer Geschicklichkeit, und 
ein tief eindringendes Naturstudium half seinen Darstellungen das voile Ge- 
prage der Wahrheit zu geben. Seine Bleistiftportrats, seine mit der Feder ge- 
zeichneten, mit charakteristischen Einzelfiguren bzw. geistreich erfundenen, 
streng realistisch geschilderten Genreszenen belebten Landschaften, Ausschnitte 
aus der schlichtesten markischen Natur, — Arbeiten aus seinen zwanziger 
Jahren, — fanden die bewundernde Anerkennung aller Kunstfreunde von 
feinerem Empfinden und Verstandnis. Seine unverkennbare Verwandtschaft 
des kiinstlerischen Naturells der Naturanschauung und die Ahnlichkeit seiner 
erstrebten Ziele mit denen des 14 Jahre alteren, von ihm leidenschaftlich ver- 
ehrten Adolf Menzel, liefi ihn bald zu diesem in nahe personliche Beziehungen 
treten. Mit aufierster Sorgfalt und Kunstgeschicklichkeit fuhrte er nach Aqua- 
rellen und Olgemalden dieses Meisters Kreidezeichnungen fur danach zu 
stechende Platten aus. So nach dem Aquarellbilde: Friedrich II. als Kronprinz 
in der Gondel auf dem See vor dem Schlofi Rheinsberg; so die grofle Kreide- 
zeichnung von unerhorter Vollendung in der treusten gewissenhaftesten Durch - 
fuhrung bis ins letzte Detail und in die zartesten Nuancen des Tons nach dem 
beruhmten Bilde des Meisters »Concert bei Hofe. Sanssouci I750«. Nach diesen 
beiden Zeichnungen Stiche auszufuhren, dazu ist W. nie gekommen. Wohl 
aber hat er in einem vorziiglichen Stich das Bild Menzels »Die Tafelrunde 
Konig Friedrichs« reproduziert. Als Menzel im Oktober 1 86 1 nach Konigsberg 
berufen wurde, um dort in der Schlofikapelle der Kronung Konig Wilhelms I. 
beizuwohnen, die er in einem grofien Gemalde darzustellen beauftragt worden 
war, begleitete ihn W., damit dieser gleichzeitig mit ihm die notigen zeich- 
nerischen Notizen nach Einzelheiten der Architektur der innern Ausstattung 
und die auf die Verteilung der Gruppen im Raum beziiglichen nach der Wirk- 
lichkeit entwerfe. In der ersten Halfte der sechziger Jahre trat W. auch als 
Maler hervor. Und zwar gleich mit einem Bilde, das durch seine Zeichnung, 
seine treffende Charakteristik der Menschen und ihrer Umgebung, seine Farbe 
und malerische Durchfuhrung einen solchen Eindruck machte, dafi W.s Name 
fortan als der eincs der besten lebenden Maler Berlins genannt wurde. Jenes 
Bild stellte eine reichc vornehme alte Dame in ihrem behaglich prachtigen 
Rokoko-Interieur dar, welche dem vor ihr stehenden Neffen, einem flotten 
jungen Offizier der Seydlitz-Dragoner (Zeit Friedrichs d. Gr.), eine ernste Straf- 
predigt liber sein Leben halt, das ihn schon wieder in die Lage brachte, die ge- 
strenge Dame um Hilfe anzugehen. W. hatte mit Menzel die Vorliebe fur dies 
Zeitalter gemein. Dessen Menschentypen, Trachten, Sitten, Lokalitaten hatte 
er nach dieses Meisters Vorbild aufs genaueste studiert. Neben Menzel gab es 
fur W. nur noch einen Meister, M e i s s o n i e r , der damals auf der Hohe 
seines Ruhmes stand, zu dem er sich hingezogen fuhlte und dem er nachstrebte. 



202 Werner. 

Keinen von den andern franzosischen MalergroBen, in deren Ateliers die jungen 
deutschen Kunstler damals ihr Heil zu finden, das wirkliche Malenkonnen zu 
erlernen hofften, in Paris, sondern diesen »Gro8esten der Kleinmeister«, der in 
Poissy hauste und malte, suchte W. auf. Es gelang ihm, dessen Sympathien 
in solchem Mafie zu erringen, dafi dieser Deutsche ihn auch nach Antibes be- 
gleiten durfte, wohin Meissonier im Sommer seine Werkstatt zu verlegen 
pflegte. 

Vor und nach dieser Studienzeit und seinen Reisen durch Holland und 
Belgien hat W. eine enormc Zahl von Gemalden, deren jedes in alien Teilen 
mit der gleichen strengen Gewissenhaftigkeit durchgefuhrt war, vollendet. 
GroBe populare Erfolge erntete er besonders durch die Bilder, welche 
soldatische Szenen aus dem Leben der Grenadiere Friedrichs des Grofien dar- 
stellten, wie das der Gruppe der Spreewalder Ammen, die mit den ihnen anver- 
trauten Herrschaftskindern vor dem Gittertor eines koniglichen Parks umher- 
stehen und sich an den derben Spafien der hinter dem Gitter gruppierten mit 
ihnen plaudernden Grenadiere der Wachtmannschaft ergotzen. Oder wie jenes 
andre grofiere Werk: Der Marsch eines Regiments solcher »langen Kerle« durch 
eine kahle markische Gegend, neben denen ihre vierschrotige Marketenderin 
auf ihrem bepackten Eselchen auf der staubigen Strafie dahintrottet. — Eine 
Menge kostlicher kleiner Kabinettstiicke schildern Genreszenen, nicht nur 
soldatische, aus der deutschen Rokokoperiode in unubertreflflicher Echtheit; 
Bilder, deren Detailausftihrung bis zur auCersten Grenze getrieben ist, ohne 
daB dadurch doch je die ruhige fein harmonische Tonstimmung des Ganzen 
zerrissen wurde oder die Ausfuhrung kleinlich und muhsam erschiene. Aber 
nicht minder zahlreich und vollendet sind seine Darstellungen von Menschen 
und Vorgangen aus unserer Zeit. Ich nenne nur einige ganz eminente Meister- 
werke von bewundernswerter kunst- und liebevollster Durchfiihrung; das Bild 
des, mit mannlichen und weiblichen Besuchern jeden Alters, Standes, Tem- 
peraments, Bildungsgrades erfiillten grofien Gemaldesaales in der Dresdener 
Museumsgalerie, dessen Wande hoch hinauf mit Gemalden alter Meister behangt 
sind; den »Ausstopfer« inmitten seiner Vogelbalge undTierfelle; den»Konchylien- 
sammler« mit der Masse der in den feinsten Farben und dem zartesten Perl- 
mutterglanz schimmernden und glanzenden exotischen Muscheln; den Kunst - 
antiquitatensammler in seinem Kabinett, den Bibliothekar in setnem Blicher- 
zimmer. Auch offentliche Szenen mit Bildnisgestalten bekannter hervor- 
ragender Personlichkeiten und einer Menge von Poftratfiguren aus allem Volk — 
den beruhmten Parade- und Huldigungsbildern Franz Kriigers verwandt — 
gingen aus seiner Werkstatt hervor: so die »Enthullung des Luisendenkmals 
im Tiergarten durch Kaiser Wilhelm I.«, des Prinzen Wilhelm — spatern Kaiser 
Wilhelms II. — Einreiten auf den Belleallianceplatz an der Spitze derTruppen 
von der groBen Parade auf dem Tempelhofer Felde, und Bismarcks Heraus- 
treten aus dem provisorischen Reichstaggebaude in die mit Menschen, Omni- 
bus- und Tramwagen bunt belebte Leipziger StraBe nach der Sitzung jenes 
6. Februar, in welcher der groBe Kanzler die beruhmte, epochemachende Rede 
uber die politischen Zustande Europas gehalten hatte. — 

In seinen letzten Lebensjahren war W. wieder zu seinen frliheren Lieb- 
lingsstoffen zuruckgekehrt; malte Einzelgestalten, besonders soldatische, aus 
verschiedencn Regimentern der Armee Friedrichs d. Gr., in Erscheinung, Haltung, 



Werner. Leistikow. 203 

Ausdruck von iiberzeugender Lebenswahrheit, Bilder, in denen sich keine Spur 
des etwaigen Nachlassens der kiinstlerischen Kraft und Frische bei dem hohen 
Siebziger zeigte. Sein zuletzt ausgestelltes Gemalde zeigte einen rotrockigen, 
vom Riicken sichtbaren Hofkavalier aus derselbcn Zeit, der, »vom Konigsmahl 
kommend«, in eine Allee des Parks von Sanssouci etvvas schwankenden Ganges 
hineinschreitet; und einige vor dem Parktorgitter an Straflenausbesserungen 
tatigc Erdarbeiter, die jenem Edeln spottlachend nachschaucn. 

Der achtzigste Geburtstag des Meisters wurde von seinen Kunstgenossen 
festlich bcgangen. Nichts in ihm verriet, daB das Ende dieses reicherfullten 
ruhmvollen Malerlebens bereits so nahe gekommen sei, und schon nach 
3 1 /* Monaten, neun Tage nach der Eroffnung der Ausstellung eines groCen 
Teiles seines Lebenswerks in den Salen der Kunstakademie, seine Alles beobach- 
tenden, alle Erscheinungen dieser Erde so scharf erfassenden Augen sich fur 

immer schlieCen sollten. T t> • a *. „ „ u 

L. r 1 e t s c n. 



Leistikow, Walter, Landschaftsmaler, * 25. Oktober 1865 zu Bromberg, 
f 24. Juli 1908. — In L. verlor die Berliner Kiinstlerschaft eines ihrer von alien 
Parteien, in die sie zerkluftet ist, gleich hoch geschatzten, allgemein beliebten 
und in seiner kiinstlerischen Bedeutung anerkanntesten Mitglieder durch einen 
viel zu-f rtihen Tod ; hatte er doch nur ein Alter von 43 Jahren erreicht. Immerhin 
hat diese verhaltnismaflig nur geringe Dauer seines Kunstlerlebens geniigt, 
um ihn eine auflerordentliche Fulle von hervorragenden Gemalden schaffen 
zu lassen, in denen er ebensoviele Ausschnitte aus Gottes schoner Welt, in der 
Heimat wie in der Fremde, liebevoll, treu und mit kunstlerischem Feingefiihl 
fur jeden eigentumlichen und charakteristischen Reiz, den ihnen die Art ihrer 
Erdbildungen und ihrer Vegetation, wie die wechselnden Beleuchtungen und 
Luftstimmungen in den verschiedenen Jahres- und Tageszeiten verlciht, geschil- 
dert hat. L. bildete sich in Berlin unter der Leitung des besten Lehrers dieser 
Kunst, Prof. Hans Gude, zum Landschaftsmaler aus und vollendete diese Aus- 
bildung in ausgedehnten Studienreisen durch die europaischen Kulturlander. 
Seinen popularen Ruhm erwarb er mehr als durch seine Darstellungen aus der 
Natur der fremden Lander durch die Schilderungen aus der markischen engeren 
Heimat, zumal ihrer, von ernsten dustern Kieferwaldungen und schlanken, 
lichtgriinen, weifistammigen Birken umrahmten stillen dunklen Waldseen, 
deren eigenartigen landschaftlichen Charakter und Stimmungcn sowie die Tone 
der Liifte uber ihnen, er mit ganz besonderer Feinheit zu trcffen und treulich 
wiederzugeben erreichte. Man versteht eigentlich die Beweggrunde nicht 
vollig, die ihn bestimmten, im Bunde mit Max Liebermann die Berliner Se- 
zession, die tiefe Spaltung in der Berliner Kiinstlerschaft, ins Leben zu rufen 
und sich so leidenschaftlich um deren Entwicklung undihre Jahres-Ausstcllungen 
zu bemuhen. Seine Naturbilder sind so echt und wahr, so frei von Manieriert- 
heit, so gewissenhaft durchgefuhrt und so gediegen gemalt, daB sie eher einen 
Gegensatz zu der Darstellungsweise landschaftlicher Natur durch die eigent- 
lichen ersten sezessionistischen Maler bilden, als daB er sie wie diese geschaffen 
und in ihremSinne gemalt hatte. Aber die neueKiinstlerpartei hatte alien Grund, 
auf seine von ihm erklarte Zugehorigkeit zu ihr stolz zu sein, ihn zu ehren und zu 
preisen und L. als einen derVater, tapferen Vorkampf er und begeisterten Apostel 



204 



Leistikow. Gschiel. 



des neuen Maler-Evangeliums zu feiern. Er brauchte nicht auf die Nachwelt zu 
warten, um gerecht gewurdigt zu werden. Von an ihm zehrender Krankheit 
(Diabetes) ergriffen, liefi er sich nicht durch seine Leiden am rustigen Schaffen 
hindern, bis sie ubermachtig geworden, auch seine Widerstandskraft bezwang 
und ihn auf das Schmerzenslager niederwarf, das sein Sterbebett werden sollte. 
Durch wiederholte Spezialausstellungen von Gemalden und vorziiglichen 
landschaftlichen Naturstudien L.s nach Gegenden und Details der Hochgebirgs-, 
der Wald- und der Flachlandschaft in Cassierers Kunstsalen und in dem Hause 
der Sezession konnte das Berliner Publikum erkennen lernen, dafi er nicht der 
einseitige Maler der markischen monotonen Kieferwalder und Waldseen war, 
als der er gewohnlich angesehen wurde, sondern dafi seine Augen der Grofle, 
Herrlichkeit und Anmut der Natur in alien ihren Erscheinungsformen gleich- 
mafiig erschlossen waren, und sein gliickliches Talent ihn befahigte, jedes ge- 
gebene Motiv zu meisterhaften fesselnden Gemalden zu gestalten. Der so fruh 
zu den Toten Gegangene ist viel beklagt und sein Andenken durch wurdige, 
von den Genossen, den Freunden und Verehrern des Meisters veranstaltete, schone 
Gedachtnisfeiern geehrt worden. 

L. P i e t s c h. 



Gschiel, Jakob, akademischer Bildhauer, * 26. Juli 182 1 in Obersalberg 
(Pfarre Pollauberg) in Steiermark, f 15. Januar 1908 in Graz. Obwohl sich 
seine Neigung und Fahigkeit zu bildnerischem Schaffen frtihzeitig zeigte, kam 
G. erst als Zwanzigjahriger zu einem landlichen Bildhauer in Pichelsdorf in die 
Lehre. 1847 ubersiedelte er nach Graz zu Michael Rosenberger, einem tiichtigen 
Selfmademan, um endlich zur Vervollstandigung seiner Ausbildung von 1852 
bis 1855 in Wien die alte Kunstakademie von St. Anna zu besuchen. Seit 1855 
arbeitete er jahrzehntelang unermudlich in Graz, und als die Auftrage sich 
hauften, stets mit mehreren Gehilfen und Lehrlingen. (Aus seinem Atelier 
ging z. B. der bekannte Grazer Bildhauer Hans Brantstetter hervor). G. und 
seine Werkstatte versorgten zahllose Kirchen und Kloster mit Andachtsbildern, 
und zwar nicht nur in Steiermark. Es wanderten zahlreiche Werke auch nach 
auswarts, nach Karnten, Krain, Kroatien, Ungarn, Ober-Osterreich. Unter 
den eigenhandigen Arbeiten G.s zeichnen sich besonders die Kruzifixe, die wir 
auf Altaren und Friedhofen finden, durch Zartheit der Empfindung und durch 
edle Schonheit aus. Eine dieser Arbeiten fand auf einer Pariser Ausstellung 
lebhafte Anerkennung, und der Kruzifixus auf dem Hochaltar der Grazer Stadt- 
pfarre zeigt den Kiinstler von seiner besten Seite. Im ganzen reicht sein Schaffen 
nicht uber den kiinstlerischen Durchschnitt hinaus, aber es ist ein guter Durch - 
schnitt. Wenn armere Kirchen und Kapellen und auch Privathauser zu tadel- 
losen und wurdigen Andachtsbildern kommen, so bedeutet dies fiir das Gesamt- 
niveau der Kunst in einem grofieren Landergebiet sicherlich einen Gewinn 
gegeniiber der wertlosen Fabriksware, die sonst gewohnlich an die Stelle jener 
Werke tritt. 

Steirisches Kiinstlerlcxikon. Von J. Wastlcr. Graz 1883. — "Ludwig von Kurz, Das 
Werk des steirischen Bildhauers Jakob Gschiel. Graz 1910. 

Johann Ranftl. 



Seitz. 205 

Seitz, Ludwig, religioser Maler und Direktor der vatikanischen Galericn, 
* 11. Juli 1844 in Rom, f 11. September 1908 in Albano. Sein Vater Maximilian 
Seitz hatte als Kirchen- und Genremaler einen guten Namen. Die Mutter war 
eine Tochter jenes Ernst von Platner, der zusammen mit Bunsen die noch heute 
wertvolle »Beschreibung« Roms herausgab. So fiihrtcn die aufieren Lebens- 
verhaltnisse S., der schon als Kind eine vielversprechende kiinstlerische Ver- 
anlagung zeigte, mitten in kunstlerisches Leben und Schaffen hinein, und zwar 
in die Kunstwclt der Nazarencr, welche damals unsere deutsche Kunst durch 
Jahrzehnte beherrschten und in Rom ein wichtiges Zentrum hatten. Sie er- 
weckten im AnschluB an die grofien Meister alter Zeiten die vergessene Frcsko- 
technik und zugleich den tieferen religiosen Sinn fur Deutschlands Malcrei zu 
neuem Leben. So konnte S. selbst spater uber die Anregungen seiner Jugendzeit 
sagen: »AUe Familienbeziehungen fuhrten mich in den Kreis der deutschen 
Kunstler, und meine Laufbahn wurde in besonderer Weise begunstigt durch alle 
jene edlen Seelen, welche unter dem Namen der Nazarener bekannt sind. So 
erklart sich auch meine grofie Vorliebe fur die altdeutsche Kunst und besonders 
fur den tiefen Ernst derselben bei religiosen Darstellungen, im weiteren fur die 
Vollkommenheit in der Vollendung und die glanzende Farbengebung . . . « Als 
seine kiinstlerische Ausbildung vollendet war, begann ein Leben voll unermud- 
licher Arbeit, das schlicht und einfach, ohne ungewohnliche auflere Ereignisse 
verlief. 

Die erste selbstandige kiinstlerische Tatigkeit S.s brachte eine Anzahl 
Tafelbilder fur deutsche und italienische Kunstfreunde hervor, und daneben 
graphische Arbeiten fur Herders (Freiburg i. B.) und Diirrs (Leipzig) Verlag. 
Die Reihe seiner bedeutenden Wandmalereien begann Seitz mit den Fresken 
im Dome von Djakov&r. Wahrend sein Vater einige Historien des Langschiffes 
und die Hauptapsis malte, fielen dem Sohne auBer mehreren Szenen im Lang- 
schiffe die Kreuzarme und Seitenapsiden zu. Die Ausfiihrung dieser Arbeit 
fallt in die letzten siebziger Jahre. Der Ruhm, den der junge Kunstler damit 
erntete, veranlaBte die Kanoniker von Treviso, die vier grofien Fresken, 
die wir heute im Chor des Domes sehen, durch ihn ausfiihren zu lassen 
(1882 — 1888). Es folgen die Wandbilder der Capella di S. Bonaventura in Ara 
coeli in Rom, die Fresken sowie die Restaurierungsarbeitcn in der Kirche 
des deutschen Hospizes S. Maria dell* Anima und die Apsismalereien der 
franzosischen Kirche S. Ivo. Die acht Rundbilder der griechischen und 
lateinischen Kirchenlehrer in der Kathedrale von Sarajevo sind gleichfalls hier 
zu nennen. 

Auf deutschem Boden begegnen uns verhaltnismaCig wenig groflere Werke 
unseres Meisters. Das Fresko »Maria Kronung« im Freiburger Miinster und 
die Gemalde der Fiirstenbergschen SchloCkapelle in Heiligenberg am Bodensee 
sind die bekannteren. 

Bald erwarteten den rastlos SchafFenden wieder Auftrage in der Fremde. 
So hatte S. die Kartons fur die Mosaiken in der Gruft Pius IX. in 5. Lorenzo 
fuori le mura herzustellen und den Kuppelsaal der Torre Leonina im vatikani- 
schen Garten auszumalen. Ein Hauptwerk in seiner Lebensarbeit bilden die 
grofl und originell gedachten Wand- und Deckenbilder in der vatikanischen 
t>Galleria dei Candelabrum die in den achtziger Jahren vollendet wurden. Der 
Kunstler erhielt fur seine glanzende Leistung das Kommandeurkreuz des Pius- 



206 Seitz - 

ordens und wurde zum Direktor der vatikanischen Galerien ernannt. Daran 
schlieflt sich mit kurzem Intervall eine neue grofie Aufgabe, die Ausmalung der 
papstlichen oder Marienkapelle in der Wallfahrtskirche von Loreto, die S. 
in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts beschaftigte. Es kam dar- 
nach noch ein verwandter Auftrag, als der paduanische Senator Breda eine 
grofle Summe fiir die Restaurierung der St. Antoniuskirche seiner Vaterstadt 
stiftete. Es gait, drei Kapellen mit Fresken zu schmucken. Leider nahm der 
Tod dem Meister den Pinsel aus der Hand, da er noch nicht die Halfte dieser 
grofien Arbeit beendet hatte. 

Neben diesen malerischen Schopfungen gingen noch bestandig andere Ar- 
beiten einher, Restaurierungs- oder besser gesagt Erhaltungsarbeiten an grofien 
alten Werken (Raffaels Loggien, Fiesoles Fresken in der Kapelle Eugens IV.), 
die Wiederherstellung der Appartamenti Borgia, die Sicherung der Decken- 
gemalde Michelangelos in der Sixtina. Es entstanden Kartons fur Glasgemalde, 
Entwiirfe fur Kirchengerate, Paramente, Grabmaler u. a. Schon vor langeren 
Jahren, als bei uns die Bewegung fiir das moderne Kunstgewerbe noch lange 
nicht so lebhaft im Gange war wie heute, bemuhte sich Direktor S. in Rom 
personlich um die Hebung des kunstgewerblichen Zeichenunterrichtes. Er 
griindete ferner die »Romische Kiinstlerzunft«, eine Vereinigung, welche den 
in der ewigen Stadt weilenden christlichen Kiinstlern einen Sammelpunkt bieten 
und durch wissenschaftliche Vortrage, gemeinsame Besuche der Kunstsammlun- 
gen, durch kiinstlerische Ausfluge und praktische Cbungen den Aufenthalt 
nach alien Seiten fruchtbar und anregend machen sollte. Aus Vortragen, die S. 
in dieser Genossenschaft hielt, entstanden einige Broschiiren, die unter dem 
Titel »Erdrterungen uber wichtige Kunstfragen* erschienen. Als er im Herbste 
1908 daran ging, eine Broschiire »Ober das Typische in der Kunst« fertigzu- 
stellen und wahrend er die Neuaufstellung der vatikanischen GemSldegalerie 
leitete, erlag der schon lange krankelnde in Albano auf seiner Villa einem 
asthmatischen Anfalle. 

Einen klaren Einblick in die Entwicklung des Kiinstlers wird man erst 
gewinnen, wenn sein Lebenswerk in einer guten Publikation vorliegt und von 
seinen ersten Arbeiten noch mehr als bisher im Originate zuganglich sind. Jetzt 
sieht man wenigstens einigermafien an den Holzschnitten und Zeichnungen 
der ersten Zeit, wie sich das kraftige und anmutige Talent aus der Umarmung 
alter und neuer Vorbilder allmahlich losmacht und seine eigenen Wege findet. 
Den ersten bedeutenden Schritt zur religiosen Monumentalkunst, zu seinem 
eigentlichen kiinstlerischen Lebensberufe, durfte S., wie erwahnt wurde, in der 
slavonischen Bischofsstadt tun. Den Gegenstand des Gemaldezyklus bildet 
die christliche Heilsgeschichte, Altes und Neues Testament in ihrer Wechsel- 
beziehung und die durch die Jahrhunderte sich fortsetzende Anbetung des 
Erlosers. Die Petrusszenen im Seitenschiffe sind nach Overbecks Kartons 
ausgefuhrt. Abgesehen von dieser engen Anlehnung an die Schule, weifi der 
Maler bereits in seinem Jugendwerke den uberlieferten ikonographischen Typen 
neues Leben zu verleihen sowohl in der kompositionellen Anordnung und in 
der scharfen Charakteristik als auch durch einen ungewohnlichen personlichen 
Schonheitssinn und durch eine zarte Innerlichkeit des seelischen Lebens. In 
den Apsisgemalden vereinigen sich ungezwungen historische und ideale Ele- 
mente; die Landesheiligen und selbst die slavonischen Volkstypen finden z. B. 



Seitz. 



207 



unter den anbetenden Hirten ihre Stelle. In der dekorativen Umrahmung 
uberrascht uns eine originelle Art der Pflanzenornamentik. 

Ein Seitenstiick zu diesen Djakov&rer Gemalden bilden die vier grofien 
Fresken in Treviso, welche bedeutsame kirchengeschichtliche Ereignisse aus 
der Vergangenheit der Stadt darstellen. Die Szenen gerieten hier allerdings 
etwas zu figurenreich und wirken teilweise unruhig durch gewisse eigensinnige 
Linienfiihrungen. Urn so mehr fesselt uns an ihnen die feste Charakteristik 
der auftretenden Personen. Von einem drastischen, frisch und keck zugreifenden 
Wirklichkeitssinne zeugt besonders die Bettlergesellschaft, welche den sel. 
Heinrich von Bozen umringt. An anderen Gestalten wiederum (St. Liberalis, 
St. Prosdocimus) begegnen uns schon die markigen, edeldurchgeistigten Kopfe, 
die fiir die reife Kunst S.s so charakteristisch sind. — Wenn wir von den Arbeiten 
in Freiburg, Heiligenberg und in den romischen Kirchen absehen, konnen wir 
als nachste groflere Etappe dieser Kunst die Fresken der Galleria dei Candelabri 
anfuhren. Zusammen mit Domenico Torti hatte unser deutscher Maler die 
Sale, durch die man zu Raffaels beruhmten »Tapeten« geht, zu schmiicken. 
(jberall zeigt sich S.s Uberlegenheit iiber seinen Mitarbeiter. Nach des ersteren 
Entwurfen wurden mehrere kleinere Bilder allegorischen und symbolischen 
Inhalts ausgefuhrt. Eine Glanzleistung seiner Kunst ist der Zyklus, den man 
gewohnlich als die »Glorie des hi. Thomas von Aquin« bezeichnet. Statt einer 
weiteren Erorterung der Vorziige dieses Werkes, das mit den Bestrebungen 
Leos XIII. ideell auf das engste verbunden ist und in welchem sein Schopfer 
seinen vollen Gedankenreichtum und seine klinstlerischen Qualitaten bltihend 
entfaltet, sei nur auf die Publikation Prof. J. J. Berthiers 0. P., »Die Glorie 
des hi. Thomas« (Benziger, Einsiedeln) verwiesen, welche vor allem durch gute 
Reproduktionen einen Begriff von dem Werke vermittelt. 

Den Hohepunkt der S.schen Kunst bildet zweifellos das iiberaus liebliche 
und ideenreiche Marienleben in der papstlichen Kapelle der Kirche von Loreto, 
welche die deutschen Katholiken auf ihre Kosten ausmalen lieGen. Hier schuf 
der Kunstler in der konsequenten Durchfiihrung eines erhabenen Ideenkreises 
ein vollendetes Meisterstiick. Ungemein geschickt und anschmiegsam weifl er 
den zugemessenen Raum fiir seine Zwecke auszuniitzen. Den leitenden Ge- 
danken fiir das gemalte Marienepos, fiir welches fiinf grofie Felder zur Ver- 
fiigung standen, bilden die fiinf Vorziige Mariens. Nach dem Vorbilde alter 
Marienleben {Speculum humanae Salvationist Armenbibeln, Marienaltare), wo 
man gem alttestamentliche Vorbilder und Profetien mit den Erlebnissen und 
Tugenden der Gottesmutter in Parallele setzte, ging auch unser Kunstler, der 
ja stets der Tradition ehrerbietig das Wort redete, in Loreto vor. Allein er traf 
die Auswahl aus dem reichen Stoffe uberlegsam fiir den gegebenen AnlaB und 
erweiterte den alten Gedankenkreis dadurch, dafi er zu den uberlieferten Mo- 
tiven die Evangelisten, Kirchenvater und Papste, die fiir den Marienkult beson- 
ders eintraten oder zu Loreto in besonderer Beziehung standen, aufnahm, und 
er erganzte die figuralen Szenen obendrein auf das gliicklichste durch eine 
dekorative Symbolik. Altes und Neues, Geschichte, Dogma und Tradition 
einigen sich so zu herrlichen, erhebenden Akkorden. In den dekorativen Teilen 
entfaltet S. durch alleMittel von Farbe, Stucco und Gold eine mildschimmernde, 
unaufdringliche Pracht, welche die schonen Marienszenen von alien Seiten 
melodios umspielt. Klare Zeichnung, lebendige Farbenpracht, harmonische 



208 Seiti. 

Komposition und die bei S. selbstverstandliche, aus der Tiefe einer glaubigen 
Seele quellende fromme Auffassung des Ganzen, die dem Geiste eines Fiesole 
und Fiihrich nacheifert, machen die loretanische Kapelle zu einer religios und 
kunstlerisch hochgeweihten Statte fur unsere Nation. In einem ahnlichen Sinne 
erfafit, wenn auch einfacher im Gedankengange, bewegten sich die nur teilweise 
vollendeten Paulus- und Stephanus-Szenen im »Santo* zu Padua. 

Um die ganze Personlichkeit unseres Kunstlers zu charakterisieren, mufiten 
wir noch seine verschiedenen Bemiihungen auf den Gebieten aufierhalb der 
Malerei heranziehen und wiirdigen. Wir begniigen uns jedoch mit ein paar An- 
deutungen uber seine kunsttheoretischen Ansichten, die in naher Beziehung 
zu seiner eigenen schopferischen Praxis stehen und in mehreren Broschuren 
niedergelegt sind. Er wendet sich unter anderera gegen den chaotischen Wirr- 
warr von Anschauungen in der modernen Kunstwelt, tadelt den gewohnlichen 
Bildungsgang des heutigen Kunstlers, das Kliquenwesen und die unzulangliche 
Kunstkritik. S.s Bemiihungen gingen vornehmlich darauf hinaus, eine Ver- 
standigung uber die wesentlichen und wichtigsten Prinzipien des Kunstschaffens 
zu erzielen. Eine solche Verstandigung wiirde dann, so hoffte er, von selbst 
fur den einzelnen sowie fur die ganze Kunst der Gegenwart zu einem wohl- 
fundierten Stil fiihren. S. betont auch mit Nachdruck den Wert des Studiums 
der alten Kunst und der kiinstlerischen Oberlieferung. Ohne Tradition 
erscheint ihm keine grofie Kunst moglich. An der Kunst der Vergangenheit 
und an der Natur hat sich der Kiinstler gleichermafien zu schulen, um dabei 
sein eigenes Wesen wie seine nationale Eigenart gesund und stark zu ent- 
wickeln. 

So haben in S. selbst die Anregungen der Nazarenerkunst und jene der alten 
groCen deutschen und italienischen Meister einen neuen, kraftvollen Trieb an- 
gesetzt. Zur hochentwickelten Ideenkunst und Linienschonheit der Overbeck- 
schule fiigte ihr Jiinger einen frischen Glanz und eine Harmonie der Farbe, wie 
wir sie vereinzelt in Steinles besten Schopfungen bewundern. Dazu gesellt sich 
ein vollgehaltiges, tiefes, eigenes Empfinden, das aus liebevollem Naturstudium 
seine Kraft holte und von einem kindlichen religidsen Glauben seine hochste 
Weihe empfing. Obschon sich das Leben und Schaffen des Verewigten fast 
ganz im fremden Auslande entfalteten, so hat S. sein deutsches Wesen doch 
stets treu bewahrt und nirgends verleugnet. Seine Werke in Italien werden 
von deutschen Siidlandfahrfrn, die in Padua und Loreto anhalten oder 
Roms Kirchen und Kunstsale durchwandern, stets gern betrachtet werden. 
Vor allem in Rom und Loreto findet man Gelegenheit, sich in die Schdpfungen 
des Meisters zu vertiefen, die den Deutschen inmitten einer glanzenden, 
fremden Kultur und Kunst wie ein liebes Freundeswort aus der Heimat 
ansprechen. 

Eine Wurdigung der S.schen Kunst schrieb P. Stephan Beissel S. J. in »Zeitschrift fiir 
christliche Kunst* 1892. Daselbst die ubrige Literatur iiber S. bis 1892. — *Stolna crkva u 
Djakovu*) eine Festschrift zu Ehren Bischof Strofimayers (kroatisch und franzdsisch). Prag 
1900. — Ludwig von Kurz, Prof. Ludwig Seitz und sein religi6ses Kunstschaffen in >Kirchen- 
schmuck*. Graz 1904. — Dr. Job. Ranftl, Ein Patenkind Ludwigs I. von Baiern. »Histor.- 
polit. Blatter* 1908, 9. — 10. Heft. — La Capella del Coro nella Basilica di Loreto dipinta dot 
Comm. Lodovico Seitz, descritta da Mons. Giov. Milanese. Einsiedcln 190S. 

Johann Ranftl. 



Pfleiderer. 



209 



Pfleiderer, Otto, ord. Professor der Theologie, * 1. September 1839 in Stetten 
(Wurttemberg), f 18. Juli 1908 in GroO-Lichterfelde. — Pfl. wurde geboren in 
Stetten, verlebte seine Kindheit im Maulbronner Kloster, wo sein Vater Mathe- 
matikprofessor geworden war. 1857 — 61 studierte er in Tubingen, unternahm 
nach Vollendung der Studien eine Stipendiatsreise durch Deutschland und 
England, wurde Vikar in Eningen u. Knittlingen, 1864 Repetent und Privat- 
dozent in Tubingen, 1868 Stadtpfarrer in Heilbronn. Er verheiratete sich mit 
Marie Kornbeck, der Tochter des Pfarrers und Dekans von Knittlingen. 1870 
wurde er als Superintendent nach Jena gewahlt, 187 1 von der theologischen 
Fakultat daselbst zum Ordinarius der praktischen Theologie berufen, 1875 
durch den Kultusminister Falk als Nachfolger Twestens Professor der syste- 
matischen Theologie in Berlin. Seitdem ununterbrochen dort wirksam, 1894 
Rektor der Universitat, als solcher Sprecher der deutschen Hochschullehrer bei 
der Bismarckhuldigung. Mehrfach in England, zweimal auch in Amerika 
(zuletzt 1907) hielt er Vortrage und Vorlesungen. Er starb an Herzarterien- 
verkalkung unerwartet am 18. Juli 1908, mitten in der Arbeit. 

In Pfl. verlor die deutsche theologische Wissenschaft unserer Zeit einen ihrer 
bedeutendsten Vertreter, der obwohl nicht Haupt einer besondern Schule oder 
Richtung doch weithin gewirkt hat und noch wirkt. Im Ausland gait er als 
der eigentliche Reprasentant der freien deutschen Theologie, wahrend er in 
Deutschland eine Sonderstellung einnahm und vielfach als der letzte bedeutende 
»Tubinger« zur »modernen« Theologie in Gegensatz gestellt wurde, doch so daB 
seine Position eher um einen Schritt weiter nach links als nach rechts vorge- 
schoben erschien. Er selbst war kein Mann der Partei, weder der kirchlichen 
noch der wissenschaftlichen, sondern Gelehrter, der seinen Weg ging, wie er 
ihn nach seiner Erkenntnis und Uberzeugung gehen muCte. »Er diente der 
Wahrheit, wie er sie verstand« (R. Seeberg in seiner Rede bei der Leichenfeier), 
allem Paktieren und unsachlicher Rucksichtnahme innerlichst abhold, in der 
Vertretung eigner Auffassung wie in der Abwehr entgegengesetzter Denkweise 
freilich nicht ohne Scharfe und temperamentvolle Einseitigkeit, doch ohne 
Einmischung kirchlicher oder kirchenpolitischer Gesichtspunkte in den wissen- 
schaftlichen Kampf. Er war uberzeugt, dafi seine theologische Grundauffassung, 
der er bei aller bis ins Alter bewahrten erstaunlichen Fahigkeit des Weiter- 
lernens und Umlernens treu blieb, noch einmal sich durchsetzen werde, und so 
hat er die zeitweilige Isolierung ohne Bitterkeit und ohne sich nach irgendeiner 
Seite hin abzuschlieflen, ertragen. 

Sein Leben verlief ohne viel besondere Ereignisse in ruhigem Flufi, ein 
rechtes deutsches Gelehrtenleben. In den kirchenpolitischen Kampfen der 
letzten Jahrzehnte ist sein Name selten genannt worden, auch sein schwerer 
Kampf mit dem damaligen Hofprediger Stoecker (1877 — 1880) ist in derOffent- 
lichkeit kaum bekannt geworden. Nur wo er jemand zu Unrecht angegriffen 
sah, gleichviel auf welcher Seite, trat er in der Offentlichkeit fur ihn ein (so fur 
Sydow 1872, Weingart 1900, Fischer 1905, aber auch fur Seeberg 1908); darin 
kam ein Grundzug seines personlichen Wcsens zum Ausdruck, seine Ritterlich- 
keit, die ihn ebenso auszeichnete, wie seine mit vollstcr Aufrichtigkeit gepaarte 
Liebenswtirdigkeit, die alien unvergeBlich ist, die ihn personlich gekannt haben. 
War es ein stilles Leben ohne grofie Ereignisse, so doch nicht Mufie, sondern 
ununterbrochenes Schaffen. Seine Produktivitat ist erstaunlich, zumal wenn 

Biogr. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog. 13. Bd. It i 



210 Pfleidercr. 

man beriicksichtigt, daC jcde neue Auflage eines Werkes bei Pfl. ein neues Werk 
bedeutet (die 4. Auflage der Religionsphilosophie war zur Halfte geschrieben, 
als der Tod ihm die Feder aus der Hand nahm). Charakteristisch fiir sein ganzes 
Schaffen ist einerseits die Vielseitigkeit der Interessen, die Weite des Blicks, 
dem nichts Menschliches fremd war, der das gesamte Gebiet menschlichen 
Geisteslebens zu umspannen suchte, — anderseits seine Neigung und Fahigkeit 
der Zusammenschau, das Interesse an den groGen Zusammenhangen, die Richtung 
auf das Gemeinsame in der bunten Vielheit der Erscheinungen. In seiner wissen- 
schaftlichen Arbeit ist er nichts weniger als Spezialist. Seine akademische 
Lehrtatigkeit umfaCte die systematischen Disziplinen (Religionsphilosophie, 
Dogmatik, Ethik) neben historischen (namentlich Exegese, Geschichte Jesu 
und des Urchristentums, allgemeine Religionsgeschichte) und praktischen 
(besonders Katechetik). Er war Philosoph nicht weniger als Theologe, ein 
grundlicher Kenner unserer klassischen Literatur, in der Kenntnis der aus- 
landischen besonders der englischen und amerikanischen Theologie von wenigen 
oder keinem seiner deutschen Fachgenossen ubertroffen. Dabei nahm er in 
vollstem Mafle teil am Leben der Gegenwart, nicht nur an den geistigen Stro- 
mungen und Bestrebungen, sondern auch an der politischen Bewegung, und sein 
energisches Eintreten fur die Einigung des politischen Liberalismus mit Ein- 
schlufl der auflersten Linken liefi erkennen, dafi in der Stille seiner Studierstube 
auch der Larm des Tages Gehor fand. Auch an dem Gemeindeleben seines 
Wohnortes Grofl-Lichterfelde nahm er tatigen Anteil, war in mancherlei Ver- 
einen ein willkommener Redner und wurde selbst in sozialistischen Volksver- 
sammlungen mit Achtung angehort. Pfl. war einer der ersten theologischen 
Gelehrten, die eine Popularisierung der Wissenschaft als eine des Gelehrten 
wurdige Aufgabe ansehen, und er war ganz besonders zu solcher Arbeit befahigt 
durch seine Meisterschaft in der Behandlung des gesprochenen wie des geschrie- 
benen Wortes. Seine Kunst war freilich nicht das Raffinement des modernen 
impressionistischen Stils, sondern die kraftvolle Klarheit, der natiirliche FluB 
der Rede und die Warme, die aus der eignen Begeisterung fiir den Gegenstand 
erzeugt, seinem Wort den Glanz gab. So war er ein idealer Dozent, kein glan- 
zender Rhetor, sondern schlicht und nie um den Effekt bekiimmert, aber oft, 
wenn der Gegenstand auf eine Hohe fuhrte, von hinreifiender Gewalt, und in 
seinem Kolleg war manchmal eineWeihestimmung, die um so starker empfunden 
wurde, je weniger sein Vortrag mit »erbaulichem« Ton im ublichen Sinne etwas 
gemein hatte. Pfl.s Auditorium war in der 2. Halfte seiner Tatigkeit nicht be- 
sonders gefullt, denn in weiten Kreisen konservativer und vermittelnder Rich- 
tung war Pfl. »unmoglich«, ihn zu horen gait vielen als seelengefahrdend, andern 
wegen seiner ablehnenden Stellung zur Ritschlschen Schule als uberflussig. 
Schwaben, Schweizer und Auslander stellten oft fast die Halfte seiner Horer. 
Von denen aber, die ihn gehort haben, vcrdankt mancher ihm das Beste von 
dem, was die akademischen Semester ihm an wissenschaftlicher und nicht 
zum wenigsten auch an religioser Klarheit gebracht haben. 

Die lange Reihe seiner gelehrten Publikationen eroffnete Pfl. mit seinem 
Buch: »Die Religion, ihr Wesen und ihre Geschichte« (1869). Gleich in diesem 
Buch, ja schon in diesem Titel kommt die Eigenart seiner wissenschaftlichen 
Arbeit zum Ausdruck. Nicht eine Monographic, die gelehrte Untersuchung 
einer Spezialfrage steht am Anfang, sondern ein weit ausgreifendes und zu- 



Pfleiderer. 211 

sammenfassendes Werk. Das ist fur ihn allezeit charakteristisch geblieben; 
sowenig er die Kleinarbeit unterschatzte, so griindlich er selbst die Einzelfragen 
immer aufs neue durcharbeitete (die grofie Zahl seiner Rezensionen geben davon 
ebenso Zeugnis, wie der Vergleich zweier Auflagen seiner Werke), so gait doch 
sein Interesse den grofien Stoffen, der Zusammenfassung einer bunten Vielheit 
zur Einheit, letztlich dem Phanomen der Religion uberhaupt. Zugleich zeigt 
sich aber auch in jener Titelformulierung des ersten Buches die uberall bei ihm 
hervortretende Doppelrichtung seines Interesses: Wesen und Geschichte, 
Idee und Erscheinung. Er ist Historiker und Systematiker und beides in gegen- 
seitiger Durchdringung. Darin liegt seine Starke, freilich auch die eigentiim- 
liche Beschrankung seines Vermogens. Der Blick auf die geschichtliche Wirk- 
lichkeit und die Mannigfaltigkeit konkreten Lebens bewahrte seine von Hegel 
ausgehende philosophische Spekulation vor dem Operieren mit abstrakten 
Begriffen und der Hegelschen Uberspannung des blofi deduktiven Verfahrens. 
Der Einflufi Hegelscher Schulung des Denkens tritt bei Pfl. deutlich genug 
hervor, und er hat im Gegensatz zu der allgemeinen volligen Abwendung von 
Hegel den groBen Wert dieses letzten genialen Versuchs, die Erkenntnis der 
Wirklichkeit aus dem Denken selbst abzuleiten, nachdrticklich behauptet. 
Aber neben Hegel schatzte er Herders historischen Sinn, und seine eigne Speku- 
lation verlor nicht den Boden konkreter Wirklichkeit. So hat er als einer der 
ersten die Religionsphilosophie auf »geschichtlicher Grundlage* aufgebaut, 
nicht auf einige allgemeine Reflexionen uber die verschiedenen Erscheinungs- 
moglichkeiten der Religion, sondern auf ein grundliches und umfassendes 
Studium der vergleichenden Religionsgeschichte. Er hat damit die Religions- 
vergleichung, langst ehe sie vom Studium der Bibel aus und in Anlehnung an 
philologische Arbeit modern wurde, in die Theologie eingefuhrt, und obwohl er 
auf dem Gebiet der auflerchristlichen Religionen nur Arbeiter zweiter Hand 
war, hat er durch seine in Deutschland kaum iibertroffene Beherrschung der 
einschlagigen Literatur der Religionswissenschaft unschatzbare Dienste ge- 
leistet. 

Wie dem Systematiker die Kenntnis der Geschichte, so kam dem Historiker 
Pfl. seine systematische Schulung zustatten und befahigte ihn, nicht nur Ge- 
schichte zu beschreiben, sondern auch im Werden das Wesen zu erfassen. Die 
historische Wirklichkeit ist ihm uberall nur Erscheinung, nicht Wesen, alle 
Geschichte immer die Entwicklung einer iiberempirischen Wirklichkeit. Und 
diese Entwicklung in der Fulle der Einzeltatsachen zu erkennen, die Idee in 
ihren wechselnden Formen zu erfassen, hiefi ihm Geschichte verstehen. Auch in 
dieser Auffassung ging er in den Bahnen Hegels, ohne doch dessen Vergewalti- 
gungen der Tatsachen nach vorgefafiten logischen Schematen mitzumachen. 

Der Entwicklungsgedanke ist fiir die ganze Geschichtsauffassung Pfl.s 
von beherrschender Bedeutung, er denkt uberall in ihrem Rahmen, und die 
Richtung seiner Arbeit, auch seiner neutestamentlichen Forschung wird durch 
ihn bestimmt. So hat er in seinem »Paulinismus« (1873, 1890) versucht, die 
verschiedenen Wurzeln der paulinischen Theologie aufzuzeigen und diese erste 
christliche Theologie als ein Entwicklungsprodukt aus der Vereinigung des 
Evangeliums Jesu mit jiidischem und griechischem Ideengut im Denken des 
Christ gewordenen hellenistischen Rabbiners verstandlich zu machen und auch 
ihre vielfachen Widerspriiche und Risse von da aus zu begreifen. Dieselbe 

i4* 



212 Pfleiderer. 

Methode hat er dann auf die Gesamterscheinung des »Urchristentums« (1887, 
1902) angewandt und es als die hohere Synthese von Griechentum und Juden- 
tum dargestellt. Ihm ist das Christentum des neuen Testaments keine isolierte 
Insel in der Religionsgeschichte, sondern das »notwendige Entwicklungsprodukt 
des religiosen Geistes unserer Gattung, auf dessen Bildung die ganze Geschichte 
der alten Welt hinstrebte, in dessen Ausgestaltung alle geistigen Ertragnisse 
des Orients und Okzidents ihre Verwertung und zugleich Veredlung und Har- 
monisierung gefunden haben«. In steigendem Mafle hat Pfl. sich bemliht, 
die Verbindungslinien zwischen den Anfangen des Christentums und der Welt 
der antiken Religionen, mit Einschlufi selbst der indischen, aufzuzeigen (vgl. 
das Christentum des urchristlichen Glaubens 1903, Vorbereitung des Christen- 
tums in der griechischen Philosophic 1904, Entstehung des Christentums 1905). 
Ihm hatte dieser Nachweis auch ein direkt rcligioses Interesse, denn ihm schien 
die Wirksamkeit des Christentums in der Gegenwart durch nichts so sehr ge- 
fahrdet, als durch den »engen und armseligen Offenbarungsbegriff«, der wahre 
Offenbarung Gottes nur im Christentum und gar nur in seinen Anfangen, aner- 
kennen will. Die Wahrheitsgewiflheit der eignen Religion war ihm unabtrennbar 
von der Oberzeugung, dafi Religion Menschheitssache ist, und nur unter der 
Voraussetzung, dafi Gott in alien Religionen nicht nur gesucht, sondern auch 
gefunden wird, hat ihm die Behauptung gottlicher Offenbarung im Christentum 
einen verntinftigen Sinn. 

Wie Pfl. die Entstehung des Christentums als Entwicklungsergebnis auf- 
faflt, so beantwortet er auch die Frage nach dem Wesen des Christentums unter 
Zuhiilfenahme des Entwicklungsgedankens. Nicht an irgendeinem Punkt in 
der Geschichte, auch nicht am Anfang, nicht in einer Person, weder in Paulus 
noch in Jesus, ist das Christentum in vollkommener Gestalt vorhanden, sein 
Wesen identisch mit der Erscheinung; das Wesen des Christentums ist vielmehr 
iiberempirisch, ein Prinzip, das sich im ganzen Lauf der christlichen Geschichte 
entfaltet und verwirklicht. Mit seinem Tiibinger Lehrer Chr. F. Baur findet 
er dies Prinzip in der »Christusidee«, in der Idee der Gottmenschheit als der 
Gotteskindschaft des Menschen. Es ist ihm in der Person Jesu zwar erstmalig 
keimartig verwirklicht, aber noch vielfach gebunden, und erst allmahlich wirkt 
es sich aus als gestaltende Kraft in der Menschheit. Und diese Entwicklung 
vollzieht sich schrittweise mit Notwendigkeit. Weder die Religion des aposto- 
lischen noch des nachapostolischen Zeitalters, noch die romische Kirche des 
Mittelalters ist einfach ein »Abfall« oder Irrweg, vielmehr sind sie nur jeweils 
notwendigeDurchgangsstadien, die darum positiv, nicht negativ zu wertensind. 
Denn jedes Stadium der Entwicklung ist nach eignem Mafistab zu messen 
und hat seinen Wert, sofern es nur die im Rahmen und nach den Verhaltnissen 
der bestimmten Zeit verstandliche, wenn auch noch so unvollkommene Aus- 
gestaltung des christlichen Prinzips ist. Die eigne gegenwartige Auffassung 
zum Standort der Beurteilung zu machen, erscheint Pfl. darum ebenso unmog- 
lich, wie der Versuch, cine bestimmte Erscheinungsform des Christentums 
zum kritischen Wertmesser fur den gesamten Entwicklungsverlauf zu machen. 

Von diesem, in schroffem Gegensatz zu Ritschl und spater zu Harnack 
betonten Evolutionismus aus fand Pfl. die eminente Fahigkeit und Willigkeit, 
in alien, auch den seinem eignen Christentum fremdesten Bildungen Wahrheits- 
momente zu erkennen, und daher stammt nicht nur seine weitgehende Toleranz, 



Pflcidcrer. 213 

sondern auch sein »konservativer« Zug, der bei einem Theologen von so aus- 
gesprochen kritischer, in wisscnschaftlichen Fragen oft radikaler Haltung auf- 
fallend erschien. Dieser Zug tritt in seinem »Grundrifl der Glaubens- und 
Sittenlehre« deutlich hervor. Soweit er sich in seiner Denkweise von den alten 
Formulierungen der Kirchenlehre entfernt, will er doch nirgend ein einfaches 
Abbrechen und Neubauen, sondern eine ruhige Weiterbildung der in den alten 
Formulierungen enthaltenen Wahrheitsmomente in der Auseinandersetzung mit 
moderner Erkenntnis. Ging er dem jungen Geschlecht in der Schonung der 
alten Ruinen vielfach zu weit, so hatte er selbst fur das radikale Neubauenwollen 
der jungen Sturmer und Dranger ein mild uberlegenes Lacheln. Er war iiber- 
zeugt, dafl auch sie unter dem Zwang des Entwicklungsgesetzes standen, dem sie 
vergeblich widerstrebten. 

Der philosophische Standpunkt Pfl.s gibt seiner Geschichtsdarstellung 
etwas Grofiziigiges, doch begrundet er zugleich die eigentiimliche Schwache 
seiner historischen Arbeit. Sein Interesse haftet uberall vorwiegend an den 
Ideen, Lehren und Systemen, und die Personlichkeiten treten dahinter zuruck, 
sie verschwinden zwar nicht wie bei den Soziologen hinter der Masse, sondern 
werden als wichtige Faktoren gewiirdigt, aber ihre Personlichkeit verschwindet 
hinter ihren Gedanken und Lehren. Es ist nicht zufallig, dafl Pfl.s Untersuchung 
der christlichen Geschichte mit Paulus und nicht mit Jesus eingesetzt hat. 
Der grofle Theologe des Urchristentums zog ihn starker an als Jesus mit seiner 
ganzlich untheologischen, unsystematischen Volkspredigt. Charakteristisch 
ist es auch, dafl es ihm um den »Paulinismus« nicht um Paulus in erster Linie 
zu tun war, so sehr, dafl er in seinem griindlichen und in mancher Beziehung 
bahnbrechenden Buche tiber den Paulinimus eine ausfuhrliche Charakteristik des 
Menschen Paulus, seiner eigenartigen Personlichkeit und seines lebendigen 
Wirkens gar nicht eimal versucht hat. Dieselbe Eigenart kehrt in dem groflen 
Werk »Das Urchristentum, seine Lehren und Schriften« wieder. Der Titel 
verrat hier schon die intellektualistische Bestimmtheit seines Interesses: 
Schriften und Lehren nicht Leben will er beschreiben. Und eben diese Grund- 
richtung laflt seine historischen Arbeiten vielfach unmodern erscheinen. Denn 
die starke Betonung des Personlichen gegenliber dem Prinzipiellen, des Kon- 
kreten gegehiiber dem Allgemeinen, das Interesse am bunten krausen Leben 
gegenuber Gedanken und Systemen ist eine besondere Eigentumlichkeit mo- 
derner Denkweise. In der Unterschatzung des personlichen Faktors in der Ge- 
schichte ist es auch begrundet, dafl Pfl. das starke »Wahrheitsmoment« der 
Ritschlschen Theologie nicht zu wurdigen vermochte, wahrend er sonst uberall 
geneigt war, Wahrheitsmomente anzuerkennen. Er sah es nicht. Er sah dort 
nur die ihm tief unsympathische Verachtung der Philosophic, die willkiirliche 
Absonderung des Christentums von der allgemeinen Religionsgeschichte, die 
Verengung des Offenbarungsbegriffes; aber was in dieser Theologie, deren 
wissenschaftliche Schwachen ja deutlich genug waren, der eigentliche Nerv 
und zugleich das dauernd Wertvolle war, die Erkenntnis der Macht des indivi- 
duellen, schlechthin inkommensurablen Lebens in der Religion und ihrer Ge- 
schichte, diese Erkenntnis vermochte er nicht zu schatzen. Und eben an diesem 
Punkte ist seine eigne Geschichtsauffassung am meisten angreifbar. Die Trag- 
fahigkeit des Entwicklungsgedankens hat Pfl. fraglos stark iiberspannt. Gewifl 
gibt es im Geschichtsverlauf nichts Unbedingtes, jede Erscheinung ist bedingt 



214 



Pfleiderer. 



und bedingend zugleich. Aber weder stellt sich diese Verkettung als ein auch 
nur vorwiegend gradliniger Aufstieg und Fortschritt dar, noch ist der Verlauf 
iiberall und im ganzen Entwicklung im eigentlichen Sinne, d. h. Entfaltung des 
im Keim Vorhandenen und Angelegten. Vielmehr wachst allenthalben auch 
Fremdes zu und Wurzelechtes stirbt ab. Und sofern alle Geschichte Geschichte 
von Personen ist, ist ihr Gang ein Gewebe von Notwendigkeit und Freiheit und 
als solches immer zu einem Teil irrational. 

Pfl.s Evolutionismus wurzelt in seinem philosophischen Rationaiismus, 
d. h. in seinem Glauben an die Vernunftigkeit des Wirklichen und die Erreich- 
barkeit des Wirklichen durch die menschliche Vernunft. Im direkten Gegen- 
satz zu den Neukantianern kniipft er nicht an den Skeptizismus Kants, sondern 
an dessen Rationaiismus an. Die Behauptung der volligen Unerkennbarkeit 
der Dinge an sich ist ihm die Aufhebung aller Erkenntnis uberhaupt und fiihrt 
zum konsequenten Agnostizismus d. h. beziiglich der Religion konsequenterweise 
zum Illusionismus (F. M. Lange, Feuerbach), Wenn in der Ritschlschen Schule 
die Religion gegriindet wurde auf das nicht weiter kontrollierbare unmittelbar 
gegebene Bewufltsein um den Wert der eignen Personiichkeit, die zu ihrer Selbst- 
behauptung in dem auf ihre Zwecke nicht angelegten Naturmechanismus, 
der Gottesidee bedarf, die darum selbst »Werturteil« ist, so liegt Pfl. in diesem 
Subjektivismus keineswegs die erstrebte Wahrung der Selbstandigkeit der 
Religion, sondern ihre Gefahrdung, indem so nur durch die Inkonsequenz 
des Denkens der Illusionsstandpunkt Feuerbachs vermieden werde. Pfl.s ganzes 
Denken ist durch einen starken »monistischen« Trieb charakterisiert. Ein 
schlechthin unauflosbarer Dualismus von Natur und Geist, Welt und Ich, 
Kausalitat und Freiheit ist ihm ebenso unertraglich wie eine unuberbriickbare 
Scheidung von Erkennen und Glauben, Philosophic und Theologie. Hinter 
allem scheinbaren Gegensatz sucht er die hohere Einheit. Erkenntnis ist nur 
moglich, wenn die Wirklichkeit auf Gedachtvverden angelegt ist, d. h. selbst 
gedacht ist, Subjekt und Objekt miissen einen gemeinsamen uberempirischen 
Grund haben. Die Gottesidee garantiert so die Moglichkeit der Erkenntnis 
uberhaupt, und Naturerkenntnis ist zugleich Gotteserkenntnis. Aber auch 
Sittlichkeit setzt die Gottesidee voraus, der Endzweck des uberindividuellen 
menschlichen Wcllens — das Gute — mufl als der Endzweck der darauf ange- 
legten Natur gelten. Der Grund der sittlichen Verpflichtung des Einzelnen 
kann weder im Subjekt selbst noch in der menschlichen Gesellschaft gefunden 
werden, sondern nur in der beide verbindenden transzendenten Macht. 

Der intellektualistische Charakter der Gottesauffassung Pfl.s ist unverkenn- 
bar, wird aber durch die Gesamtauffassung vom Wesen der Religion einiger- 
maflen korrigiert. Religion ist ihm zwar nicht bloB Sache des Gefuhls, aber 
ebensowenig des Verstandes. Er definiert sie vielmehr als Bestimmtheit des 
Willens durch religiose Vorstellungen, die dem Menschen als frommes Gefuhl 
zum Bewufltsein kommt. So behalt ihm auch die Mystik, die unmittelbare 
fromme Gemutserfahrung, in aller Religion ihr Recht, und seine eigne 
Frommigkeit war nicht ohne einen starken mystischen Einschlag. Freilich 
war er verbunden mit einer energischen Betonung der in allem religiosen 
Gefuhl immer mitgesetzten sittlichen Verpflichtung, deren praktische Erfullung 
im sittlichen Handeln in der Welt ihm der Gottesdienst im eigentlichen 
Sinne ist. 



Pfleiderer. Siebold. 



215 



Wurzelnd in der geistigen Welt des deutschen Idealismus, wesentlich be- 
stimmt durch Kant, Herder und Hegel hat Pfl. die Metaphysik und ihr Recht 
in der Theologie vertreten und verteidigt in einer metaphysikmuden Zeit, un- 
beirrt durch zeitweilige Isolierung. Und es mehren sich heute die Anzeichen, 
dafl man sich innerhalb der protestantischen Theologie der von ihm vertretenen 
Position wieder zuwendet. Das auf die Spitze getriebene Mifltrauen gegen die 
Vernunft weicht wieder einem Glauben an die notwendige Einheit des logischen 
mit dem religiosen Trieb, und sowenig man die Originalitat der religiosen Per- 
sonlichkeit und ihre Bedeutung fur die Vermittlung religiosen Lebens unter- 
schatzt, sucht man doch wieder Recht und Wahrheit des religiosen Glaubens 
in der denkenden Betrachtung der Wirklichkeit und die Besinnung auf die 
Grundtatsachen unseres geistigen Wesens zu erfassen und zu rechtfertigen. 
Und es kann nicht ausbleiben, dafi auf diesem Wege auch die Bedeutung der 
unpersonlichen Idee fur die erlebte Religion neben der Geltung der geschicht- 
lichen Personlichkeit wieder starkere Betonung findet. 

Wcrke: Die Religion, ihr Wesen u. i. Gesch. (i868) f Moral und Religion (1872), Pauli- 
nismus (1873, 2 - Aufl. 1890), Religionsphilosophie auf geschichtl. Grundlage (1878, 2. Aufl. 
1884), Grundrifi der Glaubens- und Sittenlehre (1880, 6. Aufl. 1898), The influence of the 
apostle Paul on the developement of Christianity (1885), Das Urchristentum (1887, 2. Aufl. 
1902), Kritik der Ritschlschen Theologie (1891), Geschichte der Religionsphilosophie (1893), 
Philosophy and developement of religion (Giffod lectures 1894), Religionsphilosophie 3. Aufl. 
(1896), Die Entwicklung der prot. Theologie seit Kant (1902), Das Christusbild des urchristlichen 
Glaubens (1903), Die Vorbereitung des Christentums in der griech. Philosophic (1904), Die 
Entstehung des Christentums (1905, 2. Aufl. 1907), Religion und Religionen (1906), Die Ent- 
wicklung des Christentums (1907), Reden und Aufsatze (gesammelt und herausgegeben von 
Else Zurhellen-Pfleiderer, 1. Bd. 1909, 2. Bd. voraussichtl. 191 1). — Aufierdem zahlreiche 
Aufsatze und Studien in den Jahrbuchern f. prot. Theologie, Zt. f. wss. Theol., Protest. Monats- 
hefte, Protestantenblatt, Prot. Kirchenzeitung, Zt. f. Missionskunde und Religionswissenschaft, 
Preufi. Jahrbucher, Deutsche Rundschau, Deutschland u. a. — Bestes Bildnis von der Photo- 
graphischen Gesellschaft in Berlin, Photogravure. 

Frankfurt a. M. Lie. Otto Zurhellen. 

Siebold, Heinrlch, PhMipp, Freiherr von, k. k. osterr. Legationssekretar, 
*2l. Julii852 zu St. Martin bei Boppard a. Rh., f H- August 1908 zu SchloB 
Freudenstein (Tirol). — S. wurde als zweiter Sohn des Japanforschers und 
Obersten im niederlandisch-indischen Generalstabe JonkheerPhilipp Franz von 
Siebold geboren. Er entstammte einer alten Gelehrtenfamilie. Seine Jugend 
verbrachte S. in Bonn, dann in Holland auf der Besitzung seines Vaters, Nippon 
bei Leyderdorp, und schlieGlich in Wurzburg. Dort begann er das Studium der 
japanischen Sprache bei dem Sekretar seines Bruders Alexander, Hongma, 
der spater diplomatischer Vertreter Japans in Wien wurde. Die wertvollen 
Sammlungen, die Philipp Franz von Siebold von seiner ersten und zweiten Reise 
nach Japan mitgebracht hatte, erweckten in Heinrich v. S. fruhzeitig Interesse 
und Verstandnis fur ostasiatische Kultur. Nach dem Tode seines Vaters im 
Jahre 1866 reifte in S. der EntschluC, gleich seinem alteren Bruder Alexander, 
der in Tokio als Dolmetscher der japanischen Sprache bei der englischen Ge- 
sandtschaft angestellt war, Tatigkeit im fernen Osten zu suchen. Er reiste auf 
Veranlassung seines Bruders im Jahre 1869 in Begleitung von Hongma nach 
Japan, wo er sich von 1870 an der osterreichischen Mission ehrenamtlich als 



2l6 Siebold. 

Dolmetscher zur Verfiigung stellte. 1872 wurde er provisorischer Dolmetsch- 
eleve und 1874 Honorar-Dolmetsch-Attachee bei der osterreichischen Mission 
in Tokio. 

Er reiste viel in Japan und begann Land und Leute zu studieren. Besonders 
die alteste Kultur des Inselreiches iibte einen grofien Reiz auf ihn aus. So 
widmete er sich eingehenden Untersuchungen iiber die Aino, den altesten Volks- 
rest auf der Insel Yesso. Ausgrabungen an alten Graberstatten brachten wert- 
volle Funde und interessante Belege fur die fruhe Entwicklung der japanischen 
Kultur zutage, woriiber er eine illustrierte Monographic in englischer Sprache 
in Japan veroffentlicht hat: »Notes in Japanese Archaeology.* Auflerdem schrieb 
er in japanischer Sprache ein »Handbuch iiber die Grundzuge der Anthropologic, 
besonders mit Hinweis auf prahistorische Funde«. Er war tatiges Mitglied der 
Deutschen Gesellschaft fur Natur- und Volkerkunde Ostasiens in Tokio sowie 
eines japanischen Vereins fur Archaologie. In den Mitteilungen der ersteren 
Gesellschaft schrieb er »t)ber die Tsuchi Ningio*, das sind aus Ton hergestellte 
Figuren aus alten Graberstatten und iiber »Harakiri<L 1880 wurde S. Honorar- 
Legationssekretar, verblieb aber auf dem fernen Posten im Osten, wo er sich 
als Sohn des beriihmten Siebold der grofiten Beliebtheit bei vornehmen Japanern 
erfreute. Prachtvolle Geschenke des Kaisers von Japan bezeugen, dafi er aucli 
bei Hofe gern gesehen war. Sein Verstandnis fiir die Eigenarten der Japaner 
verschaffte ihm uberall leicht Eingang. S. bewohnte ein idillisch gelegenes 
Landhaus in Meguro. Die standige Beriihrung mit dem Volke im Innern Japans 
ermoglichte es ihm, wertvolle Stiicke von Kultusgegenstanden, Kunstarbeiten, 
Waffen und Gemalden zu sammeln. Seine erste Sammlung schenkte er im 
Jahrei889 dem osterreichischen Staate. Sie ist im K. K. Naturhistorischen 
Hof museum in Wien — leider nur teilweise — aufgestellt; der Platz mangelt, 
um alle Stiicke dem Besucher vor Augen zu halten. Am 11. April 1889 wurde 
S. in den osterreichischen Freiherrnstand erhoben. 1893 begleitete er S. k. k. 
Hoheit den Erzherzog Franz Ferdinand auf dessen ausdrucklichen Wunsch 
bei seiner Reise in das Innere Japans; auch in spateren Jahren durfte .S. 
sich des besonderen Wohlwollens S. k. k. Hoheit erfreuen. 1893 wurde S. die 
Leitung des Konsulats in Yokohama ubertragen. Es ist stets ein besonderes 
Streben S.s gewesen, die Handelsbeziehungen zwischen Japan und der dster- 
reichisch-ungarischen Monarchic zu verbessern. Seine Vorliebe fiir die pn- 
mitiven Kulturen veranlaOte ihn u. a., der Pferdezucht Japans sich besonders 
anzunehmen. Er kaufte in Ungarn kraftige Pferde und versandte sie von 
Fiume nach dem Osten, wo ihr Einflufi zur Besserung des einheimischen 
Materials beitragen sollte. Noch kurz vor seinem Tode beschaftigte ihn 
besonders der Gedanke, Osterreich-Ungarn zu einer Beteiligung an der fiir 
19 10 geplanten grofien Weltausstellung in Tokio zu veranlassen. 

Bald nach Ubernahme des Konsulats in Yokohama wurde S. zum Ver- 
treter des Generalkonsuls in Shanghai berufen. Dort fand er Gelegenheit, sich 
ebenso in die Eigenart des chinesischen Volkes zu vertiefen, wie er bisher A\c 
Japaner studiert hatte, und mit hochgestellten Chinesen, namentlich mit dem 
verstorbenen Liungtschang, dem Bismarck Chinas, sich anzufreunden. 

Ein Magenleiden veranlaOte S., aus dem fernen Osten in die europaische 
Heimat zuruckzukehren. Bei einer seiner letzten Ruckreisen von Japan, die 
iiber Kanada erfolgte, hielt sich S. mehrere Tage in Hawai auf, wo damals noch 



Siebold. 



217 



Konig Kalakaua herrschte. S. wurde von diesem letzten Konige des Insel- 
reiches in Audienz empfangen, dann bereiste er einige Tage die Inseln. 

Nach seiner Riickkehr nach Europa wurden S. verschiedene Konsular- 
posten von der Kaiserlichen Regierung angeboten, er lehnte sie jedoch ab. 
Schliefllich wurde er zum osterreichisch-ungarischen Konsul in Singapore 
ernannt, dem die diplomatische Vertretung in Siam obliegt. Diese Ernennung 
wurde von der britischen Regierung anerkannt. Aus Gesundheitsrucksichten 
trat er diesen Posten jedoch nicht an. Er wurde im Jahre 1899 unter Ver- 
leihung der eisernen Krone 3. Klasse in den zeitlichen Ruhestand versetzt. 

Er vermahlte sich mit Mrs. Wallace Carpenter geborenen Wilson und lebte 
mit ihr zumeist auf seinem alten Schlosse Freudenstein in Siidtirol, welches 
ihn durch seine landschaftlichen Schonheiten und die merkwurdige Oberein- 
stimmungmit Japan in bezug auf seine klimatischen Verhaltnissebesondersanzog. 

Hier machte sich S. an die Verarbeitung seiner im Osten gesammelten Be- 
obachtungen und Erfahrungen. Er stellte seine zweite grofle ethnographische 
Sammlung, die 1897 schon einmal in Wlirzburg ausgestellt war, in den Raumen 
des schonen Schlosses auf und arbeitete an der Fertigstellung seiner archao- 
logischen Werke. 

Oft wurde S. von Industriellen und Mannern der Wissensehaft um seinen 
Rat gefragt, wenn es sich um ostasiatische Fragen handelte. Der chinesische 
Gesandte in Wien und spater in Italien, Yangtscheng, der S. von seinem Auf- 
enthalte in China her schatzen gelernt hatte, verlangte seinen Rat und seine 
Ansichten bei vielen Gelegenheiten zu horen; er hatte ihn wahrend seiner Amts- 
dauer in Wien als standigen Ratgeber fur politische und diplomatische An- 
gelegenheiten herangezogen. wobei S., wenn es auch in die Offentlichkeit nicht 
gedrungen ist, unzweifelhaft einen grofien Einflufi auf die damals sich ent- 
wickelnden Reformbestrebungen in China ausubte. Seine Berichte, welche 
nach Peking gesandt wurden, umfafiten fast alle Gebiete der Politik und der 
Volkswirtschaf t. Es war S.s Oberzeugung, dafi China unbedingt sich aus eigener 
Kraft auf die gleiche Reformhohe wie Japan schwingen werde und die Japaner 
noch zu uberflugeln imstande sei. Nach seiner Ansicht besaCen die Chinesen 
dasjenige, was den Japanern meistens abgesprochen wird, namlich die Er- 
findungsgabe, welche die westlichen Rassen gewohnlich fiir sich allein bean- 
spruchen. Die Japaner solien angeblich nur gelehrige Imitatoren der euro- 
paischen Kultur sein. 

S. spricht aus langer Erfahrung, wenn er das Urteil der Ostasiaten iiber 
Menschen als vielfach, meistens sogar sehr richtig bezeichnet; besonders den 
Frauen spricht er diese Eigenschaft in hohem Mafle zu. Jedenfalls lafit sich 
ein Chinese durch den auflerlichen Eindruck nicht iiber den Wert eines Menschen 
Jiinwegtauschen. Der Chinese pnift viel genauer, und wenn er Mifiachtung 
oder Mifitrauen hegt, dann ist es daraus entstanden, daC viele unserer Lands - 
leute die Prufung auf ihren inneren Gehalt und Wert vor dem Chinesen nicht 
bestanden haben. 

In gerechter Wlirdigung der Verdienste S.s um China wurde ihm das Grofi- 
kreuz des Ordens vom doppelten Drachen verliehen. 

Nachdem im Jahre 1907 eine Verschlimmerung in dem Magenleiden S.s 
eingetreten war, konnten die operativen Eingriffe des Professors Dr. von Eisels- 
berg nur auf Monate Linderung schaffen. 



2l8 Siebold. Siedel. 

Am II. August 1908 verschied Heinrich Freiherr v. S. auf Freudenstein 
mitten in reger Arbeit, zu fruh, um seinen Studien und Arbeiten einen volligen 
Abschlufi zu sichern. Seine Gattin iiberlebte ihn nur um wenige Monate. Beide 
ruhen auf dem evangelischen Friedhofe in Meran, von wo der Blick auf die 
Tiroler Berge und Burgen liber Etsch streift, dahin, wo S. nachst seinem Ost- 
asien am liebsten weilte. 

Werke: Notes in Japanese Archaeology, Tokio. — Ethnologische Studien iibcr die Aino 
auf der Insel Yesso. Berlin 1881. Mi 1 6 lithograph. Tafeln. — Etwas iiber die Tsutc hi Ningio. 
Tokio 1875. — Das Harakiri. Tokio 1876. — In japanischer Sprache: Handbuch der Grund- 
ziige der Anthropologic Tokio. — Philipp Franz von Siebold, der Erforscher Japans, sein 
Leben und seine Werke nach der japanischen Denkschrift des Dr. S. Kure. Leipzig 1909. — 

AuBerdem beteiligte sich S. an der Neuausgabe des in der 1. Auflage unvollendet ge- 
bliebenen grofien Werkes seines Vaters: Nippon, Archiv zur Beschreibung von Japan, von 
Philipp Franz von Siebold. 2. Aufl. Herausg. von seinen Sohnen Alexander und Heinrich 
Freiherrn von Siebold. Wiirzburg 1897. 

Quellen: Familienpapiere. Neue Freie Presse, Wien, August 1908. Bozener Nachrichten 
Nr. 185 von 1908. Jahrbuch des k. k. auswartigen Dienstes, Wien. 

Alexander Graf von Brandenstein-Zeppelin. 

Siedel, Ernst Karl Gottlob, Kirchenrat, Dr. phil. y Pfarrer, * 27. Februar 
1820 in Mahlitzsch bei Dobeln, f 17. Februar 1908 in Dresden. — S. war der 
Sohn eines Forsters, der nachmals herrschaftlicher Forster am Durrenberge 
bei Strehla wurde. Hier verbrachte der Knabe mit sechs Geschwistern in sehr 
einfachen Verhaltnissen eine gluckliche Kindheit. Er besuchte die Dorfschule 
zu Laas. Dann kam er, da ein wohlhabender Verwandter sich seiner annahm, 
nach Dresden in das Langutsche Privatinstitut und am 30. Mai 183 1 auf die 
Kreuzschule. Bei seinem Abgange Ostern 1839 war S. nur im Hebraischen und 
im Lateinischen gut beschlagen. Danach studierte er in Leipzig Theologie. 
Denn unter dem Einflusse seiner frommen Mutter, und da vaterlicherseits sein 
Groflvater und sein Urgrofivater Geistliche gewesen, hatte er von jeher den 
Wunsch gehegt, Pastor zu werden. Indes fand er bei dem damals noch vor- 
herrschenden Rationalismus sein Studium wenig erquicklich. Er klagte bitter 
dartiber, dafl er durch die Irrlehren der Hochschule in den grofiten Unglauben 
versunken sei. Unter diesen Umstanden beschaftigte er sich mit Vorliebe mit 
der Erlernung der italienischen Sprache und trieb eifrig kunstgeschichtliche 
Studien. Einem Kommilitonen zuliebe ging er im Mai 1841 auf ein Jahr nach 
Jena. Hier gefiel ihm das frohliche Studentenleben, und unter den Professoren 
fesselten ihn namentlich Baumgarten-Crusius und I. C. E. Schwarz. Nach 
Leipzig zuruckgekehrt, bestand er Michaelis 1842 das theologische Examen 
»sehr wohl« und blieb zum Zwecke weiterer Studien zunachst noch in Leipzig. 
1843 aber trat er mit seiner Tante eine Reise in die Schweiz an. Wahrend seines 
Aufenthaltes in Genf ging eine bedeutsame Wandlung in seinem Innern vor, 
als er mit den »Momiers« (Muckern) in Beruhrung kam, die sich um das Oratoire 
als eine glaubige Theologenschule sammelten. S. wurde aus einem »Unglaubigen« 
ein eifriger Besucher des Oratoire. Und er sollte langere Zeit bei seinen neuen 
Freunden bleiben. Denn er erhielt die Stelle eines Lehrers der klassischen 
Sprachen an der Knabenerziehungsanstalt Bcllerive des Direktors Sillig in Vevey. 
Doch predigte er auch ofters in Vevey und Lausanne und ubernahm die geist- 
liche Versorgung der kleinen deutschen Gemeinde in Bulle. Den grofiten EinfluO 



Siedel. 



219 



auf ihn iibte der strengglaubige Pfarrer Empaytaz aus, der fruhere Gehilfe der 

Frau von Kriidener. Er wurde, wie S. sagt, im vollen Sinne des Wortes sein 

geistlicher Vater. Die Lektiire aber von Lohes »Drei Biichern von der Kirche« 

lieB S. zuerst die Vorziige der lutherischen Kirche klar erkennen. Seine Tatig- 

keit in Bellerive wurde unterbrochen durch eine langere Reise durch das sudliche 

Frankreich und Norditalien. Den Winter hindurch blieb er bei Empaytaz in 

Genf. Marz 1847 trat S. eine Hauslehrerstelle bei Dr. Severin in Rom an. Hier 

interessierten ihn vor allem die kirchlichen Verhaltnisse; doch beachtete er auch 

das dortige Volksleben und pflegte den Umgang mit Kiinstlern. Der Sommer 

und der Herbst wurde teilweise in Florenz verbracht, wo ein Freundeskreis 

evangelisch gesinnter Manner sich bildete, die fur die Evangelisierung Italiens 

wirkten. 1 848 notigte die Revolution den Dr. Severin, mit S. Rom zu verlassen, 

und dieser begab sich zunachst zu seinen Eltern. Durch den Einflufi des Pastors 

Trautmann in Dresden ware er beinahe Missionar geworden; doch riet ihm Prof. 

HarleB, sein nachmaliger Freund und Lehrer, davon ab. Im Herbste begab er 

sich wieder mit Severin nach Vevey. Hier fand seine Hauslehrertatigkeit ihren 

AbschluO. Er bereitete sich nun in Leipzig, wo er in dem Studentenverein 

^Philadelphia* namentlich durch Franz Frank, Richard Lober und Max Frommel 

wissenschaftliche Anregung fand, auf sein zweites theologisches Examen vor. 

Nachdem er dieses absolviert, wurde er Mitglied des Vereins der Armenfreunde 

und bewarb sich, da er gern in Leipzig bleiben wollte, um die Katechetenstelle 

zu St. Petri. Er erhielt sie und machte das fur dieses Amt geforderte Magister- 

Examen. Auch iibernahm er an der sehr angesehenen Dumasschen Tochter- 

schule den Religionsunterricht. Eine seiner Schiilcrinnen, die Tochter des 

Theologie -Professors Gustav Billroth, wurde spater seine Frau. — 185 1 erhielt 

S. durch den damaligen Kultusminister v. Beust ohne jede Bewerbung die 

crledigte Pfarrstelle zu Tharandt, um hier den Rationalismus und L^nionismus 

zu uberwinden und neues kirchliches Leben zu schaffen. Mit hoher Begeisterung 

begann er seine Tatigkeit als Pfarrer und war anfangs der beliebteste Prediger 

der ganzen Gegend. Aber bald erregte seine Orthodoxie bei Gebildeten und 

Ungebildeten Anstofl, und die Schmahungen gegen ihn nahmen so uberhand, 

daB einmal die K. Kreisdirektion Bericht verlangte und spater sogar eine 

behordliche Untersuchungskommission nach Tharandt geschickt wurde. Be- 

sonders erbitterte die Forderung, an den Teufel zu glauben, die stete Betonung 

der BuGe und Empfehlung der Privatbeichte, die strenge Kirchenzucht hin- 

sichtlich der kirchlichen Ehren bei Trauungen und die Versagung kirchlicher 

Teilnahme bei Selbstmordern jeder Art. Aber trotz aller Anfeindungen blieb 

S. fest. L T nd schlieClich fiigte die Gemeinde sich und hielt wenigstens in der 

Mehrzahl treu zu ihrem Pfarrer. Zu seinen Predigten stromten selbst von 

auswarts Scharen von Zuhorern, und auch die Nebengottesdienste waren recht 

gut besucht. 

Als Luise v. Mangold 1857 ' n Tharandt eine Tochterschule grundete (das 
jetzt in der Lofinitz bei Dresden befindliche »Luisenstift«), iibernahm S. in ihr 
den Religionsunterricht. Und sobald die Fortbildungsschule ins Leben trat, 
wufite er es durchzusetzen, dafl auch in dieser der Religionsunterricht einge- 
fiihrt wurde. Er gab ihn 15 Jahre lang mit besonderem Eifer und veroffent- 
lichte dafiir einen Leitfaden, aus dem spater sein Buch »Der Weg zur ewigen 
Jugend« wurde. Auf S.s vielen weiteren Reisen war besonders reich an Ein- 



220 Siedel. 

driicken der Besuch bei dem Begrunder der Hermannsburger Mission Ludvvig 
Harms und bei dem durch seine Missionsanstalten bekannten Pfarrer Lohe 
in Neuendettelsau sowie die Fahrt nach GroB -Justin in Pommern. Hier kam 
er zuerst mit den Altlutheranern in Bertihrung, mit denen er das ganze iibrige 
Leben hindurch verbunden blieb. Seine Gattin starb 1865 plotzlich nach einer 
sehr gliicklichen Ehe. Zum zweiten Male vcrheiratete er sich 1870 mit der 
Tochter des Niirnberger Kaufmanns Andreas Volck, des Kassierers des Zentral- 
missionsvereins in Bayern, den er 1869, wo er auf dem Niirnberger Missionsfeste 
die Festpredigt hielt, kennen gelernt hatte. Aber schon nach vier Jahren starb 
auch die zweite Frau. 

1 89 1 legte S., durch Krankheit gebeugt, weil ihm das wortliche Memorieren 
seiner Predigten nicht mehr moglich war, mit schwerem Herzen sein Amt nieder 
und zog nach Dresden. Hier traten bald weitere Aufgaben an ihn heran. Von 
1894 an hielt er in der Backerabteilung des Christlichen Vereins junger Manner 
die Bibeistunden, und von. 1896 an leitete er den in diesem Verein von ihm 
gegrundeten Zweigbund vom Bunde des WeiCen Kreuzes. Die Arbeit fur den 
letzteren fiillte nebst der Niederschrift seiner »Lebenserinnerungen« seine letzten 
Jahre reichlich aus. Er veroffentlichte uber den Zweigbund bis 1907 Jahres- 
berichte und gab eine Schrift uber ihn heraus, die aufierordentliche Verbreitung 
fand. Noch in der Todesstunde beschaftigte ihn die Sache des Weiflen Kreuzes. 
1905 erhielt S. im Ruhestande den Titel Kirchenrat. Im Februar 1908 erkrankte 
er an Influenza, die ihn schnell dahinraffte. Die Leiche wurde nach Tharandt 
ubergefiihrt und dort in der Kirche vor der Beisetzung eine erhebende Ge- 
dachtnisfeier veranstaltet. 

S. war ein Mann von festem Charakter und mit einem starken Glauben, 
der freilich allzusehr im Konfessionalismus befangen war. Er sorgte dafiir, daB 
die schroffen Stellen in seinen Schriften auch nach seinem Tode nicht gemildert 
wurden. Seine Personlichkeit notigte selbst seinen Gegnern Achtung ab. Er 
predigte einfach und doch tief, vor allem volkstumlich. S. gehorte zu den 
Begrundern der Chemnitzer Konferenz und des Evangelisch-lutherischen Gottes- 
kastens in Sachsen, ftir den er wie fur die auBere Mission in seiner Gemeinde 
iiberaus eifrig sammelte. Mitglied der Allgemeinen lutherischen Konferenz 
war er von ihrer Grundung an bis 1907. 

Im Druck erschien von ihm aufler Beitragen in Zeitschriften und Predigten: »Leitfaden 
fur den Religionsuntcrricht in der Fortbildungsschule.* Dresden 1893. (4- Aufl. betitelt: 
Christliche Lebensphilosophie fur jQnglinge. Leitfaden ftir den Religionsunterricht in der 
Fortbildungsschule, zugleich fur den Konfirmandenunterricht.« Dresden 1898.); »Dcr Weg 
zur ewigen Jugend. Lebensweisheit fur Jiinglinge.* Dresden 1894 ( I2 - — M- Aufl. Dresden 
1903/04); »Der Weg zur ewigen Schonheit. Lebensweisheit fur Jungfrauen.« Dresden 1895 
(14. — 17. Tausend Dresden 1906); »Der Bund des Weifien Kreuzes. Ein Aufruf an die Manner- 
welt.* Dresden 1896 (100. Tausend Dresden 1907); »Konfirmationsreden.« Leipzig 1905; 
»\Vie einer Jung war und jung blieb. Lebenserinnerungen eines alten Seelsorgers.* Aus seinem 
NachlaC herausg. und erganzt von A. Volck. Dresden 1908. 

Vgl. auBer S. s. »Lebenserinnerungen«: »Sachsisches Kirchen- und SchulblatU Jahrg. 58, 
1908, Nr. 9 Sp. 139 f., Nr. 25 f. Sp. 385 ff. 401 ft. — »Der Pilger aus Sachsen.* Jahrg. 74, 1908, 
Nr. 1 1 — 13 S. 83 f., 9of. T 98 ff. — »Allgemeine evangelisch-lutherische Kirchenzeitung* Jahrg. 41, 
1908, Nr. 14 f. Sp. 322 ff. 342 ff. — »Bausteine* Jahrg. 40, 1908, Nr. 3 S. 33 ff., Nr. 10 S. 156 fl. 
— »Der alte Glaube* Jahrg. 9, 1907/08, Nr. 24 Sp. 561 ff. — »Neues sachsisches Kirchenblatt* 
Jahrg. 15, 1908, Sp.141 A- Reichardt. 



Richter. 221 

Richter, Adolf Maximilian, evangelischer Feldpropst der Armee, 
Allerhochst beauftragt als Marinepropst, Wirklicher Geheimer Rat, Dr. theol., 
* 31. August 1842 in Frankfurt a. 0., f 12. Oktober 1908 in Hirschberg (Schles.). 
Aus einem schlichten Lehrerhause stammt der verewigte Feldpropst der Armee. 
Sein Vater hatte sich aus armlichen Verhaltnissen durch Seminar und Univer- 
sitat zum Prorektor der Hoheren Realschule in Frankfurt a. 0. emporgearbeitet, 
hatte aber dabei friih seine Gesundheit untergraben. Von ihm hat der Sohn die 
zahe Energie und den klaren, logischen, gleich dem Vater stark mathematisch 
veranlagten Geist geerbt, so dafi ihm noch bei seinem Abiturientenexamen 
wegen der hervorragenden mathematischen Arbeit von der erwahlten Theologie 
ab- und zum mathematischen Studium zugeredet wurde. Die etwas tyrannische 
Natur des Vaters — das Korrelat zu seiner Willensstarke — wurde durch die 
weich und liebevoll veranlagte Mutter, eine geborene Thielenberg, in dem 
Sohn Max gemildert, so dafi er zwar eine geborene Herrschernatur blieb, aber 
doch eine unendliche Weichheit und Zartheit der Herzensempfindung behielt, 
die ihn gerade zu den Schwachen, Hilfsbediirftigen, Verlassenen und Traurigen 
sich zu neigen mit heiligem Zwang notigte. 

Harten des Lebens iiberwand er wie die Entbehrungen der eigenen Jugend 
mit einem siegenden und zugleich versohnenden Humor, der nie verletzte, 
so scharf er war, weil er aus innerster Herzensglite stammte. Drastik und 
Derbheit war ihm eigen, aber nie auf der Kanzel, wo er, der Heiligkeit des 
Ortes entsprechend, seine Gedanken in ruhigem Ernst und wuchtiger Tiefe 
der Gemeinde ins Herz und Gewissen schrieb. Scharf, doch nie verletzend im 
Urteil, lieber helfend als versagend, so stand er auch als hoher Vorgesetzter 
immer in brtiderlicher Gesinnung den Amtsgenossen gegenliber und durfte, 
als er am Schlufi seines Amtslebens fast alle der gegenwartigen Militargeist- 
lichen berufen hatte, wissen, dafi auch sie in unbegrenzter Liebe und Ver- 
ehrung an ihm hingen, weil er sachlich Grofies nie zunachst fur sich, sondern 
fur die Sache, der er diente, zu erreichen berufen war. So herrschte er, indem 
er doch alien diente. 

Nach glanzend bestandenem Abiturientenexamen bezog R. die Universitat 
Halle, wo Tholucks gewaltige Personlichkeit, der ihn zu seinem Amanuensis 
machte, und besonders auch Julius Mullers Dogmatik ihn fesselten. Spater 
wurde in Berlin Dorners Theologie fur ihn ausschlaggebend. Er wurde schon 
nach dem ersten theologischen Examen, das er am 13. Dezember 1865 mit 
Auszeichnung bestand, mit der Vertretung des Gefangnispredigers Leonhardt 
in Frankfurt a. O. betraut, der mit der preufiischen Armee im Jahre 1866 ins 
Feld genickt war. Mitten unter dem ausbrechenden Kriegsgetummel hatte 
er seinen Seminarkursus in Neuzelle absolviert. Nachdem er das zweite Examen 
am 10. April 1867 mit derselben Auszeichnung wie das erste bestanden, wurde 
er am 5. Mai 1867 im Dom zu Berlin durch den Generalsuperintendenten 
D. Hoffmann ordiniert und zum Gefangnisprediger in Frankfurt a. 0. ernannt. 
Diese Stelle wurde insofern fur sein ferneres Leben von Bedeutung, als er, 
aus reicher Erfahrung sprechend, als der eigentliche Vater der Natural - 
verpflegungsstationen fiir die wandernde Bevolkerung in Schlesien anzu- 
sehen ist und in der Arbeit der Arbeiterkolonien mit organisatorischem 
Talent und weisem Rat auch als Mann der Inneren Mission einzutreten 
berufen war. 



222 Richter. 

Zwei Verhandlungen wegen Obernahme von Pfarramtern auf dem Lande 
(Zettitz b. Crossen und Mansfelde b. Friedeberg i. Neumark) sowie einer Ge- 
fangnispredigerstelle in Spandau zerschlugen sich und er folgte, da sein fruherer 
Lehrer, damaliger Militaroberprediger Haendler in Posen, auf ihn aufmerksam 
machte, im Januar 1868 dem Ruf als Divisionsprediger zur 9. Division nach 
Glogau als Nachfolger des Divisionspredigers Stumpf. Von hier aus machte er 
den grofien Feldzug 1870/71 im Stabe der 9. Division mit. Seine »Kriegsbriefe 
eines Feldgeistlichen«, die anonym 1895 erschienen, geben in frischen Moment - 
bildern in Briefform die grofien Eindriicke wieder, die ihn besturmten. Weiflen- 
burg und Worth waren die ersten schauerlichen Schlachteindrucke fur den 
jungen Feldprediger, bei Massy in den Septembertagen 1870 erhielt er seine 
Feuertaufe und hatte dann das Gliick, zum Grofien Hauptquartier des Konigs 
nach Versailles kornmandiert zu werden und mitamtierend Zeuge des grofien 
Aktes der Kaiserproklamation in der Spiegelgalerie neben seinen Amtsgenossen 
Rogge und Abel zu werden. — Nach langen Wochen an der Loire und kurzer 
Versetzung zur 10. Division nach Vesoul ging es im Mai nach dem Friedens- 
schlufi mit drei (!) Tagen Urlaub in die alte Heimat Frankfurt a. O. zu Eltern, 
Weib und Kind; geschmuckt mit dem eisernen Kreuz, sah ihn dann seine 
alte Garnison Glogau wieder. Seine zahe Natur hatte alien Strapazen siegreich 
widerstanden. 

Im Februar 1873 erfolgte die Versetzung als Divisionspfarrer der II. Division 
nach Breslau und gegen Ende des Jahres 1874 die Ernennung zum Militar- 
oberpfarrer des VI. Armeekorps als Nachfolger des Militaroberpredigers Reitzen- 
stein. 1877 wurde er Konsistorialrat im Konsistorium der Provinz Schlesien. 
Auf der Kanzel von St. Barbara entfaltete sich seine Predigttatigkeit zu hochster 
Blute, in Seminar und Madchenschule, wie im Konfirmandenunterricht war 
er der geliebte Lehrer, der bei aller Hohe der Forderungen ein tiefes person - 
liches Wohlwollen fiir den einzelnen Zogling im Herzen trug. Hier gab er auch 
einen Band Predigten liber das Evangelium Johannis unter dem Titel »Wir 
sehen Seine Herrlichkeit" heraus und schrieb einen Leitfaden fiir den Konfir- 
manden-Unterricht, der bereits in 14 Auflagen erschienen und in der ganzen 
Armee, auch in den Kadettenkorps als Grundlage des Unterrichts eingefiihrt ist. 
Unter Bezugnahme auf diese Werke und seine gesegnete Tatigkeit wurde er 
im Luthergedachtnisjahre 1883 von der Universitat Breslau zum Dr. theoL 
honoris causa promoviert. Als Delegierter zur Provinzial-, spater auch zur 
Generalsynode, konnte er seine hervorragende kirchenregimentliche Begabung 
beweisen. So nahm es nicht wunder, dafi R., als der Feldpropst D. Thielen 
im Jahre 1886 in den Ruhestand trat, zu seinem Nachfolger ernannt wurde. 

In dieser hohen Stellung entfaltete der erst 42jahrige Feldpropst seine 
ganze bedeutende Kraft besonders nach der organisatorischen und gesetz- 
geberischen Seite hin. Die alte Militarkirchenordnung vom Jahre 1832 war 
historisch geworden, aber fiir die Neuzeit nur noch als Grundlage fiir neue 
Verhandlungen verwendbar. Im Mittelalter hatte jedes »Fahnlein« von 400 
Mann seinen Kaplan als Feldgeistlichen, spater jedes mobile Regiment einen 
Feldprediger. Erst vom 17. Jahrhundert an gab es schon im Frieden Militar- 
geistliche. Der grofie Kurfiirst begrundete 1659 das Amt der Feldprediger. 
1760 wurde das Militar-Konsistorial-Reglement unter Friedrich dem Grofien 
geordnet, das bis 1811 Geltung hatte: nach diesem gab es etwa 100 Regiments- 



Richter. 



223 



prediger. Das Recht der Berufung derselben stand den Regimentschefs zu. 
Diese prasentierten ihren designierten Feldprediger dem Feldpropst, der ihn 
priifte, evt. ordinierte und anstellte. Nach 8 — 9 Jahren des Militardienstes 
trat dann gewohnlich der Militarpfarrer in ein Zivilpfarramt der Landeskirche 
zuriick. Beim Zusammenbruch Preufiens Anfang des vorigen Jahrhunderts 
sank mit der Zahl der Armee auch die der preufiischen Militarpfarrer auf 18 
herab; sie wurden nun zu »Brigadepredigern«. Gegen die damals vorge- 
schlagene vollige Abschaffung des Militarpfarramts erklarte sich Friedrich 
Wilhelm III. mit Entschiedenheit im Interesse der Beforderung der Religiositat 
der Truppen und wegen des Unterrichts der zahlreichen Soldatenkinder in den 
sogenannten — erst durch A. K.-O. vom 16. November 1872 aufgelosten — Garni - 
sonschulen. Dagegen wurde das Amt des Feldpropstes und des Feldministeriums 
den kirchlichen Landesbehorden unterstellt. Nach den Freiheitskriegen wurden 
die Brigadeprediger zu »Divisionspredigern« und der bei einem General- 
kommando befindliche Divisionsprediger ubernahm die Funktionen eines 
Militaroberpredigers. Auf diesen Grundlagen fuOte die Militar-Kirchen-Ordnung 
vom 12. Februar 1832. Es ist nun eins der grofiten Verdienste des Feldpropstes 
R., dafi er die vom modernen Rechtsstandpunkt aus starr territorialistischen 
und militaristischen Bestimmungen der alten Militar-Kirchen-Ordnung von 1832 
in neue Bahnen gelenkt und die »Evangelische militarkirchliche Dienstordnung« 
vom 17. Oktober 1902 geschaffen hat. Nach diesen — um nur einiges hervor- 
zuheben — veranlassen nicht mehr die Konsistorien, sondern der Feldpropst 
die Berufung und Einfuhrung der Militargeistlichen im Einvernehmen mit den 
rnilitarischen Behorden. Die Militarpfarrer werden auf Lebenszeit angestellt 
und haben nach iojahriger Dienstzeit Anspruch auf entsprechende Zivilver- 
sorgung. Unter entsprechender Modifikation oder Beibehaltung der alten 
Militarkirchenkonventionen mit einzelnen Bundesstaaten wurden auch neue 
geschlossen, durch die unbeschadet der Einzelverwaltung der Bundesstaaten 
mit preufiischer Militarverwaltung das Gesamtmilitarkirchenwesen der Monar- 
chic einheitlich geregelt und selbstandig organisiert wurde. Die Militarobcr- 
pfarrer traten zum Stabe des Generalkommandos uber. 

Auch das Marinekirchenwesen wurde neu geregelt und der Feldpropst 
Allerhochst mit der Wahrnehmung des Amtes als Marinepropst beauftragt. 

Eine neue »Agende fiir das Kriegsheer« w T urde geschaffen, die in parallelem 
Aufbau mit der Agende der Landeskirche doch dem besonderen Geprage der 
Militargemeinden ihr Recht laCt und die besonderen Feiern der Militargemeinden, 
wie Kaisergeburtstagsfeiern, Vereidigungen der Rekruten, Fahnenweihen etc. 
liturgisch festlegte. 

Eine Neuausgabe des Militargesangbuches wurde nach langwierigen Ver- 
handlungen mit den bedeutendsten Hymnologen aus Nord und Slid veranlafit 
und dementsprechend ein Militarmelodienbuch, Militarchoralbuch und Zentral- 
partiturbuch geschaffen, so dafi nun ein Grundstock gemeinsamer Sangesweise 
in den Gotteshausern fiir Norden und Siiden ermoglicht wurde. Auch in die 
Seminare ging das »Schulbuchlein« uber, um neben dem »Festbiichlein« die 
Jugend bereits an die neue deutsche einheitliche Sangesweise der herrlichen 
evangelischen Chorale zu gewohnen. 

In den Feldziigen in China und Siidwestafrika bestanden die erneuten 
Mobilmachungsbestimmungen ihre erste Feuerprobe, und die vom Feldpropst 



224 



Richter. 



R. hinausgesandten Feldgeistlichen durften kameradschaftlich die Strapazen 
und Gefahren dcs Krieges und der Schutztruppe teilen und sich doch des straffen 
Zusammenhanges mit der heimatlichen kirchlichen Heeresverfassung freuen. 

An auOeren Ehren bei alien diesen Erfolgen eines arbeitsreichen Lebens 
hat es Feldpropst R. nicht gefehlt. Er brach die Bahn, dafi nach langer Zeit 
wieder ein Geistlicher mit dem Titel des »Wirklichen Geheimen Rates« und dem 
Pradikat Exzellenz ausgezeichnet wurde. Zum Abschied verlieh ihm Seine 
Majestat der Kaiser den Koniglichen Kronenorden I. Klasse. 

So durfte Feldpropst R., nachdem er mehr als 37 Jahre in Kriegs- und 
Friedenszeiten der Militargeistlichkeit angehort, davon 12 Jahre als Militar- 
oberpfarrer und uber 18 Jahre als Feldpropst und Marinepropst, bei der Ab- 
schiedsfeier im Mai 1905 von seinem Nachfolger Feldpropst Wolfing, die Worte 
mit Recht horen: »In der Geschichte des preuflischen Militarkirchenwesens 
wird die Zeit Ihrer Amtsfuhrung als eine epochemachende auch von spateren 
Geschlechtern bezeichnet werden und in den Annalen der Feldpropstei wird 
Ihr Name fur alle Zeiten glanzen«. R. konnte selber sagen, dafi er die Ein- 
und Durchfuhrung einer straffen und klaren, den Verhaltnissen der Neuzeit 
entsprechenden militarkirchlichen Dienstordnung fur Armee und Marine als 
einen besonderen Segen seiner Lebensarbeit ansehen durfe — eine Reorgani- 
sation der alten Verfassung, die aber das Militarkirchenwesen im grofien Zu- 
sammenhang mit der evangelischen Landeskirche in sich frei und selbstandig 
macht, aber nicht isoliert. 

Noch drei Jahre des Ruhestands waren ihm beschieden, die er grofitenteils 
auf einer schonen Besitzung in Schreiberhau i. Riesengebirge verbrachtc. 
Der Nimmerrastende schuf noch in diesen Jahren u. a. ein zweibandiges Familien- 
andachtsbuch: »Die Bibel in Hausandachten« — dessen Eigenart es ist, die 
fur die Familienandacht geeigneten Stellen der heiligen Schrift fur die Haus- 
andacht selbst reden zu lassen, ohne weitere Betrachtung und sie nur mit 
kurzem Gesang und Gebet zu umgeben. 

Nachdem er noch am 22. Juni 1908 in voller Rustigkeit seinen 40. Hochzeits- 
tag im Kreise der Seinen gefeiert hatte, erkrankte er im August schwer und 
entschlief in den Morgenstunden des 12. Oktober 1908 in Hirschberg in Schlesien 
in einer Privatklinik. Er ruht in seiner Heimatstadt Frankfurt a. 0. 

Zusammcnstellung der Werke: a. Uber den NationalhaO zwischen dem 
franzosischen und dem deutschen Volke (Vortrag Berlin, Ludwig Rauh, 1872). b. AVir sehen 
Seine HerrlichkeiU. Ein Jahrgang Predigten uber freie Texte aus dem Evangelium Johannis 
(Breslau, Wilh. Gottl. Korn). c. Leitfaden fur den Konfirmanden-Unterricht (Breslau, Carl 
Dulfer, 14. Aufl.). d. Kriegsbriefe eines Feldgeistlichen 1870/71 (Berlin, E. S .Mittler & Sohn). 
e. Die Stimme des HErrn auf den Wassern. Christ Kyrie, ja dir gehorcht die See. f. Darnach 
offenbarte sich Jesus abermals an dem Meer (3 Jahrgange Schiffspredigten fur die Nordlands- 
reisen Seiner Majestat des Kaisers und Konigs (Berlin, E. S. Mittler). g. Ein Kranz auf Emil 
Frommels Grab (Berlin, E. S. Mittler). h. »Die Bibel in Hausandachtcn*. 2 Bande (Berlin, 
Georg Reimer). AuCerdem viele Einzeldrucke von Predigten und Ansprachen bei historischen 
Gelegenheiten. Unter seiner Leitung wurde herausgegebcn : i. Predigtbuch fiir S. Majestat 
Schiffe (Mittler, Berlin), k. Evangelisch-militarkirchliche Dienstordnung (Mittler, Berlin). 
1. Evangelisches Militiirgesang- und Gebctbuch. Neue Ausgabe 1906 (Georg Reimer, Berlin), 
m. Melodienbuch zum Evang. Militiirgesang- und Gebctbuch fiir das Deutsche Kricgsheer 
(Mittler, Berlin), n. Denkschrift zu m. (Mittler, Berlin), o. Choralbuch zu dem Evang. Militar- 
gesang- und Gebetbuch. Neue Ausgabe 1908 (Mittler Berlin), p. Festbuchlein. 30 Choral- 



Richter. Schaarschmidt. 



225 



melodien zum Gebrauch bei deutschen ev. Kirchenfesten (Mittler, Berlin), q. Schulbuchlein. 
33 Choralmelodien zum Gebrauch in Seminaren und Schulen (Mittler, Berlin). Als Quellen 
sind benutzt: Richters Personalakten und Akten der Evang. Feldpropstei der Armee in Berlin. 
Die besten Bildnisse haben hergestellt: Hofphotograph Schaarwaechter, Berlin; Hiilsen, Berlin; 
Glauer-Oppeln. 

Schaarschmidt, Karl, Professor und Bibliothekar in Bonn, * 3. November 
1822, f 26. Dezember 1908. — Geboren zu Berlin, vorgebildet auf der Landes- 
schule Pforta, der er stets eine grofle Anhanglichkeit bewahrt hat, studierte 
er hauptsachlich in Berlin Philologie und Philosophic bei Bockh, Bopp, Tren- 
delenburg, Schelling u. a. und promovierte 1845 mit einer Dissertation: Plato 
et Spinoza philosophi inter se comparati. Nach kurzer Tatigkeit irn Schuldienste 
und einjahrigem Aufenthalt in England habilitierte er sich 1849 in Bonn fur 
das Fach der Philosophic Nachdem er nebenher noch drei Semester Mitglied 
des Bockhschen padagogischen Seminars in Berlin gewesen, erhielt er 1854 
eine Anstellung an der damals von F. Ritschl geleiteten Bonner Universitats- 
bibliothek, mit der er seitdem immer mehr verwuchs und an der er allmahlich 
aufriickte, bis er nach J. Bernays* Tode 1882 die Direktion derselben erhielt. 
Am 1. April 1901 trat er in den Ruhestand; seit 1859 Professor extraordinarius, 
war er 1895 zum o. Honorarprofessor ernannt worden. 

Ungemein frischen und beweglichen Geistes, orientiert und interessiert 
in alien Fragen des wissenschaftlichen, offentlichen und akademischen Lebens, 
hat er sich in seiner langjahrigen Bonner Wirksamkeit sowohl als Lehrer und 
Gelehrter wie als Bibliothekar grofie Verdienste, und durch die nattirliche 
Lebhaftigkeit und Lauterkeit seines Wesens auch als Mensch viele Freunde 
erworben. Seine Vorlesungen erstreckten sich von Anfang an liber weite Gebiete 
seiner Wissenschaft; mit Vorliebe behandelten sie die Geschichte der Philo- 
sophic sowie die Religionsphilosophie Diese Vortrage, die er mit der Zeit ein- 
schrankte ohne sie ganz aufzugeben, fesselten den naturgemafi kleineren Kreis 
seiner Zuhorer durch eine eigenartige Frische und Klarheit sowie seine ein- 
dringliche, pointierte Diktion. Von seinen Schriften ist das Buch uber Johannes 
Sarisberiensis nach Leben und Studien, Schriften und Philosophic (1862) 
hervorragend als einer der ersten Versuche monographischer Herausarbeitung 
der groflen mittelalterlichen Philosophen und Enzyklopadisten; noch heute 
wertvoll, hat es leider nicht die Nachfolge gefunden, die die Forschung auf 
diesem vernachlassigten Gebiete schneller gefordert hatte. Seine Werke hin- 
gegen liber die angebliche Schriftstellerei des Philolaos und die Bruchstucke 
der ihm zugeschriebenen Bucher (1864), sowie uber die Sammlung der Pla- 
tonischen Schriften, zur Scheidung der echten von den unechten untersucht 
(1866), waren bei allem anregenden Scharfsinn und Eifer der Beweisfiihrung 
selbst fur die damalige Zeit zu radikal, um bleibenden Erfolg zu finden. Spater 
wandte er sich wieder mehr der neueren Philosophic zu (Cartesius, Spinoza, 
Leibniz u. a.). Eine liberaus vielseitige Tatigkeit entfaltete er auBerdem als 
Berichterstatter liber die neuen Erscheinungen der philosophischen Literatur, 
namentlich in den (von ihm 1877 — 86 auch als Herausgeber geleiteten) Philo- 
sophischen Monatsheften bis zu ihrer Umwandlung in das Archiv fur Philosophic 
Als sein eigenstes Gebiet betrachtete er zeitlebens die Religionsphilosophie. 
Eine seiner ersten Vorlesungen hatte sie zum Gegenstand, mit einer Darstellung 

Biogr. Jahrbuch u. Deutscher Nckrolog". 13. Bd. jc 



226 Schaarschmidt. KUnzli. 

der Entwicklungsgeschichte der Religion nahm er Abschied vom Katheder. 
In ungeminderter Geistesfrische vollendete er als 85jahriger sein letztes Buch: 
Die Religion. Einfuhrung in ihre Entwicklungsgeschichte (1907); so hatte er 
noch die Freude, sein Lebenswerk fertig abgeschlossen seinen Freunden zu 
ubergeben und ein bleibendes Denkmal seiner geistigen Eigenart und seiner 
philosophischen Arbeit zu hinterlassen. Frei von aller Gebundenheit und aller 
extremen Einseitigkeit versucht er in klarer und edler Darstellung dem innersten 
Wesen der menschlichen Natur eben so sehr wie den Ergebnisssen der Natur- 
wissenschaft, Geschichtsforschung und vergleichenden Religionswissenschaft 
gerecht zu werden. 

Dem weiteren Kreise der Universitatsangehorigen stand er naher durch 
seine Stellung und Tatigkeit als Universitatsbibliothekar. Vielen Generationen 
ist er bei dem unaufhorlichen Wechsel des Lehrkorpers ein treuer Heifer und 
Berater gewesen, um so mehr, als er von Anfang an in seiner Doppelstellung 
den Anforderungen der wissenschaftlichen Arbeit und des Lehrbetriebs ein 
groBeres personliches Verstandnis entgegenbringen konnte, als es infolge der 
gestcigerten Frequenz der Bibliotheksbenutzer, der zunehmenden Biicher- 
produktion, des Wechsels des Personals und der Fortschritte der Bibliotheks- 
technik in Zukunft vielleicht noch moglich sein wird. Eingetreten in einer Zeit 
tatkraftigen Aufschwungs, hat er, fast fiinf Dezennien mit der Universitats- 
bibliothek verkniipft, die gewaltigen Veranderungen im aufieren und inneren 
Leben der Bibliotheken mit durchlebt und dabei stets einen offenen Blick 
fur die Entwicklung der Dinge bewiesen und weder dem Fortschritt sich ent- 
gegengestellt, noch die fur ein solches Universitatsinstitut so wertvolle Tradition 
vernachlassigt. Als Direktor hat er sich in erster Linie angelegen sein lassen, 
mit den verfiigbaren nur allzu knappen Mitteln die Bibliothek sachkundig zu 
mehren und die vorhandenen Biicher in einfachster und liberalster Weise der 
Benutzung zuganglich zu machen. In seine Amtszeit fallt der Umbau des Maga- 
zins (1890 — 92), an dessen unglucklicher Beleuchtung nicht er die Schuld 
tragt, die Eroffnung des neuen Lesesaales, die Herstellung des grofien fur 
Beamte wie Benutzer gleich unentbehrlichen Index alphabeticus (1883 — 96); 
auch der Inkunabelkatalog (1894) und das Verzeichnis der Bonner akademischen 
Schriften (1897) sind unter seiner Agide erschienen. Der Dank, den die Uni- 
versitat der verstandnisvollen Leitung ihres nutrimentum spiritus schuldet, 
wird von alien auch personlich empfunden und bewahrt werden, die in all den 
Jahren der bibliothekarischen Wirksamkeit Sch.s und seiner treuen Mitarbeiter 
Rau, Klette u. a. unsere Bibliothek besucht und benutzt haben (ein Nekrolog 
von E. Dorsch im Zentralblatt fur Bibliotheksw. 1909 S. 74). 

Wiederholt aus der Chronik der Universitat Bonn mit Genehmigung des Hr. Verfassers. 

E 1 1 e r. 

Kiinzli, Arnold, schweizerischer Patriot, * 20. Juni 1832 und f 9- No- 
vember 1908 in Riken-Murgenthal (Kanton Aargau). — Der gewesene Schweize- 
rische Bundesprasident Oberst Emil Frey hat in einem vorzuglichen Nachruf 
uber seinen Freund geschrieben: »Kunzli war ein Diener seines Volks. Vonseinem 
Leben kann gesagt werden, daB es eine fortgesetzte Tat war im Dienste des 
Volks. In einem Alter, in welchem andere sich nach der Ruhe des Privatlebens 
sehnen, ubernahm Kiinzli noch mit stolzem Selbstvertrauen das Kommando 



Kiinzli. 227 

eines Armeekorps. Ich kenne in der ganzen Laufbahn des Verstorbenen nichts, 
was ihn treffender charakterisierte.« Der Schreibende mochte steigernd bei- 
fiigen: als K. nach Zuriicklegung des 70. Altersjahrs das Kommando dieses 
Armeekorps zuriickgegeben hatte, schickte sich die Schweiz gerade an, ihre 
Vertretung fur die Erneuerung mehrerer Handelsvertrage zu bestellen, fur eine 
verantwortungsvollc Aufgabe also, deren Durchfuhrung mit aller Bestimmtheit 
das Erfordernis muhevoller Arbeit und groBcr Ausdauer voraussehen liefi. 
Als ihm die Regierung auch diese Last zudachte und ihm damit den Wunsch 
nach ruhigeren Tagen unvermutet kreuzte, lud sie K. in klarer Erkenntnis 
ihrer Schwere nach kurzem Kampfe mit sich selbst dennoch auf sich und trug 
sie in Ehren. So war dieser Mann, und deshalb war er nicht blofl ein Diener 
seines Volks, sondern er war ihm und den Behorden aus diesem und aus manchen 
andern Grunden auch erklarter Liebling, dessen Wort und Wirken das meiste 
gait. K. war ein Demokrat im besten Sinne: ein willensstarker, wohlmeinender, 
fiir jedermann zuganglicher, seiner Stellung, seiner Verantwortlichkeit und 
seiner Ziele bewuBter Fiihrer im Ratsaal und im Feld, daheim und in der 
Fremde, in heitern und in bewegten Zeiten. 

Als Sohn eines Baumwollindustriellen geboren, kam K. von der Kantons- 
schule in Aarau weg in die kaufmannische Lehre nach Genf, von dort nach 
Lugano und dann 1858 ins vaterliche Geschaft A. Kiinzli jgr., das sich durch 
die Herstfellung der Buntweberei Roggwil [Bern] bald erfreulich weiter aus- 
dehnte. Er war darin an die zehn Jahre tatig, bis er auf Verlangen seiner Mit- 
biirger (die schon den 26 jahrigen in den gesetzgebenden Rat abgeordnet hatten) 
in die Regierung des Kantons Aargau eintrat. Hier hat er wahrend 5 Jahren 
als Direktor der Bauten mit Weitblick manches geplant und vieles ausgefiihrt 
oder gefordert. Nach seinem Austritt blieb er dem offentlichen Leben, das 
ihn in gleichem Mafie begehrte, wie er ihm seinerseits Neigung entgegenbrachte, 
verschrieben und zugetan. Gemeinde, Kanton und Eidgenossenschaft warben 
um ihn, und er vergalt alien mit seiner Hingebung. Schon im Jahr 1864 wurde 
er in den Schweizerischen Nationalrat entsendet, dem er (mit einer kurzen 
Unterbrechung) bis zum Tode als eines der bedeutendsten und eirifluBreichsten 
Mitglieder angehorte. Als solches hat er — wie alt Bundesprasident Frey 
schreibt — »eine Summe von Arbeit bewaltigt, die alles liberragt, was jemals 
seit dem Bestehen des neuen Bundes von einem einzelnen Mitglied dieses Rates 
geleistet worden ist«. Mit seinem durchdringenden Blick und Verstand, mit 
seiner raschen und sichern Auffassung, mit dem Rustzeug, das ihm ein nie ver- 
sagendes Gedachtnis lieh, mit seinem staunenswerten Geschick, sich liber die 
Meinungen anderer auf dem einfachen Weg zwangloser Unterhaltung zu unter- 
richten und sich so ein eigenes Urteil auf breitester Grundlage zu bilden, mit 
seinen vielfaltigen Kenntnissen und Erfahrungen, mit seiner knappen, ge- 
fcsteten Rede war K. der begnadete Parlamentarier, der stets zur rechten 
Zeit das rechte Wort fand. Immer stand K. in der vordersten Linie, wo ein 
Fortschritt zu verwirklichen, wo die Ehre und das Wohl des Landes zu schirmen 
war. An den heiflen Kampfen um die Anderung der Verfassung der Schweizeri- 
schen Eidgenossenschaft, an der Schaffung arbeiterfreundlicher Gesetze (Fabrik- 
gesetz, Haftpflichtgesetze, Gesetze liber Versicherung gegen Krankheit und 
Unfall), an der Errichtung der Schweizerischen Nationalbank, an der Ver- 
staatlichung der Eisenbahnen, an den Beratungen liber die Gestaltung und 

15* 



228 Kiinzli. 

Hebung der Wehrkraft des Landes, an der Wegleitung fur die zu befolgende 
Zollpolitik, am Meinungsaustausch uber eine lange Reihe von Staatsvertragen : 
an der Erorterung jeder wichtigeren Frage wahrend vier Jahrzehnten hat K. 
lebhaften Anteil genommen. 

Mit K., dem Staatsmann und Volksmann, hielt gleichen Schritt der Soldat. 
Im Jahre 1853 Offizier geworden, machte er 1857 den sogenannten Neuen- 
burger Feldzug mit, 1870/71 als Oberstleutnant und Kommandant einer Scharf- 
schiitzenbrigade den Grenzbewachungsdienst bei Basel. Im Jahre 1894 wurde 
ihm das Kommando eines Armeekorps ubertragen, das er 8 Jahre lang inne- 
hatte. Auch als Soldat verfugte er liber alle Eigenschaften des geborenen 
Fiihrers, und landauf, landab war er unter dem Namen Oberst Kiinzli 
bekannt. 

Ebenso grofi war sein Geschick als eigentlicher Diplomat. Als im Jahre 
1890 die konservative Regierung des Kantons Tessin gewaltsam gesturzt worden 
war, hat K., vom Bundesrat als Eidgenossischer Kommissar mit Truppen- 
macht dorthin entsendet, mit seiner Besonnenheit und Klugheit die iiberaus 
scharf entzweite Bevolkerung zu beschwichtigen verstanden. Er hat sich 
damit — und schon 10 Jahre zuvor in ahnlicher Mission — als Friedensstifter 
unvergangliches Verdienst erworben, und sein Walten war von den wohltatigsten 
Folgen begleitet. — Er war einer der schweizerischen Abgeordneten zur ersten 
Friedenskonferenz im Haag (1898), wo er mit aller Entschiedenheit, wenn auch 
fruchtlos, fur das Recht der kleinen Volker eintrat, sich im Fall einer Landes- 
besetzung in Massen erheben zu diirfen. Und in den Jahren 1903/06 leistete 
er vortreffliche Dienste bei der Erneuerung der Handelsvertrage der Schweiz 
mit dem Ausland. 

Bei all dieser Wirksamkeit blieb K. der einfache, bescheidene Mann, der 
er von jeher gewesen. Von den Sorgen um das private Geschaft befreit, nahm 
er sich der kleinsten Obliegenheiten in Familie, Freundeskreis, Gemeinde und 
Heimatkanton mit der namlichen Liebe und Warme an wie der Angelegenheiten 
im weitern Vaterlande. In seiner Wohngemeinde, deren Vorsteher er langere 
Zeit war, half er unter anderm kraftig mit bei der Einfuhrung der mechanischen 
Strickerei, der Korbflechterei und der Herstellung von Holzwaren. Im Kanton 
war er einer der Mitbegninder der Aargauischen Kreditanstalt in Aarau, einer 
Bank, die bestes Ansehen genieflt, und er betatigte sich auch sonst in der Ver- 
waltung verschiedener Werke gemeinniitziger Art. Nichts und niemand war 
ihm zu gering, und ein ganz besonders angenehm beruhrender Zug offenbart 
sich in seinem Entgegenkommen gegenuber tiichtigen jiingeren Leuten. Auf 
wiederholten grofien Reisen aufnete er den Schatz seiner Beobachtungen, die 
er iiberall und stets wirksam zu verwerten verstand. 

Als K., ein betagter, aber bis zum letzten Krankenlager geistig durchaus 
riistiger Mann, dahinschied, anerkannte das Land in einhelliger Dankbarkeit 
seine grofien, bleibenden Verdienste auf alien Gebieten. »Das Vaterland liebte 
er uber alles«, schliefit sein eingangs genannter Schilderer. 

Oberst Arnold Kiinzli; Gcdenkworte gesprochen an seinem Grabe und eingeleitet von 
Herrn alt Bundesrat Oberst Emil Frey, Aarau 1909, Druck von Emil Wirz, 8°, 32 S. — Bundes- 
blatt der Schweizerischen Eidgcnossenschaft 1908, Bd. VI, S. 320 — 323. 

Alfred Frey. 



Krasnopolski. 22Q 

Krasnopolski, Horaz, osterreichischer Zivilist, * am 5. November 1842 in 
Pistin, f am 29. August 1908 in Gmunden. — K. wurde in dem ostgalizischen 
Markte Pistin als Sohn armer jtidischer Eltern geboren, absolvierte in Czerno- 
witz die Gymnasialstudien und bezog im Jahre 186 1 die Universitat in Prag, 
um die Rechte zu studieren. An der juridischen Fakultat der damals noch 
ungeteilten Universitat lehrte zu jener Zeit eine Reihe hervorragender Ver- 
tretcr der historischen Facher, so die beiden Romanisten Esmarch und Brinz 
und der Kirchenrechtslehrer und Germanist Schulte. Weniger gut war seit 
Ungers Abgang nach Wien (1857) das osterreichische Zivilrecht vertreten, da 
Randa — der in tschechischer Sprache las — als Lehrer fiir die deutsche Horer- 
schaft weniger in Betracht kommen konnte und Krainz erst 1 871 nach Prag 
berufen wurde. Nur durch ihre Schriften konnten die damals bedeutendsten 
osterreichischen Zivilisten ihren EinfluB auf die junge Generation ausuben, 
Unger durch sein »System des allgem. osterr. Privatrechtes«, Randa durch seinen 
»Besitz«. K. absolvierte die Studien mit ausgezeichnetem Erfolge, wurde im 
Jahre 1868 zum Doktor der Rechte promoviert und begab sich bald nachher 
nach Gottingen und spater nach Leipzig, um Thol, Roscher und Wachter zu 
horen. Nach Prag zuruckgekehrt trat er in die advokatorische Praxis ein und 
betrieb daneben seine weitere wissenschaftliche Ausbildung. Er habilitierte 
sich im Jahre 1872 fiir Handelsrecht und osterreichisches Zivilrecht, wurde 
1876 — als Nachfolger des friih verstorbenen Krainz — zum aufierordentlichen, 
1 88 1 zum ordentlichen Professor des Zivilrechtes an der Prager Universitat 
ernannt und wirkte daselbst als akademischer Lehrer bis zu seinem Tode. 
1897 wurde ihm der Titel und Charakter eines Hofrates, 1906 das Komthur- 
kreuz des Franz-Josef-Ordens verliehen. 

Die Schriften K.s, soweit sie zu seinen Lebzeiten publiziert wurden, be- 
handeln mit wenigen Ausnahmen Spezialgebiete und Spezialfragen des osterr. 
Zivilrechtes; diemeistensind in Fachzeitschrif ten zerstreut, einigegeben Vortrage 
wieder, die in verschiedenen juristischen Gesellschaften gehalten wurden. Sein 
Lebenswerk, ein System des osterr. Privatrechtes, das er nahezu vollendet 
hinterliefi, soil aus seinem Nachlasse demnachst herausgegeben werden. 

Von K.s bisher bekannt gewordenen wissenschaftlichen Arbeiten seien an- 
gefiihrt: 

»Einleitung in die Lehre von der Zession der Forderungen nach osterr. 
Recht« (Habilitationsschrift aus dem Jahre 1872, abgedruckt in der Prager 
Juristischen Vierteljahresschrift 1909); »Erorterungen aus dem Grundbuchs- 
rechte« (in den Mitteilungen des deutschen Juristenvereines in Prag 1877/78); 
»Zur Geschichte der Inhaberpapiere« (ebendas. 1878/79); »Der Legalisierungs- 
zwang bei Tabularurkunden« (Wien 1880); »Uber den Entwurf eines Gesetzes 
betr. d. Verfahren z. Zwecke der Todeserklarung etc.« (Mitteilungen 1882). 
Das Anfechtungsrecht behandeln drei Schriften: »Das osterr. Anfechtungs- 
recht* (Prager Jur. Vierteljahrschr. 1888, 1. 3. 4.); »Studien zum Gesetze 
uber die Anfechtung« (Grunhuts Z. Bd. 14, 15). Diese beiden Schriften sind 
Vorarbeiten zu dem Hauptw r erke »Das Anfechtungsrecht der Glaubiger nach 
osterr. Rechte« (Wien-Prag-Leipzig 1889), nach dem Urteile von Schey »die 
kurzeste und doch eine der inhaltsreichsten Darstellungen des gesamten An- 
fechtungsrechtes«. Es erschienen ferner: »Der zivilrechtliche Inhalt des 
Gesetzes vom 8. Marz i885« (Gewerbenovelle) in Grunhuts Z. Bd. 14; »Zur 



23O Krasnopolksi. 

Lehre von der Giiltigkeit des Titels als Erfordernis wirksamer Eigentums- 
iibertragung« (Vierteljahrschr. 1891); »Der Schutz des redlichen Vefkehres 
im osterr. Zivilrechte* (Prag 1892), eine gehaltvolle Schrift iiber den Schutz 
des redlichen Erwerbers, worin K. die nicht vollig einheitlichen Bestimmungen 
des a. b. G. B. einem hoheren Prinzip unterzuordnen versucht. Ferner der 
Aufsatz: »Zur Lehre von den Vertragen zu Gunsten Dritter nach osterr. RechU 
(Grunhuts Z. Bd. 22) 1895. 

In die Jahre 1895/96 fallt der viel besprochene Streit mit Franz Brentano 
um die Auslegung des § 63 a. b. G. B. (Priesterehen). Brentano hatte in 
seinen zuerst in der »Neuen Freien Presses erschienenen Artikeln »Meine 
letzten Wiinsche fiir Osterreich« (in Buchform bei Cotta 1895) die Frage 
der Giiltigkeit der Ehe eines ehemaligen Geistlichen hoherer Weihen beruhrt. 
K. veroffentlichte, zunachst ohne ausdriickliche Beziehung auf Brentano, in 
Verings Archiv fiir Kirchenrecht einen Artikel ,,Zur Auslegung des § 63 osterr. 
a. b. G. B. (impedimentum ordinis)*, worin er fiir die Ungultigkeit einer 
solchen Ehe unter alien Umstanden eintrat. Hierauf erwiderte Brentano 
in der Schrift »Noch ein Wort iiber das Hindernis der hoheren Weihen und 
feierlichen Geliibde« (Wien, Manz 1895). Dagegen polemisierte K. »Ober den 
§ 63 6. a. b. G. B., eine Replik«, welche zugleich mit seinem vorgenannten Artikel 
(Mainz 1895) erschien. Brentanos Gegenschrift »Zur eherechtlichen Frage in 
Osterreich, Krasnopolskis Rettungsversuch einer verlorenen Sache« (Guttentag 
1896), rief eine in sehr gereiztem Tone gehaltene »Abwehr« K.s hervor: »Das 
Ehehindernis der hoheren Weihen nach osterr. Recht« (Mainz 1896), worauf 
nur noch eine kurze Replik Brentanos in der Wiener Wochenschrift »Zeit« 
(1896) erfolgte. 

Die Praxis der obersten Instanzen hat an der aufier von K. auch von 
Rittner, Hussarek und einigen anderen vertretenen Auslegung bisher fest- 
gehalten. Dagegen konnte sich Brentano auf Autoritaten, wie MaaBen, Gierke, 
Glaser und Unger berufen. (Erst jiingst wieder hat Unger in seiner 19 10 ver- 
offentlichten Schrift ^Priesterehen und Monchsehen usw.«, sein Votum fur die 
Giiltigkeit der sogenannten Priesterehen abgegeben, und Brentanos Argumen- 
tationen gegen die Vorwiirfe K.s in Schutz genommen.) 

In den letzten Jahren beschaftigte sich K. mit familienrechtlichen Ar- 
beiten »Der Verlobnisbruch im osterr. RechU (Wien 1904); »Beitrage zum 
osterr. Familienrechte I, II (Jur. Vierteljahrsschr. 1904/05); ferner mit Fragen 
des internationalen Privatrechtes »Staatsangehorigkeit oder Domizil? § 34 
a. b G. B.« (Gellers Zentralblatt 1907); »Das Haager Obereinkommen vom 
12. VI. 1902 zur Regelung der Gesetzes- und Gerichtsbarkeits - Kollisionen 
in Angelegenheit der Ehetrennung und der Scheidung von Tisch und Bett« 
(Jur. Vierteljahrsschr. 1908); endlich mit dem Schadenersatzrechte »Die Ver- 
jahrung der Entschadigungsklagen; ein Beitrag zur Auslegung des § 1489 
a. b. G. B.« (Gellers Zentralblatt 1907) und »Erorterungen aus dem osterr. 
Schadenersatzrechte; zugleich eine Replik« (gegen Randa polemisierend) 
(Gellers Zentralblatt 1908). 

Seine letzte Arbeit war ein viel beachteter Vortrag »Die Anderung und 
Erganzung einiger Bestimmungen des a. b. B. G.« (Wien 1908), in welchem 
K. zu dem Reformentwurfe Stellung nahm und seine in zahlreichen Punkten 
ablehnende Haltung gegeniiber der Regierungsvorlage vielfach uberzeugend 



Krasnopolski. BUcheler. 23 1 

begriindete. Ferner sei noch erwahnt, daB zwei Artikel in Mischler-Ulbrichs 
osterr. Staatsworterbuch von K. herruhren: Der Artikel »Privilegien« und 
der gediegene Artikel uber die »Haftpflicht der Eisenbahnen«. 

K. hat auch, namentlich in fruheren Jahren, eine rege kritische Tatigkeit 
entfaltet. Einzelne seiner Kritiken sind zu kleinen Monographien geworden 
und haben eine mehr als vorubergehende Bedeutung erlangt, wie die Kritik 
von Ogonowskis Eheguterrecht (Grlinhuts Z. Bd. 9) und die Besprechung 
von Pfaffs Gutachten »Zur Lehre vom Schadenersatz und Genugtuung« (Krit. 
Vierteljahrsschr. Bd. 22). — 

Aus der historischen Schule hervorgegangen, hat K. sich von den Mangeln 
dieser Richtung niemals vollig befreien konnen. Zwar blieb Ihering nicht ohne 
Einflufl auf ihn, aber der volligen Abkehr neuerer Juristen von einem iiber- 
triebenen Positivismus hat K. — ungleich dem bedeutend alteren Unger — 
nicht zu folgen vermocht. 

Seine Starke lag, wie Unger ubereinstimmend mit Robert v. Mayr hervor- 
gehoben hat, »in seiner untibertrefflichen Kunst der Wortinterpretation, der 
grammatikalischen Auslegung«. Unterstlitzt von einer griindlichen Kenntnis 
der historischen Grundlagen des osterr. Rechtes und zwar nicht blofi des romi- 
schen und deutschen, sondern auch des einheimischen Partikularrechtes war 
er ein genauer Kenner des osterr. Burgerlichen Gesetzbuches, das er uberaus 
hochschatzte. Doch ist nicht zu leugnen, dafi er allzusehr an dem Detail des 
Gesetzes haftete, wahrend er andererseits die Bedeutung der Gesetzesmaterialien 
fur die Auslegung der Gesetze iiberschatzte, weshalb ihm nicht ohne Grund der 
Vorwurf der »Protokolljurisprudenz« gemacht worden ist. 

Seine erfolgreichste Wirksamkeit entfaltete K. als akademischer Lehrer. 
Durch mehr als 30 Jahre hat er den jungen Nachwuchs der Rechtsbeflissenen 
in das Studium des burgerlichen Rechtes eingefuhrt und so den groBten Ein- 
flufi auf die deutsch-bohmische Juristenwelt geiibt. Die Beriicksichtigung 
der neuesten Literatur, Gesetzgebung und Rechtsprechung, die er mit unermiid- 
lichem FleiCe immer wieder in seine Vorlesungen einflocht, das Streben nach 
moglichster Pragnanz des Ausdruckes, sowie die stete Beriicksichtigung der 
Forderungen des Berufslebens, im Verein mit einem uberaus eindringlichen 
Vortrage sicherten seinen Vorlesungen das Interesse der Horer. Ob das Bild 
seiner wissenschaftlichen Personlichkeit durch die Herausgabe des nachge- 
lassenen Systems oder Kompendiums des osterr. Privatrechtes eine wesentliche 
Anderung erfahren wird, mufi dem Urteil einer spateren Zukunft uberlassen 
bleiben. 

Literatur: Ulbrich (Deutsche Arbeit, Jahrg. 8, H. 4, mit Portr.), Kafka (Jur. Vjschr. 
1 W. H. 1). C Klatscher. 



Bucheler, Franz, ordentlicher Professor der klassischen Philologie, Geheimer 
Regierungsrat, * 3. Juni 1837 zu Rheinberg, f 3. Mai 1908 zu Bonn. Sein uner- 
warteter Tod iiberraschte und erschiitterte in nah und fern auf das schmerz- 
lichste. Nirgendwo aber wurde der unersetzliche Verlust schwerer empfunden, als 
an der Universitat Bonn, trotzdem der in vollem Besitz seiner Gcisteskraft und 
auf der Hohe der Wissenschaft stehende, bis zu seinem Tod unermiidlich tatige 
Gelehrte seit zwei Jahren von seinen Lehrverpflichtungen entbunden war. 



232 



Bucheler. 



Die Landesuniversitat betrauerte in ihm einen der ausgezeichnetsten Sohne 
des rheinischen Landes, einen ihrer ausgezeichnetsten Schuler und Lehrer, 
die philosophische Fakultat ihren langjahrigen Senior: 38 Jahre lang hatte 
B. in ihrer Mitte seine segensreiche und im wahren Sinne des Wortes unvergang- 
liche und unvergeflliche Wirksamkeit ausgeiibt. B. wurde zu Rheinberg am 
Niederrhein geboren, wo sein Vater Richter war, er besuchte die Gymnasien 
zu Essen und Cleve und seit Ende 1852 die Landesuniversitat, um klassische 
Philologie zu studieren. Unter seinen Lehrern, denen er in dem der Doktor- 
schrift beigegebenen Lebensbericht ein schones Denkmal gesetzt hat, ist der 
bekannteste der Herausgeber des Ptolemaus, Friedrich Wilhelm Wilberg, der 
Direktor des Essener Gymnasiums. B. riihmte an ihm unter anderem auch die 
milde und starke Hand, die den fruhreifen und hochbegabten Knaben, dem 
mit 15 Jahren das Zeugnis der Reife erteilt werden konnte, seiner Zeit zurecht- 
wies, als er sich in jenen politisch sehr erregten Zeitlauften auch als Volksredner 
etwas verfruhte Lorbeeren zu erringen suchte. Hier in Bonn war es Friedrich 
Ritschl, der die aufiergewohnliche Begabung des jungen Gelehrten in rich tiger 
Weise einschatzte und auf die richtigen Bahnen leitete, insbesondere in den 
tJbungen des philologischen Seminars, ein nach B.s eigenem Urteil »uniiber- 
trefflicher Seminardirektor«, hierin Vorbild fiir ihn sowohl wie fiir seinen lang- 
jahrigen Amtsgenossen und Freund Hermann Usener. 

Richtige Wurdigung und Kritik der handschriftlichen Uberlieferung der 
alten Schriftsteller, sachgemaBe Verwertung des zuverlassigeren Materials der 
inschriftlichen Uberlieferung, insbesondere die Erkenntnis der jungfraulichen 
Schonheit der Sprache der Romer in der groflten Zeit des Freistaats, wie sie 
der Nachwelt durch die Verse des Plautus vermittelt wird, dies waren vornehm- 
lich die Aufgaben, deren Behandlung der wissenschaftlichen Arbeit in jener 
Zeit von Ritschl zugewiesen wurde, und an deren Losung B. wahrend seines 
ganzen Lebens in einzigartiger Weise weitergearbeitet hat. Am 13. Marz 1856 
erlangte er auf Grund seiner Dissertation De Ti. Claudio Caesare grammatico 
die Doktorwurde, eine gekrontc Preisschrift unserer Bonner Universitat. Herbst 
1856 — 1857 war B. Lehrer am Bonner Gymnasium; von dem nachhaltigen 
Eindruck seiner Lehrtatigkeit in jener Zeit weifi noch jetzt unser Kollege Karl 
Pelman, der damals sein Schuler war, in fesselnder Weise zu erzahlen. Sommer 
1858 begann B. seine akademische Lehrtatigkeit an der Universitat Bonn, 
in demselben Jahre wurde der Einundzwanzigjahrige als auBerordentlicher 
Professor nach Freiburg i. Br. berufen und dort 1862 zum ordentlichen Professor 
befordert. Eine reiche und vielseitige schriftstellerische Tatigkeit ging mit 
seiner Lehrtatigkeit Hand in Hand. Die 1858 erschienene Ausgabe des Granius 
Licinianus, deren Herstellung vornehmlich ihm und Usener verdankt wird, 
war bedeutungsvoll fur seine Zukunfkund fiir die Zukunft unserer Universitat 
und der klassischen Philologie. Sie brachte ihn in nahere Beziehung zu Her- 
mann Usener und bewirkte in beiden Gelehrten das BewuBtsein ihrer gegen- 
seitigen Hochschatzung und die Erkenntnis ihrer gegenseitigen Erganzung. 
In demselben Jahr erschien die Ausgabe der Frontinschen Schrift iiber die 
Wasserleitungen der ewigen Stadt, eines Buches, das wie kein zweites der 
romischen Literatur als eine Frucht echt romischer Eigenart erachtet werden 
muB, 1859 die Ausgabe des Peruigilium Veneris, das eines der anmutigsten 
und an poetischem Wert einzigartigsten Erzeugnisse der Poesie der Kaiserzeit 



BUcheler. 



233 



ist, aufierdem in jenen Jahren eine grofie Anzahl von Einzelabhandlungen 
grammatischen, kritischen und Iiteraturgeschichtlichen Inhalts, durchweg aus- 
gezcichnet durch die echt B.schen Eigenschaften der Klarheit und Treffsicher- 
heit, der ausgebreiteten und vertieften Gelehrsamkeit, der unbedingten Wahr- 
heitsliebe. Von jener Zeit an bis in die letzte Woche vor seinem jahen Hin- 
scheiden bildeten solche kleineren und kleinsten Abhandlungen den kostbarsten 
Schmuck des rheinischen Museums, der von ihm herausgegebenen Bonner 
philologischen Zeitschrift. Eine seiner letzten schriftlichen AuCcrungen derart 
beginnt mit den Worten: »Ich schreibe eine Palinodie«, ein lebendiges Zeugnis 
seiner Wahrheitsliebe, die letzte bestatigt die 5. These seiner Promotionsschrift 
durch einen neuen Fund, sie enthalt die Wiirdigung einer in Saturniern ab- 
gefaCten Inschrift der Gracchenzeit. Drei Aufgaben, die er sich bereits in jungen 
Jahren gestellt hatte, haben sein an Ruhm und Erfolgen reiches Leben vor- 
nehmlich ausgefullt. Die erste war eine urkundliche Ausgabe des Romanes 
des genialen Petronius Arbiter, dessen erste Bearbeitung 1862 erschienen ist. 
Nur ein Meister der Kritik und ein Kenncr der lateinischen Sprache wie B. 
konnte dieser Aufgabe gerecht werden. Es unterstiitzte ihn dabei sein feines 
Verstandnis fur die kraftvolle Derbhcit und den urwiichsigen Humor im Leben 
des niederen Volkes. Wer seine Erklarungen einzelner Verse und Szenen der 
alten Komodie gehort hat, wer seine Erlauterungen zu einzelnen Stellen des 
Petronschen Meisterwerks aufmerksam liest, mag oft daran erinnert werden, 
daft die Wiege des feinsinnigen Philologen unweit der Grenze des Landes ge- 
standen, das der Welt die Brouwer und Ostade, die Steen und Hals geschenkt 
hat. 1866 folgte B. einem Ruf nach Greifswald. Dort nahm er die zweite Auf- 
gabe, die er sich schon friiher gestellt hatte, in Angriff, die Sammlung der 
lateinischen Inschriften in metrischer Form von den altesten bis in die spatesten 
Zeiten. Das Werk erschien in zwei Banden 1895 — 1897, das umfangreichste 
Werk, das B. verfafit hat, eine reiche Quelle der grammatischen, prosodischen , 
metrischen Belehrung fiir alle Forscher. Unter den behandelten Gedichten 
befinden sich gewifi viele Denkmaler der Sprachgeschichte von einziger Be- 
deutung fur die Wissenschaft, daneben aber auch viele unscheinbare Verslein 
handwerksmaftiger Friedhofs- und Gallimathiaspoesie; alle sind mit der gleichen 
Sorgfalt und Hingebung behandelt. Wer seine Vorlesungen gehort hat, dem 
mag bei dem Studium dieses Werkes wohl der Gedanke des Bedauerns auf- 
steigen, daft dieser glanzende Scharfsinn und diese weit ausgreifende Gelehr- 
samkeit nicht einem Kunstwerk hoherer Gattung, etwa einer griechischen 
Tragodie, einer Komodie oder dem Werk eines der groBen Alexandriner zugute 
kommen konnte. 

Im Jahre 1870 wurde B. »auf Useners Antrag, nicht ohne Kampfe in der 
Fakultat, hauptsachlich um des Seminars willen«, als Nachfolger Otto Jahns 
nach Bonn berufen, wie B. vor Jahren selbst in seinem Seminar berichtet 
hat. AVohl in Erinnerung (an die gemeinsame Arbeit) scheute Usener keine 
Muhe und keinen Kampf, um mich als scinen Kollegen nach Bonn zu bringen«, 
ein Verdienst Useners um unsere Universitat, das so schwer wiegt, wie seine 
grofiten wissenschaftlichen Verdienste, da dieses Zusammenwirken und nur 
dieses Zusammenwirken die Lehrerfolge der beiden Bonner Philologen er- 
moglichte. Hier entfaltete sich die Begabung des Lchrers und Schriftstellers 
zur hochsten Bliite. Gerade die schwierigsten und muhseligstcn Aufgaben 



234 



Bttcheler. 



reizten seinen Scharfsinn: fur die Erklarung des Plautus wahlte er deshalb 
gerade den Truculentus, fur die Erklarung des Sophokles den Odipus auf 
Kolonos. Die zerstorten Kolumnen der herkulanensischen Rollen, die schein- 
bar heillos verderbten Zitate griechischer Dichter bei den lateinischen Metri- 
kern wiederherzustellen, konnte nur einem Kritiker von seiner Begabung 
gelingen. So unternahm er es auch, die schwer zu ergrtindenden Denkmaler 
der italischen Dialekte zu erklaren, die dritte Aufgabe, die er sich in jungen 
Jahren gestellt hatte, und deren Bearbeitung fur die Sprachdenkmaler der 
Umbrer in dem 1883 erschienenen, Umbrica betitelten Buch vorliegt. Aber 
seine wissenschaftliche Tatigkeit war keineswegs auf das Gebiet der italischen 
Sprachen beschrankt. Schon 1869 hatte er durch seine Ausgabe des home- 
rischen Hymnus auf Demeter auch auf dem Gebiet der griechischen Poesie 
seine reiche Begabung darlegen konnen, 1885 legte er eine Ausgabe der neu- 
gefundenen Inschrift von Gortyn vor, 1892 eine Bearbeitung des neu ent- 
deckten Herondas. 

Indessen gerade bei seiner Vorliebe fur die Ergriindung der dunkelsten 
und schwierigsten Probleme zeigte er eine unvergieichliche Zuruckhaltung 
und Besonnenheit in der sorgsamen Verwertung der Oberlieferung und der 
Abweisung jeglichen Spiels phantastischer Kombinationen. Man kann zweifeln, 
welche seiner hervorstechendsten Eigenschaften am meisten Bewunderung 
verdient, die Gabe der schopferischen Divination oder die niichterne Besonnen- 
heit und Mafiigung gegeniiber dem uberquellenden Gedankenreichtum seines 
unermlidlich schaffenden Geistes. Kein Zweifel, daB er seinen Meister nicht 
nur erreicht, sondern dafi er ihn bei weitem iiberholt hat. 

Wer B.s Tatigkeit als Lehrer kennen lernen will, muB die zahlreichen 
Nekrologe seiner Schiiler nachlesen, bei deren Niederschrift die Verehrung, 
die Liebe und die Dankbarkeit sichtbarlich die Hand gefiihrt hat. Wie er hohe 
Anforderungen an sich selbst stellte, so stellte er auch hohe Anforderungen 
an andere, er konnte hart und schonungslos im Tadel vorgehen; in einzelnen 
seiner Charaktereigenschaften, wie in dem oft jahlings aufbrausenden Tempera- 
ment erinnerte er an den zweiten bedeutenden Sohn des niederrheinischen 
Landes, der in demselben Jahr, wie er, vom Tode abgerufen wurde, den viel- 
bewunderten und vielangefeindeten Leiter der Abteilung fiir die Universitaten 
im preuflischen Kultusministerium. Aber der Schiiler erkannte bald, wie viel 
sein Tadel wert war, und ftir wie unschatzbar sein Lob gelten konnte. Fiir 
viele seiner Mitarbeiter, Schiiler und Freunde war sein Urteil der Kanon, und 
diese Auffassung ist mit seinem Tode nicht untergegangen. Mehr wie viele 
andere Gelehrte lebt seine eigenartige Personlichkeit in seinen Schriften weiter 
fort. Wer die knappen, inhaltsschweren und doch so klaren Satze liest, glaubt 
die Stimme des Verfassers zu horen und die warme, geistige Ausstrahlung der 
groflen Personlichkeit tatsachlich um sich zu verspiiren. Kein Wort zuviel, 
jedes Wort sorgsam erwogen, nichts war ihm verhaCter als Weitschweifigkeit. 
Ein Augenzeuge berichtet, daB B. mehr Zeit brauchte zum Streichen, als 
mancher andere, um ein Buch zu schreiben. An Ehren und Auszeichnungen, 
an Anerkennung und Ruhm hat es ihm nicht gemangelt. Aber das hochste 
Gliick in seinem Beruf war fiir ihn die von Jahr zu Jahr sich mehrende Er- 
kenntnis, daB der Weg, den er ging, und den er andern zeigte, tatsachlich zur 
Wahrheit gefiihrt hatte und zur Wahrheit fiihrte, zu der hehren und oft grau- 



BUcheler. Althoff. 235 

samen Gottin, die flir viele unnahbar und oft gerade den eifrigsten und f leifiigsten 
Suchern ihre Pforten unerbittlich verschlossen halt. 

Mit Genehmigung des Hr. Verfassers wiederholt aus der Chronik der Universitat Bonn 
fur das Jahr 1908. Dazu Neue Jahrb. 1908, XXI, S. 358 — 64. 

Friedrich Marx. 



Althoff, Friedrich. * 19. Februar 1839 in Dinslaken, f 20. Oktober 1908 in 
Berlin.- — In der Geschichte der preufiischen Unterrichtsverwaltung sind nur 
wenige Zeiten zu nennen, die eine solche Kraft und Energie der Betatigung 
und eine solche Fulle von Erfolgen aufzuweisen haben wie die Ara, die durch 
den Eintritt A.s in die Unterrichtsverwaltung herbeigefiihrt worden ist. Von 
einer solchen Ara wird man sprechen, wenn auch neben und mit A. gleichzeitig 
andere hervorragende Manner in dem Unterrichtsministerium gewirkt haben, 
und wenn auch nicht alles durch ihn geschaffen und gefordert worden oder 
auch nur auf seine Initiative zuruckzufuhren ist. Aber seine Personlichkeit ist 
so iiberragend und eigenartig, und was er getan, iibertrifft alles andere so an 
Bedeutung, Fulle und schopferischer Energie, daS die Geschichtsschreibung 
das Vierteljahrhundert, wahrend dessen er dem Unterrichtsministerium ange- 
hort hat, mit seinem Namen bezeichnen wird. 

Friedrich Theodor A. ist in dem am Niederrhein gelegenen Stadtchen Dins- 
laken als der Sohn eines Konigl. Domanenrats geboren. Nachdem er in den 
ersten Jahren privatim unterrichtet worden war, kam er mit etwa 12 Jahren 
auf das Gymnasium in Wesel, das er schon 1856 mit dem Zeugnis der Reife 
verliefl. Er bezog die Universitat Bonn, um Rechtswissenschaft zu studieren, 
und gab sich dem frohlichen, ungebundenen Treiben des Studentenlebens hin. 
Seinem munteren, sorglosen Sinne mochte es behagen: er hat sich rege daran 
beteiligt, ist Korpsstudent gewesen, hat seine Mensuren geschlagen wie einer. 
Zeitlebens hat er sich etwas von der Ungezw r ungenheit des Studenten bewahrt. 
Wie sehr ihn das Leben fesselte, zeigt die Tatsache, dafi er erst nach zehn Se- 
mestern sein erstes juristisches Examen, damals noch das Auskultatorexamen, 
ablegte. 1864 wurde er Referendar; und als solcher verheiratete er sich, 25 Jahre 
alt, mit Marie Ingenohl, die er wahrend seiner Auskultatorzeit in Neuwied 
kennen gelernt hatte. 1869 bestand er mit Auszeichnung die Prufung als 
Assessor; und er beabsichtigte nun, sich als Advokat beim Reichsoberhandels- 
gericht in Leipzig niederzulassen und zugleich als Privatdozent zu habi- 
litieren. 

Mit diesen Planen noch beschaftigt, erhielt sein Leben eine entscheidende 
Wendung. Nach Beendigung des grofien Krieges, an dem ihm zu seinem 
Schmerze teilzunehmen nicht vergonnt war, wurde er im Fruhjahr 187 1 nach 
StraOburg berufen. Er wurde in der Zivilverwaltungsbehorde mit dem Referat 
fur Kirchen- und Schulsachen betraut und damit auf die Aufgaben hingeleitct, 
denen er dann sein ganzes Leben widmen sollte. 

Ein Gliick, das er stets dankbar empfunden und anerkannt hat, war es flir 
ihn, dafi er hier in dem Oberprasidenten von Moeller einen Vorgesetzten fand, 
der seine Begabung richtig einzuschatzen wufite und fur ihn in organisatorischer 
Beziehung ein von ihm allzeit hochverehrter Lehrmeister wurde. Bald war es 
A. vergonnt, an einer grofieren Aufgabe mitzuwirken. 



236 



Althoff. 



Schon Mitte Juli 1871 war der friihere badische Minister, der Freiherr 
von Roggenbach, beauftragt worden, in Strafiburg die Errichtung einer neuen 
Universitat vorzubereiten. Am I. Mai 1872 wurde sie eroffnet. Unter den 
neu ernannten Dozenten befand sich auch A., der eine aufierordentliche Pro- 
fessur in der rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultat erhielt. Gleich- 
zeitig blieb er aber in der Verwaltung. Strafiburg war die erste Universitat, 
in der neben das Vorlesungswesen in grofierem Umfange die Einrichtung von 
Seminaren trat, um die Studenten auch zum selbstandigen Arbeiten zu er- 
ziehen. Sie wurde in dieser Hinsicht spater fur die gesamten preufiischen Uni- 
versitaten vorbildlich. 

Auf welchem Gebiete A.s Begabung vorwiegend lag, daruber wurde er 
sich wohl zuerst in dieser Zeit vollig klar. Bisher hatte er zwischen wissenschaft- 
licher und praktischer Betatigung noch geschwankt. Erst in Strafiburg wurde 
er sich dessen bewufit, dafi seine Befahigung auf dem organisatorischen Gebiete 
lag. Auch seine einzige grofiere schriftstellerische Arbeit, die in der Strafl- 
burger Zeit entstand, diente vorwiegend praktischen Zwecken. Es war ein 
grofies Sammelwerk: die allgemeine Gesetzsammlung fur Elsafl-Lothringen, die 
das geltende Recht zusammenstellte. 1880 wurde A. zum ordentlichen Pro- 
fessor ernannt, aber mehr entsprach es seiner Begabung, dafi er zwei Jahre 
darauf von dem Statthalter von Elsafi-Lothringen, dem Freiherrn von Man- 
teuffel, in den Staatsrat berufen wurde. 

Noch im selben Jahre, im Oktober, wurde er seiner Lebensaufgabe zuge- 
fuhrt. Der damalige Kultusminister von Gofiler berief ihn zum vortragenden 
Rate in das Ministerium, in dem er die Universitatsangelegenheiten zu bear- 
beiten hatte. Durch seine jahrelange Tatigkeit als Professor mit dem inneren 
Wesen und Betriebe der Universitaten vertraut und zugleich in der Verwaltung 
erfahren, war er wie kaum ein anderer fur die Stelle vorbereitet, die durch 
ihn eine bisher nicht dagewesene Bedeutung erhielt. 

A. griff seine Aufgaben mit starker Hand an. Die Besetzung der Profes- 
suren, die bisher im wesentlichen auf den Vorschlag der Fakultaten erfolgte, 
nahm er selbst in die Hand. Gar manche wissenschaftliche Kraft verdankt es 
diesem personlichen Eingreifen, dafi ihr der ihrer Bedeutung zukommende 
Wirkungskreis geschaffen wurde. Privatdozentenstipendien ermoglichten es 
auch nichtbeguterten begabten jungen Mannern die Universitatslaufbahn 
einzuschlagen. Die ungeheure, vielfach vom Zufall abhangige Ungleichheit in 
den Einnahmen der Universitatslehrer milderte er in gerechtem Sinne durch 
eine Neuregelung der Honorarverhaltnisse und Gehaltszulagen. Fur die Kol- 
legiengelder wurden Hochstbetrage eingefuhrt, die ohne Genehmigung des 
Ministeriums nicht iiberschritten werden diirfen. Eine neue Stundungsordnung 
hat manche Harte in der Eintreibung der gestundeten Honorare beseitigt. Fur 
die Hinterbliebenen der Universitatslehrer hat A. durch Neuregelung der 
Witwen- und Waisenkassen gesorgt. 

Wie vieles ist nun aber unter ihm und durch ihn fur den inneren Ausbau 
der Universitaten und fur die Forderung von Wissenschaft und Kunst geschehen! 
Wie schon angedeutet, wurden nach dem Vorbilde Strafiburgs die Universi- 
taten durchweg mit Seminaren, Laboratorien, Ubungsstatten versehen. Ein 
dauernder Gegcnstand seiner Aufmerksamkeit ist das Leben und Lernen der 
Studenten gewesen. Er hat den geregelten Fleifi derselben zu heben und die 



Althoff. 



237 



besonders in der juristischen Fakultat herrschende Unsitte der Examenpaukerei 
zu beseitigen gesucht. Aus diesem Grunde hat er mit Recht aufler der wissen- 
schaftlichen Tiichtigkeit, die bisher fiir die Berufung der Hochschullehrer allein 
im wesentlichen maflgebend gewesen war, auch auf die Lehrbefahigung groCeren 
Nachdruck gelegt. Neben der theoretischen Unterweisung, auf die sich der 
Universitatsunterricht friiher fast ausnahmslos beschrankte, hat er der prakti- 
schen Selbstbetatigung des Studenten, hierin dem groBen Zuge der allgemein 
padagogischen Bewegung folgend, Gelegenheit geschaffen. Ganz bedeutende 
Einrichtungen sind aus dieser Einsicht fiir die Ausbildung der Mediziner ent- 
standen. Die arztliche Priifungsordnung von 1901 verlangte die Einftihrung 
des praktischen Jahres nach Abschlufl der Staatsexamen. Von solchen Motiven 
unter andern geleitet, hat er den Kliniken an den Universitaten eine hervor- 
ragende Ausgestaltung zuteil werden lassen. Die Dusseldorfer, die Kolner 
Akademie fiir praktische Medizin, das Kaiserin Friedrich-Haus in Berlin sind 
Institute, die eigens fiir diesen Zweck eingerichtet worden sind. Auch sonst 
verdankt ihm die Forderung der medizinischen Wissenschaft sehr viel. Viel- 
leicht darf man die Vermutung auBern, dafl es die Wissenschaft war, die seinem 
Herzen am nachsten stand. Seine wichtigste Sorge ist es gewesen, die Gesund- 
heit des Volkes zu heben und die seine Krafte untergrabenden Seuchen zu be- 
kampfen. Mit alien dafiir dienenden Mitteln ist sein Name eng verknupft. Das 
Institut fur Infektionskrankheiten, das konigliche Institut fur experimentelle 
Therapie, das Kaiserin Auguste Viktoria-Haus zur Bekampfung der Sauglings- 
sterblichkeit: es sind alles Grundungen, die A.s hervorragender Mitwirkung zu 
verdanken sind. Sein Wirkungskreis erstreckte sich ja weit iiber seine mini- 
sterielle Tatigkeit hinaus. Die oben angegebenen Stiftungen waren vorwiegend 
schon privater Natur; aber in noch weit ausgedehnterem Mafie hat er private 
Kreise zu wohltatiger Fiirsorge anzuregen gewufit. Selbst von der groBten 
Unterstiitzungs- und Gebefreudigkeit hat er nach dieser Richtung hin geradezu 
vorbildlich und erzieherisch gewirkt. Seinem tatkraftigen Eingreifen verdankt 
das Deutsche Zentralkomitee zur Errichtung von Heilstatten fur Lungenkranke 
seine Begriindung; und durch ihn wurde es dann weiter zur Internationalen 
Assoziation zur Bekampfung der Tuberkulose ausgestaltet. 

Fiir die Fortbildung der Verwaltungsbeamten hat er durch die Einrichtung 
der Vereinigung fur staatswissenschaftliche Fortbildung gesorgt. Eine groBe 
Zahl wissenschaftlicher Institute ist unter seiner Mitwirkung gegriindet worden. 
Die Akademie zu Munster hat er zur Universitat ausgebaut, die Kaiser Wilhelm- 
Bibliothek und Akademie in Posen verdankte ihm ihr Entstehen. Er hat die 
technischen Hochschulen in bedeutender Weise gefordert und die zwischen 
ihnen und den Universitaten vorhandene Kluft uberbriickt, indem er sie mit 
verschiedenen Rechten ausstattete. In Danzig, in Breslau sind zum Teil unter 
den grofiten Schwierigkeiten von ihm technische Hochschulen gegriindet worden. 
Der neue Botanische Garten in Dahlem bei Berlin, auf dem er seine letzte 
Ruhe gefunden hat, ist seine Griindung. In seiner Nahe erhebt sich eine ganze 
Kolonie wissenschaftlicher Institute, die pharmakologische, die agrikultur- 
chemische Anstalt, die ihr Entstehen seiner Unterstutzung und tatkraftigen 
Forderung verdanken. Er hat es zustande gebracht, daB fiir die Universitats- 
bilbliothek und die Konigliche Bibliothek in Berlin ein groBer, monumentaler 
Neubau errichtet wird, der bald seiner Vollendung entgegengeht. Wenn die Ber- 



238 Althoff. 

liner Universitat ihre Hundertjahrfeier demnachst in einer neuen, den moder- 
nen Anspriichen geniigenden Aula abhalten konnen wird, so ist dies A.s Werk. 

1897 wurde A. Ministerialdirektor und gewann nun auch EinfluB auf das 
hohere Schulwesen. Mit fester Hand bemachtigte er sich auch hier sofort der 
neuen Aufgaben. Er berief bei passender Gelegenheit geeignete tiichtige Mit- 
arbeiter und loste mit ihnen eine Reihe schultechnischer und materieller 
Schwierigkeiten gewichtigster Art. Die in Preufien bestehenden drei Arten 
hoherer Lehranstalten, die Oberrealschule, das Realgymnasium und das Gy- 
mnasium wurden grundsatzlich als gleichwertig anerkannt und erhielten im 
allgemeinen die gleichen Berechtigungen. Neue Lehrplane, eine neue Prufung 
fur die Reifeordnung, eine neue Versetzungsordnung folgten. Eine grofiere 
Bewegungsfreiheit auf der Oberstufe der hoheren Schulen wurde gewahrt und 
Erleichterung in dem Ubergang von einer Anstaltsgattung zur andern geschaffen. 
Lange gehegte Wiinsche padagogisch einsichtiger Manner gingen mit diesen 
Taten in Erfiillung. Der korperlichen Erziehung der Jugend wurde grofiere 
Aufmerksamkeit als bisher zuteil. Die Verhaltnisse der nicht bei ihren Eltern, 
sondern in Pensionen wohnenden Schuler liefl er untersuchen und die darin 
herrschenden Miflstande abstellen. Den Gedanken, Familienalumnate fiir diese 
Schuler zu errichten, in denen auch die Frau ihren wohltuenden erzieherischen 
EinfluO geltend machen konnte, hat A. mit grofiter Energie zu verwirklichen 
gestrebt; und eine ganze Reihe von Grundungen der Art verdanken diesem 
unablassigen Bemlihcn ihre Entstehung. 

Kaum hatte er die Leitung des hoheren Schulwesens iibernommen, so 
nahm er auch die Regelung der materiellen Lage und der Standesfrage der 
Oberlehrer in die Hand. Durch die Reform der Prufungsordnung fiir die Kandi- 
daten des hoheren Lehramts schuf er die Einheitlichkeit des Oberlehrerstandes, 
der im alten System durch die verschiedene Klassifizierung der Priifungs- 
zeugnisse in mehrere Kategorien zerfallen war. A.s unermudliche Energie hat 
es zustande gebracht, dafi der lange gehegte Wunsch der Oberlehrer, mit den 
Richtern gleichgestellt zu werden, endlich in Erfiillung ging. Er hat sie in bezug 
auf Titel und Rang hoher gestellt, er hat ferner ihre Stellung dadurch zu heben 
gesucht, dafi er einzelne Vertreter des Standes in die Unterrichtsverwaltung 
zog. Um die wissenschaftlich tatigen unter ihnen zu fordern und ihnen die 
Arbeit zu erleichtern, ist durch ihn eine grofiere Summe in den Etat eingesetzt 
worden. Auch fur ihre Hinterbliebenen hat er sich die Forderung der Witwen- 
und Waisenkassen angelegen sein lassen, und sie selbst hat er mit den iibrigen 
Gelehrtenkategorien in der kurz vor seinem Tode gegrundeten »Wilhelmstiftung 
fiir Gelehrte« bedacht, der dann durch den Kaiser der Name »Friedrich Althoff- 
Stiftung« verliehen worden ist. 

So reiht sich in fast unubersehbarer Folge Tat an Tat; es ist nur das Wich- 
tigste, w r as hier genannt werden kann. Auch eine grofie Zahl literarischer 
Unternehmungen, die seiner Anregung und Unterstiitzung ihre Entstehung 
verdanken, waren hervorzuheben. Wir miissen darauf verzichten, wie wir es 
auch unterlassen miissen, auf die bedeutsame Betatigung aufierhalb seines 
Ressorts und nicht zuletzt auf die im Stillen geiibte private Wohltatigkeit ein- 
zugehen, die er geubt hat. 

Die luckenhafte und teilweise Aufzahlung der wichtigsten Taten und 
Schopfungen A.s vermag nur einen schwachen Begriff von der Bedeutung 



Althoff. 



239 



seines Werkes zu geben. Niemand sieht es diesen paar Taten an, welche iiber- 
menschliche Arbeit und unsagliche Muhe dazu gehort hat, sie zustande zu 
bringen. Wir vermogen nur zu ahnen, welche Menge von Widerstanden, Schwie- 
rigkeiten starkster Art vielfach zu iiberwinden waren, welche Gefahren er be- 
stehen muflte, um zum Ziele zu gelangen. Erst dem kunftigen Historiker, dem 
sich das ganze Triebwerk von Motiven, Hemmnissen, Gegenwirkungen ent- 
wirrt, wird sich die Bedeutung dieses Mannes in ihrem vollen Lichte zeigen. 
Gewifi ist er nicht der Schopfer aller dieser Gedanken gewesen, die hier Wirklich- 
keit geworden sind; sicher hat er vielfach die Anregungen und selbst die Ideen 
von seinen Mitarbeitern und von Drauflenstehenden erhalten; aber er hat sie 
zu nutzen gewuBt, ihnen die flir die Wirklichkeit der Dinge brauchbare Gestalt 
gegeben und sie in die Tat umgesetzt. Eine so vielfaltige, ausgedehnte und erfolg- 
reiche Tatigkeit war nur durch eine seltene Vereinigung bedeutender Eigen- 
schaften des Korpers, Geistes und der Seele moglich. 

A. soil zum Militardienst wegen eines Herzfehlers nicht tauglich gewesen 
sein. Niemand hatte in dem massiven, grofien, starken Manne einen solchen 
organischen Fehler vermutet. Sein Korper war den groflten Anstrengungen 
gewachsen. Er war von rastlosem Fleifie. Vergnugungen und Erholung kannte 
er nicht. Sein Leben war unausgesetzte Arbeit. Gerade dafi er sich ein paar 
Nachtstunden Ruhe gonnte. Auf der Fahrt und dem Gange zum und vom 
Bureau sah man ihn meist mit einem Mitarbeiter oder sonst einem Bekannten 
im Gesprach. Es waren immer zur Sache gehorige Fragen, die erortert wurden. 
Traf er unterwegs diesen oder jenen von den zahllosen Menschen, die er kannte, 
so hielt er ihn wohl an und hatte gleich den einen oder andern Gegenstand mit 
ihm zu besprechen. Sein erstaunliches Gedachtnis hielt ihm die Unsumme 
seiner Ideen und Interessen stets bereit, so dafi er in jedem Augenblick imstande 
war, sich Auskunft zu erholen, andere Meinungen zu horen, Auftrage zu erteilen. 
Sein Geist war in bestandiger Bewegung. Er besafi eine ungemein schnelle 
Auffassungsgabe. Wenn er bei Vortragen ungeduldig wurde oder sich noch 
starker ablehnend auflerte, so lag das zum Teil daran, dafi er den Sinn dessen, 
was der Redende ihm sagen wollte, langst erfafit hatte, wenn dieser sich noch 
Muhe gab, seine Sache darzulegen. Die Schnelligkeit des Denkens vermehrte 
seine Leistungsfahigkeit in der Bewaltigung der Unmenge von Arbeit, die ihm 
jeder Tag brachte. 

Aber das erklart nicht seine Erfolge. Wesentlich war doch vor allem, 
dafi er eine seltene Befahigung fur die Wirklichkeit der Dinge besafi. In ihm 
war nichts von einem Theoretiker. Er war kein Mann des abstrakten Denkens. 
Sein Interesse war ganz auf die Welt der Wirklichkeiten gerichtet. Es war sein 
bestandiges Streben, selbst die Dinge, Verhaltnisse und Menschen kennen zu 
lernen, mit denen er in seinem Berufe zu tun hatte. Sein durchdringender 
Verstand enthiillte ihm die Motive der Menschen und legte ihm die in den 
Dingen wirkenden Triebkrafte blofi. Was man Welt- und Menschenkenntnis 
zu nennen pflegt, besafi er in seltenem Grade. Aber es war kein theoretisches 
Wissen. Es war alles in ihm plastische Anschauung und lebendige Erfahrung. 

Mit dieser Erkenntnis des Bestehenden verband sich nun ein starker Reform - 
eifer, ein Bedurfnis, wirklich vorhandenen Mifistanden und Schaden oder doch 
von ihm als solche beurteilten abzuhelfen. Fiir alle ernstgemeinten Reform - 
absichten und Vorschlage hatte er stets ein williges Ohr. Er liebte es dabei, die 



24O Allhoff. 

verschiedensten Meinungen zu horen. Nie war ein Mann weniger von vornherein 
fiir eine Ansicht eingenommen als er. Es war der Beweis einer ungemein seltenen 
Objektivitat, dafi er fremde Ansichten der widersprechendsten Art auf sich 
einwirken lassen konnte. Es war eine Art geistiger Selbstentauflerung. Dieser 
hochst eigenartige und individuelle Mensch konnte seine Personlichkeit ganzlich 
hinter die Sache zuriickstellen. Es lag das tief in der sittlichen Anlage seiner 
Natur begrundet. 

Ein starkes Gerechtigkeitsgefuhl bildete die Grundlage seines Wesens. 
Gewalttatige Unterdriickung war ihm zuwider. Er freute sich, von sich sagen 
zu konnen, dafi er nie eine Hetze mitgemacht habe, keine Juden- und keine 
Katholikenhetze. Das Wort: Pectus facit theologum wandte er gern auf den 
Politiker an. Herz verlangte er vom Staatsmanne, Herz und Gerechtigkeits- 
sinn. Diese ruhige, rein sachlich abwagende Bewertung der Dinge und Ver- 
haltnisse war wohl der tiefste Grundzug seines Wesens, gleichsam seine Welt- 
und Lebensanschauung. Die Vielgestaltigkeit der Wirklichkeit und Mannig- 
faltigkeit der Uberzeugungen und Bestrebungen nahm er als eine gegebene 
Tatsache hin. Er selbst hat sich mit keiner von ihnen identifiziert; er ist kein 
politischer, kein religioser und kein wissenschaftlicher Parteimann gewesen. 

Soweit es in seiner Kraft stand, hat er in diesem Geiste zu wirken gesucht. 
Aber der Starkste mufl mit den Machten der Welt rechnen. Wer in der Wirklich- 
keit etwas zustande bringen und schaffen will, kann nicht alles w T ollen, nicht 
unerreichbaren Idealen nachstreben. Auch A. hat ein solches vorgeschwebt. 
Es kommt in der bezeichnenden Aufierung zum Ausdruck, die er kurz vor seinem 
Tode getan hat: er mochte einen Weltbund der Toleranz stiften. Aber das ist 
das GroOe an ihm, dafi er seine Ziele nur so weit zu erreichen strebte, als es unter 
den wirklichen Verhaltnissen moglich war. Dieser Einsicht und Selbstbescheidung 
verdankt er seine groflen und zahllosen Erfolge. 

A. war ein Meister im Handeln. Er besaC die grofle Kunst, das Rechnen 
mit den Moglichkeiten. In der Natur kennt man die Wirkung, wenn die'Ursachen 
bekannt sind. Anders in der Welt der Freiheit, im menschlichen Leben. Hier 
bringt jede Tat, jede Einwirkung eine Fulle von Moglichkeiten, um so mehr, je 
weiter sich die Wirkung erstreckt. Und in jedem Stadium des Handelns ver- 
andern sich die moglichen Falle. Wer Erfolge erzielen will, wird die sich als 
moglich ergebenden Wirkungen erwagen und bei jedem Schritte, den er in 
seinem Handeln vollzieht, die Vielgestaltigkeit und Mannigfaltigkeit der Ver- 
anderungen uberlegen mussen. Diese Gabe, zu ermessen, was sich aus seinen 
Handlungen an Moglichkeiten ergeben konnte, besafi A. in erstaunlichem Grade. 
Es ist die wichtigste Begabung des praktisch ins Grofle wirkenden Menschen. 

Seine Virtuositat in der Beherrschung von Dingen und Menschen, das 
Gefiihl iiber den Dingen zu stehen, reizte seine Gestaltungskraft und schopfe- 
rische Begabung. Nicht blofl der Dichter, der eine Welt in seinem Geiste schafft, 
auch der organisatorische Genius besitzt Phantasie. Sie greift schaffend in 
die Wirklichkeit ein. A. besafl sie in reichem Mafle. In der Betatigung seines 
schopferischen Vermogens beschrankte er sich nicht immer nur auf die ihm 
gcrade vertrautesten Verhaltnisse; manche seiner Handlungen erklart sich 
allein aus der Freude an dem uberquellenden Kraf tgeftihl, die Dinge und Menschen 
meistern zu konnen. Je schwieriger die zu bewaltigenden Verhaltnisse waren, 
je starker ihn die Wogen umtosten, um so mehr wuchs seine Kraft. Es war 



Althoff. 



241 



eine Art asthetischen Genusses, den er wie jeder grofie aktive Mensch im Kampfe 
empfand. Dafi er dabei bisweilen eine Schlappe erlitt, will gegen die Fiille von 
Erfolgen nichts bedeuten. 

In seinem Handeln ermaB er genau den Zeitpunkt, wenn er seine Absicht 
ins Werk setzen und zugreifen zu konnen glaubte. Die vorbereitenden Schritte 
tat er mit groCter Behutsamkeit und Vorsicht. 

Daraus erklart sich das vorsichtige und bedachtige Hin- und Hererwagen, 
das Liegenlassen und Wiederaufnehmen von Planen, das ganzliche Aufgeben 
von solchen, wenn der Zeitpunkt zu ihrer Durchfuhrung noch nicht gekommen 
schien. Von alien Seiten erwog er eine Sache; er horte die Ansichten anderer 
daruber, und wer ihm etwas dazu zu sagen hatte, war ihm recht. Wieweit er 
freilich davon Gebrauch machen wollte, stand ganz bei ihm. Auf sein Urteil 
und seine Entscheidung hatte niemand Einflufi; die behielt er sich vor. 

Hatte er seinen Entschlufl gefafit, so ging er mit uberraschender Energie 
und Kuhnheit zu Werke. Alle Mittel waren ihm dann recht, um zum Ziele zu 
gelangen. Auch krumme Wege ist er gegangen. Wer im praktischen Leben 
erfolgreich wirken will, kann nicht immer den Grundsatzen einer idealen Ethik 
entsprechend handeln. Er mufi den Mut haben, das Schlechte und Gemeine 
zu beriihren; er darf sich nicht scheuen, willige und geftigige Kreaturen zu be- 
nutzen, die nicht ganz sauber sind; er kann Schliche, Listen und Ranke nicht 
vermeiden, weil die Welt mit ihnen operiert. Der Ethiker und Padagoge 
mag erziehen, dafi es besser werde, der Praktiker mufi die Welt und Menschen 
nehmen, wie sie sind. 

A. hat solche Mittel benutzt, und er hat sie weder beschonigt noch vor sich 
zu rechtfertigen versucht; er sah ein, dafi es nicht anders ging. Er hat auch 
vor andern kein Geheimnis daraus gemacht, dafi er nicht immer gerade Wege 
ging. Aber wenn er es tat, so geschah es doch stets um der Sache willen. Nie 
hat der Mann einen aufieren personlichen Vorteil gesucht. Fur den aufieren 
Schein der Welt hatte er keine Augen. Damit hing auch ein wesentlicher Zug 
seiner Menschenbeurteilung zusammen. Man hat gemeint, er ware ein Menschen- 
verachter gewesen. Nichts unrichtiger als das. Gewifi erkannte er mit seinem 
scharfen Blick die aus Eitelkeit, Ehrgeiz und den vielen kleinen Leidenschaften 
bestehenden Motive der meisten Menschen; sie traten ihm in seiner Stellung 
unverhiillter und haufiger entgegen als andern Sterblichen; und er hat sie wohl 
nicht immer zart angefafit und glimpflich behandelt. Aber dafi ihn widrige 
Erfahrungen der Art zum Menschenverachter gemacht hatten, davon war nichts 
zu spiiren. Es hatte auch zu seinem ganzen Wesen nicht gepaflt. Es lebte in 
ihm ein viel zu starkes Gefiihl fur die Gebrechlichkeit und Schwache der 
menschlichen Natur. Und dann hatte er auch wieder ein tiefes Verstandnis 
fur das rein Menschliche, wie es sich bei Mannern in so bedeutender Stellung 
nur sehr seiten findet. Aufierer Rang, Wiirde und Ehre vermochten ihm 
nicht zu imponieren. Danach hat er nie Menschen beurteilt. Es gab nichts 
Gleichgiiltigeres fur ihn. Sein eigenes Leben ist Beweis dafur. Uber die 
Stellung des Ministerial-Direktors hat er nie hinausgestrebt, wiewohl ihm 
hohere Amter sicher nicht verschlossen gewesen waren. 

Den einfachen Mann behandelte er mit derselben inneren Vornehmheit 
und Achtung wie den Hochgestellten. In seinem Wesen lag uberhaupt etwas 
Reines und Kindliches; und eine Naivitat des Gemtits kam bisweilen zum 

Biogr. Jahrbuch u. Deutschcr Nelcrolog-. 13. Bd. 1 6 



242 



Althoff. Vecchioni. 



Vorschein, die niemand dem welt- und menschenkundigen Manne zugetraut 
hatte. Er konnte sich harmloser Freude und frohlichem Scherze hingeben und 
zum Arger von gar manchem ernste Debatten und Verhandlungen durch solche 
Harmlosigkeiten unterbrechen und in die Lange Ziehen. Wie ernst sein Geist 
mit dem Bedeutendsten beschaftigt war, hatte er doch Sinn und auch immer 
Zeit noch ubrig fur die Kleinigkeiten des Lebens. Darum liebten ihn auch 
besonders die, die hierfur das meiste Verstandnis haben, die Kinder und die 
Frauen. Es mag seltsam klingen, aber es ist wahr, es ging ein Zauber von 
diesem Manne aus und eine belebende Kraft, die sich dem mitteilte, der ihm 
nahertreten konnte. Und eine Keuschheit lag iiber seinem Wesen, die man 
erst ganz empfand, wenn man gelegentlich von seinen stillen Wohltaten, von 
seiner zarten Fiirsorge flir Beladene und Bekummerte, von seinem heimlichen 
Streben, Gliick zu stiften und Freude zu bereiten, erfuhr. 

A. war ein Mensch mit seinem Widerspruch; es wird fur den Biographen 
unendlich schwer sein, sein inneres Wesen zu volliger Klarheit zu bringen. A. ist 
eine der kompliziertesten Naturen gewesen; und niemand darf sich wohl riihmen, 
dafi er sich ihm ganz offenbart hatte. Er liebte es, sich zu verhullen; und indem 
Scherz und Ernst in seinen Worten durcheinanderspielten, war meist schwer 
zu erkennen, was er wirklich meinte. Aber offenkundlich war jedem die uner- 
mudliche Arbeitskraft und Arbeitsfreude. Als er am I. Oktober 1907 sein Amt 
niederlegte, gonnte er sich nicht ein otium cum dignitate, sondern wirkte rastlos 
weiter. Noch auf seinem Krankenbette gab er dem neben ihm sitzenden Ge- 
hilfen, haufig schon von Schwacheanfallen unterbrochen, letztwillige Verfugun- 
gen und traf seine Anordnungen bis ins Kleinste hinein, bis auf die Liste von 
Freunden und Bekannten, denen sein letzter GruC uberbracht werden sollte. 
Und als die Todesschatten seinen Geist umfingen, schlofi er sein Tagewerk mit 
den Worten zu dem neben ihm sitzenden jungen Freunde: »Sie wissen nicht, 
wie schon Sterben ist« Seine letzte Ruhestatte hat er auf dem Botanischen 
Garten in Dahlem gefunden. 

Literatur: Paulsen, Friedrich Althoff. Internat. Wochcnschr. Herausg. von 
Paul Hinneberg. 1907, Sp. 967 ff. — Ad. Harnack, Friedrich Althoff. Ebenda 1908, 
Sp. 1377 ff. — Lexis. Ebenda. — Sachse, Friedrich Althoff. Ein Charakter- und Lebensbild. 
Deutsche Revue 1907. Max Klatt, Althoff und das hdhere Schulwesen. Ein Vortrag. 
Berlin 1909. Weidmann. — Wilh. Munch, Friedrich Althoff, der preuBische Ministerial- 
Direktor. Grenzboten 1909, S. 97 ff. — Ad. Matthias, Friedrich Althoff. Blatter fur hOheres 
Schulwesen 1907, S. 162 ff. Alfred Heubaum. 

Vecchioni, August Napoleon, * 10. Januar 1826 zu Zweibrucken, f 14. Febr. 
1908 zu Munchen. — Sein Vater, ehemaliger franzosischer Militar, hatte sich 
nach den Napoleonischen Kriegen in Zweibrucken als Kaufmann niedergelassen 
und mit einer Pfalzerin vermShlt; doch schon 1830 iibersiedelte er mit seiner 
Familie nach Munchen. Dem Willen des Vaters gemafi, widmete sich V. dem 
Kauf mannsstande ; doch fand er daran wenig Gef alien und setzte zuletzt die 
unterbrochenen humanistischen Studien unter Leitung eines tiichtigen 
Munchener Professors privatim fort. Im Herbst 1847 trat er i n die Oberklasse 
des Gymnasiums in Speyer ein. Die Februarrevolution hinterlieB einen tiefen 
Eindruck bei den damaligen Speyerer Gymnasiasten, die sich auch in den Waff en 
iibten, da man den Einfall franzosischen Gesindels in die Pfalz befurchtete. 



Vecchioni. 



243 



Im Oktober 1848 bezog V. die Universitat Miinchen und stiirzte -sich sogleich 
in die hochgehenden Wogen der politischen Bewegung der bayerischen Haupt- 
stadt. Er ward nicht nur ein eifriges Mitglied einiger wegen ihrer antimonar- 
chischen Tendenz der Regierung hochst miflliebiger Vereine, sondern auch 
riihriger Mitarbeiter an dem radikalen »Vorwarts«, einer der zahlreichen 
Zeitungs-Eintagsfliegen, die >>das tolle Jahr« zu kurzlebigem Dasein hervorgelockt 
hatte, sowic an dem zahmeren »Eilboten«. Im Dezember des gleichen Jahres 
iibernahm er die Redaktion des im extremsten demokratischen Fahrwasser 
segelnden »Gradaus«, und der damalige »Erzrevolutionar, der in Fiirstenblut 
watete«, machte, wie so viele andere, hier kein Hehl aus seiner ultrademo- 
kratischen Gesinnung, die bei der politischen Zerfahrenheit unseres Vaterlandes 
das Heil desselben nur in der Grundung einer deutschen Republik erblickten. 
Wegen einiger stark geharnischter Artikel im »Gradaus« gegen unleugbare 
politische Miflstande wurde V. im April 1849 verhaftet und im Juli desselben 
Jahres vor das Schwurgericht gestellt. Den freigesprochenen Angeklagten 
begleitete eine groCe Volksmenge im Triumph nach Hause. Trotzdem schlofi 
ihn der Senat der Universitat Miinchen wegen seiner journalistischen Tatigkeit 
auf 3 Jahre vom Besuche der dortigen Hochschule aus. Diese Maflregelung 
erbitterte V. noch mehr, und in seinem Blatte, das Ende des Jahres 1850 einging, 
gab er dieser gereizten Stimmung entsprechenden Ausdruck. Allerlei Schikanen 
der Polizei, namentlich aber der Mangel einer gesicherten Existenz, veranlaflten 
ihn im Oktober 1852, mit seiner jungen Frau (er hatte sich am 3. Marz 1850 
verehelicht) und zwei Kindern nach Amerika auszuwandern. Zuerst wandte 
er sich nach Dalton in Georgia, dann nach New York, wo er als Mitredakteur 
der Zeitung »Reform« wenigstens fur einige Zeit der bittern Not enthoben war, 
die ihn im Lande der Freiheit hart bedrangt hatte und zuletzt (im Oktober 1855) 
zur Riickkehr in die Heimat trieb. Wahrend des osterreichisch-italienischen 
Krieges grundete V. in Miinchen die politische Tageszeitung »Der Staatsburger, 
Organ fur Freiheit und RechU, die, zwar grofldeutsch gesinnt, doch »das 
faule osterreichische System« heftig bekampfte und die damalige Zerrissenheit 
Deutschlands lebhaft beklagte. Am 28. Juni 1859 erschien die erste Nummer 
des Blattes, das schon am 30. Oktober des gleichen Jahres wieder einging, 
weil die Polizei die Kolportage desselben verboten hatte. Vom Januar bis 
Juli 1862 war er Redakteur an der »Siiddeutschen Presse«, dann Iibernahm 
er die Leitung der 1848 von Schurich begriindeten, von Julius Knorr iiber- 
nommenen »Miinchener Neuesten Nachrichten«. Mit Knorr wirkte V., »der 
Vater des Munchener Liberalismus«, schon friiher flir die planmafiige Aus- 
breitung der liberalen Bewegung in der bayerischen Hauptstadt mit rastlosem 
Eifer und legte dadurch den Grund zu den spateren Wahlsiegen seiner Partei, 
von 1869 an. Fur die Idee der Freiheit und des Kulturfortschritts trat er in 
Wort und Schrift, in Reden wie in Flugblattern, Aufrufen und Broschuren, 
namentlich aber in der von ihm gelciteten Zeitung mit der ganzen Leiden- 
schaftlichkeit seiner Feuerseele ein. Das Geschick Schleswig-Holsteins lag 
ihm ebenso auf dem Herzen wie die Wiederberufung des deutschen Parlaments 
und die von Bismarck geforderte Reform der Bundesverfassung des Vaterlandes. 
Den Krieg von 1866 beklagte er zwar tief, doch nannte er ihn »einen klihnen 
Schritt zur Trennung der siamesischen Zwillinge«. Mit Entschiedenheit be- 
kampfte er die unselige Triasidee und forderte den Eintritt Siiddeutsch- 

16* 



244 



Vecchioni. Mailer. Paulsen. 



lands in den norddeutschen Reichstag. Als im Juli 1870 unpatriotische 
Abgeordnete der zweiten bayerischen Kammer Bayern zum Ausschlufl von 
der nationalen Bewegung und zu einer bewaffneten Neutralitat drangen 
wollten, da verfafite V. mit seinen Freunden Freiherrn von Stauffenberg und 
Hofrat Henle einen ziindenden Aufruf an das Volk, der sich machtvoll dagegen 
erhob und zu dem deutschnationalen Umschwung in der Kammer auch das 
Seine redlich beitrug, ebenso wie V.s patriotisch tiefempfundene Artikel in 
den »Miinchener Neuesten Nachrichten«. Auch in seinem ferneren politischen 
und journalistischen Wirken bekundete er hohe nationale Gesinnung, verbunden 
mit freiheitlicher Lebensanschauung. Wie friiher ausschliefilich gegen die 
ultramontane Partei, so fiihrte er' nun auch einen erbitterten Krieg gegen die 
Sozialdemokratie, und ein liberales Burgertum hielt er fur den »besten Damm 
gegen die sozialdemokratische Sturmflut«. Dem liberalen Verein Miinchen 
widmete er einen grofien Teil seiner Kraft und Zeit, und von 1869 an entwarf 
er fast alle Wahlprogramme zu den Landtags-, Reichstags- und Gemeinde- 
wahlen fiir denselben. Seiner unermiidlichen Tatigkeit fehlte es nicht an ver- 
dienten Ehrungen, namentlich bei seinem 70. und 80. Geburtstage, besonders 
aber bei seinem (durch den Tod seines langjahrigen Freundes Julius Knorr und 
durch ein asthmatisches Leiden veranlaBten) Riicktritt von der Leitung der 
»M. N. N.« am 14. September 1881. Die Verleger dieses Blattes (Th. Knorr und 
Gg, Hirth) ruhmten in diesem die Lauterkeit seines politischen Wirkens und 
seine umsichtige redaktionelle Tatigkeit, die weit liber das Mafi gewohnlicher 
Pflichterfiillung hinausging. Doch V. entsagte auch jetzt der publizistischen 
und politischen Wirksamkeit noch keineswegs und bewahrte sich bis in sein 
hohes Alter eine staunenswerte geistige Frische. Am 14. Februar 1908 raffte 
ihn ein schmerzloser Tod nach kurzer Krankheit dahin. Seinen Grabstein auf 
dem sudlichen Friedhof in Miinchen schmlickt ein vom Bildhauer Kielhorn 
modelliertes, wohlgelungenes Reliefportrat. A n 

Miiller, Georg, Historiker, * 30. Mai 1838 in Obervorholzen, B. A. Rotten- 
burg (Niederbayern), f 5. Okt. 1908 in Schierling, B. A. Mallersdorf (Nieder- 
bayern), Der Sohn schlichter Bauersleute, studierte er am Gymnasium zu 
Landshut, hierauf am Lyzeum zu Regensburg und empfing daselbst am 31. Marz 
1866 die Priesterweihe. Als Hilfsgeistlicher wirkte er an verschiedenen Orten 
in Niederbayern, dann als Benefiziat in SchloC Egg bei Deggerdorf, in Hailing, 
B. A. Straubing und zuletzt, vom 20. Januar 1897 bis zu seinem Ableben, 
in Schierling. Von seinen geschichtlichen, meist in Zeitschriften veroffentlichten 
Arbeiten verdienen >>Die Schlacht von Eggmuhl« und »Die Geschichte von 
Hailing« besondere Erwahnung. * n r e v e r 



Paulsen, Friedrich, Universitatsprofessor der Philosophic, * 16. Juli 1846 
in Langenhorn, f 14- August 1908 in Steglitz. — Friedrich Paulsen kam in einem 
Bauernhause des nordfriesischen Dorfes Langenhorn, das zu dem damals 
danischen Herzogtum Schleswig gehorte, zur Welt. Seine Vorfahren hatten 
sich Jahrhunderte hindurch als Seefahrer den Lebensunterhalt verdient und 
waren auf den Halligen ansassig gewesen, bis die furchtbare Sturmflut des 



Paulsen. 



245 



Jahres 1825 ihre Heimstatte auf Oland zerstorte. Darauf siedelte die Familie 
nach der festlandischen Kliste liber. Paul Frerck Paulsen, der Vater des Philo- 
sophen, machte jene Schreckensnacht als zwanzigjahriger Mann mit durch. 
Sein Sohn schildert ihn als einen in harter Arbeit Genuge findenden schweig- 
samen Friesen, dessen ernstes und wiirdevolles Antlitz durch die hellen blauen 
Augen einen Zug freundlicher Milde erhielt, — als einen Mann von klarer Be- 
sonnenheit, »dessen Ja und Nein gait, wo er sprach« und der in der Dorf- 
gemeinde die hochste Achtung genofl. Beide El tern standen den »Stillen im 
Lande« nahe und namentlich die Mutter (Christine, geb. Ketelsen, * 1818 im 
Nachbardorfe Enge) hatte seit ihrer »Erweckung« etwas Weltabgewandtes. 
Doch war sie frei von allem kopfhangerischen und bigotten Wesen: von Haus 
aus war sie eher eine »Frohnatur«, und auch die »Lust zum Fabulieren* war 
ihr trotz des natiirlich in engem Rahmen verlaufenen Unterrichtes, den sie 
genossen, nicht fremd, — sie hatte sich »ganz aus eigenem Vermogen eine sehr 
achtbare Leichtigkeit schriftlicher Mitteilung gewonnen«, — so dafl P. die be- 
kannten Zeilen Goethes treffend auf sich selbst und seine Eltern anwenden 
konnte. Wenn die Mutter, geistig regsam wie sie war, in spateren Jahren 
gem einmal in die theologischen Kollegienhefte und Lehrbiicher ihres studieren- 
den Sohnes hineinblickte, so gewann Delitzsch ihr besonderes Vertrauen wegen 
seiner sachkundigen Erklarungen der Verhaltnisse des israelitischen Haus- 
wesens. Sie selbst war eine Meisterin in alien Kiinsten ihres eigenen gastlichen 
Haushaltes, zu denen auch Dinge wie Schlachten, Schafschur, Spinnen, Weben, 
Farben, Lichterziehen und Bierbrauen gehorten. P. selbst verglich mit be- 
rechtigtem Stolz den beinahe alle urspriinglichen menschlichen Fertigkeiten 
umfassenden Arbeitsbetrieb mit klem vielbewunderten antiken Haushalt, dem 
griechisch-romischen Oikos.« 

Die Sprache des Elternhauses war Friesisch, die des Marktes und Verkehrs 
Piatt-, die der Kirche und Schule Hochdeutsch. Daneben horte man auch 
Danisch, obwohl von der danischen Regierung keinerlei Zwang in dieser Hinsicht 
ausgeiibt wurde. Im Gebrauche der hochdeutschen Schriftsprache hat es P., 
der spater so federgewandte Schriftsteller, seiner eigenen Angabe nach erst 
wahrend der Gymnasialjahre zur vollen Sicherheit gebracht. 

Als einziges Kind seiner Eltern, das die Geburt uberlebte, war er dazu 
bestimmt, den vaterlichen Hof zu ubernehmen, und wurde von fruh auf in bauer- 
licher Arbeit ausgebildet. Er war dem Geschick fur seine Jugend stets dankbar, 
nicht nur weil er diesen Lebensumstanden seine intime Vertrautheit mit der 
Natur verdankte, die dem GroBstadtkind hochstens auf fluchtigen Ausfliigen 
bekannt wird, sondern vor allem, weil er auf diese Weise die Wohltat des 
evolutionistischen Erziehungsprinzips an sich erfuhr, wonach das Kind durch 
die von der Menschheit durchlaufenen Kulturstufen in einem verkurzten 
Repetitionskursus hindurchzuflihren ist. Statt des Gewirres von unfafibaren 
Dingen, Telephonen, Eisenbahnen u. s. w. bot das Dorfleben eine Wirklichkeit, 
die der kindliche Geist durchschauen und mit welcher der Knabe »handgemein 
werden konnte«. Statt der zahllosen fertig ins Haus gelieferten Waren sah er 
die Guter, die verbraucht wurden, fast samtlich in der Arbeitsgemeinschaft 
des elterlichen Hauses entstehen. Am wichtigsten war vielleicht die friihe 
Bekanntschaft mit der Organisation der Wirtschaftseinheit des heimatlichen 
Dorfes, die durch die angesehene Stellung des Vaters in der Kirchspielsver- 



246 Paulsen. 

sammlung gefordert wurde: P.s sichere Vertrautheit mit den Formen mensch- 
lichen Gemeinschaftslebens hatte in diesem ihrem Urbilde ihre Wurzeln. 

Kaum ein Ereignis hat wohl fur sein ganzes Leben grofiere Bedeutung 
gewonnen, als die Anstellung eines neuen Kiisters in Langenhorn, Brodersen 
mit Namen, zu dem er von seiriem zwolften Jahre an in die Schule geschickt 
wurde. Bis dahin war ein schablonenmafiiger Schultyrann der alten Zeit, der 
seine Hauptaufgabe darin sah, den Katechismus mit Hilfe des Tauendes ein- 
zudrillen, sein Lehrer gewesen. Klister Brodersens Unterricht dagegen richtete 
sich weniger an das Gedachtnis als an den Verstand und ging darauf aus, die 
geistige Selbsttatigkeit der Schiiler anzuregen. Noch in spaten Jahren er- 
innerte sich P. mit warmer Begeisterung des Lerneifers, den er zu wecken 
wufite. Ihm wird es in erster Hinsicht zu danken sein, dafi die geistigen Inter- 
essen des Junglings immer mehr die Oberhand gewannen, bis er eines Tages 
auf die immer haufigeren Vorhaltungen der Eltern, er werde im Leben kein 
rechter Bauer werden, erwiderte: »Ich will auch gar nicht Bauer werden! 
Ich will studieren!« Die Eltern fiigten sich dem Wunsche nach einigem Wider- 
streben, — die Mutter etwas leichteren Herzens, weil sie ihren Einzigen im 
Geiste schon auf der Kanzel sah, — und Pastor Thomsen ubernahm die Vor- 
bereitung fur Untersekunda. Der ganze Kursus von Sexta an wurde spielend 
in anderthalb Jahren erledigt! Wahrend der ersten sechs Monate wurde vor- 
mittags noch die Oberklasse der Kusterschule besucht und nur nachmittags 
Latein getrieben; dann aber wurden fast gleichzeitig flinf neue Sprachen be- 
gonnen: Griechisch, Hebraisch, Franzosisch, Englisch und Danisch, wozu noch 
Mathematik und Geschichte kam nebst gelegentlichen deutschen Aufsatzen. 
Die Ostern 1863 am Gymnasium zu Altona bestandene Aufnahmepriifung, 
die sich auf ein lateinisches Extemporale beschrankte, bereitete keine Schwicrig- 
keiten. Die Anforderungen des nun folgenden Gymnasialunterrichtes aber 
waren im Vergleich zu der vorangegangenen groflen Leistung so gering, dafl 
sie geeignet waren, einer Erschlaffung der Krafte Vorschub zu leisten. Einen 
noch gefahrlicheren Gegensatz zur Zucht des elterlichen Hauses bildete die 
studentenmafiige Aufsichtslosigkeit der Schiiler, unter denen sich lockere 
Elemente befanden. Die Lehrer mochten eben diesen Gefahren zu steuern 
suchen, indem sie den begabten neuen Zogling schon nach einem halben Jahre 
nach Obersekunda und nach weiteren sechs Monaten nach Unterprima ver- 
setzten. Aber P. selbst schrieb der dadurch herbeigefiihrten Steigerung seines 
SelbstbewuOtseins die ubelsten Wirkungen zu: er redete von dem angeblichen 
Lotterleben dieser Jahre in Ausdriicken hartester Selbstverurteilung. Dem 
steht jedoch das Zeugnis seines »ersten und nachsten Freundes« Friedrich 
Reuter entgegen, welcher der Meinung ist, dafi sich P. durch eigenartige Er- 
fahrungen spaterer Jahre verleiten liefi, hier ungerecht gegen seine alte Schule 
w r ie gegen sich selbst zu werden, wenn auch die aufregenden Jahre des danischen 
Krieges (1864 — 66) einem ruhigen und rcgelmafiigen Lehrbetrieb nicht eben 
gunstig gewesen seien: P. selbst erzahlt uns, wic er damals in mancher er- 
regten Debatte fiir die Einverleibung Schleswig-Holsteins in Preufien eintrat. 
Das Wort des Mannes, dem er seiner eigenen Angabe nach in jlingeren Jahren 
»als einem wahren Mentor . . . unschatzbar viel verdankte«, und mit dem 
ihn engste Freundschaft bis an sein Lebensende verband, verdient voile Be- 
achtung. Ubrigens geht auch schon aus P.s eigenem Berichte hervor, dafi er 



Paulsen. 



247 



seine Sicherheit in den klassischen Sprachen sovvie in der Geschichte vorwiegend 
seiner Gymnasialzeit in Altona verdankte. 

P. horte Reuters Namen zum ersten Male, als er nach bestandenem 
Abiturientenexamen, das in Altona keine grofien Schrecken hatti*, im Friihjahr 
1866 die Universitat Erlangen bezog, urn Theologie zu studieren, und Mitglied 
der Burschenschaft Bubenruthia wurde: Reuter, der im vorhergehenden 
Jahre in den hoheren Schuldienst eingetreten war, stand als »eine der letzten 
heroischen Gestalten« der Verbindung in grofiem Ansehen. P.s eigene Angabe, 
die drei in Erlangen verlebten Semester seien vollig unfruchtbar gewesen, 
bezieht sich in erster Linie auf den Universitatsunterricht. Zu der dort vor- 
getragenen orthodoxen Theologie konnte er kein inneres Verhaltnis gewinnen, 
und als er im Oktober 1867 nach Berlin ging, war er entschlossen, alles andere 
eher zu studieren, als Gottesgelehrtheit: er liefi sich bei der philosophischen 
Fakultat inskribieren und entschloC sich kiihn, die Weltweisheit, die zu suchen 
er ja eigentlich aus seinem Heimatdorfe ausgezogen war, in den Mittelpunkt 
seiner Studien zu stellen, — was denn doch auch darauf hindeutet, dafl es in 
den vergangenen Semestern (mit Ausnahme vielleicht der Kriegszeit des 
Jahres 1866) an ernster geistiger Arbeit nicht ganz gefehlt haben konnte. Neben 
den philosophischen horte er historische und philologische Vorlesungen, nicht 
nur aus Interesse fur die Sache, sondern auch, weil er sich die Moglichkeit des 
Oberlehrerexamens offen halten wollte. Aber wer darauf ausging, sich eine 
Weltanschauung zu bilden oder doch ein inneres Verhaltnis zu den Problemen 
der Philosophic zu gewinnen, der fand in jener Zeit von seiten der angebotenen 
Vorlesungen wenig Unterstutzung. Hegel hatte ausgewirtschaftet, und das an 
seinen verstiegenen Spekulationen erlahmte Denken wollte zu neuem selb- 
standigem Aufbau noch nicht Kraft und Lust finden. Harms und Trendelenburg 
waren die beiden Berliner Ordinarien. Jener schloB sich an Kant an, dieser 
schwor auf Aristoteles. Daneben dozierten noch einige Hegelianer, »als eine 
Art Fossilien* geduldet, wie Michelet, Althaus und Werder. P. selbst hatte 
sich damals wohl am besten mit dem aus dem linken Fliigel der Hegelschen 
Schule hervorgegangenen Materialismus befreunden konnen: in Erlangen hatte 
er als »der reine Feuerbach« gegolten. Er belegte ein Kolleg iiber Logik bei 
Harms, ohne Interesse daran zu finden; ebensowenig fuhlte er sich spater durch 
die von Harms iiber Kants Vernunftkritik abgehaltenen Ubungen gefordert. 
Steinthals Vorlesung iiber vergleichende Sprachwissenschaft war ihm noch zu 
schwer, und dem lateinischen Vortrage Haupts iiber »Die Wolken« des Ari- 
stophanes vermochte er nicht zu folgen. Im folgenden Sommersemester ging 
es nicht viel besser, und Verzweiflung wollte sich seiner bemachtigen. Vor- 
ubergehend suchte er in studentischem Kneipleben Selbstbetaubung, dachte 
auch wohl daran, nach Langenhorn zuriickzukehren und doch noch Bauer 
zu w T erden. 

Da fuhrte ihm ein gesegneter Zufall Langes unlangst erschicnene Geschichte 
des Materialismus in die Hande: sie kniipfte an seine eigenen Gedankengange 
an und befreite ihn zugleich von denselben, indem sie ihn in Kant den sieg- 
reichen Oberwinder des dogmatischen Materialismus erkennen lehrte. Durch 
Lange sah er sich ferner auf Ucberwegs Logik verwiesen, durch diese wiederum 
auf die Werke Benekes: der ersehnte Weg, der ihn in der Philosophic auf festen 
Boden fiihren sollte, war gefunden! Wenn Wilhelm Ostwald gesagt hat, daQ 



248 Paulsen. 

fuhrende Geister aus Buchern mehr zu lernen pflegen, als aus personlicher 
Unterweisung, so trifft das auf P. zu. Aber auch der Universitatsunterricht 
gestaltete sich nun fruchtbarer fur ihn. Im Wintersemester 1868/69 trat e r in 
Trendelenburgs aristotelische Obungen ein und belegte auch Vorlesungen 
iiber Plato bei Bonitz, dem damaligen Direktor des Gymnasiums zum Grauen 
Kloster, der als Mitglied der Akademie der Wissenschaften las. Dem Unter- 
richte dieser beiden Manner blieb er in der Folge dankbar und treu, und indem 
er ihn durch fleiflige Privatstudien erganzte, erwarb er sich seine grundliche 
Vertrautheit mit der Philosophic des klassischen Altertums. Auch Steinthals 
Vorlesungen wufite er sich nun fruchtbar zu machen: auf dem Gebiete der 
vergleichenden Sprachwissenschaft erhielt er von ihm so starke Anregung, dafl 
er spater einen Anlauf machte, sich unter Gildemeisters Leitung in die Kenntnis 
des Sanskrit einzuarbeiten, und auf dem Gebiete der Psychologie wurde er 
dauernd von ihm beeinflufit. 

Das Sommersemester 1869 verbrachte er in Bonn ohne Gewinn fur seine 
philosophischen Studien: Jurgen Bona Meyers Vorlesung liber den Materi- 
alismus blieb hinter Langes Darstellung weit zuriick. Auf einem Abstecher 
nach Heidelberg hospitierte er bei Zeller und Treitschke. Von letzterem fiihlte 
er sich abgestofien, und auch in spateren Jahren blieb ihm Treitschke als 
Historiker ungeniefibar: P. forderte von diesem, dafi er mehr auf das Ver- 
stehen als auf dasVerurteilen ausgehen solle, und besonders war ihm Treitschkes 
»inbriinstiger Hafi gegen England* uncrtraglich. Im Oktober 1869 ging 
er zur Vollendung seiner Studien wieder nach Berlin. Da aber im folgenden 
Sommer (1870) sowohl Trendelenburg wie Steinthal durch Krankheit am 
Lesen verhindert waren, kehrte er Berlin nochmals den Riicken. 

Diesmal wandte er sich nach Kiel, weil dort sein Freund Reuter als Gym- 
nasiallehrer tatig war. Hatte er sich in den letzten Jahren in Berlin recht ver- 
einsamt gefuhlt, so schwelgte er nun in taglichem vertrautestem Umgange mit 
dem geliebten alteren Freunde, dem er es in erster Linie zu verdanken hatte, 
wenn ihm in den vergangenen schweren Zeiten volliger Ratlosigkeit nicht 
alles Selbstvertrauen abhanden gekommen war. Von Diltheys Vorlesungen 
und Cbungen fiihlte er sich nicht sonderlich angezogen; dagegen brachte ihm 
seine Privatlektiire wieder reichen Gewinn: er las Lotzes Mikrokosmus, der 
ihn bei der Bildung seiner idealistischen Weltanschauung einen Schritt weiter 
fiihrte; spater wurde allerdings in seinem Denken der Standpunkt Lotzes durch 
Fechners Neu-Spinozismus betrachtlich modifiziert. 

In diesem Sommer brach der deutsch-franzosische Krieg aus. P. stellte 
sich als Freiwilliger bei den Schleswiger Dragonern, wurde aber abgewiesen, 
da er kein Pferd mitbrachte. Es war ihm nicht ganz unlieb, seine Studien 
ungestort zum AbschluO bringen zu konnen. Im Laufe eines Vierteljahres 
schrieb er in Berlin seine Dissertation %De forma ac principiis sysiematum 
ethicorum*. Die groBziigige Vergleichung der wichtigsten ethischen Systeme 
hinsichtlich ihrer Methode war nicht ganz nach Trendelenburgs Geschmack, 
der eine philologische Untersuchung vorgezogen hatte. Er erteilte ihr nur das 
Pradikat tidoneum doclrinae et diligentiae documeniurm und veranlafite die 
Umanderung ihres Titels in »Symbolae ad systemata ethica historicae el criticae*. 
D^s miindliche Examen, bei dem er von Harms und Trendelenburg in der 
Philosophic, von Droysen in der Geschichte und von Kirchhoff im Grie- 



Paulsen. 



249 



chischen gepruft wurde, bestand er »magna cum laude*. Zu erwahnen ist, 
daB er in diesem Semester die Bekanntschaft Benno Erdmanns machte, der 
sein Nachfolger auf dem Berliner Katheder geworden ist: Erdmann hatte am 
schwarzen Brett eine Versammlung zur Begriindung eines philosophischen 
Vereins einberufen, der auch zustande kam und mehrere Jahre am Leben blieb. 
Er war P. an mathematisch-naturwissenschaftlicher Schulung uberlegen wie 
dieser ihm an philologisch-historischer, und so entwickelte sich ein sehr for- 
dernder Gedankenaustausch zwischen den beiden angehenden Philosophen. 

Auch auf dem Gebiete der Geschichte und der klassischen Philologie hatte 
P. sehr achtungswerte Studien betrieben, so bei Sybel, Droysen, Erdmanns- 
dorfer, Aegidi, bei Haupt, Usener, Bernays, Heimsoeth u. a. Aber die Vor- 
bereitung zur Oberlehrerpriifung hatte doch noch einen betrachtlichen Auf- 
wand an Zeit und Kraft gekostet, und er fiihlte sich jetzt stark genug, ohne 
weitere VorsichtsmaBregeln auf das akademische Lehramt hinzuarbeiten. Zu- 
nachst dehnte er seine Bildung noch etwas in die Breite aus. Schon wahrend 
der Studentenzeit war er gelegentlich in Nachbargebiete hinubergeschweift. 
So hatte er Roschers Nationalokonomie, Hausraths Neutestamentliche Zeit- 
geschichte, Johannes Mullers fiinfbandiges Handbuch der Physiologie durch- 
gearbeitet, auch bei Clausius Warmelehre sowie bei Dubois Physiologische 
Anthropologic gehort. Nun machte er noch einen Kursus in der Experimental- 
physik bei Helmholtz mit und liefi sich von Wichelhaus in die Grundbegriffe 
der Chemie einfiihren. Gern hatte er geographische Studien betrieben, fur die 
er von Brodersens Unterricht her eine grofle Vorliebe hatte; aber der Universitat 
fehlten damals alle Hilfsmittel, sie interessant und fruchtbar zu machen. Mit 
groflem Enthusiasmus dagegen studierte er die Werke Peschels — frisch wie 
sie herauskamen. In die theologischen Horsale von Dorner, Hengstenberg und 
Vatke blickte er hinein, ohne sich festgehalten zu fiihlen. Ranke und Mommsen 
sprachen so leise, dafl er sie in den iiberfullten Auditorien nicht verstehen konnte. 
Bei Mullenhoff wurde er durch die hahnebuchene Grobheit gegen Anders- 
denkende abgeschreckt. Doch hospitierte er noch mit Gewinn in Haupts Se- 
minar (Lukrez), und besuchte auch Vorlesungen des Agyptologen Lepsius, 
sowie — mit besonderem GenuB — die Erlauterungen antiker Kunstwerke, 
die Ernst Curtius im Museum gab. Die meiste Kraft und Zeit aber widmete 
er rechts- und staatswissenschaftlichen Studien bei Gneist, Beseler, Boretius 
und vor allem bei Adolf Wagner, der eben als junger Mann nach Berlin be- 
rufen worden war. Zum Teil fielen diese Studien mit der Ableistung seines 
lange aufgeschobenen Militarjahrs zusammen, das im Oktober 1871 seinen Anfang 
nahm und dem er betrachtlichen Geschmack abgewann. Zu Anfang des Jahres 
1872 erlitt er einen schmerzlichen Vcrlust durch den Tod seines verehrten Lehrers 
Trendelenburg; Zeller wurde dessen Nachfolger auf dem Berliner Katheder. 

Die Beendigung des Militardienstes machte ihn wieder frei fur groBere 
Arbeiten. Er faBte den Plan einer Geschichte der Erkenntnistheorie, fur die er 
sehr ausgedehnte Vorstudien machte; den englischen Denkern von Locke bis 
Mill fuhlte er sich am nachsten. Zeitweise erhielten diese Studien eine etwas 
andere Richtung durch eine von der Berliner Akademie gestellte Preisaufgabe, 
an deren Bearbeitung er voriibergehend dachte: die Darstellung des Einflusses 
der englischen Philosophic auf die dcutsche. Im Sommer 1873 entwickelte er 
in seiner Heimat Langenhorn eine ganz einzige Lesefreudigkeit, die er sich 



2 cq Paulsen. 

spater oft sehnsuchtig zuruckwunschte: mit den iibrigen Hausgenossen um 
funf Uhr aufstehend und bis Mittag arbeitend, las er den ganzen Hume und 
den ganzen Kant. Hierbei ging ihm die grofie Entdeckung auf, daB Kants 
Argumentation nicht auf die Unerkennbarkeit des »Dings an sich«, sondern 
vielmehr auf die Rettung der Erkenntnis aus »reiner VernunfU (ohne Er- 
fahrung) abzielt, P. hat durch diese Einsicht das rechte Verstandnis Kants 
erst ermoglicht. Um dieselbe Zeit begann seine intimere Bekanntschaft mit 
der Philosophic Schopenhauers, die einen sehr bedeutenden Einflufl auf seine 
eigene Weltanschauung ausiibte. 

Fur das folgende Jahr (1874) faflte er seine Habilitation ins Auge. Es 
hatte nahegelegen, dafl er seine Kant -Entdeckung dafiir verwertete; aber er 
zog eine Darstellung seines personlichen Standpunktes in einer theoretischen 
Abhandlung iiber den Begriff der Kausalitat vor, in der er die Kuhnheit hatte, 
gegen Zeller und Harms, die Referenten iiber seine Arbeit, mit betrachtlicher 
Animositat zu polemisieren. Sie liefien ihm durch den Dekan der Fakultat — 
es war Helmholtz — eroffnen, daB die Abhandlung als Ausweis der wissen- 
schaftlichen Befahigung zum Privatdozenten nicht geniige\ P. selbst spricht 
sie groflmutig von kleinlichen Motiven frei: ihr Urteil sei schon durch den 
ungehorigen Ton seiner Polemik gerechtfertigt gewesen. Obrigens liefi er sich 
die Sache schon damals nicht sehr nahe gehen: er sah an demselben Abend 
mit Genufl Freytags »Journalisten« im Schauspielhaus und machte sich ohne 
Zaudern an die Ausarbeitung seines »Versuchs einer Entwicklungsgeschichte 
der Kantischen Erkenntnistheorie«. Diese Schrift wurde (1875) von der Fa- 
kultat angenommen, wenn auch ihre epochemachende Bedeutung an dieser 
Stelle ebensowenig wie von der offentlichen Kritik gewtirdigt wurde. Eine 
neue Klippe schien im Kolloquium zu drohen, als dessen Gegenstand P. den 
Begriff der Substanz gewahlt hatte: Harms vertrat die seltsam verkehrte An- 
sicht, P.s Ablehnung einer Seelensubstanz musse zum Materialismus fiihren, 
und die Beratungen, in denen die Fakultat schliefilich zu einem positiven 
Ergebnis gelangte, zogen sich in etwas ominoser Weise in die Lange. 

P.s Eintritt in den akadcmischen Lehrkorper erweiterte natiirlich seine 
geselligen Beziehungen. Besonders erfreute er sich nun eines vertrauten Ver- 
kehrs im Hause seines geschatzten Lehrers Steinthal, und von noch groBerer 
Bedeutung wurde seine Einfiihrung beim Unterstaatssekretar a. D. von Gruner 
durch seinen intimen Freund Christian Belger, den Archaologen, der dort 
Hauslehrer war. Hier machte er vor allem die Bekanntschaft seiner ersten 
Frau Emilie Ferchel, die dem Haushalt als Pflegetochter angehorte: sie war 
eine Tochter des als Bezirksgeometer in Wurzburg verstorbenen Joseph Ferchel, 
der nach erfolgreich absolvierten astronomischen Studien sich durch widrige 
auBere Verhaltnisse zu diesem praktischen Berufe gedrangt gefunden hatte. 
Im Grunerschen Hause lerntc P. den Umgangston der vornehmen Gesellschaft 
kennen, und wenn ihm dessen Glatte und Routine zuwider waren, so wurde 
ihm seine kiinftigc Frau, die mit ruhiger Sicherheit das Triviale ablehnte und 
das Bedeutende ergriff, eine Fiihrerin zu der Form der Geselligkeit, die auch 
ihm einen Wert hatte. Ihr verdankte P. auch die Pflcge der asthetischen Seite 
seines Wesens, die bis dahin ziemlich brach gelegen hatte, sowie die erste Ge- 
legenheit, sich iiber die tieferen Bewegungen des Seelenlebens auszusprechen 
und zu verstandigen. 



Paulsen. 



251 



Aufierdem wurde hier sein Horizont durch personlichen Verkehr mit be- 
deutenden Politikern erweitert, unter denen die beiden Reichensperger, die in 
der Zentrumspolitik eine so grofie Rolle spielten, an erster Stelle standen. Er 
selbst erzahlt uns, wie er Peter Reichensperger durch seine Verteidigung der 
Lehre Hobbes von der Staatsomnipotenz oder auch der Befurwortung des 
Kollektiveigentums durch Lassalle, fur den er damals eine grofie Vorliebe hatte, 
entsetzte. August Reichensperger hat er gelegentlich einer Besprechung seiner 
Biographie von Ludwig Pastor ein Denkmal gesetzt. Er schatzte beide Bruder 
als liberale Katholiken, deren mafligender Einflufi auf die Politik der Zentrums- 
partei sehr segensreich gewesen sei. Seine weitgehenden Sympathien ftir die 
alte Kirche, die freilich im Laufe der Zeit durch den sich immer fiihlbarer 
machenden papstlichen Absolutismus eine betrachtliche Einbufie erlitten, 
stammten wohl aus dieser Zeit. 

In den nun folgenden Jahren fand P. den dauernden Inhalt seiner Tatigkeit 
und die endgiiltige Form seines Lebens. In seinem ersten Semester (Winter 
1875/76) las er iiber Logik und Erkenntnistheorie: John Stuart Mill war, 
wie er selbst sagt, sein Leitstern. In einer offentlichen Vorlesung behandelte 
er die Grundunterschiede der philosophischen Systeme; aus ihr ist spater seine 
beruhmte »Einleitung in die Philosophies das gelesenste seiner Bucher, hervor- 
gegangen. Zugleich veranstaltete er philosophische Ubungen im Anschlufi an 
Kants Kritik der reinen Vernunft. Im folgenden Sommer (1876) las er iiber 
Geschichte der Philosophic im 17. und 18. Jahrhundert, — eine Vorlesung, 
die sich spater erweiterte zur Geschichte der neueren Philosophic in Zusammen- 
hang mit der allgemeinen Kulturgeschichte: er hat sie bis in die letzten Jahre 
seiner akademischen Wirksamkeit gehalten. Die Verbindung historischer 
Denkweise und philosophischen Sinnes — eine Kennzeichnung seines Wesens, 
die er gelegentlich einer ihm dargebrachten Huldigung »gern annahm« — 
zeigte ihn hier in seiner ganzen Kraft. Wie kaum ein anderer verstand er es, 
die einzelnen grofien Kulturperioden mit sicherem Griffe zusammenzufassen 
und die Universalgeschichte als die Entwicklung eines einheitlichen Organismus 
darzustellen. Nebenher gingen philosophische Ubungen iiber Kants Prole- 
gomena. Wahrend der Sommerferien, die er auf romantisch gestimmten 
Wanderungen in der Umgegend von Harzburg, der von der Grunerschen Familie 
gewahlten Sommerfrische, verbrachte, verlobte er sich mit Emilie Ferchel. 
Mitte Oktober begann er einen Vortragszyklus in dem kurz zuvor von Miss 
Archer begrundeten Viktoria-Lyzeum; aber es kam nur zu zwei Vortragen, 
und zu Universitatsvorlesungen kam es in diesem Semester uberhaupt nicht 
mehr, da ihn ein schwerer Typhus aufs Krankenlager warf und an den Rand 
des Grabes brachte. Im Januar 1877 fiihlte er sich sovveit erholt, dafi er we- 
nigstens die angezeigten Obungen iiber David Humes Untersuchung iiber den 
rnenschlichen Verstand -noch abhalten konnte. Das angekundigte Kolleg iiber 
Logik und Erkenntnistheorie dagegen blieb ungelesen, und es sollte uberhaupt 
nie wieder gelesen werden! Professor Harms schlug ihm vor, im kommenden 
Winter Vorlesungen iiber die bisher gar nicht auf dem Lehrplan vertretene 
Padagogik anzuzeigen — mit dem Hinweise, dafi sich die Fakultat dann wohl 
zu einem Vorschlage fur ein Extraordinariat der Padagogik bereit finden lasse. 
So erhielt P. die Anregung, sich dem Gebiete zuzuwenden, auf dem er 
dann so Grofies leistete, seltsamerweise ganz zufallig und von aufien her. In 



252 



Paulsen. 



der Tat zogerte er zunachst, die geplante Geschichte der Erkenntnistheorie 
fallen zu Iassen. Spater aber auCerte er sich befriedigt daruber, dafi er den 
Rat befolgt hatte: fur eine grofie Leistung auf dem Gebiete der Erkenntnis- 
theorie und Logik habe ihm sowieso eine wichtige Vorbedingung gefehlt: die 
Vertrautheit mit den exakten Wissenschaften und der Mathematik. Im August 
fand seine Hochzeit statt, und das folgende Jahr (1878) brachte die in Aus- 
sicht gestellte auflerordentliche Professur am Ende des Sommersemesters, in 
dem er eine offentliche Vorlesung iiber die Geschichte des Unterrichtswesens 
gehalten hatte. Daneben hing er seiner politischen alten Liebe nach, indem 
er Obungen iiber Hobbes *De Cive« veranstaltete. Aber seine Hauptkraft 
konzentrierte er nunmehr auf den ihm zugewiesenen Mittelpunkt seiner Lehr- 
tatigkeit, die Padagogik und das Unterrichtswesen, indem er sich vor allem 
durch gediegene historische Studien festen Boden unter den Fiifien schuf. Aus 
ihnen ging nach einer Reihe von Jahren die ^Geschichte des gelehrten Unter- 
richts« als kostlichste Frucht hervor. Auch das Bildungswesen betrachtete 
P. im Lichte der gesamten Kulturentwicklung, und es war fur diese Auf- 
fassung sehr charakteristisch, dafi er spater die Tendenz der Zeit, die Padagogik 
von dem Katheder der Philosophic unabhangig zu machen, bekampfte. Vor 
allem aber zeigte er hier seine unubertroffene Fahigkeit, mit dem an der Ver- 
gangenheit geschulten Blick des Historikers in die Zukunft schauend diese zu 
deuten. Indem er die Beseitigung des vom klassischen Gymnasium hinsichtlich 
der Vorbereitung fur die Universitat ausgeubten Monopols voraussagte und befiir- 
wortete, wurde er ein Pionier der groflen Reform, durch die in unseren Tagen das 
hohere Unterrichtswesen Preufiens auf eine feste Grundlage gestellt worden ist. 
Wahrend der nachsten dreifiig Jahre (1878 — 1908) hat er ohne Unter- 
brechung eine eifrige Horerschar um seinen Berliner Lehrstuhl versammelt. 
Zu den bereits genannten grofien Vorlesungen iiber Padagogik und Geschichte 
der neueren Philosophic kamen im Laufe der Jahre noch drei andere hinzu: 
seit 1881 las er iiber Ethik, seit 1885 iiber Psychologie und Anthropologic, 
seit 1895 iiber Rechtsphilosophie. Aus der Vorlesung iiber Ethik ging wiederum 
eines seiner Hauptwerke hervor, das » System der Ethik«, das in weiten Kreisen 
fast zu einer Hausbibel geworden ist. Seine Psychologie bot eine Erganzung zu 
den Vorlesungen der experimentellen und physiologischen Psychologie dar, 
indem sie, ohne den empirischen Boden zu verlassen, neben der analytischen 
doch auch die synthetische Betrachtung zu ihrem Rechte kommen liefi. So 
bildete sie eine Einleitung in die Geisteswissenschaften, wahrend die vom 
Standpunkte der Entwicklungstheorie aus vorgetragenen Grundziige der An- 
thropologic einen Ausblick nach den Naturwissenschaften hin eroffneten. Zur 
Rechtsphilosophie war Paulsen als ein Ethiker, der nicht in den luftigen Hohen 
blofier Theorie verweilte, sondern auch auf die Erde herniederstieg, um die 
verschlungenen Faden tatsachlicher menschlicher und sozialer Verhaltnisse zu 
entwirren, besonders berufen. In der Tat war es eine Vorlesung, die ebenso 
gern gehalten wie gehort wurde, obwohl auch hicr — ahnlich wie hinsichtlich 
der Padagogik — die erste Anregung von aufien her kam und zunachst nicht 
ohne Widerstreben befolgt wurde: P. entsprach einem Wunsche Friedrich 
Althoffs, indem er iiber Rechtsphilosophie las. Er hatte schon die Feder an- 
gesetzt, um ein Werk auch iiber diesen Gcgenstand cinem grofleren Kreise 
darzubieten. als seine Krankheit alien solchen Planen ein Ende bereitete. 



Paulsen. 



253 



Das Jahr 1890 bezeichnet den Anfang seines direkten Einflusses auf die 
Gestaltung des offentlichen Schulwesens in Preufien: er wurde zur Teilnahme 
an der beriihmten Konferenz berufen, die Kaiser Wilhelm II. durch seine Gegen- 
wart auszeichnete. Zwar wahlte die Konferenz zunachst den Weg, den P. 
als ungangbar bezeichnet hatte; aber er hatte zehn Jahre spater die Genug- 
tuung, zu erleben, dafl man den Irrtum einsah und die von ihm empfohlene 
Richtung einschlug, wie noch des naheren zu zeigen ist. Im Winter 1892 wurde 
cr, nachdem er im Sommersemester zum ersten Male seine vielbesuchte offent- 
liche Vorlesung uber die deutschen Universitaten und das Universitatsstudium 
gehalten hatte, von der Unterrichtsverwaltung beauftragt, die allgemeine 
Einleitung zu dem fiir die Weltausstellung in Chicago hergestellten Werke iiber 
»Die deutschen Universitaten« zu schreiben. In P.s eigenem unter dem gleichen 
Titel erschienenen Buche fanden spater diese Betrachtungen ihre vollendete 
Form. 

Seine literarische Produktion soil spater kurz im Zusammenhang iiber- 
schaut werden. Hier war nur darauf hinzudeuten, wie sich alle seine Haupt- 
werke aus seinen Vorlesungen herauskristallisiert haben: die ganze Lebens- 
arbeit dieses Mannes war ein Werk aus einem GuC. Zunachst mag das Bild 
seines aufieren Daseins mit ein paar Strichen vollendet sein. 

Erst im Jahre 1894 eroffnete sich P. ein Berliner Ordinariat An Rufen 
nach auswarts hatte es nicht gefehlt. Aber er hatte sich nie entschlieCen konnen, 
seinen wachsenden Wirkungskreis in der Reichshauptstadt aufzugeben und 
ihren mannigfachen geistigen Anziehungskraften den Riicken zu kehren. Aller- 
dings hatte er sich im Jahre 1882 iiberreden lassen, einen Ruf als ordentlicher 
Professor nach Breslau anzunehmen. Aber er machte die Annahme wieder 
riickgangig. Auch ein Ruf auf den durch Prantls Tod erledigten Miinchener 
Lehrstuhl (1888) reizte ihn nicht. Im August 1893 machte Leipzig einen Ver- 
such, ihn fiir die durch Masius' Tod erledigte Professur der Philosophic und 
Padagogik zu gewinnen. »Es war der erste Ruf«, so sagt P. in seinen hinter- 
lassenen Aufzeichnungen, »der mich in Versuchung fiihrte: Kiel, Wurzburg, 
Breslau, Munchen, — uberall hatte ich die Empfindung, dafi die (Jbersiedelung 
eine Minderung des Wirkungskreiscs bedeutete. Dagegen Leipzig, eine grofie 
Zentraluniversitat mit alter Arbeitstradition: das war etwas anderes.« Aber 
die Anziehungskraft Berlins erwies sich doch wieder als uniiberwindlich. Im 
folgenden Jahre (1894) schied Eduard Zeller aus dem Lehrkorper der Uni- 
versitat aus, und nun trat P. zu gleicher Zeit mit dem Psychologen Carl Stumpf 
als Ordinarius in die Berliner Fakultat ein. In seiner Tatigkeit bewirkte diese 
Ernennung natiirlich keinen andern Unterschied, als das Hinzutreten der Teil- 
nahme an Fakultatssitzungen und Doktorprufungen zu seinen Dozenten- 
pflichten. Ubrigens hatte er schon seit 1882 der Wissenschaftlichen Priifungs- 
kommission angehort. 

P. lebte und liebte das der stillen emsigen Arbeit gewidmete Dasein eines 
deutschen Gelehrten, — freilich eines modernen deutschen Gelehrten, der sich 
nicht als Stubenphilosoph von der Aufienwelt abschlieGt, sondcrn mit Leib 
und Seele am Leben seines Volkes tatigen Anteil nimmt. Sein Ehegluck w r ar 
zunachst von kurzer Dauer, denn er verlor seine erste Frau schon nach sechs 
Jahren: sie starb 1883 ganz unerwartet nach kurzer schwerer Krankheit in 
Pyrmont, wo sie Heilung von Blutarmut gesucht hatte. 



254 



Paulsen. 



Seine tief niedergedriickte Stimmung wurde in den folgenden Jahren 
noch mehr getriibt durch die mafilosen Anfeindungen, die seine »Geschichte 
des gelehrten Unterrichts* besonders im Lager der klassischen Philologen 
hervorrief : er wurde wegen seiner verstandigen Einschatzung der neusprach- 
lichen und mathematisch-naturwissenschaftlichen Bildungsfacher geradezu als 
»Banause« und wegen seiner historischen Gerechtigkeit als »Jesuitenfreund<r 
denunziert! Wieder war es sein treuer alter Freund, der ihm der Versuchung, 
sich in 6ffentliche Fehden einzulassen, zu widerstehen half — mit dem Er- 
folge, dafi nach wenigen Jahren seine Gegner nicht nur beschamt schwiegen, 
sondern mehrere derselben ihm personlich nahe traten. In jenen schweren 
Zeiten wurde neben der Neuordnung seines Haushaltes, die er seiner Schwagerin 
Laura Ferchel verdankte, seine Ansiedlung am Fichtenberg in Steglitz (1886) 
eine grofie Wohltat fiir ihn. Er schuf selbst mit am Plane seines Hauses und 
legte mit eigener Hand den Garten an, in dem er dann seine Kinder in der Freiheit 
sich entfalten sah. Gar oft besserte seine kundige Hand ihr Spielzeug aus; 
denn auch mit Hobelbank und Tischlergerat wuflte er umzugehen. 

Im Jahre 1892 verheiratete er sich in zweiter Ehe mit Laura Ferchel. 
Darauf bezieht sich die Widmung seiner Ethik: »Zwei Schwestern gewidmet, 
der toten in treuem Gedenken, der lebenden in dankbarer Verehrungk Sie 
schuf ihm das trauliche Gelehrtenheim, in dem er bis an sein Lebensende ge- 
wohnt hat. Die in der vornehmen Behaglichkeit des gastlichen Hauses am 
Fichtenberg verlebten geselligen Abende sind jedem, der an diesem geistigen 
Austausch teilnehmen durfte, unvergefilich, und Paulsen selbst sah in den im 
Kreise seiner Familie und naheren Freunde verlebten Stunden, in denen er 
ganz aus sich herausgehen durfte, sein schonstes Gliick. Er redete von ihnen 
wohl als einem Vorschmack des seligen Lebens, in dem sich das Gebot ver- 
wirklichen liefie, dem, der den Rock nimmt, auch den Mantel zu geben. Frei- 
lich auch an Sorgen, ja an sehr schweren Sorgen, hat es ihm in seinem Familien- 
leben nicht gefehlt. Aber er teilte die Ansicht aller tiefen Denker, dafi einem 
Menschenleben ohne Leiden das Kostlichste fehlen mufite. Aufier dem Kreise 
gleichaltriger und gleichgestimmter Freunde waren die Tore seines gastlichen 
Heims auch der studierenden Jugend weit geoffnet. Gar vielen ein vaterlicher 
Freund und unersetzlicher Berater, hat er auch manche wertvolle und dauernde 
Freundschaft zwischen gleichgestimmten jungen Mannern, die sonst aneinander 
voriibergegangen waren, ins Leben gerufen. Allen Dank daflir bescheiden an 
die Adresse seines ihm vorbildlichen Lehrers verweisend, schrieb er spater: 
»Wenn in den langen Jahren, da seither Studenten bei uns als Gaste verkehren, 
ihnen in unserem Hause wohlgeworden ist, so mogen sie mit Dank an das 
liebenswurdige Haus in der Charlottenstrafie denken, in dem Frau Ferdinande 
die Hausfrau und Trendelenburg den Wirt machte.« Die wohlhabende Ein- 
fachheit der Lebensfiihrung P.s, welche auf kostspielige Reprasentations- 
gesellschaften verzichtete, sowie sein praktischer Sinn und sein okonomisches 
Geschick als Haushalter ermoglichten ihm eine sehr weit reichende edle Frei- 
gebigkeit. Er hatte stets Auge und Hand offen fiir fremde Not nah und fern, 
und keinen Zuwachs seines eigenen Vermogens liefl er vortibergehen, ohne 
anderen zu helfen, ihr Leben zu erweitern und zu verschonern. 

Geistige Erholung und korperliche Erfrischung suchte er auf kleinen und 
grofien Wanderungen durch deutsche Gaue. Namentlich in jiingeren Jahren 



Paulsen. 



255 



griff er nicht nur wahrend der groflen Sommerpausen, sondern auch in den 
Oster- und Pfingstferien regelmaBig zum Wanderstab und lernte Deutschland 
vom Meer bis zu den Alpen und vom Rhein bis an den Pregel als rustiger FuB- 
ganger kennen. 

Vertraut mit der Geschichte der einzelnen Landschaften und voller Ver- 
standnis fur die Beziehungen zwischen Land und Leuten ebenso wie fiir die 
Eigenart der verschiedenen Stamme, sammelte er auch hier mit dem Auge 
des Kulturhistorikers fruchtbare Eindriicke. Seitdem er mit seiner ersten 
Frau die Hochzeitsreise nach Italien gemacht hatte, ist er bis in die letzten 
Jahre seines Lebens wohl kaum liber die deutschen Grenzen hinausgekommen. 
Die beiden Pole, nach denen seine Reisen und Wanderungen in spateren Jahren 
meist hinstrebten, waren seine eigene Heimat an der Nordgrenze des Vater- 
landes — im Jahre 1890 besuchte er die Hallig Oland, die einstige Heimstatte 
seiner seefahrenden Voreltern, zum ersten Male — und die Heimat seiner zwei 
Gattinnen im Siiden Deutschlands: im Jahre 1901 baute er sich ein Haus in 
Starnberg als Standquartier fur seine Ausfliige ins bayrische Bergland. Erst 
in seinen spatesten Jahren setzte er den Wanderstab wieder etwas weiter. 
Im Jahre 1904 besuchte er England. Hatte er von jeher grofie Sympathien 
fur die Denker des ihm im engsten Sinne stammverwandten Volkes gehabt, 
so fand er sich nun aufs freudigste iiberrascht, als ihm Land und Leute Sud- 
englands in vielfacher Hinsicht ein Spiegelbild seiner schleswig-holsteinischen 
Heimat, zugleich des angelsachsischen Stammlandes, darboten. Charakteristisch 
fur die anspruchslose Bescheidenheit seines Wesens war die Dankbarkeit, die 
er fortwahrend dafiir aussprach, dafi es ihm vergonnt war, so viel Interessantes 
zu sehen; erstaunlich war seine Rustigkeit sowie die jugendliche Aufnahme- 
fahigkeit, die er z. B. bei dem stundenlangen Genusse der Londoner Kunst- 
sammlungen bekundete. Niemand ahnte, daB es das letzte Jahr seiner Gesundheit 
sein sollte: er war, wie er oft hervorhob, mit Ausnahme jenes schweren Typhus- 
Anfalls nie krank gewesen. Im Jahre 1905 reifte der Umstand, daB der skan- 
dinavische Norden infolge der befiirchteten politischen Unruhen wenig besucht 
war, in ihm den EntschluB, das »alte germanische Urland« zu besuchen. Am 
Tage der Unabhangigkeitserklarung Norwegens horte er die Klange des Luther- 
liedes »Ein feste Burg ist unser Gott« vom Eidsvoldsplatz in Christiania zu 
seinen Fenstern emporsteigen. »Ein Volk, das seine Revolution so begehU, 
schrieb er, »darf eine Zukunft hoffenc 

Aber es war sein Verhangnis, das ihn gen Norden gefuhrt hatte. Er litt 
noch an den Nachwehen einer im Fruhjahr uberstandenen Influenza. Auf den 
Fahrten ubers norwegische Hochplateau drang ein eisiger Wind, auf den die 
»sommerliche Ausriistung keineswegs eingerichtet war, durch jeden kleinsten 
Spalt der Kleidung«, und — auf seine bisherige Rustigkeit zu viel vertrauend — 
badete er auch noch mit iibelstem Erfolge im kalten Wasser norwegischer 
Fjorde. Er hat sich nie wieder erholt und bis an sein Ende iiber das bestandige 
FrostgefUhl geklagt. Krank kehrte er nach Hause zuruck; aber niemand 
ahnte, daB ein Darmleiden, von dem er nicht genesen konnte, Wurzel gefaBt 
hatte. Seine Krankengeschichte bildet ein Blatt in den Annalen heldenhaften 
Menschentums. Als im Jahre 1906 sein sechzigster Geburtstag gcfeiert wurde, 
mischten sich schon die trubsten Befurchtungen in die ihm dargebrachten 
Gluckwiinsche. Aber noch iiber zwei Jahre hat er der Krankheit standgehalten; 



256 Paulsen. 

alien Mahnungen, sich zu schonen, zum Trotz weigcrte er sich, seine Tatigkeit 
zu unterbrechen. Er fuhlte, dafl es eine Krankheit war, der gegeniiber es keinen 
Waffenstillstand gab und wollte auch wohl, von Gedanken und Planen noch 
libervoll — wie treffend gesagt worden ist — »aus dem Brande retten, was 
noch zu retten war«. Mit wechselndem Erfolge suchte er in den Ferien zeit- 
weilige Erholung in Siiddeutschland, an der Riviera und in Italien. Dann und 
wann spiegelte ein voriibergehendes Aufflackern seiner einst so unverwustlichen 
Kraft den Freunden trugerische Hoffnung vor; aber die schmerzliche Gewifi- 
heit wurde doch immer grofler, dafl es sich um eine unheilbare Krankheit 
handelte. Weniger als drei Jahre hatten aus dem jugendkraftigen Manne 
einen gebrechlichen Greis gemacht, fiir den die kurze Fahrt von Steglitz nach 
Berlin eine beschwerliche Reise war. Aber sein 62. Geburtstag (16. Juli 1908) 
fand ihn noch auf dem Lehrstuhl, den die Liebe der studierenden Jugend mit 
Blumen geschmtickt hatte. Noch vor Schlufl des Sommersemesters jedoch sah 
er sich genotigt, seine Vorlesungen abzubrechen, um, wie er sagte, noch etwas 
Kraft fiir die Hochzeit seiner Tochter iibrig zu haben, und nahm mit tief be- 
wegenden Worten Abschied von seinen Studenten. Aber seine Feder ruhte auch 
jetzt noch nicht. Noch am 1. August, genau vierzehn Tage vor seinem Tode, 
schrieb er das Vorwort zu einer Friedrich Althoff als »dem Bahnbrecher der 
Schulreform« gewidmeten Sammlung von Aufsatzen liber Fragen des Bildungs- 
wesens. Sein Verhaltnis zu dem allgewaltigen Leiter der Angelegenheiten 
des hoheren Unterrichts in Preuflen hatte sich nach einigen Schwankungen 
zu einer auf gegenseitige Hochachtung gegriindeten Freundschaft ausgestaltet, 
und Althoff horte in spateren Jahren gern auf seinen Rat. Keiner der beiden 
Manner sollte die Veroffentlichung des Buches erleben. 

Sonntag, den 9. August, empfing P. noch zahlreiche Besucher, die z. T. 
der Historikerkongrefl nach Berlin gefiihrt hatte, war aber sehr niederge- 
schlagen dariiber, dafl der Arzt seine Krafte zur Rcise nach Starnberg, von 
der er sich neue Erholung versprach, fur nicht ausreichend erklarte. Am nachsten 
Tage schon zwang ihn die nicht langer zu uberwindende Schwache aufs Kranken- 
lager, von dem er sich nicht mehr erheben sollte. Es folgte ein langsames, 
friedliches Entschlafen, bis er am Freitag, dem 14. August, abends 11 Uhr, 
den letzten Atemzug tat. So stirbt einwahrer Philosoph, ein grofler Mensch. 
Was er in den letzten Tagen noch sprach, waren meist Worte eines iiber- 
stromenden Dankes fiir die auf opf ernde Liebe seiner Frau. Es kann kein schoneres 
Zeugnis fiir einen Mann geben, als das der Gattin P.s: selbst in ihrem tiefsten 
Kummer habe sie oft eine freudig gehobene Stimmung uberkommen, wenn sie 
das durch keinen noch so leisen Mifiton getrubte Bild ihres Zusammenlebens 
in seiner Vollendung iiberschaute. 

P. hinterliefl zwei Sohne und zwei Tochter, samtlich aus seiner ersten 
Ehe; die jungere Tochter ist mit einem seiner Schuler, dem Breslauer Privat- 
dozenten der Philosophic Dr. Willy Kabitz, verheiratet. Die Bestattung er- 
folgte auf dem alten Matthaikirchhofe in Berlin, wo so viele deutsche Denker 
ruhen; Julius Kaftan, der Berliner Theologc, der sein intimer Freund und in 
Steglitz sein Nachbar war, hielt ihm die Grabrede. 

P.s liebstc und wohl auch segensreichste Arbeit war die Lehrtatigkeit, 
die er der Jugend widmete. Im Umgang mit ihr schien sich seine eigene Person- 
lichkeit fortwahrend zu verjiingen. Es liegt freilich ein Kern von Wahrheit 



Paulsen. 



257 



darin, wenn Ferdinand Tonnies, einer seiner nachsten Freunde und warmsten 
Verehrer, andeutete, dafi er in seinen letzten Jahren etwas an Verstandnis 
verloren habe »fiir das Gesunde und Verniinftige, das zumeist auch in Ideen, 
die sich ziefnlich absurd gebarden, verborgen liegU. Aber von Haus aus war 
dieses Verstandnis sehr stark in ihm entwickelt, und den Ausschlag gibt 
immer das Bild des in seiner Vollkraft stehenden P., der stets auf der Seite 
jugendlicher Begeisterung im Kampfe gegen Veraltetes und Verkehrtes 
stand. Allerdings war auch dies andere von Haus aus eine ebenso starke 
Seite seines Wesens: nicht nur die Unvernunft, sondern auch die Vernunft 
in dem Gewordenen zu sehen, — es war wohl der einzige Punkt, an dem 
er fur Hegel Sympathien hatte. Und wenn er in seinen letzten Jahren, da 
ihm die grausige Krankheit die Lebenskraft aussog, und ihn zwang, alle 
Aufregungen zu vermeiden und alien Kampfen auszuweichen, ganz instinktiv 
diese letztere Seite seines Wesens die Oberhand gewinnen liefi — wer mochte 
ihn tadeln? 

Als er seinen Dank fur die ihm zum 60. Geburtstage dargebrachten Hul- 
digungen aussprach, bezeichnete er selbst die zwei Leitmotive, die ihm in 
seiner Lehrtatigkeit von Anfang an mehr oder minder bewuflt vorgeschwebt 
hatten, mit folgenden Worten: »Das eine: die Philosophic aus der Isolierung, 
worin sie noch vor einem Menschenalter sich befand, herauszufuhren und sie 
wieder in lebendige Beziehung zu der Bildung und den Aufgaben der Zeit zu 
setzen: Philosophic, so schien mir, ein unentbehrliches Element des Gesamt- 
lebens, ohne das es Gesundheit und Harmonie nicht haben kann. Das andere: 
Scheu vor dem Partei- und Faktionswesen, Scheu vor dem Schulemachen und 
Cliquebilden; mit einem Wort des Erasmus von Rotterdam: Semper solus 
esse volui nee quicquam pejus odi quant juratos et factiosos. Philosophic soil 
den inneren Menschen frei machen, nicht binden, ihr Lehrer zum Selbstdenken 
anleiten, nicht zum Nachsprechen anhalten«. Der Anleitung zu selbstandigem 
Denken waren in erster Linie die Ubungen gewidmet, die P. im Anschlufi an 
klassische Werke der modernen Philosophic abhielt. In der richtigen Einsicht, 
dafi es viel wichtiger und bildender ist, beizeiten positive Kritik iiben zu lernen 
als negative, wahlte er vorwiegend Werke der vier Philosophen, die ihm selbst 
am meisten zu sagen gehabt hatten: Spinoza, Hume, Kant, Schopenhauer. 
Unter Verzicht auf alle im Sande verrinnende Einzelkritik wurden vor allem 
die grofien Hauptgedanken klar herausgearbeitet und auf ihren Wert gepriift. 
Auch in seinen Vorlesungen war P. — ahnlich wie auf anderem Gebiete Her- 
mann Grimm — ein Fuhrer, der den Wanderer auf die hohen Gipfel geleitete, 
von denen aus sich der Zusammenhang der Haupttaler klar uberblicken laflt, 
so dafi man dann leicht selbst seinen Weg zu den Nebenstromungen des geistigen 
Lebens findet. Nicht auf Worte oder Lehrsatze kam es ihm an, sondern darauf, 
dafi der Schuler gleichsam ein personliches Verhaltnis zu den Dingen selbst 
gewann, um die es sich handelte. In freiem — wohlvorbereitetem, aber nicht 
memoriertem — Vortrage entwickelte P. seine Gedanken in durchsichtiger 
Gliederung. Alle an das Gefuhl sich wendende rhetorische Beredsamkeit ver- 
schmahend, erstrebte er vielmehr im Tone eines behaglichen Gespraches jene 
an den Verstand sich richtende Beredsamkeit, die am Schlufi im Horer die 
Empfindung zuriicklafit, »dafl er dies alles selber gedacht und sich seiber ge- 
sagt habe«. 

Biogr. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog-. 13. Bd. 1 7 



258 Paulsen. 

Zu oratorischen Glanzleistungen hatte P. wohl auch das Organ gefehlt. 
Aber so grofi war die eindringliche Kraft seiner schlichten Rede, dafi er doch 
auch immer wieder herangezogen wurde, wo es sich darum handelte, vor einem 
ganz grofien Kreise das Wort zu ergreifen. So hielt er 1896 im Grofien Rathaus- 
saale in Berlin die Festrede zur Hundertfiinfzigjahrfeier des Geburtstages 
Pestalozzis. Im Krollschen Lokale hielt er 1898 die Gedachtnisrede zum 
50. Jahrestag der Erhebung Schleswig-Holsteins gegen Danemark. Im folgenden 
Jahre behandelte er auf dem evangelisch-sozialen KongreB in Kiel die grofien 
historischen Wandlungen im Bildungsideal vom Mittelalter bis auf die Gegen - 
wart. Im Jahre 1900 hielt er in Dresden in der Gehe-Stiftung einen Vortrag 
Ciber Parteien und Parteipolitik. Zu Pfingsten 1902 hielt er den Festvortrag 
in der Goethe-Gesellschaft tiber Goethes ethische Anschauungen. Auf dem 
ersten deutschen Oberlehrertag in Darmstadt (1904) sprach er liber die Stel- 
lung der hoheren Schule innerhalb des gesamten Lebens des deutschen Volkes. 

Sein Einflufi auf die Neugestaltung des hoheren Schulwesens in Preufien 
wurde allein schon genugen, ihm in der deutschen Kulturgeschichte einen 
dauernden Platz zu verschaffen. Von jeher hatte er darauf hingearbeitet, 
dem s. Z. besonders von Johannes Schulze vertretenen, immer unmoglicher 
werdenden alten Ideale einer »Einheitsschule«, die durch »allseitige Bildung« 
zu alien akademischen Berufen in gleicher Weise vorbereiten sollte, den Todes- 
stofi zu versetzen. Tatsachlich lief dies Ideal naturlich auf ein Monopol des 
klassischen Gymnasiums hinaus, wahrend P. darauf hinwies, wie notig es sei, 
den verschiedenen Bediirfnissen durch eine verschiedene Mischung und Be- 
tonung der alten und der neuen Sprachen oder der realen Wissenschaften zu 
dienen. Im Jahre 1889 hielt er im Realschulmannerverein seinen Vortrag 
uber »das Realgymnasium und die humanistische Bildung«, — in der Absicht, 
»deutlich zu machen, dafi auch die Bildung, die auf dem Realgymnasium 
erworben werde, durchaus iiberwiegend eine humanistische, d. h. auf das Studium 
der menschlich-geschichtlichen Welt gegrlindete sei und damit das alte dumme 
Vorurteil zu brechen, das sich an den Namen des Realismus hangU. Vergebens 
suchte er dann die Dezember-Konferenz des folgenden Jahres (1890) zu uber- 
zeugen, dafi sie auf das tote Gleis der alten Einheitsschule zuruckkehre, indem 
sie die Rettung des Gymnasialmonopols durch Beschneidung des klassischen 
Unterrichts erkaufe, anstatt an die Rettung des humanistischen Gymnasiums 
selbst zu denken, die nur durch seine innere Entlastung, d. h. durch die Zu- 
lassung anderer, modernerer Bildungswege neben dem klassischen, zu ermog- 
lichen sei. Sein Rat wurde mifiachtet; aber die Mifierfolge des nachsten Jahr- 
zehnts liefien auch die Freunde des klassischen Gymnasiums immer mehr 
einsehen, wie recht er gehabt hatte, und so kamen endlich die Beschlusse der 
Juni-Konferenz von 1900 zustande, durch welche Gymnasium, Realgymnasium 
und Oberrealschule hinsichtlich der Zulassung zur Universitat im wesentlichen 
gleichgestellt wurden. Es ist hinzuzufligen, dafi P. in seinen letzten Lebens- 
jahren noch den von der Unterrichtskommission deutscher Arzte und Natur- 
forscher erhobenen Anspruchen ein wichtiges Zugestandnis machte. Von dieser 
Seite war auf den Mangel an naturwissenschaftlichen Kenntnissen als eine 
klaffende und fur das geistige Leben des ganzen Volkes verhangnisvolle Liicke 
in der Ausbildung der Gymnasialabiturienten hingewiesen worden. P. liefi 
sich daraufhin bereit finden, die Preisgabe des lateinischen Extemporales auf 



Paulsen. 



259 



der Oberstufe zu befurworten, damit fiir biologischen Unterricht im Zusammen- 
hang mit anthropologischer, psychologischer, hygienischer und ethischer Be- 
lehrung Zeit gewonnen werde. Das beruhrt sich auch mit seinen unausgesetzten 
Bemuhungen, den propadeutischen Unterricht in der Philosophic wieder in 
seine vollen Rechte eintreten zu lassen, sowie mit seinen weiteren Reformideen 
hinsichtlich des Unterrichts auf der Oberstufe: er stand an der Spitze derer, 
welche auf eine freiere Gestaltung desselben hinarbeiteten, — d. h. vor allem 
auf teilweise Ersetzung der Pensenarbeit durch selbstandigere Tatigkeit und auf 
die Anerkennung gegenseitiger Kompensation durch hervorragende Leistungen 
in den klassischen Sprachen auf der einen, in den mathematischen Wissenschaften 
auf der andern Seite. Uberhaupt sah P. das Wesen echter Bildung nicht in 
oberflachlicher Vielseitigkeit, sondern in einer organischen Pflege und Ent- 
wicklung der Krafte, auf welche die einzelne Personlichkeit angelegt ist. So 
war er ein Feind alles toten Auswendiglernens und geistigen Drills, ein Feind 
auch aller Gesinnungsmache, sei es auf religiosem, patriotischem oder sonst- 
welchem Gebiete. All das hinderte ihn aber nicht, Front zu machen gegen die 
»Uberburdungs- und Verweichlichungs-Theoretiker«, die uber einer fratzen- 
haften Verteidigung des angeblichen Rechtes des Kindes, sich auszuleben, 
die Wahrheit aus dem Auge verlieren, dafi ohne Arbeiten-, Gehorchen- und 
Entsagen-Lernen keine wahre Erziehung denkbar ist. 

Wie er den Lehrerstand gegen die ubertriebenen Anklagen von solcher 
Seite verteidigte, so erwies er sich ihm auch sonst als tatkraf tiger Freund 
und nahm hervorragenden Anteil an den Bestrebungen, die Oberlehrer im Ein- 
klang mit der Wurde ihres Standes den ubrigen Beamtenkategorien pekuniar 
gleichzustellen. Zugleich aber scharfte er unausgesetzt ihr StandesbewuBtsein 
gegeniiber alien anderen Beamten' indem er darauf hinwies, daC der Ober- 
lehrerstand zugleich ein echter Gelehrtenstand sei und sein musse: denn nur 
wer selbst am Fortschritt einer Wissenschaft lebendigen Anteil nimmt, kann 
sie erfolgreich lehren. Darum forderte er auch, dafi den Obcrlehrern Zeit und 
Mittel zu erneutem Universitatsbesuch sowie zu Auslandsreisen zur Verfugung 
gestellt wurden. Die von Johannes Speck angeregte Paulsen -Stiftung zur 
Forderung dieser Ziele ware in der Tat ein P. in seinem eigenen Geiste errich- 
tetes Denkmal. Ebenso lag ihm das Wohl der Volksschule und des seminar istisch 
gebildeten Lehrerstandes, dem er selbst so viel verdankte, am Herzen. Hier sei 
nur seine viel angefochtene Stellungnahme gegen den doktrinaren Liberalismus 
in Sachen der Simultanschule erwahnt: er weigerte sich in dieser kloppelt- 
konfessionellen« Anstalt einen notwendigen Schritt auf dem Wege zur Er- 
reichung des seiner Ansicht nach hochsten Zieles zu sehen: einer wahrhaft 
»interkonfessionellen« Schule, in welcher der dogmatische Religionsunterricht 
durch einen rein historischen Lehrbetrieb ersetzt ist. Wie wenig er im Sinne 
hatte, die Vorherrschaft der Kirche auf diesem Gebiete zu fordern, geht auch 
daraus hervor, dafl er stets dafur eintrat, dafi die Schulaufsicht mehr und 
unehr aus der Hand der Geistlichen genommen und in die padagogischer 
Fachmanner gelegt werde. 

Es ist ja selbstverstandlich, dafi ein Mann wie P. sich keiner politischen 
Partei bedingungslos unterwerfenkonnte. Erhat in einige'n seiner interessantesten 
politischen Aufsatze das grellste Licht auf das innere Wesen des Parteikampfes 
geworfen. Nicht dafi er dessen Notwendigkeit verkannt hatte: »Nur in einem 

17* 



260 Paulsen. 

universellen Absolutismus konnte der Parteikampf zur Ruhe kommen*. Aber 
er erhoffte von der Zukunft seine Humanisierung, d. h. seine Umgestaltung 
in einen Kampf mit ehrlichen Waffen um ideale Interessen. In die Zukunft 
war sein Blick auch gewandt, wenn er vom Sinken des Parlamentarismus und 
von der wachsenden Macht der Krone gegeniiber der Volksvertretung redete. 
Er riet vor allem den links stehenden Parteien, auf eine Ausgleichung der 
Gegensatze zwischen Liberalismus und Sozialdemokratie hinzuarbeiten und das 
Parlament leistungsfahig zu erhalten fur spatere Tage, in denen vielleicht ,,von 
der Volksvertretung wieder Grofleres verlangt und erwartet wird, als gegen- 
wartig". Inzwischen legte er der deutschen konstitutionellen Monarchic ans 
Herz, ihre beispiellose Machtfulle nicht den Interessen irgendeiner einzelnen 
Partei untertan zu machen und vor allem einzusehen, dafl ihr selbst ernste 
Gefahren nur von der klerikal-konservativen Mehrheit, nicht aber von den 
Minoritatsparteien drohen konnten. Dafl er von diesem Standpunkt aus ein 
Gegner der Junkerpolitik Bismarcks sein muflte, liegt auf der Hand. 

Seiner Stellung iiber den Parteien verdankte P. das einzigartige Vertrauen, 
mit dem das deutsche Volk auf seinen Rat in alien offentlichen Angelegenheiten 
horte. Die falsche Scham, die der deutsche Stubengelehrte alten Schlages 
empfunden hatte, ware ihm zugemutet worden, sich als » Journalist* zu be- 
tatigen, war P. ganzlich unbekannt. Fuhlte er, dafl er seinem Volke etwas zu 
sagen hatte, so tat er es ohne Zagen, — nicht nur in Zeitschriften wie der 
Deutschen Rundschau, den Preuflischen Jahrbuchern oder der Internationalen 
Wochenschrift, sondern auch in Berliner Tageblattern, wie der Vossischen 
Zeitung, dem Tag, der Nationalzeitung, der Taglichen Rundschau oder in der 
Wiener Neuen Freien Presse, den Miinchener Neuesten Nachrichten und anderen. 
Namentlich in den Jahren seiner Krankheit, als ihm groflere wissenschaftliche 
Arbeiten unmoglich geworden waren, hatte sich das deutsche Volk so daran 
gewohnt, in brennenden Fragen auf seine Stimme zu horchen, dafl ihr Aus- 
bleiben doppelt empfindlich war. Auch auflerhalb der deutschen Grenzen horte 
man gern auf sein Wort. 

Auf dem Gebiete der auswartigen Politik sah er in Bismarck einen Be- 
freier. Weit entfernt davon, ein zynischer Vergotterer einer brutalen »Real- 
politik« zu sein, sah er gleichwohl in dem der zweiten Halfte des deutschen 
19. Jahrhunderts eigenen Glauben an Macht eine heilsame Reaktion auf den 
friiheren ohnmachtigen Glauben an Ideen; von der Zukunft aber erhoffte er 
die ausgleichende Devise: Macht im Dienste von Ideen! Auch die Idee des 
ewigen Friedens verteidigte er, freilich nur als ein in der Zukunft liegendes 
Ideal; darum trat er auch fur die deutsche Regierung gegen alle Verdachtigungen 
ein, wenn sie — in der richtigen Erkenntnis, dafl es nirgends verhangnisvoller 
ist, als in der Politik, den zweiten Schritt vor dem ersten zu tun — nach dem 
Grundsatz handelte: Si vis pacem, para bellum! Den Ursprung der Gewitter- 
wolken an dem im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts oft so sturmes- 
schwangeren europaischen Himmel suchte er nicht jenseits des Kanals, sondern 
jenseits der Vogesen: die ruckhaltlose Anerkennung des Frankfurter Friedens 
durch Frankreich bezeichnete er als den sichersten Weg zur Beseitigung der 
Kriegsgefahr. Die gegenseitige Verhetzung des englischen und des deutschen 
Volkes bekampfte er als ein frevelhaft leichtsinniges Spiel mit dem Feuer. 
Nach seiner Ruckkehr aus England (1904) trat er in deutschen und englischen 



Paulsen. 26 1 

Zeitschriften gegen dieses Treiben auf, und im Dezember des folgenden Jahres 
liefi er sich durch seine schwere Erkrankung nicht abhalten, in der groflen 
Versammlung in der Berliner Borse gewichtige Worte liber die deutsch-englischen 
Beziehungen zu reden. Fur die bei englischen Politikern so beliebte tugendliche 
Selbstbespiegelung zwar hatte er nur ein Achselzucken, aber er traute dem 
reifen politischen Urteil des englischen Volkes die Einsicht zu, dafi ein Krieg 
zwischen den beiden stammverwandten Volkern auch dem Sieger verhangnis- 
voll sein muflte. 

Von einer Darstellung der Weltanschauung P.s kann in deqi hier gegebenen 
Rahmen natiirlich nicht die Rede sein: es kann sich nur darum handeln, den 
Kundigen kurz liber die Richtung seiner philosophischen Grundanschauungen 
zu orientieren. P. bezeichnete sich selbst als einen Kantianer, »wenn auch 
nicht einen Kantianer von der orthodoxen Observanz*. Kants »Lehre von 
der schopferischen Kraft des Geistes, der durch seine synthetischen Funktionen 
die Natur als Inbegriff gesetzmafiig verknupfter Erscheinungen erst hervor- 
bringU, war ihm »eine unvergangliche WahrheiU. Aber den »starren aprio- 
ristischen Rationalismus, der den Verstand als absoluten Schopfer ewiger 
Wahrheiten, die Begriffe als ein System ewiger Wesenheiten ansah«, lehnte 
er ab. Vielmehr war ihm »der Verstand eine bewegliche Funktion und die Be- 
griffe ein immer zu erneuerndes und zu vervollkommnendes Netz, das jede 
Generation neu flicht, um die ewig nachwachsenden und ewig sich umbildenden 
Tatsachen damit einzufangen und ihrer Herrschaft zu unterwerfen«. Ahnlich 
bog er auch Kants Lehre vom »Primat der praktischen Vernunft« nach der 
Seite des Empirizismus um; wenn uns bei der Bildung unserer letzten und 
hochsten Oberzeugungen der »die Erscheinungen buchstabierende Verstand« 
im Stiche laflt, so mufi der »durch sittliche Grundsatze sich selbst bestimmende 
Wille« die letzte Instanz bilden, insofern seine Postulate bei der im meta- 
physischen Glauben angestrebten Erganzung des von den Einzelwissenschaften 
gelieferten fragmentarischen Weltbildes in Zweifelsfallen den Ausschlag geben. 
Die damit angedeutete Erkenntnistheorie stellte eine gegenscitige Befruchtung 
zwischen dem durch die Namen Locke, Hume, Mill bezeichneten englischen 
Empirizismus und dem Kantschen Kritizismus dar. Sie hatte den Odem der 
Zukunft in sich, denn sie enthalt bereits alles Wesentliche und wirklich Wert- 
volle, das der moderne Pragmatismus verkiindet, der gerade in dem Augen- 
blicke, als P. aus dem Leben schied, so viel von sich reden machte, — freilich 
in nuchternerer Sprache und klarerer historischer Selbsterkenntnis. 

Beneke und Ueberweg ebneten P. den Weg zu seiner Metaphysik durch 
die erkenntnistheoretische Einsicht, daB von einer »Phanomenalitat« der 
♦ Erscheinungen* nur hinsichtlich der durch die sinnliche Wahrnehmung ver- 
mittelten Korperwelt die Rede sein kann, wahrend die psychischen Vorgange 
im Bewufitsein unmittelbar gegeben werden — so wic sie »an sich« sind. Von 
hier ausgehend, folgte P. dann Schopenhauer bei seiner panpsychistischen 
Ausdehnung der gesamten Wirklichkeit nach der Analogie des einzigen Aus- 
schnittes derselben, der mir nicht nur in der sinnlichen Anschauung als Korper, 
sondern zugleich im SelbstbewuCtsein als psychisches Wesen gegeben ist, — 
d. h. des eigenen Selbst. Den an Kants Lehre vom »Primat der praktischen 
Vernunft« ankniipfenden Voluntarismus Schopenhauers machte er sich inso- 
weit zu eigen, als er den entwicklungsgeschichtlichen und praktischen Vorrang 



262 Paulsen. 

des Willens iiber den Intellekt anerkannte. Aber im Gegensatz zu Schopenhauer 
sah er ein, dafi im BewuOtsein nicht nur die emotionellen, sondern auch die 
intellektuellen Vorgange unmittelbar gegeben sind, und damit war dem auf 
die Lehre vom »blinden« Willen gestiitzten Pessimismus bereits der Boden ent- 
zogen. 1st nun, wie vorhin angedeutet wurde, der Komplex physischer 
oder physiologischer Vorgange, den ich meinen Korper nenne, identisch mit 
dem Komplex psychischer Vorgange, den ich meine Seele nenne, — mit anderen 
Worten: sind beide ein und dasselbe, nur auf verschiedene Weise wahrge- 
nommen, so kann natiirlich keine Kausalitat zwischen physischen und psy- 
chischen Vorgangen statthaben. Schopenhauer hatte dieses Prinzip keineswegs 
rein durchgefuhrt; P. brachte es, indem er sich auf den Boden des durch Fechner 
erneuerten Spinozismus stellte, konsequent zur Geltung. Der Name des psycho- 
physischen Parallelismus ist keine gliickliche Bezeichnung seines Standpunktes: 
handelt es sich doch gar nicht um zwei parallele Reihen getrennter und gleich 
wirklicher Vorgange! Durch den Panpsychismus hindurch gelangte P. zum 
Pantheismus: das gottliche Allbewufitsein verhalt sich zum menschlichen 
Einzelbewufitsein wie die gesamte Korperwelt des Universums zum mensch- 
lichen Korper. Aus der Ablehnung jeder Wechselwirkung zwischen physischen 
und psychischen Vorgangen folgt ohne weiteres, dafi eine teleologische Be- 
trachtung nur bei der Beschrankung auf psychisches Geschehen — sei es im 
einzelnen Individuum oder im Allbewufitsein — zulassig ist. Dagegen ist fur 
die Korperwelt als solche, einschliefllich der Organismen und ihrer Entwicklung, 
keine andere als die kausale Erklarung moglich. In diesem Prinzip stimmte P. 
durchaus mit dem Darwinismus uberein. Daran wird auch nichts geandert durch 
seinen s. Z. viel Staub aufwirbelnden Angriff auf Haeckel (1900), den man ganz 
irrtiimlicherweise als einen Angriff auf den »Monismus« uberhaupt hinstellen 
wollte. P. hat seine eigene Metaphysik mit Recht als »idealistischen Monismus* 
bezeichnet, und gegen die in Haeckels »Weltratseln« niedergelegte, durch und 
durch inkonsequente Pseudophilosophie machte er nur deshalb Front, weil sie 
einen verkappten Materialismus plumpester Art darstellte. Dagegen hat er 
Haeckel als Vorkampfer des Darwinismus stets geschatzt, und in wie volligem 
Einklang er sich gerade mit den zukunftsfreudigsten Vertretern der modemen 
Naturwissenschaft fiihlte, geht daraus hervor, dafi er — in fast wortlicher 
Obereinstimmung mit einem Physiologen wie Max Verworn — die Zuriick- 
fiihrung der Lebensvorgange auf die Grundgesetze der Physik und Chemie 
forderte. 

Dem Pessimismus stellte er einen Optimismus der Arbeit und Arbeits- 
freudigkeit entgegen, — im Sinne Spinozas oder auch Carlyles und Emersons: 
Bene agere et laetaril Den Formalismus Kants mit seinen apriorischen Sitten- 
gesetzen ebenso ablehnend, wie den englischen Utilitarismus, der in der rein 
quantitativ zu bestimmenden Lust das absolut Wertvolle suchte, sah der an 
Aristoteles ankniipfende ethische »Energismus« P.s das »hochste Gut« in der 
vollen Betatigung »aller menschlich-geistigen Krafte und Tiichtigkeitem. In 
seinem eigenen Leben ist es verwirklicht worden! 

Noch ein kurzes Wort iiber P.s Verhaltnis zum Christentum. Er schilderte 
Kant als den »Philosophen des Protestantismus«, indem er sich auch hier 
wieder von Kants Ansichten aneignete, was sich mit seinen empirizistischen 
Grunduberzeugungen vereinbaren liefl. So strebte er eine Versohnung zwischen 



Paulsen. 263 

Glauben und Wissen an, indem er den religiosen Glauben auf das sittliche 
Bewufltsein grundete und ihn — in wesentlicher Obereinstimmung mit 
Adolf Harnack — von jeder Verkettung mit einer bestimmten theoretischen 
Weltanschauung und darum auch von allem Dogmenzwang befreite: Religion 
eine Sache d^s Herzens, nicht des Kopfes. Dabei war er sich bewufit, dafl es 
in diesem Sinne ebenso viele protestantische Katholiken gibt wie katholische 
Protestanten. So hiefi er auch den katholischen »Modernismus« willkommen 
und sah in der gegen ihn in Aktion tretenden papstlichen »Unfehlbarkeit« das 
Widersittliche in seiner vollendetsten Gestalt, — die »Siinde wider den heiligen 
GeisU. Gegeniiber der auf eine Knechtung der Vernunft und des Gewissens 
ausgehenden Kirchenpolitik eines Pius X. forderte er die Regierung auf, die 
Lehrfreiheit der deutschen Universitat zu verteidigen. Mit einer entschiedenen 
Ablehnung des Wunderglaubens in alien seinen Formen verband er eine lautere 
Herzensfrommigkeit; noch aus seinem Grabe heraus redete er in diesem Geiste 
zu uns in einer hinterlassenen und seinem Wunsche gemafl in der Weihnachts- 
nummer der »Christlichen Welt« veroffentlichen Abhandlung »Was diinket 
Euch um Christo, wefl Sohn ist er?« Der Fliigel des liberalen Protestantismus, 
als dessen Organ das eben genannte Blatt bezeichnet werden kann, hat in P. 
einen tapferen Vorstreiter verloren. 

Es gibt kaum ein Gebiet des offentlichen Lebens, auf dem sein Tod nicht 
eine Lucke gerissen hatte, und wem es vergonnt war, in ein personliches Ver- 
haltnis zu ihm zu treten, der empfand das als eine grofie, vielleicht als die grofite 
Bereicherung des eigenen Daseins. 

Schriften. Die »Geschichte des gelehrten Unterrichts auf den deut- 
schen Schulen und Universitaten« {1885), die erste groflere Veroffentlichung 
P.s nach seiner Habitation, wird auf geraume Zeit hinaus das klassische Werk 
uber diesen Gegenstand bleiben. In der zweiten Auflage (1896) wuchs es zu 
zwei stattlichen Banden an; eine dritte ist in Vorbereitung. Es fand spater 
eine Erganzung in der viel gedrangteren, aber darum nicht weniger lebens- 
vollen Darstellung des »Deutschen Bildungswesens in seiner geschichtlichen 
Entwicklung« (in Teubners Sammlung »Aus Natur und Geisteswelt« 1906, 
2. Auflage 1909), insofern darin auch die Volksschule behandelt wurde. Das 
dritte grofie Werk P.s auf dem Gebiete des Bildungswesens ist sein Buch iiber 
»Die deutschen Universitaten und das Universitatsstudium« (1902), das gegen- 
wartig vergriffen ist und hoffentlich bald in neuer Auflage erscheint: kein 
Buch konnte besser geeignet sein, dem angehenden Studenten die Orientierung 
in seiner neuen Lebensumgebung zu erleichtern oder dem Aufienstehenden 
eine eingehende Kenntnis der akademischen Verhaltnisse zu vermitteln. Aus 
seiner spateren zahllosen kleineren Abhandlungen auf dem Gebiete der 
Padagogik hat P. noch kurz vor seinem Tode zwei Sammlungen zusammen- 
gestellt: »Moderne Erziehung und geschlechtliche Sittlichkeit« (1908) und 
♦Richtlinien der jiingsten Bewegung im hoheren Schulwesen Deutschlands« 
(1909). Die erste widmete er mit f einer Ironie dem »Jahrhundert des Kindest 
(s. o.); in der zweiten — es ist die Friedrich Althoff gewidmete — deutete er 
den Weg an, der ihm fiir die Weiterentwicklung seit der letzten Schulreform 
von 1901 wiinschenswert schien. Hingewiesen mag noch sein auf seine gehalt- 
vollen Beitrage zu Reins »Enzyklopadischem Handbuch der Padagogik* 



264 Paulsen. 

(2. Auflage 1902) sowie zu dem grofien von Paul Hinneberg herausgegebenen 
Werke »Die Kultur der Gegenwarts (1905 ff.). 

Seine philosophische Weltanschauung hat P. niedergelegt in der >Ein- 
leitung in die Philosophies (1892, 20. und 21. Auflage 1909) und in semem 
^System der Ethik mit einem Umrifl der Staats- und Gesellschaftjlehres (1889, 
7. und 8. Auflage 1906, in 2 Banden). Beide Werke sind darauf berechnet, 
das Interesse weiter Kreise fur die behandelten Probleme zu gewinnen. Die 
Auflagenzahl der »Einleitungs spricht am deutlichsten fur ihre dauernde Lebens- 
und Wirkensfahigkeit. Die »Ethiks bietet in ihrem ersten Bande eine grofl- 
zugige Darstellung der ethischen Grundprobleme und ihrer geschichtlichen 
Entwicklung, wahrend der zweite den einzelnen Problemen des Eigen- wie des 
Gemeinschaftslebens nachgeht und kaum eine brennende Frage unserer Zeit 
unerortert lafit. Von einer produktiven Beschaftigung mit Kant wurde P. 
nach seiner epochemachenden Habilitationsschrift, der »Entwicklungsgeschichte . 
der Kantschen Erkenntnistheories (1875), lange Jahre hindurch abgelenkt. 
Nur im Jubeljahr der »Kritik der reinen Vernunfts (1881) veroffentlichte er 
eine fesselnde Studie unter dem Titel »Was uns Kant sein kanns in Avenarius' 
»Vierteljahrsschrift fiir wissenschaftliche Philosophies. Zu dieser Zeitschrift 
lieferte er auch sonstige Beitrage; aber spater trennten sich seine Wege von 
denen ihres Herausgebers, da er sich mit dessen »Empiriokritizismuss nicht 
befreunden konnte. Beide Schriften waren schwer zuganglich: die zweite, 
weil sie in einer Zeitschrift erschienen; die erste, w.eil der Verleger R. Reisland, 
dem der Absatz nicht schnell genug ging, die Lagerbestande einstampfen liefi, 
ohne den Verfasser,-dem die Halfte des Reingewinns zustand, auch nur zu fragen! 
Unter diesen Umstanden wurde es doppelt freudig begruflt, dafl P. es ubernahm, 
fiir Frommanns »Klassiker der Philosophies den Band iiber »Immanuel Kant, 
sein Leben und seine Lehres zu schreiben. Er erschien 1808, in 4. und 5. Auf* 
lage 1904. Man kann sagen, dafi P. hier den lebendigen Kant aus dem ersticken- 
den Dunenhugel, den die »Kant philologies iiber ihn ausgeschiittet hatte, heraus- 
grub, indem er den Leser anleitete, personlich zu den von ihm behandelten 
grofien Problemen Stellung zu nehmen. Zugleich fuhrte er die landlaufige 
Ansicht, als sei Kant der endgiiltige Vernichter aller Metaphysik, auf ihr rechtes 
Mafl zuriick, — eine Haltung, die er in einem 1900 in den »Kantstudiens ver- 
offentlichten Aufsatz »Kants Verhaltnis zur Metaphysiks ausfiihrlich ver- 
teidigte. An derselben Stelle war im vorhergehenden Jahre (1899) die Ab- 
handlung »Kant, der Philosoph des Protestantismuss erschienen. Diese letztere 
gab zusammen mit der zuerst in den »Preuflischen Jahrbiicherns (1900) ver- 
offentlichten polemischen Betrachtung »Ernst Haeckel als Philosophs einer 
Sammlung von Aufsatzen das Geprage, die P. noch in demselben Jahre (1900) 
als *Phibsophia miliums; Gegen Klerikalismus und Naturalismuss (3. und 
4. Auflage 1908) erscheinen liefl. In ebendiesem Jahre kam noch eine andere 
Sammlung von drei vorher einzeln erschienenen Abhandlungen »Zur Natur- 
geschichte des Pessimismuss unter dem Titel ^Schopenhauer, Hamlet, Me- 
phistopheles« (3. Auflage im Erscheinen) heraus; als Anhang war eine fein- 
sinnige Betrachtung iiber »Das Ironische in Jesu Stellung und Redes bei- 
gegeben. Schliefilich ist noch eine ahnliche Sammlung zu nennen: die in der 
»Deutschen Buchereis veroffentlichten ^Gesammelten Vortrage und Aufsatze 
zur Ethik und Politiks (1905, 2. Auflage 1906). 



Paulsen. Fiedler. 265 

Auch dem Auslande sind P.s Bucher durch zahlreiche Obersetzungen zu- 
ganglich gemacht worden: nicht nur in englischer und franzosischer, sondern 
auch u. a. in russischer und japanischer Sprache. In Amerika hat sich besonders 
Frank Thilly um die Verbreitung seiner Gedanken verdient gemacht; auch 
Kuno Francke, der geistvolle Forderer des Deutschtums in den Vereinigten 
Staaten, hat friih des P.s Geistes einen Hauch verspurt. 

Aus dem literarischen Nachlasse ist noch eine Veroffentlichung der Vor- 
lesungen iiber Padagogik, vielleicht auch iiber Rechtsphilosophie, zu erwarten. 
Zunachst aber ist eine weitere Sammlung bereits einzeln gedruckter Ab- 
handlungen ins Auge gefafit, der auch ein annahernd vollstandiges Verzeichnis 
samtlicher Veroffentlichungen P.s — es handelt sich um iiber ein vierteltausend 
Nummern — beigegeben werden soil. 

Quellen zur Biographic Die ungewohnlich interessante Fruhzeit seines 
Lebens hat uns Paulsen selbst in seinen » Jugenderinnerungen* (*Aus meinem Lebent, 1909, 
6. u. 7. A. 1 9 10) in farbenfroher Darstellung, die auch hohen kulturgeschichtlichen Wert be- 
sitzt, geschildert. Im Hinblick darauf, dafi dieses prachtige Buch alien zuganglich ist, habe 
ich an gegenwartiger Stelle der Werdezeit einen kleineren Raum gegonnt, als sie sonst ver- 
dient hatte. Aufzeichnungen aus dem spateren Leben in der Form von Jahresheften sind 
vorhanden, doch stehen vorlaufig ihrer Veroffentlichung erheblichc Schwierigkeiten entgegen. 
Einige Notizen daraus verdanke ich der Freundlichkeit seiner Witwe. Auch Professor Friedrich 
Reuter, sein hier oft genannter iiltcstcr Freund, hat mich durch mannigfache wertvolle und 
interessante Mitteilungen unterstiitzt. 

B i 1 d n i s s e. Unter den erreichbaren Bildnissen kommen an erster Stelle drei Photo- 
graviiren in Betracht. Die fruheste erschien im letzten Jahre der vollen Gesundheit Paulsens 
(1904) im ^Corpus Imaginum* der »Photographischen GesellschafU in Berlin. Hier sind die 
geistigen Ziige durch die Haltung des Antlitzes nicht ungeschickt hervorgehoben ; aber wer 
Paulsen personlich nahe stand, empfindet das leicht als stilisiert. Intimere Lebens wahr he it 
ist zwei aus der Meisterwerkstatt von R. Duhrkoop hervorgegangenen Bildnissen eigen. Sic 
datieren aus dem Jahre 1907 und wurden wahrend einer jener triigerischen Zwischenzeiten 
gesundheitlichen Wohlbefindens angefertigt. Eines derselben ist neben der Aufnahme der 
Photographischen Gescllschaft in verkleinerter Reproduktion den »Jugcndcrinnerungen« 
beigegeben, ebenso auch ein photographisches Portrat aus der Privatdozentenzeit sowie ein 
in all seiner kunstlerischen Anspruchslosigkeit entziickendes kleines Bild, das uns den Langen- 
horner Bauernknaben zwischen seinen Eltern zeigt. Auch eine Photographie von Leyde aus 
dem Jahre 1885 verdient Erwahnung. Als sich Paulsen im Fruhling 1908 zur Erholung in 
Italien aufhielt, modellierte Ferdinand Seeboeck, ein Schiiler Hildebrands, seine Biiste. Das 
vortrefflich gelungene Marmorbildnis zeigt von schwerem Leiden abgeharmte Zuge. Eine 
Replik, die der Kiinstler spatermitHilfe der Diihrkoopschen Portrats inverjugendlichter Gestalt 
herstellte, wurde fiir die, Schulaussteliung nach Briissel geschickt. Das auf dem Fichtenberg 
in Steglitz im Sommer 1910 zu enthiillende Denkmal, eine Marmorbuste auf hohem Sockel, 

wird von Schmidt-Kestner ausgefiihrt. T u ~ ~ a ~ - T ^ « « •, « 

s IneodorLorenz, 

Fiedler, Josef, Ritter v., Historiker, * 17. Mai 1819 in Wittingau, f Wien 
30. Juni 1908. — Absolvierte das Gymnasium in seiner Vaterstadt, Jura an der 
Universitat Wien; kurze Tatigkeit in einer Advokaturkanzlei befriedigte den zu 
historischen Studien Neigenden so wenig, dafi er 1844 willig die Gelegenheit 
zum Eintritt in das kaiserliche Haus-, Hof- und Staatsarchiv benutzte; langsam 
stieg er im Rang auf; »obwohl immer getragen von der Anerkennung und dem 
Vertrauen seiner Vorgesetzten«, die ihm schon 1876 fast nur den dienstaltesten 
Beam ten zugewiesene Arbeiten anvertrauten; daneben trieb F. ausgebreitete 



266 Fiedler. Kirchhoff. 

slavische Sprachstudien. Die osteuropaische Gruppe der Archivbestande 
wurde ihm ubertragen; spater auch die Leitung der groflen Abteilung der Akten, 
Urkunden und Privatkorrespondenzen des Kaiserhauses. 1880 wurde F. auf 
Arneths Vorschlag Vize-Direktor des Archivs; 1888 trat er nach 44jahriger 
Dienstzeit in den Ruhestand. Seine Publikationen verzeichnet G u s t a v 
W i n t e r in seinem Nekrolog (Almanach der Wiener Akademie 1909 S. 349/50) 
»Das Hauptwerk seines Lebens aber ruht unvollendet in seinem Nachlafl.* 
»Zunachst gait diese Arbeit dem 30 jahrigen Kriege mit vorwiegender Beriick- 
sichtigung der ungarischen Bewegungen dieser Zeit (Bethlen, Rakoczy); 
als ihm da rascher entschlossene Forscher zuvorkamen, zog er sich auf die Zeit 
des Bruderzwistes im Herrscherhause und des Rakoczy zuruck. Dort wie hier 
ist kaum ein grofleres Archiv der Monarchic von seiner Forschung unberiihrt 
geblieben und auch deutsche und hollandische Archive hat er, so gut es von Wien 
aus moglich war, mit reichem Ertrag nutzbar gemacht, auf eigne nicht unbe- 
trachtliche Kosten. Oft war ihm in den letzten Jahren, wo Hand und Auge 
den Dienst versagten, die Sorge nahegetreten, was nach seinem Tode aus dem 
Werk werden sollte.« »In einer nicht immer glatten Schale barg F. einen 
echten, edlen Kern.« »Er, der Sohn eines reichbegabten Slavenstammes, 
hat eine starke Anhanglichkeit an sein Muttervolk nie verleugnet; aber er 
hat es noch vermocht, sie mit gleich starker Liebe zum osterreichischen 
Gesamtvaterland zu vereinigen.« F.s letztwilliger Verfiigung gemafl sind seine 
Sammlungen der Wiener Akademie zugefallen, deren Verwaltung wie Ver- 
wertung Winter »von leichter fertigen, hoffentlich nicht leichtfertigen Handen« 
erhofft. 

Kirchhoff, Johann Wilhelm Adolf, Professor der klassischen Philologie 
an der Universitat Berlin, * 6. Januar 1826, f 27. Februar 1908. — Der Grofi- 
vater war durch preuOische Werber aus seinem kurpfalzischen Dorfe nach 
Berlin gebracht worden und hat den Siebenjahrigen Krieg mitgemacht; von 
ihm hat der Enkel die hohe stattliche Figur geerbt. Der Vater Johann Jakob , 
Kirchhoff lebte zu Berlin als Portrat- und Historienmaler; seinen altesten Sohn, 
Adolf, der sich dem Schulfach widmen wollte, schickte er auf das Friedrich 
Wilhelms-Gymnasium, damals noch an der Ecke der Friedrich- und Kochstrafie. 
1842 also erst i6jahrig, konnte derselbe bereits mit dem Zeugnis der Reife 
zur Universitat entlassen werden. Seine Studienzeit hat Kirchhoff ganz in Berlin 
verbracht, K. Lachmann und A. Boeckh sind seine Lehrmeister geworden. 
Am 11. Febr. 1846 war seine Doktorpromotion, im Juli des gleichen Jahres 
legte er das Staatsexamen ab, um dann zu Michaelis 1846 als Adjunkt am 
Joachimsthalschen Gymnasium zu Berlin ins Lehramt einzutreten. Die Ver- 
haltnisse des Elternhauses hatten dem jungen Manne die Pflicht aufcrlegt, 
bald zu Amt und Brot zu kommen; der Vater siedelte 1848 nach Leipzig uber, 
wo er bei der Weberschen Verlagsbuchhandlung die Leitung des kunstlerischen 
Teiles der »Illustrierten Zeitung« ubernehmen sollte, starb aber noch im gleichen 
Jahre, die Witwe und die beiden jungsten Sohne in sehr diirftigen Umstanden 
zuriicklassend. K. hat sich hier als treuer Sohn bewiesen, die beiden Briider 
haben sich dem buchhandlerischem Beruf zugewandt; der altere, Alfred, ist 
der wissenschaftlich hochangesehene Inhaber des Leipziger Antiquariats 
Kirchhoff & Wiegand geworden. 



Kirchhoff. 267 

Fur das humanistische Gymnasium in Preufien, wie es sich unter der 
Leitung Joh. Schultzes ausgestaltet hatte, darf dieMitte des neunzehnten Jahr- 
hunderts wohl als die Blutezeit betrachtet werden. Das Joachimsthalsche 
Gymnasium, damals noch neben der heutigen Borse zwischen Bergstrafle und 
Heilige GeiststraCe gelegen, hatte in A. Meincke und G. Kieflling zwei hervor- 
ragend tiichtige Direktoren aufzuweisen, die gleich angesehen als Padagogen, 
wie als Gelehrte, auch den Lehrkorper ihrer Anstalt nach beiden Richtungen 
zu beeinflussen verstanden. Das seit alters mit der Schule verbundene Alum- 
nat, in dem die jungen Lehrer als Adjunkten die Aufsicht zu fiihren haben, 
stellt an diese hohe Anspruche; wer, wie es der junge K. sich zur Regel ge- 
macht, stets gut vorbereitet zu den Unterrichtsstunden kommen will, muB 
sehr haushalterisch mit seiner Zeit umgehen, wenn er dabei auch noch wissen- 
schaftlicher Arbeit obliegen will. O. Schroeder, der selbst als Lehrer seit langen 
Jahren dem Joachimsthalschen Gymnasium angehort und K. in dessen 
spateren Lebensjahren sehrnahe gestanden hat, ist der Tradition nachgegangen, 
die sich von K.s Lehrertatigkeit erhalten hat, um sie in seinem Nekrolog zu ver- 
wenden. Durch Ruhe und Sicherheit des Auftretens hat sich der junge Lehrer 
die Achtung seiner Schuler zu erwerben verstanden, das bei ihm in besonderem 
Mafie ausgebildete Gerechtigkeitsgeflihl, fur das die heranwachsende Jugend sehr 
bald Verstandnis gewinnt, ist ihm dabei zu Hilfe gekommen. Auf gar manchen 
Zogling, bei dem L. Wieses padagogische Kunst nichts auszurichten vermochte, 
hat er noch EinfluB gewonnen. Unter seinen Kollegen ist er dem schon 185 1 
verstorbenen Karl Francke besonders nahe getreten, auch mit Aug. Nauck 
scheint er in regem Verkehr gestanden zu haben. Den wissenschaftlichen Sinn, 
der an der Anstalt herrschte, lassen schon die Namen der jungen Lehrer er- 
kennen, die im Laufe der fiinfziger Jahre in die Adjunktur eingetreten sind, 
wie H. Usener, Ad. Kiefiling, Jul. Baumann, Wolfg. Helbig, W. Dittenberger. 
Aus dem Kollegium des Joachimsthals miissen hier noch genannt werden: Rud. 
Jacobs, Wieses Nachfolger als Alumnatsinspektor, und R. Hercher. Im Jahre 
1857 hat sich K. mit der Schwester seines verstorbenen Freundes Francke 
vermahlt, die er an dessen Sterbebett kennen gelernt hatte. 

Nach neunzehnjahriger Tatigkeit im Schulamt hat K. Michaelis 1865 als 
Nachfolger von A. Boeckh die Professur fur griechische Philologie an der Berliner 
Universitat ubernommen. Bei seinen Vorlesungen ist er stets sich bewufit 
gewesen, dafl er in erster Linie fur die zukiinftigen Lehrer vorzutragen habe, 
zweifellos war der Vortrag selbst in mancher Hinsicht durch die lange Be- 
schaftigung in der Schule beeinflufit. Unter seinen Vorlesungen erfreuten sich 
diejenigen liber Homer, iiber griechische Dialekte und iiber griechische Staats- 
altertumer einer besonders zahlreichen Zuhorerschaft. Als K. eintrat in 
die akademische Lehrtatigkeit, war die Berliner Universitat wohl die am 
starksten besuchte unter den deutschen Universitaten, aber die Verhaltnisse 
waren doch noch ubersichtliche, der Student vermochte auch ohne besondere 
Empfehlung zu seinen Lehrern noch in eine nahere, oft auch in personliche 
Beziehung zu kommen, und in K.s Art lag es, sich seiner Schuler anzunehmen. 
Sein Privatissimum, in dem er bald epigraphische Ubungen hielt, bald die 
Lektion eines Schriftstellers (Herodot u. a.) leitete, konnte er in seinem Studier- 
zimmer abhalten, in den weiten Raumen des altmodischen Maison d'Orange 
an der Ecke der Dorotheen- und Neustadter Kirchstrafie, in den achtziger 



268 Kirchhoff. 

Jahren bezog er das Professorenviertel in der Matthaikirchstrafle. Er war fiir 
die Wiinsche seiner Schiiler zuganglich, und hat gar vielen die Freundschaft 
liber ihre Studienzeit hinaus bewahrt. 

K.s Eintritt in die philosophische Fakultat fallt zusammen mit einer 
neuen Ara in der Berliner Philologie, die anhebt mit der Cbersiedelung Momm- 
sens nach Berlin. M. Haupt und A. Trendelenburg waren noch da als Vertreter 
der vorangegangenen Epoche, J. G. Droysen, E. Curtius, H. Bonitz, E. Zeller 
traten jetzt bald nacheinander in den Lehrkorper der Universitat ein; mit 
ihnen hat K. die ersprieBlichste Zeit seiner Wirksamkeit an der Universitat 
verlebt. Zu Haupt war er, wie es scheint, zuerst durch Mullenhoff in 
Beziehung gekommen. K.s Eintritt in die Akademie (i860), dann in die 
philosophische Fakultat, wo er das philologische Seminar gemeinsam mit 
Haupt zu leiten hatte, hat allmahlich zu einer vertrauten Freundschaft 
geflihrt; in der Leibniz-Sitzung 1875 hat er ihm die Gedachtnisrede gehalten, 
»so, wie er selbst sie billigen wurde«. Einen geselligen Mittelpunkt fand der 
Freundeskreis, dem sich noch Gleichgesinnte angeschlossen hatten, in der von 
Ph. Buttmann 1823 ins Leben gerufenen Graeca. Wenn draufien im politischen 
Leben die Geister aufeinander platzen mochten, hier fanden sie bei der Lektion 
eines griechischen Klassikers und bei der am spaten Abend sich anschlieOenden 
Unterhaltung in friedlichem Verkehr sich zusammen. Lange Jahre hindurch ist 
K. hier der Vorleser gewesen. In der Archaologischen Gesellschaft gehorte er, 
zumal seitdem Curtius den Vorsitz ubernommen hatte, zu den regelmafiigsten 
Teilnehmern, meist sah man ihn dort mit Mullenhoff und Kiefiling zusammen, 
immer aber auch fiir Jungere zuganglich. 

Als auf griechischem Boden die Periode der grofien Ausgrabungen begann, 
und als an dem neuen Archaologischen Institut in Athen U. Kohler, sein Mit- 
arbeiter am Inschriftenwerk, als Sekretar eintrat, hielt es ihn, der schon 
seiner hochgradigen Kurzsichtigkeit wegen sonst nicht reiselustig war, langer 
nicht daheim. Begleitet von zwei seiner Schiiler, Herm. Rohl und Hans 
Droysen, kam er im Marz 1876 nach Athen, und als der erste unter den deut- 
schen Gelehrten in das Ausgrabungsfeld von Olympia. Aufgedeckt war in jenen 
Tagen nur die allernachste Umgebung des Zeustempels, noch nicht einmal 
dessen Area; was vorlag von Stucken der Giebelskulpturen, gab mehr Ratsel 
auf, als es gelost hatte; aber an Inschriften war gleich in den ersten Monaten 
der Arbeit eine Anzahl zum Vorschein gekommen, die zu den wichtigsten Funden 
Olympias gehoren, und an die sich spater noch eine umfangreiche Literatur an- 
geknupft hat. An der Universitat in Athen bekleidete damals die Professur 
fiir altgriechische Sprache St. Phintikles, der lange Jahre neben Phil. Joannu 
zweiter Vorsitzender der Griechischen Archaologischen Gesellschaft gewesen ist; 
ihm als seinem Studienfreunde in Berlin hatK. den Vorlaufer der Plotin-Ausgabe 
gewidmet. Zwei Jahre darauf lockten ihn die Ausgrabungen Schliemanns 
von neuem nach Griechenland, diesmal kam er begleitet von dem jungen Dr. 
Cwiklinski. Ein Paar Scherben aus Mykene, wie sie damals schon zu vielen 
Tausenden vorlagen, wollte cr sich als Andenken mitnehmen. Bei der ihm 
angeborenen peinlichen Gewissenhaftigkeit mochte er nicht gegen das griechische 
Gesetz verstoBen, das die Ausfuhr von Altertumern verbietet; so erbat er 
sich die Erlaubnis vom damaligen Generalephoros Evstratiades, die ihm denn 
auch bereitwillig gewahrt wurde. Es muC ein erhebendes Schauspiel gewesen 



Kirchhoff. 260 

sein, mit welchem Ernst dann an den verschiedenen bei der Heimreise zu 
passierenden Zollstatten iiber diese an sich wertlosen Scherben Protokoll ge- 
fiihrt wurde. Die zweite Auflage der »Homerischen Odyssee« tragt die Widmung: 
»Meinen lieben Reisegesellen zur Erinnerung an die Stunde im Kanal von 
Ithaka zugeeignet«. 

Der Tod Mullenhoffs, die Krankheit seiner Frau — coniugi optimae redi- 
vivae ist 1880 die Aschylos-Ausgabe gewidmet — , ein schweres Augenleiden der 
in seinem Hause lebenden Schwagerin, Vorgange, die bald aufeinander ein- 
traten, haben tief eingegrifFen in das hausliche und personliche Leben K.s. 
Als er 1883/84 das Rektorat bekleidete, hatte er noch unter den Folgen der 
letztvergangenen Jahre zu leiden. 

Wenden wir uns nun zu einem Uberblick iiber K.s literarische Tatigkeit. 
Wenn bei anderen Philologen textkritische Arbeiten das eigentliche Lebens- 
werk gebildet haben, so nehmen sie bei ihm einen ungleich geringeren Umfang 
ein. Was er zu leisten vermochte auf diesem Gebiet, hat er mit seiner Ausgabe 
des Plotin (1856) bewiesen, zu der er die Anregung von seinem Lehrer A. Tren- 
delenburg und von dem Theblogen Aug. Neander empfangen hatte. Meineke, 
der den Antrag stellte, Kirchhoff in die Akademie aufzunehmen, hat ihn mit 
der Plotin -Ausgabe begrundet. Ein Jahr fruher als der Plotin war der grofie 
dreibandige Euripides fertig geworden, fur den er 1853 den Marcianus in 
Venedig kollationiert hatte. 1880 erschien seine Aschylos-Ausgabe, allerdings- 
ohne neue Vergleichung der fur ihn wichtigsten Handschrift, aber die Ausgabe 
»zwang die Philologen, den uninterpolierten Text ins Auge zu fassen, den sie 
ganz vergessen hatten« (Wilamowitz). 

Als Schiiler Lachmanns war er in das Studium der homerischen Frage ge- 
kommen. Mit ihr beschaftigt sich schon seine Dissertation: Quaestianum Homeri- 
carum par ticuia (1846). Dreizehn Jahre spater veroffentlicht er: »Die Homerische 
Odyssee und ihre Entstehung*. Im Vorwort hatte er auf einem Bogen im 
Lapidarstil festgelegt, wie er sich die Entstehung der Odyssee denkt, um dann 
den Text folgen zu lassen, gesondert in den alten Nostos und die spateren Aus- 
clichtungen. In den »Homerischen Exkursen« wurde nurdie Begriindung dessen 
nachgeholt, was die Ausgabe geboten hatte; zwanzig Jahre spater brachte er 
die »Homerische Odyssee « in 2. Auflage. Seine Vorlesung iiber die Odyssee 
hielt er in jedem vierten Semester, ein Beweis dafiir, welchen Wert er darauf 
legte, dafi sich seine Zuhorer gerade in diese Studien einleben sollten. Die Lach- 
mannsche Liedertheorie der Ilias, wenigstens in der Scharfe, wie sie Haupt 
seinen Schiilern vortrug, hat er sich nicht aneignen mogen, aber die Freund- 
schaft zu Haupt war es, die ihn davon zuriickhielt, seine eigene Ansicht iiber 
die Entstehung der Ilias zu veroffentlichen. In spateren Jahren hat er dann 
auf Hesiods »Werke und Tage« seinerseits wieder die Liedertheorie anwenden 
wollen. Neben dem Homer hat ihn wohl kein Schriftsteller so beschaftigt, 
wie Herodot. Seine Ansicht, dafi das Geschichtswerk, in der Hauptsache wenig- 
stens, entstanden sei in der Reihenfolge der Biicher, wie sie heute uns vor- 
liegen, hat viele Gegner gefunden; eine ihrer sichersten Stiitzen findet sie in 
dem Umstand, »dafi die stilistische Kunst Herodots vom Anfang bis zum Ende 
seines Werks in einer stetigen Entwicklung sich begriffen zeigt, und von der 
naiven Unbeholfenheit, welche den ersten Teil kennzeichnet, im Laufe des 
zweiten zu immer bewufiterer Feinheit und Gewandtheit hindurcharbeiteU- 



270 



Kirchhoff. 



Die pseudoxenophontische Schrift vom Staat der Athener hat er zuerst als 
das alteste Stuck attischer Prosaliteratur erkannt und ihren historischen Wert 
klargelegt; der Versuch freilich, die Schrift in ihrer ursprtinglichen Form 
wieder herzustellen, wird wohl niemandem gelingen. 

Zur Epigraphik ist K. durch Boeckh gefuhrt worden, aber er hat seinen eigenen 
Weg eingeschlagen, der jenem recht fern lag. Urn die gleiche Zeit, da Mommsen 
die »Unteritalischen Dialekte« erscheinen lieB, veroffentlicht der damalige 
Adjunkt am Joachimsthal gemeinsam mit seinem Freunde und Studiengenossen 
Th. Auf recht »Die Umbrischen Sprachdenkmalerc Auf Grund der Inschrift- 
texte, die ein'Jahrzehnt zuvor R. Lepsius gesammelt hatte, haben beide, angeregt 
durch ihren Lehrer F. Bopp, es unternommen, in dieses bis dahin vollig dunkle 
Sprachgebiet Licht zu bringen. Ein Menschenalter spater haben F. Biichelers 
Forschungen hier eingesetzt. »Das Stadtrecht von Bantia. Ein Sendschreiben 
an Herrn Theodor Mommsen« (1853), ist die letzte Arbeit, die K. auf diesem 
Gebiet veroffentlicht hat. In welchem Umfang er um jene Zeit unter dem 
EinfluB der Sprachwissenschaft stand, beweisen seine germanistischen Studien, 
denen er sich erst nach Ubernahme des Schulamtes zugewendet hatte. »Das 
gotische Runenalphabet« bildet den Inhalt des Schulprogramms, das er 1851 
veroffentlichte, und in welchem Mafle er hier sich eingearbeitet hatte, sollte 
bald sich ergeben. Im Herbst 1854 wurden der Academie des Inscriptions zu 
Paris und der PreuBischen Akademie der Wissenschaften Kopien von Runen- 
inschriften eingesandt, die der junge Frangois Lenormant auf dem Landgut 
seiner Familie in der Normandie entdeckt hatte. K., der diese Runen einer 
genauen Priifung unterzog, fand, dafl hier frankische Grabinschriften, die um 
das Jahr 510/11 abgefaBt waren, skandinavische Runen des9./io. Jahrhunderts 
aufwiesen. Damit war der Nachweis der Falschung erbracht, und der Entdecker 
hat auch nicht gewagt, seine Runenziegel, vorausgesetzt, daB sie je existiert 
haben, einem glaubhaften Sachkundigen vorzufuhren. I£s war die fruheste, 
aber auch die kiihnste der »Entdeckungen« aus den verschiedensten Gebieten 
der Altertumswissenschaft, mit denen Lenormant die gelehrte Welt uberrascht 
hat. Was aber jener Abhandlung in Haupts Zeitschrift (X 197) ihren bleibenden 
Wert verleiht, ist, daB K. hier auf die germanischen Runenalphabete jene 
palaographische Methode anwendet, die er bald auch auf das Gebiet des griechi' 
schen Alphabets iibertragen hat. In der scheinbar so bunten Mannigfaltigkeit, 
die das griechische Schriftwesen aufzuweisen hat, bevor das ionische Alphabet 
zu allgemeiner Annahme gelangt war, hat er drei Klassen von Alphabeten nach- 
gewiesen ; eines fur den Westen, ein zweites fur den Osten, ein drittes fur Kreta. 
Was er hieruber 1863 der Akademie als seine Ansicht vorgetragen, hat bei 
der inzwischen eingetretenen Mehrung des epigraphischen Materials in voll- 
stem MaBe seine Bestatigung gefunden; es ist darin ein bedeutendes Stuck 
griechischer Kulturgeschichte festgelegt. »Studien zur Geschichte des griechi- 
schen Alphabets« hatK. seine Arbeit genannt und auch spater nicht mehr geben 
wollen. »Es widerstrebt mir, die Lucken unseres Wissens durch hypothetische 
Kombinationen ausfullen zu wollen, wo eine vollige oder teilweise Erganzung 
durch Tatsachen der Erfahrung im Bereiche der Moglichkeit liegt und in nicht 
zu ferner Aussicht steht.« So schreibt er 1876 imVorwort zur 3. Auflage, und 
er wurde wohl auch heute so schreiben, nachdem Arthur J. Evans nachge- 
wiesen hat, daB der phonikisch-hellenischen Buchstabenschrift ein al teres 



Kirchhoff. 27 1 

Schriftsystem Platz gemacht hat, das im zweiten Jahrtausend an den Klisten 
des Archipelagic im Gebrauch war und selber wieder verschiedene Phasen 
durchgemacht hat. 

Ein Mann, der in solchem MaBe die griechische Epigraphik beherrschte, 
war in der Tat die geeignete Personlichkeit, ihm die Sorge fiir das von der 
Akademie herausgegebene Corpus Inscriptionum Graecarum zu ubertragen. Mit 
seiner Bearbeitung der Inscriptiones christianae 1859 und der Herausgabe der 
von H. Rohl bearbeiteten Indices 1880 hat er das Boeckhsche Inschriftenwerk 
zum AbschluC gebracht. Schwieriger hat sich die Weiterfuhrung erwiesen. 
Einer Neubearbeitung bedurften, als Boeckh 1864 starb, vor allem die attischen 
Inschriften. Dadurch, dafl U. Kohler, der Dragoman bei der PreuBischen 
Gesandtschaft in Athen geworden war, es ubernahm, sich einer Neuaufnahme 
der attischen Inschriften zu unterziehen, ist es moglich geworden, ein neues 
grundlegendes Werk zu schaffen, das Corpus Inscriptionum Atticarum. K., 
der die Leitung ubernommen hatte, bearbeitete die Urkunden der alteren Zeit 
bis zum Schlusse des Peloponnesischen Krieges, Kohler den umfanglich starksten 
Teil, die Urkunden bis auf Augustus, W. Dittenberger die der Kaiserzeit. 
Fiir das Studium der griechischen Epigraphik beginnt mit der Veroffentlichung 
des Corpus Inscriptionum Atticarum eine neue Epoche Eine stattliche Reihe 
groBerer und kleinerer epigraphischer Abhandlungen, die in den Akademie- 
schriften erschienen sind, war fiir K. die Frucht seiner Corpus-Arbeit. Als 
es dann freilich sich darum handelte, auch die nichtattischen Inschriften neu 
zu bearbeiten, ergaben sich Schwierigkeiten, zu deren Uberwindung seine 
organisatorische Begabung nicht ausreichte; drangten doch die geradezu uber- 
reichen Inschriftfunde, die in den Ausgrabungen der franzosischen Regierung 
auf Delos und in Delphi zutage gekommen waren, dahin, auch Angehorige 
anderer Nationalitaten zur Mitarbeit an dem groBen Sammelwerke heran- 
zuziehen. Anlaufe zur Fortsetzung des groflen Werkes sind freilich gemacht 
worden, aber PlanmaBigkeit lassen sie allerdings vermissen. Doch darf auch 
nicht vergessen werden, daB unter denMitarbeitern, die heute fur die Inscriptiones 
Graecae tatig sind, gerade der riihrigste damals gewonnen worden ist. 

Ein Gelehrtenleben, in dem die geistige Sehaffenskraft unter den Ge- 
brechen zunehmenden Alters aufhort, wird stets das Schicksal haben, das 
auch K. nicht erspart geblieben ist, daB sein Trager bei den Mitlebenden 
in den Hintergrund gerat, bei dem heranwachsenden Geschlecht vergessen ist. 
Was es Bleibendes geleistet hat, wird erst ganz allmahlich wieder die ihm ge- 
buhrende Wurdigung erlangen. 

Literatur (hier nur in Auswahl angefiihrt): Quaestionum Homericarum particular Diss, 
inaug. Berl. 1846. Plotini de virtutibus et adversus gnosticos libelli Berl. 1847. Die Umbrischen 
Sprachdenkmaler. Ein Versuch zur Deutung derselben. V f on Theod. Aufrecht und Ad. Kirch- 
hoff. Berl. 1849 — 51, 2 Bde. Das gotische Runenalphabet. Prog. d. Joachimsthalschen 
Gymn. ib. 1851. Euripidis Medea ib. 1852. Euripidis Troades ib. 1852. Das Stadtrecht von 
Bantia ib. 1853. Euripidis tragoediae II voll. ib. 1855. Plotini opera II voll. Leipz. 1856. 
Zur Wurdigung der franzosischen Runen: Haupts Zeitschr. f. deutsches Altertum, X, 197 ff. 
Corpus Inscriptionum Graecarum IV, 2: Inscriptiones christianae. Berl. 1859. Die Homerische 
Odyssee mit Erlauterungen. ib. 1859, 2. Aufl. 1879. Homerische Exkurse I. II: Philologus 
XV, 1 ff. III. IV: Rheinisches Museum XV, 62 ff. V: Philologus XIX, 75 ff. Antrittsrede 
in der Akademie der Wissenschaften: Monatsber. i860, 391 ff. Uber die Chronologie der 
attischen Volksbeschl. fur Methone: Abh. d. Akad., phil.-hist. Kl. 1861, 555 ff. Aus dem 



272 



Kirchhoff. Nebe. 



epigr. .Nachlafi A. v. Velsens: Monatsber. d. Akad. 1861, 601 ff. Inschrift aus Samos: Mo- 
natsber. d. Akad. 1862, 71 ff. Studien z. Geschichte des griechischen Alphabets: Abh. d. Akad., 
phil.-hist. Kl. 1863, 117 ff. 2. 3. Aufl. Berl. 1861. 1877, 4. Aufl. Gutersloh 1887.I Bemerkungcn 
zu den Urkunden der Schatzmeister der Andern Gotten Abh. d. Akad., phil.-hist. Kl. 1864, 
I ff. (jber die Zeit der Pythischen Festfeier: Monatsber. d. Akad. 1864, 123 ff. De fragmetUis 
quibnsdam tituli Attici ad opus ah quod aetaiis Pericleae referendi: Nuove Memorie (E. Gerhard 
gew.), Roma 1865, I2 9 & Andokidea: Hermes I, 1866, I ff. t)ber die Obergaburkunde des 
Schatzmeisters der Athene: Abh. d. Akad., phil.-hist. Kl. II, iff. Ober die Abfassungszeit des 
Herodotischen Geschichtswerks: Abh. d. Akad., phil.-hist. Kl. 1866, 1 ff., 1871, 47 ff. 2. Aufl. 
Berl. 1878. Rede z. Feier des Geburtstages S. M. des Konigs am 22. Marz in der Aula der 
Friedrich Wilhelm-Universitat. ib. 1868. Cber die Tributliste. 01. 85, 2—87,1: Abh. d. 
Akad. 1870, 89 ff. Monatsber. 1871, 217 ff. Zur Geschichte des attischen Epigramms: Her- 
mes V,48ff. Corpus Inscriptionum Atticarum voll. I, 1873. Suppl. 1877 — 91. Cber die Tribut- 
pflichtigkeit der attischen Kleruchen. Abh. d. Akad. 1873, 1 ff. t)ber ein attisches Grab- 
denkmal: Abh. d. Akad. 1873. t)ber die Schrift vom Staat der Athener: Abh. d. Akad. 1874,. 
1 ff. Xenophontis qui fertur, de republica Atheniensium. Berl. 1874. Gedachtnisrede auf Mor. 
Haupt. Abh. d. Akad. 1875, l ^ Ober die Redaktion der Demosthenischen Kranzrede: Abh. 
d. Akad. 1875, 59 & ^ur Geschichte des athenischcn Staatsschatzes im V. Jahrh.: Abh. d. 
Akad. 1875, 2I A- Der delische Bund im 1. Dezennium seines Bestehens: Hermes XI, 1 ff, 
Zur Geschichte der Oberlieferung des Thukydideischen Textes: Hermes XII, 368 ff. tJber 
die Abfassungszeit der Schrift vom Staat der Athener: Abh. d. Akad. 1878, 1 ff. Aeschyli tra~ 
goediae. Berl. 1880. Rede beim Antritt des Rektorats, geh. in der Aula der Fr. W.-Univ, 
15. Okt. 1883. Rede zur Feier des 3. August, ib. 1884. Inschriften von der Akropolis in Athen. 
Sitzungsber. d. Akad. 1887, II, 1059 ff. 1888, I, 2395. Getreidesperre bei Byzantion. ib. 
1888, II, H79ff. Hesiods Mahnlieder an Perses. Berl. 1889. Ober eine metrische Weih- 
inschrift in aolischer Mundart: Sitzungsber. 1891, II, 961 ff. Thukydides und sein Urkunden - 
material. Berl. 1895. 

Nekrologe: U. v. Wilamowitz-Mollendorff, Gedachtnisrede auf Ad. Kirchhoff (a. d. Abh. 
d. Preu fl. Akad. d. W.). Berl. 1908. O. Schroeder, Biogr. Jahrb. f. Altertumswissenschaft. 
Jahrg. 31 (1908), 150 ff. (mit ausfiihrhchem Schriftverzeichnis). j^ Weil 

Nebe, Karl, Badischer Kammersanger, Kgl. Sanger an der Berliner Hof- 
oper, * 3. Januar 1858 in Braunschweig, f 7- Februar 1908 in Berlin. — N., 
Sohn des Schauspielers und Regisseurs Eduard Nebe, der 1862 von Eduard 
Devrient als humoristischer Vater und Gesangskomiker an das Karlsruher 
Hoftheater berufen wurde, empfing seine Schulbildung in Karlsruhe und sollte 
sich hier nach dem Willen seiner Eltern dem Bankfach widmen. Doch das 
vom Vater ererbte Theaterblut und eine starke, von beiden Eltern stammende 
musikalische Begabung veranlaflten ihn sehr bald, mit alien Kraften der Theater- 
laufbahn zuzustreben. Er genoG den Unterricht des vortrefflichen Baritonisten 
Josef Staudigl, der in den siebziger Jahren dem Karlsruher Hoftheater an- 
gehorte. In Wiesbaden, unter der musikalischen Leitung von Jahn, betrat 
er 1878 zum erstenmal die Buhne, wirkte dort drei Jahre und wurde 1 881 
als Vertreter des BaObuffof aches fur das Hoftheater in Dessau verpflichtet. 
Schon von hier wurde er sehr haufig zu erfolgreichen Gastspielen bei Kroll 
in Berlin eingeladen. 1890 wurde er von Biirklin an das Hoftheater in Karls- 
ruhe berufen, das durch den Wohnsitz seiner Mutter und seines inzwischen 
hier verstorbenen Vaters seine zweite Heimat geworden war. Hier wirkte er 
als BaBbuffo bis zum Jahre 1900, wo er einem Rufe an die Konigliche Hofoper 
in Berlin folgte. Der personliche Wunsch des Deutschen Kaisers, dessen be- 
sonderes Wohlgefallen N. durch seine Mitw r irkung bei den Wiesbadener Mai- 



Nebe. Baentsch. 



273 



festspielen mehrfach erregt hatte, war bei dieser Berufung entscheidend ge- 
wesen. N.s Burgermeister von Sardam, Doktor Bartolo, Bombardon, Keller- 
meister, Ritter Adelhof u. a. waren tuchtige, vollsaftige Leistungen, in denen 
sich eine vortreffliche Technik, gute stimmliche Mittel, erstaunliche musikalische 
Sicherheit und ein gewiegtes schausplelerisches K6nnen zu einem harmonischen 
Ganzen verbanden. Auch in Rollen, die auflerhalb seines eigentlichen Faches 
lagen, wie Alberich und manchen seriosen Baflpartien, bewahrte er sich als 
sehr verwendbare Kraft. Ganz besondere Erfolge errang N. mit seiner Wieder- 
gabe des Beckmesser, den er in Bayreuth, Berlin, Munchen, Amsterdam, London 
und zahlreichen andern Stadten unzahligemal mit aufierordentlichem Erfolge 
gesungen hat. Durch seine eigentumliche kiinstlerische Individuality, seine 
scharfe Charakterisierungskraft, seine staunenswerte rhythmische Sicherheit 
schien er zur Verkorperung dieser Rolle ganz besonders berufen zu sein und 
schuf hier eine Gestalt, die aufierst lebendig wirkte und das Publikum in hohem 
Mafie ergotzte, ohne die gefahrliche Grenzlinie gegen die Karrikatur hin zu 
uberschreiten. Der frische und kostliche Humor, der N. als Menschen aus- 
zeichnete, kam auch seinen ktinstlerischen Schopfungen zustatten und hat 
seinen guten Teil zu der grofien Beliebtheit beigetragen, deren er sich an den 
Statten seines Wirkens (iberall erfreute. Er betrat die Berliner Btihne zum 
letztenmal am 31. Januar 1908 in »Johann von Paris« und wurde wenige Tage 
darauf durch eine akute Krankheit in der Vollkraft seines Wirkens dahin- 

S erafft - Eugen Kilian (Munchen). 

Baentsch, Bruno, Theologe, Professor der alttestamentlichen Wissenschaft 
zu Jena, Geheimer Kirchenrat, Dr. theol. und Dr. phil., * 25. Marz 1859 m 
Halle a. d. Saale, f 27. Oktober 1908 in Jena. — Nachdem er auf der Latina 
der Franckeschen Stiftungen die Reife ftir das Universitatsstudium sich er- 
worben hatte, studierte er von 1879 — 1885 in seiner Vaterstadt Halle Theologie 
und orientalische Sprachen. 1883 erwarb er sich auf Grund einer Dissertation: 
»Die Namen der Wuste im Alten Testaments an der Universitat Halle die 
Wiirde eines Doctor phil. Von 1886 — 1893 war er Pfarrer, erst in Rotenburg 
bei Halle, dann in Erfurt an der Andreaskirche. 1892 wurde er in Jena zum 
Lizentiaten der Theologie promoviert. Seine Inauguraldissertation trug den 
Titel: »Das Bundesbuch Ex. XX 22 — XXIII 33«. Halle 1892. Er sucht darin 
das gegenwartige Bundesbuch als Produkt eines literarischen Prozesses dar- 
zustellen; »nur rechtliche Satzungen* bildeten nach ihm den Inhalt der altesten 
Fassung, erst spater schlossen sich sittlich -religiose und gottesdienstliche Be- 
stimmungen an, zwanglos, in verschiedenen Schichten. — Dasselbe Jahr tragt 
ein auf der Erfurter Pastoralkonferenz gehaltener Vortrag: »Die moderne 
Bibelkritik und die Autoritat des Gotteswortes«, in dem er besonnen die Forde- 
rungen der Wissenschaft und die Bedurfnisse der Kirche zu vereinigen sucht. 
Er zeichnet den neuesten Verlauf der alttestamentlichen Kritik und schildert 
die Wirkung dieser Entdeckungen und die dadurch veranlaOten Gegen - 
auflerungen. »Kritik und Offenbarung sind uberhaupt fiir mich nicht mehr 
Gegensatze, die einander ausschliefien . . . , sondern es sind zwei GroCen, die 
sich recht gut miteinander vertragen, ja einander herausfordern und bedingen.« 
Die Anschauung, die er von der israelitischen Geschichte hat, kennzeichnet 
er durch den Satz: »Das Gesetz einer Entwicklung des Niederen zum Hoheren, 

Biogr. Jahrbuch u. Deutscber Nckrolog. 13. Bd. 1 8 



274 



Baentsch. 



des Einfachen zum Komplizierten, ist auch fur die israelitische Geschichte 
mafigebend geworden.« Da die wissenschaftliche Kritik es nur mit der mensch- 
lichen AuBenseite der heiligen Schrift zu tun hat, so bleibt das Gotteswort 
selbst unangetastet. Die kritische Wissenschaft fordert eine Offenbarung 
Gottes in der Geschichte seines Volkes, sie mufl in den Schriften, die diese 
Geschichte nicht nur begleitet, sondern durch ihren Inhalt zum guten Teil 
erst in FluB gebracht haben, eine Gotteskraft anerkennen, das Wort des leben- 
digen Gottes in ihnen sehen und seiner Autoritat sich fiigen. 

Vom Standpunkt inneren Erlebens, des personlichen Innewerdens der 
lebendig machenden Kraft des Evangeliums kann man allein die rechte Er- 
fahrung von der Autoritat des gottlichen Wortes machen. Die wissenschaft- 
liche Kritik ist von der Vorsehung dazu bestimmt, eine Erneuerung unserer 
theologischen Anschauungcn anzubahnen, die nicht nur der theologischen 
Wissenschaft, sondern auch am Ende der Kirche zugute kommen miissen. — 

Wir sind deswegen auf diese Ausfuhrungen naher eingegangen, weil dieser 
Pastoralkonferenzvortrag nachmals zum Gegenstand einer Anklage gegen 
B. beim Evangelischen Oberkirchenrat gemacht wurde, die indessen, wie nicht 
anders zu erwarten war, abgewiesen wurde; denn sie enthielten nichts, was 
die Kirche gefahrden konnte oder einen Widerspruch gegen die Heilswahrheit 
der christlichen Lehre enthielt. 

B. dachte nicht daran, dauernd im praktischen Pfarramt zu verbleiben. 
Seine regen wissenschaftlichen Interessen, die ganze Veranlagung seines Wesens 
wicsen ihn auf das Gebiet des akademischen Lehrers hin. So habilitierte er 
sich denn 1893 an der theologischen Fakultat zu Jena, das ihm Raum bot, 
seinen eindringenden Forschungen sich hinzugeben in voller Freiheit, ohne 
dafl er Verwicklungen mit dem falsch verstandenen Eifer von Amtsbriidern 
zu befiirchten hatte. 

Seine Habilitationsschrift trug den Titel : »Das Heiligkeits- 
gesetz Lev. XVII — XXVI. Eine historisch -kritische Untersuchung.« 
Darin sucht er den Umfang des Gesetzes zu bestimmen, laflt eine genaue Prufung 
der Stucke folgen, unterscheidet drei Schichten, deren Zeitalter er naher fest- 
zustellen sucht, und gibt schliefilich eine Darstellung des kultischen und theologi- 
schen Gehalts. Es ist eine sorgfaltige und scharfsinnige Untersuchung, der die 
Kritik des Heiligkeitsgesetzes eine erhebliche Forderung verdankt. 

1899 wurde er auflerordentlicher Professor, vertrat als solcher langere 
Zeit den schwerkranken Ordinarius Siegfried und wurde dann nach dessen 
Tode ordentlicher Professor und mit der Vertretung des alttestamentlichen 
Faches betraut. 

Auf dem Lehrstuhl der beruhmten thiiringischen Hochschule entfaltete 
nun B. eine unermiidliche Tatigkeit. Das akademische Amt war ihm Lebens- 
beruf, ihm widmete er die ganze Kraft seiner tiefgrabenden Forschernatur. 
Genauigkeit in der Erorterung der schwierigsten Fragen, sichere Herrschaft 
liber den von ihm behandelten Stoflf verband sich bei ihm mit licht- und kraft- 
voller Darstellung. Mag man auch manchmal seine Art des Schreibens recht 
kurzweilig oder geradezu burschikos genannt haben oder auch wicder iiber den 
Depeschenstil in seinem Kommentar geklagt haben, jedenfalls fehlte ihm, was 
doch auch ein Vorzug genannt zu werden verdient, die Langweiligkeit. Er 
war iiberhaupt kein trockener Kathedermensch, wie sein Nachfolger im Amte 



Baentsch. 



275 



Prof. D. Staerk treffend bemerkt, was Verfasser dieser Skizze auch aus person - 
lichem Eindruck bestatigen kann. Was seine Tatigkeit besonders wertvoll 
machte, war die personliche Durchdrungenheit von dem, was er lehrte in Wort 
und Schrift. Hinter den Sachen stand er selbst, eine starke Personlichkeit, 
die im christlichen Glauben wurzelte und niemals zwischen der Wissenschaft 
und dem Dienst der Geistlichen an der Gemeinde eine unubersteigliche Kluft 
befestigt und den bekannten »breiten Graben« aufgeworfen wissen wollte; 
vielmehr sollte die Wissenschaft dem praktischen Theologen wichtige Hand- 
reichung tun in der Fruchtbarmachung des Bibelwortes. 

So hat sich mir tief eingepragt, was er in einem geselligen Zusammensein 
mit den Mitgliedern seines alttestamentiichen Seminars, an dem auch ich teil- 
nehmen durfte, den jungen Theologen sagte von den Predigtnoten des Pfarrers, 
die auch er durchgemacht hatte. Da betonte er die Wichtigkeit der Exegese 
fur die Predigt, durch die der praktische Geistliche vor Verflachung und vor 
der Gefahr des »Sich-auspredigens« bewahrt bliebe. 

Diese seine Anschauung von der Bedeutung der wissenschaftlichen Arbeit 
fur die Wortverkiindigung hatte er auch 1896 in einem Vortrage: »Geschichts- 
konstruktion oder Wissenschaft ?« dargelegt, den er in einem Kreise von Pastoren 
gehalten hat. Hier will er die von Wellhausen vertretene Geschichtsauffassung 
in ihrer Bedeutung darlegen und Manner dafiir gewinnen, die es uber sich 
brachten, die bei den herrschenden einflufireichen und mafigebenden Kreisen 
nach besten Kraften diskreditierte Sache aus erster Hand kennen zu lernen, 
um sie unparteiisch zu beurteilen. Er will die Wellhausensche Schule gegen 
den Vorwurf einer leichtfertigen, im Dienste eines antireligiosen Interesses 
stehenden Geschichtskonstruktion schiitzen. Er erhofft von der ernstlichen 
Beschaftigung mit Wellhausens Forschungen, die mit Hingabe, Selbstverleugnung, 
Stillesein und Geduld verbunden sein mufl, als kostlichen Lohn eine neue Er- 
schlieflung des Alten Testamentes, ein unmittelbareres Fiihlen des Pulsschlages 
in der heiligen Geschichte. Deutlicher wiirden die Wege Gottes, in hellerem 
Lichte erschienen seine Ziele; neue Krafte und fruchtbare Anregungen wiirden 
die Pastoren fur ihr Amt in Predigt und Seelsorge schopfen, im Glauben und 
in der Zuversicht zu Gott frisch gestarkt, wiirden sie an die Erfullung der 
schweren Pflichten und Aufgaben der Gegen wart auf dem Gebiete des religios- 
sittlichen und sozialen Lebens herantreten. 

Aus diesen seinen Auflerungen laOt sich nicht nur die Begeisterung des 
wissenschaftlichen Theologen fiir seine Forschung, sondern auch die warme 
Teilnahme fur die Arbeit des praktischen Theologen ersehen. Ein Mann, der 
so redet, bot voile Gewahr fiir die Hoffnung, daC er die um seinen Lehrstuhl 
sich sammelnden Studenten wissenschaftlich schulen und fiir den Dienst 
der Kirche erziehen wiirde. 

Als gediegener Ertrag seiner emsigen Arbeit sind die beiden K o m m e n - 
tare zu bezeichnen, die er in dem groflen Nowackschen »Handkommentar 
zum Alten TestamenU zu den Buchern Exodus- Leviticus -Numeri lieferte. Der 
zu Exodus und Leviticus wurde im Herbste 1900, der zu Numeri Herbst 1903 
veroffentlicht. Diese Kommentare werden ihren ehrenvollen Platz in der alt- 
testamentiichen Wissenschaft auch fiir spatere Zeit behaupten. Namentlich 
die Gesamteinleitung zu den drei Buchern zeichnet sich durch die musterhafte 
Klarheit und iibersichtliche Darstellung aus, in der die Ergebnisse der Einzel- 

18* 



276 



Baentsch. 



analyse zusammengefaflt sind. Die Quellenfragen finden in den ausfuhrlichen 
Anmerkungen eingehende, sorgsam abwagende Behandlung, ebenso wird die 
Geschichtlichkeit der Berichte, Religionsgeschichtliches und Kulturgeschicht- 
liches grundlich erortert. Die Textkritik ist in vorsichtiger Besonnenheit ge- 
handhabt, in der Quellenscheidung wird eine ruhige Zuruckhaltung beobachtet. 

Wahrhaft epochemachend aber darf genannt werden die Schrift, die seinen 
Namen gewissermafien in den Mittelpunkt der wissenschaftlichen Erorterung 
auf alttestamentlichem Gebiete gestellt hat, die auf der einen Seite begeisterte 
Zustimmung, auf der anderen heftigen Widerspruch und scharfe Ablehnung 
erfahren hat. Sie tragt den Titel : »Altorientalischer und is- 
raelitischer Monotheismus. Ein Wort zur Revision 
der en t w i c k 1 u n g s g e s c h i c h 1 1 i c h e n Auffassung der 
israelitischen Religionsgeschichte.* Diese Schrift, heraus- 
gewachsen aus Vortragen, die er 1905 auf dem Jenaer Ferienkurs fur Geist- 
liche gehalten hatte, bezeichnet er selbst als einen Versuch, gegen den Strom 
zu schwimmen. Er ist auf Grund seiner eindringenden Beschaftigung mit der 
orientalischen Altertumswissenschaft zu der Cberzeugung gekommen, dafl sich 
die gegenwartige Behandlung der israelitischen Religionsgeschichte nicht mehr 
halten laflt. Die vorurteilslose Berucksichtigung gewisser von ihm ins Licht ge- 
riickter Tatsachen bedeutet nach seiner Meinung eine grundsatzliche Anderung 
der bisherigen Anschauungen vom Gang der israelitischen Religionsgeschichte. 

Seine Ausfiihrungen gipfeln schliefilich in der Oberzeugung, dafl die Tage 
der entwicklungstheoretischen Betrachtungsweise der Religion Israels gezahlt 
sind. Die entwicklungstheoretische Richtung hat Erkenntnisse zutage gefordert, 
die bleibenden Wert haben, so ist namentlich die hohe Bedeutung der Propheten 
und die geschichtliche Stellung des Gesetzes in das helle Licht der Erkenntnis 
gerlickt worden. Aber die Theorie ist haltlos in die Briiche gegangen. Man 
wird nach unseren obigen Darlegungen verstehen, wie B. mit dieser Schrift 
einen Sturm entfesselte hiiben und druben in den Lagern der Theologie. Auf- 
sehen erregen mufite es, dafl der entschiedene Vertreter der Wellhausenschen 
Geschichtsauffassung, als welcher sich B. bis dahin erwiesen hatte (vgl. seinen 
Vortrag: »Geschichtskonstruktion oder Wissenschaft ?«), seiner Fahne gleich- 
sam untreu ward und ins entgegengesetzte feindliche Lager abschwenkte. 
So nannte man denn auf konservativ-positiver Seite seine Schrift ein Ereignis 
des Jahres 1906 auf alttestamentlichem Gebiete. Mit Jubel wurde es als eine 
erfreuliche Tatsache begrufit, dafi er mit der Revision nicht mehr haltbarer 
Fundamentalsatze Ernst gemacht und trotz mancher noch uniiberwundener 
Reste der Wellhausenschen Theorie in der Religionsstiftung des Moses etwas 
Grundsatzliches, etwas prinzipiell Neues zu sehen energisch betont hat. 

Wir werden am besten den Kern der von B. dargebotenen Gedanken 
erfassen, wenn wir seine Auffassung von der Bedeutung des Moses kurz kenn- 
zeichnen. Er halt die historische Personlichkeit des Moses fest. Auf seine 
machtige Personlichkeit ist die Jahvereligion immer zuruckgefiihrt worden. 
Sie hat einen ganz anderen Gedankeninhalt gehabt als die ubrigen Religionen 
des alten Orients. Die Stamme, unter denen Moses auftrat, standen religios 
auf einem hoheren Niveau, als die alttestamentliche Theologie heute annehmen 
zu mussen meint. In dem Aufblick zum Himmel mit seinem gesetzmafligen 
Lauf der Gestirne, in der Astralreligion, die er fur das Gebiet der alten Hebr&er- 



Baentsch. 



277 



starame als nachweisbar annimmt, miissen Anknupfungspunkte fur die be- 
deutsame religiose Bewegung, die Moses verursachte, gelegen haben. 

Bedeutsam bleibt auch das historische und geographische Milieu, in dem 
Moses wirkte. Er ist bei dem midianitischen Oberpriester Jethro in die Schule 
gegangen und kann, wenn er auch nie in Agypten gewesen ware, von den dort 
herrschenden geistigen Stromungen und theologischen Lehren gute Kunde 
gehabt haben. Das verbietet, ihm eine Gottesvorstellung zuzutrauen, die noch 
in den primitivsten Anschauungen von der Gottheit befangen gewesen ware. 
Aber nun macht er noch einen Faktor geltend, der erst das Werk seiner Reli- 
gionsstiftung ganz erklart. Das ist das innere Erleben, ein intensives 
Ergriffenwerden von der Gottheit, eine heilige Stunde innerster Beruhrung 
mit einer transzendenten Welt, in der das Gottliche einem Menschen personlich 
nahetritt, und in der er sich der Berufung bewufit wird, den Gott zu verkunden, 
den er innerlich erlebt. Eine prinzipiell neue Erkenntnis bedeutete dies Er- 
lebnis. Fur Moses war Gott eine lebendige, machtige, sittliche Personlichkeit, 
kein Sterngott mehr, sondern ein Gott iiber den Sternen, keine personifizierte 
Naturkraft mehr, sondern Herr und Meister der Natur und ihrer Elemente. 
Religios -sittliche Beziehungen zwischen der Gottheit und ihren Verehrern und 
das Wirken dieser Gottheit treten ihm in den Vordergrund. Moses hatte einen 
praktischen Monotheismus, der bei alien Schranken allgemeiner Zeitanschauung 
doch etwas grundsatzlich Neues, die prinzipielle Oberwindung des Polytheismus, 
war. Aber diesem Gott, der auf einen Universalgott angelegt war, fehlt noch 
das universalistische Geprage, und das macht den monotheistischen Gedanken 
erst zum wirklichen Monotheismus. Jahve war durch den Bundesschlufl nur 
in Beziehung zu Israel getreten, iiber sein Verhaltnis zu anderen Volkern dachte 
Moses nicht nach. Der Mosaismus war eine Nationalreligion. Aber trotzdem 
war Jahve nicht ein simpler Volksgott ohne jede umfassende Bedeutung. Aus 
dieser in der alttestamentlichen Theologie von heute fast allgemein verbreiteten 
Anschauung seien eben, sagt B., die vergeblichen Konstruktionen erwachsen, 
durch die Jahve Stufe fur Stufe zu einem Gott mit umfassenderer Bedeutung 
hinaufgeschraubt werden soil. Es ist ein verhangnisvoller Irrtum der alttesta- 
mentlichen Theologie gewesen, die uberragenden Ziige im Nationalgott Jahve 
erst der Zeit vom 8. Jahrhundert an zuzuweisen. Immer hat der Gottesgedanke 
in Israel neben niederen Ziigen auch geistigere, sittliche, umfassendere, universale 
Zuge gezeigt. Der hohere Gottesgedanke stand bereits dem Moses klar vor 
Augen, in der Geschichte Israels hat er sich nun auch wirklich durchgesetzt 
und voll entfaltet. Der Standpunkt des Moses darf nicht nach dem Durch - 
schnittsstand der Jahvereligion in den auf Moses folgenden Jahrhunderten 
beurteilt werden. Vielmehr mufi mit Reaktionen gerechnet werden, einer 
jeweiligen Riickkehr zu den Anfangen. So sind die Propheten des 8. Jahrhunderts 
nicht die Begriinder des hoheren Gottesgedankens, Entdecker einer neuen 
monotheistischen Gottesauffassung, sondern nur Erinnerer an die hohere Er- 
kenntnis, die in Gemiit und Gewissen der Volksgenossen sich schon immer 
bezeugt hatte, getreue Ekkeharde. Animistischer Baum-, Stein- und Quellen- 
kult, Ahnenverehrung, Fetischismus, Totemismus, Zauberei bedeuteten den 
Israelstammen um 2000 — 1300 v. Chr. nicht das Wesen der Religion. Die Zeit 
Abrams konnte schon von den Friichten einer religionsgeschichtlichen Ent- 
wicklung zehren, die viele Jahrtausende umfafite. 



2 7 8 



Baentsch. 



Die aus der Erschliefiung des alten Orients gewonnenen Erkenntnisse 
sind zu einem neuen Aufbau der israelitischen Religionsgeschichte zu verarbeiten. 

Dies sind die wichtigsten Gedanken in seiner Anschauung vom israelitischen 
Monotheismus, die er in seiner geistvollen und gelehrten Untersuchung nieder- 
legt. In der Vorstellung des altorientalischen Monotheismus, auf die wir hier 
nicht naher eingehen, stiitzt er sich im wesentlichen auf die Forschungen Hugo 
Wincklers, Fr. Hommels, Jensens, H. Zimmerns, namentlichaber Alfred Jeremias'. 

Der Widerspruch der alttestamentlichen Forscher, die ihre Anschauungen 
in der Grundlage erschiittert und zur Revision sich gezwungen sehen sollten, 
laBt sich als natiirlich verstehen. Ein Forscher wie Baudissin erklart fur seine 
Person, nichts zu wissen von dem, was B. iiber den Gottesbegriff des Moses, 
uber die Art der Geltendmachung dieses Gottesbegriffes, iiber die Erschaffung 
volksttimlicher Einrichtungen zum Schutze der neubegriindeten Religion zu 
sagen weifi. Die Entstehung des alttestamentlichen Monotheismus wird fur 
alle geschichtliche Erkenntnis immer ein Ratsel bleiben, weil sie, auch nach B., 
in das Innenleben einer religiosen Personlichkeit zu verlegen ist; der Untertitel 
der Schrift sei unberechtigt, weil auch des Verfassers Ansicht eine entwicklungs- 
geschichtliche sei. DaB B. wichtige Erkenntnisse iiber das Werden der alt- 
testamentlichen Religion in allgemein religionsgeschichtliche Zusammenhange 
hineinstellte, wird als ein MiBgriff beklagt. Er sei dazu durch eine von anderen 
iiberkommene Konstruktion verleitet worden. 

Besonders scharf hat Marti die Aufstellungen von B. abgelehnt. Wozu 
den ganzen Apparat des altorientalischen Monotheismus in Bewegung setzen, 
wenn schliefilich Moses doch aus anderer Quelle schopft und eine ganz andere 
Auffassung Gottes bringt ? Hoheres Altertum kann den israelitischen Mono- 
theismus nicht besser erklaren, langst sei das Ethische als das auszeichnende 
Merkmal der Religion des Moses dargetan worden. Die gewohnliche Auffassung 
behalt recht, unbegreiflich sei die Erwartung von B., eine Umwalzung der 
entwicklungsgeschichtlichen Auffassung angebahnt zu haben. 

Demgegeniiber hat Oettli, bei alien Bedenken gegen die stark kritische 
Behandlung des alttestamentlichen Quellenmaterials, die Schrift freudig be- 
griiflt. Gegen die, die Geltung eines Monopols beanspruchende, Auffassung 
von der Religion Israels, als sei sie aus rohen Anfangen zur Hohe des ethischen 
Monotheismus aufgestiegen und dann wieder in Zersetzung oder Verknocherung 
herabgesunken, seien stichhaltige Griinde ins Feld gefiihrt. Der tapfere und 
wohlfundierte Protest gegen eine zum Dogma erstarrte Hypothese verdiene 
Dank und Anerkennung. 

Jedenfalls wird der Vorstofl, den B. gemacht hat, immer als hochst be- 
achtenswert und von prinzipieller Wichtigkeit in der Geschichte der alttestament- 
lichen Wissenschaft bezeichnet werden. Bedeutsam ist und bleibt doch, daB 
er das religiose Erlebnis des Moses, die Offenbarung Gottes an ihn, stark betont, 
daB er Moses als den eigentlichen Stifter der israelitischen Religion, des mono- 
theistischen, ethischen, geschichtlichen, universalen Jahveglaubens bezeichnet 
hat, daB er Abraham als Vorlaufer des Moses geschichtlich zu werten gesucht 
hat, daB er schliefilich auch eine hohere religiose Erkenntnis der Antike uns 
erschlossen hat. 

Staerk, auf dessen Ausfiihrungen in der Christlichen Welt 1906 Nr. 28 
besonders hingewiesen sei, hat dem Buch programmatische Bedeutung beige- 



Baentsch. 



279 



messen trotz des hypothetischen Charakters mancher Aufstellungen; eine neue 
Entwicklung auf dem Gebiete alttestamentlicher Forschung sei von ihm zu 
erwarten. — 

1907 veroffentlichte B. eine kleine popular gehaltene Schrift »David und 
sein Zeitalter« (Verlag von Quelle u. Meyer in Leipzig), die, auf sorgfaltigen 
Einzelstudien beruhend, dem Gebildeten die Geschichte Davids darstellen 
will im grofien Zusammenhange mit der allgemeinen Weltlage, wobei die Israel 
benachbarten Volkerschaften sowie auch die innerisraelitischen Verhaltnisse 
geschildert werden. Mag auch des Verfassers Mifltrauen gegen die Quellen 
manchmal starker als notig, viel haltbar scheinender Stoff als ungeschichtlich 
bezeichnet und zuviel von mythologischen Motiven hineingeheimnist worden 
sein, ungemein anregend schreibt B., und er stellt in seinem Urteil David recht 
hoch. Er ist so grofl wie Moses an schopferischer Energie, der Schopfer der 
israelitischen Nation, ja einer der Grofien der Weltgeschichte. 

Leider sollte es B. nicht mehr langer vergonnt sein, die Friichte seines rast- 
losen Forscherfleifies reifen, seine wissenschaftlichen Plane verwirklicht zu sehen. 
Am 27. Oktober 1908 starb er, 50 Jahre alt geworden, naeh eintagigem Kranken- 
lager. Ober sein jahes Ende und die dunklen Schatten, die iiber die letzte Zeit 
seines Lebens sich gelagert hatten, schreibt sein Freund und Nachfolger auf 
dem Katheder, Prof. D. Dr. Staerk: »Nur wenige Aufienstehende wissen etwas 
von der erschutternden Tragik dieses Todes. Prof. B. hatte im Mai d. J. seinen 
einzigen Sohn, einen korperlich schwachlichen, aber sehr begabten und friih- 
reifen jungen Mann von 20 Jahren, der eben seine juristischen Studien begonnen 
hatte, verlortn. Der entsetzlich qualvolle Tod des Sohnes traf die vereinsamten 
Eltern um so schwerer, als sie gehofft hatten, durch einen erfolgreichen Friih- 
lingsaufenthalt an der Riviera fur die korperliche Kraftigung des jungen 
Studenten gesorgt zu haben. Sie haben beide diesen Schlag nicht iiberwinden 
konnen. Zwar fand Prof. B. bald wieder in seiner akademischen Tatigkeit, 
in der er in gesunden Tagen ganz aufging, und in seinen mancherlei literarischen 
Arbeiten einige Ablenkung, aber cs bedurfte doch der ganzen Kraft seines 
christlichen Glaubens — und er war eine starke christliche Personlichkeit — , um 
sich nicht selbst zu verlieren, zumal auch die Sorgc um die untrostliche Gattin 
am Marke seines Lebens zehrte. Gegen Ende des Sommers schien es fast, als 
wollte die alte Spannkraft und Arbeitsfreudigkeit wieder erwachen. Mit rast- 
losem Eifer machte sich Prof. B. an die Ausarbeitung der von ihm ubernommenen 
Artikel fur das von Schiele und Gunkel geplante Sammelwerk »Die Religion 
in Vergangenheit und Gegenwart«, um zu Beginn des Semesters damit fertig 
zu sein. Der Winter sollte neben der Kollegtatigkeit ganz der Vollendung der 
»Propheten« fur das von dem Gottinger Verlage Vandenhoeck u. Ruprecht an- 
geregte alttestamentliche Bibelwerk gewidmet werden — es ist anders ge- 
kommen. Schon langere Zeit litt Prof. B. an volliger Schlaflosigkeit; auch die 
von ihm so oft mit Erfolg angewandten Schlafmittel schienen nicht mehr zu 
helfen. Das hat ihn wohl verleitet, zweiTage vor seinem Tode eine grofiereDosis 
zu nehmen, als ihm vom Arzt gestattet war. Die Wirkung auf den durch Gram 
und Sorge und jahrelange geistige Uberanstrengung geschwachten Korper 
konnte leider nicht ausbleiben. Das Herz versagte, und friedlich ist Prof. B. 
entschlummert. Wenige Stunden darauf hat seine Gattin in beginnender geistiger 
Umnachtung den Tod in der Saale gesucht und gefunden«. 



280 Baentsch. 

Sein Tod bedeutet einen schweren Verlust fur die thiiringische Hochschule. 
Seinen Kollegen war er lieb und wert, seinen Schiilern ein fordernder Lehrer. 
Die alttestamentliche Wissenschaft hatte ihm noch wertvolle Ertrage seiner 
tiefgrundigen Gelehrsamkeit zu danken gehabt. Er hatte vor f eine »alttesta- 
mentliche Theologies und eine »Geschichte Israels* zu schreiben, beides unter 
Benutzung der neuen Kenntnisse, die die Erschlieflung des alten Orients ver- 
mittelt hat. Der Zusammenhang mit dem alten Orient und der weltgeschicht- 
liche Hintergrund hatte da in bedeutsamer Weise Berucksichtigung gefunden. 
Er war vor allem aber auch »Theologe«. Der weite Blick, mit dem er die Auf- 
gaben seiner alttestamentlichen Facher umfafite (1900 — 1902 hatte er auch 
im Theolog. Jahresbericht das Alte Testament behandelt), offenbart sich deut- 
lich in jenen oben erwahnten Artikeln, die er fur das neue Sammelwerk »Die 
Religion in Vergangenheit und GegenwarU geschrieben hat, des Leidenden 
letzte Arbeit. In seinen zahlreichen Rezensionen, unter denen die Besprechung 
der Delitzschschen Vortrage tiber Babel und Bibel besonders hervorgehoben 
sei, verband er scharf eindringendes Urteil mit wohlwollender Anerkennung, 
auch wo er einen anderen Standpunkt einnehmen zu mussen meinte. — 

Am kirchlichen Gemeindeleben nahm er regen Anteil, auch als Mitglied 
des Gemeindekirchenrates, dessen Sitzungen er regelmaOig, auch in den 
trubsten Tagen, beiwohnte. Das kirchliche Vereinsleben hat er eifrig gefSrdert. 
Auch der Jenaer Gustav Adolf -Verein hat in ihm viel verloren; denn in ihm 
versah er das Amt des Schriftfuhrers mit groOer Hingebung. In Weimar und 
Gotha war er standiges Mitglied der theologischen Prufungskommission. Einen 
Beweis seiner peinlichen Sorgfalt,. die einen eigentumlichen Zug seines Wesens 
ausmachte, gab er hier dadurch, dafl er die von ihm gestellten Themata stets 
schriftlich ausarbeitete und auch den Gang der mundlichen Prufung vorher 
genau feststellte. Die Jenaische Fakultat ehrte ihn durch Verleihung des theo- 
logischen Doktorates; bei der Jubelfeier der Hochschule erhielt er den Titel 
»Geheimer KirchenraU. Sein Leben war das eines deutschen Gelehrten. Es 
ist Mtihe und Arbeit gewesen. Und so ist's, trotz des jahen Abbruchs, doch 
kostlich gewesen. 

Bukarest. Pfarrer Lie. Fritz Bennewitz. 



Erganzungen und Nachtrage. 



Richter x ), Eugen, Politiker, * 30. Juli 1838 zu Diisseldorf, f 10. Marz 1906. 
— Hier stand sein Vater Adolf damals als Regimentsarzt; er war ein bekannter 
Autor auf medizinischem Gebiete, der Verfasser zahlreicher Artikel und Schrif- 
tcn, durch welche die Reform des preufiischen Militar-Medizinalwesens gefordert 
worden ist. 1848 wurde er unter Ernennung zum General- und Korpsarzt nach 
Koblenz versetzt. Eugen, der alteste seiner beiden Sohne, trat hier in die 
Quinta des Gymnasiums ein, das er in regelmafiigem Aufsteigen durchlief. 
Schon in fruher Jugend gewahrte er den liberalen Ideen Aufnahme; ihr Geist 
herrschte im vaterlichen Hause. Mit Eifer las der heranwachsende Jungling die 
oppositionelle Kolnische Zeitung; er verschlang die Reden von Vincke, Wentzel 
und A. Reichensperger. 

Da sein Interesse fur das politische Leben schon so zeitig erwacht war, 
■entschied er sich nach bestandenem Abiturienten-Examen fur das Studium 
der Rechts- und Staatswissenschaf ten ; allerdings schwebte ihm dabei bereits 
damals nicht sowohl eine eigentliche Bureau- und Beamtenlaufbahn, wie viel- 
mehr eine freiere offentliche Wirksamkeit als Ideal fur die kunftige Lebens- 
gestaltung vor. Im Winter 1856 liefi sich der weit iiber sein Alter hinaus ge- 
reifte, kritisch verstandig veranlagte Jungling in Bonn immatrikulieren; darauf 
studierte er drei Semester in Heidelberg. Den rein juristischen Vorlesungen 
gewann er wenig Geschmack ab. In Bonn hortc er mit lebhaftestem Interesse 
Dahlmanns Politik, in Heidelberg bei Robert von Mohl Staatsrecht; am starksten 
aber zog ihn die Nationalokonomie an. In Kolleg und Ubungen wurde er Raus 
eifrigster Schliler: so gingen ihm die Lehren der klassischen Nationalokonomie 
in Fleisch und Blut uber; er legte hier die Grundlagen fiir seine solide finanz- 
wissenschaftliche Kenntnis, zugleich aber auch fiir seine unerschiitterlichen 
freihandlerischen Uberzeugungen. Auch zu journalistischer Tatigkeit wurde 
er damals angeregt; es gluckte ihm, zwei Vortrage liber aktuelle wirtschafts- 
politische Fragen, die er bei Rau gehalten hatte, in der Presse unterzubringen. 
Im Winter 1858/59 wandte er sich nach Berlin, wo insbesondere Gneist und der 
Statistiker Dieterici auf ihn Eindruck machten. Aber mehr als alle Professoren 
interessierte ihn das Abgeordnetenhaus, in welchem sich gerade damals die 
Wirkungen der »Neuen Ara« bemerkbar machten. Nachdem er ein letztes 
Semester (Sommer 1859) wieder in Bonn verbracht hatte, bestand er im Herbst 
1859 die erste juristische Staatspriifung. Nicht nur auflerlich und formlich 
hatten seine Lehrjahre damit ihr Ende erreicht; er war auch innerlich ein Mann 

2 ) Totenliste 1906 Band XI 53*. 



282 Richter. 

mit fertigen und abgeschlossenen Uberzeugungen : sie waren ihm der unver- 
riickbare Mafistab, den er fortan an alles legte, was an ihn herantrat, der sein 
Urteil uber alles und jedes bestimmte. 

Zwei Jahre arbeitete er jetzt, von 1859 bis 1861, als Auskultator beim 
Landgerichte in Dusseldorf; mehr und mehr fesselten ihn in dieser Zeit die 
aktuellen wirtschaftspolitischen Fragen. Er wurde Mitglied des vor kurzem 
(1858) entstandenen »Volkswirtschaftlichen Kongresses«, dessen Ziel eine 
einheitliche Regelung der wirtschaftlichen Verhaltnisse fur ganz Deutschland 
im Sinne des okonomischen Liberalismus war. Er nahm teil an der Tagung 
des Vereins im September 1859 zu Frankfurt a. M.; auch in der Folgezeit stellte 
er sich regelmafiig zu den Konferenzen des Kongresses ein. Dabei lernte er 
die Haupter dieser wirtschaftspolitischen Richtung kennen, wie Karl Braun, 
Lette, Schulze-Delitzsch, Moritz Wiggers, Michaelis, Prince Smith, die Ge- 
briider Wirth, den Statistiker Engel, den »roten Becker«. Mit manchem von 
ihnen trat er in ein engeres Verhaltnis, zumal mit Schulze-Delitzsch. Schon 
durch diesen Verkehr ward in R. die Ader zu praktisch-politischer Tatigkeit 
geweckt. Er schrieb polemische Artikel gegen die Schutzzollner am Nieder- 
rhein; er trat in den Handels- und Gewerbeverein fiir Rheinland und Westfalen 
trotz dessen schutzzollnerischer Haltung. Mehrfach ergriff er auf den Ver- 
sammlungen dieses Vereins das Wort, nicht ohne Erfolg den eigenen freihandle- 
rischen Standpunkt vertretend. 

Bei seiner Neigung fiir eine mehr geschaftlich-verwaltende und politische 
Wirksamkeit entschlofl sich R. zum Obertritte aus der juristischen Laufbahn 
in die Regierungskarriere. Am 9. Februar 1861 bestand er bei der Dusseldorf er 
Regierung die Priifung als Regierungsreferendar mit dem Pradikate »ausge- 
zeichneU; schon zum Ende des Jahres wurde er auf einige Monate zum Ver- 
treter des Landrats im Kreise Mettmann ernannt. Hier schrieb er eine Bro- 
schiire »Uber die Freiheit des Schankgewerbes«, eineheftige Kritikder in PreuCen 
bestehenden Verwaltungspraxis bei der Konzessionserteilung. Sie erschien 
1862 und miflfiel der vorgesetzten Behorde so sehr, dafl sie dem jugendlichen 
Autor einen scharfen Verweis einbrachte. Im August 1862 wurde er behufs 
Vollendung seiner Ausbildung der Domanenabteilung zu Magdeburg iiber- 
wiesen, und hier gab sein literarisches Auftreten Anlafi zu einem neuen Kon- 
flikte, namlich ein satirischer Artikel, den er uber eine konservative Versamm- 
lung unter dem Titel »Eine Magdeburgische Spukgeschichte« in der Nieder- 
rheinischen Volkszeitung veroflfentlichte. Nur personliche Verwendung beim 
Minister v. Jagow, der ein Bekannter seines Vaters war, rettete den kecken 
Skribenten dieses Mai vor der Entlassung aus dem Dienste; er kam mit einer 
Strafversetzung nach Potsdam davon. 

Ende 1862 nach Dusseldorf zuriickgekehrt, bereitete sich R. zum Assessor 
vor. Trotzdem fand er noch Zeit, sich auf dem volksw r irtschaftlichen Gebiete 
schriftstellerisch und praktisch-politisch zu beschaftigen. Vor allem lenkte das 
Auftreten Lassalles und die damals neu aufkommende sozialistische Arbeiter- 
bewegung seine Aufmerksamkeit auf sich. In Wort und Schrift suchte er dem 
Abschwenken der Arbeitermassen aus dem liberalen in das sozialdemokratische 
Lager entgegenzuwirken. Er eroffnete damals jenen literarischen Kampf gegen 
die Sozialdemokratie, den er in der Folgezeit ununterbrochen und mit unver- 
drossenem Eifer weitergefiihrt hat. Im Diisseldorfer Handels- und Gewerbe- 



Richtcr. 283 

Verein, sowie in Handwerkervereinen hielt erVortrage gegenLassalle; sie fanden 
solchen Anklang, dafl er als Delegierter auf den ersten Verbandstag der Ar- 
beiterbildungsvereine entsandt wurde, der unter der Agide Sonnemanns und 
der Gebruder Wirth den 7. und 8. Juni 1863 in Frankfurt a. M. stattfand; dabei 
machte er die Bekanntschaft von August Bebel, der damals »noch ein Paulus 
und nicht der spatere Saulus« war. Bekanntlich stellte sich dieser Kongrefl 
noch auf den Standpunkt des Programms von Schulze-Delitzsch, und im selben 
Sinne wirkte R. jetzt auch in Diisseldorf praktisch, durch Grundung und Leitung 
eines Konsumvereins. Auch das wurde ihm von der Behorde verdacht. Zwar 
bestand er noch am 11. Mai 1864 das Assessorexamen; aber um ihn seinem bis- 
herigen Wirkungskreise zu entziehen, versetzte man ihn nach Bromberg. Mangel 
an Mitteln verbot ihm, dahin zu gehen; er bewarb sich daher um den gerade 
vakanten Biirgermeisterposten von Neuwied, wurde jedoch wegen seiner 
politischen Gesinnung nicht bestatigt. Unter diesen Umstanden reichte er 
sein Entlassungsgesuch ein; es wurde am 8. Dezember 1864 genehmigt. 

Entschlossen, von der Feder zu leben und sich der Politik zu widmen, 
ging R. nach Berlin. Noch einmal verlegte er von dort seinen Wohnsitz vom 
Fruhjahre 1865 bis Anfang 1866 nach Magdeburg; auf Wunsch der Eltern 
ubernahm er namlich eine Stellung als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter bei der 
Magdeburger Feuerversicherungsgesellschaft. Aber bald zog es ihn nach Berlin 
zuruck. Durch parlamentarische Korrespondenzen fur die fortschrittlichen 
Provinzialzeitungen gewann er einen ausreichenden Lebensunterhalt; zugleich 
war er praktisch und literarisch als Gehilfe von Schulze-Delitzsch fur das Ge- 
nossenschaftswesen tatig. Er wurde Vorsitzender des Verbandes der Konsum- 
vereine der Provinz Brandenburg und fiihrte nach englischem Vorbilde die 
Abgabe von Quittungsmarken bei den Einkaufen an die Mitglieder als Grund- 
lage fiir die Gewinnverteilung ein. Auf Anregung von Schulze-Delitzsch schrieb 
er das Buch »Die Konsumvereine, ein Not- und Hilfsbuch fiir deren Grundung 
und Errichtung« (1867), — eine Anleitung zur Grundung und Leitung von 
Konsumvereinen nach dem Muster, welches Schulze-Delitzsch fiir die VorschuB- 
vereine verfafit hatte. 

Das Jahr 1866, ebendasjenige, in dem R. seinen festen Wohnsitz in Berlin 
zu dauernder Betatigung im politischen Leben im Sinne des Liberalismus 
nahm, bedeutete eine Epoche fiir die Geschichte des Liberalismus in Preufien; 
es trieb einen Keil in die Fortschrittspartei und bahnte eine neue Gruppierung 
der liberalen Parteien an, indem durch den nunmehr entstehenden National- 
liberalismus ein Teil des Fortschritts mit den bisher bestehenden gemafligteren 
liberalen Fraktionen zu einer grofien Einheit verschmolz. Fiir R. konnte es 
nicht zweifelhaft sein, welche Haltung er in diesem inneren Streite im fort- 
schrittlichen Lager einnehmen mufite. Sachlich und personlich stand er den- 
jenigen Elementen der Fraktion nahe, die den Kampf gegen Bismarck fort- 
setzen und von der Bewilligung von Indemnitat fiir die bisherige budgetlose 
Regierung nichts wissen wollten. Besonders eng waren ja seine Beziehungen 
zu Schulze-Delitzsch, der auch auf diesem Standpunkte der Unversohnlichkeit 
verharrte. Auf die Empfehlung dieses seines Gonners hin wurde er in Nord- 
hausen als Kandidat fiir die Wahlen zum Konstituierenden Norddeutschen 
Reichstage aufgestellt und zur allgemeinen Oberraschung mit einigen hundert 
Stimmen Mehrheit gewahlt. Das war um so bemerkenswerter, als es seine 



284 Richtcr. 

Partei damals nur auf 19 Mandate brachte, wahrend den Nationalliberalen 
79 Sitze zufielen. Als zweitjlingster Abgeordneter mufite er als Jugendschrift- 
fuhrer fungieren. Das Wort ergriff er damals noch nicht; er scheute sich bei 
seiner Jugend, in die Debatten iiber die groflen Verfassungsfragen einzugreifen, 
mit denen sich dieses Parlament zu befassen hatte. Mit seinen Parteifreunden 
war R. der Ansicht, dafl das konstitutionelle System im Bismarckschen Ver- 
fassungsentwurfe nicht zur Genlige durchgefiihrt sei; daher stimmte er mit 
ihnen (ausgenommen nur Simon -Breslau) gegen die Norddeutsche Bundes- 
verfassung. 

Das Entgegenkommen, das die Nationalliberalen dem Bismarckschen 
Entwurf gezeigt hatten, wurde vom Fortschritt als eine Preisgabe der liberalen 
Grundsatze verurteilt; daher kam es beim nachsten Wahlkampfe zu einem 
heftigen Zusammenstofie zwischen den beiden liberalen Schwesterparteien. 
Mit besonderer Scharfe trat dabei gerade R. auf. Da der Nordhausener Kreis 
nur durch Uberrumpelung gewonnen war, erschien eine abermalige Kandidatur 
R.s hierselbst aussichtslos; er bewarb sich daher um das Solinger Mandat. Zum 
Generalbevollmachtigten des fortschritt lichen Wahlvereins fur Rheinland und 
Westfalen ernannt, errichtete er ein Wahlbureau in Diisseldorf und entfaltete 
daselbst eine hochst energische Agitation. Seinen Bemiihungen im Westen 
hatte es die Fraktion vornehmlich zu danken, da die Wahlen im Osten fur sie 
ganz ungliicklich ausfielen, dafl sie immerhin in einer Starke von 31 Mitgliedern 
in den Norddeutschen Reichstag einziehen konnte. Er selbst unterlag freilich 
gegen den damals nationalliberalen Georg von Bunsen. Sein Auftreten zog ihm 
uberdies mehrere Strafprozesse zu; wegen Majestatsbeleidigung wurde er zu 
zwei Monaten Gefangnis verurteilt, in der Berufungsinstanz jedoch freige- 
sprochen. 

Also »in den parlamentarischen Ruhestand versetzt*, benutzte R. die Mufie, 
welche ihm die journalistische Berufsarbeit liefl, zu intensiven finanzwissen- 
schaftlichen Studien. Der Mangel an einer iibersichtlichen Darstellung des 
Finanzwesens in Preuflen und Deutschland erweckte in ihm den Plan, ein Werk 
dieser Art in mehreren Banden zu schreiben. Auf den Arbeiten, die er diesem 
Zwecke widmete, baute sich die meisterhafte Kenntnis des preufiischen und des 
Reichs-Finanzwesens auf, die ihn spater auszeichnete und an die erste Stelle 
als Etatsredner rtickte. Es war ihm freilich nicht moglich-, sein damaliges Vor- 
haben auszufiihren; denn schon im Januar 1869 wurde er bei der Ersatzwahl 
fur den Prasidenten Lette in Konigsberg i. N. zum Mitgliede des Abgeordneten- 
hauses gewahlt und dadurch der parlamentarischen Wirksamkeit wiedergegeben. 
So begniigte er sich denn mit der Darstellung des Staatsschuldenwesens als 
desjenigen Teiles der Finanzverwaltung, wofiir ihm der Stoff in der Haupt- 
sache am meisten abgeschlossen erschien. Die Frucht dieser Beschaftigung 
liegt vor in dem Buche »Das preuflische Staatsschuldenwesen und die preufiischen 
Staatspapiere« (1869). Fur das Gebiet der Finanzen wissenschaftlich also am 
besten geriistet, suchte sich R. hier zuerst ein Objekt der parlamentarischen 
Bewahrung. Am 13. Februar 1869 trat er im Abgeordnetenhause zum ersten 
Male als Redner auf; er sprach uber die Annahme auslandischer Kassenscheine. 
Bei den Landtagswahlen von 1870 wurde R. fur den Kreis Hagen-Schwelm 
gewahlt; er hat seitdem diesen Wahlkreis mit Ausnahme von zwei Legislatur- 
perioden (1879 bis 1882 fur Berlin IV und 1893 bis 1898 fur Berlin II) bis zu 



Richter. 



285 



seinem Ausscheiden im Jahre 1905 im Abgeordnetenhause vertreten. Die Wah- 
len zum ersten Deutschen Reichstage im Friihjahre 187 1 brachten ihn auch in 
diese Korperschaft, zuerst fur Schwarzburg-Rudolstadt. Auch dem Reichstage 
gehorte er nunmehr ununterbrochen an, seit 1874 gleichfalls fiir den Kreis 
Hagen. 

Eben seine Kenntnis des Finanzwesens war es, wodurch R. sehr bald zu 
Geltung in der Fraktion und im Parlamente gelangte. Auch seine erste Reichs- 
tagsrede war dieser Materie gewidmet, in der dritten Sitzung der ersten Session, 
am 24. Marz 1871. Sie war getragen von der Tendenz zur Festigung der parla- 
mentarischen Befugnisse, die auch in der Zukunft der oberste Zielpunkt seiner 
politischen Bestrebungen blieb. Kaum hatte sich der Reichstag konstituiert, 
so pladierte R. namlich fiir die unverziigliche Bildung einer Budgetkommission; 
bei einem zweiten Anlaufe, der funf Tage spater erfolgte, drang er damit durch. 
Sofort in die Kommission selbst hineingewahlt, beteiligte er sich fortan sowohl 
in ihr wie auch im Plenum standig an der Beratung iiber die Etats- und Rech- 
nungsvorlagen; auch wurde er in ihr zum Referenten iiber den Nachtragsetat 
der Postverwaltung bestellt. Seine erste groflere Rede hielt er am 2. Mai 187 1 
gegen den konservativen Antrag Wilmanns auf Einfiihrung von Borsensteuern. 
Satirisch glossierte er den Versuch, »angesichts der franzosischen Milliarden 
neue Verkehrssteuern einzufuhren«; er verlangte vielmehr Steuerentlastungen 
und zumal als » Dotation fiir das arme Volk« die Abschaffung der Salzsteuer. 
In der Tat ging denn auch der Reichstag iiber den Antrag zur einfachen Tages- 
ordnung iiber. 

In alien den Materien, die spater R.s eigentliche Domane in der parlamen- 
tarischen Verhandlung und Diskussion werden sollten, griff er schon im Laufe 
dieser ersten Legislaturperiode des Deutschen Reichstages ein. An den Bera- 
tungen iiber das Militarwesen beteiligte er sich zum ersten Male, als das neue 
Militarpensionsgesetz dem Parlamente vorlag, sodann bei der Erstreckung des 
(1867 bewilligten) Militar-Pauschquantums von 270 Mill. Mark auf weitere drei 
Jahre. Die Fortschrittspartei verlangte, dafl mit dieser »forrnalen Beschrankung 
des Geldbewilligungsrechtes« ein Ende gemacht, dafi das allgemeine Budgetrecht 
auch hinsichtlich des Militarwesens hergestellt, und dafl daher auch dieses 
Gegenstand jahrlich wiederkehrender Verhandlung wiirde. Diesen Standpunkt 
seiner Fraktion vertrat R. bei der ersten Beratung des Reichshaushaltes fiir 
1872; er erklarte zugleich, dafl sie noch immer an der Forderung der zweijahrigen 
Dienstzeit festhalte. Die Vorberatung der Pauschalforderung wurde einer 
besonderen Kommission iibertragen, in der seitens der Fortschrittspartei R. und 
Hoverbeck Delegierte wurden; sie unterwarfen hier zusammen mit Lasker die 
»der parlamentarischen Kritik vollstandig entwohnten« Vertreter der Militar- 
verwaltung »einem ziemlich ausgedehnten Kreuzverhor, einem Examen rigo- 
rosum«, wie der Kriegsminister v. Roon sagte. Seither war R. stets Mitglied 
der Militarkommissionen, und die Verhandlungen iiber Militaretat und Militar- 
organisation erfreuten sich seitdem stets seines besonderen Interesses — nicht 
gerade zum Vergnugen der Regierungskommissare. 

Was die Kirchenpolitik anbelangte, so gehorte R. zu der Minderheit unter 
seinen Fraktionsgenossen, die dem Kulturkampfe abgeneigt war. Bei der 
Diskussion iiber den »Kanzelparagraphen« sprach er im Rahmen dieser Minori- 
tat. Sein kirchenpolitisches Ideal war die Trennung von Staat und Kirche. 



286 Richter. 

Daher empfahl er die Aufhebung des Polizeizwanges zum Taufen der Kinder, 
die Befreiung des Religionsunterrichtes vom Schulzwange, die Einfuhrung von 
Zivilstandsregistern und der obligatorischen Zivilehe, voller Vereins- und Ver- 
sammlungsfreiheit, Gewahrung von Privatschulen, Aufhebung der geistlichen 
Schulaufsicht und Sistierung der Dotation der Kirche aus offentlichen Mitteln. 
Auch das Jesuitengesetz fand spaterhin nicht seine Billigung. Vom ersten 
Beginne seiner parlamentarischen Wirksamkeit treten jedenfalls deren vor- 
nehmste Richtungslinien klar und deutlich zutage: Streben nach Durchftihrung 
des liberalen Programms im ganzen Umfange seiner Forderungen auf geistigem, 
wirtschaftlichem und auf rein politischem Gebiete; daher vor allem Streben 
»nach einer wirklich parlamentarischen Regierung« im Gegensatze zum Bis- 
marckschen »Scheinkonstitutionalismus«. Unverriickbar hatte er dieses Ideal 
vor Augen, und jede Abweichung vom geraden Wege, die zu diesem Ziele fiihrte, 
jedes Kompromifi mit der Regierung oder mit andern Parteien, das davon ab- 
wich, deuchte ihm ein Abfall vom liberalen Prinzipe. 

In den Bahnen, die sie nun einmal also eingeschlagen hatte, bewegte sich 
R.s Politik in der Folgezeit. Wahrend der Session von 1872 kam es bei der 
Beratung liber die von R. betriebene Aufhebung der Salzsteuer zum ersten 
rednerischen Zusammenstofie zwischen ihm und Bismarck; der Kanzler zog 
Ciber die Abgeordneten her, welche die Wahler durch Schmeicheleien und Ver- 
sprechen von Steuererleichterungen verlockten, erklarte jedoch auf Einspruch 
R.s, er habe diesen nicht personlich dabei im Auge gehabt. Einen besonderen 
Eifer entfaltete R. im Sommer 1872 in der Kommission uber die Verteilung und 
Verwendung der franzosischen Kriegsentschadigung; es war dabei sein Haupt- 
ziel, »moglichst viel von den Milliarden alsbald zu dezentralisieren und damit 
aus dem Gesichtskreise der Militarverwaltung zu bringen«. Uber 3 J / a Milliarden 
wurde jetzt bereits verfiigt, iiber den Rest im Betrage von I l / z Milliarden im 
folgenden Jahre (1873); es wurde damals der Invalidenfonds geschaffen, und 
R.s Werk war es, daC dieser nach dem Muster der Reichsschuldenverwaltung 
unter eine ganz selbstandige Verwaltung gestellt wurde. 

Im November 1873 fanden die Neuwahlen fur Landtag und Reichstag 
statt; in beiden gewannen die Liberalen die Mehrheit, und die Zahl der Fort- 
schrittler wuchs dort auf 72, hier auf 49. Im Kampfe gegen das von der Re- 
gierung gewunschte Aternat (1874) war R. einer der Hauptrufer, ebenso gegen 
das von den Nationalliberalen schliefilich konzedierte Septennat. Seine Rede 
gegen das letztere konnte freilich nur die Bedeutung eines demonstrativen 
Protestes haben. Er kennzeichnete es als »ein Mifltrauensvotum gegen das 
deutsche Volk«, als einen »Vorbehalt des Absolutismus gegen das parlamen- 
tarische Regierungssystem in militarischen Angelegenheiten«; die Annahme 
beriihrte ihn »personlich« als die »erste parlamentarische Niederlage in einer 
grofien Frage«. Immerhin hatte er im selben Jahre auch einige Erfolge zu 
verzeichnen, die schon 1 87 1 von ihm beantragte Aufhebung der Mehl- und 
Schlachtsteuer, sowie des Zeitungs- und Kalenderstempels im Zusammenhange 
mit dem Reichsprefigesetze, fur das er eben deshalb trotz gewisser ihm unan- 
genehmen Bestimmungen, wie z. B. betreffend den Zeugniszwang, seine Partei 
zu votieren bewog. 

Der Umschwung in der inneren Politik Bismarcks, die von ihm geplante 
Reichsfinanzreform und seine Wendung zum Schutzzollsystem, trieben den 



Richter. 



287 



Fortschritt seit 1875 in eine immer entschiedenere Opposition; an ihre Spitze 
trat R., seit dem zur selben Zeit erfolgten Tode Hoverbecks der einfluBreichste 
Fiihrer in seiner Fraktion. Er kreuzte Bismarcks Unternehmen einer Verstaat- 
lichung der Eisenbahnen zugunsten des Reichs bereits in den ersten Anfangen. 
Die Landtagswahlen vom Herbste 1876 waren fur die Plane Bismarcks keines- 
wegs gunstig, da sie noch einmal die bisherige liberale Mehrheit erneuten; 
immerhin brachten die Reichstagswahlen vom Anfange des Jahres 1877 eine 
Verstarkung der Konservativen um etwa 20 Mandate auf Kosten der National- 
liberalen. Das war insofern wichtig, als sich jetzt fur Bismarck die Aussicht 
bot, fiir seine neue Politik eine Regierungsmehrheit zu finden, bestehend aus 
den Konservativen und dem Gros der Nationalliberalen. Es kam nur darauf 
an, dieses von dem entschieden freihandlerischen linken Fliigel der Partei 
unter Lasker abzutrennen oder wenigstens den EinfluB dieser Gruppe innerhalb 
der Gesamtfraktion zu brechen. Damit setzten die Versuche Bismarcks zur 
Zertrummerung der nationalliberalen Partei an; sie entbehrten nicht des Er- 
folges, indem bekanntlich zuerst die ausgesprochen schutzzollnerischen Ele- 
mente (1879) und spater (1880) in der Sezession die ebenso energisch freihandle- 
risch gerichteten Mitglieder vom Gros abfielen. Damit hebt eine neue Epoche 
in der Geschichte des preuflisch-deutschen Liberalismus an. Er verliert seine 
ausschlaggebende parlamentarische Machtstellung ; die Nationalliberalen 
schwanken eine Zeitlang zwischen Opposition und gouvernementaler Gefolg- 
schaft, bis sich schlieBlich bestimmte Gruppen nach beiden Richtungen hin 
voneinander absondern. Der Fortschritt unter R. tritt in eine grundsatzliche 
Opposition, vermag aber nur insoweit etvvas auszurichten, als das Zentrum, sei 
es aus parteitaktischen Rucksichten, sei es aus Rucksichten auf seine Wahler- 
massen, denselben Weg geht. Die Kombination Richter-Windthorst gewinnt 
ihre fur Bismarck retardierende Wirkung. 

Durch eine entsprechende Gestaltung des Ministeriums wollte Bismarck 
die Voraussetzung fur die neue, konservativ-rechtsnationalliberale Mehrheits- 
bildung schaffen, die er zunachst nach den Wahlen von 1877 anstrebte. Es 
sollte von den ihm unangenehmen Elementen gereinigt werden, namlich von 
Camphausen und Stosch; dagegen sollte Bennigsen hineingezogen werden. 
Die Etatsrede R.s vom 10. Marz 1877 muBte Bismarck als Vorwand zu einem 
parlamentarischen Vorstofie gegen Camphausen und Stosch dienen; beide 
sollten dadurch zur Demission gezwungen werden. Das Unternehmen mifl- 
gliickte. Camphausen reagierte nicht auf den Angriff des Kanzlers, und Stosch 
reichte zwar sein Entlassungsgesuch ein, wurde jedoch vom Kaiser abschlagig 
beschieden, und als Bismarck nun seinerseits um den Abschied bat, widerfuhr 
ihm ein Gleiches. Er zog sich auf seine Guter zuriick, und allem Anscheine 
nach bestand eine latente Kanzlerkrisis. Unter der Hand wurde an seiner Be- 
seitigung gearbeitet; seine Unentbehrlichkeit lag freilich gerade damals mehr 
als je aus Grunden der aufieren Politik auf der Hand, da der russisch-tiirkische 
Krieg auszubrechen drohte. Bis in die Reihen des Fortschritts hinein reichte 
diese Uberzeugung; Hanel gab ihr im Reichstage kraftigen Ausdruck, — nicht 
gerade zu R.s Wohlgefallen. Noch spater war R. der Ansicht, dafi Bismarck 
damals besser beseitigt worden ware; er meinte, es ware dann die ganze »reaktio- 
nare Gesetzgebung« unterblieben, die sich zu jener Zeit vorbereitete. 



288 Richter. 

Die Stellung Bismarcks blieb unerschiittert; aber die Verhandlungen mit 
Bennigsen scheiterten, — vermutlich daran, dafi der Kanzler merkte, Bennigsen 
fasse seinen eventuellen Eintritt ins Ministerium im Sinne einer demnachstigen 
Uberleitung der Verfassung in das parlamentarische System auf. Im Februar 
1878 hielt er die benihmte Rede iiber das Tabaksmonopol, die in Wahrheit 
eine Absage an die Nationalliberalen war. Wenn in dieser Diskussion (am 
23. Febr.) auch R. das Wort ergriff, urn den Kanzler und das nunmehr offen 
durch diesen vertretene Tabaksmonopol zu bekampfen, so war das ein Rede- 
scharmutzel, das mit dem Gange der Hauptschlacht nichts zu tun hatte. Bennig- 
sen trat in entschiedene Opposition. Bei der Beratung des ersten Sozialisten- 
gesetzes nach dem Hodelschen Attentate im Mai 1878 ging er mit R. zusammen,. 
der die Gelegenheit nicht ungeniitzt vorbeigehen liefi, ohne dem Kanzler seine 
dereinstigen Beziehungen zur Sozialdemokratie und insbesondere zu Lassalle 
vorzuhalten. 

Aus dieser Verlegenheit, den ihm die geschlossene Opposition des gesamten 
Liberalismus bereitete, wurde Bismarck durch das Nobilingsche Attentat 
befreit. Er loste den Reichstag in der Hoffnung auf, dafi die Neuwahlen unter 
dem Eindrucke dieser Schandtat einen Ruck nach rechts bringen wiirden. 
Dafi es ihm dabei zum mindesten auch darum zu tun war, auf diese Weise 
eine fur seine Steuerplane gunstige Mehrheit zu bekommen, das wollte R. durch 
cin Flugblatt, das in mehr als einer Million Exemplaren unter dem Titel: »20O 
Millionen neuer Steuern« verbreitet wurde, den Wahlern zum BewuBtsein 
fiihren; er wurde daher wegen offentlicher Verbreitung erdichteter Tatsachen r 
um Staatseinrichtungen oder Anordnungen der Regierung verachtlich zu 
machen, in Anklagezustand versetzt. Ziemlich lange zog sich der ProzeB hin^ 
schliefllich mit einem Freispruche endigend, da inzwischen die tatsachliche Ent- 
wickelung die Richtigkeit von R.s Voraussage bestatigt hatte. 

Der Wahlkampf war nicht so siegreich, wie Bismarck erwartet hatte. Zwar 
verloren die Liberalen die Mehrheit; aber sie behielten noch 160 Sitze, die 
Nationalliberalen davon 100. Es lag nun die Moglichkeit einer doppelten 
gouvernementalen Mehrheitsbildung vor, indem die Konservativen entweder 
mit dem Zentrum oder mit den Nationalliberalen zusammengehen konnten. 
Durch die zweite Kombination wurde jetzt das Sozialistengesetz unter Dach und 
Fach gebracht; durch ihre Verluste bei den Neuwahlen eingeschuchtert, wagten 
die Nationalliberalen dagegen keinen Widerstand mehr. R.s Widerspruch 
(in der Rede vom 12. Oktober) niitzte in diesem Falle ebensowenig, wie im 
Folgejahre gegen den neuen Zolltarif, fur den Bismarck die erste Kombination 
nutzbar zu machen wufite. R. erblickte in Bismarcks Zoll- und Wirtschafts- 
politik nichts als eine Verteuerung der notwendigsten Lebensmittel, eine Aus- 
beutung des ganzen Volkes zugunsten bestimmter bevorzugter Schichten. In 
einer Rede, die er Endc Februar 1879 in der Debatte uber die Verlangerung des 
Handelsvertrages mit Osterreich-Ungarn hielt, gab er dieser Stimmung Aus- 
druck, indem er die Bismarcksche Wirtschaftspolitik als einen Appell an den 
Egoismus und das Masseninteresse kennzeichnete. Privatim bemerkte Bis- 
marck darauf, dafi ihn diese Angriffe nicht riihrten, und dafi er sich vorgenommen 
habe, R. nicht mehr zu antworten. 

Auch durch die Herausgabe von Flugblattern und Broschuren stellte R. da- 
mals seine Tatigkeit in den Dienst der Freihandelssache: was aber konnte das 



Richter. 289 

alles bei der parlamentarischen Konstellation nutzen? Schon wetteiferten das 
Zentrum und die schutzzollnerisch gesinnten Elemente unter den National- 
liberalen darin, sich bei Bismarck den Rang abzulaufen, und die Germania gab 
Eugen R. den Rat, sich nach einem andern Wahlkreise umzusehen, da sich 
das Zentrum hiiten wurde, in Hagen noch einmal fur ihn den Ausschlag zu 
geben. Am 4. Mai kam R. gegen die Zolltarifvorlage zu Worte. Er fiihrte aus, 
dafi die Agitation fur die Agrarzolle kunstlich von oben in die Kreise der Land- 
wirtschaft hineingetragen sei, und verteidigt die direkten Steuern als die normale 
Hauptart der Belastung des Landes. Er sprach seine Ansicht dahin aus, dafl 
fur den Kanzler die Finanzzolle die Hauptsache seien, und dafi die ganze Vor- 
lage nur darauf hinauslaufe, die parlamentarischen Befugnisse im Reiche und 
in den Einzelstaaten zu mindern, dafi sie liege »in der Richtung zum absolu- 
tistischen Einheitsstaate«; er schlofi mit dem Bekenntnisse der Doktrin, dafi 
wirtschaftliche und politische Freiheit nicht voneinander zu trennen seien: 
»Die wirtschaftliche Freiheit hat keine Sicherheit ohne politische Freiheit, und 
die politische Freiheit findet ihre Sicherheit nur in der wirtschaftlichen Freiheit. « 

Schon schien sich damals eine Konjunktion zwischen Fortschritt und 
freihandlerischen Nationalliberalen anzubahnen. Auf dem Berliner »Stadtetag« 
vom 17. Mai hielt Forckenbeck beim Festbankett im Zoologischen Garten den 
beruhmten Toast: es sei an der Zeit zur Bildung einer umfassenden liberalen 
Partei, deren Kern das freisinnige Burgertum bilden, und die auch wirtschaft- 
lich freisinnig sein musse. Das war eine unverkennbare Absage an den rechten 
Flugel seiner Partei und eine Annaherung an den Fortschritt. Aber der zeigte 
kein so grofies Begehren, die dargebotene Bruderhand zu ergreifen. R. hielt 
eine Ansprache, die gleichsam die Antwort auf die Forckenbecksche Werbung 
gab. Er fiihrte darin aus, dafi man getrennt marschieren, aber vereint den 
Feind schlagen musse. Das machte den Eindruck, als ob er von einer Fusion 
nichts wissen wollte, und es wurden ihm auch Vorwurfe in dieser Richtung 
gemacht. Er blieb jedoch dabei, dafi sich »neue Partcibildungen niemals unter 
dem Eindrucke eines Trinkspruches vollziehen konnten«. In der Tat hatten 
Verhandlung und Annahme des Zolltarifes in ihrem ganzen Verlaufe nicht 
sowohl eine Abspaltung des freihandlerischen, wie vielmehr des schutzzollne- 
rischen Fliigels vom Gros der Nationalliberalen schliefilich zur Folge; zugleich 
aber ward das innere Band zwischen denen um Bennigsen und der Gruppe 
Forckenbeck-Lasker- Bamberger doch schon so sehr gelockert, dafi auch ihr 
Zerfall nur noch eine Frage der Zeit war. 

Den Kanzler allein und personlich machte R. fiir die neue Phase in der 
inneren Reichspolitik verantwortlich: »Ehe nicht das ganze Regierungssystem 
des Kanzlers aufhort, ehe nicht der Kanzler selbst aufhort zu regieren, wird 
Deutschland nicht zur Ruhe kommen.« Auch in der Presse liefl er damals den 
Ruf erschallen: »Der Herr Reichskanzler — Fiirst Bismarck mufi fort von 
seinem Platze!« In der festen Hoffnung, dafi das Volk ein flirchterliches Straf- 
gericht liber die verkehrte Wirtschaftspolitik Bismarcks vollziehen wurde, 
gab er fur die bevorstehenden Landtagswahlen Herbst 1879 eben diese Parole 
aus: >>Fort mit Bismarck !« Eben damals erschien als der Vorlaufer seines 
spateren ABC-Buches anonym eine lexikalisch geordnete Ubersicht iiber die 
politischen Zeit- und Streitfragen unter dem Titel: »Der liberale Urwahler, 
oder was man vom Wahlen wissen mufi.« Aber seinen Bemuhungen blieb der 

Biogr. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog-. 13. Bd. \g 



290 



Richter. 



Erfolg versagt; die Landtagswahlen vom 8. Oktober 1879 brachten den voll- 
kommenen Bankerott des Liberalismus fur PreuBen. Sowohl Nationalliberale 
wie auch Fortschrittler verloren fast die Halfte ihrer Sitze; jene sanken auf 
etwa 100, diese auf einige 30 hinab. Die liberate Mehrheit, die in PreuBen seit 
dem Beginne der »Neuen Ara«, zwei Jahrzehnte hindurch, bestanden hatte, 
war vorbei, und zwar fur immer. R. fiel in seinem Wahlkreise Hagen durch, 
wie ihm ja die Germania angedroht hatte, und muflte einen Unterschlupf in 
Berlin suchen, der durch das Dreiklassensystem garantierten Hochburg des 
Fortschritts. Hatte er die Parole »Fort mit Bismarck !« ausgegeben, so hatte 
ihm das beinahe die eigene parlamentarische Existenz gekostet. Er schrieb 
den Umschwung den Beeinflussungen durch den Regierungsapparat, der Zer- 
fahrenheit der Nationalliberalen und der Unterstiitzung der Konservativen 
durch das Zentrum, vor allem aber dem Umstande zu, dafi die agrarischen 
Lockungen Bismarcks die friiher liberalen Elemente in der Landbevolkerung 
zum groBen Teile in das konservative Lager hiniibergezogen hatten. Von diesen 
Faktoren anderte sich in der Folgezeit wenigstens der eine sehr schnell zugunsten 
des Fortschritts. Das Zentrum erkannte, wie wertvoll ihm selber der Fort- 
bestand einer »unentwegten« liberalen Opposition war. Denn es gelangte 
dadurch in eine taktisch hochst gunstige Position, da die drohende Aussicht 
auf eine Koalition zwischen ihr unjd dem Zentrum die leitenden Staatsmanner 
zu Nachgiebigkeit und Entgegenkommen den eigenen Wiinschen gegeniiber 
zwingen muBte. Daher lag dem Zentrum viel an der Erhaltung der Fortschritts- 
partei, und insoweit diese in der Folgezeit besondere Wahlerfolge errang, so 
war das haufig dem klerikalen Sukkurse zu verdanken: das kam spater gerade 
in den Verhaltnissen des Hagener Wahlkreises R.s zum Ausdrucke. Auf der 
andern Seite muBte diese Wahlhilfe, die gelegentlich auch erwidert wurde, 
sowie die Art und Weise, wie die Fortschrittspartei — zwar keineswegs der 
Intention zufolge, sondern auf Grund der fur sie mafigebenden politischen 
Prinzipien und der allgemeinen parlamentarischen Konstellation — faktisch den 
Machtaspirationen des Zentrums Vorschub leistete, den entschiedenen Liberalis- 
mus im Lichte eines Vorspannes und Alliierten des Zentrums erscheinen lassen. 
Im wesentlichen gestaltete sich die Entwicklung so, dafl in der Folgezeit 
die Fortschrittspartei unter R.s Fiihrung in gewissen Fragen von allge- 
meiner politischer Bedeutung zusammen mit dem Zentrum in der Opposition 
stand, wahrend in Sachen der Wirtschafts- und Sozialpolitik das Zentrum dem 
Fortschritte das Vergniigen gestattete, seinen praktisch unwirksamen freihandle- 
rischen Standpunkt zu betonen. Gegen sie beide wurde 1880 das Sozialisten- 
gesetz auf vier Jahre verlangert; dieseibe Konstellation trat auf bei der Er- 
neuerung des Septennates. Sie war das Werk Bennigsens, wahrend der linke 
Flugel der Nationalliberalen nur fur ein Triennat war. Mit Eifer schurte R. 
diesen Zwist unter den Nationalliberalen, indem er bei der zweiten Lesung 
heftige Angriffe gegen Bennigsen schleuderte, dessen Politik darauf hinaus- 
laufe, den Unterschied zwischen konservativ und nationalliberal zu verwischen, 
das Volk zu Gouvernementalismus und politischer Indifferenz zu erziehen. 
Rickert antwortete darauf, indem er noch einmal »das positive Zusammengehen 
der Konservativen und Nationalliberalen als die natlirliche Grundlage der 
inneren Entwicklung im Gegensatze zu der stets negativen und unfruchtbaren 
Haltung der Fortschrittspartei feierte«; das reizte R., bei Gelegenheit der 



Richter. 



2pl 



dritten Beratung »mit Herrn Rickert und dem von ihm vertretenen National- 
liberalismus griindlich abzurechnen«. Er tat Rickert Unrecht, wenn er ihn 
ohne weiteres mit dem rechten Fliigel des Nationalliberalismus zusammenwarf ; 
immerhin war Rickert derjenige vom linken Fliigel, der sich am langsten gegen 
dessen »Sezession« im Spatsommer 1880 straubte. Der Union zwischen Sezession 
und Fortschritt, die innerhalb des letzteren von Anfang an besonders durch 
Hanel und Virchow gewiinscht wurde, stellte sich R. allerdings sehr kuhl gegen - 
iiber; er traute der neuen Gruppe doch nicht recht, da er sie noch zu sehr als 
im Banne nationalliberaler Unbestandigkeit und Wankelmutigkeit befangen 
erachtete; er hielt sie vor aliem fiir unsichere Kantonisten im Kampfe gegen 
Bismarck, den er mit unverminderter Scharfe betrieb und als sein hochstes 
Ziel unverriickt im Auge behielt. 

Auf die Wahlen von 188 1 setzte er in dieser Hinsicht alle seine Hoffnungen; 
er war fest davon iiberzeugt, dafi das deutsche Volk des Bismarckschen Re- 
gimes mude sei. Am 10. Juli 1880 bereits erliefl er eine Kundgebung, worin er 
fur die nachsten Wahlen eine »entscheidende Wendung« prophezeite: »Die 
Anzeichen eines in weiten Kreisen des Volkes sich vollziehenden Umschwunges 
der Ansichten mehren sich. Die Regierung beschleunigt denselben, indem sie 
Fehler auf Fehler hauft, bald diese, bald jene Kreise des Volkes gegen sich 
aufregt. Die meisten Vorgange lassen selbst manche der taktischen Eigen- 
schaften vermissen, welche friiher dem Kanzler zu seinen grofien Erfolgen 
verhalfen. So zieht er sich denn eine Niederlage nach der andern in der offent- 
lichen Meinung zu.« Aufs scharfste kritisierte er die politische Tatigkeit der 
Sohne Bismarcks; die antisemitische Bewegungin Berlin steigerte die Spannung. 
Er warf dem leitenden Staatsmanne vor, dafi sich dieser gegen sie allzu wohl- 
wollend neutral verhalte, so dafi sich die Antisemiten berechtigt halten konnten, 
ihn als Protektor anzusehen, und soviel ist gewifi, dafi Bismarck es schwerlich 
ungern gesehen hatte, wenn durch sie der ihm verhafite Berliner »Fortschritts- 
ring4t gesprengt worden ware. Die Debatten in der Wintersession 1880/81 im 
Landtage iiber den Nachlafi an direkten Steuern, wobei sich Bismarck und 
R. — freilich aus ganz verschiedenen Griinden — zu uberbieten trachteten, 
sowie iiber das Verwendungsgesetz, oder wie R. es spottisch nannte, das »Ver- 
schwendungsgesetz« betreffend die Cberweisung von Uberschiissen der indi- 
rekten Reichssteuern an die Kommunalverbande gaben reichlichen Anlafi 
zu rednerischen Zusammenstofien zwischen den beiden Gegnern, — nicht minder 
in der Fnihjahrssession 1881 des Reichstages die Etatsberatung, dieLexTiede- 
mann und der Beginn der sozialen Gesetzgebung, die Bismarck damals durch 
den Entwurf iiber die Unfallversicherung zu inaugurieren unternahm. R. be- 
trachtete sie lediglich unter dem Gesichtspunkte eines neuen Lockmittels, durch 
das Bismarck die Massen zu kaptivieren strebte; er leugnete die Notwendigkeit 
des Versicherungszwanges und erklarte ihn als den ersten Schritt zur An- 
bahnung der kommunistischen Gesellschaft, da mit demselben Rechte, wie das 
Versicherungswesen, auch der Grundbesitz verstaatlicht werden konnte. Am 
heftigsten war der Zusammenprall beim Bismarckschen Antrage auf Ver- 
langerung der Legislaturperioden auf vier Jahre mit nur zweijahriger Be- 
rufungsperiode; dieser Versuch einer Verfassungsanderung im Sinne einer 
Reduktion des Parlamentarismus rief R.s erbittertsten Widerspruch hervor, 
vor allem des Kanzlers Angriffe auf diejenigen Abgeordneten, die Journalisten 

19* 



292 



Ricbter. 



und berufsmaflige Parlamentarier zugleich seien: »Sie stehen vermoge ihrer 
Mensurpraxis aufierordentlich im Vordergrunde. In den Volksversammlungen 
kennen wir ja die Typen; sie haben sich zu rhetorischen Klopffechtern ausge- 
bildet, die es hier im Reichstage naturlich nicht gibt.«c Die ironische Beziehung 
auf R. war unverkennbar; er erwiderte, indem er als des Kanzlers hochstes 
Ideal »eine grofle Partei Bismarcks sans phrase* hinstellte. Immer gereizter 
wurde die Tonart huben und driiben. Als R. bei der Frage des Hamburger 
Zollanschlusses dem Bundesrate Nichtachtung des bundesstaatlichen Ver- 
haltnisses und des geltenden Verfassungsrechtes vorwarf, verliefi dieser unter 
der Fiihrung des Ministers v. Botticher demonstrativ den Sitzungssaal. Und 
ebenso verfuhr Bismarck in der Folgezeit, wenn R. sprach. 

Und in der Tat: obwohl der Wahlkampf im Herbste 1881 von seiten der 
Regierung in erster Linie gegen Fortschritt und Sezession gefiihrt worden war, 
obwohl die offiziose Presse keinen Zweifel dariiber gelassen hatte, dafi die Parole 
»Fiir oder gegen Bismarck* laute, fielen den Liberalen mehr als anderthalb- 
hundert Sitze zu, und zwar mehr als a / 3 davon den Linksliberalen, dem Fort- 
schritt etwa 60, der Sezession an die 50. Das bedeutete eine personliche Nieder- 
lage des Kanzlers, eine Absage an seine innere Politik. Mit den National - 
liberalen zusammen hatten die Konservativen keine Mehrheit mehr, und mit 
dem Zentrum nur dann, wenn alle dessen Annexe mitgingen und vollzahlig 
auf dem Platze waren, was hochst unsicher war. Unbeschreiblich war der 
Jubel in R.s Lager iiber den 19. Oktober 1881, »unsern Siegestag*. Die Chancen 
der Opposition erschienen um so starker, wenn es gelang, ihr die Nationalliberalen 
durch Herstellung eines gemeinsamen Bandes "zwischen den drei liberalen 
Gruppen einzufiigen. In der Tat wurde daran gearbeitet, und die Politik der 
Nationalliberalen war sogar nach dem Zusammentritte des neuen Reichstages 
zunachst nicht gerade regierungsfreundlich gerichtet, so die Rede Bennigsens 
vom 16. Dezember gegen den Minister von Puttkamer liber die Wahlbeein- 
flussungen; versohnlicher schon war seine Haltung bei der Debatte iiber den 
Kaiserlichen Erlafi vom 4. Januar 1882 betreffend die politische Betatigung der 
Beamten, in der sich vornehmlich wiederum Bismarck und R. entgegentraten. 
Die Bestrebungen des Gothaer Parteitages aller Liberalen am I. Oktober 1882 
behufs Zusammengehens aller liberalen Fraktionen bei den Wahlen scheiterten 
am Widerspruche R.s, der sich gegen jede Gemeinsamkeit mit den National- 
liberalen erklarte und in seiner Partei seinen Willen zur Geltung zu bringen 
wufite. Den Rtickzug aus dem politischen Leben, den Bennigsen im folgenden 
Jahre antrat, legte R. dahin aus, daC auch Bennigsen nunmehr endlich erkannt 
habe, wie sehr das Zusammenwirken der Liberalen ein Unding sei. 

Die gesamtliberale Utopie war verflogen; aber es kam jetzt zu einer Fusion 
zwischen Fortschritt und Sezession. Der Hauptvertreter des Fusionsgedankens 
innerhalb des Fortschrittes war bisher Hanel gewesen; R. hatte sich dagegen 
bisher ziemlich unlustig verhalten. Nun aber war er es, der die Idee aufnahm 
und Hanel (Anfang 1884) bestimmte, seine personlichen Beziehungen zu den 
Sezessionisten dieser Richtung nutzbar zu machen und mit ihnen Verhandlungen 
anzukniipfen. Das treibende Motiv dafur war die Riicksicht auf die fur 1884 
bevorstehenden Reichstagswahlen. Bei den Wahlvorbereitungen, die er eben 
damals einleitete, hatte er namlich sehr triibe Erfahrungen gemacht: er stiefl 
auf Ermattung und Einschtichterung; die Geldsammlungen gingen schlecht 



Richter. 



293 



vonstatten; er fiihlte sich personlich erschopft und ohne genligende Mitarbeiter. 
Auch fand er die dem Fortschritte damals zur Verfiigung stehenden parla- 
mentarischen Krafte nicht ausreichend; Kandidaten waren oft kaum aufzu- 
treiben, und in vielen Kreisen herrschte Neigung zu sezessionistischen Kandi- 
daturen. Die Neigung auf der sezessionistischen Seite zu Entgegenkommen 
war nicht gerade ubermaBig groB; es war Hanel nicht Ieicht, zum Ziele zu 
kommen. Erst nach wochenlangen schwierigen Verhandlungen kam die Eini- 
gung zustande; am 5. Marz gaben die beiden Fraktionen, elf Tage spater die 
beiderseitigen Parteitage ihre Zustimmung. Darauf, dafi man zu diesem Er- 
gebnisse schliefilich gelangte, war von groBem Einflusse die Erwagung, dafi bei 
dem in Aussicht stehenden Thronwechsel, mit dem ja ein Umschwung der 
politischen Gesinnung und des Regierungssystems an Allerhochster Stelle ver- 
bunden sein muflte, eine grofie und geschlossene entschieden liberale Partei 
vorhanden sein miisse, die sich dem neuen Herrscher zur Verfiigung stellen, 
und an der er einen parlamentarischen Riickhalt haben konne. 

Die auf die Fusion gesetzten Hoffnungen erfullten sich nicht. Zwischen 
den alten Fortschrittlern und Sezessionisten erhielt sich eine latente Spannung, 
die sogar bestandig wuchs. Bei den Wahlern im Lande war die Vereinigung 
schlecht vorbereitet worden. Die Wahlen, die im Herbste 1884 stattfanden, 
zerstorten den Traum einer groflen liberalen Volksbewegung, der die Bildung 
der Freisinnigen Partei begleitet hatte. Allgemein fielen die Wahler ab, nach 
rechts und nach links; nur 3/ 5 ihrer Mitglieder wurden wiedergewahlt (67 gegen 
105), und auch das nur infolge Untersttitzung von klerikaler und sozialdemo- 
kratischer Seite. Das war fur dieses Mai eine offenbare Absage an den Libe- 
ralismus, und zwar vor allem wegen seines negierenden Verhaltens gegen die 
soziale Gesetzgebung: in diesem Punkte freilich waltete kaum eine Verschieden- 
heit zwischen dem Fortschritt der R.schen Observanz und dem sezessionistischen 
Manchestertum ob; den Anfangen der Kolonialpolitik aber stand R. nicht so 
ablehnend gegeniiber wie Bamberger. Inwieweit die freisinnige Opposition 
im Reichstage von Geltung sein wiirde, das hing vom Zentrum ab. Wenn 
Freisinn und Zentrum zusammengingen, war die Regierung machtlos; das taten 
sie z. B. bei der Streichung der verlangten Stelle eines zweiten Direktors im 
Auswartigen Amte. Anders freilich war das bei der von Bismarck damals 
neuerdings betriebenen Erhohung der Agrarzolle: ebcn da, wo die eigentlichen 
Ziele der freisinnigen Politik lagen, im Kampfe fiir den Freihandel, versagte die 
oppositionelle Verbindung mit dem Zentrum. 

Gerade von den Agrarzollen hatte R. eine wirksame Parole fiir die Neu- 
wahlen erwartet; abermals sah er sich allerdings getauscht. Die Landtagswahl 
von 1885 besiegelte den Riickgang der Partei in PreuBen. Sie kostete ihr 
wiederum ein Dutzend Mandate; daB die Verluste nicht noch arger waren, 
dafiir sorgte das Zentrum, das ihr Verschwinden zugunsten der Gouvernemen- 
talen befiirchtete. Dafiir ging R. mit Windthorst in der Beseitigung des 
Kulturkampfes, und es kam wohl vor, daB gerade hierbei sein Eingreifen in die 
Diskussion dem Kanzler sehr unangenehm wurde, da er ihm gelegentlich recht 
bittere Wahrheiten zu sagen wufite. Nicht nur gegen die Regierung und die 
Rechte mufite er damals freilich mit Wort und Feder fechten. Auch in der links - 
stehenden Presse wurden heftige Angriffe gegen ihn laut, so in der Frankfurter 
Zeitung, in den demokratischen Blattern Lenzmanns, in der Breslauer Zeitung, 



294 



Richter. 



im Berliner Tageblatt und in der Weserzeitung. Zur wirksameren und selbst- 
standigeren journalistischen Vertretung seines Standpunktes begriindete er 1885 
die »Freisinnige Zeitung«; doch klagte er noch lange nachher iiber ihre un- 
genugende Abonnentenzahl. 

Erst die Erneuerung des Septennates im Winter 1886/87 gab dem Kanzler 
die Moglichkeit, die Bildung einer gouvernementalen Mehrheit im Reichstage 
wieder anzustreben. Getreu ihren alten budgetrechtlichen Grundsatzen wollten 
sich R. und Windthorst auf eine so lange Bindung des parlamentarischen Be- 
willigungsrechtes nicht einlassen. Nun glaubte Bismarck den Augenblick ge- 
kommen, nicht nur den Freisinn, sondern auch mit Hilfe der papstiichen Inter- 
vention das Zentrum zu vernichten; er loste den Reichstag auf und erzielte 
in der Tat eine konservativ-nationalliberale Mehrheit, das sog. ^Kartell*. Aber 
dank der Geschicklichkeit Windthorsts und dessen geistreicher Rede im Kolner 
Giirzenich blieb der Zentrumsturm aufrecht. Die Zeche bezahlte der Freisinn; 
ohne die Hilfe von Zentrum und Sozialdemokratie ware er ganz zertriimmert 
worden; er sank herab auf nur 32 Mandate, also auf kaum x / 3 des parlamen- 
tarischen Besitzstandes, iiber den er bei seiner Begriindung verfugt hatte. Und 
die Uneinigkeit war jetzt grofier wie zuvor. Zu den nach wie vor bestehen- 
den Diiferenzen zwischen R. und den friiheren Sezessionisten kam ein un- 
geschickter und zweckloser Vorstofl Bambergers und seiner ehemaligen Genossen 
gegen Hanel, wobei sich R. energisch auf die Seite des letzteren stellte. Und 
in eben diesem Momente der aufiersten parlamentarischen Bedeutungslosigkeit 
des Freisinns trat das Ereignis ein, auf das der Linksliberalismus seit Jahr- 
zehnten seine Aussicht, jemals dereinst zur Macht zu gelangen, aufgebaut 
hatte, auf das hin die Fusion vornehmlich vollzogen worden war, — der 
Thronwechsel. Keineswegs verhehlte der todkranke Kaiser seine politischen 
Sympathien. Er billigte die Angriffe des Freisinns gegen das ^System Putt- 
kamer* und die scharfe Rede, die R. am 26. Mai 1888 iiber die Kartellparteien 
und ihre Loyalitat gegeniiber dem Herrscherhause hielt, und die in derForderung 
der Ministerverantwortlichkeit gipfelte; es folgte darauf (am 8. Juni) der Sturz 
des dem Freisinn so verhaflten Ministers; aber schon eine Woche spater schied 
Friedrich III. aus dem Leben. 

Zum Range einer Regierungspartei oder einer im Sinne des parlamentari- 
schen Systems herrschenden Partei aufzuriicken, das war unter dem neuen 
Monarchen fur R. und seine Fraktion von vornherein ausgeschlossen. Dafl 
die alten fortschrittlichen Elemente mit unerschtitterlicher Festigkeit an 
ihm hingen, das zeigte sein fiinfzigster Geburtstag (30. Juli 1888); sie tiber- 
reichten ihm dabei eine Ehrengabe von 100 (XX) Mark. Die Werbekraft des 
Freisinns bei der grofien Masse der Bevolkerung war freilich erschftpft; bei den 
Landtagswahlen vom 6. November sank die Zahl seiner Mandate auf 29 herunter. 
Auf sozialpolitischem Gebiete verharrte R. bei seiner ablehnenden Haltung; 
unter seiner Fiihrung stimmte die Partei fest geschlossen am 24. Mai 1889 gegen 
die Alters- und Invaliden-Versicherung. Bei den Wahlen zum Reichstage 
im Friihjahr 1890 wuchs zwar die Zahl der freisinnigen Sitze auf mehr als das 
Doppelte, namlich auf 69; dieses gunstige Resultat aber war nicht ein Ergebnis 
der eigenen Kraft, sondern einer gliicklichen Parteikonstellation. Aus den Ur- 
wahlen waren nur 19 freisinnige Abgeordnete hervorgegangen; wo nun in den 
Stichwahlen Kartell und Freisinn gegeniiberstanden, stimmten fur diesen Sozial- 



Richter. 



295 



demokratie und Zentrum, wahrend andererseits die Anhanger der alten Kartell- 
parteien, zumal Nationalliberale und Reichspartei, dem freisinnigen Kandidaten 
zum Siege uber die Sozialdemokratie verhalfen. Fur R. war damals das einzige 
Ziel, das er blindlings verfolgte, die Zertriimmerung des Kartells; es war ihm 
gleichgiiltig, ob dariiber Zentrum und Sozialdemokratie hochkamen. Da sich 
Hanel dieser Wahltaktik nicht anschlieflen konnte, erhoben sich Differenzen 
zwischen den beiden Fiihrern. 

Noch ehe der neue Reichstag zusammentrat, erfolgte das Ereignis, das schon 
so lange das Ziel der Bemiihungen R.s gewesen war, — der Sturz Bismarcks. 
Wenn irgend etwas die Freude und den Jubel zu triiben vermocht hatte, die ihn 
dariiber erfiillten, und denen er recht kraftigen Ausdruck gab, so konnte es 
hochstens das Bewufitsein sein, dafi sein jahrelanger Kampf gegen den Kanzler 
darauf nicht den geringsten Einflufl gehabt hatte. Die Militarvorlage, mit der 
der neue Kanzler, v. Caprivi, debutierte, stiefi bei ihm auf den scharfsten Wider- 
spruch. Damit stimmten freilich die ehemaligen Sezessionisten nicht tiberein; 
sie waren zu Entgegenkommen geneigt, da sie von Caprivi eine Wendung in der 
Wirtschafts- und Kolonialpolitik erwarteten. Die alte Abneigung gegen R. 
brach bei ihnen aus: sein Auftreten war ihnen zu herrisch, iiberhebend und 
verletzend, nicht minder die Kampfesweise seiner Freisinnigen Zeitung, die auch 
die Mitglieder der eigenen Fraktion keineswegs schonte. Eine formliche Partei- 
revolte brach aus. Die Wahl zum Vorsitzenden in dem die Geschafte leitenden 
Dreizehner-Ausschusse am 19. Mai fiel nicht wieder auf R., der bisher an der 
Spitze gestanden hatte, sondern auf Schrader. Von den elf Ausschufimitgliedern, 
die bei der Sitzung zugegen waren, hatten die frliheren Fortschrittler, funf 
an Zahl, fur R., die fruheren Sezessionisten, gleich stark, gegen ihn gestimmt; 
den Ausschlag hatte Hanel gegeben. Ein erbitterter Konflikt in der Partei- 
presse knupfte sich an diese Begebenheit; das Wort fiihrte vor alien in der 
»Nation« Barth, in der »Freisinnigen Zeitung« R. selber; dieser zeigte sich un- 
zweifelhaft dem Gegner bei weitem uberlegen. Es stellte sich heraus, dafi in 
der Fraktion und bei den Parteigenossen im Lande R. den grofieren Anhang 
besafi. Schliefilich kam ein Kompromifi zustande, das in Wahrheit einen Sieg 
R.s bedeutete; R. erhielt wieder den ersten Vorsitz, Schrader die zweite Stelle, 
nur dafi beide im Vorsitze abwechseln sollten. Und auch in der Militarfrage 
setzte R. noch einmal in der Fraktion seinen Willen durch; sie stimmte ge- 
schlossen dagegen, konnte aber dadurch die Annahme (28. Juni 1890) nicht 
verhindern, da sich die Mehrheit des Zentrums unter Windthorst dafur 
entschied. 

Im wesentlichen blieb es somit bei der oppositionellen Haltung R.s auch in 
der Ara Caprivi. Die Aufnahme Miquels ins Kabinett konnte ihm nicht im 
Lichte einer Konzession an den Liberalismus erscheinen; er bekampfte die 
Steuerreform des neuen Finanzministers, nicht minder den Zedlitzschen Volks- 
schulgesetzentwurf. Wie heftig freilich auch der Widerstand war, den der 
Freisinn unter R. bei dieser und andern Gelegenheiten dem neuen Kanzler ent- 
gegenstellte, so bestand doch zwischen ihnen ein gewisses Verhaltnis gegenseitigen 
Wohlwollens ; wenigstens lag den Freisinnigen nicht das geringste am Sturze 
des leitenden Staatsmannes, mit dem sie ja — zumal in der Wirtschaftspolitik — 
mancherlei Beriihrungspunkte hatten. Bei den alten Sezessionisten steigerte 
sich eben deshalb sogar die Neigung zu Konnivenz gegen die Regierung, und 



296 Richter. 

so wurde jetzt der Bruch zwischen den beiden Richtungen im Freisinn endlich 
perfekt. Ende 1892 brachte Caprivi eine neue Militarvorlage ein, die eine ganz 
betrachtliche Erhohung der Friedensprasenzstarke verlangte, daneben aber die 
alte fortschrittliche Forderung der zweijahrigen Dienstzeit fur die Infanterie 
gewahrte und sich auch in budgetrechtlicher Hinsicht wenigstens dem alten 
sezessionistischen Standpunkt naherte, indem sie fur die Mannschaften die 
Feststellung der Friedensprasenzstarke innerhalb jeder Legislaturperiode zu- 
gestand. R. erklarte, die bisherigen Wehrverhaltnisse seien ausreichend, die 
Finanzlage und die wirtschaftlichen Verhaltnisse machten eine weitere Steige- 
rung der Militarlasten unmoglich. Die Sezessionisten waren zu Entgegenkommen 
geneigt, das Zentrum anfanglich dagegen, schliefilich unter Einwirkungen von 
Rom aus gespalten. Der Freiherr von Huene stellte als Fiihrer der bewilligungs- 
freundlichen Minderheit im Zentrum einen Vermittlungsantrag; er wurde am 
6. Juni 1893 abgelehnt, da auch die grofie Mehrheit seiner Fraktion verneinend 
votierte. Auch vom Freisinn stimmten schliefilich nur 6 Abgeordnete dafur, — 
so wenige allerdings lediglich deshalb, weil sich die andern Freunde der Vorlage 
im Freisinn durch taktische Manover der Konservativen verhindert fuhlten. 
Aber der Rifl in der Fraktion liefl sich doch nicht mehr verkleistern ; eine allzu- 
grofie gegenseitige Erbitterung war unter dem Eindrucke dieser Vorgange im 
freisinnigen Lager erwachsen. Der Reichstag wurde nach der Verwerfung des 
Hueneschen Kompromisses sofort aufgelost; fur die Neuwahlen, die schon auf 
den 15. Juni angesetzt wurden, mufite die Militarvorlage die Parole bilden, 
und so war denn die Auflosung der Fusion unvermeidlich. Noch am Abend des 
6. Juni fand eine Fraktionssitzung statt; R. stellte den Antrag, dafi die Ab- 
stimmung der sechs fur den Antrag Huene mit der Gesamthaltung der Partei 
unvereinbar sei; er wurde mit 27 gegen 22 Stimmen angenommen, und nunmehr 
erklarte die Minderheit ihren Austritt, — im wesentlichen die alten Sezessio- 
nisten und die friiheren Fortschrittler aus Schleswig-Holstein unter Hanels 
Fuhrung. Selbst die Vereinbarung gemeinsamen Vorgehens bei den Wahlen 
scheiterte an R.s Widerspruche. Dieser inneren Zersetzung und Auflosung 
des Freisinns folgte die aufiere Katastrophe. Im ersten Wahlgange am 
15. Juni errangdie »Freisinnige Volkspartei« R.scherObservanz nicht ein einziges 
Mandat; erst in den Stichwahlen brachte sie es mit Hilfe von Sozialdemokratie 
und Zentrum auf 23 Sitze, und auch die »Freisinnige Vereinigung« vermochte 
nur 13 Vertreter durchzusetzen. Den Hauptvorteil hatten die Konservativen, 
Antisemiten und Nationalliberalen: durch sie mit Einschlufl der Polen und 
durch die Freisinnige Vereinigung wurde die Militarvorlage eine Woche spater 
perfekt. Besiegelt wurde der Ruckgang des Linksliberalismus durch die Land- 
tagswahlen vom 7. November 1893: von 30 sank die Zahl seiner Mandate 
herab auf 20, von denen 14 der Volkspartei und 6 der Vereinigung angehorten. — 
In drei grofle Abschnitte zerfallt die politische Wirksamkeit Eugen R.s. 
Der erste reicht vom Beginne seines Auftretens bis zur Wendung in der inneren 
Politik Bismarcks und der dadurch herbeigefiihrten Zerbrockelung des Natio- 
nalliberalismus, der zweite von da bis zur Auflosung der freisinnigen Partei. 
In der dritten Periode, die von 1893 bis zu seinem Tode lief, war R.s Rolle 
gegen fruher bedeutend beschrankt. Er war der Fiihrer einer kleinen Gruppe 
ohne wesentlichen EinfluG auf den Gang der Dinge, — vor allem dadurch matt- 
gesetzt, dafi das Zentrum, im Besitze der ausschlaggebenden parlamentarischen 



Richter. 



297 



Stellung, diese nicht mehr annahernd so wie friiher im Sinne der Opposition 
ausniitzte, sondern in ein mehr positives Verhaltnis zur Regierung trat. 

Stark zusammengeschmolzen war das Hauflein, das sich seit 1893 um R. 
scharte. Weder die Reichstagswahlen noch auch die Landtagswahlen von 1898 
und 1903 anderten sehr viel an der Zahl der Mandate der Freisinnigen Volks- 
partei, auch nicht der Freisinnigen Vereinigung. Im Reichstage ging sie sogar 
zuriick, wahrend R. zumal 1903 noch das massenhafte Anschwellen der von 
ihm so heftig bekampften Sozialdemokratie erleben muBte. Im Anfange machte 
sich wohl noch selbst innerhalb dieser so kleinen Gruppe einiger Widerstand 
gegen ihn gel tend. Im August 1894 veroffentlichte die Freisinnige Volkspartei 
den Entwurf eines neuen Parteiprogramms; es forderte vornehmlich freiheit- 
liche Grundsatze in Staats- und Kommunalverwaltung, Forderung der Volks- 
bildung, Schonung der wirtschaftlichen Schwachen in der Besteuerung, Unter- 
stutzung der internationalen Friedensbestrebungen. Der Eindruck, den es 
machte, war nicht gerade sehr uberwaltigend; der sozialpolitische Teil wurde 
vielfach verspottet; mit Ausnahme der Blatter, die R. nahestanden, wurde es 
selbst in der freisinnigen Presse kuhl aufgenommen, und in einer Berliner frei- 
sinnigen Wahlerversammlung machte sich offener Widerspruch dagegen geltend. 
Der Parteitag vom 30. August lehnte die Ausdehnung des allgemeinen direkten 
Wahlrechts auf die Gemeinden, die Trennung von Staat und Kirche, die obli- 
gatorische Fortbildungsschule ab; in einem groBen Teil der freisinnigen Presse 
wurden diese Beschliisse, die auf R. selbst zuruckgefiihrt wurden, lebhaft an- 
gegriffen. Noch arger platzten die Geister auf dem Eisenacher Parteitage fiir 
Thuringen vom 21. bis 23. September 1893 aufeinander los. Die allgemeinen 
Punkte des Programms rein politischer Natur zeitigten keine Meinungsdiffe- 
renzen; eine erregte Diskussion jedoch entspann sich uber die Volksschule, 
und nur mit Muhe vermochte R. die von ihm gewiinschte Ablehnung der Volks- 
einheitsschule durchzusetzen. Zahlreiche Elemente in der Freisinnigen Partei 
waren mit dem Verlaufe unzufrieden. Die Volkszeitung veroffentlichte eine 
Zuschrift, in der u. a. ausgefiihrt wurde: »Es hat sich auf dem Parteitage eine 
Unsumme von Unzufriedenheit angehauft, weil R. bei jedem kritischen Fall 
die Kabinettsfrage stellte. Sobald ein der Parteileitung nicht genehmer Antrag 
Aussicht auf Annahme zu haben schien, drohte R. mit seinem Riicktritt. Die 
treuesten alten Anhanger sind verstimmt und werden in ihrem Schaffen erlah- 
men. Der Parteitag in Eisenach ist der Todestag der Freisinnigen Volkspartei, 
das ist der Ausspruch vieler Delegierter zum Parteitage . . . Der Abgeordnete 
R. befolgt dieselbe Taktik, die er bereits auf dem Berliner Parteitage versucht 
hat. Denn schon auf diesem hat der Abgeordnete R. mit seinem Riicktritt 
gedroht, wenn die Forderung des allgemeinen gleichen Wahlrechts fur die 
Kommunen in das Programm aufgenommen wurde. Was diese Taktik bedeutet, 
wird erst dann verstandlich, wenn man weiB, daB niemand mit groBerer Spott- 
lust sich darauf losstiirzte, als der Abg. R., wenn der friihere Rcichskanzler bei 
kritischen Gelegenheiten die Kabinettsfrage stellte. « Ganz so schlimm wurde 
es freilich nicht, wie dieses Prognostikon befiirchtete: je langer, um so fester 
und unbestrittener wurde die Autoritat R.s innerhalb der Freisinnigen Volks- 
partei, so dafl man wohl sagen konnte, daB der Fuhrer und die Partei eins wurden; 
nach dem Ausscheiden von Hanel und der Sezessionisten gab es niemanden mehr 
in der Fraktion, der R. die Stange zu halten fahig oder gewillt war. 



298 Richter. 

Die Annahme des russischen Handelsvertrages im Friihjahre 1894 bezeich- 
nete den Hehepunkt einer Handels- und Wirtschaftspolitik des Reiches, die den 
Intentionen der Liberalen entgegenkam, soweit es die Verhaltnisse gestatteten; 
aber die Stellung ihres Tragers, des Reichskanzlers v. Capri vi, war bereits ernst- 
lich erschiittert, wie schon daraus hervorging, dafi sich ohne sein Vorwissen der 
Kaiser urn jene Zeit mit Bismarck aussShnte. Caprivis Fall im Zusammenhange 
mit der vom Herrscher gewtinschten Umsturzvorlage (Oktober 1894) wurde 
von R. in der Tat als eine Auflerung des »personlichen Regiments* des jugend- 
lichen Herrschers empfunden; indem er im Reichstage Herrn v. Botticher, 
der die Entlassungsordre gegengezeichnet hatte, nach den Griinden des Kanzler- 
wechsels fragte, machte er darauf aufmerksam, dafi diese jedenfalls nicht auf 
dem Gebiete parlamentarischer Beschlusse lagen: »Denn Graf Caprivi hat sich 
seit der Wahl dieses Reichstages stets in den wichtigsten Beschliissen die Zu- 
stimmung der Mehrheit des Hauses erworben.« Mit Bismarck hatte er sich 
innerlich immer noch nicht ausgesohnt. Im Reichstage sprach er am 23. Marz 
1895 gegen den Antrag, den Altreichskanzler zu seinem achtzigsten Geburtstage 
zu begliickwunschen: er verkenne nicht die groflen Verdienste Bismarcks uro 
das deutsche Einigungswerk und die auswartige Politik Deutschlands; aber es 
handele sich bei dem geplanten Huldigungsakte um eine Ausbeutung dieser 
Verdienste im parteipolitischen Interesse; auch miisse Bismarck als ein Ganzes 
und Ungeteiltes beurteilt werden, und da sei zu erwagen, dafi er der Trager 
eines Systems der inneren Politik gewesen sei, das dem System des Liberalismus 
und des parlamentarischen Wesens, dem Interesse an Volk und Vaterland ent- 
gegengesetzt, und das zu bekampfen daher patriotische Pflicht gewesen ware, 
dafi er Interessenkampfe geschiirt habe, welche die Volkseinheit zersetzten, 
auf weite Volkskreise demoralisierend einwirkten, und dafi er noch jetzt nach 
seinem Rucktritte die ofTentliche Meinung in einer Richtung beeinflusse, welche 
die Einlenkung der inneren Politik in gesundere Bahnen verhindere oder er- 
schwere. Die Enthullungen Bismarcks iiber den deutsch -russischen Neutrali- 
tatsvertrag von 1884 bis 1890 zum Ende des Jahres 1896 riefen auch R. auf die 
Tribune; er beschuldigte Bismarck des Vertrauensbruches und des Verrates 
eines Staatsgeheimnisses; immerhin pladierte er »mit Rucksicht auf sein hohes 
Alter und sein VerdiensU dafiir, dafi in diesem Falle einmal »Gnade fiir Recht 
ergehe*. 

Das Motiv, welches er durch seine Anfrage iiber die Griinde von Caprivis 
Sturz hatte durchklingen lassen, namlich die Anklage gegen das jetzt waltende 
»personliche Regiment*, variierte er noch haufig, so vor allem in der groflen 
Rede, die er am 18. Mai 1896 bei der Beratung der reichsgesetzlichen Regelung 
des Vereinswesens hielt. Es hagelte darin von Angriffen auf die Regierung f 
die jeden Halt verloren habe und unter der Vormundschaft des Herrn v. Stumm 
stehe; sie schlofi mit den Worten: »Wo ist heute ein einheitlicher ziedbewufiter 
Wille, der nicht von plotzlichen Launen getragen wird ? Wo ist eine Garnitur 
von Ministern, die ihre Meinung vertreten? Man sieht nur geschmeidige Hof- 
linge, avancierte Bureaukraten und schneidige Husarenpolitiker, Handlanger, 
aber im gewOhnlichen Sinne des Wortes. Man soil nicht vergessen, dafi Deutsch- 
land keine angestammte Dynastie hat. Es ist gesagt worden, dafi das monarchi- 
sche Bewufitsein geschwunden ist seit dem Tode Kaiser Friedrichs. Der monar- 
chische Gedanke wird sich in Deutschland noch lange halten, weil das Entstehen 



Richter. 



299 



des Staates eng verwachsen ist mit der Monarchic, weil die Taten der Vorfahren 
noch wirken auf die Nachkommen. Aber es wird an dem monarchischen Kapital 
gezehrt in einer Weise, wie es noch vor zehn Jahren nicht moglich war, nicht 
durch die Agitatoren der Sozialdemokratie, sondern infolge von Vorgangen, 
die sich der parlamentarischen Erorterung entziehen, die aber weite Kreise 
des Volkes ergriffen haben bis weit in das Beamtentum, bis ins Offizierkorps 
hinein. Deutschland ist ein monarchisches, konstitutionelles Land, aber nach 
dem sic volo sic jubeo oder regis voluntas suprema lex, da mag man vielleicht in 
Rufiland regieren; das deutsche Volk lafit sich auf die Dauer nicht danach re- 
gieren.* Der anwesende Minister v. Botticher antwortete nicht darauf; man 
sagte, dafl das nicht fur ihn ohne Folgen geblieben sei. Anlafl zu ahnlichen Aus- 
fallen boten ihm die Jerusalemsreise des Kaisers, der Gesetzesentwurf iiber den 
Schutz Arbeitswilliger; ausdrlicklich vertrat er auch (14. Marz 1899) den An- 
spruch des Reichstages, die Reden des Kaisers zu besprechen. Noch zum An- 
fange des Jahres 1903 glaubte er die Existenz einer Kabinettspolitik konsta- 
tieren zu diirfen, die die Minister zu willenlosen Handlangern herabdriicke; 
dazu gab ihm den Anstofl das bekannte Swinemunder Telegramm an den Prinz- 
regenten von Bayern, das er als ein »Sch\veinegluck« fiir das Zentrum erklarte. 

Seinen alten liberal -parlamentarischen Grundsatzen blieb er in der inneren 
Politik jedenfalls treu bis an sein Ende. Wie den Antisemitismus, so bekampfte 
er die Sozialdemokratie; von drastischer Wirkung sind die Reden, die er in den 
neunziger Jahren gegen Bebel und iiber den sozialdemokratischen Zukunfts- 
staat hielt. Wiederholt forderte er die Beseitigung der mecklenburgischen Ver- 
fassung und die Einfiihrung der Diaten fur die Mitglieder des Reichstages; 
ein auf dieses letztere Postulat beziiglicher Antrag R.s wurde am 26. Marz 1897 
angenommen, blieb aber ohne Erfiillung. Die Polenvorlage bekampfte er 1902 
als ein verfassungswidriges Ausnahmegesetz, das nur die Ausdauer und die 
Solidaritat des Polentums starken werde, als Ausdruck von »Chauvinismus 
und Uberdeutschtum«. Und was das Finanzwesen anbelangte, so blieb er erst 
recht bei seinen alten Maximen. Die Miquelsche Steuerreform, alle neuen 
finanziellen Belastungen fanden in ihm, nach wie vor, einen scharfen Kritiker 
und heftigen Gegner; er eiferte gegen die Steuerplackereien, gegen den Aus- 
gleichsfonds, die Thesaurierungspolitik und die obligatorische Schuldentilgung. 
Auch in der Gewerbepolitik verharrte er unentwegt auf dem Standpunkte des 
okonomischen Liberalismus. Er lehnte die Zwangsinnungen ab, nicht minder 
auch die Handwerkerkammern und alle staatliche Organisation des Handwerks, 
indem er dabei blieb, dafl die freie und selbstandige Genossenschaft die einzige 
fiir das Gewerbe zulassige und zutragliche Form der korporativen Vereinigung 
sei. Die neue Militarvorlage von 1898, die eine abermalige Verstarkung gegen 
die Konzession jahrlicher Festlegung der Friedensprasenzstarke verlangte, 
hatte nicht seinen Beifall. Auswuchse und Miflstande im Militarwesen reizten 
ihn zu scharfem Angriffe, der oft weit iiber das Ziel hinausschofl; insonderheit 
forderte er eine weniger exklusive Zusammensetzung des Offizierkorps. 

Seine groflten Schmerzenskinder aber waren in dieser letzten Periode 
seines parlamentarischen Auftretens die Kolonien und die Marine. Immer 
wieder tadelte er, dafl die Verwaltung der Kolonien allzu bureaukratisch und 
militarisch betrieben wiirde. Er war gegen den Gesetzesentwurf betreffend die 
Post-Dampfschiffs-Verbindungen mit uberseeischen Landern und spater gegen 



300 



Richter. 



die Bahnbauten in Afrika, da sie allzu unrentabel seicn. Er sprach dem uber- 
seeischen Besitze des Reiches jegliche Zukunft ab und meinte, alles Geld, was 
man da hinein stecke, sei verloren. Wenn er auch zuerst mit der Haltung der 
Regierung in der Transvaalfrage nach dem Jamesonschen Friedensbruche 
einverstanden war, so besorgte er doch, dafi sich daran weitere Verwicklungen 
und Aspirationen auf deutscher Seite kniipfen konnten, namlich im Streben nach 
Weltmachtspolitik und Vergroflerung der Flotte. Spater fand er dann auch 
{Marz 1897), dafi die Einmischung in Transvaal den deutschen Handel in Eng- 
land schadige, ganz ebenso wie die Teilnahme an der Aktion wegen Kreta den 
Levantehandel; nicht minder betrachtete er in der Folgezeit mit Mifitrauen die 
ostasiatische Expedition und die Festsetzung in Kiautschou. Er widersetzte 
sich alien Marine -Verstarkungen; immer wieder wetterte er gegen die »uferlosen 
Flottenplane«. Bei der zweiten Beratung des Flottengesetzes im Jahre 1898 
war der Hauptgesichtspunkt seiner Opposition parlarnentarisch-konstitutio- 
neller Natur, namlich die Rucksicht auf die dauernde Bindung des Budget- 
rechtes, die dem Reichstage dadurch zugemutet wurde; unwillig polemisierte er 
gegen Rickert und das Zentrum, die ihn in dieser Frage allein liefien. Noch 
grofier war sein Mifimut bei der Diskussion uber die Flottenvorlage von 1900. 
Auch dieses Mai riigte er wieder die lange Bindung des Bewilligungsrechtes auf 
nicht weniger als zwanzig Jahre: Die Flottenbestrebungen stammten nicht, 
so fiihrt er aus, wie dereinst die Einheitsbewegung von unten, sondern wiirden 
kiinstlich von oben geweckt und genahrt; sie seien zum Teil ein Produkt der 
»Ordensstreberei«; die Vergroflerung der Seemacht wurde keinen andern Er- 
folg haben, als die Eifersucht der ubrigen Nationen entfachen und dadurch 
dem deutschen Seehandel mehr schaden als nutzen. Das war uberhaupt das 
Thema, das er unaufhorlich variierte: Der Handel ist ganz unabhangig von der 
Flotte. Wie das Militar, so waren ihm auch Kolonien und Marine lediglich 
unproduktive Zwecke, und zum Ende seiner parlamentarischen Laufbahn kam 
er schliefilich noch einmal (15. Marz 1901) soweit, ein Loblied auf die Ara Bis- 
marck anzustimmen: Dem ersten Kanzler hatten »gliicklicherweise« die Phanta- 
sien einer Weltmachtpolitik noch ferngelegen. 

Als seinen Hauptfeind freilich sah er die seit der Epoche der Caprivischen 
Handelsvertrage verstarkt einsetzende agrarische Bewegung an. Alle Steuer- 
vorlagen, die dem agrarischen Interesse zu dienen schienen, riefen ihn sofort 
auf den Plan. Er bekampfte den Antrag Kanitz auf Schaffung des Getreideein- 
fuhrmonopols (Januar 1896), wobei er sich in Ubereinstimmung mit der Regierung 
befand; nicht minder war das der Fall bei der Kanalvorlage, fiir die er in ihrem 
ganzen Umfange eintrat; doch tadelte er die Maflregelung der »Kanalrebellen«. 
Zumal mit Biilows Haltung den Agrariern gegenviber war er unzufrieden; er 
warf ihm vor (5. Marz 1901), dafi er Handel und Industrie zugunsten der Land- 
wirtschaft vernachlassige. Demgemafi verwarf er den Biilowschen Zolltarif- 
entwurf als »eine einseitige Begiinstigung der Landwirtschaft«; bei der ersten 
Beratung widersprach er (2. Dezember 1901) jeglicher Erhohung der Lebens- 
mittelzolle: mit solchen Tarifen, so setzte er auseinander, sei die von der Re- 
gierung proklamierte Weltpolitik unvereinbar, und die grofie Flotte werde 
demnach iiberflussig. Trotz seiner prinzipiellen Gegnerschaft wider die Vorlage 
machte er jedoch die Obstruktion nicht mit, welche gegen sie zum Ende des 
folgenden Jahres seitens der Freisinnigen Vereinigung und der Sozialdemokratie 



Richter. 



301 



zur Anwendung gebracht wurde. Ihm schwebte das Ziel vor, »durch eingehende 
sachliche Beratungen die Differenz zwischen der Regierung und der Rechten 
liber die Hohe der Zolle zu erweitern, so dafi eine Verstandigung bedeutend 
erschwert, wenn nicht iiberhaupt vereitelt worden ware*. Ob er das erreicht 
hatte, ist ja mehr als fraglich; sicher ist es freilich, dafi durch die Obstruktion 
die Verstandigung zwischen der Regierung und den Konservativen erleichtert 
wurde. Aber nicht nur als taktisch verfehlt verurteilte R. die Obstruktion, 
sondern auch prinzipiell, namlich als einen Verstofl »gegen den Grundgedanken 
des Parlamentarismus«. Er wollte die parlamentarische Wurde, das Recht der 
Mehrheit auch da geschiitzt wissen, wo sein aktuelles Parteiinteresse darunter 
zu leiden hatte, und so konnte ihm selbst die offiziose »Norddeutsche Allgemeine 
Zeitung« bei seinem Hinscheiden das ehrenvolle Zeugnis ausstellen: »Der Ver- 
suchung, der andere Politiker erlegen sind, die Ziele des Freihandels auf einem 
dem tiefsten Geiste des Parlamentarismus zuwiderlaufenden Wege zu verwirk- 
lichen, hat er widerstanden.« Bis zuletzt hielt er also fest an den politischen 
Idealen seiner Jugend. — 

Schon bei diesen Kampfen um den Zolltarif war R.s Befinden nicht mehr 
das beste. Schon 1903 trat er im Parlamente weniger aktiv hervor, als man 
es sonst von ihm gewohnt war; noch mehr war das der Fall im Jahre 1904. 
Als Junggeselle hatte er sich ganz bis wenige Jahre vor seinem Ende dem politi- 
schen Berufe gewidmet. Erst 1901 heiratete er, und zwar die Witwe seines 
Freundes Parisius: so wurde ihm in den letzten Jahren seines Lebens ein behag- 
liches Heim und in seinem bald eintretenden Leiden treue Pflege zuteih Nach 
den Anstrengungen des Reichstagswahlkampfes von 1903 krankelte er sicht- 
lich. Zuerst waren es rheumatische Schmerzen, die ihn peinigten; im Herbst 
1904 stellte sich dann ein Augenleiden ein, das die Folge von Arterienverkalkung 
mit Herzschwache war. Schon im Marz 1904 legte er die Redaktion der Frei- 
sinnigen Zeitung nieder. Am 15. Juni desselben Jahres sprach er zum letzten 
Male im Reichstage »wegen der Zuriicksetzung dringender Bediirfnisse der 
Heimatpolitik hinter den Forderungen fur eine falsche Kolonialpolitik«, am 
26. eben dieses Monats im Abgeordnetenhause; er gab dabei seiner alten, fest 
eingewurzelten Abneigung gegen die indirekten Steuern Ausdruck durch die 
charakteristischen Worte: »Ich bin in erster Reihe hier Vertreter der Gesamt- 
heit, Vertreter der Steuerzahler und habe dieselben zu schutzen die Pflicht r 
wenn ich nicht driickende, den Verbrauch gerade der minder wohlhabenden 
Klassen belastende Steuern herbeifiihren will.* Seit dem Sommer 1904 konnte 
er den parlamentarischen Sitzungen nicht mehr beiwohnen; zum Ende des 
folgenden Jahres muBte er sich davon uberzeugen, daO eine Wiederaufnahme 
der parlamentarischen Tatigkeit vordcrhand unmoglich sei; daher legte er 
am I. Dezember 1905 sein Landtagsmandat nieder. Noch iiberwand er cine 
Lungenaffektion, die ihn befiel; als er schliefilich am 10. Marz 1906 verschied, 
war es fiir ihn eine Erlosung von schwerer Qual. 

Umfassende Kenntnisse, ungewohnliche Redegabe, rastlose Arbeitskraft r 
eiserne und furchtlose Energie und Selbstlosigkeit des Charakters, — das waren 
die Vorziige, die Freund und Feind dem Heimgegangenen neidlos zugestanden. 
Er war der beste Kenner der Reichs- und Staatsfinanzen durch viele Jahrzehnte 
hindurch, nicht minder des Verfassungs- und Verwaltungsrechts im Kreise der 
praktischen Politiker, ein Kritiker ersten Ranges von scharfer und zersetzender 



302 



Richter. 



Verstandeskraft; Ulusionen und Phantastereien konnten vor ihm nicht bestehen. 
Als standiger Etatsredner verkorperte er gleichsam die finanzgeschichtliche 
Tradition in den Parlamenten. Niemand wuflte in alien Winkeln und Ecken 
des komplizierten Etats so trefflich Bescheid wie er; immer wieder gluckte es 
ihm, ein verstecktes Postchen hervorzuholen und in seiner wahren Bedeutung 
zu entschleiern, das Verhaltnis von Einnahme und Ausgabe zu uberschauen und 
zu bestimmen; die trockenen Zahlen gewannen unter seinen Handen, durch 
seine Gruppierung Leben und Sprache. Er war ein geborener Volksredner 
und Agitator, von imposanter Erscheinung und hinreiflender Beredsamkeit, 
der die Massen zu packen wuflte, ein schlagfertiger Debatter, der durch seinen 
drastischen Witz das Haus in schallende Heiterkeit zu versetzen verstand. Im 
personlichen Verkehr jovial und liebenswurdig, wenn er wollte, hielt er schon 
durch die Wucht und die Oberlegenheit seines personlichen Wesens die Partei- 
genossen von sich in Abhangigkeit; dazu kam das konsequente Festhalten an 
der Doktrin, um sein Obergewicht zu befestigen. »Er hatte einen Nacken, der 
sich nie in ein Joch spannen liefl,« — so sagte Conrad Hauflmann von ihm; 
vielmehr war es eher seine Art, andern sein Joch aufzulegen. An Ungebrochen- 
heit und machtvoller Willensenergie war er in gewissem Sinne ein Gegenstiick 
zu seinem groflen Gegner Bismarck, »dem er auch an agitatorischer Verve 
gleichkam*. Mit alien Waffen des beiflendsten Hohnes, verletzendster Scharfe 
und aufierster Rucksichtslosigkeit bekampfte er seine politischen Feinde; Ver- 
dienste und Grofle galten ihm nichts im Kampfe; wohl wurde daher auch schwer- 
lich jemand so von seinen politischen Widersachern gehaflt wie er. 

Das Urteil uber R.s politische Gesamtleistung wird naturlich ein ver- 
schiedenes sein, je nach dem politischen Standpunkte des Betrachters. Vischer 
hat einmal uber R. gesagt: »Aus R.s Munde ist noch nie irgend ein hohes, 
schwungvolles, bedeutendes Wort uber den Staat und die Staatsburgerpflicht 
hervorgegangen.« Aber selbst ein langjahriger Gegner, wie Kardorff, hat ihm 
doch in einem Nachrufe das Zeugnis gegeben: »Eugen R. war eine knorrige 
Eiche; ich wlinschte, wir hatten deren in alien Parteien mehr — oft unwirsch 
in seinem Gebahren, aber von einer Charakterfestigkeit, wie man sie alien 
Parteifuhrern wiinschen mochte; und er liebte sein preuflisches und deutsches 
Vaterland.« Wer das wahre Ziel der inneren Politik in einer moglichst konse- 
quenten Ausgestaltung des parlamentarischen Systems, sowie in einer moglichst 
individualistischen Ausgestaltung der Gesellschafts- und Wirtschaftsverfassung 
erblickt, der wird in R. den unbeugsamen Vorkampfer gegen die Staatsomnipo- 
tenz, fur die Freiheit des Individuums zur ungehinderten Betatigung seiner 
Kraf te und Anlagen bewundern, und gewifl war der staatsfliichtige, den sozialen 
Problemen kuhl gegenuberstehende Zug des alteren Liberalismus gerade bei R. 
in besonderer Scharfe ausgepragt Ein Zusammengehen mit Mannern von der 
politischen Vergangenheit eines Naumann und Gerlach war fur ihn unmoglich. 
Er selbst hat auch nie das Bewufltsein gehabt, dafl er prinzipielle Opposition, 
eine strikt negative Politik treibe. Gewifl war es seine voile Uberzeugung, 
wenn er auf dem GOrlitzer Parteitage von 1900 erkl&rte: »Wenn man zu einer 
Frage parlamentarisch Stellung nimmt, so mufl man sich immer sagen: Wiirdest 
du diese Stellung auch einnehmen, wenn du die Mehrheit hattest und dein Votum 
fiir den Beschlufl des Reichstages ausschlaggebend ware ? Wer anders handelt, 
der handelt unehrlich,« — nicht minder, wenn er bei der Beratung der Zucker- 



Richter. 



303 



konvention im Reichstage bemerkte: »Ich scheue mich wahrhaftig nicht, der 
Regierung gegeniiber in die scharfste Opposition zu treten; aber ich halte es fur 
loyal, wenn die Regierung wirklich einmal einen so grofien Erfolg erzielt, einen 
Fortschritt erreicht, ihr riickhaltslos zuzustimmen und keinen Kniippel zwischen 
die Beine zu werfen.« Die Doktrin, die ihm von Jugend auf eingepflanzt war, 
war freilich fiir ihn der einzige Priifstein des »Fortschrittes«, und vor diesem 
Mafistabe bestanden eben nur sehr wenige »Erfolge«, welche die Staatsleitung 
erzielt zu haben vermeinte. Und gewifl stimmte er, auch wenn er sich in der 
Opposition befand, nie anders, wie wenn er die Mehrheit zu fuhren in der Lage 
gewesen ware, und er wurde ganz ebenso im wesentlichen sogar gehandelt haben, 
wenn sich das parlamentarische System in Preufien und Deutschland insoweit 
jemals eingeburgert hatte, daB er zur Regierung gelangt ware, — man darf 
nur zweifeln, ob er Mehrheit und damit auch Regierung, ware er je zu ihnen 
gelangt, lange behalten hatte. 

Aber dem sei, wie dem wolle; die Aussicht, zur Macht zu gelangen, war fiir 
ihn, wenn jemals vorhanden, so doch nur eine schwache und schnell voruber- 
gehende. Schon deshalb sah er sich zur Rolle der Opposition gezwungen, indem 
er alle Aktionen der Regierung an der Norm seiner Theorie zu messen unter- 
nahm, wobei ihm dann das wenigste akzeptabel erscheinen konnte. Aber wer 
wollte leugnen, daB er dabei haufig genug gute Dienste geleistet hat ? Wie oft 
traf seine Kritik das Richtige; wie berechtigt war seine Abwehr so mancher 
Aufierlichkeiten und Auswiichse! Waren seine Ausfuhrungen auch nicht immer 
geeignet, die Sache positiv zu fordern, so waren sie doch lehrreich, selbst fiir die 
Gegner; denn er erspahte in ihren Vorschlagen und Projekten mit scharf durch- 
dringendem Blicke die Schwachen und bedenklichen Punkte, die der praktischen 
Durchfuhrung im Wege stehen konnten, so dafi noch zur rechten Zeit Ergan- 
zungen und Verbesserungen moglich wurden. Wenn das Tempo der Entwick- 
lung ein allzu rasches und stiirmisches war, da griff er wohl dem rollenden Rade 
in die Speichen, so dafl der Gang der Dinge mit Bedacht und Vorsicht verlang- 
samt wurde. Und wer eine der Hauptaufgaben parlamentarischer Institutionen 
in der Kontrolle der Verwaltung crblickt, der wird Eugen R.s Wert fur die 
politische Entwickiung des neuen Deutschlands nicht unterschatzen. Die 
Handhabung der parlamentarischen Verwaltungskontrolle war das Haupt- 
verdienst seiner politischen Tatigkeit; stets war er dabei sachlich vorzuglich 
unterrichtet, wobei ihm sein enormes Gedachtnis ausnehmend zustatten kam; 
kaum ist sie wohl in einem andern Parlamente der Welt so ausgiebig und 
wirksam ausgeubt worden wie in PreuBen und Deutschland durch Eugen R. 
Bewunderungswiirdig ist vor allem die stille Arbeit, die R. als Parlamentarier 
geleistet hat. Sie kommt in seinen Reden und den offiziellen Berichten nicht zur 
Geltung; sie ist nur auffindbar in den Kommissionsverhandlungen und in deren 
Protokollen. Sie aber hat einen ganz hervorragenden Einflufi auf die Gestaltung 
des jahrlichen Budgets ausgeubt, der seinen Ausdruck durch Umgestaltung, 
insbesondere Spezialisierung der Titel und »maBgebende Bemerkungen« ge- 
funden hat. Jedenfalls ist er eine der markantesten Gestalten in der inneren 
Geschichte des neu geeinten Deutschlands, und als der unermudlichste und 
konsequenteste Vertreter und Vorkampfer der liberalen Gedanken stellt er in 
sich dar eine Art von Gegenstiick und Erganzung zu dem, den er sein Leben 
lang so leidenschaftlich bekampft hat, zu Bismarck, in dem der realpolitische 



304 



Richter. Hartel. 



Genius, preufiisch - deutscher Machttrieb und machtigstes Staatsbewufitsein 
verkorpert waren: ihnen und nicht jenen gehorte die Zeit. 

Im alten Reichstage. Erinncrungen von Eugen Richter. Berlin I 1894, II 1896. — 
Jugenderinnerungen. Berlin 1893. — Eugen Richter j" 10. Marz 1906. Berlin 1906. — Eine 
erweiterte Bearbeitung dieses Artikels wird verdffentlicht werden. 

Kiel. Felix Rachfahl. 

Hartel 1 ), Wllhelm August Ritter von, Dr. phil., Ehrendoktor der Uni- 
versitaten Krakau und Czernowitz und Doktor der technischen Wissenschaften 
h. c, * 28. Mai 1839 in Hof in Mahren, f J 4- Januar 1907 in Wien, hervor- 
ragender klassischer Philolog, osterreichischer Minister fiir Kultus und Unter- 
richt. — In Hof in Mahren, einem zwischen Olmutz und Troppau gelegenen 
deutschen Weberstadtchen, als einziges Kind des frtiheren Webermeisters und 
sp&teren stadtischen Rechnungsfiihrers Johann H. und seiner Frau Josepha, 
Tochter eines aus Rottweil am Neckar stammenden osterreichischen Offiziers 
namens Ef finger, der die Freiheitskriege mitgemacht und dann als Tabak- 
verleger nach Hof gekommen und dort ^855 gestorben war, geboren, verbrachte 
H. seine Kinderjahre im Elternhause, wo ihm eine zartliche Mutter alle Sorg- 
fait der Erziehung zuteil werden liefi. Er erhielt den ersten Unterricht in den 
Gegenstanden der Volksschule daheim (die Priifung als Privatist legte er mit 
»vorzuglich gutem« Erfolg an der Piaristen-Hauptschule zu Altwasser ab) und 
machte die erste Gymnasialklasse unter Leitung des Kooperators Josef Mo- 
r a w e t z , der dem jungen H. jedes Talent absprach und dem Vater riet, ihn 
nicht studieren zu lassen. Der Vater scheint jedoch dem Pfarrer, dessen Urteil 
ubrigens im Widerspruch stand mit den sehr guten Zeugnissen uber die 
Privatisten-Priifungen des Knaben, nicht besonders viel vertraut zu haben, denn 
er schickt seinen Sohn im Herbst 1852 an das Gymnasium in Troppau. Vom 
Herbst 1855 an besuchte H., hauptsachlich veranlafit durch seinen trefflichen da- 
hin versetzten Lehrer Carl Holzinger (spater Direktor in G6rz), das Kleinseitner 
Gymnasium in Prag, wo eine Zeitlang sein spaterer Wiener Kollege Carl SchenkI 
sein Lehrer im Griechischen war. Als dieser Herbst 1857 an die Universitat 
Innsbruck abging, widmete ihm H. — es war dies sein erster literarischer 
Versuch — einen begeisterten Abschiedsartikel in der ^Bohemia*. Im Sep- 
tember 1859 bestand H. mit Auszeichnung die Maturitatspriifung und bezog 
bald darauf die Wiener Universitat, um sich hier dem Studium der klassischen 
Philologie zu widmen. Der Umstand, dafl H. schon in jungen Jahren seiner 
Ausbildung wegen in der Fremde weilte, bietet durch die noch erhaltenen Briefe 
an seine Eltern, spater (nach dem Tode der Mutter, 1855) an den Vater, die 
Moglichkeit, einerseits die wenigen Angaben, die er selbst in einer kurzen 1882 
geschriebenen autobiographischen Skizze liber seine Eltern und seinen Bildungs- 
gang macht, zu erganzen, andererseits im werdenden Menschen den kiinftigen 
Mann zu erkennen; sie bieten aber auch manches interessante Detail fiir die 
Zeitgeschichte. Den Vater lernt man aus diesen Briefen als einen iiberaus 
bildungsbeflissenen Mann kennen, der, wie er selbst auf groBen Reisen die Welt 
kennen gelernt und seinen Blick uber die engen Verhaltnisse seiner Heimat 
und seines bescheidenen Wirkungskreises geweitet hatte, diesen Wandertriet> 

*) Totenliste 1907 Band XII 34* 



Hartel. 



305 



und dieses Streben nach Weiterbildung in die empfangliche Seele seines Kindes 
gesenkt hatte. Die peinliche Genauigkeit des Rechnungsbeamten ubertrug 
sich auch auf den Sohn, der diesen Sinn in seinen Briefen stets verrat, sich 
allerdings — und das ist bezeichnend — gelegentlich dafur auf Goethfr als 
bedeutendes Muster beruft. 

Wenn auch nicht gerade in armlichen, so lebte die Familie doch in be- 
scheidenen Verhaltnissen. Johann H. besaB ein kleines Hauschen in Hof, 
was den Sohn einmal veranlaflt, seinen Brief an J. H., Hausbesitzer in Hof, 
zu adressieren. Schon als Knabe lernte H. seine Sachen sorgsam schonen, und 
die Briefe veranschaulichen alle die kleinen und grofien Sorgen des Gymna- 
siasten und Studenten in der Fremde, der auch schon in jungen Jahren ge- 
notigt war, durch Erteilen von Privatunterricht — bis auf einen mafligen Zu- 
schuC vom Hause — sich selbst zu erhalten. Wie knapp es oft bei ihm be- 
stellt war, zeigen die Briefe ebensosehr wie den schon fruh entwickelten Hang 
zu witzigen Wendungen. So unterschrieb er einen der ersten Briefe als »Ihr 
sie liebender Sohn W. H., Baron von Schuldenheim, Ritter von Habenichts«, 
einem anderen (12. 12. 52) fligt er die Nachschrift bei: »die geschickte Wurst 
hat Sonntag fruh samt letzten Kuchen vortreffliche Dienste geleistet. Mochten 
die Hofer manchmal dergleichen Wurste entbehren, so wird es mir grofie Freude 
machen und ich werde ihnen eine Residenz im Inneren verschaffen«; der 
kiinftige Professor der klassischen Philologie bekennt am 13. 5. 54 »Graeca 
ist jetzt einer der schwersten Gegenstande, weil jeder Buchstabe eine 
neue Lautveranderung bewirkt, diese Lautveranderung eine Krasis, Krasis 
Methatesis (so!), Methatesis Synizesis usw. usw. a tak dale xal xa Xoura 
et cetera«. Die Annehmlichkeiten des »Hauslehrers« lernt er fruh kennen, 
zuerst als Lehrer des verzogenen Sohnchens der Familie, bei der ihn der Vater 
in Troppau untergebracht hatte, und kostlich ist die von scharfer Beobachtungs- 
gabe zeugende Schilderung, die er von den Eltern und dem Zogling entwirft. 
Schon fruh verrat er einen ausgesprochenen padagogischen Takt und ein vor- 
zugliches Lehrtalent, Gaben, die ihm spater so erfolgreich zu Gebote standen. 
Dadurch, dafi er so genotigt war, einen Teil seiner Zeit anderen zu widmen, 
muflte er um so peinlicher mit ihr haushalten, und schon fruh gewohnte er sich 
daran, die Nacht- und Morgenstunden fur seine eigenen Arbeiten und seine 
Fortbildung zu verwenden. 

Viel ist in diesen Briefen von Blicherkaufen fur sich und den Vater die 
Rede. Wir sehen H. schon friihzeitig darauf bedacht, durch Selbststudium 
sein Wissen zu erganzen und zu mehren. So nimmt er bohmischen und italie- 
nischen Sprachunterricht — Franzosisch lernt er selbst, nimmt jedoch spater, 
um seine Aussprache zu verbessern, einige Stunden bei einem Franzosen — 
Turnunterricht, um seinen Korper zu stahlen, wozu dann Schwimmen kommt, 
pflegt eifrig den Gesang — er singt in Schulerkonzerten auch gelegentlich Solo; 
als Student in Wien tritt er dem akademischen Gesangverein bei, dessen tatiges 
Mitglied er lange war und dessen Forderer und »alter Herr« er bis zuletzt ge- 
blieben ist, spielt auch in jungeren Jahren ein Instrument, dasselbe, in dem 
sein Vater eine gewisse Vollendung besafi — die Flote und freut sich, als Quar- 
taner melden zu konnen, dafi er darin es bereits zu grofier Fertigkeit gebracht habe. 

Neben unleugbarer Fruhreife des Urteils tritt das Bestreben hervor, nicht 
nur an den kleinen Vorkommnissen, die den Knaben und den Jiingling inter- 

Biogr. Jahrbuch u. Dcutsclicr Nekrolog. 13. Bd. 20 



306 



Hartel. 



essieren, sondern auch an den groBen politischen Ereignissen des In- und 
Auslandes Kritik zu iiben. Und noch etwas verraten diese Jugendbriefe: das 
Streben nach einem gewahlten Stil, und sie zeigen im Keime den kunftigen 
Mei^ter der Rede und der Schrift. 

Mit inniger Verehrung hing er an der Mutter, deren friiher Tod ihn tief 
betrubte, und mit um so grofierer Liebe schlofl er sich dann an den Vater an, 
der erst im hohen Alter 1883 starb. Er war wirklich das, was er einmal scherzhaf t 
unter seinen Namen setzt: ein Mustersohn. Schon frlih beschaftigt ihn die 
Frage der Berufswahl und trotz des idealen Sinns, von dem er beseelt ist, lafit 
er sich doch dabei auch von praktischen Momenten leiten. Anfangs steht er 
der Philologie nicht gerade freundlich gegeniiber, sein wahres Interesse gehort 
der Philosophic und der Geschichte an. Bald aber andert er seine Ansicht 
uber die Philologie griindlich; der Unterricht seines Lehrers im Griechischen 
Carl Schenkl, sein »besonderer Freund«, scheint diese Wandlung beeinfluflt 
zu haben. Als erstes Ziel schwebt ihm wohl die Erlangung einer Lehrstelle 
an einem Gymnasium vor, aber als weiteres die akademische Laufbahn. Schon 
in diesen jungen Jahren hatte H. an einem Ubel zu leiden, das im spateren Alter 
infolge einer hinzugetretenen Erkrankung noch starker auftrat: einem Augen- 
leiden (Astigmatismus), es war ein ererbtes, auch sein Vater litt daran. Durch 
dunkle Augenglaser, die er auch dem Vater empfahl, suchte er es zu mildern; 
auf Rat des Augenarztes Dr. Hasner in Prag nimmt er deshalb auch Unter- 
richt im Schwimmen. Ferner litt er an »periodischen« Kopfschmerzen. Um so 
bemerkenswerter ist der rastlose Eifer, den er auf seine Studien verwandte. 
Es war nicht Ehrgeiz im banalen Sinne des Wortes, der ihn trieb, sondern das 
bewufite Streben, vorwarts zu kommen und nach den hochsten Zielen zu ringen. 
Erst spat erreichte er dauernd die Stelle, die, wie er schreibt, ihm langst ge- 
biihrte: die des Ersten in der Klasse. Sein FleiB und sein ganzes Wesen 
erwarben ihm nicht nur Achtung und Geltung unter seinen Mitschulern, 
sondern verschafften ihm auch Einladungcn in deren Familien, in denen er 
dann haufig verkehrte. So kam er friih auch in adelige Kreise — zu seinen 
Freunden zahlte ein junger Graf Ferdinand C h o t e k — und gewann schon 
als Gymnasiast in Prag eine gewisse gesellschaftliche Gewandtheit. Auch von 
seinen Lehrern wurde H. geschatzt und vielfach gefordert. Ganz besonders war 
dies in Wien der Fall, wohin er im Herbst 1859 kam, um an der Universitat 
klassische Philologie zu studieren. Durch seine hervorragende Begabung, seine 
umfasssenden Kenntnisse und seinen groflen Fleifl zog er bald die Aufmerksam- 
keit seiner Lehrer Bonitz, Emanuel Hoffmann und Vahlen auf sich, namentlich 
der ersterc wandte ihm sein besonderes Interesse zu. H. nahm auch an dessen 
Abendseminar (so nanntc man den B.schen Zirkel) teil und wuBte sich nach 
kiirzester Zeit eine geachtete Stellung bei Kollegen und Professoren zu sichern. 
B. gab ihm dafur einen sichtlichen Beweis, daB er ihn schon im ersten Semester 
zum einzigen Kustos der Seminarbibliothek ernannte — eine Stelle, die die 
meisten Horer des lctzten Jahres zuversichtlich erwarteten — H. erhielt sie 
mit der schmeichelhaften Begrundung, »es herrsche ohnehin von ihm der Glaube, 
er sei bereits im letzten Jahr«, und schon im zweiten wurde er ordentliches 
Mitglied der philologischen Abteilung des philologisch-historischen Seminars. 
Wie geachtet er unter den Kollegen war, ergibt sich daraus, daB er — bereits 
im ersten Semester — mit an der Spitze eines studentischen Komitees stand, 



Hartel. 



307 



das die Grundung eines Lesevereins bezweckte. H. gab hier die erste Probe 
seines Organisationstalents. Er wurde zum Sekretar des neuen Vereins gewahlt, 
der seine Tatigkeit mit »genialen Vortragen der Professoren (Franz) Unger und 
Bonitz« (»Uber die homerische Frage«) begann. Bonitz war es auch, der ihn 
von Anfang auf die akademische Laufbahn verwies. 

In seinen Studien war H. durchaus nicht einseitig. AuOer klassischer Philo- 
logie weist sein mir vorliegender Index auch Vorlesungen liber Sanskrit bei 
Boiler, philosophische Studien. bei Robert Zimmermann, Kunstgeschichte bei 
Rudolf Eitelberger, Germanistik bei Franz Pfeiffer, Geschichte bei Joseph 
Aschbach und ein Kolleg bei Reinisch iiber Herodot auf Grund der Resultate 
der Hieroglyphenforschung auf. Zu seinen engeren Kollegen gehorten die 
Germanisten Wilhelm Scherer und Richard Heinzel, der Romanist Wendelin 
Forster, der Slavist Vatroslav Jagic, der Historiker Heinrich Zeifiberg u. a. 
Von besonderer Bedeutung war es fvir H., dafi er von Bonitz 1863 dem meist 
in Wien wohnenden Grafen Kasimir Lanckororiski (einem Bruder des fruheren 
Oberstkammerers Grafen Karl L.) als Erzieher und Begleiter seines einzigen 
Sohnes Karl auf grofleren Reisen in Deutschland, Belgien, Frankreich, der 
Schweiz und Italien empfohlen wurde. H. nahm, wie er in seiner Autobiographic 
sagt, die Stelle an, um dadurch die Mittel zu gewinnen, sich fur eine akademische 
Karrierc vorzubereiten. 1 866 war die Erziehung zu Ende, aber H. verblieb 
noch weitere drei Jahre im graflichen Hause. Er begleitete auch den Grafen 
Kasimir auf Reisen und gewann bald das voile Vertrauen des Grafen und der 
Grafin; dem Sohn, dem er aufs innigste ergeben war — als dieser, 1869, an 
Scharlach erkrankt war, hat er in dessen Zimmer geschlafen und ihn aufs Hebe- 
vollste betreut — wurde er ein Freund furs Leben. Das selten innige, auf hohe 
gegenseitige Wertschatzung gegnindete Freundschaftsverhaltnis, das den 
kunstsinnigen und feinfiihligen Grafen Karl L. und Wilhelm H. bis zuletzt 
verband, ehrt beide Manner. Fur H. bedeutete aber der Aufenthalt im graf- 
lichen Hause mehr als die materielle Sicherung der momentanen Lage und die 
Moglichkeit, sich die Mittel zur Vorbereitung auf die kunftige akademische 
Karriere zu beschaffen. Sein Blick weitete sich, seine gesellschaftlichen Formen 
wurden weltmannisch und er gewann Einblicke in Verhaltnisse, die ihm bis 
dahin fremd waren. Durch den haufigen Aufenthalt in Galizien und den Verkehr 
mit Polen lauterten sich die politischen Ansichten des deutschen Couleur- 
studenten — H. gehorte mehr aus landsmannschaftlicher Anhanglichkeit als 
aus Lust an »feuchtfrohlichem Treiben« durch zwei Jahre als Grundungsbursch 
der »Silesia« an; wenn er auch gelegentlich eine Kneiperei mitmachte und an 
studentischer Frohlichkeit Gefallen fand, besuchte er doch selten ein Gast- 
haus, »da ich«, wie er schreibt, »nicht jeden Tag sauren Wein trinken mag 
und hiesiges Bier wegen meines Kopfleidens nicht vertrage«. — andererseits 
knupfte er Beziehungen, die ihm in seinen spateren Lebensstellungen zustatten 
kommen und ihm, namentlich als Minister, durch die grofie Sympathie und hohe 
Achtung, die er als Mensch und Gelehrter besafi, manche Schwierigkeit erleichtern 
sollten. 

Trotz seiner Stellung im Hause L. brachte H. seine Studien durch Prufungen 
zum AbschluB und setzte seine Arbeiten mit regem Eifer fort. Zunachst wurde 
er am 9. Marz 1863 nach vorziiglicher Pruf ung, iiber die er ein geradezu glanzendes 
Zeugnis erhielt, fiir das Lehramt des Lateinischen und Griechischen fur das 



308 Hartel. 

ganze Gymnasium approbiert und erwarb dann am 1.3. 1864 nach ebenso gliick- 
lich abgelegter Pruf ung den philosophischen Doktorgrad in Wien. Bald erschienen 
seine ersten wissenschaf tlichen Abhandlungen in der »Zeitschrift f . d. 6st. Gymnas.« 
(1864 u. 1865) — und schon diese ersten Arbeiten zeigten ihn als ebenso bedeu- 
tenden Graecisten wie Latinisten. Bezeichnenderweise hat seine erste (hierin 
zeigt er sich als Schiiler von Bonitz) »Untersuchungen iiber die Entstehung der 
Odyssee* zum Gegenstande — wie auch seine erste in den Sitzungsberichten 
der Akademie der Wissenschaften veroffentlichte Abhandlung (1871) »Home- 
rische Studien* sich betitelt — wahrend die zweite, »Kritische Beitrage zu 
Livius«, ihre Anregung wohl Vahlen verdankte. Wenn nun auch die akademische 
Laufbahn ihm klar vor Augen stand, trat er doch furs erste in den Dienst der 
Schule, und so finden wir ihn 1864 und 1865 durch drei Semester erst alsProbe- 
kandidat, dann als Supplent am Wiener Akademischen Gymnasium. Durch 
seine Tatigkeit gab er dem hervorragenden Schulmann Direktor Dr. Franz 
Hochegger Veranlassung, ihn »als einen hoffnungsvollen Kandidaten von aus- 
gezeichneter Begabung und vorzuglichem Charakter zu empfehlen*. Um seine 
Absicht, sich zu habilitieren, leichter ausfiihren zu konnen, bewarb er sich am 
19.9. 65 um eine erledigte Lehrers telle an dieser Anstalt, erhielt jedoch bereits am 
10. 10. den Bescheid, dafl von der Besetzung Umgang genommen werde. Trotz- 
dem bewarb er sich um die venia legendi fur klassische Philologie an der Wiener 
Universitat. Auf Grund des Votums der Kommission, des »nach alien Seiten 
hin zur volligen Zufriedenheit ausgefallenen« Kolloquiums in lateinischer Sprache 
und der ebenso gut ausgearbeiteten wie vorgetragenen Probevorlesung iiber 
»Romische Bearbeitungen des griechischen Dramas im 6. Jhd. der StadU 
stellte das Dekanat (Dekan: Robert Zimmermann), »erfreut iiber den hoff- 
nungsvollen Zuwachs an einheimischen akademischen Lehrkraften das Ansuchen 
um schleunige Bestatigung, damit H. noch im ersten Semester seine Lehr- 
tatigkeit beginnen konne«. »Da H. den Forderungen der Habilitierungsvor- 
schrift in ausgezeichneter Weise geniigt hat«, empfahl der Unterrichtsrat dem 
Staatsministerium einstimmig die Bestatigung, die am 14. Marz 1866 erfolgte. 
(Das Unterrichtsministerium wurde mit dem Oktoberdiplom aufgehoben und 
erst 1867 wieder errichtet.) Mit der Habilitierung verband sich fur H. auch 
noch eine besondere Aufgabe. Die Seminardirektoren beantragten beim Staats- 
ministerium, zu gestatten, »dafl jene mit Unterstiitzung beteiligten philologischen 
Kandidaten, bei denen es sich noch um Ersatz der fehlenden Schulkenntnisse 
handelt, dem Dr. H. zur Leitung und Beaufsichtigung* zugewiesen werden. 
Das Ministerium erteilte die Genehmigung und bewilligte ihm eine Remuneration 
von 500 fl. jahrlich. Nach den Vorschlagen H.s erhielt dann das philologische 
Proseminar, das diese Aufgabe seither zu erfullen hat, eine feste Organisation. 
Bald folgte eine philologische Leistung ersten Ranges: die Kais. Akademie 
der Wissenschaften hatte H. fur das 1864 begonnene Corpus der lateinischen 
Kirchenvater die Herausgabe der Werke des Cyprianus ubertragen, und schon 
1868 liefl er den ersten der 3 Bande dieser kritischen Ausgabe (den 3. 1871} 
erscheinen. Die Anerkennung seines Wirkens sollte nicht ausbleiben. Am 
5. Januar 1869 wurde H. — zugleich mit dem 1867 habilitierten Theodor 
Gomperz — zum a. o. Professor ernannt. In demselben Jahre grundete H. 
seinen eigenen Hausstand, indem er Flora Spatzier, die Tochter einer 
alten, fruher in Beraun in Bohmen, seit einem Jahrhundert in Jagerndorf in 



Hartel. 



309 



Schlesien ansassigen Apothekerfamilie, heimfuhrte. Die beiden Mutter waren 
Jugendfreundinnen, und schon in den ersten Troppauer Briefen berichtet er 
von Begegnungen mit Frl. Flora und deren Mutter. Besonders wahrend der 
Ferien kam er oft nach Jagerndorf und machte auch mit seinem spateren etwas 
jungeren Schwager Conwall (der Vater hatte aus grofler Vorliebe fiir die scientia 
amabilis seinen Kindern botanische Namen gegeben), zahlreiche Ausfluge in 
die Sudeten. An Flora Spatzier fand H. eine Frau, die in ihrer edlen Einfachheit, 
dabei empfanglich fiir alles Scheme, namentlich fiir gute Musik, nur ungern 
aus der Stille des Hauses heraustrat und unvermerkt viel Gutes tat, ihrem Manne 
eine fursorgliche Gattin, ihren Kindern eine liebevolle Mutter war. Verehrt 
von alien, die sie kannten, tiefbetrauert von den Ihrigen, starb sie ein Jahr 
vor H. Der Ehe entstammten drei Sohne: Karl, der erstgeborene, wirkt als 
Ministerialsekretar im Ministerium fiir Kultus und Unterricht, ein zweites 
Kind, namens Wilhelm, starb im Alter von 3 Jahren im Hause des GroCvaters 
in Hof. Durch den sehr rasch eintretenden Tod, an dem wohl auch der Arzt 
nicht ohne Schuld war, wurden die Eltern hart betroffen, und als dann wieder 
ein Knabe geboren wurde, erhielt auch er den Namen Wilhelm; er wirkt als 
Bezirkskommissar der schles. Landesregierung in Troppau. 

Als junger Doktor gehorte H. neben Heinzel, Scherer, Ottokar Lorenz, 
Moritz Thausing zu den tatigsten Mitgliedern des »historischen KrSnzchens«, 
das in der »Goldenen Ente« in der SchulerstraOe zu Vortragen und Ver- 
handlungen liber politische und Literaturgeschichte, Religions* und Sprach- 
wissenschaft, Nationalokonomie und Soziologie, ja auch aktuelle politische 
Fragen sich zusammenfand und nach Theodor Gomperz' (Essays und Er- 
innerungen) Urteil mehr geleistet hat, als sein Name verspricht. 

Schon die ersten Arbeiten begriindeten H.s Ruf als hervorragenden Philo- 
logen und fanden die ehrendste Anerkennung der Fachgenossen : sie zeigen 
die Vorziige seiner Arbeitsweise. Aufgebaut auf umfassender und tiefdringender 
Gelehrsamkeit, sorgfaltig und umsichtig, originell in der Methode und Behand- 
lung sind sie reich an wertvollen Anregungen fiir die weitereForschung gewesen. 
Zur Zeit, da er die »Homerischen Studien« trieb und schrieb, trat er in sehr 
freundschaftlichen Verkehr mit Hermann Usener. Ihr Briefwechsel trug die 
AufschriftOuSTjvwpKpornJXq) und umgekehrt (Mitteilung von Theodor Gomperz). 
Wie sehr sie Usener schatzte, bezeugt sein Urteil (Altgriechischer Versbau, 
Bonn 1887, S. 14): »W. v. Hartel hat in seinen meisterhaften Homerischen 
Untersuchungen wie andere Fragen der epischen Laut- und Verslehre, so auch 
die Natur und Geschichte des Digamma mit einer gewissenhaften und ruhig 
sicheren, beherrschenden Umsicht gepriift, wie sie bis dahin wohl kaum einer 
Spracherscheinung zuteil geworden ist.« Und ich erinnere mich, welch hohen 
Wert Adolf Kirchhoff in seinem Homer-Kolleg ihnen fiir die hohere Kritik der 
homerischen Dichtungen zuerkannte. Diese bedeutenden wissenschaftlichen 
Leistungen, zu denen noch eine Ausgabe des bis dahin vernachlassigten spat- 
rdmischen Epitomators Eutropius (1872), einige gehaltvolle Rezensionen 
und meisterhafte in der »Osterr. Monatsschrift« veroffentlichte populare Auf- 
satze kamen, der immer steigende Erfolg seiner Lehrtatigkeit veranlafiten die 
Fakultat schon 1872, die ErnennungH.s zum ordentlichen Professor nach einem 
glanzenden Votum Vahlens, dem sich die dem Fach am nachsten stehenden Conze 
und Hoffmann anschlossen, zu beantragen. Es geschah dies in der ehrendsten 



3io 



Hartel. 



Weise. Auf Antrag Miklosichs wurde der Antrag sofort verhandelt und auf 
den weiteren Antrag Stefans wurde von einer Zuweisung an eine Kommission 
abgesehen und einstimmig derVorschlag am 15. Juli 1872 genehmigt. tjber 
den von Minister Stremayr am 22. August unterbreiteten Vortrag wurde mit 
kaiserlicher Entschliefiung vom 26. August 1872 H. zum ordentlichen Professor 
ernannt. Bereits 1870 war erMitgliedderPrufungskommissionfiirdasGymnasial- 
lehramt geworden und 1874 wurde er nach dem Abgange Vahlens nach Berlin 
zugleich mit dem von Graz nach Wien berufenen Carl Schenkl, Direktor des philo- 
logischen Seminars und Redakteur der von Bonitz, Jos. Mozart und Joh. Gabriel 
Seidl begriindeten »Zeitschrift fur dieosterreichischenGymnasien*. Im Jahre 1871 
erfolgte seine Wahl zum korrespondierenden, 1875 zum ordentlichen Mitglied der 
Wiener Akademie der Wissenschaften. Als akademischer Lehrer wirkte H. uber- 
aus anregend und erfolgreich; seine auf grofle Gebiete der lateinischen und grie- 
chischen Philologie sich erstreckenden Vorlesungen und Ubungen erfreuten sich 
groflen Zuspruchs. Neben Gomperz und Schenkl ist das Aufbluhen der von 
Bonitz und Vahlen begriindeten philologischen Schule H.s unmittelbarem 
personlichem Wirken zu danken. Eine durchaus wohlwollende Natur, war er 
nicht nur jederzeit zur Forderung seiner Schuler bereit, seine immer weiter 
reichenden gesellschaftlichen Beziehungen, sein stets wachsender EinfluB inner- 
halb der Universitat und bei den vorgesetzten Behorden kamen hinzu. Bald 
erlangte er alle akademischen Ehren: 1874/75 und 1875/76 war er Dekan der 
philosophischen Fakultat, 1882 — 1885 Senator, 1890/91 Rektor der Universitat. 
Seine Inaugurationsrede »t)ber Aufgaben und Ziele der klassischen Philologies, 
ein Meisterstiick akademischer Beredsamkeit, verrat eine hohe Auffassung der 
Philologie und eine grofizugige Wurdigung ihrer Aufgaben sowie der Pflicht des 
Staates, fur den modernen Grofibetrieb der Wissenschaft Sorge zu tragen. Sein 
Wohlwollen fur die studierende Jugend und sein kluger Sinn erleichterten ihm die 
schwierige Aufgabe, die das Rektorat gerade an der Wiener Universitat bedeutet. 
Den guten Namen, den er in Fachkreisen bereits durch seine ersten Ar- 
beiten gewonnen, festigte er durch seine w T eiteren; zu ihren oben gekennzeichneten 
Vorziigen kommt noch eine in H.s Wesen begnindete Eigenart: ein durchaus 
moderner Zug, der ihn alle neuen Erscheinungen und dadurch angebahnten 
neuen Richtungen mit grofiem Eifer erfassen liefi. Dadurch bedeuteten seine 
eigenen Arbeiten nicht nur Fortschritte in der Wissenschaft, sondern waren sie 
auch richtunggebend fur andere. Wie er als einer der ersten Ernst Briickes 
bahnbrechende sprachphysiologische Studien und die Ergebnisse der allgemeinen 
Sprachwissenschaft in seinen eigenen homerischen Untersuchungen verwertete, 
so wufite er auch seine Vorlesungen iiber griechische Grammatik dadurch zu 
befruchten und anschaulich zu gestalten, dafi er die Spracherscheinungen durch 
die Lautphysiologie erlauterte und ihre Behandlung durch allgemeine sprach- 
wissenschaftliche Erorterungen vertiefte. Den grofien Aufschwung, den die 
klassische Philologie durch das gewaltige, neu zustromende Material an In- 
schriften und in neuester Zeit an Papyrusfunden erfahren, hat H. nicht nur 
erkannt, sondern er hat an seinem Teil daran mitgewirkt. Nicht nur, dafi er 
Friedrich Ritschls Arbeiten, die von den altlateinischen Inschriften die wert- 
vollsten Ergebnisse fur die Kenntnis altlateinischer Dichtung gewannen, in 
seinen Arbeiten, Vorlesungen und Seminariibungen verwertete und weiterfuhrte, 
hat er insbesondere die griechischen Inschriften, wohl als einer der ersten, dem 



Hartcl. 



311 



Studium Demosthenischer Reden und des attischen Staatsrechtes nutzbar ge- 
macht. In seinen »Demosthenischen Studien« (1876 und 1877) und »Studien 
iiber attisches Staatsrecht und Urkundenwesen* (1879) hat er die Ergebnisse 
dieser eindringlichen Untersuchungen, in denen er philologische Akribie mit 
Weite des Blickes meisterhaft vereinigte, niedergelegt. Ein echt moderner 
Zug liegt darin, dafi er in gliicklichster Weise analoge Einrichtungen des neueren 
Parlamentarismus heranzog und dadurch das Verstandnis und die richtige 
Beurteilung jener Fragen ermoglichte. Ein ehrendes Zeugnis fur H.s Arbeiten 
war cs, dafl ein Gelehrter von der Bedeutung U. von Wilamowitz-Mollendorffs in 
seinem in Wien 1909 gehaltenen Vortrag »Das Griechentum als lebendige Kraft* 
bekannte, »dafl mir Demosthenes lebendig wurde, das verdanke ich zuerst 
Hartel; bei ihm fand ich die Reden als Staatsschriften, als Dokumente aktueller 
Politik betrachtet. Er stellte sich die Frage: Welcher Antrag war denn ein- 
gebracht worden? ja, er stellte auch die Frage nach der Geschaftsordnung: 
seine Anregungen sind noch lange nicht so weit verfolgt, wie sie es verdienen.« 
Mit uberraschender Schnelligkeit arbeitete er sich auch in die Papyrusstudien 
ein. Zeuge davon ist, abgesehen von einer eigenen Behandlung eines fur die 
Burgschaft bei offentlichen Getreidelieferungen und fur die fiskalische Ver- 
waltung in Agypten aufschluflreichen griechischen Papyrus (1883), sein Fest- 
vortrag »t)ber die griechischen Papyri Erzherzog Rainer« (1886), in welchem 
er den unschatzbaren Wert dieser Urkunden in literarischer, sprachlicher, 
geschichtlicher und rechtlicher Hinsicht meisterhaft darlegte. Schon diese 
Arbeiten, besonders aber seine Leistungen auf dem Gebiete der Patristik — 
aufier den Werken Cyprians edierte er auch in gleich mustergultiger Weise 
die des Ennodius (1882), des Lucifer von Cagliari (1884) und des Paulinus von 
Nola (1894) fur das von der Akademie herausgegebene Corpus scriptorum 
ecclesiasticorutn Latinorum, in dessenLeitung er auch eingetretenwar, begriindete 
sein Verfahren in einer Anzahl von »Patristischen Studien« und gab nach Auf - 
zcichnungen des auf tragische Weise vorzeitig verstorbenen Gustav L 5 w e 
die Bibliotheca patrum Latinorum Hispaniensis (1887, Beschreibung und Inhalts- 
angabe der fur diese Literatur wichtigeren Handschriften des Escorial und 
der Madrider Sammlungen) heraus — , ferner die bereits erwahnte 1872 er- 
schienene Ausgabe von Eutropius' Breviarium, eine auf das ganze Gebiet der 
Philologie, aber auch auf Werke, die seinem Fach fernlagen, sich erstreckende 
Rezensententatigkeit legen ruhmliches Zeugnis ab fur H.s Vielseitigkeit. In 
dem Bestreben, seine wissenschaftlichen Studien durch die Kenntnis der klassi- 
schen Statten zu vertiefen, und urn seinem Wandertrieb, der ihn jedeGelegenheit 
zu kleineren oder groBeren Reisen benutzen liefl, zu genugen, bereiste er im Winter 
1874 (mit Adolf Exner) Griechenland, Agypten, Palastina, Syrien, Kleinasien 
und die Turkei, im Herbst 1884 Rhodus, Pamphylien, Cilicien, Pisidien und 
Karien, an den osterreichischen Forschungen daselbst, namentlich an jenen 
des Graf en Lanckoronski, iiber die er auch einen Essai veroffentlichte, leb- 
haften Anteil nehmend. 

Gar bald war H.s wachsende Bedeutung auch in Deutschland, mit dessen 
Gelehrten er friih Fuhlung genommen hatte, anerkannt worden. Dreimal 
ergingen an ihn Berufungen an deutsche Universitaten: 1875 nach Halle, auf 
Grund eines einhelligen Antrags des dortigen Professorenkollegiums, 1883 nach 
Gottingen, 1886 nach Heidelberg. Als die glanzendste darf wohl die nach 



312 



Hartcl. 



•Gottingen gelten; sie wurde durch das folgende, den Empf anger und den 
Schreiber gleich ehrende Schreiben Friedrich A 1 1 h o f f s eingeleitet: 

„Berlin W. Friedr. Wilhelmstrafle 17, den 5. Juni 1883. Hochgeehrter Hcrr Professor! 
Im Auftrage des Herrn Ministers von Gofiler, meines verehrten Chefs, habe ich die Ehre, die 
Anfrage an Sie zu rich ten, ob und unter welchen Bedingungen Sie geneigt sein wiirden, ciner 

Berufung als ordentl. Professor der klassischen Philologie nach Gottingen Folge zu leisten 

Es hat mir, offen gesagt, eine schwere Oberwindung gekostet, Sie in die Versuchung zu 
bringen, Ihrer segensreichen Wirksamkeit in Osterreich zu entsagen. Wir fassen unsere Auf- 
gabe vor allem so auf, dafl wir zunachst der Wissenschaft im allgemeinen, ohne alle Riicksicht 
auf staatliche Grenzen, zu dienen haben. Und von diesem Standpunkte aus betrachten wir 
Sie, den Fiihrer der klassischen Philologie in Osterreich, als einen unserer liebsten und besten 
Mitarbeiter, obwohl wir Sie nicht als den unserigen im engeren Sinne betrachten durfen. Das 
war unsere ratio dubitandi. Auf der anderen Seite aber mufite fur uns der Gesichtspunkt 
entscheidend sein, einmal, dafi wir keine Gelegenheit unbenutzt lassen diirfen, einem so her- 
vorragenden Vertreter und Forderer der Wissenschaft unsere aufrichtigste und herzlichste 
Huldigung zu bezeugen; und zum zweiten, dafl wir unserer lieben Universitat Gottingen das 
Beste wunschen miissen, was wir fur sie erlangen konnen. Nun wissen Sie, hochgeehrter Hen- 
Professor, wie wir zu der Sache stehen. Entscheiden Sie, wie ich hoffe, fur uns, so werden 
wir die Entschlieflung als einen der hocherfreulichsten Erfolge der preufi. Unterrichtsver- 
waltung begruflen und, was ich nur im Vorbeigehen bemerke, den Rahmen, den die offizielle 
Anfrage noch offenlaflt, tunlichst nach Ihren Wunschen ausfiillen. Entscheiden Sie fur Ihren 
bisherigen Wirkungskreis, so sind wir weit entfernt, Ihnen das zu verdenken, und werden viel- 
mehr auch dann fortfahren, mit grofitem Stolz und mit den warmsten Wunschen des Manncs 
zu gedenken, der, wie kein anderer, der Sache der Altertumswissenschaft in dem groBen Nach- 
barstaate dient. 

Zum Schlufi erlaube ich mir noch, Ihnen die herzlichsten GruBe Ihres alten Freundes 
und, irre ich nicht, auch Lehrers Bonitz zu ubermitteln. 

Mit vorzuglicher Hochachtung Ihr ganz ergebenster A 1 1 h o f f. 

Aus dem SchluB des Briefes darf man wohl vermuten, dafl Bonitz es war, 
der auch diesmal sein Interesse fur H. bekundet hatte, 

Dafl man in Osterreich alles aufbot, eine nicht nur als akademischer Lehrer 
und Gelehrter, sondern auch fur das Mittelschulwesen gleich wertvolle, ja 
unentbehrliche Kraft zu erhalten, wird man ebenso begreifen, wie dafl H. trotz 
aller Lockungen es vorzog, in der Heimat zu wirken. Und es fehlte auch H. 
nicht an Ehrungen. Nachdem er schon 1882 den Orden der eisernen Krone 
III. Kl. erhalten hatte, wurde er bald darauf in den Ritterstand erhoben; 1886 
erhielt er den Hofratstitel; in seinem Rektoratsjahr wurde er am 2. April 1891 
in das Herrenhaus berufen; er schlofi sich der Verfassungspartei an und »gewann, 
wie uberall, wo er seine ungewohnliche Verstandesscharfe, Energie und Prompt- 
heit betatigen konnte«, auch hier bald 'Ansehen und Einflufl, so dafi er auch 
Mitglied der Parteileitung geworden ist. 

Die philologische Wissenschaft hat H. nicht nur als Lehrer, sondern auch 
dadurch sehr gefordert, dafl er mit Schenkl die »Wiener Studien* als eigenes 
philologisches Fachorgan, und zur Aufnahme der besten philologischen Doktor- 
arbeiten die »Dissertationes philologae Vindobonenses« , ins Leben rief. Dafl er 
in den ersteren selbst eine Reihe trefflicher Aufsatze veroffentlichte und an den 
von ihm publizierten Dissertationen seiner Schiller manchen wesentlichen 
Anteil hatte, braucht kaum erst gesagt zu werden. 

Jederzeit bestrebt, den Zusammenhang zwischen Deutschland und Oster- 
reich auf dem Gebiet der Wissenschaft und der Schule zu erhalten und ihn wo- 



Hartel. 



313 



moglich enger zu kniipfen, besuchte er selbst ofter die »Versammlungen deut- 
scher Philologen und Schulmanner« und setzte sich auch dafiir ein, daB die Zahl 
der Osterreicher in diesen Versammlungen immer groBer wurde. Dadurch wurde 
die Voraussetzung dafiir geschaffen, die deutschen Philologen und Schulmanner 
wieder einmal nach Osterreich einzuladen. So fand zum drittenmal in Oster- 
reich uberhau'pt, zum zweitenmal in Wien, in der Pfingstwoche 1893 die Ver- 
sammlung, es war die 42., statt, und daB sie einen in der Geschichte dieser 
Wanderversammlungen so denkwiirdigen glanzenden Verlauf nahm, dankte sie 
in erster Linie dem organisatorischen Geschick ihres ersten Prasidenten, 
Wilhelm von H.s. Mit groBer Umsicht wurden die Vorbereitungen getroffen, 
und der ganze Verlauf brachte Osterreich und den Veranstaltern, aber auch 
den Gasten aus nah und fern groBe Ehren. DaB es H. gelang, die Versammlung 
so ruhmreich zu gestalten, dankte er der Forderung und Einsicht des damaligen 
Unterrichtsministers Freiherrn von Gautsch, der die Philologen und Schul- 
manner nicht nur selbst im Palais des Unterrichtsministeriums empfing, sondern 
ihnen auch einen Empfang in der alten Kaiserburg durch den Kaiser erwirkte. 
Aber nicht nur durch die geselligen Veranstaltungen, sondern auch durch die 
Fiille und Gediegenheit der wissenschaftlichen Widmungen und Vortrage, die 
Osterreich auf der Hohe seiner Leistungsfahigkeit zeigten, lieBen den Ausspruch 
Oskar Jagers »es gibt nur eine Kaiserstadt und eine 42. Versammlung deut- 
scher Schulmanner und Philologen« nicht unberechtigt erscheinen. H.s Ver- 
dienste und seine Stellung in der Wissenschaft (war er ja damals schon wirk- 
liches Mitglied des deutschen Archaologischen Instituts, korrespondierendes 
Mitglied der preuflischen und bayerischen Akademie — spater wurde er noch 
Ehrenmitglied der Gottinger Gesellschaft der Wissenschaften — , der Real 
accademia de la historia in Madrid, Ehrenmitglied der ungarischen philologischen 
Gesellschaft) wurden durch die bald darauf (11. November 1893) erfolgende 
Verleihung des osterreich -ungarischen Ehrenzeichens fiir Kunst und Wissen- 
schaften — des wissenschaftlichen goldenen VlieBes, wie Billroth gelegentlich 
sagte — anerkannt. 

Schon durch seine Wirksamkeit als Universitatsprofessor und als Mitglied 
der Priifungskommission fiir das Lehramt an Gymnasien (seit 1870), hatte H. 
fruhzeitig auf die Heranbildung eines tuchtigen Lehrernachwuchses einwirken 
konnen. Aber auch auf die Verwaltung und Organisation gewann er immer 
groBeren EinfluB. 1883 — 91 gehorte er als Beisitzer dem niederosterreichischen 
Landesschulrate an, 1882 war er in besonders hervorragender Weise an einer 
vom Minister Baron Conrad veranstalteten Gymnasial-Konferenz im Unter- 
richtsministerium tatig, als deren wesentliches Ergebnis die von ihm beantragte 
und auf Grund eines von ihm erstatteten eingehenden Gutachtens durchgefiihrte 
Revision und Erganzung der dem Exner-Bonitzschen Organisationsentwurfe 
von 1849 beigegebenen Instruktionen fur den gymnasialen Unterricht bezeichnet 
werden darf. Er selbst legte am 9. April 1884 einen Entwurf der neuen In- 
struktionen fiir den Unterricht in den klassischen Sprachen am Gymnasium 
mit einer Einbegleitung vor und erlauterte die dabei befolgten Grundsatzc 
Seine innige Vertrautheit mit dem Gegenstande und seine als Redakteur der 
Gymnasialzeitschrift gewonnene Personenkenntnis liefi ihn die richtige Wahl 
seiner Mitarbeiter treffen. Auch seiner Anregung, die Neubearbeitung auf 
alle Gegenstande des Gymnasialunterrichts auszudehnen, wurde entsprochen 



314 



Hartel. 



und so kam ein Werk — die neuen Instruktionen von 1884 — zustande, das 
im In- und Auslande grofie Anerkennung fand. Uber seine Initiative erfolgte 
auch die Sammlung der bestehenden Normalien. Wie in diesem Falle wurde 
H. auch spater — namentlich vom Unterrichtsminister Gautsch — vielfach zur 
Mitwirkung bei Mafinahmen der Unterrichtsverwaltung herangezogen und er 
erwarb sich durch seine in den wichtigsten Fragen abgegebenen, ebenso ein- 
gehenden wie sachlichen Gutachten wesentliche Verdienste. Er hat aber auch 
der Schule unmittelbar einen grofien Dienst.erwiesen, indem er die fur ihre Zeit 
vortreffliche »Griechische Schulgrammatik« von Georg Curtius zeitgemafi urn- 
arbeitete. Diese Arbeit zwang ihn zu einer ihm sehr unliebsamen literarischen 
Fehde mit Kaegi, einem Schweizer Philologen und Verfasser einer Konkurrenz- 
Grammatik, die H. vornehm fiihrte und die die Vorzuge seiner Bearbeitung 
in helleres Licht ruckte. 

Seine Tatigkeit als akademischer Lehrer erfuhr eine Einschrankung, als 
er am 19. Januar 1 891 — auf Empfehlung des Unterrichtsministers Freiherrn 
von Gautsch — zum Direktor der Hofbibliothek ernannt wurde. Damit 
eroffnete sich H. ein neues Feld der Tatigkeit, auf dem er in Ehren bestand. 
War er auch Dilettant in den Fragen der eigentlichen Bibliothekstechnik und 
-Verwaltung, so hatte er doch den Fragen des Bibliothekswesens schon frliher 
sein Augenmerk zugewendet und in seiner Wirksamkeit als Mitglied der Biblio- 
theks-Kommission der Universitat Gelegenheit gehabt, manchen Einblick zu 
gewinnen und manch wertvolle Anregung zu geben. Dafi ein Gelehrter von H.s 
Bedeutung an der Spitze eines Instituts wie die beruhmte Bibliotheca Palatina 
Caesarea an sich einen Fortschritt darstellte, liegt auf der Hand, aber H. fand 
hier reichlich Gelegenheit, sein Organisationstalent und seinen uber bureau - 
kratische Engherzigkeit erhabenen Blick zu betatigen. Eine Reihe von Re- 
formen, die die Benutzung erleichterten — eine symbolische Handlung leitetc 
sie ein: er liefi die fiir den leichten Zugang zu hoch sitzenden Klinken niedriger 
setzen — , einige wesentliche bibliothekarische Mafinahmen der Katalogisierung 
legten Zeugnis ab von dem neuen Geist, der mit H. in das altehrwiirdige Institut 
eingezogen war. Dafi er sich in seiner Gewissenhaftigkeit auch bemiihte, Ein- 
blicke in das bibliothekarische Handwerk zu gewinnen, weifi Schreiber dieser 
Zeilen, mit dem er manche Frage besprach, aus eigener Erfahrung. Auch den 
wissenschaftlichen Pflichten des Besitzes suchte er gerecht zu werden, indem 
er zwei der hervorragendsten Schatze der Sammlung weiteren Kreisen zugang- 
lich machte: die beruhmte Tabula Peutingeriana wurde in einer Anzahl von 
Exemplaren photographisch vervielfaltigt, und die durch ihre bildlichen Bei- 
gaben ausgezeichnete Wiener Genesis gab er mit Franz Wi ckh of f, der hier 
seine grundlegenden Untersuchungen Liber die Geschichte der antiken Malerei 
niederlegte, wahrend er selbst den Text erlauterte, heraus. Dafi H.s Wirksam- 
keit fiir die Hofbibliothek nicht noch einen grofieren Aufschwung herbeifvihrte, 
hatte darin seinen Grund, dafi sie nur 5 Jahre wahrte. Am 20. Januar 1896 
wurde er zum Sektionschef im Ministerium fiir Kultus und Unterricht ernannt 
und damit schied er auch nach 30jahriger Tatigkeit aus der Universitat. In 
der Abschiedsaudienz uberreichte ihm der Kaiserliche Besitzer unter schmeichel- 
hafter Anerkennung seines Wirkens als Direktor der Hofbibliothek das Ritter- 
kreuz des Leopold -Ordens. Der Abschlufi seiner 30jahrigen akademischen Lehr- 
tatigkeit gab seinen Schulern, Freunden und Verehrern die willkommene Ge- 



Hartel. 



3'5 



legenheit zu mannigfachen Ehrungen. Es wurde von der Ktinstlerhand Anton 
Scharffs eine Medaille gepragt und ihm mit einer lateinischen Adresse iiber- 
reicht, seine vom Bildhauer Leisek geformte Buste im Direktionszimmer des 
philologischen Seminars aufgestellt, endlich, die hochste wissenschaftliche 
Ehrung, ihm ein Festband, Serta Harteliana, mit 52 Aufsatzen seiner Schiiler 
gewidmet. Als ich ihm meine in der »Zeitschr. f. d. ost. Gymn.« erschienene 
Besprechung der Serta uberschickte, dankte er (14. Dezember 96) in herzlichen 
und anerkennenden Worten und dem Bekenntnis, »nur fachten Sie dadurch die 
Sehnsucht an nach dem von mir Verlassenen, vielleicht fiir immer Verlorenen«. 
Und man darf es glauben, dafl den ernsten Mann, der mit alien Fasern an seinem 
Beruf als Gelehrter und Lehrer hing, der jedoch ebensosehr von dem Drang beseelt 
war, an groflere Auf gaben seine Kraft zu wenden, in jenen Stunden des Riickblicks 
auf das bisher Erreichte die bange Sorge beschlich, ob er den neuen Aufgaben, 
die er ubernommen, gewachsen sei und ob er recht daran getan habe, die Stille 
der Gelehrtenstube, den schonen Beruf des Lehrers, der unmittelbar auf seine 
Schiiler wirken und die Wissenschaft fordern konne, und die freie Stellung 
des Direktors der Hofbibliothek mit einem Wirkungskreis zu vertauschen, der, 
mit dem Getriebe der Tagespolitik zu sehr verquickt, trotz groBen aufleren 
Glanzes auch viele Hemmungen in sich birgt. Diese Erwagungen hatten ihn 
ja auch veranlaflt, sich den Rucktritt ins Lehramt, fiir den Fall, dafl er sich ge- 
notigt sehen sollte, aus dem Ministerium wieder zu scheiden, bei Obernahme 
der Sektionschefstelle auszubedingen, und es zeugt von dem hohen Werte, den 
Baron Gautsch, der im Herbst 1895 ins Kabinett Badeni als Unterrichts- 
minister, nStch seinem im Herbst 1893 mit Taaffe erfolgten Rucktritt, wieder 
eingetreten war, darauf legte, einen Mann wie H. fiir sein Ressort zu gewinnen, 
dafl er dies Zugestandnis fiir H. erwirkte. 

Aber die von H. ins Auge gefafite Eventualitat trat nicht ein: sein Eintritt 
in die Beamtenlaufbahn war der Beginn einer an Ehren und Erfolgen reichen 
neuen Periode seines Lebens. Nachdem er vier Jahre als Sektionschef das Hoch- 
und Mittelschulwesen geleitet hatte — 6. 7. 1897 wurde er durch den Orden 
der Eis. Krone II. Klasse, 30. 11. 1897 durch die Wurde des Geheimen Rates 
ausgezeichnet — wurde er am 2. Oktober 1899 Leiter dieses Ministeriums im 
Kabinett des Graf en Clary. Als dieser am 21. 12. 1899 zuriicktrat, iibernahm 
er wieder die Stelle des Sektionschef s, um am 20. I. 1900 im Ministerium Korber 
als Minister an die Spitze des Ministeriums fiir Kultus und Unterricht zu treten, 
und er blieb in dieser Stelle, auch als am 31. 12. 1904 nach dem Rucktritt Korbers 
Freiherr von Gautsch zum zweitenmal Ministerprasident wurde, auf dessen 
Wunsch bis zum 11. 9. 1905, an welchem Tage er, um dem Premier in seinen 
auf die durch die politische Lage sich als notwendig erweisende Parlamentari- 
sierung des Kabinetts abzielenden Absichten keine Schwierigkeiten zu machen, 
aus dem Amte schied. 

Die Ernennung eines Nichtjuristen, zumal eines Philologen, zum Sektions- 
chef und nun gar zum Minister darf als besonders bemerkenswert, bezeichnet 
werden. Es wurde damit das Dogma erschuttert, dafl nur Juristen fiir diese 
hohen und hochsten Verwaltungsposten die Eignung haben, und der Wahrheit die 
Ehre gegeben, dafl in einem Amt, das vorwiegend geistigeGuter zu verwaltenhat, 
auch Fachmanner und insbesondere geistig bedeutende Vertreter der Wissen- 
schaften zu diesen Stellungen berufen sind. Freilich mufl auch hier der Satz 



3 1 6 Hartcl. 

gel ten: men, not measures. Und dafi H. der Berufensten einer war, hatte er 
durch seine Mitwirkung an Aktionen der Unterrichtsverwaltung gezeigt und 
insbesondere dadurch bewiesen, dafi er sich in uberraschend kurzer Zeit in 
die Geschafte eingearbeitet hatte und den verschiedensten Belangen des weit- 
verzweigten Ressorts gewachsen war. Ja, man darf sogar feststellen, trotz 
seiner Herkunft vom Lehrfach und seiner Stellung in der Wissenschaft lieB 
er die Geschaftsgewandtheit und die bureaukratische Tradition des Hauses 
am Minoritenplatz nicht vermissen. Daraus erklart sich auch die immerhin 
auffallende Tatsache, dafi die von ihm zu erwarten gewesene Reorganisation 
dieser Zentralstelle nicht eintrat und nach wie vor die Juristen nicht nur vor- 
wiegen, sondern, mit einer Ausnahme, den eigentlichen Beamtenkorper bilden. 
Aber er liefl doch nie die geistig bedeutende Personlichkeit von grofiem, iiber 
die Grenzen des Vaterlandes hinausreichendem wissenschaftlichen Ruf vermissen, 
die es gelegentlich auch verstand, die bureaukratischen Fesseln zu sprengen. 
Sein vornehmer weltmannischer Sinn, sein scharfer, praktischer Verstand, sein 
ausgeglichenes ruhiges Wesen, nicht zuletzt seine eingehende Kenntnis aller 
Fragen des Bildungswesens, sein tiefgriindiges vielseitiges Wissen und seine grofie 
Belesenheit kamen ihm in seiner neuen Stellung ebenso zustatten wie sein unver- 
drossener rastloser Arbeitseifer und die Fahigkeit, rasch und unermiidlich zu 
arbeiten und dabei auch den gesellschaftlichen und Reprasentationspflichten 
vollauf zu geniigen. Wenn es ihm nicht gelang, alien Erwartungen zu entsprechen, 
und seine Amtsfuhrung manche zeitgenossische Anfechtung erfuhr, so muC 
man erstens bedenken, dafi an einen Mann wie H. eben ganz andere Anforde- 
rungen gestellt wurden, und zweitens die besonderen Schwierigkeiten beruck- 
sichtigen, mit denen ein Minister fur Kultus und Unterricht in Osterreich zu 
kampfen hat. Das schone Wort der groflen Kaiserin Maria Theresia, mit dem 
sie Ubergriffe der Kirche auf die Schule abwehrte: »Die Schule ist und bleibt 
ein Politikum« hat langst im Osterreich des Nationalitatenkampfes seine ganz 
andere Bedeutung gewonnen. Die Schule ist bis hinauf in ihre obersten Zweige 
zum Kampfobjekt der Parteipolitik geworden, und nicht nur die politischen, 
sondern auch die nationalen Parteien machen ihren Einflufi geltend. Dazu 
kommen die finanziellen Schwierigkeiten. Und vor allem mufi man die Zeit- 
verhaltnisse beachten, in denen H. das so wichtige und so schwierige Amt zu 
verwalten hatte. Bei aller Verschiedenheit zwischen den beiden Personen gilt 
auch von H., was Franz Grillparzer von Ernst von Feuchtersleben sagte: »Er 
ware fur ruhige Zeiten der bestgedenkbare Unterrichtsminister gewesene; 
aber die objektive, alle Momente erwagende Wiirdigung darf feststellen, dafi 
H. nach dem Urteil der Besten seiner Zeit ein Minister war, der dem oster- 
reichischen Unterrichtsministerium zur Ehre gereichte und viel Ersprieflliches 
geschaffen hat. Wie einer seiner Mitarbeiter, der sein Wesen wohl am tiefsten 
erfafit hat, mir schreibt, »war einer der groflten Vorziige H.s seine jugendlich 
frische, fast begeisterungsfahige Schaffenslust. Es gibt kein Gebiet der Unter- 
richtsverwaltung, das ihm nicht wertvolle Errungenschaften seiner produktiven 
Kraft zu danken hatte. Jeder vernunftigen Anregung zuganglich, stets bereit 
zur Initiative und erfullt von grofiziigigen Planen ging er keiner Schwierigkeit 
aus dem Wege und scheute keine personliche Muhe, um seine Ziele durch zahl- 
lose, oft resultatlose, doch stets erneute Besprechungen und Verhandlungen, 
ja selbst durch die Hilfsquellen seiner ausgebreiteten gesellschaftlichen Be- 



Hartel. 



V7 



ziehungen der Verwirklichung zuzufiihren. Wie in so mancher Richtung unter- 
schied sich H. auch in dieser vorteilhaft von anderen Staatsmannern, deren 
leitender Grundsatz in dem 'nil movere' besteht. . . H. war wohl keine Kampfes- 
natur — Rucksichtslosigkeit, Hinterhaltigkeit und Gewalttatigkeit waren ihm 
fremd, er war eine vornehm milde, abgeklarte, vom humanistischen Geiste 
erfullte wohlwollende Personlichkeit, die aber den Kampf nicht scheute, wenn 
es in so manchen Hochschulangelegenheiten und Fragen der modemen Kunst 
gait, seine Oberzeugung mannhaft und wirksam zu vertreten. H. war mit 
glanzenden reichen geistigen Gaben ausgestattet — eine aber ihm versagt: 
Menschenkenntnis. Er selbst erkannte diesen Mangel an und beklagte 
es tief, wenn sein Vertrauen einem Unwiirdigen zuteil wurde und bittere Ent- 
tauschungen folgten. Der pflichtgemafle Drang nach strenger Objektivitat und 
erschopfender Durchleuchtung eines Gegenstandes verleitete ihn nicht selten 
zur gleichwertigen Entgegennahme divergierender Meinungen, weil ihm die 
grofien Differenzen der Personenwerte fremd blieben. Aber gerade an 
diesem selbstgefiihlten Mangel erwuchs ihm die Aufgabe erhohter sachlicher 
Information, und so gab es wohl kein Gebiet der seiner Verwaltung anver- 
trauten Ressorts, das H. nicht in seinen wesentlichsten Teilen vollstandig 
beherrschte*. 

Aus der grofien Summe dessen, was H. als Minister geleistet und geschaffen, 
kann in diesem Rahmen nur einiges hervorgehoben werden. Dafl H. das 
Gymnasium nicht nur zu erhalten, sondern durch Verbesserungen zu 
fordern bestrebt war, braucht kaum gesagt zu werden, aber er bewies seine 
Unbefangenheit auch anderen Bildungswegen gegeniiber durch Forderung der 
Realschule, durch Verbesserungen des Lehrplans und Erweiterung ihrer 
Berechtigung, wie er denn auch bei feierlichem Anlafi ihre Gleichwertigkeit 
mit dem Gymnasium verkiindete, und es verdient besonders bemerkt zu werden, 
dafl gerade der Altphilologe H. es war, der den Technischen Hochschulen seine 
besondere Fiirsorge angedeihen liefi, indem er nicht nur fur ihre Ausgestaltung 
in jeder Hinsicht sorgte (es sei hier besonders das Musterinstitut fur Elektro- 
technik erwahnt), sondern ihnen das so lange angestrebte Doktorat und eine 
Rangerhohung ftir die Hochschule fur Bodenkultur erwirkte. Durch Reformen 
im hoheren Madchenbildungswesen und Erweiterung der Frauenberufe durch 
Zulassung zum Universitatsstudium suchte er den Forderungen der Gegenwart 
gerecht zu werden. Das gewerbliche und kommerzielle Fachschulwesen hatte 
seine besondere Fiirsorge. Auch dem Volksschulunterricht wandte er sein 
Interesse zu, indem der Lehrplan der Biirgerschule revidiert und ihre Erweite- 
rung auf vier Klassen — freilich nur, soweit die Erhalter sie errichten wollten — 
vorgesehen wurde. Hingegen verursachten das neue niederosterreichische 
Schulgesetz und die neue Schul- und Unterrichtsordnung dem Minister manche 
Angriffe. Durch die Schaffung des Kunstrates und die Griindung der modernen 
Galerie, die Errichtung der Graveur- und Medailleurschule hat er sich um die 
Kunst bleibende Verdienste erworben, nicht unerwahnt diirfen freilich auch die 
Kampfe bleiben, die er wegen Bevorzugung der modernen Richtungen zu fiihren 
hatte. 

Am schwersten hatte H. unter den Anklagen zu leiden, die von seinen 
fruheren Kollegen wegen der geringen Fiirsorge der Regierung fur die Bedurf- 
nisse der ersten Universitat des Reiches, der Wiener, erhoben wurden. In 



3 l8 Hartc). 

zwei Denkschriften, des Senats und der philosophischen Fakultat, wurde den 
Anklagen und Wunschen wirksam Ausdruck gegeben. Konnte auch H. nicht 
in der kurzen Zeit das gut machen, was so lange vernachlassigt worden war, 
so war er doch redlich bemuht, nach Kraften das Versaumte nachzuholen. 
Abgesehen von einzelnen Instituten, die geschaffen wurden, wie das muster- 
giiltige physiologische, muB hier insbesondere der Losung derKranken- 
hausfrage, d. h. des Neubaues des Allgem. Krankenhauses, gedacht wer- 
den, durch die H. sich dauernden Ruhm erworben hat. »Es war eine Tat«, 
wie mir Sigmund Exner schreibt, »denn es handelte sich, den Gordischen Knoten 
zu zerhauen, der durch die seit Jahrzehnten sich hinziehenden Verhandlungen 
zwischen LandesausschuB, Gemeinde, Ministerium des Innern, Unterrichts- 
ministerium und Statthalterei bezw. Krankenhausfonds geschiirzt worden war. 
Nach bureaukratischer — im allgemeinen gewiB gerechtfertigter — Auf- 
fassung durfte kein Schritt gemacht werden, ehe die finanzielle Durchfuhrbar- 
keit und Tragweite desselben in alien Details durchgearbeitet war. Wir haben 
es seitdem erfahren, dafl es uberhaupt nicht mdglich ist, diese Tragweite in jeder 
Beziehung vorauszubestimmen, und daB, wenn man es unternehmen wollte, 
Verhandlungen durch ein Jahrhundert gefuhrt werden miiBten, wenn alle Be- 
teiligten ihre Zustimmung hatten geben sollen. Es gehorte personlicher 
M u t dazu, das zu erkennen und den Kaiser zur Grundsteinlegung einzuladen, 
ehe die Schwierigkeiten beseitigt, ja ehe sie allseitig durchschaut waren. Von 
bureaukratischer Seite wurde ihm dieses Durchhauen des Gordischen Knotens 
auch nie verziehen, und seine Generate in diesem Feldzug muBten ihre Vor- 
schubleistung in diesem Verrat an dem Amtsschimmel spater schwer biiflen. 
Trotzdem kann ich ruhig behaupten, wir hatten heute noch keine einzige neue 
Klinik, wenn H. damals nicht unbureaukratisch gehandelt hatte. Er verdiente 
einen Maria -Theresien-Orden, wenn es einen solchen fur Zivilisten gabe«. 
Ubrigens sei bemerkt, daB H. fur die Medizin immer besonderes Interesse 
bekundet hat. Er war mit Dumreicher (Vater und Sohn), Drasche, Fleischl, 
Dr. Peters (einem in Wien in Pension lebenden ehem. russischen Leibarzt), 
Schrotter, seinen Landsleuten Chrobak und Ludwig innigst befreundet und 
erorterte mit ihnen gern und oft medizinische Fragcn. 

DaB H. nach Tunlichkeit bemuht war, wissenschaftliche Bestrebungen 
zu fordern, darf als selbstverstandlich gelten; um auch hier einiges anzufiihren, 
seien die Forderung des Archaologischen Instituts und seiner Unternehmungen, 
des Vereins »Carnuntum«, dessen Kuratorium er seit der Griindung angehorte, 
des Corpus scriptorum de mustca und der Denkmaler der Tonkunst in Oster- 
reich und seine Initiative zur Begriindung des Literarischen Vereins hervor- 
gehoben. 

Als Minister erhielt er 190 1 nach der Kaiserreise nach Bdhmen, auf der 
er mit dem Kabinettschef den Kaiser begleitet hatte, den Orden der Eis. Krone 
I. Klasse. Es fehlte ihm aber auch bei seinem Scheiden aus dem Amt nicht 
an grofien Ehrungen. Mit einem uberaus warm gehaltenen kaiserlichen Hand- 
schreiben wurde ihm das GroBkreuz des Leopold-Ordens verliehen, und in 
der Abschiedsaudienz sagte ihm der Kaiser — wohl die groBte Anerkennung 
seiner Wirksamkeit — : »Ich weiB es, mit welchem Wohlwollen und immer 
im Sinne der Ausgleichung Sie Ihr Amt fiihrten. Es ist ein schweres Amt; es 
vertragt keine Schroffheit, und Sie waren immer auf Ihrem Platze. Sie haben 



Hartel. 



3*9 



immer den grofiten Takt und die grofite Gerechtigkeit entwickelt. Ich habe mit 
Ihnen wirklich ausgezeichnet gearbeitet«. 

Auch als Sektionschef und als Minister hatte H. an den Arbeiten der 
Akademie der Wissenschaften regen Anteil genommen. Nach dem Tode Alfred 
von Arneths (1899) neben Eduard Suefi, der zum Prasidenten gewahlt 
worden war, zum provisorischen Vizeprasidenten gewahlt, wurde er zwar 1900 
nur mit schwacher Majoritat (mit Rucksicht auf die damals unter den Univer- 
sitatsprofessoren herrschende Stimmung), weiterhin jedoch, da sich die Verhalt- 
nisse wieder gebessert hatten, stets wieder einstimmig indieser Stellungbestatigt. 
Sowohl als Obmann der Kirchenvaterkommission, als auch als Mitglied in den 
Kommissionen zur archaologischen Erforschung Kleinasiens, zur Durchfor- 
schung der Balkanhalbinsel und zur Herausgabe der Bibliothekskataloge des 
Mittelalters entfaltete er eine rege Tatigkeit. Insbesondere ist aber sein Anteil 
an dem Zustandekommen des von den fiinf deutschen Akademien von Berlin, 
Gottingen, Leipzig, Munchen und Wien begonnenen und seither eifrig fort- 
gesetzten Thesaurus linguae latinae, wie Hermann D i e 1 s in seinen »Worten 
der Erinnerung an Wilhelm von Hartel« darlegte, von entscheidender Be- 
deutung fur dieses von der Forschung so lang ersehnte grofiangelegte Werk 
der deutschen Wissenschaft gewesen. H.s Denkschrift, betreffend die Bildung 
eines Verbandes wissenschaftlicher Korperschaften vom 11. Juni 1892, durch 
die er Theodor Mommsens Aktion, der 1892 im Auftrage des preufiischen 
Ministers nach Wien gekommen war, um die Verhandlungen mit der Wiener 
Akademie zu beginnen, neben Suefi am meisten gefordert hat, seine tatkraftige 
Begeisterung fur die Sache und seine unermudliche Arbeit brachten beides 
trotz mancher Schwierigkeit zustande: das Kartell der deutschen Akademien 
im Sommer 1893 und die im Hause Diels' vollzogene Begriindung des Thesaurus 
am 22. 10. desselben Jahrcs. Mit Diels und Bucheler trat er in die Thesaurus- 
Direktion ein und versaumte auch als Minister nicht, an den jahrlichen Kon- 
ferenzen in Munchen teilzunehmen. Auch der weitere Gedanke einer inter- 
national Assoziation der Akademien wurde von H. gefordert und wurde 
1899 in Wiesbaden zur Tat. »Die grofien Tagungen dieses gelehrten Universal - 
kongresses«, der H.s Auffassung vom Grofibetrieb der Wissenschaften ver- 
wirklichen half, »in Paris und London hat sein Mitbegrunder noch mit Genug- 
tuung erlebt und seiner Freude daruber in einem Aufsatz in der »Deutschen 
Revue« im Jahre 1905 offentlich Ausdruck verliehen, die Freude, die Mit- 
glieder der Assoziation in Wien im Mai 1907 empfangen zu konnen, erlebte er 
nicht mehr«. (Diels). Ihre Entstehung hat er jedoch in seinem meisterhaften 
Vortrag »Ober die Organisation der wissenschaftlichen Arbeit«, gehalten am 
30. November 1906, bei der Mommsenfeier des »Eranos Vindobonehsts« t den 
er mit begrundet hat, erortert. So reihte sich H. wiirdig dem Grofimeister 
der Organisation wissenschaftlicher Arbeit Theodor M m m s e n , zu dessen 
Ruhm er die Rede hielt, selbst als grofler und erfolgreicher Organisator an. 

Es war das letztemal, dafi H. vor die groflc Offentlichkeit trat; eine 
zweite Gelegenheit, die sich ihm dazu bieten sollte, konnte er nicht mehr erleben. 
Fur den 18. Januar 1907 hatte er einen Vortrag in der Grillparzer-Gesellschaft 
uber das ihm besonders am Herzen liegende Thema: »Grillparzer und die Antike« 
zugesagt und den Vortrag im Manuskript schon Wochen vorher fertiggestcllt. 
Den Vortrag jedoch hielt er nicht, er erschien am 15. Januar als posthume 



320 



Hartel. 



Arbeit im Feuilleton des »Neuen Wiener Tagblattes«; am Abend des 18- 
aber fand in der Grillparzer-Gesellschaft die erste Gedachtnisfeier fiir den am 
14. Verstorbenen statt, bei der Ernest von K 6 r b e r die gedankentiefe und 
von warmer Empfindung getragene Gedenkrede hielt. (Veroffentlicht in der 
N. Fr. Presse, Morgenblatt v. 19. Januar 1907.) 

Dafi H., der in seiner Jugend von zarter Gesundheit war, spater eine so 
widerstandsfahige Natur hatte, dankte er den fruh geiibten und bis zuletzt 
fortgesetzten korperlichen Betatigungen mannigfacher Art. Er war ein Freund 
des Sports und furchtlos. Trotz seiner Beleibtheit — auf einem gedrungenen 
kurzen Korper saB ein grofler ausdrucksvoller Kopf — war er sehr gelenkig; 
und von elastischer Bewegung. Zu dem schon in der Schulzeit gepflegtert 
Turnen und Schwimmen (bis in sein letztes Jahr gewahrte es ihm Vergnugen, 
weit in die Alpenseen hinauszuschwimmen) trat spater das Reiten (als Professor 
konnte man ihn oft mit Adolf Exner und Richard Heinzel ausreiten sehen) 
und Fechten; Schlittschuhlaufer war er bis in die 90er Jahre, in den letzten 
Jahren auch Jager; seine Jagdgenossen waren der ihm besonders befreundete 
Fabrikbesitzer Ernst Mauthner, mit dem er auch oft kleine und groflere Reisen 
und Ausfliige unternahm, und der Maler Pochwalski. Bis zuletzt blieb ihm 
aber die Freude an der Touristik; nicht nur wahrend des Sommerurlaubs von 
Altaussee aus, wo er durch viele Jahre weilte, sondern auch sonst, so oft es 
irgend anging, machte er groflere oder kleinere Partien in die Bergwelt der 
A 1 p e n , spater in den Wiener Wald oder in die Voralpen. Er hatte eine grofle 
Orientierungsgabe und liebte es, ohne Fiihrer zu gehen. Obwohl er als Diabetiker 
sich eine strenge Diat auferlegen und alljahrlich in Karlsbad und Gastein Er- 
holung suchen muflte, machte er den Eindruck eines besonders kraftigen und 
gesunden Menschen, der Jiingeren und Schlankeren in alien korperlichen 
Ubungen uberlegen war. Durch das Zuckerleiden steigerte sich allerdings sein 
Augenubel, das ihm das Arbeiten erschwerte; um so bemerkenswerter ist es, 
dafl er auch als Sektionschef und Minister sich keiner Hilfe bediente und un- 
ermudlich, gewohnlich, wenn nicht andere Pflichten ihn abriefen, von 9 Uhr 
morgens bis 7 Uhr abends, sich nur eine kurze Mittagspause gonnend, im 
Ministerium tatig war. Im November 1903 trat jedoch sein Leiden infolge 
einer hinzugetretenen Entziindung plotzlich so heftig auf, dafl an seinem Auf- 
kommen gezweifelt und der Eintritt der Katastrophe befiirchtet werden muflte. 
Damals und wahrend seiner Rekonvaleszenz auf dem Semmering zeigte sich 
besonders lebhaft die Beliebtheit, deren sich H. in alien Kreisen erfreute. 
Genesen, konnte H. bald seine voile Tatigkeit wieder aufnehmen. (Auch als 
er unerwartet aus dem Amte schied, weilte er einige Tage auf dem Semmering; 
er war auf dem Sonnwendstein, als das Telegramm des Ministerprasidenten 
kam, das ihn nach Wien berief ; es wurde ihm telephoniert, es ware eine Staats- 
depesche gekommen, worauf er sofort auf den Semmering und von da nach Wien 
eilte und nach der ihm gewordenen Mitteilung sein Demissionsgesuch iiber- 
reichte.) Er erfreute sich dann, insbesondere in der letzten Zeit, ganz besonders 
guter Gesundheit. Am 6. Januar 1907 hatte er der Leichenfeier fiir Otto Benn- 
dorf angewohnt, am 9. eine Sitzung der philosophisch-historischen Klassen 
mit voller Frische geleitet, am Samstag, dem 12., nahm er an einem Diner 
beim Grafen Kuefstein teil, wo er sich jedoch bereits unwohl ftihlte; am 13. 



Hartel. 



321 



sollte er bei Josef Unger speisen, statt seiner kam die Nachricht, daB er am 
Abend vorher erkrankt sei. Ein heftiges Herzleiden hatte ihn befallen; am 
Sonntag verschlimmerte sich sein Zustand, Atemnot trat ein, und amfolgenden 
Tag, Montag, dem 14., abends nach 6 Uhr entschlief er. Herzschwache infolge 
von Arteriosklerose war die Todesursache. Am 17. Januar fand unter un- 
gemein starker Teilnahme das Leichenbegangnis statt; an der Seite der ihm 
ein Jahr vorher im Tode vorangegangenen Frau wurde er auf dem Hitzinger 
Friedhof bestattet. 

Wie im Leben, wurden H. auch nach dem Tode reiche Ehren zuteil. Von 
den Nachrufen in der in- und auslandischen Fach- und Tagespresse abgesehen, 
sei nur an die warme und tiefempfundene Wiirdigung seines Wesens und Wirkens 
durch den damaligen Unterrichtsminister Dr. Marchet und durch Graf Lanc- 
koronski (erschienen in der »Neuen Freien Presse« am 15. Januar 1907) er- 
innert und aus der groBen Fiille nur die ungemein ehrende Trauerkundgebung 
des Kaisers angefiihrt, der >>bewegten Herzens des aufopferungsvollen und ziel- 
bewuflten Eifers des der Wissenschaft geweihten Lebenslaufes, seiner hervor- 
ragcnden Erfolge als Gelehrter und seiner verdienstreichen Tatigkeit auf viel- 
seitigen Gebieten, der im In- und Auslande Bewundcrung und Anerkennung 
gezollt wurde, gedenk't, so daB des Dahingeschiedcnen Name von unvergang- 
licher Bedeutung bleibt und dem Vaterlande stets zur Ehre gereichen wird«. 
Am 23. Februar fand im grofien Festsaal der Universitat eine von der Akademie 
der Wissenschaften und der Universitat gemeinsam veranstaltete Gedenkfeier 
statt, bei der der President der Akademie Eduard Suefi, der Rektor der Uni- 
versitat Wilhelm Meyer-Liibkc eindrucksvolle Worte sprachen und der Schuler 
und Nachfolger H.s auf der Lehrkanzel Edmund Hauler die gehaltvolle Gedenk- 
rede hielt. Dafi der Mann, der nicht nur Lehrer und Rektor sondern auch 
Wohltater der Universitat war — in seinem letzten Willen bestimmte er »den 
ihm aus Kollegiengeldern und anderen Sporteln zugekommenen Betrag von 
40 000 Kronen* fur eine seinen Namen tragende Stipendienstiftung an der 
Wiener Universitat, deren Ertragnis solchen Studierenden auf die Dauer von 
zwei Jahren verliehen werden solle, die sich dem akademischen Lehramt 
widmen wollen; die philologischen Werke seiner reichen Bibliothek vermachte 
er dem philologischen Seminar dieser Universitat, dem er schon fruher eine 
groBe Anzahl von Schriften zugewandt hatte — im Arkadengange der Wiener 
Universitat, ihrer Ruhmeshalle, seinen Platz finden werde, konnte nicht zweifel- 
haft sein. Behufs Beschaffung eines wurdigen Denkmals trat bereits im Mai 
1909 unter dem Presidium des Vizeprasidenten der Akademie der Wissenschaften 
Eugen v. Bohm-Bawerk ein Hartel-Denkmal-Komitee, bestehend aus Freunden, 
Schulern und Verehrern H.s, zusammen. So wird denn gegeniiber dem Denkmal 
fiir Unterrichtsminister Leopold von Hasner jenes fur H. — beabsichtigt ist 
ein sitzendes Reliefbildnis — angebracht werden zur bleibenden Erinnerung 
an seine 30jahrige Wirksamkeit an dieser Alma mater. Aber eine wurdige 
Denkmalfeier hat bereits gewissermaflen stattgefunden : mit der am 2. Oktober 
1909 im groBen Festsaal der Universitat im AnschluB und gleichsam zum Ab- 
schluB der Grazer (50.) Versammlung deutscher Philologen und Schulmanner 
abgehaltenen gemeinsamen Festversammlung des Wiener »Vereins der Freunde 
des humanistischen Gymnasiums«, des »Deutschen Gymnasialvcreins« und der 
Berliner »Vereinigung der Freunde des humanistischen Gymnasiums*, wurde 

Biogr. Jahrbuch u. Deutscher Nckrolog". 13. Bd. 2 1 



322 



Hartel. 



eine Gedenkfeier fur Wilhelm von H. verbunden, die einen erhebenden Ver- 
lauf nahm. In einer zundenden Ansprache wurdigte der gegenwartige Minister 
fur Kultus und Unterricht Graf Stiirgkh das verdienstvolle Wirken seines 
Amtsvorgangers, und Hermann Diels entwarf in seinen »Worten der Erinnerung 
an Wilhelm von Hartek auf Grund personlichen Verkehrs und reicher Sach- 
kenntnis ein meisterhaftes Bild des geistigen Schaffens des Gelehrten und 
Akademikers. Ein von dem mit der Ausflihrung betrauten Bildhauer Heinrich 
Scholz herruhrender Denkmal-Entwurf war neben der Rednerkanzel aufgestellt 
und hob sich wirksam von dem ihn umgebenden Pflanzenschmuck ab; zur 
Huldigung fiir den Verstorbenen wurde eine Reihe schoner Kranzspenden 
niedergelegt. — — 

H. war auch in dem Sinne ein moderner Mensch, daB er voiles Verstandnis 
fiir die Stellung der Tagespresse im Verkehrs- und Geistesleben der Gegenwart 
hatte. Wie er selbst sein »journalistisches Intermezzo« hatte, wie erinseinem 
schonen Gltickwunschschreiben an Ludwig Speidel (zum 70. Geburtstag) sich 
ausdruckte — er hatte 1872 die Redaktion der »Schulzeitung«, der damals 
gegriindeten »Deutschen Zeitung« ubernommen und eine Zeitlang gefiihrt — 
so hat er oft fiir das »Neue Wiener Tagblatt« Artikel geschrieben, auch als 
Minister dieses Organ als Sprachrohr seiner Ansichten benutzt und einige 
feinsinnigc Aufsatze in der »Osterr. Wochenschrift fur Wissenschaf t und KunsU, 
in der »Wiener Abendpost« und in der »Deutschen Revue« verofTentlicht. 
Wie er fiir den offiziellen Ausstellungsbericht 1873 die Darstellung der Uni- 
versitaten iibernahm, schrieb er fiir das von Friedrich Uhl 1898 redigierte 
Kaiserblatt der »Concordia« ein schwungvolles Kapitel iiber die Universitaten. 

Aus derselben Wurzel stammte sein Verhaltnis zur deutschen Literatur. 
Trotz, ja vielmehr wegen seiner hohen und tiefen Verehrung fiir die altklassischc 
Literatur, die sich auf eingehende Beschaftigung und eindringliche Kenntnis 
ihres Werdegangs stutzte, hatte er nachhaltiges Interesse fur die neuere Literatur 
und zwar nicht nur die deutsche sondern auch die fremdlandische. Seine 
Lieblingsdichter waren Goethe und Heine, aber bei verschiedenen Gelegen- 
heiten zeigte er seine innige Vertrautheit sowohl mit der klassischen als spateren 
deutschen Literatur. Zum 70. Geburtstag richtete er als Minister (1902) einen 
Gliickwunsch an Ferdinand von S a a r , der die Muse dieses dsterreichischen 
Dichters treffend und feinsinnigkennzeichnete. Bei der Zentennarfeier fiir Johann 
Gabriel Seidl, den Schopfer der osterreichischen Volkshymne, dem er bereits 
1874 einen von feinem Verstandnis fiir die Art dieses liebenswiirdigen Dichters 
und Schulmanns zeugenden ausfuhrlichen Nekrolog in der »Zeitschrift fiir die 
osterreichischen Gymnasien« gewidmet hatte, hielt er die Festrede (n. Mai 
1904), desgleichen bei der Festakademie fiir die Schuljugend aus Anlafl von 
Schillers 100. Todestag am 8. Mai 1905. Als Preisrichter in den Kuratorien 
der Grillparzer- und der Bauernfeld-Stiftung hatte er Gelegenheit, sich mit 
den modernsten Richtungen zu beschaftigen, und zeigte auch da seine voile 
Unbefangenheit und sein reges Interesse. Er verehrte Gerhart Hauptmann, 
und unter seinem Vorsitz erhielt Arthur Schnitzler den Bauernfeldpreis. (Eine 
deshalb im Abgeordnetenhaus von den Christlich-Sozialen eingebrachte Inter- 
pellation — im heutigen Osterreich ist eben alles, auch das Verteilen von 
Literaturpreisen, Gegenstand parteipolitischer Kritik — beantwortete er kurz 
und biindig, aber korrekt und ruckhaltlos mit den Worten: tunter meiner 



Hartcl. 



323 



Teilnahme erhielten Gerechte und Sunder, Christen und Juden, Auslander und 
Inlander die Auszeichnung, da nach dem Stiftbrief nicht der Taufschein, sondern 
die literarischen Leistungen mafigebend sind«.) Als Vorstandsmitglied, spater 
Obmann und Ehrenmitglied des Wiener Goethe -Vereins, als Vorstandsmitglied 
der Grillparzer-Gesellschaft, endlich als Begriinder und Ehrenprasident des 
Literarischen Vereins in Wien, dessen Aufgabe a) die Herausgabe von Hand- 
schriften und alien vorkommenden Druckwerken deutscher, insbesondere 
deutsch-osterreichischer Dichter und Schriftsteller (Der erste Band (1904) der 
»Schriften des literarischen Vereines« ist dem Ehrenprasidenten gewidmet: er 
enthalt die von Anton Sauer herausgegebenen »Gesprache Grillparzers«), b) 
die Errichtung eines Literaturarchivs zur Aufnahme und Benutzung von Hand- 
schriften, Briefen und Dokumenten deutscher, insbesondere deutsch-oster- 
reichischer Schriftsteller ist — in der unter seinem Vorsitz im Empfangssaal 
des Unterrichtsministeriums am Palmsonntag (5. April) 1903 abgehaltenen 
konstituierenden Versammlung erorterte er das Programm in einer gehaltvollen 
Rede, in der er auf das Goethe-Schillcr-Archiv in Weimar als Muster hinwies — , 
wirkte er verdienstvoll im Interesse der deutschen, insbesondere der vater- 
landischen Literatur. 

Seine Stellung zur Kunst zeigt dieselbe Unbefangenheit wie jene zur 
Literatur. Ein groCer Schatzer der Alten war er auch voll Empfanglichkeit 
fiir die modernen Richtungen im Kunstleben und hielt es als Minister fur seine 
Pflicht, die Freiheit des kunstlerischen Schaffens zu wahrcn und dem Neuen 
Raum zur Betatigung zu geben, ,wie er dies in einer programmatischen Rede 
»Uber Wesen und Aufgabe der Akademie« bei der Preisverteilung in der Aka- 
demie der bildenden Kunste 1899 und in einer Interpellationsbeantwortung im 
Abgeordnetenhaus (aus Anlafi der vielumstrittenen Ernennung des Kammer- 
medailleurs Rudolf Marschall zum Akademieprofessor) am 9. Dezember 1904 
darlegte. Gern forderte er deshalb junge aufstrebende Talente. Diesem Zweck 
dienten kleine Ausstellungen, die er zeitweilig in den ihm zur Verfiigung 
stehenden, von ihm nicht benutzten Prachtraumen des Ministeriums ver- 
anstaltete, und es gewahrte ihm groOe Freude, wenn Bilder oder Plastiken 
von Anfangern, zu ihrer Unterstiitzung und Ermunterung, im Kreise seiner 
Freunde und Verehrer gekauft wurden. In den Fachschulen wurde unter ihm 
das Zeichnen nach der Natur eingefuhrt. Besonders erfolgreich war die von 
ihm veranlaflte erste Ausstellung samtlicher Fachschulen im Museum fiir Kunst 
und Industrie und durch ihre Anregung hat er das Kunstgewerbe und die mit 
ihm zusammenhangenden Industrien bedeutend gefordert. Die Ausstellung 
der von Gustav Klimt fiir die Universitat gemalten Deckenbilder weckten 
starken Widerspruch, die offentliche Meinung lehnte sie ab und die Universitat 
protestierte gegen die Annahme; die Vorwurfe, die deshalb gegen H. erhoben 
wurden, waren jedoch insofern unberechtigt, als er sie nicht bestellt hatte, 
sondern sein Vorganger im Amt. Auch fur die Ausschreitungen der Sezession 
konnte er nicht verantwortlich gemacht werden. Er sagte oft, wenn er ein 
privater Mazen ware, wiirde er nicht eines dieser Bilder in seine Sammlung 
geben, als Minister habe er aber die Pflicht, auftretende neue Richtungen nicht 
im Keime gewaltsam zu ersticken. Sonst kame man in der Kunst niemals aus 
der Nachahmung der Alten heraus. Personlich nahe standen ihm die Maler 
Eisenmenger und Ludwig Hans Fischer, Malczewski, mit dem er in Kleinasien — 

21* 



3^4 



Hartcl. 



gemeinsam mit dem Grafen Lanckoronski — gereist war und besonders Poch- 
walski, der sein treffliches Bild fiir die Portratgalerie des Unterrichtsministeriums 
gemalt hat, Max Klinger und die russische Bildhauerin Feodorowna Ries, die eine 
Marmorbiiste H.s schuf. Dem tiichtigen David Kohn, der auch den Erzherzog 
Rainer gemalt hatte, safi er zu einem Bilde in Rotelmanier. 

Als R e d n e r hatte H. seine eigene Note. Obwohl ihm die aufieren Mittel 
zu einem ziindenden Redner fehlten — er hatte weder eine weittragende 
Stimme noch eine besonders lebhafte Sprechweise, als Professor wirkte er auch 
mehr in den kleineren Kollegien und im Seminar, wahrend er in den groflen 
Vorlesungen durch seine leise und monotone Redeweise (wenigstens war es so 
zu meiner Studienzeit in der alten Universitat) nur die naherSitzenden fesselte— f 
so war er doch auch als Redner von grofier Wirkung, die er allerdings der feinen 
Form und dem inneren Gehalt der Rede dankte. Durch die Gewohnheit langsam 
zu sprechen und Pausen zu machen — seine charakteristische Gewohnheit war r 
die Unterlippe einzuziehen und mit den gekrummten Fingern der Rechten 
durch den langen Bart zu streichen — war es ihm moglich, auch in einer freien 
Rede die Schonheit der Sprache und die Eleganz der Form zu wahren. Die 
ihm eigenen Vorziige, Schlagfertigkeit, Ruhe, Witz und leise Ironie, grofie 
Sachkenntnis und Belesenheit, Verstandesscharfe, weltmannische Klugheit 
und weise MaBigung kamen ihm, insbesondere als Parlamentsredner, zustatten. 
Er verleugnete freilich auch in seinen Reden nicht den Professor und Aka- 
demiker, das beeintrachtigte aber, zumal mit Riicksicht auf die grofle Achtung, 
deren er sich gerade deshalb erfreute, nicht .ihre Wirkung, 

H. war ein Freund vornehmer, edler Geselligkeit und feinen Lebens- 
genusses, und es war ihm Bedurfnis, im »bequem-geselligen« Verkehr Anregung 
und Ausspannung zugleich zu finden. Auch heiteren Vergnugungen und echt 
wienerisch-volkstiimlicher Lust war er nicht abhold. In den Hausern, in denen 
er verkehrte, bei Theodor Gomperz, Josef Unger, Frau v. Dutschka, Bankier 
Pflaum, Rosa v. Gerold, Baron Sochor, Ludwig Lobmeyr, Ernst Mauthner 
u. a. war er als guter und geistreicher Gesellschafter, insbesondere aber wegen 
seines einfachen, ungezwungenen und herzlich teilnehmenden Wesens verehrt 
und hochgeschatzt. Wie er unverdrossen bei der Arbeit war, so waren Korper 
und Geist so gestahlt, dafl er einerseits die schwersten Strapazen, ja auch Ent- 
behrungen auf Reisen und Wanderungen leicht ertragen und sich mit dem 
Einfachsten begnugen, andererseits nach einem bis in die spaten Nachtstunden 
wahrenden gesellschaftlichen Vergniigen oder nach einem ermiidenden 4 — 6stun- 
digen Marsch ohne auszuruhen sich an den Schreibtisch setzen und bis in 
den Morgen arbeiten oder, lag keine dienstliche Verpflichtung vor, ernste 
Lektlire (etwa das neueste Heft der »Revue des deux mondes*) pflegen konnte. 
Auch seine reiche Korrespondenz erledigte er selbst und er war in der Er- 
fullung dieser Pflichten von seltener Gewissenhaftigkeit. Leider haben sich 
die Briefe an ihn nur zum geringen Teil erhalten (die meisten gingen bei der 
Obersiedlung aus der friiheren Wohnung in der Marxergasse in die spatere, 
in der Hefigasse, verloren, aber auch aus spateren Jahren sind verh&ltnismaflig 
nicht zu viele, meist solche an den Sektionschef und Minister, vorhanden; sie 
gewahren reiche Einblicke in die mannigfache Tatigkeit H.s; aber mehr Aus- 
beute fur die Wissenschaft und die Zeitgeschichte wurde eine Sammlung der 
Briefe H.s bieten). 



Hartei. 



325 



Der hervorstechendste Zug in H.s Wesen war Wohlwollen und gewinnende 
Liebenswiirdigkeit; am wohlsten fiihlte er sich, wo er ganz selbst er sein konnte f 
im Kreise naherer Freunde, denen er, der Vielbeschaftigte, oft Proben wahrer 
Herzensfreundschaft bot. Als Minister war er sonst, vielleicht weil oft Zu- 
mutungen an ihn herantraten, die er nicht erfiillen konnte, von einer gewissen 
Zuriickhaltung, die jedoch schw r and, als er von den Fesseln des Amtes befreit 
wieder der einfache, ungezwungene, jederzeit hilfsbereite und liebenswurdige 
Mann sein konnte. 

Aber man darf sagen, dafi H. in alien Lagen seines Lebens im wesentlichen 
der Gleiche blieb. Er scheute keinen Weg, wenn er helfen konnte, und stellte 
seine gewandte Feder gern in den Dienst einer ihm gut scheinenden Sache. 
Ich kann dafur einige personliche Erfahrungen mitteilen. Als ich im Jahre 
1895 mit einem jungeren Kollegen ihn, als Direktor der Hofbibliothek, fur 
die von uns angeregte Grundung eines Vereins fur Bibliothekswesen zu ge- 
winnen suchte, erklarte er sich sofort, den Wert der Institution anerkennend, 
dazu bereit, beriet mich fortwahrend bei den vorbereitenden Schritten und 
stellte sich, dadurch die Sache sichernd, an die Spitze des vorbereitenden 
Komitees. An die Spitze des Vereins zu treten, hinderte ihn die Ernennung 
zum Sektionschef, aber der Verein erfreute sich auch in Hinkunft seiner 
Forderung. Als im Sommer 1905 von mir angeregt der Verein der Freunde 
des humanistischen Gymnasiums von einem Komitee, bestehend aus Uni- 
versitatsprofessoren und Schulmannern, vorbereitet wurde und ihm — es war 
nach seinem Riicktritt vom Amte, im Oktober — der Entwurf eines Aufrufs 
mit der Bitte, ihm als erster beizutreten, vorgelegt wurde, erfullte er nicht 
nur diesen Wunsch, den Text vollinhaltlich billigend, sondern er veroffentlichte 
auch unter dem Titel »Ein neuer Verein« einen Artikel, der in meisterhafter 
Weise die Schwierigkeiten, mit denen das Gymnasium in neuerer Zeit iiber- 
haupt und in Osterreich im besonderen zu kampfen hat, und die Ziele und 
Aufgaben des neuen Vereins, an der Hand des Aufrufs, darlegte und dauernd 
forderte. Sein Interesse bekundete er durch rege Teilnahme an den Veran- 
staltungen des Vereins, an dessen Spitze Graf Stiirgkh trat. Als ich endlich 
in einem zuerst am 18. Januar 1905 in der damals von mir redigierten »Pada- 
gogischen Zeit« einen Aufsatz »Bibliotheksschenkungen« veroffentlichte, in 
welchem ich den Gedanken vertrat, dafi auch bei uns wie anderwarts, nament- 
lich in England und Amerika, auch die groGen wissenschaftlichen staatlichen 
Bibliotheken, vor allem die bedeutendste, die Wiener Universitats-Bibliothek, 
Private durch Stiftungen und Schenkungen fordern sollten und zur besseren 
Propagierung den Aufsatz als Werbeblatt hatte drucken lassen, gab mir H., 
da ich fur die Sache, die ihn interessierte, seine Unterstutzung mir erbat, 
den Rat, mir Zustimmungsbriefe bedeutender Personlichkeiten, deren Stimmen 
von besonderem Gewicht sein mufiten, zu erbitten. Auf meinen Wunsch er- 
ofifnete er die Reihe. Das Schreiben ist datiert vom 31. Dezember 1906 — l4Tage 
darauf starb er. Der SchluC: »Ermatten Sie nicht fur die gute Sache Gonner 
und Forderer zu gewinnen« war mir ein Vermachtnis. So kam eine ganze 
Sammlung von wertvollen und gewichtigen Schriftstiicken zusammen, und im 
weiteren Verfolg der Angelegenheit war es mir moglich, eine den Namen des 
Kaisers tragende Jubilaums-Stiftung fiir die Wiener Universitats-Bibliothek 
in Wien anzuregen und zu verwirklichen. Nicht unerwahnt darf aber seine 



326 



Hartel. Aufrecht. 



ruhrige und verdienstliche Tatigkeit als President des so segensreich wirkenden 
»Ferienhorts fur bedurftige Gymnasial- und Realschtiler« bleiben, in dem er 
so recht sein warmes Herz fur die Jugend und seinen menschenfreundlichen 
Sinn betatigen konnte. 

Oberblickt man den an sich unvergleichlichen Lebenslauf, der H. vom 
Gymnasialsupplenten zu den hochsten wissenschaftlichen und staatlichen 
Stellungen und Ehren fuhrte und ihm nicht nur die bis liber das Grab hinaus 
reichende Anhanglichkeit seiner zahlreichen Schuler, die tiefe Verehrung von 
Freunden, die allgemeine Wertschatzung, den Dank und die Anerkennung der 
hochsten staatlichen Faktoren, aber auch als Forscher und Organisator wissen- 
schaftlicher Arbeit ein bleibendes Andenken gfcsichert hat, so darf man Wilhelm 
v. H. wohl gliicklich nennen, aber es darf dabei die Summe rastloser Arbeit, 
die sein kaum 68jahriges Leben umschliefit, ebensowenig iibersehen werden 
wie das zielbewufite Streben, die groflen Geistesgaben und die edlen Charakter- 
eigenschaften, denen er seine Erfolge verdankte. 

Quell en: Dem Verfasser standen aufler eigenen personlichen Erinnerungen Mit- 
teilungen des Sohnes W. v. H.s, Min.-Sekr. Dr. Karl R. v. Hartel, der ihm auch freundlichst 
die Jugendbriefe H.s, die erhaltencn Briefe an ihn, die Dokumente, eine fast vollstandige 
Sammlung von Zeitungsausschnitten u. a. m. zur Verfugung stellte, ferner der Herren: Graf 
Lanckoronski, Sekt.-Chef a. D. Dr. Stadler v, Wolfersgriin, Josef Unger, Theodor Gomperz, 
Sigmund Exner, vormal. Kustos der Hofbibliothek Rud. Geyer, Fabrikbesitzer Ernst Mauthner, 
endlich die Akten des k. k. Ministeriums fiir Kultus und Unterricht zu Gebote. Es ist ihm 
Bediirfnis, dafiir auch an dieser S telle herzlichen Dank zu sagen. Wo seine Darstellung von 
fruheren abweicht, stiitzt sie sich auf eigene Kenntnis, auf Akten oder authentische 
Mitteilungen. 

Von gedruckten Materialien seien erwahnt: die autobiographische Skizze H.s im »No- 
tizenblatt der histor.-statist. Sektion der k. k. mahrisch-schles. Gesellschaft z. Bcford. des 
Ackerbaus, der Natur- u. Landeskunde« (Beil. d. Mitteilungen) 1884 Nr. 3 u. mit Benutzung 
dieser autobiographischen Skizze von Dr. Franz Illek im Jg. 1889 desselben Notizenblattes 
Nr. 4, der ausfuhrliche Nekrolog in der Zeitschr. f. d. ost. Gymn. 1907 S. 193 ff. (bestehend 
aus der Gedenkrede Edm. Haulers u. Wiirdigung der Tatigkeit Hartels f. die Entwicklung 
des osterr. Mittelschulwesens durch die Redaktion), die Gedenkrede des Gymnasialdirektors 
Anton Stitz im Vereine Mittelschule (= Osterr. Mittelschule 21 (1907) S. 145 ff.) t der ein- 
gehende Nekrolog August Engelbrechts im »Biogr. Jahrbuch f. Altertumskundc« 31. Jg. m i t 
einem vollstandigen chronologisch geordneten Scbrif tenvcr- 
z e i c h n i s (auch selbstandig, Lcipzig-Reisland 1908), der Aufsatz Seyss- In quarts im 
Programm des deutschen Gymnasiums in Olmutz 1907, endlich die Reden des Unterrichts- 
ministers Grafen Sturgkh u. Diels' in den ^Mitteilungen des Ver. d. Freunde d. human. 
Gymn.* 10. Heft. 

Wien. S. Frankfurter. 

Aufrecht ! ), Theodor, * 7. Januar 1821 zu Leschnitz in Oberschlesien, 
t 3. April 1907 in Bonn als ord. Professor der vergleichenden Sprachwissen- 
schaft und indischen Philologie. — Er stammte aus einer kinderreichen, israeliti- 
schen Farnilie, in der mehrere Mitglieder wie er ein hohes Alter erreichten, 
aber keins aufler ihm, soviel mir bekannt, eine gelehrte Laufbahn eingeschlagen 
hatte. Als daher der hochbegabte Knabe schon friihe einen ausgesprochenen 
Hang zum Studium verriet, fand er dafiir bei den Eltern kein Verstandnis 

Totcnliste 1907 Band XII 7*. 



Aufrecht. 



327 



und konnte ihm erst nach hartem Kampfe und mit Unterstiitzung eines Ver- 
wandten nachgehen. Durch Privatunterricht vorgebildet, besuchte er von 
Quarta an das Gymnasium in Oppeln (1836 — 1842) und nach dessen Absol- 
vierung die Universitat in Berlin, um klassische Philologie zu studieren. Aber 
sein Fachstudium nahm ihn nicht so vollstandig in Anspruch, daC er sich daneben 
nicht auch mit einer Reihe anderer, besonders orientalischer Sprachen griindlich 
hatte bekannt machen konnen. Friih fand er hier das Gebiet, dem er bald 
seine ganze Kraft widmen sollte: denn ihn zogen vornehmlich das Sanskrit 
und die vergleichende Sprachwissenschaft an. In diesen Fachern verdankte 
er seinem Lehrer Bopp weniger grundliche Schulung als vielseitige Anregung; 
im Sanskrit hat er im wesentlichen, und zwar sehr zu seinem Nutzen, seinen 
Weg selbst gesucht und gefunden. Er promovierte in Halle 1847 mit einer 
Dissertation: De accentu compositorum Sanscriticorum (Bonn 1847), der ersten 
Spezialdarstellung dieses Gegenstandes. Nach einem vorubergehenden Aufent- 
halt in Leipzig linden wir ihn wieder in Berlin, wo er mit dem damaligen Privat- 
dozenten Kirchhoff zusamrrien das grundlegende zweibandige Werk »Uber 
die umbrischen Sprachdenkmaler« Berlin 1849, 185 1 ausarbeitete. Durch 
dieses Werk, das Entzifferung und Deutung jener altitalischen Inschriften im 
groflen und ganzen zum Abschlufi brachte, haben sich die beiden Verfasser, 
wie Benfey mit Recht sagte, ein unvergangliches Denkmal im Gcbiete der 
vergleichenden Sprachwissenschaft gesetzt. Bald nach dem Erscheinen des ersten 
Bandes desselben habilitierte sich A. als Privatdozent in Berlin. Er las haupt- 
sachlich uber Altenglisch, Altsachsisch und Altnordisch. Zunachst stand fur 
A. die vergleichende Sprachwissenschaft noch im Mittelpunkte seiner Interessen. 
So grundete er mit seinem Freunde Adalbert Kuhn die »Zeitschrift fiir ver- 
gleichende Sprachforschung« 185 1; er trat aber schon im folgenden Jahre 
auf Gfund seiner Ubersiedelung nach England aus der Redaktion aus. Die 
ersten Bande dieser Zeitschrift enthalten viele Beitrage aus seiner Feder; von 
1856 an schrieb er mehrere sprachvergleichende Aufsatzc fiir die Transactions 
of the Philological Society (London). Doch daruber wurden die Sanskritstudien 
nicht vernachlassigt und sie traten wieder in den Vordergrund, als A. 1852 
nach Oxford ging, um Max Miiller bei der Vorbereitung seiner groflen Ausgabe 
des Rigveda mit Sayanas Kommentar behilflich zu sein. Diese Beschaftigung 
wahrte nicht lange. Denn in weniger als Jahresfrist fand er eine Anstellung 
an der Oxforder Bibliothek, der beruhmten Bodleyana, zur Ausarbeitung des 
Katalogs der Sanskrit-Handschriften, der unter dem Titel Catalogus codicum 
Sanscriticorum Bibliothecae Bodleianae, Oxford 1864, 4 , erschienen ist. Eine 
ahnliche Arbeit, aber von bescheidenerem Umfange, lieferte er auch fiir Cam- 
bridge: a Catalogue of Sanscrit Manuscripts in the Library of the Trinity College, 
Cambridge 1869, 8°. Diese Katalogisierungsarbeiten waren bestimmend fiir 
die Lebensaufgabe, die A. sich setzte und an der er bis zum letzten Atemzuge 
gearbeitet hat. Denn es handelte sich fiir ihn bei diesen Katalogen nicht etwa 
bloC um die Identifizierung der Werke und Beschreibung der Handschriften, 
sondern um nichts weniger als die systematische Durchmusterung der ganzen, 
in den Handschriften niedergelegten und zum groflten Teile noch unbekannten 
Sanskritliteratur. Zwar waren einige Vorarbeiten vorhanden, namentlich 
Webers vorziigliches »Verzeichnis der Sanskrithandschriften der Kgl. Bibliothek 
in Berlin*, 1853, aber trotzdem hat A. von Grund auf neu gebaut und ein festes 



328 Aufrecht. 

Fundament fur die ganze indische Literaturgeschichte gelegt. Wie er dabei 
vorging, konnen wir jetzt im einzelnen verfolgen. Denn der ganze wissenschaft- 
liche Apparat, den A. in einem ungewohnlich langen und arbeitsvollen Leben 
zusammengebracht hat, ist von der Bibliothek des India Office erworben worden, 
und einen Katalog desselben (denn er ist schon in sich eine ansehnliche hand- 
schriftliche Bibliothek) hat Herr F. W. Thomas in seinem Artikel +The Aufrecht 
collections im Journal of the Royal Asiatic Society 1908 S. 1029 ff. gegeben. Es 
ist von allgemeinem Interesse, an dem vorliegenden Falle kennen zu lernen, 
nach welcher Methode die systematische Erforschung eines grofien Literatur- 
ganzen vorgenommen werden mufi, um so eine neue Philologie auf feste Grand - 
lagen zu stellen; und zugleich gibt uns die Einsicht in A.s Arbeitsweise einen 
Mafistab fur die Tiefe seiner Forschernatur, die Grofle seines FleiBes und die 
Starke seines Geistes, der von der Masse des Stoffes nicht niedergedruckt wurde, 
sondern die Herrschaft iiber ihn behauptete. A. hat alle Texte, die er in seinen 
Katalogen beschreibt, durchgegangen, die wichtigeren genau durchgelesen, 
stets mit der Feder in der Hand. Von vielen Manuskripten machte er Ab- 
schriften und kollationierte sie mit andern; er verzeichnet alle Erwahnungen 
von Autoren und Werken, uberhaupt alles, was fur die Literaturgeschichte 
von Bedeutung sein konnte, er notierte lexikalische Eigentumlichkeiten, legte 
Spezialworterbucher, ja indices verborum von vielen Schriften an; er machte 
alphabetische Listen der Versanfange von den meisten klassischen Gedichten, 
ja selbst von den Epen und mehreren Puranas, um mit ihrer Hilfe anonyme 
Zitate verifizieren zu konnen. Dafl solche Vorbereitungen getroffen werden 
miissen, wenn es gilt, eine Literatur zu erschlieBen, die zum groflten Teil aus 
undatierten Werken besteht, ist hinterdrein leicht einzusehen; aber das Be- 
wunderungswiirdige bei A. ist nicht, dafi er diese Vorarbeiten als notwendig 
erkannte, sondern dafi er sie ausfuhrte, ein zweiter jfoXx^vrepo*, unverdrossen 
mit Daransetzung ungezahlter Stunden. Aber nicht seiner ganzen Zeit. Denn 
nebenher schloB er teils altere, teils gleichzeitig unternommene Arbeiten ab. 
Es erschienen bald nacheinander zwei Textausgaben einer grammatischen 
Schrift: Ujjvaladatta's commentary on the Uipadi Sutras, Bonn 1859, und einer 
lexikalischen : Halayudha's Abhidhdnaratnamdld, London 1861. Wich tiger 
aber war seine Ausgabe des Rigveda, in lateinischer Umschrift, im 6. und 
7. Bande der Indischen Studien, Berlin 1861, 1863. Diese erste vollstandige 
Ausgabe des altesten und ehrwiirdigsten Sprachdenkmals Indiens war vom 
grofiten Einflufl auf unsere damaligen Sanskritstudien, die sich seit mehr als 
einem Jahrzehnt der Erforschung des Veda zugewandt hatten und nun erst 
den ganzen Text in handlichster Form erhielten. Gleichzeitig hatte A. ein 
Glossar zum Rigveda ausgearbeitet; aber er hat sich nie entschlieflen konnen, 
es zu veroffentlichen, auch nachdem er Glossare zu den ubrigen Veden und 
den wichtigsten vedischen Schriften angelegt hatte, von denen er Licht fiir 
dunkle Worter und Stellen erhoffte. Es blieb nach seiner Meinung noch zu viel 
Unklares und Unsichercs. Mitbestimmend mag aber auch gewesen sein, daB 
die interpretatorische Tatigkeit nicht sein voiles Interesse dauernd in Anspruch 
nahm, wie er denn zwar manche treffliche Einzelbemerkungen, nie aber einen 
zusammenhangenden Erklarungsversuch von sich gegeben hat. Jetzt befinden 
sich auch diese Vorarbeiten in der Bibliothek des India Office und harren der 
Verwertung flir die Wissenschaft. 



Aufrccht. 



329 



Das Ansehen, das sich A. durch diese Arbeiten in seiner neuen Heimat 
erwarb, trug ihm 1862 die Berufung auf den neu gegriindeten Lehrstuhl fur 
Sanskrit und vergleichende Sprachwissenschaft an der Universitat in Edin- 
burgh ein. Dort vermahlte er sich mit Helen Mary, geb. Harington, die ihm 
eine verstandnisvolle und aufopfernde Lebensgefahrtin war und ihm in Jahres- 
f rist in den Tod folgte. Kinder entsproflten dieser Ehe nicht. — Als im Jahre 1875 
die Sanskritprofessur an der Bonner Universitat durch den Riicktritt Chr. Lassens 
vakant wurde, wurde A. an dessen Stelle berufen, die er bis zum Jahre 1889 be- 
kleidete. Er las auch hier uber Sanskrit und vergleichende Sprachwissenschaft. 

Uber A.s wissenschaftliche Tatigkeit in England ist schon oben zusammen- 
hangend berichtet worden. In Bonn veroffentlichte er zunachst eine neue 
Ausgabe des Rigveda, da die in den Indischen Studien erschienene bereits 
vergriffen war: »Die Hymnen des Rigveda«, Bonn 1877 2 Bd., ebenfalls in 
lateinischer Umschrift. Diese zweite Ausgabe bietet aufier dem sorgfaltig 
revidierten Text und Angaben, die schon in der ersten Ausgabe in anderer 
Form enthalten waren, manches neue: eine Einleitung mit wichtigen Be- 
merkungen uber den sekundaren Charakter vieler Hymnen der vorliegenden 
Sammlung und uber die Wertlosigkeit der Varianten im Samaeveda; ferner 
ein Verzeichnis der Versanfange und Vergleichstellen, ein Hilfsmittel der 
Forschung, das jetzt erst durch Bloomfields monumentale »Vedic Concordance* 
1906 iiberholt worden ist; endlich eine kurze Inhaltsangabe. Zwei Jahre spater 
veroffentlichte er eine transkribierte Ausgabe des »Aitareya Brdhmapa mit 
Ausziigen aus dem Kommentar von Sayaipa und anderen Beilagen*, Bonn 
1879, die diesen zuerst von M. Haug herausgegebenen und ubersetzten wichtigen 
Text frei von Fehiern mit den notigen Hilfsmitteln zum genaueren Verstandnis 
leicht zuganglich machte. Neben diesen vedischen Arbeiten wandte A. sich 
wieder der Beschaftigung mit der klassischen Sanskritpoesie zu. Schon 1862 
und 187 1 hatte er eine »Auswahl von unedierten Strophen verschiedener Dichter« 
mit metrischer Obersetzung in der Zeitschrift der Deutschen Morgenlandischen 
Gesellschaft Bd. 16 S. 749 ff., Bd. 25 S. 238 ff., 455 fiF. herausgegeben. Uber- 
wog bei diesen friiheren Arbeiten das asthetische Interesse, so stellt sich ihm 
das literarhistorische in den spateren zur Seite; es sind die umfangreichen 
Arbeiten in derselben Zeitschrift »0ber die Paddhati von Qdrfigadhara* Bd. 27 
S. 1 ff. und »Beitrage zur Kenntnis indischer Dichter« Bd. 36, S. 361 ff., 509 ff. 
nebst einigen kleineren Artikeln. In diesen Veroffentlichungen ging A.s Streben 
dahin, alle Strophen namhaft gemachter Dichter, deren vollstandige Werke 
nicht erhalten sind, zusammenzutragen und die wertvollsten in Text und Ober- 
setzung mitzuteilen. Diese Arbeit ist spater von seinem Schiiler Professor 
Peterson in Bombay durch die Herausgabe zweier einheimischen Anthologien, 
Subhdsitdvali und ^SdYfigadharapaddhali, in groBerem Mafistabe fortgesetzt 
worden, ohne dafl A.s Vorarbeiten im einzelnen veraltet seien, namentlich 
behalten seine Obersetzungen ihren Wert. Eine Auswahl aus seinen deutschen 
Nachdichtungen vermehrt durch neu entstandene hat A., der eine gefallige 
dichterische Fahigkeit besafi, in einem Buchlein »Bluten aus Hindostan«, 
Bonn 1873, herausgegeben, der einzigen popularen Schrift, die von ihm be- 
kannt geworden ist. 

Wenn man die Arbeitslast bedenkt, die A. fortgesetzt trug und von der 
die publizierten Arbeiten nur wenige reife Fruchte darstellen, mufi man uber 



330 



Aufrecht. 



die Leistungsfahigkeit des unermudlichen Gelehrten staunen. Aber die ununter- 
brochene geistige Tatigkeit, bei der er sich mit wenigen Stunden Schlafs aus- 
zukommen gewohnt hatte, wirkte doch zuletzt nachteilig auf seine psychische 
Konstitution. Erregungszustande stellten sich wahrend seiner Bonner Zeit 
in beunruhigender Weise ein und veranlafiten ihn 1889, sich von seiner Lehr- 
tatigkeit entbinden zu lassen. Er siedelte nach Heidelberg uber in Erfullung 
eines langgehegten Wunsches, ohne aber die erhoffte Befriedigung zu finden; 
denn nach 3 Jahren kehrte er nach Bonn in den kleinen Kreis seiner dortigen 
Freunde zurtick. Sein Gesundheitszustand blieb aber schwankend und zeit- 
weilig verstarkten sich die Symptome zu bedenklicher Hohe. Zwar gingen 
sie bald bei grundlicher Behandlung zuriick, kehrten aber spater in geringerem 
Grade ofters wieder und verdiisterten den spaten Lebensabend des immer 
mehr vereinsamenden Mannes. Aber seine Schaffenslust litt darunter nicht 
dauernd, noch auch der Wert seiner Arbeit, der er ein groOes, aber erreichbares 
Ziel gesetzt hatte, das man als eine Inventarisierung der Sanskritliteratur, 
soweit sie uns handschriftlich erhalten ist, bezeichnen kann. Die von der indi- 
schen Regierung betriebene Nachforschung nach Sanskrithandschriften, die 
namentlich von G. Buhler in erfolgreichster Weise in die Wege geleitet und 
spater von P. Peterson und anderen weitergefuhrt worden war, hatte eine 
ungeahnte Fiille von Manuskripten zutage gefordert, uber die in zahlreichen 
Katalogen und Abhandlungen Bericht erstattet war. Dieses weit zerstreute 
und zum Teil schwer zugangliche Material zugleich mit allem, was sonst in 
Europa uber Sanskrithandschriftensammlungen bekannt war, zusammen- 
fassend zu verarbeiten, war die Aufgabe, die A. in seinem Catalogus Catcdogorum 
sich setzte und loste. In den drei Banden dieses monumentalen Werkes (Leipzig 
1 891 — 1903) sind alle Sanskritautoren und -werke (mit AusschluG der buddhisti- 
schen und jainistischen) mit Angabe biographischer Daten, soweit solche fest- 
zustellen sind, alphabetisch aufgefiihrt und unter jedem einzelnen Werke die 
davon vorhandenen Handschriften ubersichtlich verzeichnet. So entstand 
ein Hilfsmittel von unschatzbarem Werte fur jeden Forscher auf dem Gebiete 
der indischen Literatur. Im Zusammenhang mit dieser Arbeit steht A.s Kata- 
logisierung der Sanskrithandschriften in Florenz {Florentine Sanskrit Manu- 
script, Leipzig 1892), in Leipzig (Katalog der Sanskrithandschriften der Univer- 
sitatsbibliothek zu Leipzig, 1901) und Munchen (die Sanskrithandschriften 
der Kgl. Hof- und Staatsbibliothek in Munchen, 1909). Bei der Drucklegung 
des Miinchener Katalogs schwanden dem Sechsundachtzigjahrigen die Krafte. 
Der Schwachezustand nahm in den letzten zwei Monaten schnell zu; nach 
zehntagigem Bettlager entschlief er sanft und ohne Schm^rzen. 

A.s Name wird stets mit hohen Ehren in der Geschichte der von ihm ver- 
tretenen Wissenschaften genannt werden, nicht nur weil er bei deren erstem 
Ausbau in hervorragendem Mafie mitgearbeitet hat, sondern namentlich weil 
die von ihm geschaffenen Werke eine sichere und dauerhafte Grundlage bilden, 
auf der die Folgezeit weiter bauen muflte. Ja sie scheinen geradezu daraufhin 
angelegt zu sein. Denn A. stellte sich mit Vorliebe umfassende Aufgaben, deren 
Losung er fur die wissenschaftliche Fundierung der jungen Sanskritphilologie 
als notwendig erkannt hatte. Einmal entschlossen, achtete er Zeit und Muhe 
gering, welche die Bewaltigung des Stoffes und die Ausfiihrung notiger Vor- 
arbeiten erforderte, und er ruhte nicht eher als bis er glaubte, das Tatsachliche 



Aufrecht. 33 1 

gesichert und vollstandig geben zu konnen. Alle seine grofleren Arbeiten zeichnen 
sich durch strenge Sachlichkeit und niichterne Klarheit aus. Er schrieb fiir die 
Zukunft und war nie um augenblicklichen Erfolg bemliht. Daher stammen 
von ihm keine aufsehenmachende Theorien, wie er sich denn auch nur sehr 
selten zur Aufierung einer Ansicht hat hinreifien lassen, die nicht so gut wie 
erwiesen gewesen ware. Wert hatte fiir ihn nur das bleibende Resultat; wenn 
selbst jahrelange Arbeit nicht zu einem solchen gefuhrt hatte, hatte er die 
Selbstentsagung, diese vergeblichen Vorarbeiten ad acta zu legen. So hatte sich 
A. im Zusammenhang mit seinen altitalischen Forschungen anhaltend und 
eingehend mit der Entzifferung der etruskischen Inschriften beschaftigt; zu 
dem Zwecke hatte er sich mit dem Baskischen und den kaukasischen Sprachen 
bekannt gemacht und sie auf ihren Wortschatz hin durchmustert; er hatte 
auch ein vollstandiges Worterverzeichnis der etruskischen Inschriften angelegt, 
das er aber aus der Sammlung ausschied, welche die Bibliothek des India Office 
erworben hat. Bei diesen Studien wird er manche geistvolle Vermutung gefaBt, 
manch' Fundlein gemacht haben; aber davon drang nichts in die Offentlichkeit, 
selbst nicht die vielleicht nicht iiberfliissige Warnung, daC mit den seinerzeit 
gegebenen Mitteln das etruskische Ratsel nicht zu losen sei. 

Die wissenschaftliche Personlichkeit A.s tritt uns aus seinen Arbeiten 
in markierten Ziigen entgegen; doch darf man sich durch sie nicht zu dem 
naheliegenden Irrtum verleiten lassen, daB ihn seine Fachwissenschaften voll- 
standig in Anspruch genommen hatten. Er war ein Gelehrter alten Schlages, 
wie sie jetzt immer seltener werden, ein Philologe nicht nur vollstandig ver- 
traut mit der indischen Literatur, sondern auch sehr belesen in den Literaturen 
der klassischen Sprachen, des Englischen, mehrerer romanischen und namentlich 
der germanischen Sprachen, ein grundlicher Kenner unserer Klassiker, be- 
sonders Goethes. Die Naturwissenschaften standen ihm ferner, doch bekannte 
er, dafi ihn in jiingeren Jahren die Medizin lebhaft angezogen und er dieser 
Neigung nur schweren Herzens entsagt habe. 

A. war von kleiner Statur, dunklen Augen und schwarzem Haar, das auch 
im hochsten Alter seine Farbe nicht ganzlich verlor. Er war eine grundehrliche 
Natur, von schlichter heiterer Gemutsart, ein zuverlassiger opferfahiger Freund, 
ein besonnener sparsamer Haushalter, der aber stets eine offenc Hand hatte, 
wo er unverdientes Ungluck fand und es mildern konnte. In vertrautem Kreise 
war er ein munterer Gesellschafter; lieber aber noch suchte er Erholung in 
langen Wanderungen, namentlich an der ihm besonders lieben Mosel. In spateren 
Jahren mied er immer mehr die Gesellschaft und lebte in den beiden letzten 
Dezennien seines Lebens ganz zuriickgezogen, einfach und regelmaCig, von 
fnihestem Morgen bis in die spate Nacht seinen Studien obliegend. Ehe ihn 
der Tod von seiner Lebensarbeit, dem selbstgeschaffenen handschriftlichen 
Apparat abrief, sorgte er, wie schon erwahnt, durch dessen VerauBerung an 
die Bibliothek des India Office dafur, dafl er als Ganzes erhalten bliebe zum 
Nutzen der Wissenschaft. Als er diesen Schritt tat, schrieb er einem jiingeren 
Freunde, er habe das Gefuhl, als wenn er Frau und Kinder verloren hatte. 

Anerkennung und Ehren sind ihm in reichem Mafie zuteil geworden. Er 
war Ehrenmitglied der Deutschen Morgenlandischen Gesellschaft und der 
Royal Asiatic Society, Mitglied der Royal Institution in Edinburgh, korre- 
spondierendes Mitglied der Berliner und Miinchener Akademien der Wissen- 



332 



Aufrecht. Schrader. 



schaften, der Gelehrten Gesellschaft in Gottingen und der Gesellschaft fur 
Wissenschaft in Kopenhagen. Die Universitat in Oxford ernannte ihn zum 
Magister artium, die von Cambridge zum Doctor of Letters, die von Edinburgh 
zum Doctor of Law. Die preuBische Regierung verlieh ihm den Kronenorden 
2. Klasse. 

Nachrufe erschienen in der Bonner Zeitung 1907, April 7; Journal of the Royal Asiat. 
Society, 1907 S. 1121 fT. (von Thomas); Chronik der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Uni- 
versitat 1907 (von Jacobi). j^ J a C O b i. 

Schrader 1 ), Wilh elm, * am 5. August 1817 in Harbke, einem Dorfe in der 
Nahe von Helmstedt in der Provinz Sachsen, als Sohn des dortigen Kantors, 
f in Halle 2. November 1907. — Er besuchte das Helmstedter Gymnasium, 
machte aber als geborner Preufle das Abiturienten-Examen in Halberstadt. 
Ostern 1836 bezog er die Universitat Berlin und studierte die klassische Phi- 
lologie. Er wurde hier Schuler A. Bockhs. Das philosophische Interesse be- 
friedigten die Vorlesungen der Hegelianer Gabler, Werder, Hotho, Erdmann. 
Im Herbst 1839 folgte er einer Aufforderung, den Unterricht der Kinder des 
Rittergutspachters Michaelis in Suderode bei Ilsenburg zu iibernehmen, und 
blieb in dieser Stellung drittehalb Jahre. In der edlen, fein gebildeten Familie 
fuhlte sich Sch. wohl. Die Mufle, die ihm ubrig blieb, verwandte er zum Stu- 
dium von Hegel, Aristoteles, Sophokles. Nach Berlin zuruckgekehrt, bercitete 
er sich zur Promotion vor. Seine schriftliche Arbeit war Aristoteles gewidmet, 
fiir dessen Verstandnis ihm die Teilnahme an einem von Trendelenburg ge- 
leiteten Seminar forderlich war. 1843 erfolgte die Promotion und die Staats- 
priifung. In dieselbe Zeit fallt seine Verlobung mit der zweiten Tochter des 
Professors Pfund am Joachimsthalschen Gymnasium in Berlin, Bertha. 1844 
legte er an der genannten Anstalt, die damals August Meineke leitete, sein 
Probejahr ab; zugleich wurde erMitglied des Bockhschen padagogischen Semi- 
nars. Sowohl seine Lehrtatigkeit als auch seine Bcziehung zu Meineke, der ihn 
zur Beaufsichtigung seiner Sohne in sein Haus aufgenommen hatte, gab ihm 
Gelegenheit, literarische GroCen jener Zeit, Lachmann, J. Becker, Trendelen- 
burg, die Briider Grimm, Steffens kennen zu lernen. In L. Wiese gewann er 
sich einen wohlwollenden Gonner. 1846 wurde Sch. als Konrektor an das 
stadtische Gymnasium in Brandenburg berufen und griindete nun den eignen 
Hausstand. 

Bedeutungsvoll wurde fiir Sch. das Jahr 1848, indem es ihn in die politische 
Arena ftihrte. Er wurde zum Mitglied des Frankfurter Parlaments gewahlt, 
dem er bis Ostern 1849 angehorte. Er hatte sich an das rechte Zentrum ange- 
schlossen. Als einen Ertrag fiir das unmittelbar personliche Leben durfte er 
die Freundschaft mit Max Duncker und Rudolf Haym mitbringen, eine Freund- 
schaft, die nie erkaltete. In seiner Autobiographic hat er die politische Garung 
jener Zeit und die Arbeiten des Parlaments, die er bis in das hohe Alter hinein 
hochgeschatzt hat, anziehend geschildert J ). 

Inzwischen hatte die hervorragende wissenschaftliche und padagogische 
Tiichtigkeit Sch.s die Aufmerksamkeit der vorgesetzten Behorden auf ihn 



') Totenliste 1907 Band XII 79*. 

2 ) Erfahrungen und Bekenntnisse. Berlin 1900. 



Schrader. 



333 



gelenkt. Infolgedessen erhielt er einen Ruf als Lehrer fur die oberen Klassen 
des Gymnasiums in Elbing, den er jedoch ablehnte, da er nicht eine wesentliche 
Anderung gegeniiber seiner Stellung in Brandenburg bedeutete. Dagegen war 
er bereit, die ihm angebotene Stellung als Direktor des Gymnasiums in Luckau 
zu ubernehmen. Aber der neueingetretene Kultusminister v. Raumer, der 
Minister der Reaktion, versagte die Bestatigung, da ihm die deutsch-nationale 
Gesinnung Sch.s mififiel. Doch scheint das Mifltrauen des Ministers nach- 
gelassen zu haben, denn er bestatigte die Wahl Sch.s zum Direktor des stadti- 
schen Gymnasiums in Sorau. Ostern 1853 trat er das neue Amt an. Kaum drei 
Jahre verwaltete er dasselbe, als er zum Provinzialschulrat nach Konigsberg 
berufen wurde. Es bestand urspriinglich die Absicht, ihm diese Stellung in 
Magdeburg zu iibcrtragen, aber der Minister anderte sie, er wird Sch.s politische 
Richtung fur das entlegene Ostpreufien als weniger gefahrlich eingeschatzt 
haben. 

Die Tatigkeit, die Sch. von Konigsberg aus auf dem Gebiete des hoheren 
Schulwesens lange Zeit hindurch fur die vereinigten Provinzen Ost- und West- 
preuflen ausgeubt hat, nach der Trennung der Provinzen fur Ostpreufien, bildet 
den Hohepunkt seines amtlichen Wirkens. In alien Beziehungen war sie an- 
regend und fordernd. Seine ausgeglichene, abgeklarte, milde und doch ener- 
gische, Freiheit in den notwcndigen Grenzen gewahrende Personlichkeit gewann 
ihm Liebe und Verehrung. Die Leitung der wissenschaftlichen Prufungs- 
kommission und des padagogischen Seminars, die ihm als Nebenamter iiber- 
tragen wurden, gaben seinem wissenschaftlichen Intercsse Anlafi, es auch 
literarisch zu betatigen. So entstand 1868 (5. Aufl. 1893) seine Unterrichts- 
lehre, in der er, soweit die philosophischen Fundamente in Betracht kommen, 
sich nahe mit Lotze beriihrte. Zehn Jahre spater erschien die erganzende 
Schrift iiber die Verfassung der hoheren Schulen (3. Aufl. 1889). Sch. steht 
der neueren Bewegung auf padagogischem Gebiete mehr ablehnend als zu- 
stimmend gegeniiber. Er vertritt den Standpunkt des humanistischen Gym- 
nasiums. Paritatische Gymnasien und Volksschulen betrachtet er als Ergeb- 
nisse von Notstanden, die in einzelnen Fallen sie fordern, prinzipiell aber verwirf t 
er sie im Intercsse cinheitlicher Erziehung und zusammenstimmenden Unter- 
richts. Kleinere wertvolle Aufsatze Sch.s, die in seine Konigsberger Zeit fallen, 
iibergehe ich. 

In den drei letzten Jahrzehnten des abgelaufenen Jahrhunderts trat Sch. 
wieder tatig in das offentliche Leben ein, er nahm an der Grundung eines konser- 
vativen Provinzialvereins teil und wirkte in der ostpreufiischen Provinzial- 
synode, die ihn dreimal zu ihrem Vorsitzenden wahlte, sowie als Mitglied der 
Generalsynode an der Neugestaltung der preufiischen Landcskirche mit. Die 
evangelische Vereinigung, eine Gruppe, die, wesentlich konservativ, doch die 
Fuhlung mit dem kirchlichen und theologischen Liberalismus nicht fallen liefi r 
fand in ihm ein fiihrendes Mitglied. 

Den vielen Aufgaben, die an Sch. herantraten, ist er mit gewissenhafter 
Hingebung gerecht geworden. Eine seltene korperliche Kraft und Gesundheit 
befahigte ihn dazu. Und innere Quellen der Kraft erschlossen sich ihm in der 
begliickenden Harmonie des Familienlebens und den Anregungen eines grofien 
Freundeskreises, der ihn aufnahm. Padagogen, hohere Verwaltungsbeamte 
und Offiziere, Universitatslehrer und Geistliche bildeten ihn. 



334 



Schrader. 



Doch soil ten die Konigsberger Tage zu Ende gehen. Am 29. August 1881 
durfte Sch. den Verlauf eines Vierteljahrhunderts ortlichen Wirkens festlich 
begehen, und in der Verleihung der theologischen Doktorwiirde seitens der 
Halleschen theologischen Fakultat erkennen, dafi in weiten Kreisen seine Ver- 
dienste auf kirchlichem und padagogischem Gebiet gewiirdigt wurden. Bald 
darauf erging an ihn die Aufforderung, das Amt eines Kurators der Universitat 
Halle zu ubernehmen. Er folgte dem Rufe gern, seine Gesundheit, so kraftig 
sie war, forderte jetzt eine leichtere Tatigkeit, und die neuen Unterrichts- 
ordnungen von 1882, denen er seine Zustimmung nicht geben konnte, erschwerten 
es ihm, in ihrem Sinne zu wirken. Dazu kam, dafi sein wissenschaftliches 
Interesse vom neuen Amt Forderungen erwarten konnte, endlich dafi er in 
Halle den Jugendfreund Rudolf Haym wiederfand und in der theologischen 
Fakultat eine verwandte Geistesrichtung vertreten wufite. So siedelte er im 
April 1883 nach Halle iiber. Sein Scheiden wurde in Konigsberg schmerzlich 
empfunden; es hinterliefi eine Liickc, die nicht wieder geschlossen wurde. 

In Halle fuhlte sich Sch. sehr wohl, so dafi er die 1884 an ihn gerichtete 
Anfrage, ob er in gleicher Stellung nach Bonn gehen wolle, ablehnte. Die 
amtlichen Verpflichtungen, die er zu erfiillen hatte, waren nicht sehr umfang- 
reich, so dafi ihm Mufie zu literarischen Arbeiten blieb. Der Aufforderung des 
Verlegers folgend, vollendete er die Herausgabe der 2. Auflage der Enzyklopadie 
des gesamten Erziehungs- und Unterrichtswesens, 1886 veroffentlichte er die 
Biographie des Kanzlers von Gofiler, dem er nahegestanden hatte. Die grofite 
Arbeit, die aus seiner Feder hervorging, war die Geschichte der Universitat 
Halle, die zur Feier ihres 200jahrigen Bestehens auf die Bitte des akademischen 
Lehrkorpers von ihm verfafit wurde, das Ergebnis siebenjahriger Arbeit (1894). 
1900 erschien seine Selbstbiographie, »Erfahrungen und Bekenntnisse«, aus der 
diese Skizze geschopft hat. 

Viele Ehrungen wurden ihm zuteil. Die medizinischc Fakultat der Halle- 
schen Universitat promovierte ihn zu ihrem Ehrendoktor 1894, der Konig 
zeichnete ihn durch Ernennung zum Wirklichen Geheimen Ober-Regierungsrat 
aus. Aber auch dunkle Schatten fielen auf seinen Lebensabend. 1893 verlor 
er seine Frau nach 46 jahriger begluckter Ehe, 1897 seine jtingere Tochter, die 
mit einem Oberforster verheiratet gewesen war. Ihm blieb ein Sohn, Professor 
am Kaiser Wilhelms-Gymnasium in Hannover, und die altere Tochter, die 
sein Hauswesen leitete, die treue liebevolle Pflegerin seines Alters. 

1902 legte Sch. sein Amt nieder, am 2. November 1907, bald nach Voll- 
endung seines 90. Lebensjahres wurde er abgerufen. Ein langes, an Erfahrungen 
reiches Leben hatte seinen Abschlufi gefunden. Auf den Gebieten des Unter- 
richts und der Verwaltung, der Staats- und der Kirchenpolitik hatte er tatig 
sein durfen, als padagogischer Schriftsteller hatte er zu den die Zeit bewe- 
genden Fragen Stellung genommen, gelehrte und populare Schriften hat er 
veroffentlicht 1 ). Eine seltene Vielseitigkeit der Beziehungen und Interessen 
war ihm eigen, aber sie storte nicht die innere Sammlung seines Wesens; sie 
zerstreute ihn nicht, sie bereicherte ihn. Denn alles wurde zusammengefafit 
zur Einheit durch den Ernst, mit dem er es sich innerlich aneignete und zu 



*) Unser Jahrbuch hatte Schrader vortreffliche Beitrage (Rudolf Haym, Gofiler) zu 
danken. A. d. H. 



Schrader. Broich. 



335 



einer harmonischen Lcbcnsanschauung verschmolz, die in cinem tiefgegrundeten 
und weitblickenden christlichen Idealismus wurzelte. 

Konigsbcrg i. P. D. Hermann Jacob y. 

Broich 1 ), Eduard Christian Arnold Maria, Frhr. v., Kgl. preufi. Geheimer 
Oberregierungsrat, *9. Februar 1834 auf SchloOSchonau bei Aachen, f II. Dezem- 
ber 1907 zu Honnef am Rhein. — Studierte nach Absolvierung des Kaiser Karls- 
Gymnasiums zu Aachen auf den Universitaten Bonn und Berlin Rechts- und 
Staatswisscnschaften und wurde, nachdem er das Referendar- und Assessor- 
Examen bestanden und in verschiedenen Stellungen kommissarisch tatig ge- 
wesen, 1865 Landrat in Malmedy. Schon in diescm Amte entfaltete er eine 
ungewohnlich rege und vielseitige Tatigkeit. So bemuhte er sich als erster um 
die Herstellung der Bahnverbindung mit Aachen, interessierte sich lebhaft und 
erfolgreich fur Wege- und Strafienarbeiten, richtete Lehrkurse fiir Drainage 
und Bienenzucht ein, gab die ersteAnregung zu volkswirtschaftlicher Belehrung 
in der Volksschule und nahm sich insbesondere der Organisation des landwirt- 
schaftlichen Kreditwcsens durch die Raiffeisenkassen an. In dem Kreise Hers- 
feld, an dessen Spitze er 1876 — 1884 stand, setztc er diese Tatigkeit fort, so 
dafi in den 86 Gemeinden des Kreises 86 Raiffeisenkassen entstanden, ein 
Beispiel, das im ganzen Regierungsbezirk Kassel vielfach Nachahmung fand; 
auOerdem organisierte er das Feuerloschwesen, wurde Mitgriinder des »Vereins 
gegen den MiBbrauch geistiger Getranke« und widmete sich gemeinsam mit 
Pastor v. Bodelschwingh und Oberburgermeister Miquel der Bekampfung des 
Vagabundentums durch die Griindung von »Arbeiterkolonien«; auch durch 
Errichtung von Lehrkursen fur Gendarmen suchte er in dieser Beziehung 
fordernd zu wirken. In seinem dritten Landratsamte (Hanau, 1884) faBte er 
namentlich die Forderung des Obstbaues ins Auge. Schon im Jahre 1885 
wurde v. B. indes auf Veranlassung des Fiirsten Bismarck nach Berlin be- 
rufen und zwar als Geheimer Regierungsrat und vortragender Rat im Staats- 
ministerium; 1892 wurde er zum Geheimen Ober-Regierungsrat befordert; im 
Jahre 1899 schied er aus dem Staatsdienst aus, nachdem er schwere finanzielle 
Verluste erlitten hatte. Von der hcrvorragenden sozialpolitischen Tatigkeit, 
die er auBeramtlich wahrend dieser Berliner Zeit entfaltete, ist vor allem zu 
erwahnen: die Anregung zur Schaffung von Unfallstationen und Rettungswachen 
sowie von Lungenheilstatten, und die Griindung des »Deutschen Kreditvereins« , 
der »Deutschen Zentralgenossenschaft« und 42 anderer Genossenschaften als 
erster »Genossenschaftcn m. b. H.« auf Grund des Genossenschaftsgesetzes vom 
1. Mai 1889. Aus diesen bahnbrechenden Vorarbciten, speziell der »Deutschen 
Zentralgenossenschaft« hat sich im Laufe der Jahre die »PreuOische Zentral- 
Genossenschaftskasse« entwickelt. Ein literarischer Niederschlag dieser Bc- 
strebungen ist seine Schrift »Sozialreform und Genossenschaf tswesen« . Auch 
der »Nationalverein zur Hebung der VolksgesundheiU, aus dem spater der 
♦ Deutsche Verein fiir Volkshygiene« entstand, ist wesentlich scin Werk. Von 
anderweitiger Tatigkeit war insbesondere die Anregung und Leitung der Berliner 
Zentenarfeier von 1897 ein glanzender Beweis fur die ungeheure Leistungs- 
fahigkeit des unermiidlichen Mannes. £) r . Hermann Diez. 

i) Totenliste 1907 Band XII 16*. 



336 Grisebach. 

Grisebach *), Eduard Rudolf Autor, * 9. Oktober 1845 in Gottingen, 
f 22. Marz 1906 in Charlottenburg- Berlin. — August Grisebach, der Vater 
Eduards, war Professor der allgemeinen Naturgeschichte an der Gottinger 
Universitat und ein hochangesehener Botaniker. Obwohl der Sohn einige 
botanische Neigungen erbte und so auch als Dreiundzwanzigjahriger einen 
Pflanzenkatalog, das »Exkursionsbuch der Flora von Gottingen, Munden> 
Heiligenstadt, Allendorf, Gieboldeshausen, Northausen, Northeim, Einbeck 
und Uslar« herausgab, ist es fur seinen Lebenslauf doch wohl ungleich wichtiger, 
dafi August Grisebach als Student der Medizin von 1832 bis 1833 der Korps- 
bruder des Studiosus juris Otto von Bismarck im Korps Hannoverana ge- 
wesen war. Der kiinftige Dichter zeigte fruhzeitig Neigung fur Literatur und 
Poesie; schott als Sekundaner iibertrug er eine Elegie des Properz, die er spater 
in seinen »Neuen Tanhauser« aufnahm. Sein wohl unterrichteter Biograph 
Hans v. Muller, dessen eindringendem Buch das Tatsachenmaterial dieser 
Skizze entlehnt ist, sieht in dem Jungling G. einen naiv lebensfreudigen ganz 
unpessimistischen Menschen. Erst das Zusammentreffen mit dem um 10 Jahre 
alteren Albert Moser (vermittelt durch beider gemeinsamen Freund Max 
Schneidewin) und spater mit dem gleichaltrigen Hans Herrig habe den Lebens- 
lustigen zum Pessimisten gemacht. Jedenfalls ist G. durch die neuen Freunde 
auf Hamerling und Schopenhauer hingewiesen und rasch ein groBer Verehrer 
des Dichters, ein leidenschaftlichster Anhanger des Philosophen geworderu 
Trotz so vielfaltig anderer Interessen, und trotzdem ihm Lebensgenufi und 
sehr konkretes Lieben wohl immer ziemlich identische Dinge waren, studierte 
G. mit Eifer Jurisprudenz, die ersten funf Semester in Leipzig. Im Herbs t 
1866 kam er nach Berlin und sein Weg fiihrte ihn durch die Linden, wo die 
bei Koniggratz erbeuteten Geschutze standen. Der Eindruck auf »den neu- 
annektierten PreuBen« war ein machtiger, er verfaflte sein Bismarckgedicht: 

Ja, ich preise Dich, gewaltiger 

kritiker mit Blut und Eisen, 

Doctor der Philosophic, 

Philosoph von Kttniggratz . . . 

Ein Semester danach bestand er in Gottingen sein juristisches Doktor- 
examen mit Auszeichnung, worauf er am Berliner Stadtgericht als Auskultator 
Anstellung fand. Er hatte bisher aufler jenem botanischen Buch in Zeitungen 
und Zeitschriften etliche Gedichte und einige ungedruckte Briefe Lichtenbergs 
veroffentlicht. Es gingen also bei ihm von Anfang an literarhistorisches und 
dichterisches Tun Hand in Hand. Muller wendet sich mit Eifer und unter 
Bcibringung genauer Daten gegen die iibliche verkehrte Meinung, als habe 
der Jungling G. nur gedichtet, der Mann nach dem Verstummen des Dichters 
sich literarhistorisch beschaftigt. Mir selber will es scheinen, als miiflte ein 
aufmerksamer Leser des »Neuen Tanhauser«, ohne alles Wissen um das Leben 
des Dichters aus dem Inhalt des Buches allein, zum mindesten auf ungemein 
starke literarhistorische Neigungen G.s schlieflen und dadurch allein schon 
vor dem Irrtum bewahrt werden, die literarhistorische und poetische Ent- 
wicklung des Dichters allzu getrennt zu denken. Als Auskultator im anregenden 
Verkehr mit den Kollegen Herrig und Siegfried Samosch stellte G. nun eine 
erste kleine Gedichtsammlung zusammen, die 1869 unter dem Titel »Der neue 

J ) Totenliste 1906 Band XI 26*. 



Grisebach. 



337 



Tanhauser« erschien. Der Grundton des Buches, das seinen spateren Namens- 
briidern an Umfang noch erheblich nachstand, war doch schon genau der gleiche, 
den alle weiteren Produktionen G.s aufweisen: der disharmonische Zusammen- 
stofi zwischen Lebenslust und Pessimismus. 1 870 wurde G. als Referendar 
zur Staatsanwaltschaft in Hirschberg geschickt, wahrend des Krieges war er 
wieder in Berlin (am Kammergericht), und erst nach dem Waffenstillstand, 
zur Zeit der Friedensverhandlungen, kam er nach Frankreich: er arbeitete 
als Feldgerichtsaktuar beim Etappenkommando in Epinal. Was er von kriegeri- 
scher Betatigung in seinem »Tanhauser« erzahlt, ist also Phantasieschopfung. 
Um so realere Hintergrunde besitzen die Liebeserzahlungen; auch Schlesien 
und Frankreich trugen hier neuen Stoff ein. Eine dritte Anregung neben der 
kriegerischen und erotischen fand G. in Epinal dadurch, dafi er »in einem Schau- 
fenster Bande von Janets Bibliothique Elzevirienne* zu Gesicht bekam. Das 
wurde fur ihn der AnlaO, bei der Veroffentlichung seiner eigenen Arbeiten auf 
Einband, Schrift und Schmuck den hochsten Wert zu legen, und sein Vorgehen 
wiederum hat auf den ganzen deutschen Betrieb der Buchausstattung be- 
fruchtend gewirkt. Dieses Verdienst des Dichters ist haufig anerkannt worden, 
haufiger vielleicht und jedenfalls unbestrittener als sein eigentlich literarisches — 
dadurch ein, wir mir scheint, etwas peinliches Lob; diese Peinlichkeit mag G. 
aber nicht bewuflt geworden sein, da er ja selber den Buchschmuck als etwas 
ubermaflig Wichtiges, fast dem Buchinhalt Gleichwertiges ansah. Nach seiner 
Riickkehr veranstaltete er eine Neuausgabe seines »Tanhauser«, die sich durch 
eine Reihe neuer Gedichte und ferner eben durch ihre Ausstattung von der 
ersten unterschied. Die mannigfachen Zusatze, Streichungen und Anderungen 
der vielen folgenden »Tanhauser«-Ausgaben — die 20. Auflage erschien 1901 
bei Cotta, dessen Jubilaumskatalog 1909 nun die 24. verzeichnet — konnen 
in diesem Uberblick naturgemaB nicht weiter behandelt werden. »Tanhauser« 
ist im Grunde nichts als der den Gedichtveroffentlichungen G.s gemeinsame 
Titel. Ein anderer Dichter gibt wohl neue Gedichte gesondert heraus; G. liebte 
es, sein Neuestes und Altestes zur Einheit zu verschmelzen. Er konnte das tun, 
weil er am Anfang seiner Dichterlaufbahn kein anderer war als am Schlusse. 
DaB er den »Tanhauser in Rom« von der ubrigen Dichtung gesondert gehalten 
hat, scheint mir ganz raumlich aus dem Umfang dieses Liebesabenteuers zu 
erklaren. . . Zu Dichtung, Jurisprudenz und Liebe gesellte sich auch im Jahre 
1 87 1 die literarhistorische Tatigkeit. G. arbeitete liber Lichtenberg, uber 
Blumauers Virgil -Travestie und die parodistische Literatur uberhaupt, sodann 
und vor allem iiber Burger, dessen Werke er mit biographischer Einleitung 
herausgab. Seine Gesundheit war damals schon geschwacht, und bald wurde 
sein Zustand ein so bedenklicher, dafi er zur Heilung nach Italien mufite. Das 
Meister Eckehart -Motto seines »Tanhausers«: »Diu wollust der krfeatflren ist 
gemenget mit BitterkeiU erfuhr er sehr buchstablich am eigenen Leibe. In 
Italien hatte er mit einer russischen Baronin das Erlebnis, aus dem heraus 
er spater den »Tanhauser in Rom« dichtete. Nach seiner Heimkehr erhielt 
er — was ihm ohne seine Beziehungen zu Bismarck nicht gegluckt ware — 
ein Amt als Hilfsarbeiter bei der Gesandtschaft in Rom. Er stand nun 
jahrelang in ziemlich »subalternen (diplomatischen) Dienstverhaltnissen«, 
wobei er von Rom nach Konstantinopel, von dort nach Smyrna kam. 1878 
Jn Rumanien fand er den ersten selbstandigen Posten: er war Vizekonsul in 

Bio^r. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog. 13. Bd. 2 2 



338 



Grisebach. 



Jassy, danach Konsul in Bukarest. 1881 wurde er in gleicher Eigenschaft 
nach Petersburg gesandt; Mailand und das weit entlegene Port au Prince auf 
Haiti bedeuteten den Abstieg und das Ende seiner Laufbahn. Er nahm 1889 
seinen Abschied und lebte seitdem in Charlottenburg. Die 1897 geschlossene 
Ehe mit einer frischen Wirtschafterin, die ihm einen Sohn geboren hatte, ist 
das einzige aus seinem auBeren Leben noch zu berichtende Faktum. Seine 
literarhistorische und frcilich sehr viel sparlichere poetische Tatigkeit hatte 
er wahrend der ganzen Amtszeit fortgesetzt, als Literarhistoriker, Bibliophile 
und — hauptsachlich — als Schopenhauer-Herausgeber und -Biograph ist er 
in der letzten Zeit seines Lebens tatig gewesen. Zu ungleichwertigen Einzel- 
studien und -ausgaben (auBer den erwahnten Themen sind Brentano, Waib- 
linger, Kleist, Hoffmann und Grabbe zu nennen) traten als groBere Arbeiten 
auf dem Gebiete der deutschen Literatur: »Die deutsche Literatur, Beitrage 
zu ihrer Geschichte«, Wien 1876 und »Das Goethesche Zeitalter der deutschen 
Dichtung«, Leipzig 1891. Anregendes wie Anfechtbares steht in diesen voll- 
kommen subjektiven Schriften hart beieinander; der leidenschaftliche Anhanger 
naiv sinnlicher Dichtung ist ein schroffer Gegner Lessings und Schillers. Weit 
iiber die Grenzen der heimatlichen Produktion reicht sein Blick in der Studie: 
»Die Wanderung der Novelle von der treulosen Witwe durch die Weltliteratur« 
und in den einfachen und schonen Verdeutschungen chinesischer Novellen. 
Auch seine Literaturkataloge mit ihren mancherlei wertvollen Anmerkungen 
zeugen fur den gewaltigen Umkreis seines Interesses. Das immer Gleiche aber 
in dieser vielseitigen und so, wenn man Beruf und Lebensweg des Mannes 
hinzunimmt, notwendig etwas sprunghaften Tatigkeit, ist G.s Liebe zu Schopen- 
hauer, die sich wissenschaftlich in der Herausgabe seiner Werke und Briefe, 
seiner »Gesprache und Selbstgesprache«, der Herrigschen Schopenhauer - 
Aufsatze und vor allem in der schonen Biographie des Philosophen, poetisch 
in zahlreichsten Stellen des »Tanhausers« kundgetan hat. 

So wie nun heute schon Eduard G. trotz all der erwahnten anderen Hervor- 
bringungen den meisten schlechthin der »Tanhauser«-Dichter ist, so wird wohl 
in Zukunft sein Name allein dieser Dichtung verkettet sein. Will m&n dem 
Werke gerecht werden — ich sagte schon, daB ich die Sonderstellung des »Tan- 
hauser in Rom« (1875) fiir eine auflerliche halte — , so darf man vielleicht nicht 
den rein asthetischen Maflstab anlegen. G.s Vorliebe fiir das bloB Korperliche 
stiitzt sich nicht immer auf eine ausreichende Kraft der malerischen Darstellung. 
Seine Deuthchkeiten sind keineswegs immer kunstlerische Realismen zu nennen; 
gegeniiber der Erotik Heines, Leutholds und Schoenaich-Carolaths hat G.s 
Sexualdichtung gelegentlich etwas Jungenhaftes. Ich glaube, man wird dem 
»Tanhauser« nur dann gerecht, wenn man ihn kulturhistorisch auffaBt, wenn 
man ihn als dichterischen Ausdruck der deutschen Zeitstromung in den sechziger 
und siebziger Jahren hinnimmt. Dann sieht man iiber manches Peinliche der 
mehr heifien als kiinstlerischen Erotik hinweg, nimmt manches bloB Gereimte 
der philosophischen und politischen Bestandteile in Kauf und bewundert die 
Gesamtenergie des Akkordes von personlichem Lustbegehren, politischem 
Machtverlangen und abgrundigem philosophischen Pessimismus. 

H. v. Muller, Eduard Grisebach, Berlin 1910. Das Buch ubertrifft an Genauigkeit bei 
weitera Hans Hennings Festschrift: »E. G. in seinem Leben und Schaffen« Berlin 1905. 

Victor Klemperer. 



Mamroth. 



339 



Mamroth 1 ), Fedor, * 21. Februar 1851 in Breslau, f 2 5- Juni 1907 in 
Frankfurt a. M. — Einer wenig bemittelten Familie entstammend und schon 
als Dreijahriger des Vaters beraubt, lernte Fedor M. friih Geldsorgen und bald 
genug lastende Verpflichtungen kennen, die seine Jugend und wohl auch einen 
Teil seiner Mannesjahre beschwerten. Es gelang ihm trotzdem, sich zeitig dem 
Studium der Literatur zuzuwenden; er erwarb den Doktortitel durch eine 
tiichtige Arbeit iiber Chaucers Beziehungen zu Boccaccio. Zwei weitere, einige 
Jahre spater verfaBte Schriften, die Broschure »Betrachtungen uber Oster- 
reichs wirtschaftliche Wiedergeburt« (1875) und die breit ausgefiihrte Mono- 
graphic »Ignaz Ginzkey« (1877) zeigen ihn auch auf wirtschaftspolitischem 
Boden heimisch. Das Ginzkey-Buch ist nicht ohne erzieherischen Wert. Es 
schildert in lebendigster Weise die Entwicklung eines grofiartigen industriellen 
Unternehmens aus geringsten Handwerksanfangen und ist dabei reich an 
weiten und fafllichen Ausblicken ins Gebiet der Wirtschaftsgeschichte. Doch 
lernt man aus dieser Schrift den eigentlichen Charakter des Verfassers keines- 
wegs kennen; der innerlich Zerrissene tragt hier die Maske des selber kindlichen 
Kinderlehrers. — Als M. die nationalokonomischen Studien ausarbeitete, stand 
er bereits im journalistischen Beruf, den er ohne Unterbrechung bis zu seinem 
Tode ausgeiibt hat, und der ihn wohl am Hervorbringen zahlreicherer aus- 
gedehnter Schopfungen gehindert haben mag. Er wurde 1873 Nachtredakteur 
der Wiener »Neuen Freien Presse« und war anfangs gleichzeitig als Sekretar 
der Kohlenverkehrsbank tatig. Im allmahlichen Aufstieg als Journalist ge- 
wann er als Redakteur der »Presse«, spater als Begrunder der Halbmonats- 
schrift »An der schonen blauen Donau« einen guten Namen. 1889 wurde er 
in die Redaktion der »Frankfurter Zeitung« berufen. Als Feuilletonleiter dieses 
Weltblattes hat er bis zuletzt gewirkt, und die Erspriefllichkeit dieses Wirkens 
ist oft anerkannt worden. Aber eben nur dem glanzenden Journalisten, dem 
umsichtigen und unermudlichen Zeitungsleiter, allenfalls dem geistreichen 
Kritiker gelten die Lobspruche. Das Dichterische in M. kam, solange er lebte, 
wenigen zum BewuBtsein. Man lernte ihn ja auch meist nur aus den knappen 
Feuilletons kennen, denen man kaum groBere Sammlung entgegenbrachte als 
sonstiger Zeitungslekture. In Buchform hat der rastlose Journalist nach jenen 
Jugendarbeiten (aufier einigen ganz belanglosen mit O. WeiB zusammen ver- 
faflten Schwanken, deren Namen verschwiegen werden diirfen) nur noch drei 
Schriften veroffentlicht: die Reisebriefe »Meilensteine« (1885), die Novellen- 
sammlung »Unter der Schellenkappe« (1890) und das Drama »Sehnsucht«, 
das er 1902 unter dem Decknamen F. Albert am Stuttgarter Wilhelma -Theater 
auffiihren lieB. Nach seinem Tode gab die Witwe Johanna Mamroth 1907 
eine Reihe seiner Feuilletons unter dem Titel »Aus dem Leben eines fahren- 
den Journalisten* (mit einer biographischen Einleitung) heraus, ein Jahr 
spater den Doppelband seiner Kritiken >>Aus der Frankfurter Theaterchronik<<. 
Damit ist noch nicht alles Wertvolle, was M. hervorgebracht hat, in Biichern 
vereinigt, manches scheme Gedicht vor allem ware wohl noch der Veroffent- 
lichung wert; aber es liegt doch nun genug Material vor zu einem volligen 
Bilde vom Wesen dieses Mannes. 

Der Grundton der M.schen Schriften ist der des Glucklosen, des Unbe- 
friedigten. Man trifft neben ernsten Worten auch komische, und sie sind sogar 

«) Totenliste 1907 Band XII 55*. 

22* 



340 Mamroth. 

in der Mehrzahl; aber es sind immer spottische, nie humorvolle. Fast liefie 
sich M.s Ungliick ein religioses nennen. Er tragt eine groBe Sehnsucht im 
Herzen und hat kein Ziel dafiir, tastet ins Lecre oder doch nur ins Wider- 
spruchsvolle. Er vermag nicht an den biblischen Gott zu glauben, sieht dies- 
seits des Todes Zufall und Ungerechtigkeit, jenseits das blanke Nichts. Er 
mochte leidenschaftlich gem an die Menschheit und ihren Fortschritt glauben 
— denn dafiir kampfte er ja nach besten Kraften! — und sieht doch alle Tage 
und allerorten die Dummheit triumphieren und vermag nicht eigentlich auf 
den Sieg des Schonen und Grofien zu hoffen. Auch eine Beruhigung im An- 
blick der Natur, die er liebt und trefflich zu schildern weifl, kennt er nicht. 
So schreibt er aus der Schweiz: »Auch mit meiner Naturschwarmerei hat es 
gute Wege. Wer die Natur preist, macht seinem Henker Komplimente, weil 
dieser sich eines prachtigen Richtschwerts bedient. Sie bleibt, und wir gehen; 
sie schmiickt sich, und wir leiden; ihre GroBe ist unsere Demiitigung. Herren 
der Welt von der Natur Gnaden!«. . . Wie es aber keinen noch so allgemeinen 
Pessimismus gibt, der nicht zum mindesten eine seiner Wurzeln in das person- 
liche Leiden seines Anhangers gesenkt hatte, so findet sich auch neben oder 
vor M.s allgemeiner Glucklosigkeit eine tiefe Unzufriedenheit mit dem eigenen 
Ich. Ihm fehlt deutlich erkennbar die notwendige hohe Achtung vor seinem 
Beruf, seinem Konnen. Er mufi zeitlebens als Journalist wirken und sehnt 
sich vergeblich, als Dichter eine groflere, bleibendere Wirkung zu tun. Und 
er weifi sehr genau, dafi nicht nur das UbermaB journalistischer Arbeit ihn 
vom haufigeren rein poetischen Schaffen abhalt, daB vielmehr eine innerliche 
Hemmung vorhanden ist. Er leistet auf dem Gebiete der reinen Dichtkunst 
im ublichen Wortsinn herzlich wenig. Sein Drama »Sehnsucht« ist zwar voller 
Schonheiten, die den echten Dichter erkennen lassen. Die leidenschaftliche, 
ziellos tastende Sehnsucht des Mannes, sein heifler Wunsch nach Freiheit und 
Starke der eigenen Personlichkeit, die Qual der eigenen innerlichen Gebunden- 
heit, der Zorn gegen alle Kleinlichkeit und Unfreiheit der Welt finden wieder 
und wieder Ausdruck. Und dennoch ist das Stuck weder originell, noch auch 
bloB biihnentuchtig. Die alte Geschichte von dem Kunstler, der auBerhalb 
der Ehe sein wahres Gluck finden will, aber die Fessel der Pflicht nicht dauernd 
abstreifen kann, schleppt sich ermiidend hin, und allerhand undramatisches 
Episodenwerk hilft den Abend fullen. Einen viel geschlossencren Eindruck 
hinterlassen M.s Novellen. Aber eben: »Novellen« ist ein Verlegenheitsaus- 
druck flir diese unrubrizierbaren Schopfungen. Allzu oft fehlt ihnen die stetige 
Entwicklungslinie der aufieren w T ie der seelischen Handlung. Es sind graziose 
Plaudereien, die dem Feuilleton ebenso nahe stehen wie der Novelle, in deren 
lose Reihen aber scheinbar unvermittelt allerhand lyrische Edelsteine gefiigt 
sind, wehmiitig still glanzende, boshaft glitzernde, leidenschaftlich flammende; 
es sind sozusagen Gedichte in Feuilleton-Form, die die Sehnsucht eines Be- 
drlickten nach Freiheit, eines Zwiespaltigen nach Einheitlichkeit, eines 
Schwachen nach Starke ausdriicken. Und damit ist Fedor Mamroths ganzes 
Schaffen gezeichnet. Er ist Journalist und Dichter in einem. Das blofle 
dichterische Schaffen ist ihm versagt, aber sein Sehnen nach poetischem Ge- 
stagen erhebt seine journalistischen Arbeiten, gleichgultig welchen Stoff sic 
behandeln, ins wahrhaft Dichterische. Seine beiden Feuilleton- Biicher sind 
um nichts undichterischer als die Novellensammlung. Er mag von Garibaldis 



Mam roth. Braunmtihl. 



341 



Begrabnis oder einem osterreichischen Seemanover berichten, eine Reise nach 

Schweden oder Italien schildern, mag sachlichste Berichterstattung, trockenste 

Statistik geben: so wird man doch in all diesen Dingen immer wieder die eigen- 

artige sehnsuchtige Ktinstlerseele F. M.s entdecken, wird ins harteste Gestein 

lyrische Adern eingesprengt finden. Diese personliche Eigenart ist es denn 

auch, die seinem stofflich bedeutendsten Buch, der »Theaterchronik«, den 

kiinstlerischen Wert gibt. Das Werk enthalt einen ziemlich vollstandigen Ober- 

blick der gesamten Dramen, die in Deutschland zwischen 1889 und 1907 mit 

einigem Erfolg aufgefiihrt wurden. Klassikerauffiihrungen und literarisch 

interessante Ausgrabungen des Frankfurter Theaters, Meinungen der Wiener 

und Berliner Kritik geben zu allerhand asthetischen und theatergeschichtlichen 

Exkursen Anlafi. Klares Analysieren, scharfes Abwagen fesselt auf jeder Seite. 

Aber immer steht hinter dem objektiven Kritiker der subjektive Dichter, 

der Lyriker M. Das fiihrt bisweilen zu Ungerechtigkeiten, aber es sind doch 

edle und Achtung gebietende Ungerechtigkeiten. Am deutlichsten vielleicht geht 

der Standpunkt dieses Kritikers und damit auch des Dichters und ganzen 

Menschen M. aus seinem Verhalten Gerhart Hauptmann gegenuber hervor. 

Er wendet sich nach der »Versunkenen Glocke« ganzlich von ihm ab, weil 

»ein wirklicher Dichter* den Mitmenschen zu zeigen habe, »nicht dafl sie schwach 

sein sollen, sondern wie sie stark sein konnen«. Und dann heiflt es im lyrischen 

Aufschwung: »Rebellen, Freiheitskampfer sollen unsere Poeten sein, Berater, 

Ermutiger, Heifer, Mitschuldige, wenn es sein muB, — feig genug sind wir 

auch ohne sie, dafiir sorgt schon die Welt, in der wir leben, und die Zucht, in 

der wir aufwachsen. Ein Dichter, der uns nichts gibt als seinen Mut, ist uns 

tausendmal lieber als ein Dichter, der uns alles gabe und auch seine Schwache.« 

Das ist genau die Melodie, die in M.s Drama »Sehnsucht«, die in all seinen 

Novellen klingt, aber hier, ins Journalistische, ins Kritische, ins Unpoetische 

gezwungen, hat sie seltsamerweise volleren Ton als in den eigentlichen Dichtungen 

dieses Dichters. \r : u *. ^ ~ is\~ m ~t>~~~ 

Viktor Klemperer. 

B rau n mii hi, Anton Edler von, Dr., Professor an der Technischen Hoch* 
schule Miinchen, * am 10. Dezember 1 853 in Tiflis in Transkaukasien, -f am 
7. Marz 1907. B. kam in Tiflis zur Welt, wohin sein Vater als Architekt berufen 
war. Nach dessen fruhem Tode kehrte die Mutter mit dem Sohne nach Miinchen 
zuriick, aber auch sie starb bald, so dafi Verwandte den Knaben erzogen. Er 
absolvierte das Gymnasium und betrieb dann an der Universitat und an der 
Technischen Hochschulc in Miinchen das Studium der Mathematik. An der 
Universitat horte er namentlich bei Bauer und Seidel, an der Technischen 
Hochschule waren es vor allem Klein, Brill und Liiroth, deren Vortrage ihn an- 
zogen. Brill hat auch in seinem Seminar ihn zuerst zu eigenen Arbeiten angc- 
regt, und unter seiner Leitung fiihrte er schon im Jahre 1877 im Mathematischen 
Institute der Kgl. Technischen Hochschule ein Modell aus, welches die geo- 
datischen Linien auf Rotationsflachen konstanter mittlerer Krummung zur 
Anschauung bringt. Nach ausgezeichnet bestandener Lehramtsprlifung pro- 
movierte er 1878 an der Miinchener Universitat mit einer Arbeit: Uber geo- 
datische Linien auf Rotationsflachen und ihre Einhiillenden. Seine erste An- 
stellung fand er als Assistent an der Luitpold-Kreis-Realschule in Miinchen; 



342 



Braunmtihl. 



ward dann Kgl. Rcallehrer und spater Studienlehrer am Kgl. Maxgymnasium 
in Miinchen. Es ist bezeichnend fiir die Arbeitskraft v. B.s, daC er es zuwege 
brachte, neben seiner Tatigkeit als Mittelschullehrer wissenschaftlich weiter zu 
arbeiten und sich 1884 als Privatdozent an der Technischen Hochschule zu 
habilitieren mit der Arbeit: »Ober die reduzierte Lange eines geodatischen 
Bogens und die Bildung jener Flachen, deren Normalen eine gegebene Flache 
ber(ihren«, Abhandlungen der bayr. Akad. d. W. 14. Bd. 1883. Im Jahre 
1888 wurde er dann Extraordinarius an der gleichen Hochschule mit einem 
Lehrauftrage fiir synthetische Geometrie, Trigonometrie und algebraische 
Analysis, 1892 Ordinarius fiir die gleichen Facher. Spater trat eine Anderung 
insofern ein, als er abwechselnd mit den beiden anderen Ordinarien das Kolleg 
liber »Hohere Mathematik« las. Mit hingebendem Eifer widmete er sich dem 
Lehrberufe; seine Vorlesungen zeichneten sich durch Klarheit und sorgfaltigen 
Vortrag aus, wobei sein padagogisches Talent auch aus seiner Erfahrung als 
Gymnasiallehrer Nutzen zog. Im Jahre 1906 begann der anscheinend kraftige 
Mann zu krankeln. Mit Aufbietung aller Krafte las er noch bis zum Februar 
1907, am 7. Marz erlag er einem schweren Nierenleiden. In seiner wissen- 
schaftlichen Tatigkeit hat v. B. zuerst die Differentialgeometrie bevorzugt 
und sich namentlich mit der Theorie der geodatischen Linien beschaftigt. 
Aufier der schon erwahnten Dissertation und der Habilitationsschrift sind 
noch folgende Arbeiten von ihm zu erwahnen: »Uber die Enveloppen geoda- 
tischer Linien«, Math. Annalen Bd. 14, 1879, sowie aus dem Jahre 1882 im 
20. Bd. der gleichen Zeitschrift: »Geodatische Linien und ihre Enveloppen auf 
dreiachsigen Flachen 2. Grades*. Die Betrachtung dieser Kurven fiihrte ihn 
weiter zur Untersuchung der elliptischen Funktionen, sowie hoherer Transzen - 
denten. Es war namentlich die Theorie der 8-Funktionen, die er in einer 
Reihe von Arbeiten forderte, wir nennen folgende: »Untersuchungen iiber 
p-reihige Charakteristiken, die aus Dritteln ganzer Zahlen gebildet sind, 
und die Additionstheoreme der zugehorigen Thetafunktionen.« Abh. der bayr. 
Akad. d. W. 16. Bd. 1887, »Uber die Gopelsche Gruppe p-reihiger Theta- 
charakteristiken, die aus Dritteln ganzer Zahlen gebildet sind, und die Funda- 
mentalrelationen der zugehorigen Thetafunktionen.« Math. Ann. Bd. 32, 1888, 
»Ober Gruppen von p-reihigen Charakteristiken, die aus n-teln ganzer Zahlen 
gebildet sind, und die Relationen zugehoriger Thetafunktionen n-ter Ordnung.* 
Math. Ann. Bd. 37, 1890. Dies ist nun die Zeit, in der sich B. einem ganz neuen 
Arbeitsgebiet zuwendet, dem er mit unendlicher Liebe und groflem Erfolge 
alle seine verfiigbaren Krafte widmete, die historische Forschung. Eine Reihe 
kleinerer Arbeiten iiber Christoph Scheiner (Bayr. Bibliothek Bd. 24, 1 89 1 ) , 
»Uber Galileo Galilei« (Himmel und Erde, V, 1893), »Uber Sonnenflecken* 
(Beil. zur Allg. Ztg. Nr. 66 u. 67, 1893) leiten diese Periode ein. Die weiteren 
Untersuchungen beziehen sich meistens auf die Entwicklung der Trigonometrie: 
eine im 11. Jahrhundert benutzte Methode wird erortert in folgenden Arbeiten: 
»Beitrag zur Geschichte der prosthapharetischen Methode in der Trigonometric* 
Bibliotheca math, neue Folge X und »Beitrage zur Geschichte der prosthapha- 
retischen Methode in der Trigonometrie. « Festschrift zu M. Cantors Jubilaum, 
herausgegeben von M. Curtze und S. Giinther. Leipzig, Teubner, 1899. Auch in 
Vorlesungen wurde nun dieses Gebiet erortert. Im Wintersemester 1893/94 
hielt v. B. seine erste historische Vorlesung: >>Uber Geschichte der Mathematik 



Braunmtthl. Eyth, 343 

von den altesten Zeiten bis zur Mitte des Zei takers der Renaissances Spater 
trat neben die Vorlesungen auch noch ein »Mathematisch-historisches Seminar*, 
wohl eines der ersten in Deutschland. Aus alien diesen Studien und Vorarbeiten 
wuchs B.s wichtigstes Werk heraus: ^Vorlesungen iiber Geschichte der 
Trigonometries. Leipzig. 1. Teil 1900. 2. Teil 1903. Das gleiche Gebiet 
hat er auch im 4. Bande von M. Cantors »Vorlesungen iiber Geschichte der 
Mathematik* bearbeitet. Gemeinsam mit S. Giinther plante er die Herausgabe 
einer ^Geschichte der Mathematik« in der Sammlung Schubert bei Goeschen, 
aber er erlebte bereits nicht mehr das Erscheinen des ersten Bandes, der 
bis zum Jahre 1637 reicht und von Giinther bearbeitet wurde. Doch sind 
soviel Vorarbeiten vorhanden, dafl die Herausgabe dieses 2. Bandes (durch 
Dr. Wieleitner, Speyer) moglich sein wird. Ein wesentlicher Zug aber wiirde 
in dem Bilde dieses arbeitsfrohen Mannes fehlen, wiirde man nicht seine Zuriick- 
haltung und Bescheidenheit erwahnen; alle Reklame war ihm verhaflt und er 
fand sein Gliick in seiner Hauslichkeit, in der wissenschaftlichen Arbeit und im 
Verkehr mit wenigen Gleichgesinnten. 

Miinchen. Karl Doehlemann. 

Eyth x ), Max, Ingenieur, Schriftsteller, * 6. Mai in Kirchheim u. T., f 25. 
August 1906 in Ulm. — 1840 ubersiedelte der Vater als Ephorus des theolo- 
gischen Seminars nach Schontal und spater nach Blaubeuren. Der Sohn Max er- 
hielt unter der Leitung des Vaters zunachst eine Erziehung, wie sie fiir zukiinftige 
evangelische Pfarrer und Philologen in Wurttemberg seit Jahrhunderten iiblich 
ist. Der Vater sowohl als die treffliche Mutter (eine geborene Capoll) waren 
schriftstellerisch tatig, eine Begabung, die sich auch bei Max in friihester Jugend 
regte; die philosophischen Studien im Seminar sagten ihm aber gar nicht zu, 
es erwachte in ihm der Sinn fiir Mathematik und Zeichnen, und die Eltern 
erkannten alsbald, dafl der Sohn nicht dem Berufe des Vaters und Groflvaters 
folgen wiirde und sandten ihn zur Ausbildung in die polytechnische Schule 
nach Stuttgart. Hier machte er sich durch Temperament, Begabung, Fleifl, 
ohne auf die Freuden des akademischen Lebens zu verzichten, bald bemerklich; 
er errang in vier Studienjahren drei Preise. Dafl er schon damals musiziertc 
und humorvolle Gedichte machte, wurde von seinen Studienfreunden mit 
Bewunderung vermerkt. Erfahrene Praktiker empfahlen schon in jenen Jahren 
auch dem begabtesten Theoretiker vor oder nach abgeschlossenen Studien 
eine mehrjahrige praktische Tatigkeit in der Werkstatte. Bei der damals in 
siiddeutschen Fabriken iiblichen Arbeitszeit von morgens 5 bis abends 7 Uhr 
erforderte es eine starke Willenskraft des zum jungen Manne herangewachsenen 
Akademikers, sich hierfiir zu binden. E. fand zunachst Arbeit in einer Werk- 
statte in Heilbronn, wo er nach einigen Monaten entlassen wurde, dann in der 
Maschinenfabrik von G. Kuhn in Berg bei Stuttgart. Es gab da Ende 1852 
nach mehrjahriger Arbeit am Schraubstock fiir ihn Gelegenheit zu auswartigen 
Auftragen, zur Leitung und Oberwachung von Maschinenmontagen, deren 
Erledigung ihm das Vertrauen seines Arbeitgebers sicherte und sich als eine 
angenehme, anregende Unterbrechung der monotonen Werkstattarbeit erwies. 
Die i860 in Paris aufgetauchte vielversprechende Lenoirsche Gasmaschine 



*) Totenliste 1906 Band XI, 19 *. 



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344 Eyth - 

gab E. Veranlassung zu einer ersten Reise ins Ausland, und zwar nach Paris. 
Das Ergebnis dieser Spionenfahrt, wie er sie selbst nannte, ermoglichte es zwar, 
nach seinen Angaben in der Kuhnschen Fabrik eine Maschine nach dem Lenoir- 
schen Prinzip herzustellen, ein weiterer geschaftlicher Erfolg blieb aber aus, 
in unserem Spion war aber der Drang nach Erweiterung seines Gesichts- 
kreises erwacht. Mit sehr bescheidenen Mitteln, manchen Empfehlungsbriefen, 
mit besten Zeugnissen ausgestattet, begab er sich anfangs 1 86 1 auf die Wander- 
schaft zunachst nach den Rheinlanden und Westfalen, dann nach Belgien. 
Wohl gelang es ihm, mannigfaltigere und grofiartigere Maschinenanlagen zu 
sehen, die dem unermudlichen Wanderer reichen Stoff {(ir seine Skizzenbiicher 
lieferten, Brot und Arbeit war aber nirgends zu finden. Im Mai in Antwerpen 
angekommen, faflte E. den Entschlufi, sein Gluck iiber dem Kanal zu versuchen, 
und so landete er gliicklich am 18. Mai 1861 im Hafen von London. Hier sowie 
in Manchester, dem Hauptsitze der damaligen Maschinenbauerei, waren alle 
Bemiihungen, Arbeit zu finden, durch Monate vergeblich, der Besuch der 
Wanderausstellung der englischen Landwirtschaftsgesellschaft (Royal Agri- 
cultural Society) in Leeds bot reiche Gelegenheit, sich iiber den damaligen Stand 
des Agrikulturmaschinenbaues in England zu informieren und das Gesehene 
durch Berichte an das damals fuhrende Dinglersche Polytechnische Journal 
auch zu verwerten. Dafi es dem personlich so einnehmenden, hochbegabten, 
wissenschaftlich geschulten deutschen Ingenieur — was so viele andere auch 
schon friiher erfahren hatten — so schwer gelang, in jener Zeit in England 
Arbeit zu finden, obgleich es solche in Fulle gab, hatte seinen Grund in den 
von deutschen Fabriken wesentlich verschiedenen Betriebsweisen englischer 
Unternehmungen. England hatte um jene Zeit kaum offentliche Bildungs- 
anstalten, an denen man technisches Zeichnen lernen konnte. Der englische 
Draughtsman, falls sich ein solcher uberhaupt in einer Fabrik vorfand, war 
in der Fabrik aufgewachsen und spiel te da eine hochst untergeordnete Rolle. 
Plane zu neuen Maschinen entwarfen der Manager mit dem Modellschreiner- 
meister meist mit Kreide auf dem Boden der Modelltischlerei. Das erste Exem- 
plar einer neu projektierten Maschine entstand unter mannigfaltigen Anderungen 
wahrend der Ausfuhrung in der Werkstatte; man war zufrieden, wenn das 
zweite Exemplar dem Zwecke entsprach, wufite man doch, dafi am ersten 
Exemplar jedenfalls nichts verdient wird und erst die zahlreiche Wiederholung 
einen Gewinn versprach. Mitgebrachte Schulzeugnisse wollte niemand sehen, 
dem Fremden begegnete man mit MiBtrauen, man vermutete in ihm einen 
Spion, und dazu kam noch die Schwierigkeit sprachlicher Verstandigung selbst 
fur den, der zu Hause etwas Englisch gelernt hatte. Man mufite endlich froh 
sein, wenn man als gewohnlicher Arbeiter Aufnahme fand. Dabei sollte man 
mit den recht gewandten, wenn auch einseitigen englischen Nebenarbeitern, 
die eine 7 jahrige Lehrzeit durchgemacht, konkurrieren. Der erste Schritt 
war die Erwerbung eines Arbeiteranzuges aus englischem Baumwollstoff, 
hier zu Lande englisches Leder genannt, den jeder englische Mechanic die Woche 
durch tragt, um ihn nach 8 Tagen mit einem frischgewaschenen Exemplare 
zu vertauschen und der ihn von dem gewohnlichen ^Laborer* unterscheidet. — 
So ging es auch E., dem es endlich gegliickt war, durch eine Empfehlung eines 
Herrn Alfred Tylor in London an dessen Glaubensgenossen — sie waren 
Quaker — John Fowler in Leeds um bescheidensten Lohn Arbeit zu finden. 



Eyth. 345 

John Fowler, ein noch junger Herr, hatte sich seit ein paar Jahren eine Werk- 
statte fiir den Bau von Dampfpfliigen eingerichtet, auch schon eine maflige 
Anzahl solcher in England eingefiihrt und nach den Kolonien versandt; dem 
liebenswurdigen Manne standen unbegrenzte Geldmittei zur Verfiigung; Fleifi 
und zahe Beharrlichkeit hatten schon viele Schwierigkeiten uberwunden, doch 
war man auf einem neben der Fabrik gelegenen Ackerfeld noch viel mit Experi- 
mentieren beschaftigt. 

Der Dampfpflug hatte um jene Zeit bei den verschiedenen konkurrierenden 
Erbauern desselben einen gemeinsamen Typ angenommen, dessen Wesent- 
liches darin bestand und das sich auch bis heute erhalten hat, dafi an den beiden 
gegenliberliegenden Randern des zu pfliigenden Feldes je eine Dampflokomobile 
mit horizontal gelagerten Seiltrommeln durch Dampf in Betrieb gesetzt wird 
und den an einem endlosen Drahtseil angehangten Pflug uber das Feld herzieht. 
Der Pflug selbst hat im Gegensatz zu dem uralten Pflug eine Mehrzahl neben- 
einanderliegender Scharen, so dafi bei einem Marsch uber das Feld eine Anzahl — 
4 — 6 und zwar wesentlich tiefere — Furchen auf einmal ausgehoben werden. 
Von den beiden sich im Betriebe abwechselnden Lokomobilen zieht die eine 
hin, die andere her; ist eine Reihe von Furchen aufgebrochen, so riicken die 
beiden Lokomobilen um einen entsprechenden Weg langs der Ackergrenze hin 
und das Spiel wiederholt sich. »Zuerst pflugen lernen«, riet der wohlwollende 
Prinzipal seinem neuen Schuler und spateren Mitarbeiter. E. wurde zunachst 
fiir einige Zeit einem Monteur beigegeben und erwies sich dabei so anstellig, 
dafi Herr Fowler ihn alsbald fiir Hoheres ins Auge fafite, ihn veranlaflte, die 
Handhabung des Dampfpfluges auf dem Felde unter den verschiedensten 
Boden- und Witterungsverhaltnissen kennen zu lernen. Das war harte Arbeit, 
aber auch eine dankbare Aufgabe, handelte es sich doch darum, an der Kon- 
struktion des noch neuen Apparates Verbesserungen anzubringen, die nicht 
am Reifibrett, wohl aber bei der Arbeit im Felde durch genaue Beobachtungen 
der Vorgange erdacht und schliefilich in der Werkstatte durchgeflihrt werden 
mufiten. All dem anderen Fabrikpersonal gegenuber war E. bald nach den 
verschiedensten Richtungen ernstlich iiberlegen. Seine in den heimatlichen 
Lehranstalten erworbenen Sprachkenntnisse erwiesen sich bei dem in Aus- 
sicht genommenen Verkehr mit der weiten Welt als wertvoll, ja fur das Geschaft 
unentbehrlich. Man versprach sich um jene Zeit von der Einfuhrung eines er- 
probten Dampfpfluges goldene Berge, nachdem das Mutterland England Indien 
und Australien mit Eisenbahnen ausstattete, und grofie Gebiete sollten dem 
Ackerbau und der Landwirtschaft erschlossen werden; da ferner infolge des 
Krieges in den Vereinigten Staaten von Nordamerika (1859 — 1863) die rohe 
Baumwolle auszubleiben drohte, mufite an neue Bezugsquellen derselben 
gedacht werden. Auch in Agypten, das um jene Zeit einen grofien wirtschaft- 
lichen Aufschwung genommen hatte, hoffte man auf ein gutes Absatzgebiet 
fur den Dampfpflug. Mit Abschaffung der Sklaverei in den amerikanischen 
Siidstaaten w r ar auf den Bezug der Baumwolle von daher nicht mehr mit 
Sicherheit zu rechnen, und konkurrierende Lander — Ostindien und Agypten — 
wollten sich die ins Unglaubliche gestiegenen Baumwollpreise zunutze machen 
und ihre Produktion an roher Baumwolle erhohen, wozu die Anwendung des 
Dampfpfluges vielversprechend erschien. E. hatte nun zunachst die Vertretung 
der Fowlerschen Dampfpflugwerke auf der denkwurdigen intcrnationalen 



346 Eyth. 

Londoner Weltausstellung 1862 zu ubernehmen; sie bot ihm Gelegenheit, zahl- 
reiche Geschaftsverbindungen anzukniipfen. Nach Schlufi der Ausstellung 
sollte er nach Assam in Ostindien reisen, um nach dort gesandte Pfliige in Be- 
trieb zu setzen. Auf dem Wege dahin war auch eine Inspektion in Agypten 
vorgesehen, wohin Dampfpfliige abgegangen und bei deren Inbetriebsetzung 
Schwierigkeiten aufgetreten waren. Der personliche Verkehr mit dem Prinzen 
Halim Pascha in Kairo, einem Onkel des Khedive, einem in Paris erzogenen 
Kavalier, fiihrte dazu, dafl E. von diesem ebenso reichen als unternehmenden 
Grofigrundbesitzer als Oberingenieur fiir seine verschiedenen technischen 
Betriebe — Wasserwerke, Dampfpflligerei usw. — engagiert wurde und mit 
Einverstandnis seines Herrn Fowler die Reise nach Indien aufgab und zunachst 
in Agypten verblieb. 

Auf dem klassischen Boden Agyptens, am Nil, in der Nahe tausendjahriger 
Pyramiden und Tempel fiihlte sich E. bald zu Hause; ein ungemein dankbares 
Feld der Tatigkeit war ihm da nebst reichen Mitteln zur Durchfiihrung seiner 
und Halim Paschas Plane zur Verfugung gestellt, doch dauerte diese Herr- 
lichkeit nur 3 Jahre. Nach Beendigung des amerikanischen Krieges waren 
die Preise der Baumwolle ebenso schnell gesunken, als sie vorher gestiegen 
waren; der Prinz geriet in finanzielle Schwierigkeiten, seine Besitzungen wurden 
vom Khedive eingezogen, E. kehrte wieder in das Fowlersche Geschaft nach 
Leeds zuriick, in dessen Diensten er nun als hochgeschatzter Mitarbeiter noch 
20 Jahre verblieb. Der Absatz der Dampfpfliige nach Agypten war ins Stocken 
geraten; man war darauf bedacht, neue Absatzgebiete aufzufinden, wie auch 
der Losung verwandter Aufgaben — so der Drahtseilschiffahrt auf Kanalen — 
naherzutreten. E. begab sich deshalb im November 1866 zunachst mit dem 
Auftrage nach Nordamerika, auf dem die groflen Seen der Vereinigten Staaten 
mit New York verbindenden Erie-Kanal die Drahtseilschiffahrt einzufiihren. 
Im weiteren schien nach Beendigung des amerikanischen Krieges der richtige 
Zeitpunkt gekommen, die Einfiihrung des Dampfpfluges in den von der Sklaverei 
befreiten Siidstaaten zu versuchen und Erfolg versprechend. E. hatte so im 
Jahre 1867 den ersten Dampfpflug in Luisiana eingefuhrt; dessen Vorfuhrung 
auf einer Ausstellung in New Orleans sollte demselben bahnbrechen; da stellten 
sich aber wieder unerwartete Schwierigkeiten ein. Die Folgen des Krieges 
hatten viele grofle Plantagenbesitzer verarmt, es fand sich nur eine Person- 
lichkeit, die fiir die geleistetc Pflugarbeit zwar zu bezahlen bereit war, sich aber 
zum Ankauf eines Apparates nicht verstehen wollte. Das Haupthindernis 
weiterer Geschaftsverbindungen mit Amerika bildete der in den Vereinigten 
Staaten bestehende exorbitante Eingangszoll von 50% des Wertes fiir aus 
dem Auslande eingefiihrte Maschinen. Alle Bemuhungen, diesen zu beseitigen 
oder Zollermafiigungen zu erlangen, die E. personlich in Washington betrieb, 
erwiesen sich als erfolglos, und so kehrte er nach zweijahrigem Aufenthalt in 
den Vereinigten Staaten sehr unbefriedigt uber die dort beobachteten Zustande 
wieder nach England zuriick, wo er eine zweite Heimat gefunden und dessen 
Volk er hochzuachten gelernt hatte. 

Die folgenden Jahre brachten grofle Arbeiten mannigfacher Art in den 
verschiedensten Landern: Tauerei auf belgischen Kanalen; Einfiihrung des 
Pfluges in den Zuckerrohrkulturen in Westindien, die Ausbildung eines Systems 
von StraBenlokomotiven fiir schweren Transport; die Einfiihrung des Pfluges 



Eyth. 347 

in England, Osterreich-Ungarn, Rufiland und Rumanien, je unter Beachtung 
der lokalen Bedurfnisse. 

Um jene Zeit war der Schiffahrt mit gewohnlichen Dampfern auf Flussen 
in der Einfuhrung der Kettenschiffahrt eine Konkurrenz erwachsen; solche 
war in Deutschland schon auf der Elbe mit Erfolg eingefuhrt. Der Gedanke, 
die in einem Flusse versenkte Kette, an der sich ein Motorschiff hinaufhaspelte, 
durch ein weit billigeres Drahtseil zu ersetzen, lag nahe, und die in Belgien 
gemachten Versuche, die auf Kanalen eingefuhrte Drahtseilschiffahrt auf 
Strome zu ubertragen, waren die Veranlassung zur Griindung einer deutschen 
Zentralaktiengesellschaft fur Einfuhrung der Tauerei; sie hatte die hollandischen 
Kanale und den Rhein besonders ins Auge gefaBt; E. war hierbei unter Bei- 
ziehung seines Studienfreundes Theodor Schwarz aus Stuttgart, der spater 
die Drahtseilschiffahrt auf dem Rhein bis Bingen mit Erfolg durchfiihrte, 
hervorragend beteiligt. 

Die Vertretung der Fowlerschen Werke auf der Weltausstellung in Wien 
im Jahre 1873 brachte E. wieder in nahen Verkehr mit seinen Landsleuten 
und veranlaflte einen fast einjahrigen Aufenthalt in der Kaiserstadt Die Ver- 
tretung bei der Weltausstellung in Paris im Jahre 1878 brachte E. in nahere 
Beziehung zu Frankreich und seinen Kolonien und zu Italien. Der Fowlersche 
Dampfpflug hatte tiberall die hochsten Auszeichnungen erlangt, weit uber alle 
anderen Pflugsysteme gesiegt, einer intensiveren, allgemeineren Verbreitung 
auf dem Kontinente und in Deutschland stand aber immer noch dessen hoher 
Anschaffungspreis — IOOO — 1500 englische £, je nach Wahl des Systems und 
Grofle — entgegen. 

E. hatte in der Mitte der siebziger Jahre seinen jiingeren Bruder Eduard, 
der glucklich aus dem deutsch-franzosischen Kriege zuriickgekehrt war, an 
seine Seite ins Fowlersche Geschaft nach Leeds gezogen -und es war den beiden 
Brudern vergonnt, ein paar Jahre zusammen zu arbeiten; auch Bruder Eduard 
hatte sich eine Vertrauensstelle im Geschaft errungen und wurde zur Auf- 
stellung einer Zuckerraffinerieeinrichtung nach Kuba gesandt, wo sein junges 
hoffnungsvolles Leben dem gelben Fieber erlag. Nach mehr als 20jahriger 
aufreibender Tatigkeit im Fowlerschen Geschaft, die unter den verschiedensten 
klimatischen Verhaltnissen in vier Erdteilen an die Widerstandsfahigkeit unseres 
unermudlichen E. die hochsten Anforderungen gestellt hatte, nachdem nach 
dem Tode des Griinders John Fowler auch im Geschaft in Leeds selbst unter 
den Erben zahlreiche Personalveranderungen vor sich gegangen waren, war 
E. zu dem Entschlufl gekommen, sich einige Jahre Ruhe zu gonnen und zu 
diesem Zwecke in die Nahe der betagten Eltern nach dem Vaterlande zuriick- 
zukehren. 

Alle seine Erlebnisse in den zuriickgelegten 20 Jahren hat der dankbare 
Sohn in Briefen an die Eltern niedergelegt; sie sind in den Jahren 1871 — 1884 
unter dem Titel »Wanderbuch eines Ingenieurs« in 6 Banden im Verlag der 
Winterschen Universitatsbuchhandlung in Heidelberg erschienen. E. pflegte 
nicht nur seine Eltern (iber seine Erlebnisse und Beobachtungen in all dieser 
Zeit auf dem Laufenden zu erhalten, der Unermiidliche fand auch noch Zeit 
unter den oft schwierigsten Verhaltnissen die empfangenen Eindriicke in treflf- 
lichen Handskizzen — Kodaks gab es damals noch nicht — zu fixieren, deren 
Zahl auf mehrere Tausende angewachsen ist; dieselben sind nach seinem Hin- 



348 Eyth. 

gang der Stadtbibliothek in Ulm a. D. einverleibt worden. Unter all den Schil- 
derungen seiner Erlebnisse in den verschiedenen Erdteilen sind jene iiber den 
Aufenthalt in Agypten, der ein so jahes Ende genommen, die allerinteressante- 
sten. Es bestand da schon wahrend seines ersten Aufenthaltes Mitte der 6oer 
Jahre ein scharfer Wettstreit zwischen Englandern und Franzosen, das auf- 
strebende Agypten und seine Groflen mit neuen Unternehmungen zu begliicken 
und ihre eigenen Taschen zu fiillen. Auch nach der agyptischen Krise des 
Jahres 1868 hatte E. wiederholt die Aufgabe, dieses Land zu besuchen; er 
fand die zahlreichen kleineren Bewasserungsanlagen wegen hoher Kohlen- 
und niederer Baumwollpreise kaltgestellt, an Stelle des undankbaren Baum- 
wollbaues war der Bau des Zuckerrohres eingefiihrt und eine Uberzahl von 
Riesenzuckerfabriken errichtet, die grofltenteils wieder zugrunde gingen. 

Mehr und mehr hatten in der Regierung des Landes die Englander die 
Oberhand gewonnen; sie beschafften die Kapitalien fiir die Riesenstauanlagen 
am oberen Nil, von denen wir in den letzten Jahren so viel gelesen, erschlossen 
durch Bewasserung ausgedehnte Landerstriche hauptsachlich ftir den weniger 
Konjunkturen unterworfenen Getreidebau. Hatte auch E. mit diesen spateren 
Unternehmungen personlich nichts zu tun, so verfolgte er sie doch mit dem 
lebhaftesten Interesse, wie aus seinen mehrfachen Schilderungen derselben 
hervorgeht. 

Das im Jahre 1884 ebenfalls im Winterschen Verlag in Heidelberg er- 
schienene dreibandige Werk »Im Strom unserer Zeit; aus Briefen eines In* 
genieurs« ist im wesentlichen eine neue Auflage des »Wanderbuches eines In- 
genieurs« mit mancherlei Erweiterungen und erganzt durch eine bescheidene 
Auswahl der schon erwahnten Skizzen von E.s eigener Hand. 

In der Absicht nach 20jahriger harter Arbeit seine Heimat und Freiheit 
wieder zu gewinnen, schlug E. im Juli 1882 seinen Wohnsitz in Bonn auf. Sein 
nachster Wunsch war, in die Nahe der gealterten Eltern, welche ihren Wohnsitz 
nach Ulm a. D. verlegt hatten, zu kommen. Das Verlangen, seine ganze ge- 
stahlte Kraft dem Wohle des geeinigten Vaterlandes zu widmen, das einen 
seiner Jugendtraume gebildet hatte, lieB den anfanglichen Wunsch nach Ruhe 
nicht verwirklichen. Bei der Wahl seiner neuen Niederlassung war die Nahe 
der landwirtschaftlichen Akademie Poppelsdorf bei Bonn und deren Direktor 
Dinckelberg bestimmend, mit dem E. seit Jahren in Freundschaft verbunden 
war und in dessen Familie er frohe Stunden der Erholung verbrachte. Durch 
den vielfachen Verkehr mit englischen Gutsbesitzern und als ofterer Vertreter 
der Fowlerschen Fabrik auf den Wanderausstellungen der Royal Agricultural 
Society hatte E. Gelegenheit, sich von dem hohen Stand der Landwirtschaft, 
der Pferde- und Rindviehzucht in England zu unterrichten und die auBer- 
ordentlich segensreiche Tatigkeit dieser seit dem Jahre 1838 in England be- 
stehenden Gesellschaft kennen zu lernen; so trug er sich, ins Vaterland zuriick- 
gekehrt, mit dem Plane, ein ahnliches Unternehmen in Deutschland ins Leben 
zu rufen, wo durch die Griindung des Reiches die Durchfiihrung eines solchen 
Planes erleichtert und Erfolg versprechend erschien. Auf einer in Hamburg 
von dortigen Kaufleuten im Jahre 1883 abgehaltenen internationalen land* 
wirtschaftlichen Ausstellung war sein Plan in kleinem Kreise von deutschen 
Freunden zur Reife gelangt und von ihm der EntschluC gefaBt, fur die Durch- 
fiihrung dieses Unternehmens seine ganze Kraft einzusetzen. Er begann da- 



Eyth. 349 

mit, an der Hand der umfassenden Jahrbucher der englischen Gesellschaft 
deren Entstehung und Entwicklung eingehend zu studieren; von deren Er- 
folgen hatte er schon durch seine Bekanntschaft mit den englischen landwirt- 
schaftlichen Verhaltnissen bereits ein richtiges Bild gewonnen. Die programm- 
mafiige Tatigkeit der englischen Gesellschaft bestand: I. in der Schaffung 
einer Organisation zur Durchfuhrung praktischer Versuche in alien Zweigen 
der Industrie in bezug zur Landwirtschaft, in wochentlichen Mitteilungen 
an seine Mitglieder und in der alljahrlichen Herausgabe eines Bandes mit den 
Ergebnissen vieler Versuche; 2. in der Veranstaltung zweier jahrlicher Versamm- 
lungen der Mitglieder, der einen im Dezember in London, und einer Wander- 
ausstellung in der Zeit zwischen Heu- und Getreideernte in einer bedeutenden 
Provinzialstadt des Landes je in Verbindung mit Mitteilungen und Erorterungen 
der Fachgenossen. — Die Ausstellungen sollten keine Volksfeste sein mit all 
der Zutat von Wirtschaf ten usw. usw., wie wir sie in den verschiedenen deutschen 
Staaten durch Regierungen oder Vereine seit einigen Menschenaltern einge- 
fiihrt sehen, sondern sie sollten in erster Linie den Charakter eines geschafts- 
mafligen mehrtagigen Marktes fur Tiere, landwirtschaftliche Produkte und 
landwirtschaftliche Maschinen werden, mit einer Versammlung der Berufs- 
genossen zu personlichem Austausch ihrer Erfahrungen; durch das Wandern 
der Ausstellung uber alle Gaue des Reiches sollte das Interesse an den Be- 
strebungen der Gesellschaft in die weitesten Kreise getragen und die Fort- 
schritte und Erfahrungen der einzelnen Bezirke allgemeine Anregung und 
Befruchtung bringen. E. verwandte nun beinahe drei Jahre dazu, fur das 
Zustandekommen einer deutschen Landwirtschaftsgesellschaft im wesent- 
lichen nach englischem Muster durch die Presse und Fuhlungnahme mit den 
maflgebenden Personlichkeiten der bestehenden landwirtschaftlichen Vereine 
in den verschiedenen deutschen Bundesstaaten zu wirken. Aufrichtige, fur 
seinen Plan eingenommene Freunde hielten die zu erwartenden Schwierig- 
keiten fur unuberwindlich, der schon bestehende Kongrefi der deutschen Land- 
wirte verhielt sich ablehnend und hielt E.s erstes Programm: innerhalb zweier 
Jahre fur seine Gesellschaft 2500 Mitglieder mit einem Jahresbeitrag von 
je 20 Mk. zu finden, fur unausfuhrbar; doch war es einem im Mai 1884 zu- 
sammengetretenen Provisorium gelungen, 500 Mitglieder zu zahlen, auch ein 
mafiiges Restvermogen einer eingeschlafenen deutschen Ackerbaugesellschaft 
fiir die Dienste der neuen deutschen Landwirtschaftsgesellschaft zu erlangen. 
Am 30. September 1885 endlich konnte E. bekannt geben, dafi die Mitglieder- 
zahl von 2500 erreicht sei; am 11. November desselben Jahres konnte sich die 
deutsche Landwirtschaftsgesellschaft konstituieren und E. als geschafts- 
fuhrendes Mitglied an deren Spitze gestellt werden, wodurch dann seine Uber- 
siedelung nach Berlin veranlaflt wurde. Es folgten nun umfassende Organi- 
sationsarbeiten auf wohlerwogenen Grundlagen, die Grvindung der Bureaux 
mit den erforderlichen Hilfskraften, die Wahl des zweiten trefflichen Geschafts- 
fiihrers Wolbing, wobei sich E. das so wichtige Ausstellungswesen der Gesell- 
schaft vorbehalten hatte. 

Die Ausschliefiung aller politischen Fragen wurde als erster Grundsatz^ 
auf gestellt; die Vereinigung der Landwirte ganz Deutschlands zur technischen 
Forderung ihres Berufes, die Ergebnisse der Wissenschaft und des neuzeitigen 
Verkehrs sollten der praktischen Landwirtschaft dienstbar gemacht werden 



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350 Eyth. 

und zwar durch die eigene Kraft der Vereinsmitglieder ohne (unselbstandiges) 
Anlehnen an Staatshilfe; das war sein dem englischen Muster nachgebildetes, 
an deutsche Verhaltnisse angepaBtes Arbeitsprogramm, das alsbald unver- 
anderte Annahme fand. 

Im ersten Vereinsjahr (1886) beschrankte man sich auf eine in Dresden 
abgehaltene Mitgliederversammlung; die erste Wanderausstellung wurde im 
Jahr 1887 in Frankfurt a. M. veranstaltet und seither folgten sich solche alle 
Jahre je an einem anderen Orte, Siid und Nord, Ost und West, im Reiche 
abwechselnd. Diese Wanderausstellungen erwiesen sich alsbald als ernste 
Fachausstellungen zu gegenseitiger Anregung und Forderung. Die Gesellschaft 
hat darauf verzichtet, daraus eine Efrinahmequelle fur sich zu machen, haben 
doch die ersten 20 Ausstellungen durchschnittlich jede einen Zuschufl von 
50000 Mk. aus Vereinsmitteln erfordert. Als der wichtigste Teil dieser Aus- 
stellungen enviescn sich die Tiere; die landwirtschaftlichen Produkte stellten 
sich je nach dcm Orte mehr oder weniger zahlreich ein, die Zahl der vorge- 
fiihrten Maschinen und Gerate hat alljahrlich ganz erheblich zugenommen, 
obgleich nur neue Gerate gepruft wurden und um Preise konkurrieren konnten. 
E. war nicht der Mann, der dieses grofle Unternehmen griindete und dessen 
Durchf iihrung anderen iiberlieB, im Gegenteil, er war von Anfang an und blieb f ur 
10 Jahre die Seele desselben, der erste und letzte am Platze, wo es zu arbeiten 
gab. Er hatte wohl erkannt, daB — auf deutschem Boden besonders — auch 
das beste Programm nach kurzer Zeit scheitert, wenn die Leitung nicht mit 
voller Hingabe und auf Grund von reichen Erfahrungen in die Hand genommen 
wird. Die Wahl und Mitarbeit seines Kollegen Wolbing erwies sich als eine 
tibcraus gluckliche. Die ersten schwierigen Aufgaben bildete die Veranstaltung 
der jahrlichen Wanderausstellung: Die Wahl der Stadt, 
das Ansinnen an deren Verwaltung zur Verwilligung eines angemessenen Bei- 
trages zum Risiko dcs Unternehmens — angesichts des der Stadt zukommenden 
direkten Nutzens — , die Wahl eines der Lage nach geeigneten hinlanglich 
groBen Ausstellungsplatzes, die pachtweise Sicherung desselben, wenn er in 
Privatbesitz sich befand, durch Vertrage; die unerlaBliche BeschafFung eines 
Eisenbahnanschlusses; die Herrichtung des Platzes; Anlage von Wegen, 
Wasserleitungen und Umzaunung, Vorarbeiten, die erforderlich waren, ehe 
man an den eigentlichen Ausstellungsplan gehen konnte, der sich nach der 
viel spater zu erwartenden Zahl und Grofle der Anmeldungen zur Beteiligung 
richten muBte. All dies erforderte schon zahlreiche personliche Verhandlungen 
und monatelange Vorbereitungen eines erfahrenen gewiegten Mannes, die stets 
von E. personlich durchgefiihrt wurden. Der Termin zur Abhaltung der Aus- 
stellung war je ein Jahr zuvor zu bestimmen, je in der zweiten Halfte des Mo- 
nats Juni. Es muBte fur alle Zufalle der Witterung Vorkehr getroffen werden. 
Da die Dauer der Ausstellung sich auf eine Woche beschrankte, muflte sie am 
Tage der Eroffnung fix und fertig sein; was das heiBt, weiB derjenige, der schon 
Ausstellungen mitgemacht und die Saumseligkeit mancher kennen gelernt 
hat, handelt es sich doch hier um die Unterbringung von annahernd 2000 wert- 
vollen Tieren, aus den selbst entferntesten Teilen des Reiches zugefuhrt, die 
alle in ein bis zwei Tagen auf dem Ausstellungsfelde untergebracht, ihren 
Stall, ihr Futter haben mussen und getrankt sein wollen; hier muBte ein wohl 
iiberlegter, bis ins Kleinste ausgearbeiteter Aufstellungs- und Aufmarschplan 



Eytb. 3SI 

vorliegen, sollte nicht die grofite Konfusion und noch groBerer Schaden ent- 
stehen. War die Ausstellung endlich am Platze, so begannen die Sitzungen 
der vielen Sektionen und die schwierigen Arbeiten des Preisgerichts. Alle 
diese Arbeiten hat E. mit einem auBerordentlich kleinen Stabe bezahlter Leute 
und mit einer Anzahl hingebender Vorstandsmitglieder unter Einsetzung 
seiner vielseitigen Leistungsfahigkeit und ohne Entschadigung durchgeflihrt; 
an jedem neuen Ausstellungsorte muflten dieselben Vorverhandlungen unter 
oft vvesentlich verschiedenen Unterlagen stattfinden. Wahrend voller 10 Jahre 
hat sich E. dieser Riesenarbeit lediglich aus Liebe und Begeisterung fur die 
Sachc personlich unterzogen. Mit der ersten Wanderausstellung in Frankfurt 
hatte E. im Jahre 1887 begonnen und mit jener von Stuttgart -Cannstatt im 
Jahre 1896, die leider vom Himmel wenig begunstigt war, als Leiter abge- 
schlossen. Wer vermochte ein ahnliches Beispiel uneigennutzigster person - 
licher Opferwilligkeit zu nennen? Die Erfolge sind aber auch nicht ausge- 
blieben. Es erwiesen sich die umfassenden und planvoll angeordneten Wander - 
ausstellungen der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft als ein groBer Segen. 
Sie fordern die Zusammengehorigkeit der verschiedenen Wirtschaftsgebiete 
des ganzen Deutschen Reiches, sie fordern das BewuBtsein des Zusammen- 
hangs beruflich getrennter Volksteile, sie zeigen, daB es verderblich ist, wenn 
die Landwirtschaft auf der einen, und Industrie und Handel auf der anderen 
Seite sich als Gegner ansehen. Die Zahl der Vereinsmitglieder war 
beim Ausscheiden auf mehr als 12000 angewachsen, zurzeit sind es deren 
18000; dank der vorsichtigen Finanzwirtschaft ist es gelungen, eine Ruck- 
lage von 2 500000 Mk. fur die Gesellschaft anzusammeln, um deren Fortbestand 
zu sichern. Trotz aufreibendster Arbeit und vielseitigster personlicher Inan- 
spruchnahme war E. ein stets heiterer liebenswurdiger Gesellschafter ge- 
blieben. Er war der treueste Freund, unverheiratet geblieben, kein Freund von 
langen Reden und ganz verhaBt waren ihm Versammlungcn, auf denen von 
Volksrednern oratorische Leistungen verzapft wurden, an die sich dann Re- 
solutionen anschlossen, um deren Durchf uhrung sich spater niemand bekummerte. 
Mit gelehrtem Wissen und Ideen allein war ihm nicht zu imponieren, er wollte 
Taten sehen und setzte bei allem, was er anfaBte, seine ganze vielseitige zahe 
Kraft ein; er war ein feiner Beobachter von Menschen und Dingen und wuBte 
seine Eindriicke in anziehender Form wiederzugeben. Zwischen dem Erscheinen 
des 1. Bandes des Wanderbuches eines Deutschen Ingenieurs und der zweiten 
Auflage desselben liegt ein Zeitraum von ca. 20 Jahren mit vielen neuen Lebens- 
erfahrungen, die ihn veranlaBten, in manchem sein Urteil uber friihere Be- 
obachtungen zu andern, so namentlich die in den Vereinigten Staaten von Ame- 
rika bei seinem ersten Besuche empfangenen. 

Nach dem im Jahre 1896 erfolgten Riicktritt von der Leitung der Deutschen 
Landwirtschaftsgesellschaft verblieb E. in deren Vorstand, verlieB aber Berlin 
nach 11 jahrigem Aufenthalt und ubersiedelte nach Ulm a. D., um in der Nahe 
der betagten Mutter, die im Jahre 1900 den Gatten verloren hatte, zu weilen. 
Hier hatte er sich in einer kleinen Villa auf der Hohe mit dem Blick auf das 
Ulmer Munster, die Bayerischen und Schweizer Alpen in der Feme, wohnlich 
eingerichtet. Gerne stellte er sein Wissen und seine Erfahrungen in den 
Dienst von Vereinen, besonders in den des Vereins zur Forderung der FluB- 
schiffahrt. 



352 Eytk 

Ohne tagliche Arbeit sollte auch nach der Obersiedelung nach Ulm und 
dem Riicktritt von der Leitung der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft 
kein Tag vergehen, seine Feder konnte nicht ruhen: es entstanden 1899: »Hinter 
Pflug und Schraubstock; Skizzen aus dem Taschenbuch eines Ingenieurs«; 
— »Der Kampf urn die Cheops-Pyramide, eine Geschichte und Geschichten 
eines Ingenieurs« 1902; — >>Im Strome unserer Zeit«, aus Brief en eines Inge- 
nieurs, drei Bande: Lehrjahre, Wanderjahre und Meisterjahre, mit vielen 
Illustrationen nach Handzeichnungen des Verfassers«. — »Lebende Krafte«. 
7 Vortrage auf dem Gebiete der Technik, welche von E. wahrend der Zeit von 
1893 — 1904 in verschiedenen Stadten gehalten worden sind, geben Zeugnis 
von dem rastlosen Schaffen dieses Mannes in dem letzten Lebensabschnitte. 

Neben »Landwirtschaft und Binnenschiffahrt« stellt sich »Poesie und Tech- 
nik«, die »Mathematik der Cheopspyramide« neben den »Pharao im Zeitalter 
des Dampfes«, die »Philosophie des Erfindens« neben die »Entwicklung des 
landwirtschaftlichen Maschinenwesens in Deutschland, England und Amerika«; 
so stromt »Das Wasser des alteri Agyptens* neben dem neuen. — »Der Schneider 
von Ulm; 2 Bande Geschichte eines 200 Jahre zu fruh Geborenen« (des Ver- 
fassers) war die letzte Arbeit, deren Erscheinen er nicht mehr erleben sollte. 
Mit Vorarbeiten fur eine Erholungsreise nach Riva am Gardasee beschaftigt, 
befiel ihn eine heftige Stoning der Verdauungsorgane, der er nach kaum vier- 
tagiger Krankheit erlag. 

Wer dem zu fruh Dahingegangenen nahergestanden und mit ihm ge- 
arbeitet hat, der muBte neben seinem scharfen Verstande, seiner reichen Lebens- 
erfahrung seine Herzensgiite, Treue, Liebenswiirdigkeit und Bescheidenheit 
bewundern; er hat durch seine ganze Personlichkeit auf seine Umgebung ver- 
edelnd eingewirkt und mit ihm ist einer der besten Manner Schwabens und des 
Deutschen Volkes dahingegangen. 

Als E. im Jahre 1896 sein Amt als Geschaftsfiihrer der Deutschen Land- 
wirtschaftsgesellschaft niederlegte, da kundete der Ehrenbrief derselben und 
die goldene Medaille den Dank dem Manne, »dessen nie versagender Arbeits- 
kraft und klarer Erkenntnis der Lebensbedingungen der Gesellschaft die weit 
schwierigere Aufgabe gelang, sie mit sicherer Hand in ihrer ersten Entwicklung 
zu lei ten «. 

In sinniger Weise libergab der Vorstand der Deutschen Landwirtschafts- 
gesellschaft E., der auch ein trefflicher Klavierspieler war, bei seinem Riicktritt 
von der Vorstandschaft einen prachtvollen Bechsteinfliigel, dessen Gehausemit 
Intarsien, Abbildungen von seinen verschiedenen Wohnorten, geschmuckt war. 

1905 ehrten Rektor und Senat der Technischen Hochschule in Stuttgart 
E. durch Verleihung der Wurde eines Doktor-Ingenieurs h. c. Im gleichen 
Jahre zeichnete ihn der Verein Deutscher Ingenieure durch Verleihung der 
Grashoff-Denkmunze aus mit der Begrundung: »Dem Manne, der zu einer Zeit> 
da man die deutsche Technik im Auslande noch nicht kannte, als ihr Junger 
in die weite Welt hinauszog und ruhmliche Leistungen als ihr Ingenieur voll- 
brachte; der in die Heimat zuruckgekehrt durch die Begrundung der Deutschen 
Landwirtschaftsgesellschaft der Industrie neue und segensreiche Bahnen er- 
offnete; der seine MuGestunden schriftstellerischen Arbeiten gewidmet hat, 
die das Ansehen des Ingenieurstandes in weiten Kreisen zu heben und unseren 
Fachgenossen hohen Genufi zu bereiten geeignet sind«. 



Eytta. 353 

Am 6. Mai 1908, seinem Geburtstage, wurde in Berlin auf dem Hofe des 
Gebaudes der Deutschen Landwirtschaf tsgesellschaf t das vondenMitgliedernder- 
selben gestiftete Denkmal Max v. Eyths unter der Teilnahme des Kgl. Preufiischen 
Landwirtschaf tsministers v. Arnim und zahlreicher Vertreter weiterer Ministerien, 
Hochschulen, Vereine und den Vertretern der Deutschen Landwirtschaftsgesell- 
schaft enthullt. Das von Professor Herter hergestellte Monument besteht aus 
einem schlanken Postamente, das durch eine wohlgetroffene Portratbiiste des 
Gefeierten bekront ist; an den Seiten desselben befinden sich zwei allegorische 
Gestalten: eine lebensgrofie weibliche Figur, die Landwirtschaf t darstellend, 
legt, den Pflug zu ihren Fuflen, ihre rechte Hand auf die Biiste, blickt dankbar 
zu dem Gefeierten auf, fur den sie in der linken Hand einen Lorbeerkranz bereit 
halt. Auf der anderen Seite des Postaments ist ein kleiner Putto damit be- 
schaftigt, ein Zahnrad am Schraubstock zu feilen. Vorn liest man unter dem 
Namen Ey th seine von einem Lorbeergehange umrankten Lebensjahre 1 836 — 1906 ; 
unten speit ein Delphinkopf Wasserstrahlen in das, halbkreisformige Becken. 

Der Vorsitzende des Vorstandes, Ritterschaftsrat v. Freier-Hoppenrade, 
hielt die Weiherede. 

Literarischc Arbeiten von Max Eyth: Aufsatze technischen Inhalts 
in Dinglers polytechnischem Journal und anderen Zeitschriften. 1862. — Volkmar; historisch- 
romantisches Gedicht von] Max Eyth. Verlag von W. Grunow in Leipzig 1863. — Das 
Agrikulturmaschinenwesen in Agypten; in drei Abteilungen; Stuttgart, Metzlersche Buch- 
handlung: Landwirtschaftliche Bewasserung, der Dampfpflug und c^e Baumwollkultur in 
Agypten. 1867. — Wanderbuch eines Ingenieurs in Briefen von Max Eyth. 6 Bande, 
1871 — 1884. Carl Winters Universitatsbuchhandlung in Heidelberg. 1. Band Europa, Afrika 
und Asien 1871. 2. Band Amerika 1871. 3. Novellen, nebst einem Anhang von Gedichten 
1871. 4. Aus 3 Weltteilen mit Beitragen des in Cuba verstorbenen Bruders Eduard, 1876. 
5. Aus Nah und Fern 1879. 6. Fremde und Heimat 1884. — Die Kbnigl. Landwirtschaftsgesell- 
schaft in England (Royal Agricultural Society of England) und ihr Werk. Verlag von 
C. Winter in Heidelberg. 1883. — Der Waldteufel. Schauspiel von Max Eyth. Verlag von 
Gebr. Henninger in Heilbronn 1883. — Hinter Pflug und Schraubstock; Skizzen aus dem 
Taschenbuch eines Ingenieurs von Max Eyth. 1899. 2 Bande. Deutsche Verlagsanstalt 
Stuttgart und Leipzig. — Der Kampf um die Cheopspyramide. 2 Bande. Winters 
Universitats-Buchhandlung in Heidelberg 1902. — Im Strom unserer Zeit; aus Briefen eines 
Ingenieurs von Max Eyth. 3 Bande, mit vielen Illustrationen nach Skizzen von Max Eyth. 
Verlag von Winter in Heidelberg 1905. — Feierstunden, von Max Eyth. Verlag von Winter 
in Heidelberg 1904. — Lebende Krafte, von Max Eyth. 7 Vortrage aus dem Gebiete der Technik 
1905 und 1906. Verlag von Springer in Berlin. — Der Schneider von Ulm, von Max Eyth 
1906. 2 Bande. Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart und Leipzig. — Werden und Wirken der 
Deutschen Landwirtschaf tsgesellschaf t, von Max Eyth. Berlin. — Die Sprengung des Eisernen 
Tores und die freie Donauschiffahrt. Vortrag von Max Eyth im Handelsverein in Ulm. — 
Hindernisse der Deutschen Binnenschiffahrt, von Max Eyth, Vortrag in der Sektion Mun- 
chen des Vereins fiir Hebung der Flufl- und Kanalschiflahrt in Bayern. — Landwirtschaftlich- 
technische Abenteuer in 3 Weltteilen, Vortrag, gehalten im Klub der Landwirte zu Berlin 
am 5. Februar 1895 von Max Eyth: Agypten, Rufiland, Peru. — Max Eyths gesammelte 
Schriften in 6 Banden. Gemeinsamer Verlag der Deutschen Verlagsanstalt Stuttgart und 
Berlin und von Carl Winters Universitatsbuchhandlung in Heidelberg. Inhalt: 1. Band: 
Hinter Pflug und Schraubstock. 2. Band: Der Schneider von Ulm. 3. Band: Der Kampf 
um die Cheopspyramide. 4. Band: Fcierstunden. 5. Band: Ira Strom unserer Zeit. 6. Band: 
Im Strom unserer Zeit mit einem Geleitwort von Ritterschaftsrat v. Freier-Hoppenrade und 
aus Max Eyths Freundesbriefen; von Lili Dubois-Reymond, geb. Hensel. * 

Stuttgart, Dezember 1909. J. v. D i e f e n b a c h. 

Biogr. Jahrbuch u. Deutscher Nckrolog-. 13. Bri. 23 



354 



Ratzel. 



Ratzel l ), Friedrich, Architekt, * am 17. Juli 1869 inDurlach, der einstigen 
Residenz der Markgrafen von Baden, als Sohn eines Lithographen, f 5- J u ^ I 9°7- 
Nach dem Tod der Eltern, die er nicht kannte, hat der friih Verwaiste seine 
Jugendjahre bei Verwandten in dem von Natur und Kunst wenig bevorzugten 
badischen Amtsstadtchen Sinsheim an der Elsenz verbracht. Der machtige 
Berchfrit der benachbarten Burg Steinsberg mag in dem Sinsheimer Real- 
schuler die ersten Eindriicke hervorgerufen haben. Zum Besuch der Ober- 
klassen des Realgymnasiums wurde R. nach Karlsruhe geschickt, wo er auch 
das Studium des Hochbaufaches an der technischen Hochschule mit Erfolg 
absolvierte, ohne zu den damaligen Lehrern dieser Hochschule in ein geistiges 
Verhaltnis zu treten. Die dann folgenden Wanderjahre fuhrten ihn in die 
Reichshauptstadt, wo er u. a. bei Heinrich Seeling, dem Theaterbauer, arbeitete 
und nach erfolgtem badischen Staatsexamen nach Miinchert, wo er auf dem 
Stadterweiterungsbureau Gelegenheit fand, sich an Theodor Fischer anzu- 
schlieBen. Von der durch Examen verbrieften Anwartschaft auf den badischen 
Staatsdienst hatte der Freiheitsdurstige zum Leidwesen seiner fursorgenden 
Tante verzichtet. Ein Zufall hat dann rascher als die kuhnsten Erwartungen 
es ihn selbst vermuten lassen konnten, einen Weg vorgezeichnet, der mit 
zwingender Notwendigkeit das von seltener Energie getragene Talent zum 
Ziele fuhren muBte. 

Carl Schafer war im Jahre 1894 nach Karlsruhe berufen worden, nachdem 
die Umschau im Lande^ selbst ergebnislos verlaufen war. Mit der eigenartigen 
Bedingung, daB nun wenigstens der Assistent Schafers ein Badener sein musse, 
sollte die partikularistische Empfindlichkeit ins Gleichgewicht gebracht werden. 
Man mufl das Phlegma Schafers kennen und dessen erbarmungslose Gering- 
schatzung gegen diejenigen, denen seine Erleuchtung Geheimnis war, um ahnen 
zu konnen, wie gleichgultig und wie hoffnungslos der Meister den aufgezwungenen 
fremden Gehilfen aufgenommen haben mag. R. ubersah mit der ganzen Scharfe 
eines ausgesprochen praktischen Geistes die schauerliche Tiefe des zu liber- 
bruckenden Abgrundes und die leuchtende Weite des sich eroffnenden Aus- 
blickes. Mit zahem Fleifl und mit aufreibender Willenskraft gelang es ihm, 
in erstaunlich kurzer Zeit das Mysterium der Schaferschen Architekturauf- 
fassung zu durchdringen und den skeptischen Lehrer in den beratenden Freund 
zu verwandeln, der ihm nun auch auf dem heiflumstrittenen Kampffeld der 
offentlichen Konkurrenz der gnadige Richter wurde. Bei der Preisbewerbung 
fur eine evangelische Kirche in Cannstatt im Jahre 1895 wird R.s damals noch 
unbekannter Name zum erstenmal unter den Preistragern genannt, um dann 
in rascher Folge bei alien denjenigen Konkurrenzen wiederzukehren, bei denen 
Schafers Preisrichteramt fiir den nun einmal eingeschlagenen Weg Erfolg ver- 
hiefi. Schon im folgenden Jahr ist ihm als Lohn angestrengtester Tatigkeit 
ein dritter Preis des Wettbewerbes fiir ein Diakonissen- und Krankenhaus in 
Freiburg i. Br. und der erste Preis des Wettbewerbes fiir das Rathaus in Duis- 
burg in den Schofi gefallen. Mit der Ubertragung des letzteren Baues an den 
erst 27jahrigen war dessen Ruf und Laufbahn begriindet. An der Tatigkeit 
der auch das kleinste Detail von Auflen- und Innenbau umfassenden Durch- 
arbeitung dieses Monumentalwerkes, dessen reiner Bauaufwand I 500 OOO M. 



*) Totenliste 1907 Band XII 68*. 



Ratzel. 



355 



betrug, hat sich der noch tastende Zeichner des Konkurrenzentwurfes zum 
reifen Kunstler entwickelt. »Die von Ratzel zur Ausfuhrung des Baues ge- 
lieferten Zeichnungen erreichten die stattliche Zahl von mehr als tausend«, 
wie die schon ausgestattete amtliche Festschrift zu berichten weiB. (Festschrift 
zur Einweihung des Rathaus-Neubaues der Stadt Duisburg am Rhein am 
3. Mai 1902, verfaCt von der Bauverwaltung mit einer geschichtlichen Ein- 
leitung von Professor Averdunk. Duisburg am Rhein. J. A. Steinkamp, Lith. 
Kunstanstalt u. Buchdruckerei 1902.) 

Von weiteren Konkurrenzerfolgen des Unermudlichen sind aufzuzahlen: 
1897 Landeshaus Munster 3. Preis, 1899 Hansa-Haus Mannheim I. Preis (aus- 
geftihrt), 1901 Volksbank Mainz 3. Preis (ausgefuhrt), Rathaus Dresden (lobende 
Erwahnung), 1902 Stadttheater Freiburg i. Br. (angekauft), evangelische 
Kirche in Duisburg-Neudorf (eng. Wettbewerb Auftrag zur Ausfuhrung), 

1903 Justizgebaude Mainz 3. Preis, Handelshochschule Koln 2. Preis und 
Kollegienhaus Freiburg i. Br. 2. und 4. Preis (Auftrag zur Ausfuhrung), 

1904 Rathaus Recklinghausen (eng. Wettbewerb) 2. Preis. Von den erfolglos 
verlaufenden Konkurrenzen sei hier nur das Projekt fur den neuen Bahnhof 
in Karlsruhe erwahnt. 

Seine Assistentenstelle hatte R. im Jahre 1897 mit derjenigen eines Privat- 
dozenten vertauscht. Im Jahre 1900 erhielt er den Titel eines a. o. Professors, 
im Jahre 1903 einen Lehrauftrag fur Obungen im Barockstil und im Jahre 1905 
die ordentliche Professur. 

R. war nicht zum Lehrer geboren. Die Professur war ihm nur Mittel zum 
Zweck, Die Tatsache, dafi mit der Ubertragung der ordentlichen Professur 
dem Kunstler Pflichten aufgebiirdet werden mufiten, denen er seiner ganzen 
Natur nach nicht gewachsen sein konnte, w r ar die im Interesse der Kunst zu 
bedauernde Folge eines nicht schwer genug zu verurteilenden Fehlers in der 
dem Universitatsleben entlehnten und dem wissenschaftlichen Lehrbetrieb 
angepafiten, einer gesunden Entwicklung der Kunst aber zuwiderlaufenden 
Organisation des Hochschulwesens. Die praktischen Obungen, die Ratzel im 
Entwerfen abhielt, waren fur Lehrer und Schiiler Stunden der Freude und des 
Erfolges, die Vorbereitung zum Kolleg und dieses selbst ein tief zu bcklagender 
Verlust kostbarster Zeit. Fur die in der Luft liegende und nicht zu unter- 
bindende Umwalzung im Kunst-Lehrbetrieb stellt Ratzels Lehrtatigkeit ein 
wenig erfreuliches Lehrbeispiel dar. In weiser Selbsterkenntnis hat denn auch 
R., als der friihe Verfall seiner Krafte die Einschrankung der Tatigkeit erheischte, 
mit der Aufgabe der Lehrtatigkeit (Sommer 1907) die Abrustung begonnen, 
wahrend andere in ahnlichen Fallen gerade umgekehrt die an sich aufreibendere 
praktische Tatigkeit aufzugeben pflegen, um Lehrer zu bleiben bis zum letzten 
Atemzug. 

R. wollte bauen, nur bauen, viel bauen, er war eben Baumeister aus 
innerem Drang! Und so ist denn auch die im Jahre 1899 fur R. geschaffene 
weder vor noch nach ihm belcannte Stelle eines »Mitgliedes« des Groflh. Hof- 
bauamtes von ihm nur als Mittel zur Gewinnung dankbarer Bauaufgaben 
gewertet worden, und als diese aufzuhoren drohten, war ihm auch die Preisgabe 
dieses Amtes (1905) eine logische Notwendigkeit. In die kurze Periode des 
Hofdienstes fallen folgende Werke: Keramische Werkstatte der Grofih. 
Majolika-Manufaktur, Wohnhaus fur einen Hofjager (von ihm selbst als archi- 

23* 



356 Ratzel. 

tektonisches Glaubensbekenntnis bezeichnet), Schwestern-Altenheim (Luisen- 
heim), Gebaude des badischen Kunstvcreins, Jubilaums-Kunstausstellungs- 
Gebaude 1902, innere Einrichtung des von Durm erbauten erbgroflh. Palais 
in Karlsruhe, ferner Waisenhaus in Lichtenthal bei Baden-Baden, Landsitz 
fiir die Kronprinzessin von Schweden, Wiederherstellung der Schlofikapelle in 
Baden-Baden und des Grabdenkmales des Markgrafen Bernhard I. von Baden 
in der Klosterkirche in Herrenalb. Als auflere Anerkennung dieser Tatigkeit 
ist die Verleihung des Ritterkreuzes I. Kl. des Zahringer Lowenordens zu 
betrachten. 

R. war auch von Anbeginn Mitglied der im Jahre 1903 eingesetzten Mini- 
sterialkommission fiir das Hochbauwesen. Wenn ihm schon in dieser Eigen- 
schaft ein gewisser EinfluC auf das Bauwesen des Staates zufiel, so wuflte er 
durch einen engen Anschlufi an das Finanzministerium, dem in Baden das 
Hochbauwesen unterstellt ist, die bedeutungsvollen Aufgaben der kurz zuvor 
aufgelosten Baudirektion auf seine Person iiberzuleiten. Aber auch hier wuflte 
er es mit Klugheit zu vermeiden, ein die Freiheit und den Verdicnst beengendes 
geregeltes Beamtenverhaltnis einzugehen. Eine kurze Aktennotiz des damaligen 
Finanzministers Buchenbergcr regelte die beratende Tatigkeit, die ihm die 
groflte damalige Bauaufgabe des Ressorts, die Ausfuhrung der groflen Bau- 
gruppe fiir das General -Landes-Archiv, den Verwaltungsgerichtshof und die 
Oberrechnungskammer gegen Gewahrung eines hohen Honorars einbrachte. 
Die Plane fiir diese Gebaudegruppe waren von dem iiber dieser Arbeit ver- 
storbenen Oberbaurat Hanser gefertigt. R. sollte, so lautete der Auftrag, das 
Hansersche Projekt zur Ausfuhrung bringen. Das Pietatsgefuhl wurde natiir- 
lich durch das starkere Gefiihl des kiinstlerischen Dranges besiegt. Aufler den 
Grundrissen ist von dem Hanserschen Projekt nichts ubrig geblieben, und 
vielleicht ware es besser gewesen, wenn auch diese iiber Bord geworfen worden 
waren, denn wenn man bei aller Schonheit im einzelnen gerade bei dieser 
Gebaudegruppe den Geist abgeklarter Harmonie zu missen glaubt, mochte 
man den organischen Fehler eben darauf zuruckfiihren, dafl R.s Muse sich hier 
nicht in voller Freiheit ergehen konnte. Die Ironie des Schicksals hat es dann 
gewollt, dafl auch R. beim Beginn seines groflten Werkes, der Universitat 
Freiburg, dem Dasein entrissen wurde und in Billing einen Nachfolger fand, 
der wiederum trotz des ausdrucklichen Auftrages, die R.schen Plane mit Pietat 
in die Wirklichkeit umzusetzen eigene neue Wege ging. Unmoglich ware 
in beiden Fallen die menschlich lobenswerte Absicht der Auftraggeber nicht 
gewesen, kurzsichtig aber war es in beiden Fallen, von ausgesprochenen starken 
Kunstlerindividualitaten eine so weit gehende Selbstverleugnung des eigenen 
Idioms vorauszusetzen. 

Den bereits genannten Werken R.s sind noch anzufugen: Wasserturm 
Rastatt, Bismarcksaule Ettlingen, Wohnhausbauten in Heidelberg und Karls- 
ruhe, Geschaftshauser in Mannheim und endlich ein posthumes Werk, der 
Brunnen auf dem Guttenbergplatz in Karlsruhe. 

R.s Entwicklung fallt in die Zeit des sog. Jugendstiles, des krampfhaften 
Suchens nach einem neuen Stil, nach Originalitat bei systematischer Preisgabe 
einer gesunden Fortentwicklung der historischen Bauformen. R. ist durch 
seinen Anschlufl an Schafer vor den Gefahren dieser Bewegung verschont 
geblieben. Er hat mit der Spatgotik begonnen, urn an der Entwicklung der 



Ratzel. Schade. 



357 



alten Kunst fortschreitend, in der deutschen Spatrenaissance seine Haupt- 
triumphe zu feiern. In ernstem Studium in das Wesen des alten Stiles und 
in die werkgerechte Ausfuhrung eindringend, hat R. den folgerichtigen Werde- 
gang von der sklavischen Nachahmung zur selbstandigen Schopferfahigkeit 
durchlaufen. Er wollte »in der Vater Art«, aber »in s e i n e r Sprache reden« f 
wie er sich selbst in dem einzigen Versuch literarischer Tatigkeit (Wiederher- 
stellung des Friedrichsbaues auf dem Schlofi zu Heidelberg. Deutsche Bauztg. 
XXXIX. Jhrg. Nr. 97, 1905.) ausdrtickte. Eine sich immer mehr steigernde 
Maflhaltung im Aufwand der architektonischen Ausdrucksmittel hat seinen 
spateren Werken die seltene Kraft wahrer Monumentalitat verliehen. 

Dafl das Talent auch ohne Schafer grofi geworden ware, steht aufier Frage, 
aber der Weg ware ein anderer gewesen, vielleicht weniger steil und steinig, 
gemachlicher, weniger aussichtsreich und nicht so rasch zum Ziele, zum Ende 
fuhrend. 

Am 5. Juli 1907 hat Friedrich Ratzel in geistiger Umnachtung oder in 

einem lichten Moment, in welchem er das traurige Schicksal des ihm bevor- 

stehenden Siechtums erkannte, seinem tatenreichen Leben in grauenvoller 

Weise ein Ende bereitet. An seiner Bahre stand, den Sensenmann im Riicken, 

Carl Schafer. Was beide der deutschen Baukunst waren, wird erst von spateren 

Generationen erfafit werden. it ,. : *. „ tj-^«^u 

rritz iiirscn. 

Schade x ), Oskar, Universitatsprofessor der deutschen Sprache und Lite- 
ratur, Geheimer Regierungsrat, * 25. Marz 1826 zu Erfurt, f 30. Dezember 1906 
zu Konigsberg i. Pr. — Oskar Sch. entstammt einer alten Thliringer Familie, 
deren Geschichte bis in den Anfang des 17. Jahrhunderts zuriickreicht. Der 
namhafteste seiner Vorfahren ist der evangelische Kirchenliederdichter Johann 
Kaspar Schade, ein Freund August Hermann Frankes. Sein Vater Friedrich 
war Rektor in Erfurt, ein frommer, kraftvoller Mann, der den Sohn das Gym- 
nasium seiner Heimatstadt besuchen lieC. Die beiden letzten Schuljahre ver- 
brachte dieser aber auf dem Gymnasium zu Schleusingen, das er 1845 m *t dem 
Zeugnis der Reife verlieB, um sich auf der Universitat Halle dem Studium der 
Theologie und Philologie zu widmen. Wahrend sich hier seine Studien noch in 
ziemlich allgemeinen Bahnen bewegten, entschied er sich in Berlin, wohin er 
1847 iibersiedelte, endgiiltig fur die deutsche Sprachwissenschaft. Karl Lach- 
mann, Jakob und Wilhelm Grimm werden hier alsbald seine Lehrer, seine ein- 
flufireichen und maOgebenden Fiihrer fur sein ganzes wissenschaftliches Leben. 
Frisch, empfanglich und arbeitsfreudig genoC er das neue Leben in Berlin und 
nahm im bewaffneten Studentenkorps auch Anteil an den Ereignissen der 
Revolution. Trotzdem aber arbeitete er auch fleifiig an seiner Dissertation 
»Daz buochlin von der tochter Syon, Carmen theotiscum mysticum emendavit et 
explicavit 0. S.«, mit der er sich am 12. Juni 1849 in Halle den philosophischen 
Doktorgrad erwarb. Gleich nach der Promotion kehrte er aber wieder nach 
Berlin zuriick, um sich auf unmittelbare Anregung Lachmanns und der Briider 
Grimm an die Herstellung einer kritischen Ausgabe Heinrichs von Veldeke zu 
machen. Indessen bereits im nachsten Jahre begann er mit einer Reihe ziem- 
lich weit und lange ausgedehnter Reisen, zunachst nach Belgien, wo er noch 

l ) Totenliste 1906 Band XI 56*. 



358 



Schade. 



am Veldeke weiterarbeitet, dann nach Suddeutschland, Osterreich, Ungarn 
und wieder zuriick nach dem Rheinlande, wo er etwas dauernderen Aufenthalt, 
zumeist in Bonn, nimmt. Hier trat er in nahe Beziehungen zu Hoffmann von 
Fallersleben und veroffentlichte auch als Fruchte seiner Studien eine Anzahl 
von Schriften, die »Crescentia, ein niederrheinisches Gedicht aus dem 12. Jahr- 
hunderU (1853), »Geistliche Gedichte des 14. und 15. Jahrhunderts vom Nieder- 
rhein* (1854), »Die Sage von der heiligen Ursula und den II 000 Jungfrauen, 
ein Beitrag zur Sagengeschichte« (1854) und drei Neudrucke »Ecken AuBfart«, 
♦ SigenoU und »Laurin« (1854) nach alten Drucken. 

1854 siedelte Sch. nach Weimar uber, wo er ein halbes Jahrzehnt als freier 
Schriftsteller verweilt, zu einer Zeit, da die Stadt noch einmal eine glanzende 
Nachblute erlebte. Bereits in demselben Jahre erscheint hier der erste Band 
der auf Anregung des Groflherzogs Karl Alexander von ihm und Hoffmann von 
Fallersleben herausgegebenen »Weimarischen Jahrbiicher fur deutsche Sprache, 
Literatur und Kunst«. Bis 1857 wurden sechs Bande davon veroffentlicht, 
dann gingen sie ein, vermutlich wegen Mangels an Abnehmern. Von dem 
wertvollen und reichen Inhalt dieser Bande entfallt ein erheblicher Teil auf 
Sch. selbst. Zu den wichtigsten seiner Arbeiten gehoren hier die »Grundziige 
altdeutscher Metrik», die sich vollkommen auf Lachmann stiitzen, und ein 
trefflicher Aufsatz »Klopfan«, in dem er volkskundliches Gebiet betritt und 
Neujahrsbrauche erortert; ebenso beschaftigen sich mit der Volkskunde die 
Abhandlungen »Vom deutschen Handwerksleben in Brauch, Spruch und Lied* 
und »Ober Jiinglingsweihen« sowie die Sammlung der »Volkslieder aus Thii- 
ringen«. In die klassische Zeit fuhren zwei Aufsatze »Zu Goethes Gotz« und die 
Untersuchung uber »Das Puppenspiel Doktor Faust«. Aufierdem erschienen 
in dieser Zeit noch drei selbstandige Bticher: »Bergreien. Eine Liedersammlung 
des 16. Jahrhunderts« (1854), » Brief e des Groflherzogs Karl August und Goethes 
an Dobereiner« (1856) und »Satiren und Pasquille aus der ReformationszeiU 
(3 Bande, 1856 — 58). Nebenher war er noch eifriger Theaterkritiker im »Wei- 
marischen SonntagsblatU und hatte auch noch Zeit, in vollen Ziigen an dem 
anregenden und reizvollen geselligen Verkehr in der kunstliebenden Stadt 
Anteil zu nehmen. 

Im Friihjahr i860 verliefl er den Schauplatz dieser reichen Tatigkeit und 
ging nach Halle, wo er sich am 23. April als Privatdozent fur deutsche Sprache 
und Literatur mit einer Schrift ^Veterum monumentorum theotiscorum decasa 
habilitierte. Seine Vorlesungen betrafen im wesentlichen deutsche Grammatik, 
altdeutsche Metrik und Geschichte und Kritik des Nibelungenliedes. Als 
literarische Hilfsmittel, zunachst fiir seine eigenen Horer, dann tiberhaupt fur 
den akademischen Gebrauch, liefl er seine )>Paradigmen zur deutschen Gramma - 
tik. Gotisch, althochdeutsch, mittelhochdeutsch, neuhochdeutsch* (i860, 
4. Auflage 1884) und das »Altdeutsche Lesebuch« (1862) erscheinen. Im Herbst 
1863 folgte Sch. einem Rufe als ordentlicher Professor an die Albertusuniver- 
sitat zu Konigsberg i. Pr., wo er bis zu seinem Tode blieb und 85 Semester 
gelehrt hat. In seinen Vorlesungen erweiterte er den Kreis der in Halle schon 
behandelten Gebiete durch Kollegien und Obungen uber Otfried, den Heliand 
und verschiedene Abschnitte der deutschen Literaturgeschichte, auch der 
neueren. Von wissenschaftlichen Leistungen schuf er hier seine groflte und 
wichtigste, das grofle » Altdeutsche Worterbuch« (1866). Urspriinglich als 



Schade. 



359 



Glossar zum Lesebuch gedacht, wurde es bereits im ersten Entwurf so erwei- 
tert, »dafl es die hauptsachlichsten althochdeutschen Schriftwerke und die 
gelesensten mittelhochdeutschen Dichter in seinen Bereich zoge.« Eine grund- 
liche Umgestaltung und sehr erhebliche Erweiterung, namentlich nach der 
etymologischen, vergleichenden und kulturgeschichtlichen Seite hin, erfuhr 
es bei der Bearbeitung der zweiten Auflage, erschienen 1872 — 1882, die es zu 
einem Monumentalwerke der germanischen Philologie ausgestaltete. Dennoch 
fand Sch. neben dieser gewaltigen Arbeit, der er sick mit Leib und Seele hingab, 
auch noch Zeit zu cinigen kleineren Aufsatzen, so zu vier Universitatsschriften 
wahrend seines Dekanatsjahres 1869/70 und zur Begnindung und Herausgabe 
einer Zeitschrift, der »Wissenschaftlichen Monatsblatter« (1873 — 1879), durch 
die er die wissenschaftlichen Arbeitskrafte des deutschen Ostens zu sammeln 
hoffte. Mit der Beendigung der zweiten Ausgabe seines grofien Hauptwerkes, 
des Worterbuches, war seine literarische Tatigkeit beendigt, und er widmete 
sich fortan nur noch seiner akademischen Lehrtatigkeit. 1886 wurde auf seine 
Bemuhungen hin das deutsche Seminar an der Albertina begriindet, das er bis 
1904 allein, von da an zusammen mit Professor Dr. Hermann Baumgart leitete, 
der die neuhochdeutsche Abteilung ubernahm. Zu seinem 70. Geburtstage 
wurde ihm von seinen Schulern und Freunden eine umfangliche und gehalt- 
volle Festschrift gewidmet (Konigsberg 1896), zum 80. Geburtstage wurde ihm 
ebenfalls vom Freundeskreise eine kostbare Adresse liberreicht und sein in Ol 
gemaltes Bild gestiftet, das im deutschen Seminar der Albertina angebracht, 
dauernd an den Begninder desselben erinnern soil. Am 30. Dezember 1906 
starb er im 81. Lebensjahre an den Folgen eines Influenzaanfalles. — Er war 
verheiratet mit Marie von Beyer, der Tochter eines ungarischen Emigrahten 
(1865 — 1904). Von seinen Kindern leben noch zwei, ein Sohn, Dr. Rudolf Sch., 
und eine Tochter Maria, die sich bereits als Schriftstellerin einen Namen ge- 
macht hat. 

Oskar Sch. war der letzte der Germanisten, die noch personliche Schuler 
der Grimm und Lachmanns gewesen sind. Auf ihren Wegen ist er dann auch 
zeitlebens gewandelt, ihre Anschauungen hat er mit aller Treue und uner- 
schutterlicher Uberzeugung — bis zur Einseitigkeit vertreten. Uns Jiingeren 
mufite er wie ein ehrwiirdiges Denkmal aus ferner Vergangenheit erscheinen, 
die aufier ihm nur noch in literarischer Oberlieferung auf die Gegenwart ein- 
wirkte. Wie seltsam war es, wenn er von seinen geliebten Meistern der deut- 
schen Wissenschaft, von Hebbel und Liszt, von Hoffmann und vielen andern, 
langst Dahingeschiedenen als von personlichen Freunden und Bekannten 
erzahlte, staunenswert frisch und rege bis ins hochste Alter! Ehrwiirdig war 
auch seine aufiere Erscheinung, die uns um Jahrzehnte zuriickzuversetzen 
schien, und insbesondere der eigenartige Charakterkopf. Die neueren Errungen- 
schaften seiner Wissenschaft hat Sch. rege und eifrig verfolgt, mied es aber, 
sich offentlich dariiber zu auflern und den modernen Richtungen nachzugeben; 
dennoch wirkte auch hier seine Oberzeugungstreue, mit der er am Alten hing 
und es verteidigte, achtunggebietend. Uberhaupt war sein Charakter durch 
und durch kernhaft, sein Wesen trotz mancher aufieren Harten liebenswiirdig. 
Auch politisch hat er sich — in streng konservativer Gesinnung — kraftvoll 
betatigt, einen Sieg allerdings in dem vollig liberalen Konigsberg nicht erringen 
konnen. Draufien im Reiche ist Sch. nach dem Abschlufi des Worterbuches 



3<5o 



Schade. Rosenow. 



nicht mehr viel beachtet worden, aber in unserm ganzen Osten, in Ost- und 
Westpreuflen, hat er als akademischer Lehrer eine starke Wirkung ausgeubt. 
War er doch langer als vier Jahrzehnte fast immer der einzige Germanist an der 
Albertina. So verdankt nahezu die ganze Oberlehrerschaft hier, soweit sie die 
Lehrbefahigung im Deutschen besitzt, ihm ihre wissenschaftliche Ausbildung. 
Mit seinen Studenten verband ihn ein enges, personliches Vertrauensverhaltnis, 
aber trotzdem hat er nicht eigentlich Schule gemacht, und die Zahl derer, die 
bei ihm den Doktorgrad erwarben, ist nicht grofl. Der literarisch bedeutendste 
seiner Schiiler war der auch schon dahingegangene Gymnasialprofessor Karl 
Marold. 

Trotz des langen und beharrlichen Schweigens wahrend der letzten fiinf- 
undzwanzig Jahre seines Lebens, das in seltsamem Gegensatz zu der groflen 
literarischen Fruchtbarkeit der fruheren Zeit steht, ist Sch.s Name mit der 
Geschichte und Entwicklung der germanistischen Wissenschaft dauernd und 
ehrenvoll verbunden durch das grofle Hauptwerk seines Lebens, sein »Alt- 
deutsches Worterbuch*, das bei seinem Erscheinen als eine Glanzleistung erster 
Ordnung dastand, noch heute nicht ersetzt oder als Ganzes iiberholt ist und 
noch immer als ein Meisterwerk deutschen Gelehrtenfleifles und germanistischer 
Forschungsarbeit geruhmt zu werden verdient. 

Hauptquelle: Karl Marold, Oskar Schade, Nachiuf in der Zeitsrhrift fiir dcutschc Philo- 
logie, Bd. 39 (1907). — Geistiges Deutschland (Berlin, o. J. [1903]), Schade. — Schade, 
Altdeutsches Worterbuch, Vorrede zur 2. Auflage. — Hoffmann von Fallersleben, Mein Leben, 
Bd. 5 u. 6. — Konigsberger Universitatskalender, Sommersemester 1907, Thurau, Der alte 
Schade. 

Konigsberg i. Pr. Hermannjantzen. 

Rosenow *), Emil, * 9. Marz 1871 in Koln a. Rh., f 7- Februar 1904. — Er 
wurde evangelisch getauft als Sohn des Schuhmachermeisters Friedrich R. aus 
Neustettin und seiner Ehefrau Charlotte, geb. Rohr, aus Soneborn bei Detmold, 
die bis zu ihrer Verheiratung Diakonissin war. Schon fruhzeitig starben seine 
Eltern; als er II Jahre alt war, der Vater; als er 14 Jahre alt war, die Mutter, 
so dafl er als Kind schon der Obhut seines Vormundes ubergeben wurde. Er 
besuchte die Volksschule zu Koln a. Rh. Im jugendlichsten Alter fing er an, 
selbstandig zu schreiben. Als I4jahriger Knabe verfaflte er eine Erzahlung: 
»Ehre Vater und Mutter«. Bis zum 15. Jahre hatte er zwei weitere Erzahlungen 
fertig: »Der Waidhofbauer« und »Jude und Christ«. Als I5jahriger junger 
Mensch war er Mitarbeiter, ja fast alleiniger Verfasser des »Kolner Humorist*. 
In seiner Jugendzeit entstanden weiter verschiedene Gedichte, Erzahlungen, 
Novellen, auch ein groflerer Roman. Mit 18 Jahren war er Mitarbeiter des 
»Kolner Anzeigers« und der Elberfelder »Freien Presses, fiir beide Blatter ver- 
faflte er Leitartikel und Novellen. Mit 14 Jahren war er in den Schaaffhausen- 
schen Bankverein eingetreten, in dem er bis zum Herbst 1891 beschaftigt war. 
In dieser Zeit fing er an, sozialdemokratische Versammlungen abzuhalten; von 
seiten der Direktion wurde ihm Anerbieten auf bessere Stellung gemacht, 
wcnn er die Vortrage sein lasse. Die sozialdemokratischen Ideen steckten ihm 
aber zu sehr im Kopf, und so muflte er deswegen seine gute Stellung aufgeben. 

') Totenliste 1904 Band X 94*. 



Rosenow. 36 j 

Jetzt kam eine triibe Zeit fiir ihn, bis er dann am I. Mai 1892 die Stellung eines 
Redakteurs am Chemnitzer »Beobachter« annahm. Dort lernte er auch seine 
spatere Frau als die Tochter des Buchdruckereibesitzers kennen. Seine Braut- 
zeit wahrte vom 2. September 1894 bis zum Tage der Hochzeit am 8. Marz 1897. 
Seine Kinder waren eine vor der Geburt verstorbene Tochter im Jahre 1898 
und eine lebende Tochter im Jahre 1900. In seinem Hochzeitsjahr war es 
auch, wo er das erstemal im 20. sachs. Reichstagswahlkreis als sozialdemo- 
kratischer Kandidat aufgestellt wurde. Im Juni 1898 siegte er in der Stichwahl 
mit geringer Mehrheit nach einem harten Wahlkampf und wurde somit der 
jiingste Reichstagsabgeordnete. Bei der Neuwahl im Jahre 1903 wurde er in 
der Hauptwahl wiedergewahlt in demselben Kreis, fiir den er lebte und den er 
liebte. Seine schonste Zeit im Jahre war, wenn er zu seinen lieben Erzgebirglern 
fahren konnte, und im Sommer vor Tausenden von Menschen unter Gottes 
freiem Himmel reden und agitieren konnte; fruh, mittags und nachmittags 
Versammlungen abhalten konnte, von einem Ort zum andern unter brausendem 
Jubel seiner Getreuen. Als sozialdemokratischem Redakteur blieben ihm auch 
die Mauern des Gefangnisses nicht fremd. Dreimal mufite er die Menschen 
verlassen, um insgesamt ein halbes Jahr seines kurzen Lebens hinter Kerker- 
mauern bei Selbstbeschaftigung und Selbstbekostigung zu sitzen. Die Reden 
R.s, die er durch seine schone rheinlandische Aussprache und wegen seinem 
imposanten Aussehen (sehr grofl, schon, blond, liebenswurdig) mit Riesen- 
erfolgen in Chemnitz und Umgebung abhielt, veranlafite die Chemnitzer Amts- 
hauptmannschaft, ihm das Betreten von 9 Orten Chemnitz Land zu verbieten 
auf die Dauer von zwei Jahren. Diese Sache ging damals bis vor den Reichs- 
kanzler. Auch wurde dieselbe humoristisch im Siiddeutschen Postilion, Miinchen 
1896 Nr. 339/16 festgehalten. Er verfafite in seinen Mufiestundcn von 1892 bis 
1898 zwei Broschuren »I00 000 Soldaten mehr« und »Kapital und Juden- 
frage« und zwei Romane »Fruhlingssturme« und »Die Luge«, die beide erst- 
malig im Beobachter abgedruckt wurden. Auch gab er eine Romanbibliothek 
heraus, an der verschiedene bekannte Schriftsteller mitarbeiteten. Im 
Herbst 1898 legte er die Redaktion des Beobachter nieder, um als freier 
Schriftsteller sein Gltick zu versuchen. Er schrieb einen unaufgefiihrten 
Einakter: »Daheim« und ein Drama: »Dcr balzende Auerhahn«, das 
ebenfalls noch der Auffuhrung wartet. Inzwischen mufite er auf Verlangen des 
Parteivorstandes auf % Jahr nach Dortmund als leitender Chefredakteur. 
Nach dieser Zeit begann er im Reichstage sitzcnd von fruh morgens bis spat 
abends seine Komodie: »Kater Lampe«, die Herr Direktor Alfred Halm im Au- 
gust 1902 in Breslau und im Herbst 1903 im Berliner Theater erstmalig heraus- 
brachte und 27 mal auffiihrte. Die ersten Tantiemen erfreuten ihn Januar 
1904 auf seinem Krankenbett. Im Fruhjahr 1906 kam die Komodie am Ber- 
liner Lessing-Theater heraus und wurde 25 mal gespielt. Im Laufe der Jahre 
machte die Komodie ihren Weg iiber fast alle deutschen Buhnen des In- und 
Auslandes. Vom Jahre 1 900 ab muGte er furchtbar viel arbeiten, von fruh bis 
in die Nacht hinein, um sein Leben fristen zu konnen. Sehr viele Novellen, Er- 
zahlungen, Humoresken sind in dieser Zeit entstanden. Jede Woche mufite er 
mindestens fiinf Versammlungen abhalten. Wic oft passierte es, dafi er noch 
nachts nach der Versammlung einen Leitartikel schreiben mufite und ihn noch 
mit seinem Fahrrad nachts 2 — 3 Uhr an den Anhalter Bahnhof brachte. Als 



362 Rosenow. Busse. 

Vehse redivivus setzte er die Geschichte des PreuBischen Hofes fort, die in zwei 
Banden in der Franckhschen Verlagsbuchhandlung Stuttgart erschien. Weiter 
wurde von ihm ein im Vorwartsverlag Berlin erschienenes Buch »Die Pfaffenherr- 
schaft« geschrieben. Weiter verfafite er ein Drama: »Kinder der Tiefe«, auch 
dieses ist noch nicht aufgefuhrt, und sein letztes Werk wurde seine Komodie 
»Die Hoffnung des Vaganten«, die er halbfertig liegen liefl. Ein Gelenkrheuma- 
tismus hatte ihn Mitte Januar 1904 aufs Krankenlager geworfen, das am 7. Fe- 
bruar 1904 in Schoneberg- Berlin auch sein Sterbelager wurde. Jetzt hatte die 
Zeit fruchtbarsten Schaffens eingesetzt, da fur die pekuniare Seite gesorgt war. 
Mitten aus der Arbeit rifi ihn der unerbittliche Tod fort. Nicht ganz 33 Jahre 
wurde er alt, Frau und Kind zuriicklassend, in tiefster Not, mutterseelenallein. 

A. R.-E. 

Busse 1 ), Llldwig, Professor der Philosophie, * 27. Sept. 1862, f J 2- Sept. 
1907. — B. wurde in Braunschweig als Sohn eines Kaufmannes geboren. Er 
besuchte das Gymnasium seiner Vaterstadt, das er im Herbst 1 88 1 mit dem 
Zeugnis der Reife verliefi. Darauf bezog er zunachst die Universitat Leipzig, 
um Geschichte und Philosophie zu studieren. Das Sommersemester 1882 ver- 
brachte er in Innsbruck und ging im folgenden Herbst nach Berlin, wo er die 
Vorlesungen von Dilthey, Paulsen, Ebbinghaus und Lasson horte. Durch 
diese Vorlesungen, vor alien Dingen aber durch das Studium der Schriften 
Lotzes, die seinem philosophischen Denken die erste Anregung boten, wurde 
der Grund zu seinem eigenen philosophischen Standpunkt, einem strengen 
Dogmatismus und Spiritualismus, gelegt. In Berlin promovierte er im August 
1885 mit »Beitragen zur Entwickelungsgeschichte Spinozas«, die einen Teil 
einer grofieren Abhandlung bildeten, die unter dem gleichen Titel in den Jahren 
1887, 88 und 89 in der Zeitschrift fur Philosophie und philosophische Kritik 
erschien. In engem Zusammenhange mit dieser Untersuchung steht der Auf- 
satz »tJber die Bedeutung der Begriffe ^essentia* und ^existential bei Spinoza*, 
den B. 1886 in der Vierteljahrsschrift fur wissenschaftliche Philosophie ver- 
offentlichte. Im November 1886 erhielt B. einen Ruf als Professor der Philo- 
sophie an die kaiserliche Universitat zu Tokio, dem er alsbald Folge leistete. 
In Tokio hielt er den japanischen Studenten in englischer Sprache wochentlich 
zwanzig Stunden Vorlesungen iiber fast alle Teile der Philosophie mit Einschlufi 
der Geschichte der Philosophie, eine fur einen Gelehrten von so jugendlichem 
Alter gewifi hochst anerkennenswerte Leistung. Als B. in Japan eintraf, herrschte 
dort durchaus die Spencersche Philosophie vor, deren Einflufi er jedoch durch 
seine Vorlesungen zuriickzudrangen und zu vermindern wuflte. In der deutschen 
Gesellschaft fiir Natur- und Volkerkunde Ostasiens zu Tokio hielt B. im Sommer 
1892 einen lehrreichen und hochst dankenswcrten Vortrag »Streifziige durch die 
japanische ethische Literatur der Gegenwart«, wozu er sich das Material 
hauptsachlich mit Hilfe einiger Schiiler verschafft hatte, die ihm Berichte, 
Ausziige und tJbersetzungen lieferten. Der Vortrag wurde in den Mitteilungen 
der genannten Gesellschaft (Tokio 1892) und auflerdem in der ^Zeitschrift fiir 
Missionskunde und ReligionswissenschafU (1893) abgedruckt. Noch in Japan 
entstand auch zum grofieren Teil die umfangreiche Abhandlung »Zu Kants 

*) Totenliste 1907 Band XII 17*. 



Busse. 



363 



Lehre vom Ding an sich«, in der B. zugleich liber das englische Werk eincs 
jungen japanischen Gelehrten iiber denselben Gegenstand Bericht erstattete 
(Ztschr. f. Phil. usw. Bd. 102 S. 74 — 113 und S. 171 — 232). 

Nach sechs Jahren anstrengender Arbeit kehrte B. wieder nach Deutschland 
zuriick, wo er sich im Mai 1894 in Marburg habilitierte. In seiner Antritts- 
vorlesung behandelte er die Ethik des Utilitarismus (Zur Beurteilung des 
Utilitarismus, Zeitschr. f. Phil Bd. 105), dessen Moralprinzip »Das grofite 
Gluck der groflten Anzahk er als unzutreffend darzutun sucht, ohne doch des- 
halb im Sinne des Kantischen Rigorismus die beiden Begriffe des sittlich Guten 
und der Lust ganz voneinander trennen zu wollen. Vielmehr stellt er zwischen 
beiden einen nahen Zusammenhang her, der so zu denken sein soil, dafi das 
Sittlich-Gute seiner Natur nach uns Lust gewahrt, und zwar die hochste Lust, 
die es fur den Menschen (iberhaupt gibt. Der Wertschatzung des Sittlich-Guten 
als des hochsten Gutes mufl jedes moralisch empfindende Wesen ebenso un- 
bedingt zustimmen, wie jedes intelligente Wesen den denknotwendigen Wahr- 
heiten zustimmen mufi. Doch ist deshalb nicht etwa das Gute als das Mittel 
anzusehen, um sich diese hochste Lust zu verschaffen, denn gerade umgekehrt 
tritt diese Lust nur dann ein, wenn das Gute ohne egoistische Absichten um 
seiner selbst willen getan wird. Im Jahre 1894 erschien auch B.s erstes grofieres 
Werk »Philosophie und Erkenntnistheorie«. Der erste Teil dieses Buches ist 
der Aufgabe gewidmet, gegen Skeptizismus, sowie Kritizismus und Trans- 
zendentalphilosophie die Moglichkeit einer dogmatischen Metaphysik nach- 
zuweisen. Sie ergibt sich fiir B. aus dem Begriffe des Denknotwendigen. Was 
sich uns namlich subjektiv als denknotwendig darstellt, so argumentiert er, 
mufi auch objektiv und an sich so sein, wie wir es denken; denn es ware ein 
Widerspruch, die Denknotwendigkeit eines Satzes zu behaupten und doch zu- 
gleich die unbedingte Giiltigkeit seines Inhalts zu bezweifeln. Da es nun die 
Metaphysik wesentlich mit denknotwendigen Wahrheiten zu tun hat, wie B. 
meint, so folgt aus dem angefiihrten Argument ihre wissenschaftliche Moglich- 
keit, die um so weniger zu bestreiten ist, als auch die genannten antimeta- 
physischen Richtungen metaphysische Voraussetzungen gar nicht entbehren 
konnen. Im zweiten Teil seines Werkes entwirft B. die Grundzuge eines philo- 
sophischen Systems. Mit Lotze, dessen Weltanschauung trotz der Selb- 
standigkeit seines Denkens fiir ihn von mafigebender Bedeutung ist, unter- 
scheidet er drei Grundbestandteile aller Wirklichkeit, die sich aufeinander nicht 
zuriickflihren, wenn auch aus einem gemeinsamen Grunde, namlich dem 
Absoluten, ableiten lassen: denknotwendige Prinzipien, Tatsachen und 
Werte. Mit den denknotwendigen Prinzipien, die fiir alle Wirklichkeit gelten, 
hat es die theoretische Philosophic zu tun, die im wesentlichen Meta- 
physik ist. Letztere untersucht als reine Metaphysik oder Ontologie die Natur 
des Seienden im allgemeinen, wahrend sie als angewandte Metaphysik sich 
mit kosmologischen und psychologischen Problemen zu beschaftigen hat. Der 
Kosmologie oder Naturphilosophie schreibt B. dabei aber nur eine recht unter- 
geordnete Bedeutung im System der Philosophic zu. Die Untersuchung der 
Werte bildet die Aufgabe der praktischen Philosophie, deren wichtigste 
Disziplinen Ethik und Asthetik sind. Die Ergebnisse der theoretischen und der 
praktischen Philosophie hat sodann der dritte Hauptteil der Philosophie, 
die Religionsphilosophie, zu einer einheitlichen Weltanschauung 



364 Busse. 

zusammenzufassen, die im Begriff des Absoluten ihren AbschluC findet. Das 
Absolute ist als die eine Weltsubstanz zu denken, der alle Dinge als blofie 
Modi inharieren, ohne doch deshalb ihre individuelle Selbstandigkeit einzu- 
btiflen. Genauer ist der Begriff des AbSoluten als der eines allumfassenden 
Geistes zu bestimmen, der zugleich aus praktischen Gninden im Sinne der 
the'istischen Anschauung als bewuCte sittliche Personlichkeit gedacht werden 
mufl. Alles Seiende ist seiner Natur nach bewufites Sein; ein unbewufites Sein 
erklart B. geradezu fur eine contradictio in adiecio, Daher liegt auch der ma- 
teriellen Welt an sich ein Reich bewufit-geistiger Wesen zugrunde, deren 
Beziehungen unter einander auch nicht mehr als raumlich angesehen werden 
konnen, da dem Raume die Realitat aufier unserer Vorstellung abgesprochen 
werden mufl. — Zur Verteidigung der Metaphysik ist auch die Abhandlung 
»Die Bedeutung der Metaphysik fur die Philosophic und die Theologies ge- 
schrieben (Zeitschr. f. Phil. 1898), in deren zweitem Teil B. den zutreffenden 
Nachweis fuhrt, dafi die Metaphysik auch fur die Theologie ganz unentbehrlich 
ist, wenn nicht die Anerkennung bestimmter religioser Satze zuletzt ganz 
und gar dem subjektiven Belieben iiberlassen werden soil. 

Im Herbst 1896 folgte B. einem Rufe als ordentlicher Professor an die 
Universitat Rostock, die er jedoch bereits nach zwei Jahren wieder verliefl, da 
er einen Ruf nach Konigsberg erhalten hatte. Hier war es ihm vergonnt, 
sechs Jahre lang eine erfolgreiche und auch uber die studentischen Kreise hinaus- 
reichende Lehrtatigkeit zu entwickeln. Dann siedelte er nach Munster uber, 
um schliefllich im Fruhjahr 1907 nach Halle zu gehen, wo er aber nur noch 
ein Semester wirken sollte. Denn bereits in den Sommerferien erlag er in Halber- 
stadt den Folgen einer Gallensteinoperation. — Wahrend seiner Konigsberger 
Zeit veroffentlichte B. unter dem Titel »Geist und Korper, Seele und Leib« 
sein umfangreichstes und bedeutendstes Werk, das 1903 erschien. Es beginnc 
mit einer eindringenden und treffenden Kritik des Materialismus, dem gegen- 
tiber er die eigentumliche Natur und die Selbstandigkeit des seelischen Lebens 
verteidigt. Den Hauptteil des Werkes aber bildet eine sehr eingehende, die 
umfangreiche neuere Literatur uber den Gegenstand in grofier Vollstandigkeit 
beriicksichtigende Untersuchung uber die Wechselwirkung zwischen Leib 
und Seele, deren Realitat B. im Gegensatz zu der in den letzten Jahrzehnten 
so vielfach vertretenen Theorie des psychophysischen Parallelismus auf das 
ausfiihrlichste zu beweisen sucht. Keiner der allgemeinen Grunde, die man 
gegen eine Wechselwirkung zwischen Leib und Seele geltend gemacht hat, kann 
als richtig anerkannt werden. Auch das Gesetz von der Erhaltung der Energie 
beweist nichts, da es nach B.s Auffassung, die cr genauer begnindet, nur fur 
den Zusammenhang der materiellen Erscheinungen untereinander, jedoch nicht 
mehr fur die Beziehungen von materieller und geistiger Welt gilt. Die Annahme 
einer geschlossenen Naturkausalitat aber, aus der die Unmoglichkeit einer 
Wechselwirkung folgen wurde, ist eine ganz unbegrundete Hypothese, die sich 
angesichts der Tatsachen der Erfahrung nicht aufrecht erhalten lafit. Voran- 
gegangen waren diesen Untersuchungen einige kleinere Abhandlungen uber das 
Verhaltnis von Leib und Seele, deren besondere Anfuhrung aber unnotig sein 
diirfte, da ihr wesentlicher Inhalt in das grofiere Werk ubergegangen ist. 
— Im Winter 1902/03 hielt B. in Konigsberg volkstumliche Hochschulkurse 
uber »Die Weltanschauungen der groOen Philosophen der Neuzeiu, die in 



Busse. Bauer. 



365 



die Teubnersche Sammlung »Aus Natur und Geisteswelt« aufgenommen 
wurden (56. Bandchen, 1. Aufl. 1904, 4. Aufl., besorgt von R. Falckenberg, 1909). 
In diesen Vorlesungen schildert B. vom Standpunkte seiner selbstandigen 
Auffassung aus in lehrreicher und anregender Weise die Entwicklung der 
neueren Philosophic in ihren Grundziigen von Descartes und Baco an bis 
zur Gegenwart. Fur die von der Konigsberger Universitat 1904 zur Erinnerung 
an den vor 100 Jahren erfolgten Tod Kants herausgegebene Sammlung von 
Abhandlungen lieferte er mit einer Untersuchung uber Kants »Nova Dilu- 
cidatio* einen wertvollen Beitrag. Zu den wissenschaftlichen Leistungen B.s 
gehoren auch eine nicht unbetrachtliche Anzahl von Rezensionen, unter 
denen seine Berichte uber die neuere philosophische Literatur Amerikas in 
der Zeitschr. f. Phil, besondere Erwahnung verdienen. Im Jahre 1902 uber- 
nahm B. zu seinen sonstigen Arbeiten noch die Redaktion der ebengenannten 
Zeitschrift, die er bis zu seinem Tode fortgeflihrt hat. Als er starb, hatte er 
als weitere wissenschaftltehe Arbeiten eine Einleitung in die Philosophic und 
ein grofleres Werk uber Lotze ins Auge gefafit. Diese und andere Plane sind nun 
nicht mehr zur Ausfiihrung gelangt. Vor der Zeit ist B. auf der Hohe des Lebens 
und Wirkens dahingerafft worden, ohne das System der Philosophic zur Aus- 
fiihrung bringen zu konnen, das er sich urspriinglich als Lebensaufgabe gesetzt 
hatte. Sein fruher Tod bedeutet nicht nur fur seine Familie, sondern auch fiir 
die Wissenschaft einen schmerzlichen Verlust. Einer der scharfsinnigsten 
und begabtesten Vertreter der systematischen Philosophic in unserer Zeit 
ist mit ihm dahingegangen. Moge sein Andenken in der wissenschaftlichen 
Welt sich noch lange lebendig erhalten. 

Nachruf auf L. Busse, von Falckenberg, Ztschr. f. Phil. 1907, Bd. 131; Nachtrag dazu 
von Falckenberg und Julius Walter, ebenda; Mitteilungen von Frau Professor Busse. 

Franz Erhardt. 

Bauer *), Gustav, Dr. Univ. -Professor, * 18. November 1820 in Augsburg, 
t 3. April 1906 in Miinchen. — Der Vater, ein angesehener Kaufmann, starb 
friih, aber eine ausgezeichnete Mutter sorgte fur die Erziehung des Knaben, 
der ihr sein ganzes Leben lang eine tiefe Liebe bewahrte. Die Gymnasialstudien 
erledigte er in dem Kollegium St. Anna in Augsburg bereits im August 1837 
und besuchte dann noch die dortige polytechnische Schule ein Jahr lang, wo 
er mathematische Facher mit ausgezeichnetem Erfolge horte. Dann wandte 
er sich dem Universitatsstudium zu. Zunachst wurde Erlangen besucht, wo 
der spater so benihmt gewordene Geometer von Staudt allerdings nicht las, 
sodann Wien, Berlin und Paris. Besonders zogen ihn in Berlin die Vorlesungen 
von Dirichlet an liber partielle Differentialgleichungen, angewandt auf die 
Theorie der Warme, uber bestimmte Integrate und Zahlentheorie^sowie in 
Pari3 Liouvilles Vortrage, der uber die Theorie der Attraktion nach dem Newton - 
schen Gesetze las. Noch bevor er nach Paris ging, erwarb er im August 1842 
in Erlangen die philosophische Doktorwurde auf Grund einer Arbeit: »Von 
der Theorie der Warme«. Die Lehramtspriifung fiir Mathematik und Physik 
hatte er bereits im Jahre vorher bestanden. Da sich aber keine Aussicht bot, 
im Staatsdienst dauernd beschaftigt zu werden, so nahm B. eine Erzieherstelle 
beim Fiirsten Ghika in Rumanien an (1845) und widmete sich 8 Jahre lang 

*) Totenliste 1906 Band XI 7*. 



366 Bauer. 

mit hingebendem Eifer der Erziehung der ihm anvertrauten Sohne. Nach 
einem 3 monatlichen Aufenthalte in England habilitierte er sich im Oktober 
1857 in Munchen als Privatdozent fur Mathematik mit einer Arbeit: »Ober 
die Integrale gewisser Differentialgleichungen, die in der Theorie der Anziehung 
vorkommen«. Wie die Dissertation, so bezieht sich auch diese Arbeit auf das 
Gebiet der Kugelfunktionen, deren Theorie er in dieser letzteren Untersuchung 
wesentlich fordert. Im Jahre 1865 wurde B. sodann Extraordinarius, 1869 
Ordinarius fur das Lehramt der Mathematik an der Universitat Munchen, 
1 87 1 Mitglied der Akademie der Wissenschaften. Er behandelte in seinen 
Vorlesungen analytische und synthetische Geometrie, Theorie der Kurven 
und Flachen, Algebra und Theorie der Invarianten und Kovarianten, auGerdem 
wurden im mathematischen Seminar, das er unter den schwierigsten Ver- 
haltnissen wenigstens einigermafien ausstattete, die verschiedensten Gebiete, 
namentlich auch Mechanik, durch Ubungen und Vortrage erortert. 

Das wissenschaftliche Arbeitsgebiet B.s war die Geometrie, wean er auch 
der Analysis, speziell der Theorie der Kugelfunktionen, immer wieder einzelne 
Untersuchungen widmete. In der Arbeit »Ober das Pascalsche Theorem* 
Abhandl. d. bayr. Akad. Bd. 3, 1874 bewies er gewisse Reziprozitatsverhaltnisse 
der komplizierten Figur des Hexagramma mysticum, 1880 gelang es ihm, einen 
schonen Satz liber das Hyperboloid aufzufinden (Uber eine Eigenschaft des 
geradlinigen Hyperboloids, Sitz.-Ber. d. bayr. Akad. d. Wiss. Bd. 10, 1880). 
Diese Arbeiten, sowie andere, auf die hier nicht eingegangen werden kann, 
wie die »Von den gestaltlichen Verhaltnissen der parabolischen Kurve auf einer 
Flache dritter Ordnung« Sitz.-Ber. d. k. bayr. Akad. Bd. 13 1883 oder »Von der 
Hesseschen Determinante der Hesseschen Flache einer Flache dritter Ordnung* 
Abhandl. d. k. bayr. Akad. d. Wiss. Bd. 3, 1883 sicherten B. einen ehrenvollen 
Platz in der Wissenschaft. Dem beruhmten Geometer Hesse widmete er 
1882 eine tiefeindringende und von groflen Gesichtspunkten beherrschte Ge- 
dachtnisrede. Uberhaupt verfiigte B. uber ein vielseitiges Wissen und eine 
allgemeine Bildung, wie sie in unserer nur das Fachwissen begunstigenden 
Zeit immer seltener wird. Das erkennt man auch aus einem Vortrag, den er 
am 7. Juli 1893 im Mathematischen Verein Munchen hielt: »Erinnerungen 
aus meinen Studienjahren, insbesondere mit Riicksicht auf die Entwicklung 
der Mathematik in jener Zeit« (Munchen, Wolf und Sohn, 1893). Die akademi- 
sche Jugend verehrte in ihm nicht nur einen ihren beliebtesten Lehrer, sondern 
auch einen wohlwollenden Ratgeber und Freund. Lange Jahre hindurch fuhrte 
er den Vorsitz in der Lehramtsprufung fur Mathematik und Physik. Als er 
im Jahre 1 900 seinen 80. Geburtstag beging, noch rastlos tatig im akademischen 
Lehramte und in unverminderter, geistiger und korperlicher Frische, ehrte 
ihn der akademische »Mathematische Verein Munchen« durch Herau^gabe 
seiner »Vorlesungen uber Algebra«, Teubner 1903. Die Drucklegung besorgte 
sein Schiiler und j lingerer Kollege Doehlemann. Schon im Jahre 19 10 war 
eine 2. Auflage dieses Buches notwendig. Im November 1900 lieB B. sich von 
der Verpflichtung, Vorlesungen zu halten, entbinden, las aber noch im Winter- 
semester 1904/05. Im Anfange des Jahres 1906 zeigten sich die Symptome 
einer schweren Lungenentziindung und dieser erlag der merkwiirdig frische 
85jahrige Mann am 3. April 1906. In seinem edlen und freien Charakter, seiner 
hingebenden Liebe fiir seine Familie, seinem strengen PflichtbewuGtsein und 



Bauer. Rosenbach. 



367 



seinem warmherzigen Wohlwollen fur die Jugend stellt G. Bauer den Typus 
des deutschen Gelehrten dar. ^ 

Miinchen. Karl Doehlemann. J 

Rosenbach, Ottomar x ), a. o. Prof, der inneren Medizin an der Universitat 
Breslau, * als Sohn eines angesehenen Arztes am 4. Januar 185 1 zu Krappitz 
in Schlesien, f zu Berlin am 20. Marz 1907. — Er besuchte das Gymnasium 
zu Ratibor und studierte in Breslau und Berlin — hier besonders intensiv 
beeinflufit von seinem Onkel, dem groflen Kliniker Ludwig Traube. 1870/71 
zieht er als Freiwilliger in den Krieg und nimmt teil an der Belagerung von 
Paris. 1874 — 1877 ist er Assistent an der medizinischen Poliklinik — bzw. 
Klinik in Jena unter Leube und Nothnagel. 1877 wird er Assistent am Aller- 
heiligen-Hospital zu Breslau, wo er sich nun, zunachst von Cohnheim beeinflufit 
— bald aber methodisch und sachlich auch unabhangig von dessen Schule — 
dem Studium pathologischer Probleme widmet. 1878 habilitierte er sich an 
der Universitat Breslau, mit der besonders fur die Entwicklung seiner Lehre 
von der Rolle des Tierexperiments in der medizinischen Forschung bedeut- 
samen, aber auch fur seine spateren grofien Arbeiten liber die Pathologie des 
Herzens bestimmend gewordenen Untersuchung: »Uber artefizielle Herz- 
klappenfehler«. 1887 ward er dirigierender Arzt der medizinischen Abteilung 
des Allerheiligen-Hospitals zu Breslau, 1888 aufierordentlicher Professor an 
der Universitat. 1893 legte er seine Stellung im Krankenhause nieder, 1896 
entsagte er seinem Lehramt, um fortan in Berlin ausschliefilich seinen wissen- 
schaftlichen Arbeiten zu leben. Was ihm jetzt als Ziel vorschwebte, war ein 
systematischer Ausbau seiner medizinischen Gedanken zu einer umfassenden 
Naturphilosophie. Immer intensiver wurde daher in dieser Zeit seine Be- 
schaftigung auch mit erkenntnistheoretischen Problemen, immer gescharfter 
zugleich sein Sinn fur eine Kritik seiner eigenen Forschungsergebnisse und 
Methoden. In unausgesetzter harter wissenschaftlicher Arbeit entsteht jetzt 
eine groBe Reihe bedeutsamer Werke. Manches kleinere und weniger wichtige 
schiebt sich freilich dazwischen. Ohne Schwierigkeit aber erkennt der Kundige 
an ihrer Gesamtheit die grundlegenden und einheitlichen Motive, die ihre Ent- 
stehung beherrschen. Korperlich schwer leidend schafft der rastlose Mann 
mit fieberhafter Energie. Ein Meister der arztlichen Diagnostik bewahrt sich 
sein klares Urteil auch an seinen eigenen Zustanden. In klassischer Ruhe und 
mit der weisen Oberlegenheit des Denkers sieht er seit Jahren sein Ende heran- 
nahen, aber nur um so energischer widmet er sich seinen Arbeiten: die kurze 
Lebensfrist, die ihm, wie er wohl wuBte, noch vergonnt war, sollte ihm einen, 
wenigstens relativen Abschlufi seiner Gedanken ermoglichen. Aus einer, im 
hochsten Sinne religiosen Uberzeugung, in der zugleich seine teleologische 
Naturphilosophie gipfelt, leitet er fiir sich selbst die Pflicht her, auch die letzten 
Reste seiner physischen und psychischen Krafte in den Dienst der ihm heiligen 
Sache zu stellen. Auf aufiere Erfolge lernt er in harten Kampfen allmahlich 
verzichten und immer mehr befestigt sich in ihm das Bewufitsein, dafl sein 
Streben, die spezifische Struktur der Urphanomene des Lebens in selbstandiger 
methodischer Kritik der gesamten medizinisch-wissenschaftlichen Tradition 



") Totcnlistc 1907 Band XII 71* 



368 Rosenbach. 

zu erhellen, erst von einer spateren Zeit in seiner ganzen Bedeutung wird ver- 
standen und gewiirdigt werden. Je mehr ihm so seine eigene wissenschaftliche 
Isolierung verstandlich ward, um so mehr wurden ihm »Schule«, und »Cber- 
lieferung« in ihren methodischen Grundlagen zum Problem. 

Aus solchen Quellen flieflt sein tiefes Interesse und Verstandnis fur die 
Geschichte der Medizin: die historische Bedingtheit der eigenen 
wie der traditionellen Lehrmeinung zu fixieren, gilt ihm in einer groflen Zahl 
von Fallen als Vehikel seiner sachlichen Argumentation. Seine Untersuchungen 
liber die methodische Bedeutung des Tierexperiments, des Analogieschlusses 
und der Statistik, seine Erorterung iiber das Verhaltnis der Bakteriologie zur 
medizinischen Diagnostik, Prognostik und Therapie, seine Erwagungen liber 
das AusmaO der Spezialisierbarkeit medizinischer Forschurtg und Betatigung, 
ja selbst die, sein gesamtes medizinisch-naturphilosophisches Denken be- 
herrschende Alternative: pathologisch - anatomische oder 
funktionelle Diagnostik stehen unter dem Doppelgesichtspunkt 
einer historischen und sachlichen Kritik. Die objektiven wie die psycho - 
logischen Motive herauszufinden, die den Entwicklungsgang seiner Wissen- 
schaft beherrschen und die Punkte zu fixieren, an welchen sie mit seinen 
eigenen Gedanken interferieren, ist eine seiner wesentiichsten methodischen 
Aufgaben. 

Man hat R. oft eine gewisse Neigung zu grundsatzlichem Verneinen nach- 
gesagt. Man hat aber in den meisten Fallen begrlindete oder doch stets aus 
Grlinden schopfende Kritik mit grundloser Negation verwechselt. Denn niemals 
war ihm das negative, in Angriff und Abwehr naturgemafi freilich starker hervor- 
tretende Element Selbstzweck, und auch inmitten der scharfsten Polemik 
erflillt ihn kritische Besonnenheit. Er ist viel zu objektiv, um nicht zu sehen, 
dafl seine Kritik an diesem oder jenem Punkte Verschiebungen der Perspektive 
und der theoretischen Wertbetonung bedingt, die weniger in der Sache, als 
in den polemischen Gesichtspunkten ihrer Betrachtung wurzeln. Aber er selbst 
motiviert jene Verschiebungen mit dem berechtigten Hinweis auf den Ge- 
danken, »dafi jemand, der offenbare Schaden klarlegen will, gerade im Jahr- 
hundert des Strebens nach hellster Beleuchtung, das Licht der Kritik besonders 
scharf konzentrieren mufi, und dafi nach dem alten Spruch jemand, der ein 
krummes Stabchen gerade biegen will, genotigt sein kann, es etwas liber die 
gerade Linie hinauszubiegen«. 

R.s Gegensatz zu der herrschenden pathologisch-anatomischen Richtung 
in der Medizin, welche Krankheit schlechthin mit der anatomischen Veranderung 
eines Organs, Organteils oder Organkomplexes bzw. -systems identifiziert, 
hat sich langsam entwickelt. Schon in seiner Habilitationsschrift vom Jahre 
1878 kommt die Tendenz zu einem, wenn auch noch wenig differenzierten 
Ausdruck, die prinzipielle methodische Selbstandigkeit der k I i n i s c h e n 
einer pathologisch-anatomischen Betrachtungsweise gegenuber zu betonen. 
In ungestorter Kontinuitat entfaltet sich diese Tendenz zu immer grofierer 
Klarheit, bis sie erst in seinen spateren Schriften das fiir die Eingliederung in 
einen allgemeinen naturphilosophischen Zusammenhang, um den es R. besonders 
zu tun gewesen war, erforderliche Mafi der systematischen Vollendung erreicht. 
Naturlich ist jenes Mafl zugleich die Voraussetzung fiir eine einheitliche methodi- 
sche Analyse und logische Wertung der R.schen Gedanken. 



Rosenbach. 360 

Die sachliche Bedeutung mancher kleineren von den — mit den unvollendet 
hinterlassenen Manuskripten — mehr als 300 Arbeiten R.s mag mit grofierer 
oder geringerer Berechtigung bezweifelt werden, kaum eine einzige aber wird 
genannt werden konnen, die nicht mittelbar oder unmittelbar, und zwar ganz 
und gar unabhangig von ihrer inhaltlichen Besonderheit, jene allgemeinen, 
naturphilosophischen Tendenzen ihres Autors zum Ausdruck brachte, Tendenzen, 
welche sich in umfassender Weise zu einer Lehre verdichten, die R. in einem 
spezifischen Sinne dieses Wortes als Energetik bezeichnet. 

Energetik bedeutet fiir R. mehr als »Die Lehre von der Energie und ihren 
Umwandlungen«, denn sie ist fiir ihn mehr als Kinetik oder Kinematik. Ener- 
getik als Prinzip der Erklarung zum mindesten des biologischen Geschehens 
kann niemals eine Theorie »des zwecklosen Geschehens« sein. »Die Bewegung 
an sich ist in der Organisation nichts, die Bewegung zur bzw. in der Erfullung 
des Zweckes alles«. So beherrscht der Gedanke der Teleologie den R.schen 
Begriff der Energetik. »Die Energetik darf nicht blofi die Lehre von der Bildung 
oder Wirkung bestimmter energetischer Leistungen sein, sondern sie mufi vor 
allem die Bedeutung dieser Leistungen fiir die Erhaltung und Fortbildung 
cines Systems (Betriebs), die Veranderung der Leistungen bei Aufnahme des 
Systems in grofiere Systeme und die speziellen Beziehungen zu reziproken 
Systemen und zur gesamten Aufienwelt umfassen. Die wissenschaftliche Be- 
griindung der Energetik des Betriebs der Organisation stellt deshalb die hochsten 
Anf orderungen. « 

Durch diesen spezifischen Begriff der Energetik ist R.s gesamtes wissen- 
schaftliches Denken bis ins feinste Detail hinein teleologisch, freilich in jenem 
kritisch abgetonten Sinn des Wortes, der schon mit dem Begriff einer Wissen- 
schaf t vom Leben gegeben ist. Der Begriff der Teleologie ist vor alien Dingen 
fiir den B e t r i e b einer solchen Wissenschaft konstitutiv. Aus diesem Be- 
triebe hatte ihn denn auch R. geschopft. Aber er hat ihn liber seine Sphare 
hinaus zu einem Prinzip des natiirlichen Geschehens liberhaupt und zu einem 
methodischen Grundsatz aller Naturforschung gestalten wollen. 

Alle historischen und sachlichen Beziehungen, die teleologisches Denken 
uberhaupt involviert, gelten somit auch fiir die Naturphilosophie R.s und alle 
philosophischen Tendenzen, die sich im Begriff der Teleologie realisieren, miissen 
denn auch im Denken R.s wirksam und auffindbar sein. Es hiefie die Grund- 
probleme der Erkenntniswissenschaft aufrollen, wollten wir hier den Begriff 
des Zwecks und die Frage des Rechtes einer Verallgemeinerung des Teleologie - 
prinzips diskuticren. Sicher ist, dafi Teleologie fiir R. letzten Endes vielfach 
nicht ein Prinzip der Erklarung natiirlicher Vorgange, sondern nur einen 
heuristischen Grundsatz ihrer Erforschung bedeutet. Fiir R. ist Zweck- 
mafiigkeit nicht ein Faktor, der auftritt, wo Einsicht endet, sondern Einsicht 
in natiirlichen Dingen ist fiir ihn vielmehr Verstandnis der Bedingungen, 
unter welchen die Einheit des Geschehens in einem System, sei es welches 
immer, stehen mufi. Wo immer es sich um »konstruktive Gebilde«, nicht 
um zufallige, »der Valenz regellos gegeneinander wirkender Massen oder Kraft - 
substrate (Naturgewalten)« entsprechende Gleichgewichtszustande handelt, da 
ist das Mannigfaltige nach Z w e c k e n gestaltet und kombiniert. Und nach- 
zuweisen, d a fi die »Welt« ein solches »konstruktives Gebilde« sei, ist mit 
einer der Grundgedanken der Naturphilosophie R.s. So ist denn R.s Blick im 

Biogr. Jahrbuch u. Dcutschcr Nekrolog-. 13. Bd. 24 



370 



Rosenbach. 



groflen wie im kleinen auf die Einheit der systematischen Gestaltung, auf das 
Ganze und nicht auf die Teile gerichtet oder auf die letzteren doch nur 
insofern, als sie Glieder und damit Bedingungen einer »Synergie« zum 
Ganzen darstellen. 

Darum aber ist ihm Naturforschung auch niemals schlechthin gleich- 
bedeutend mit Mechanik. Vielmehr sind mechanische Vorgange seiner Auf- 
fassung nach erst d a n n Gegenstand einer wissenschaftlichen Betrachtungs- 
weise, wenn sie in ihrer Relation zum Begriff und zu der Einheit des Systems, 
dessen Erhaltung sie dienen, erfafit und dargestellt werden. Ein konstruktives 
Gebilde ist eben ein »f(ir bestimrfite Zwecke gestaltetes System*; ein konstruk- 
tives Gebilde ist »Funktionstrager«, es ist ein »rationell, d. h. der Idee der 
Konstruktion gemafl betriebenes« Ganze. In ihm werden »die vorhandenen 
Kraftsubstrate nicht ziellos durch die Wucht der Massen in das indifferente 
Gleichgewicht iibergefuhrt, indem alle Spannungen sich allmahlich oder pldtzlich 
losen, sondern die verschiedenartigsten Formen der Kraftspannung werden 
mit Riicksicht auf die Zeit ihrer Entwicklung und den Angriffs- 
punkt so miteinander kombiniert, da6 die erste Verschiebung, die Auslosung 
einer inneren oder aufieren Bewegung an einer Stelle, eine Kette von Bewegungs- 
und Spannungsvorgangen an anderen bewirkt, die, bei Aufnahme genilgender 
Energiesubstrate aus der Aufienwelt nicht nur die beabsichtigte Bewegung 
(den Zweck der Konstruktion), sondern zugleich auch die zur 
Wiederherstellung des primaren Gleichgewichts n6tigen Verschiebungen und 
Spannungen (also die Erhaltung der Existenz) erzielt«. Organisation heifit 
fiir R. unter solchen Gesichtspunkten B e t r i e b , sie ist die zweckgemaGe, 
planvolle und nicht eine zufallige Kombination von Faktoren. Sie steht in 
solchem Sinne unter der Voraussetzung eines »transzendenten, nicht aus dem 
Betriebe stammenden« Elements, das, wenn es bewufit ist, den Betrieb zu 
einem » psycho -somatischen« gestaltet. 

Der Begriff des Plans, der zweckgemafien Kombination also ist der 
gemeinsame Oberbegriff fiir Betrieb und Organisation. Um so entschiedener 
aber miissen die beiden Begriffe voneinander unterschieden werden. Organisation 
ist eine besondere Art des Betriebs. »Im kiinstlichen Betriebe mit Maschinen 
irgendwelcher Art wird fiir die Erhaltung der Existenz der Maschine nicht 
durch die Maschine selbst (direkt) gesorgt; jedenfalb ist die Tatigkeit nicht 
Mittel der Erhaltung, wie ja auch die Amort isationsquote nur zur Anschaffung 
neuer Maschinen — an Stelle der defekten — und nicht zur Bildung neuer 
Maschinen durch die Maschine selbst dient.« Organisation ist dem maschinellen 
Betrieb gegenuber, der eine kunstvolle Kombination von Mechanismen ist, 
ein Betrieb mit einer eigentumlichen Form der »Eiementarstruktur«, genauer 
ein Betrieb, in welchem die Elementarstruktur der Glieder und deren Kom- 
bination zum Ganzen des Systems gegenseitig Bedingung und Voraussetzung 
sind. »Zur Bildung einer physiologischen Organisation genugt also nicht die 
kunstvolle (zweckgemafle, zielstrebige) Zusammenreihung von beliebigen 
Massenbestandteilen in der durch die konstruktive Idee bestimmten Ver- 
bindung; diese liefert nur einen kiinstlichen Mechanismus (Maschine).* Die 
Organisation bedarf einer spezifischen Konstitution, die der 
Gegensatz der mechanischen ist, weil nicht blofl auBerltche Beziehungen, sondern 
die — auf natilrlichem Wege gewordene — Verbindung dieser aufleren 



Rosenbach. 



371 



Gleichgewichtsfaktoren mit inneren konstitutionellen fur die Erhaltung des 
Systems bzw. fur den Ablauf aller Vorgange mafigebend sind. Der Automat 
wird erhalten, der Organismus erhalt sich. Im Organismus ist jeder Massenteil 
»eine konstruktive Einheit, die dasselbe dynamische Prinzip reprasentiert 
wie der aus der Kombination bzw. Synergie dynamischer Elemente sich er- 
gebende einheitliche Reprasentant, der Organismus. Der kleinste Bestandteil 
der Organisation, das lebende Molekiil bzw. der Energet, ist eine analoge Bildung 
wie der ganze Organismus«. Die Organisation arbeitet gleichsaryi immer nach 
zwei Fronten hin. Sie erhalt in ihrer aufieren, dem maschinellen Betrieb analogen 
Funktion ihre Beziehungen zur AuOenwelt und erhalt zum Teil m i 1 1 e 1 s t 
dieser Funktionen sich selbst in ihrer spezifischen Beschaffenheit und Betriebs- 
moglichkeit. Ein Effekt zugleich und eine Voraussetzung dieser Verhaltnisse 
ist der differente Reaktionstypus des maschinellen Betriebs und der Organisation. 

Jener reagiert kraft der zweckgemafien Einrichtung und Kombination 
seiner Teile automatisch, diese dank der spezifischen Konstitution ihrer Elemente 
s e 1 e k t i v , dort ist der durch den Plan zur Einheit des Systems verknupfte 
Vorgang mechanisch, hier spezifisch b i o 1 g i s c h , dort ist der 
Reaktionstypus n u r quantitativ, hier zugleich und vorwiegend qualitativ. 
So sondern sich die Gesichtspunkte der mechanischen und der biologischen 
Betrachtungsweise fur R. voneinander in prinzipieller Scharfe innerhalb der 
Sphare des sein wissenschaftliches Denken beherrschenden Gedankens der 
ZweckgemaBheit. 

AVie sollen wir«, so fragt er einmal in scharf pointierter Gegenubcrstellung 
der Verhaltnisse, »es mechanisch erklaren, daB das Individuum das eine Mai 
nach der Ursache eines Hautreizes mit grofier Kraft schlagt, d. h. den Reiz 
durch den Zusammenprall zwischen Oberflachen des Korpers zu vernichten 
sucht (z. B. bei der Belastigung durch eine Mucke), das andere Mai ihn von 
der Oberflache des Korpers mit grofier Vorsicht entfernt (Stich durch eine 
Stecknadel). Ein Automat wurde auf den gleichen Reiz hin — die Valenz der 
Stiche als Auslosungsvorgang fur die Arbeit der nervosen Apparate, den Nerven- 
impuls, gleichgesetzt — stets nur in der einen oder anderen Weise handeln, 
also z. B. wenn er fur Vernichtung von Mucken eingerichtet ware, sich cine 
Stecknadel in das Innere hineintreiben.« 

Der Organismus leistet auBere Arbeit in sichtbarer Reaktion auf Reize 
nur nach Maflgabe der inneren, seiner eigenen Erhaltung dienenden; der 
Automat hat nur aufiere Arbeit zu leisten. Der Organismus ist im tieferen 
Sinn des Wortes a k t i v , der Automat p a s s i v. Der Organismus kann, 
wenn es die Bedingungen seiner Erhaltung fordern, auf groBte Reize von 
bestimmter Qualitat minimal, auf minimale Reize einer anderen Qualitat 
maximal mit aufierer Arbeit reagieren. Der Automat ist auf eine bestimmte 
Qualitat und Quantitat der Reize je nach der Feinheit seiner Konstruktion 
eingestellt; das Ausmafl seiner sichtbaren Reaktion bleibt das gleiche. Im 
Automaten ist — bei intakter Konstruktion — der Schwellenwert stets der- 
selbe; im Organismus verringert oder erhoht er sich durch zweckmaBige Ge- 
staltung der inneren Arbeit im Phanomen der Anpassung. Das Gleichgewicht 
der Maschine ist stabil, das der Organisation stabil und labil zugleich. 

Es ist unmoglich, im Rahmen dieser Darlegung die Fulle von Gesichts- 
punkten zu erschopfen, die sich fur R. aus solchen Erwagungen ergeben. Die 

24* 



372 



Rosenhach. 



grundlegenden Fragen der Biologie, die Probleme der Ernahrung, Anpassung, 
Zeugung, Entwicklung, Vererbung, die Frage der Beeinflussung physischer, 
genauer somatischer Vorgange durch psychische Prozesse, also die »energetische« 
Bedeutung des psychischen Faktors, der Stellung der Gesamtheit der Orga- 
nismen zu den kosmischen Agentien, dann wieder ihres Verhaltnisses zu dem 
Prinzip der Erhaltung der Arbeit, der mechanischen Kausalitat und der 
grundsatzlichen Grenzen der Geltung des letzteren — zu allem dem hat R. in 
der naturlichen Konsequenz seiner dargelegten Lehren in origineller und sach- 
lich bedeutsamer Weise Stellung genommen. Und von selbst ergeben sich aus 
einer solchen Stellungnahme wiederum fundamentale methodologische Cber- 
legungen uber den Wert und die Bedeutung vor allem der mathemati- 
schen Naturwissenschaf t. 

R. konnte diese Bedeutung — obwohl mathematisch selbst auf das hochste 
interessiert — nur n e g a t i v einschatzen. Er ist, um einen philosophischen 
Terminus zu gebrauchen, viel zu sehr Nominalist, um der Mathematik, 
in der er — freilich ohne eingehende Analyse ihres Begriffs — das Produkt 
einer Abstraktion sieht, eine bestimmende Rolle in dem Betriebe der 
wissenschaftlichen Forschung einzuraumen. R. ist der reine Begriff wissenschaft - 
licher Objektivitat, wie er sich in der Mathematik realisiert, fremd, und zwar 
— man gestatte die paradoxe Wendung — aus Objektivitat. Weil in der Natur 
und im tatsachlichen Betrieb ihrer Erforschung die idealen Forderungen der 
Mathematik nicht befriedigt werden konnen — wo Mathematik sich der Realitat 
bemachtigen soil, da mlissen in die beziiglichen Formeln empirische Faktoren 
eingestellt werden — gilt ihm als wahre Naturforschung nur die von den Ge- 
sichtspunkten einer mathematischen Betrachtung freie. »Die mathematische, 
rein ideale Durchschnittsbetrachtung, die gleichartige Wirkungen in infi- 
nitum postuliert«, erscheint ihm gerade in ihrer Exaktheit, auch hierin der 
Logik gleichend, als ein Vertreter der »subjektiven Norm«, die nicht ohne 
weiteres »bei der wissenschaftlichen Fixierung der Verhaltnisse der realen 
Welt Anwendung finden« konne. So ist R. im tiefsten Grunde seines Wesens, 
erkenntnistheoretisch gesprochen, E m p i r i s t : fur seinen Wissenschaftsbegriff 
ist, wenigstens bewufit, die Vorstellung der Wahrscheinlichkeit, nicht aber 
die der Wahrheit konstitutiv. Seiner Erkenntnislehre fehlt eben die Ausein- 
andersetzung mit dem Problem der Wahrheit und die Einsicht, daO auch 
fur den Begriff der Wahrscheinlichkeit der der Wahrheit logische Voraussetzung 
ist. Wahrscheinlichkeit nicht mit Wahrheit zu verwechseln ist eine Forderung, 
welche die Wissenschaft gerade und n u r im Namen der Wahrheit erheben kann. 
Es ist »objektiv«, nicht fur wahr zu halten, was nur wahrscheinlich ist, gerade 
w e i 1 es jenen Bedingungen gemafi ist, welche Logik und Mathematik auf ihre 
Weise definieren. So umfassen denn in Wirklichkeit Logik und Mathematik 
geradezu den Inbegriff der »Normen des Objekts«. Solche Gesichtspunkte 
blieben R. fremd. Was unter der Voraussetzung wissenschaftlicher Objektivitat 
ein unentbehrlicher Hilfsbegriff des Betriebs der Wissenschaft ist, wird fur ihn, 
wie fur jeden konsequenten Vertreter des Empirismus, ein Element der De- 
finition ihres Begriffs. Es ware nicht schwer zu zeigen, wie die Konsequenzen 
dieses Verhaltens auch in dem R.schen Realitatsbegriff und in der von diesem 
getragenen Metaphysik zum Ausdruck kommen. Aber mit der Erorterung 
dieser Verhaltnisse ware ein Problemkreis beruhrt, den R. selbst, wenigstens 



Hosenbach. 



373 



ausdrucklich, niemals zum Gegenstand theoretischer Erwagungen gemacht hat. 
Er mag daher auch hier nur angedeutet werden. 

In der eigenartigen erkenntnistheoretischen Bewertung des Wahrschein- 
lichkeitsbegri fifes durch R. wurzelt nicht nur dessen grundsatzlich ablehnende 
Haltung gegeniiber den Prinzipien der Philosophic Kants, sondern auch seine 
Auflfassung von der erkenntnistheoretischen Valenz des im Grunde genommen 
nur psychologisch bedeutsamen Phanomens der Sinnestauschungen, dessen 
psychologische Kenntnis er — ubrigens stets im Zusammenhang seiner allgemein 
naturphilosophischen Betrachtungen — in nicht unbedeutender Weise ge- 
fordert hat. So berechtigt nun aber auch die Kritik sein mag, die der empi- 
ristische Wissenschaftsbegriff R.s herausfordert, so grundlegend ist doch sein 
Empirismus fiir die Theorie des Betriebs derjenigen naturwissenschaftlichen 
Sonderdisziplin, zu der er sich selbst am meisten hingezogen fiihlte, der Bio- 
logic Wie er von ihr ausgegangen war und wie ihre Gesichtspunkte sein 
gesamtes theoretisches Denken, so weit es sich auch erstrecken mag, beherrschen, 
so stand sie auch im Mittelpunkte seines eigenen theoretischen Interesses. 
Und die biologischen Probleme wieder riickten fiir ihn von selbst in die Be- 
leuchtung medizinischer Fragen. R. fiihlte sich in letzter Linie theoretisch 
wie praktisch als Arzt. Nur forderte er von der Medizin — unsere Darstellung 
hat es zu erweisen gesucht — Beriicksichtigung biologischer Gesichtspunkte 
im weiteren und weitesten Sinne. Er suchte von der Medizin aus mit dem 
Gedanken der materialen Einheit der Natur ernst zu machen. Das war es, 
was er meinte, wenn er gelegentlich die Medizin eine »philosophische Wissen- 
schaft« zu nennen pflegte; und fiir seine ganze wissenschaftliche Geistes- 
haltung ist es bezeichnend, daB er schon als Doktorand die These verteidigte: 
»Zur Losung ihrer hochsten Aufgaben miissen Naturforscher und Philosoph 
Hand in Hand gehen«. Oft schien er — insbesondere auch unter dem Ein- 
flufl korperlicher Leiden — an der Realisierbarkeit seines Programms zu ver- 
zweifeln; und resigniert beklagte er in solchen Momenten die Verquickung 
medizinischer und philosophischer Gesichtspunkte, die ihm psychologisches 
Bedurfnis war. Aber letzten Endes lag gerade in dieser »Verquickung« das 
Lebenselement seines wissenschaftlichen Schaflfens. Nur von dem Gesichts- 
punkte einer solchen Synthese wissenschaftlicher Motive aus sind vor alien 
Dingen auch seine methodologischen Bestrebungen zu verstehen, denn in 
jener Synthese allein wurzelt seine Lehre von der grundsatzlichen Unzulang- 
lichkeit der bloflen Induktion fiir die wissenschaftliche Forschung, oder was 
dasselbe ist, von der Unerlafilichkeit einer planmafligen Verknupfung des 
induktiven Arbeitens mit Zusammenfassung unter allgemeinen Gesichtspunkten. 
Nicht das Denken a priori — sagte er einmal in energischer Zuriickweisung nahe- 
liegender Einwande — »tragt die Schuld an dem Odium, welches viele gegeniiber 
dieser wichtigsten, ja unentbehrlichen Methode der Erkenntnis zur Schau 
tragen, sondern der Umstand, daB man oft, ohne geniigende Unterlage an Tat- 
sachen, mit falschen Analogieschliissen, unter willkiirlicher Oberbriickung 
von Liicken im Kausalzusammenhange des angeblich Tatsachlichen, nur der 
Phantasie freien Spielraum gewahrt und die luftigen Gebilde derselben falsch- 
lich als Produkte der aprioristischen Methode ausgiebt. Wo eben die reale 
Basis, der Boden der Tatsachen fehlt, . . . und wo man noch obendrein nicht 
logisch, sondern phantastisch denkt, da handelt es sich nicht mehr um die 



374 



Rosenbach. 



wissenschaftliche Form der Deduktion, den Schlufl a priori, sondern urn Spe- 
kulation, und dies gilt besonders fur denjenigen, der seine Folgerungen auch 
ohpe Kenntnis der Tatsachen macht, dem also das Gebiet, aus dem er die Sub- 
strate fiir seine Schliisse bezieht, ein fremdes ist«. 

Das sind die Grundsatze, die vor allem seine, gerade auch in methodo- 
logischer Hinsicht klassischen Werke »Grundlagen, Aufgaben und Grenzen 
der Therapie. Nebst einem Anhange: Kritik des Kochschen Verfahrens. 
Wien und Leipzig 189H, dann »Die Seekrankheit als Typus der Kinetosen. 
(Versuch einer Mechanik des psychosomatischen Betriebes), Wien 1896*, 
seine Schrift »Das Problem der Syphilis und Kritik ihrer Behandlung«, seine 
Abhandlung »Warum sind wissenschaftliche SchluBfolgerungen auf dem Ge- 
biete der Heilkunde so schwierig usw.«, ganz besonders auch seine ausge- 
zeichnete Streitschrift »Energetik und Medizin* und in hervorragendem Mafie 
sein grofies Werk »Die Krankheiten des Herzens und ihre Behandlung. Wien 
Leipzig 1893 — 1897*, sowie jene ungeheure Reihe groBerer und kleinerer Ar- 
beiten beherrschen, die im einzelnen einen schier unermefllichen und noch 
lange nicht gehobenen Schatz medizinischer Forschungsarbeit enthalten, in 
ijirer Gesamtheit aber ein imponierendes Bekenntnis zu dem Gedanken von 
cjer Einheit der Wissenschaft und der Grundlagen ihrer Methoden darsteilen. 

Fiir R. gibt es solchermaBen keine besonderen und keine allgemeinen 
Fragen in der Wissenschaft. Im scheinbar Kleinen das GroBte zu suchen — ist 
ihm methodologisches Bediirfnis und mehr als ein fluchtiges Bild ist ihm der 
Satz, dafi sich das Weltall auch im Tautropfen spiegelt. Die Gabe einer wunder- 
baren Assoziationsfahigkeit und eines besonders scharfen Blicks fiir Ana- 
logien, die er dennoch nie mit Identitaten verwechselt, ist wohl die psycholo- 
gische Wurzel seiner methodologischen Uberzeugung. Es ist die seltene Gabe, 
komplexe Systeme in ihrer Einfachheit und Komplexheit z u g 1 e i c h zu 
iiberschauen, die Gabe des geborenen Forschers auf medizinischem Gebiete 
und vor allem des geborenen A r z t e s. Sie war es, die es ihn etwa 1880 auf 
Grund der kritischen Analyse eines einzigen Falles erkennen liefl, »dafi bei 
Kompression des Rekurrensstammes zuerst die Funktion der Erweiterer der 
Glottis leidet und dafi die Verengerer erst spater in Mitleidenschaft gezogen 
werden« und die ihn vor allem von hier aus zu dem »Gesetz« vordringen liefi, 
daB einerseits Beuger, Adduktoren, Verengerer und Schlieflmuskeln, anderer- 
seits Strecker, Abduktoren, Erweiterer und Offner funktionell gleichwertig 
seien. Sie leitet ihn bei seinen Arbeiten tiber die Herzneurosen, die Sklerose 
der Kranzarterien, die digestive Reflexneurose, den roten Harnfarbstoff, die 
regulatorische Albuminuric, die verschiedenen Formen des Asthma, das 
Cheyne-Stokessche Atmen usw. usw. — Alle seine medizinischen Betrach- 
tungen aber beherrscht, mit seinen allgemeinen biologischen Erwagungen 
auf das Innigste verkniipft, in diesen wurzelnd und sie andererseits wieder 
begriindend, sein Begriff der Krankheit, gleichsam als Zentralpunkt 
aller seiner Erwagungen. 

Krankheit ist — man kann R.s Anschauung am kurzesten vielleicht so 
zusammen fassen — betriebstechnisch und nicht ontolo- 
g i s c h zu definieren. »Wie das Wesen der Gesundheit die Ausbildung aller 
Fahigkeiten unter Steigerung der Leistungsfahigkeit ist, so ist das Wesen der 
Krankheit die schneller oder langsamer fortschreitende Verkleinerung jener 



Rosenbach. 



375 



und somit der Existenzfahigkeit. Krankhaft, d. h. unter alien Umstanden zur 
Vernichtung der Existenz f uhrend, sind alle Vorgange, in welchen eine Anderung 
der zweckmafiigen, auf Erhaltung des dynamischen Gleichgewichts der indivi- 
duellen Organisation gerichteten Betatigung zum Ausdruck kommt. Von den 
krankhaften Vorgangen sind die abnormen grundsatzlich zu trennen, von 
den Betriebsstorungen prinzipiell zu scheiden die Veranderungen der Betriebs- 
form«. Krankheit ist Aufhebung der normalen Beziehungen zwischen wesent- 
licher und aufierwesentlicher, zwischen der der Erhaltung des Organismus 
dienenden i n n e r e n qnd der mefibaren aufieren Arbeit. Der Betrieb 
ist normal, »wenn vollige Harmonie zwischen der fiir die Existenz und die 
Entwicklung aller Teile notwendigen inneren (wesentlichen) und der fiir die 
Existenz des Ganzen und seiner Leistung nach auflen hin erforderlichen (aufier- 
wesentlichen) Arbeit besteht, wenn also die Phasen der intra- und inter- 
organischen, der endo- und exosomatischen Betatigung in geeigneter Reihen- 
folge, Dauer und Intensitat aufeinanderfolgen wie Tag und Nacht oder die 
Jahreszeiten.« Das Wesen des normalen Daseins der Organisation ist Har- 
monie der Teile, das des kranken eine die Moglichkeit der Wiederherstellung 
jener Harmonie in Frage stellende itio in paries. »Pathologisch ist, was direkt 
oder durch seine Dauer den Zwecken des Organismus (Erhaltung und Einflufl 
auf die Aufienwelt) widerstreitet. Daraus folgt, dafi nicht jede Tatigkeit, 
die an sich als Einrichtung zweckmafiig ist, auch fiir jeden gegebenen Fall, 
bzw. fur die Erhaltung des Ganzen vorteilhaft ist oder unter den Begriff der 
Norm korperlicher Vorgange fallen mufl. Nicht alles, was mit mechanischer 
Notwendigkeit erfolgt, also der Automatie eines Mechanismus entspricht, und 
somit die physiologische Einrichtung zum Ausdruck zu bringen scheint, ist 
zweckmafiig. So ist durchaus nicht jeder Vorgang, der dem normalen Phasen - 
gange oder Verhalten entspricht bzw. ihn temporar erhalt, zweckmafiig. 
So paradox es auch klingt, die Norm kann unter abnormen Verhaltnissen 
gerade durch Herbeiflihrung pathologischer (nicht physiologischer) Reaktions- 
formen erhalten bzw, wieder hergestellt werden. (Erbrechen, Diarrhoe, 
Vergiftung, temporare Kontraktur oder Paralyse eines Muskels bei Gelenk- 
entziindung)*. 

Es ist unmoglich, die ganze Ftille von Gesichtspunkten hier auch nur 
zu schildern, geschweige denn kritisch zu erschopfen, die sich fiir R. aus 
dieser Bestimmung des Krankheitsbegriffs ergeben. Aber ohne Schwierigkeit 
erhellt aus diesem allein schon der oberste Gesichtspunkt seines diagnostischen, 
prognostischen und therapeutischen Raisonnements. »Nur der ganze Betrieb 
und die Erftillung seiner Zwecke kann fiir unsere Beurteilung des Zustandes 
mafigebend werden«. Der Begriindung dieser These hat R. — man darf 
es ruhig behaupten — seine gesamte Lebensarbeit gewidmet. In ihr realisiert 
sich das, was er unter den spezifischen Gesichtspunkten seiner Lehren, also 
abweichend von dem gewohnlichen medizinischen Sprachgebrauch, funk- 
tionelle Diagnostik nennt; durch sie wird die Forderung der 
individualisierenden Betrachtungsweise in der Medizin aus der Sphare des 
Schlagworts auf das Niveau eines biologisch fundierten Grundsatzes 
erhoben. Der ganze Begriffsapparat der Medizin wird durch R. unter den 
Gesichtspunkt dieses Grundsatzes z. T. kritisch beleuchtet, z. T. neu begriindet. 
Die Frage nach der methodischen Bedeutung des Tierexperiments, oder wie er 



376 Rosenbach. 

es im Hinblick auf dessen vielfache Ausnutzung im Betriebe der modernen 
medizinischen Forschung so markant ausdriickt, ' der Gegensatz zwischen 
Infektions- und Injektionskrankheit, das Ausmafi der Berechtigung des 
Analogieschlusses, weiterhin des Experiments iiberhaupt, sowie der Statistik 
in der Medizin, dann die Theorie der Infektion und deren Beziehungen zur 
Biologie der Bakterien, die Begriffe der Disposition und der Heilung, der 
psychischen Beeinflussung somatischer Vorgange — das alles ward bei R. 
unter dem einheitlichen Gesichtspunkt seiner funktionellen Diagnostik ver- 
arbeitet. 

In unendlicher Mannigfaltigkeit und Komplexitat entrollt sich eben vor 
uns das Getriebe der Organisation, welche durch den Begriff der planmafligen 
Aktivitat definiert ist. 

Ein intellektuelles Gegenstiick gleichsam zu dieser Aktivitat der Orga- 
nisation aber ist die Tatigkeit des arztlichen Diagnostikers und Therapeuten. 
Mit auBerster Vorsicht, unter Abwagung aller Verhaltnisse des gegebenen Falls, 
d. h. unter Beriicksichtigung aller seiner moglichen Beziehungen, dabei frei 
von der Herrschaft der Abstraktion, des Schlagworts und der schematisierenden 
Durchschnittsbetrachtung hat er Schritt vor Schritt zu diagnostischer und 
prognostischer Klarheit und schliefilich zu seinen therapeutischen Entschlussen 
vorzudringen. Nicht die bleibenden Veranderungen, sondern nur die funk- 
tionellen Betriebsstorungen allein liefern ihm den Mafistab seines Denkens und 
Handelns. Mit dem Primat der klinischen vor der pathologisch-ana- 
tomischen Betrachtungsweise steht und fallt der R.sche Begriff der wissen- 
schaf tlichen Medizin. Nicht das sogenannte »pathognomonische« 
Symptom, sondern die Gesamtheit der Phanomene in ihrer gegenseitigen 
energetischen Relation — liefern ihm demgemafi die Kriterien seiner wissen- 
schaftlichen Urteile und nicht das Allheilmittel, sondern eine mit aller 
Umsicht nach alien Richtungen hin unendlich abgestufte Skala der Agentien 
bietet ihm die Handhaben seiner wissenschaftlichen Therapie. Der Arzt im 
hochsten Sinne ist Psychologe so gut, wie Soziologe, fur ihn sind - die 
»interindividuellen« Beziehungen genau so bedeutsam wie die im engjsten 
Sinne individuellen. M. a. W. es treten fur R. auch s o z i a 1 e und cthische 
Momente in den Mittelpunkt des wissenschaftlichen Interesses, um sich dem 
von rein teleologischen Oberlegungen beherrschten Problemkreis seiner Natur- 
philosophie im engeren Sinne harmonisch einzugliedern. 

Wir haben R. oben als Nominalisten bezeichnet. Er ist es im Sinne einer 
grundsatzlichen Ablehnung jeder, seiner Meinung nach in der Natur des Ge- 
setzes als Abstraktion begriindeten, Vergewaltigung der Tatsachen durch Be- 
griffe. Aufgabe der Naturforschung sei es, die objektiven, seiner Lehre 
nach energetisch -teleologischen, Zusammenhange frei yon dem Schema mathe- 
matischer Gesetzlichkeit, in der sich ja nach ihm nur eine subjektive 
Norm realisieren soil, herauszustellen. — Eine natiirliche Konsequenz dieses 
Planes ist die R. eigentiimliche Darstellungsweise. Mit einer ungeheureri Kraft 
und einem kaum erschopfbaren Reichtum der sprachlichen Ausdrucksmijttel ge- 
staltet er ein auOerordentlich fein abgestuftes System von Begriffen, deren 
gelegentliche Haufung gleichsam ein Spiegelbild jener Kompliziertheit der 
Vorgange sein soil. Er selbst hat es ausdrucklich als seine eigene »An- und 
Absicht« bezeichnet, gewisse Satze mit dem Minimum der (fur sprachliche 



Rosenbach. MObius. 



377 



Formulierung gerade notwendigen) Abstraktion festzustellen. Dieses Minimum 
der Abstraktion aber setzt gerade jenes Maximum an sprachlicher Nuancierung 
voraus, wie sie seiner Darstellungsweise eigen ist. 

Was R. gelehrt hatte, das hat er auch gelebt: Als Mensch, vor allem aber 
als universell gerichteter, von philosophischem Geiste durchdrungener Arzt. 
Und vielleicht kennzeichnet seine innersten menschlichen und sachlichen 
Motive in ihrer gewaltigen Universalitat und damit die ganze geschlossene 
Eigenart seiner geistigen Personlichkeit nichts so markant wie die von ihm 
selbst mit tiefem sittlichen Ernst ausgesprochenen Worte: »Ich schreibe nicht, 
um geschriebep zu haben, auch nicht, um Sensation zu erregen oder aus Lust 
am Kampfe. Ich schreibe aus Liebe zur Wissenschaft r deren Werkzeug sorg- 
faltige Beobachtung, ausgedehnte Erfahrung, Logik und niichternste Kritik, 
und deren Ziel die Erkenntnis und Befreiung der Geister vom Joche der Uber- 
lieferung, aber nicht die Unterwerfung der Menschheit unter die Fessel der un- 
fehlbaren Autoritat ist. Ich schreibe aus Liebe zum arztlichen Berufe, dessen 
wahrer Vertreter nach meiner Ansicht nicht der Mann des Laboratoriums, 
der Theoretiker oder Spezialist, sondern nur der Arzt im vollsten Umfange 
des Wortes sein darf, der, mitten im Leben stehend, voiles Mitgefuhl mit den 
Kranken hegt, und der mit den Waffen der Wissenschaft ausgeriistet, aber 
nicht durch sklavischen Glauben an die nie irrende Weisheit von Autoritaten 
in seinem Handeln gebunden ist. Ich schreibe vom Standpunkte des Arztes, 
der erkannt hat, dafi die Leiden der Menschen als Ausdruck ungunstiger 
energetischer Verhaltnisse oder psychischer Einflusse, nicht aus einem Punkte 
oder auf einem Wege und nur selten durch spezifische Heilpotenzen (fur 
das Abstraktum Krankheit) zu verhliten oder zu heilen sind«. 

Zu Rosenbach's Biographie vgl. die Einleitung zu den von Stabsarzt Dr. Walther Gutt- 
mann 1909 herausgegebenen >Ausgewahlten Abhandlungen* Rosenbachs aus der Feder des 
Herausgebers. Den »AusgewahIten Abhandlungen* ist auch ein vollstandiges Verzeichnis 
der Arbeiten Rosenbachs beigefiigt. — Zur Kritik seiner Lehre vgl. insbesondere: Eschle, 
Zellularpathologie, Molekularpathologie, Betriebspathologie* 1906 und desselben Autors 
Psychiatrie 1909. 

Breslau. R. Honigswald, 

MBbhlS'), Paul Julius, Dr. med. f Nervenarzt in Leipzig, * 24. Jan. 1853 in 
Leipzig, f 8. Jan. 1907 in Leipzig. — M. stammt aus einer Gelehrtenfamilie. Er 
ist ein direkter Nachkomme Luthers. Sein GroCvater war der Astronom A. F. 
Mobius (1790 — 1868), sein Vater P. H. A. Mobius ein angesehener sachsischer 
Schulmann. Der Vater seiner Mutter war der Professor der Jurisprudenz 
Th. Marezoll. M. verlebte seine Jugend in Leipzig und (1869 — 1 870) Gotha, 
bezog 1870 als stud, theol. et phil. die Universitat Leipzig, gab 1873 das theolo- 
gische Studium auf, wurde 1874 in Marburg Dr. phil., wandte sich dann ganz 
der Medizin zu, erwarb 1877 die arztliche Approbation und den medizinischen 
Doktorgrad (Dissertation liber den Ikterus 1877). Zwei Jahre lang war er 
Militararzt und verfafite in dieser Zeit (1878) einen ^>Grundrifl des deutschen 
Militarsanitatswesens«. Von 1879 bis zu seinem Tode lebte er als Nervenarzt 
in Leipzig. Drei Jahre lang war er an der von L. v. Strumpell geleiteten medizi- 

>) Totenliste 1907 Band XII 58*. 



2^8 Mobius. 

nischen Poliklinik neurologischer Assistent (1883 — 1886). Von 1883 — 1893 
hielt er als Privatdozent in Leipzig Vorlesungen. Seine Lehrerfolge waren 
gering. 1893 verzichtete er nach Differenzen mit der medizinischen Fakultat 
freiwillig auf die Dozentur. Von 1886 ab redigierte er im Verein mit H. Dippe 
die Schmidtschen Jahrbiicher, denen er durch die Eigenart seiner Berichter- 
stattung einen besonderen Reiz verlieh. Er war in kinderloser Ehe mit der weit 
alteren Tochter des Philosophen Drobisch verheiratet; die Ehe war nicht 
glvicklich, die Gatten trennten sich spater; seine Frau starb 1902. Als Ein- 
siedler lebte M. nur seinem Berufe als Arzt und Schriftsteller. 1903 erkrankte 
er an Krebs des Unterkiefers; trotz wiederholter Operationen erlag er dem Leiden 
am 8. Januar 1907. An der Seite seiner von ihm verehrten Mutter liegt er 
in Leipzig begraben. 

M. war ein trefflicher Arzt, ein glanzender und geistvoller Schriftsteller 
und ein grofiangelegter Mensch. So einfach und bescheiden sein auBerer Lebens- 
gang war, so reich war sein Geist und so bedeutend sein Einflufi auf die pnt- 
wicklung der deutschen Neurologie. Ein Mann von ungewohnlichem Fleifi, 
mit einer* groflen Arbeitskraft ausgestattet, war er einer der fruchtbarsten 
medizinischen Schriftsteller und einer der vielseitigsten Gelehrten unter den 
Arzten seiner Zeit. Mit bewundernswerter Wahrheitsliebe und seltenem Freimut 
hat er iiber sein eigenes Wesen, iiber sein Fiihlen und Denken Rechenschaft 
abgelegt. In den »Drei Gesprachen iiber Religion* gibt er uns Einblick in 
seine Jugendentwicklung (Im Grenzlande S. 77 — 78). Philalethes sagt dort von 
sich: »Den Konfirmandenunterricht erhielt ich bei einem geistvollen und be- 
redten Geistlichen. Ihm gelang es, mich fur die christliche Lehre zu begeistern. 
Von da an begann der Zwiespalt. Ich wuchs in freisinnigen Biirgerkreisen 
auf; was mir heilig war, erregte oft bei den von mir Hochgeschatzten ein mildes 
Lacheln, dessen Bedeutung mir nicht entging. Peinlich war mir die Gymnasial- 
zeit; denn so scharfsichtig war ich doch, dafi ich den widerchristlichen Geist 
der klassischen Erziehung verstand; mein religioses ebenso wie mein nationales 
Empfinden litt dauernd im Gymnasium. Dafl auch die modernen Klassiker, 
Shakespeare, Lessing, Goethe, Schiller von Herzen unglaubig waren, diese 
Einsicht vermehrte meine Not. Trotz alledem entschlofi ich mich, »Theologie« 
zu studieren, hoffend, es werde mir doch gelingen. Auch jetzt sah ich bei den 
Angehorigen der anderen Fakultaten jenes eigentumliche Lacheln. Ziemlich 
drei Jahre kampfte ich, dann wurde ich klar und nahm den Standpunkt ein, 
auf dem ich als alternder Mann heute noch stehe. Mein liebevoller Vater ge- 
wahrte mir die Mittel, mich anderen Studien zuzuwenden, aber mein Leben 
hatte einen Bruch erhalten, und der Frohsinn der Jugend war vorbeU. In diesen 
Worten haben wir den Schlussel zu den feinsten und tiefsten Schriften des 
ernsten Arzt-Philosophen. Wie er dann von der Philosophic wieder abkam, 
sich der Naturwissenschaft widmete, das hat er an anderer Stelle gesagt: im 
Vorwort zu dem Buche »Im Grenzlande«, wo es heiBt: »Als ich jung war, 
wiinschte ich innig, mich der Philosophic ganz widmen zu diirfen. Els ging 
aber nicht, weil ich nicht Geld genug hatte. Denn ob ich gleich Schopenhauer 
damals noch nicht kannte, ich sagte mir, die Philosophic ist keine nahrhafte 
Kuh. Was hatte ich denn zu erwarten gehabt? Schulmeisterdienst und lang- 
same Beforderung bei der gehorigen Rucksicht auf die Forderungen des Staates, 
der Kirche und ganz besonders der ordentlichen Professoren, oder aber Kalt- 



Mttbius. 



379 



stellung bei eigensinniger Versteifung auf das gerade mir als Wahrheit Erschei- 
nende. Dazu kam, da8 ich mir nicht zutraute, ein Philosoph erster Klasse 
zu werden, der Gedanke aber, alle Jahre Logik und Psychologie vorzutragen 
sowie das alte Stroh der Philosophic -Geschichte zu dreschen, mich erschreckte. 
Freilich es kann sein, dafl alle diese Erwagungen nicht das Richtige fanden, 
und dafl ich besser getan hatte, auf die Gefahr des Hungerns hin es frisch zu 
"wagcn. Langer als ein Menschenalter habe ich mich darum gefragt, aber ich 
-weifl es immer noch nicht. Auf jeden Fall bin ich der Philosophic auflerlich 
untreu geworden und habe ihr die langste Zeit nur im Geheimen oder sozusagen 
im Nebenamte gedient. Aber mein Herz hat immer ihr g e - 
h 6 r t. Da ich einmal Personliches auskrame, will ich ganz offen reden. Nach 
Reichtum habe ich nicht verlangt. Um das Politische habe ich mich nie ernst- 
lich bekummert, und ich bin kein guter Patriot. Aber auch Freundschaft, 
Liebe, Kunst und Wissenschaft im eigentlichen Sinne sind mir nicht das 
Wichtigste gewesen. Nach den Grenzen der Erkenntnis hat 
es mich getriebenund im Grenzlande ist mein Zuhause 
gewesen*. Es ist von hohem psychologischem Reiz zu sehen, wie sich diese 
Geistesbeschaffenheit in alien Werken des Gelehrten und im Handeln des 
Arztes durchs ganze Leben hindurch bewiesen hat. Wohl hat es ihm als Natur- 
forscher und Arzt nicht an dem Sinn fur exakte Beobachtung, fur die sorg- 
faltige Feststellung des Tatsachlichen gefehlt; wir verdanken M. manche 
feine Beobachtung, manche gewissenhafte Einzeluntersuchung auf seinem 
neurologischen Fachgebiet; allein das, was ihn vor den meisten seiner Fach- 
genossen auszeichnet, das ist das Bedurfnis nach Ordnung des Einzelnen, das 
Suchen von Zusammenhangen, das kausale Denken und die Beurteilung des 
Tatsachlichen in seiner allgemeinwissenschaftlichen Bedeutung. Und sein Herz 
hat immer der Philosophic gehort. Er hat sich als Arzt nicht gescheut, sich als 
Freund der Metaphysik zu bekennen. Als Mediziner nimmt M. aller Mode, 
allem therapeutischen Optimismus mancher vielgeschaftigen Neurologen 
gegeniiber einen skeptischen Standpunkt ein. Nicht mit Medikamenten oder 
physikalischen Heilmitteln geht er an die Behandlung des Nervenkranken 
heran; mit strengem Ernst und scharfem Spott hat er sich gegen viele thera- 
peutische Auswiichse gewandt; ihm lag daran, die Seele des Nervenkranken 
zu verstehen und sie derart zu beeinflussen, dafl von dem Krankhaften das, 
was heilbar ist, wieder verschwindet. Ihm war der Arzt nicht »ein mit natur- 
wissenschaftlichen Kenntnissen versehener Gewerbetreibender«, sondern er 
verlangte vom Neurologen ein tiefes und eindringliches Verstandnis der ganzen 
Personlichkeit und ihrer Lebensgeschichte, in der er die Wurzeln ihres Leidens 
erblickte. Als Philosoph stand er unter dem bestimmenden Einflufl von Schopen- 
hauer und Fechner. Jenem entnahm er die Lehre vom Primat des Willens, 
diesem das fantasievolle Gebaude des universellen psychophysischen Paralle- 
lismus, dessen Erlauterung und Vertiefung seine schonsten philosophischen 
Schriften gewidmet sind. Es kann wohl kein Zweifel sein, dafl demjenigen, der 
naturwissenschaftliche Bildung, Kenntnis des Tatsachlichen in seiner unend- 
lichen Mannigfaltigkeit und Beherrschung der zu seiner Feststellung not- 
wendigen Methoden mit philosophischem Geiste, vor allem mit griindlicher 
erkenntnis-theoretischer Schulung verbindet, die tiefste Einsicht in den Zu- 
sammenhang der Welt beschieden ist, die einem Sterblichen uberhaupt zu Teil 



380 Mtfbius. 

werden kann. So erscheint es begreiflich, dafl M. sich in seinen Werken weit 
liber die Mehrzahl seiner Fachgenossen erhebt und eine Tiefe der Wirkung er- 
reicht, wie sie einem medizinischen Schriftsteller wohl nur selten zukommt. 
Sein schoner klarer Stil, sein vorbildlich gutes Deutsch tragt mit dazu bei, 
dafl die Vertiefung in seine Schriften einen hohen Genijfi bereitet. 

Die Arbeit en von M. konnen nach Form und Inhalt in verschiedene 
Gruppen eingeteilt werden: 1. streng wissenschaftliche, neurologisch-psychia- 
trische Facharbeiten; 2. zusammenfassende Darstellungen einzelner Gebiete 
teils fiir Arzte, teils fur Gebildete aller Stande; 3. rein philosophische Schriften; 
4. Pathographien; 5. Referate und Kritiken in grofier Zahl, namentlich in den 
Schmidtschen Jahrbuchern, dieer 20 Jahrelangredigierthat; 6. Obersetzungen 
und Bearbeitungen franzosischer Werke aus dem Gebiete der Psychiatrie und 
Neurologie; 7. biologische und anthropologische Schriften. 

Auf dem Gebiete der Neurologie hat M. nicht blofl neue Detailbeob- 
achtungen gebracht (uber periodische Oculomotoriuslahmung, infantilen Kern- 
schwund, Neuritis und Polyneuritis, Migrane, Basedowsche Krankheit, Patho- 
logie des Halssympathicus), sondern er hat auch Monographien tiber wichtige 
Krankheiten gegeben und eine auch heute noch sehr brauchbare, in keiner 
Weise iiberholte »Diagno&tik der Nervenkrankheiten«c (2. Aufl. 
1894) geschrieben. Durch seine zahlreichen Abhandlungen iiber die Basedow- 
sche Krankheit forderte er die Lehre von diesem Leiden wesentlich; ein von 
ihm zuerst beschriebenes Symptom (Konvergenzschwache der Augapfel) tragt 
seinen Namen. Das von ihm zuerst angegebene »Antithyreoidin Mobius« wird 
auch jetzt noch angewandt und gibt manchmal gute Erfolge. In seinem 
kleinen, aber trefflichen »Abrifi der Lehre von den Nervenkrankheiten* machte 
er, dem kausales Denken Lebensbedurfnis war, erstmals den Versuch einer 
Gruppierung der Nervenkrankheiten unter dem rein atiologischen 
Gesichtspunkt. Schon vorher hatte er fur die Einteilung der Nervenkrank- 
heiten in endogene und e x g e n e plaidiert und dieser Gedanke ist 
weiterhin sehr fruchtbar geworden. Bereits 1884, also lange vor der Kenntnis 
der Lumbalpunktion und der Wassermannschen Reaktion trat er fiir die An- 
schauung ein, dafl die Tabes und die Paralyse Nachkrankheiten der Syphilis 
seien ; die Ausdriicke : »Metasyphilis«, wnetasyphilitischer Nerven- 
schwund* stammen von M.; heute sind sie Gemeingut der Neurologen und 
Psychiater geworden. Mit grofler Energie, mit beiBendem Spott bekampfte 
er die Feinde der Syphilisatiologie der Tabes und Paralyse. Die groflten 
Verdienste hat M. jedoch um die Lehre von der Hysterie und der N e r - 
v o s i t a t. Ein warmer Anhanger des grofien Pariser Neurologen Charcot, 
hat er zuerst mit klarer und eindringlicher Darlegung die Lehre vertreten, dafl 
die Hysterie eine Psychose ist, dafl alle ihre Symptome seelisch vermittelt 
sind. Seine kleinen Aufsatze iiber die Hysterie, die in dem ersten Heft der 
Neurologischen Beitrage (1894) vereinigt sind, bilden einen Markstein in der 
Geschichte der Neurologie; sie sind fiir das Verstandnis dieser rnerkwurdigen 
Krankheitssymptome wichtiger als manches dicke Buch iiber den gleichen 
Gegenstand. Unter dem Namen der » Akinesia algera% einer seltenen Krank- 
heit, an welcher der von M. besonders verehrte Theodor Fechner gelitten hat, 
beschrieb M. ein eigenartiges Krankheitsbild von seelischer Schmerzlahmung, 
das mit der hysterischen Abulie wesensverwandt ist. 



Mobius. 28l 

Unter den mehr gemeinverstandlich geschriebenen Schriften neurologischen 
Inhalts steht sein treffliches Buch iiber die Nervositat an erster Stelle. 
1882 zu einer Zeit erschienen, da der Amerikaner Beard mit seiner Neurasthenie- 
lehre eben in weiteren Kreisen bekannt geworden war, ist es bis heute (es er- 
schien 1906 in 3. Aufl.) das beste Buch iiber die Nervositat geblieben, aus dessen 
Lektiire jeder Arzt reichen Gewinn schopfen wird, das aber auch fiir jeden 
anderen Gebildeten wohl verstandlich ist und im Unterschied von vielen an- 
deren popularmedizinischen Schriften keine Hypochonder ziichten wird. Auch 
die bei Reclam erschienene (1880) kleine Schrift: »Das Nervensystem des 
Menschen und seine Erkrankungen« kann heute noch als mustergiiltige popu- 
lare Schilderung gelten. Dagegen ist die »medizinische Plauderei«: Ober 
den Kopfschmerz fiir ein weiteres Publikum weniger geeignet. Eine ganz 
hervorragende Schrift ist ferner die Abhandlung: Uber Entartung. Wir 
finden in ihr vielleicht zum ersten Male einen wirklich gliicklichen Versuch, 
dem Begriff »Entartung« vom Standpunkt des Pathologen aus einen praziseren 
Inhalt zu geben, einen Inhalt, der freilich eine etwas teleologische Farbung 
zeigt. Unter Entartung will M. eine Abweichung vom Typus im ungiinstigen 
Sinne verstanden wissen, eine Abweichung, die die Nachkommenschaft schadigen 
kann. »Entartet ist der, der vererbbare Abweichungen vom Typus zeigt«. 
Mit bewundernswertem Scharfsinn sucht M. fiir diesen Satz die Beweise aus 
dem ganzen Gebiete der Pathologic Ich zweifle nicht, dafi die Zukunft ihm 
in der Hauptsache recht geben wird. 

Als M. 1896 mit seiner beriihmten Abhandlung: »U b e r die Be- 
handlung von N e r v e n k r a n k e n und die Errichtung 
von Nervenheilstatten« hervortrat, wirkten seine Ausfiihrungen 
iiber den Heilwert der Arbeit wie eine Erlosung auf die neurologische Welt r 
die der physikalischen Heilmethoden allmahlich ziemlich iiberdriissig geworden 
war. Er hatte sich mit dieser Schrift nicht nur an die Arzte gewandt, er wollte 
die weitesten Kreise davon uberzeugen, dafi in der Behandlung der Nervosen 
neue Wege eingeschlagen werden miissen. Es ist bekannt, welchen Erfolg er 
erzielte. Heute sind seine Anschauungen Gemeingut aller Verstandigen ge- 
worden und sein Postulat ist schon mancherorts erfiillt. Die Volksnerven- 
heilstatte »Haus Schonow« bei Berlin verdankt ihre Entstehung in erster 
Linie den M.schen Gedanken. Die vernunftige Beurteilung der Unfallnerven- 
kranken hat die Anerkennung der M.schen Grundanschauung iiber Hysterie 
und Nervositat zur Voraussetzung. Nirgends ist es wichtiger, sich iiber den 
Heilwert der richtig getanen Arbeit klar zu sein, als bei den nervosen Be- 
schwerden, die nach entschadigungspflichtigen Unfallen gerne zuruckbleiben 
und durch falsche Vorstellungen iiber ein vermeintliches Recht auf Rente 
unterhalten werden. Und diesen Heilwert der Arbeit hat Niemand besser 
geschildert und begriindet als M. 

Noch in einer anderen modernen Streitfrage hat M. freimutig Stellung ge- 
nommen: er war seit vielen Jahren alkoholabstinent und verdammte den ge- 
wohnheitsmafiigen GenuB geistiger Getranke, stand aber auf dem Standpunkte, 
dafi das allgemeine Ziel der modernen Bewegung nicht die Abstinenz, 
sondern die allgemeine M a fi i g k e i t sein miisse. 

Die philosophischen Schriften, die er selbst »mit den Augen eines zart- 
lichen Vaters« ansah, vereinigte er 1905 in dem Bande »Im Grenzlande«> 



382 



Mttbius. 



dem er das Bild Theodor Fechners beigab. Die Aufsatze stammen aus den 
Jahren 1891 bis 1904. Klar und eindrucksvoll beschreibt er in der Schrift 
»t)ber die drei Wege des Denkens* (1891), welche erkenntnistheoretische 
Stellung er selbst zu den Dingen der Welt und den Tatsachen des eigenen 
Bewufltseins einnimmt; wir sehen ihn hier ganz in den Fufltapfen Fechners. 
Die in Dialogform gehaltenen »drei Gesprache iiber Religion* und »drei 
Gesprache iiber Metaphysik« geben uns den Denker M. in seiner ganzen 
Eigenart: der naturwissenschaftlich geschulte, kritisch veranlagte Mann kann 
es aus GemQtsbedtirfnis doch nicht iiber sich bringen, an den Grenzen des 
Erkennbaren Halt zu machen. Vorsichtig tastend sucht er sich den Weg in 
die Metaphysik; mehr vermutend und andeutend als ausfuhrend klingt hier 
alles, was er im Banne des Panpsychismus einfach und schmucklos aus 
seinem Inneren herausgibt. Die Aufsatze: »Ober die Veredelung des Menschen* 
(1898) und »Ober den Zweck des Lebens* (1904) zeigen den tiefen Idealismus 
des pessimistischen einsamen Mannes. 

Mit seinen groBen Pathographien sehen wir M. der wissenschaft- 
lichen Forschung ein ganz neues Gebiet erschlieBen. Es liegen vier fgrofle 
Pathographien und einige kleinere von ihm vor. In seine ausgewahlten Werke 
hat er nur die vier grofien aufgenommen: sie handeln von J. J. Rousseau, 
Goethe, Schopenhauer und Nietzsche. Was er mit diesen 
Arbeiten bezweckte, hat er in der Einleitung zu den vier Buchern selbst 
gesagt. »Man soil iiber Keinen urteilen, ohne Grad und Richtung seiner 
Entartung bestimmt zu haben« sind seine eigenen Worte. Mit Nachdruck 
vertrat er die Meinung, daC der Biograph den psychiatrischen Sachverstandigen 
notwendig braucht; d^nn spricht er aus: »Den Kollegen zu zeigen, wie der 
Seelenarzt ernsthaft und grundlich sein Wissen fur die Erkenntnis grofier 
Menschen verwerten konne, das war mein anderer Zweck. « Rousseau schildert 
er uns als den ab ovo entarteten, spater paranoischen Kranken, dessen Leben 
und Denken nur aus dem Krankhaften seiner Veranlagung heraus verstandlich 
ist. Bei Goethe zeigt er die periodischen Schwankungen seines gemutlichen 
Lebens, die Jahre der Produktivitat in ihrem engen Zusammenhang mit Zeiten 
leichter innerer Erregung nach Analogic der Zyklothymie. An Nietzsche lehrt 
er den allmahlichen Obergang der gesunden Zeiten in die beginnende para- 
lytische Erregung in seiner Bedeutung fur die Gestaltung seiner Produktion; er 
hat freilich dafur bei der Schwester des Philosophen nur Geringsch&tzung 
und Zuruckweisung erfahren. Schopenhauer wird als pathologische Person - 
lichkeit plastisch geschildert, seine Philosophic aus seiner Geistesbeschaffenheit 
abgeleitet und endlich das System des geistvollen Pessimisten kritisch be- 
leuchtet. Weniger bedeutend sind die Abhandlungen iiber Schumann 
und Scheffel. Eine grofiere Arbeit iiber Darwin ist nur in den ersten 
Notizen vorhanden, die zu unvollstandig sind, um auch nur als Fragment 
herausgegeben zu werden, wie ich mich bei ihrer Durchsicht selbst iiberzeugt 
habe. Haben schon die Pathographien dem Autor viel Feindschaft und — 
meist torichten — Tadel zugezogen, so gilt dies noch viel mehr von einigen 
anderen Schriften: sein Buch iiber Franz Joseph Gall, seine Anschauungen 
iiber das mathematische Organ beim Menschen und vor allem 
seine, in 9. Auflage vorliegende Schrift: » b e r den physiologischen 
Schwachsinn des Weibesi An der Ehrenrettung des Phrenologen 



Mflbius. 383 

Gall hat ihm besonders viel gelegen. Seine eigene Psychologie, die in an- 
geborenen Anlagen, Trieben und »Sinnen« das Wesentliche der menschlichen 
Personlichkeit sah, fiihlte sich zu Gall hingezogen. Seine Nachprufung einiger 
Gallscher Lehren schien ihm ftir ihre Richtigkeit zu sprechen. K. Riegers 
kategorische Ablehnung derGallschen Phrenologie mag dann in M. den Entschlufi 
verstarkt haben, alle Tatsachen zusammenzutragen, die Galls Anschauungen 
zu stlitzen vermogen. So geistvoll und originell auch manche seiner Darlegungen 
auf diesem Gebiete sind, so fehlt ihnen doch die Beweiskraft, die man an M.' 
anderen Schriften so selten vermifit. Mit der Abhandlung »Uber den phy- 
siologischen Schwachsinn des Weibes« stach er in ein Wespennest. Der etwas 
sensationelle Titel der Schrift, in der M. dem modernen Feministentum offen den 
Krieg erklart, hat mit dazu beigetragen, dafl ihr Inhalt meist miflverstanden 
wurde. Nicht Minderwertigkeit wirft er dem weiblichen Geschlechte vor, sondern 
seine Andersartigkeit betont er, eine Andersartigkeit, die aus den Aufgaben 
des Weibes als Mutter mit Notwendigkeit resultiert. Mag auch der Ton etwas 
misogyn klingen (in den Vorworten und Nachworten der spateren Auflagen 
ist er weit milder), so sind doch die Grundgedanken zweifellos richtig, und 
man wird M. zustimmen durfen, wenn er als ein Symptom der Entartung eine 
Entwicklung bezeichnet, bei der die Manner immer weibischer (Feministen) 
und die Weiber immer mannahnlicher (Emanzipierte) werden. Seine letzte 
Publikation : »Damenkalender ftir gute und schlimme 
D a m e n« lafit den Humor des Verfassers zu Worte kommen, den er tibrigens 
schon bei seiner Publikation der Kritiken seiner Feinde und namentlich Fein- 
dinnen reichlich bewiesen hatte. 

Wer M. ganz kennen lernen will, der mufi sich die Muhe nehmen, in den 
Jahrgangen 1886 bis 1906 der Schmidtschen Jahrbucher seine Referate 
und Kritiken uber die Neuerscheinungen auf vielen Gebieten der Neuro- 
logie und Psychiatrie durchzusehen. Hier zeigt er sich als vollendeter Meister, 
der mit kurzen markigen Worten den Nagel auf den Kopf trifft, der keine farb- 
losen Biicheranzeigen und langweiligen »Waschzettel« schrieb, sondern offen 
und derb seine Ansicht aussprach, das Schlechte schlecht und das Unnotige 
unnotig nannte. Die medizinische Wissenschaft hat wenig Kritiker von der 
Urteilskraft und Ehrlichkeit einesM. aufzuweisen, und sie konnte solche Manner 
in unserer Zeit einer unreifen Vielschreiberei besonders gut brauchen. 

Auch in seinen Ubersetzungen kommt dieser kritische Geist zu seinem 
Recht; sie sind keine wortlichen ungekurzten Ubertragungen ins Deutsche, 
sondern kritische Auswahl war dabei tatig und ein treffliches Sprachgefuhl 
sorgte dafiir, daO auch die Lektiire dieser Ubersetzungen groBen GenuQ bereitet, 
und dafl sie hinter den Originalabhandlungen an Klarheit nicht zuriickstehen. 

In den letzten Jahren seines Lebens sehen wir M. namentlich damit be- 
schaftigt, anthropologische und biologische Fragen in Angriff 
zu nehmen. Der Grundgedanke, der zahlreichen Arbeiten zugrunde lag, war die 
Untersuchung der Bedeutung des Geschlechts ftir die korperliche und geistige 
Eigenart. Ein grofies Wissen, sorgfaltige Verwertung der Literatur, originelle 
Beleuchtung der Probleme machen auch diese Arbeiten (Geschlecht und Krank- 
heit, Geschlecht und Entartung, Ober die Wirkungen der Kastration, Geschlecht 
und KopfgrdBe, Goethe und die Geschlechter, Geschlecht und Kinderliebe, 
Die Geschlechter der Tiere, Geschlecht und Unbescheidenheit, eine kritische 



3 §4 Mttbius. Langbehn. 

Abrechnung mit Weininger) zu interessanten Studien. Die Zukunft mufi lehren, 
ob der Neo-Gallismus, der in manchen dieser Schriften hervortritt, sich bei 
kritischer Priifung der Einzeltatsachen als haltbar erweist. 

Nachrufe iiber P. J. M 6 b i u s finden sich u. a. im Zentralblatt fiir Nervenheilkunde 
und Psychiatrie 1907 von E. Kraepelin, in den Schmidtschen Jahrbiichern 1907 von 
F. Windscheid t in der Allg. Zeitschr. f. Psychiatrie Bd. 64 von O. B u m k e. Ferner im 
Verlag von C. Marhold: Zum Andenken an Paul Julius Mobius von Dr. E. Jcntsch 
1907. Im 8. Bande der Ausgewahlten W e r k c ( J. A. Barth, Leipzig) hat der Bruder 
des Verstorbenen einen kurzen Lebensabrifl gegeben. Diesem Bande ist auch ein Bildnis 
von P. J. Mobius aus dem Jahre 1906 beigegeben. Robert Gaupp. 

Langbehn, August Julius, Doctor, * 26. Marz 1851 in Hadersleben, f I9°7 
in Rosenheim. Sohn des Lateinlehrers in Hadersleben. Besuchte die Schule 
in Kiel. Beim Ausbruch des deutsch-franzosischen Krieges trat er in Halle 
in das Magdeburger-Fusilier-Regiment Nr. 36, kampfte vor Metz, um Orleans 
und Le Mans, erhielt die Qualifikation zum Reserveoffizier, studierte nach der 
Ruckkehr in Kiel Naturwissenschaft und Mathematik. 1875 bezog er im Sommer 
die Universitat Munchen, wo er 10 Semester bis 1880 inskribiert war und bei 
Brunn, Carri&re, Mefimer, Bursian, Prantl, Riehl u. a. horte. Er bildete sich 
zum klassischen Archaologen aus und promovierte zum Doctor auf Grund 
einer Dissertation uber »Griechische Fltigelwesen« , nach dem Urteil von Cor- 
nelius Gurlitt »eine treffliche durchaus archaologisch wissenschaftliche Arbeit, 
in der sich L. in den Bahnen seines Lehrers Brunn bewegt.« Sein Kreis bestand 
wesentlich aus schleswig-holsteinischen Medizinern; durch den Rheinlander 
Dr. Leibl kamen auch Kiinstler (wie dessen Bruder der Maler Leibl) hinzu, der 
mehrere Charakterkopfe des Kreises, darunter L. malte; weiter Sperl, Haider, 
(wohl auch Hans Thoma). Cornelius Gurlitt berichtet von einer Reise L.s nach 
Italien um jene Zeit. 1883 wohnte er in Hamburg; dann in Frankfurt a. M., 
Ltibeck, Charlottenburg (wo er Beziehungen zu Theodor Mommsen gehabt haben 
soil). 1885 kam er nach Dresden; dort durch den jetzigen Direktor des Berliner 
Kunstgewerbemuseums bei Cornelius Gurlitt eingefuhrt; auch im Verkehr mit 
dem Musiker Reinhold Becker und Waldemar v. Seidlitz. Seine Lage war 
damals ungiinstig; sein Jahreseinkommen schatzte er auf 550 Mark. Gelegent- 
lich veroffentlichte er Aufsatze in westfalischen und Hamburger Zeitungen. 
L. liefl solche Arbeiten nur aus Not drucken, , »weil er damit die Wirkung seines 
Buches »Rembrandt als Erzieher« nicht vorwegnehmen wollte.4 1890 erschien 
es anonym. Mit auflerordentlichem Erfolg in Leserkreisen, von Kuno Fischer, 
Anton Springer abgelehnt. »Aber das Erscheinen von 49 Auflagen und das 
immer wieder erneute Zuriickgreifen auf den Gedanken-Inhalt des Buches hat 
doch bewiesen, daB in L.s Werk trotz aller Eigenart und alien *Fehlern« in 
seiner Anlage ein starker dauernder Kern steckt, dafi er als Weckruf zur 
Individuality fiir alle Zeiten in der Geschichte des deutschen Geisteslebens 
eine wichtige Rolle spielen wird.« Seine Anonymitat wurde trotz seines Wider- 
strebens allmahlich halb geluftet. 1891 erschienen seine »Vierzig Lieder von 
einem Deutschen«, deren geringer Erfolg ihn ebenso verstimmte, wie die von 
der Staatsanwaltschaft wegen angeblicher Unsittlichkeit eroffnete Untersuchung, 
die mit einem gerichtlichen Freispruch endete. Eine unaufgeklarte Zeit von 
Reisen (oder Wallfahrten), deren Spuren nach Lourdes und Jerusalem fiihren> 



Langbehn. Overbeck. 38 c 

folgt. Er trat zum Katholizismus liber. 1900 lebte L. in Wurzburg anscheinend 
in auskommlichen Verhaltnissen, dann in Lohr am Main; nach der Ansicht 
seiner Hausleute geistig gestort. Verfolgungswahn, mystische Anwandlungen 
waren unverkennbar, so dafl seine Wirte ihm kundigten. Er zog nach Koblenz. 
Zuletzt wohnte L. in einem kleinen Gasthof in Miinchen. In Rosenheim starb 
er pldtzlich (am Magenkrebs); seinem Wunsche gemafi wurde er am 3. Mai in 
Puch bei Furstenfeldbrtick begraben. »Die Dreiheit Lagarde, Nietzsche, Lang- 
behn wird in der Geistesgeschichte unseres Volkes stets eine Bedeutung be- 
halten und gewifi wird noch manchen klugen Kopf die Frage nach der Ent- 
stehung der individualistischen Geistesrichtung beschaftigen.« 

Durchweg nach Cornelius Gurlitt in Hardens »Zukunftt, Bd. 69, 1909, S. 369 
— 379t der diese biographischen Angaben mit der Bitte veroffentlicht, ihm womoglich weitere 
Nachrichten tiber L. zugehen zu lassen. Vorher hatte Cornelius Gurlitt (»Zukunft«, Bd. 1908, 
S. 139 — 148) uber seine persdnliche Bekanntschaft mit L. und die Verlagsbedingungen des 
Buches »Rembrandt als Erzieher« berichtet. — Uber den Prozefi und Freispruch der »Vierzig 
Lieder von einem Deutschen* s. F. W. G 1 6 s s , »Zukunft« vom 15. Juni 1910, dem Verleger 
dieses und eines anderen Werkes »Der Rembrandt-Deutsche von einem Wahrheitfreund*. 

Overbeck x ), Franz Camflle, Dr. theol. et phil. f Professor fur neutestament- 
liche Theologie und altere Kirchengeschichte in Basel. * in Petersburg am 
16. November 1837, f * n Basel am 26. Juni 1905. — Einfach und unscheinbar 
wie das Wesen dieses Gelehrten war auch sein aufierer Lebensgang. Seine 
Jugend verbrachte er groBtenteils bei Verwandten seiner Mutter, einer katho- 
lischen Franzosin, in Paris, erhielt sodann seine Schulbildung in Dresden, 
wo sich die einst aus England nach Petersburg ubergesiedelte Kaufmanns- 
familie nach der Revolution von 1848 bleibend niedergelassen hatte. Die 
Studienjahre an den Universitaten Leipzig und Gottingen, wo O. von 1856 — 60 
der Theologie, Philologie und der Geschichte oblag, schlofi er mit der zweifachen 
Promotion zum Doktor der Philosophic und Lizentiaten der Theologie ab. 
Seiner wissenschaftlichen Oberzeugung, die ihn immer mehr ins Lager der 
freisinnigen Theologen fuhrte, glaubte O. in den Kreisen der Jenenser Fakultat 
am wirksamsten Ausdruck verleihen zu konnen. Bei dem Kirchenhistoriker 
Karl Hase fand denn auch der junge Theologe, der sich 1864 als Privatdozent 
fur neutestamentliche Exegese habilitiert hatte, freundliche und ermunternde 
Aufnahme. O.s Entwicklungsjahre wurden indessen von dem Tiibinger Ferd. 
Christ. Baur, dem eigentlichen Bahnbrecher einer rein historischen Erforschung 
des Urchristentums, beeinflufit. Nach seiner 1870 erfolgten Berufung als Pro- . 
fessor fur Neues Testament und Kirchengeschichte an die Universitat Basel 
fand der schon durch seine Geburt auf eine internationale, kosmopolitische 
Warte gestellte Gelehrte bereits in seiner Antrittsrede uber »Entstehung und 
Recht einer rein historischen Betrachtung der neutestamentlichen Schriften 
in der Theologie* (1871, 2. Aufl. 1875) Gelegenheit, mit grundlichster und 
umfassender Gewissenhaftigkeit und Umsicht der Untersuchung die Linien 
einer heute noch gelaufigen Betrachtungsweise zu ziehen. Das Ziel dieser und 
aller folgender Arbeiten O.s war: die letzten treibenden Krafte des Urchristen- 
tums und der alten Kirche zu erforschen und die Gesetze zu verstehen, die ihre 
geschichtliche Bewegung beherrschen. Da ihm hiebei die Integritat seines 

») Totenliste 1905 Band X, 224*. 
Biogr. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog. 13. Bd. 25 



386 



Overbeck. 



Charakters weder eine Konzession an die Tagesmeinung noch einen Kompromifi 
mit Parteiinteressen gestattete, so stellte sich O. hiedurch auf einen Standpunkt, 
der ihn uber den Streit der bestehenden kirchlichen Sozietaten weit hinaushob. 
Fur ihn, der die Kirche als »die Einbalsamierung des Altertums« definierte, 
offenbarte sich das Christentum am deutlichsten im Monchtum und schien 
ihm mit der Welt auch die Wissenschaft zu verneinen. »Lieber ein ehrlicher 
Heide als ein unehrlicher Christ« — lautet darum sein Glaubensbekenntnis 
in der mutigen »Streit- und Friedensschrift« uber die »Christlichkeit unserer 
heutigenTheologie« (1873), welche nach rechts und links, an der »apologetischen«, 
wie an der »liberalen« Theologie die scharfste Kritik iibt, um schlieBlich beide 
als unchristlich uber Bord zu werfen. In derselben Schrift, deren Positionen 
er in der zweiten, erweiterten Auflage von 1905 womoglich noch verscharfte, 
erregte der iiberzeugte Vertreter eines undogmatischen Christentums auch als 
akademischer Lehrer den Unwillen weitcr Kreise mit dem Bekenntnis: ». . . . 
vorgcmacht habe ich meinen Zuhorern nichts; weder denen unter ihnen, welche 
mit grofitem Recht in meinen Vortragen Erbauung vermiflten, etwas vom 
Mitklingen eines Glaubens an die Sache, der nun einmal \}\er fehlte, noch den 
andern, deren kritische Stimmung von Haus aus sie mir naherbringen mochte, 
etwas, das sie iiber die Leichtigkeit der Lebensaufgabe, der sie entgegengingen, 
irrezufiihren geeignet gewesen ware«. O. hatte sich diesen Monolog von der 
Seele schreiben miissen, um sich dariiber klar zu werden, daC er trotz seines 
theologischen Lehrberufes kein Theologe war. Sein Ideal wissenschaftlichcr 
Erkenntnis vertrug sich nun einmal nicht mit dem praktischen Endzweck der 
christlichen Theologie, so dafi er dieser entfremdet wurde und mit aufloderndem 
Grimm oder beifiendem Sarkasmus oft gegen die Zunft losbrach. Und doch 
sind seine Untersuchungen in ihrer Gesamtheit ernste Gelehrtenarbeit zu 
nennen — fordert doch jede von ihnen wichtige Probleme der alten Kirchen- 
geschichte. Wir nennen als einschneidendste die Abhandlung »Ober die Anfange 
der patristischen Literatur« (Hist. Zeitschr. 1882), welche den Grundsatz, 
dafi jede Literatur ihre Geschichte in ihren Formen habe, auch auf die Gc- 
schichte der altchristlichen Literatur anwendet. So war es die iiberall — auch 
da, wo sie zum Widerspruch aufforderte — anrcgend wirkende Scharfe und 
Unbestechlichkeit seiner wissenschaftlichen Methode, die O. trotz der geringen 
Ausdehnung seiner literarischen Produktion einen geachteten Namen ver- 
schaffte und sein Ansehen als bester Kenner des christlichen Altertums unter 
den Fachgenossen und iiber deren Kreis hinaus begriindete. Noch zu Anfang 
seines Todesjahres ernannte ihn die schottische Universitat St. Andrews zum 
Doctor of Divinity. Allein auch solchen Ehrungen gegeniiber blieb O. uner- 
schiitterlich in seinen Ansichten. Ja gerade seine letzten Schriften geben in 
verscharftem Ton der Unzufriedcnheit iiber die Entwicklung der Theologie 
Ausdruck. Zuletzt zerfiel er auch mit der seiner wissenschaftlichen Uberzeugung 
am nachsten stehenden »modernen Theologies als deren Fiihrer er selber 
Harnack bezeichnete; die Meinung, dafi auch deren Resultate nicht rein wissen- 
schaftliche seien, lahmte seine eigene Schaffensfreudigkeit. Eben diese hohe 
Vorstellung O.s von wissenschaftlichcr Arbeitstatigkeit hinderte ihn, die reichen 
Schatze seines Wissens in einem umfassenderen Denkmal zu hinterlassen, 
obschon er hoffte, in seiner Muflezeit — O. war 1897 nach 27 jahriger ununter- 
brochener Lehrtatigkeit, wahrend welcher er den Beruf eines akademischen 



Overbeck. v. Bergmann. 087 

Lehrers mehr und mehr als eine schwere Burde empfunden hatte — die Re- 
sultate seiner Forschertatigkeit zu sammeln und herauszugeben. — Einsam 
war es um ihn geworden. Seine innige Jugendfreundschaft mit Heinrich von 
Treitschke hatte er zugunsten eines mannlichen Treubundes mit Friedrich 
Nietzsche aufgegeben, mit dem ihn in Basel eine Zimmernachbarschaft zusammen- 
fiihrte. O. selber hat diesen Freundschaftsbund nicht als eine bloBe Episode 
sondern als die grofite personliche Bereicherung mit den tiefgehendsten. Wir- 
kungen auf sein Geistesleben geschatzt. Sein gegensatzliches Verhaltnis zum 
Nietzsche -Archiv in Weimar bewog ihn schliefllich, den Briefwechsel des 
Freundes — es sind liber 200 von N. an O. gerichtete Briefe, die bis in die Zeit 
von N.s Erkrankung reichen — trotz innerem Widerstreben zu publizieren, 
um dadurch das zeitgenossische offentliche Urteil uber den Philosophen auf- 
zuhellen und abzuklaren. Demselben Zweck gait seine offentliche Erklarung 
— es ist wohl O.s letzte Publikation gewesen — in der ^Frankfurter Zeitung« 
vom 10. Dez. 1904, in welcher er den Freund gegenuber der Schwester in Schutz 
nahm. 

So fuhrte der unerbittliche Kampfer und Kritiker zuletzt als »Stuben- 
gelehrter* ein in stiller Bescheidenheit zuruckgezogenes Leben — zusehends 
mehr uberzeugt von der Unzulanglichkeit der Welt, wahrend sein warmes, 
lauteres Gemiit bis zuletzt den Schonheiten der Erde offenstand. Dann wurde 
er von einem Herzleiden dahingerafft — in schlichter Hulle ein edler, vor- 
nehmer Mensch, ein reichgebildeter Geist, ein Forscher ersten Ranges — »der 
letzte eines groflen Geschlechtes, grundgelehrt und doch Philosoph, in der 
Erkenntnis hart und stolz, in den Dingen der Welt kindlich und demutig«. 

Carl Albr. Bernoulli, Basler Jahrbuch 1906; E(berhard) V(ischer), Basler Nachrichten 

28. Juni 1905. tt c u 1 1 u 

J D Hermann Schollenberger. 

»Ich habe gelebt, um zu lernen, 
und gelernt, um zu leben!* 

(E. v. Bergmann.) 

v. Bergmann 1 ), Ernst Gustav Benjamin, Exzellenz, Chirurg; * Riga 
16/Dezember 1836; f Wiesbaden 25. Marz 1907. — Es ist eine charakteristische 
Eigenart der das vorige Jahrhundert zierenden Koryphaen der deutschen 
Chirurgie, daB sie nicht ihre Arbeitskraft erschopften in der Ausubung ihres 
Berufes, sondern daB sie es verstanden, ihre Gedankensphare auszuweiten zu 
dem Horizont umfassender Bildung und allgemeiner Menschlichkeit. Diese 
Doppelnatur des Wesens umgibt den wahrhaft groBen Geist mit dem Zauber 
der Personlichkeit, der den popularen Mannern eigen ist. Nur sclten laBt ein 
Volk solche erstehen, aber stets bewahrt es sie als volkstumliches Kleinod 
im Gedachtnis und nennt sie mit Stolz sein eigen. So leben Dieffenbach, v. Lan- 
genbeck, Billroth, v. Mikulicz, v. Bergmann nicht nur in der Wissenschaft fort, 
sondern auch im Volke! — 

B. entstammt einer alten baltischen Pastorenfamilie von erblichem Adel, 
die ihren Sitz seit 200 Jahren im Pfarrhaus zu Rujen in Livland hatte. Den 
Elementarunterricht erhielt er bis zu seinem 13. Lebensjahr im vaterlichen 



*) Totenliste 1907 Band XII, n*. 

25* 



388 v - Bergmann. 

Hause. Dann kam er auf das Gymnasium zu Birkenruhe, das damals als huma- 
nistische Erziehungsanstalt in besonders hohem Ansehen stand. Als primus 
omnium wurde der stets zu frohlichen Jugendstreichen aufgelegte Bruder Studio 
relegiert, weil er mit einem Mitschuler einen Ball besucht hatte. Er mufite daher 
sein Abiturientenexamen vor einer Kommission ablegen. 

Zum Studium der Theologie bestimmt, bezog er im Jahre 1854 die damals 
noch ganz deutsche Universitat Dorpat. Als er sich dort fiir das vorgenommene 
Studium einschreiben wollte, waren diese Listen bereits geschlossen, so dafl ihm, 
wie er selbst sagt, nichts weiter iibrig blieb, als Medizin zu studieren. 

Auf seine medizinische Ausbildung als Student hatten vor allem v. Oettingen 
und der Chirurg Adelmann Einflufi. Am 13. November i860 erhielt er den 
Doktorhut der Dorpater Universitat auf Grund seiner Dissertation: „De>Balsami 
Copaivae cubebarumque in urinam transitu", die von dem spateren groflen 
Chirurgen noch nichts ahnen liefi. 1864 habilitierte er sich mit einer Schrift 
liber ,,Fettembolie" als Privatdozent fur das Fach der Chirurgie in Dorpat. 

Nachdem er auf Studienreisen Konigsberg, Berlin und Wien kennen gelernt 
hatte und mit den deutschen Chirurgen v. Langenbeck und Billroth in nahere 
Beziehungen getreten war, wurde er im Jahre 1866 von dem Konigsberger 
Professor Wagner auf die bohmischen Schlachtf elder berufen, wo der junge 
Privatdozent, unter Middeldorpf und Wilms zum Wohle der Verwundeten 
tatig, den Grund zu seiner kiinftigen Grofle und ersten Autoritat als Kriegs- 
chirurg legte. 

Nach Beendigung des Krieges wandte sich der bereits ausgebildete Chirurg 
physiologisch-chemischen Studien zu, denen er in dem physiologischen Institut 
von Kuhne in Amsterdam oblag. Als dann im Jahre 1870 der franzosische 
Krieg ausbrach, stellte sich v. B. der preuflischen Regierung zur Verfiigung. 
Er trat in Berlin zur Armeereserve ein, wirkte unter Richard v. Volkmann und 
Theodor Billroth in Mannheim im Reservelazarett, iibernahm dann im Jahre 
1 87 1 die Friedrichsbaracken in Karlsruhe und leitete in der Zeit bis zur 
Fertigstellung derselben die badischen Sanitatsziige zur Evakuierung der 
franzosischen Verwundeten nach Belfort und Paris. 

In dieser Zeit lernte er seine Gattin, geb. Freiin v. Porbeck, kennen, eine 
ihm gleichgesinnte Dame von hoher Tatkraft und Energie, die sich mit 
bewundernswertem Geschick in den Kriegslazaretten betatigte. Sie war ihrem 
Gatten eine liebevolle, treue Gefahrtin, nicht nur als Huterin des Hauses und 
Pflegerin vornehmer Geselligkeit, sondern sie nahm auch im spateren Alter noch 
oft an den Operationen ihres Mannes aktiv teil. 

Gleich nach dem franzosischen Kriege wurde v. B. in Dorpat ordentlicher 
Professor der Chirurgie als Nachfolger seines Lehrers Adelmann. 

Noch einmal unterbrach der Kriegsruf seine Friedenslaufbahn : das Jahr 
1877 sah ihn als konsultierenden Chirurgen im russisch-tiirkischen Krieg im 
Hauptquartier des Groflfursten Nikolai Nikolajewitsch. Der feuererprobte 
Kriegschirurg machte die gewaltigsten Ereignisse dieses Feldzuges mit: den 
Donaulibergang und die Erstiirmung von P 1 e w n a. 

Nach seiner Riickkehr bewarben sich drei Universitaten um v. B. : Kiew, 
St. Petersburg, Wiirzburg. Hier besetzte er 1878 an Linharts Stelle den Lehr- 
stuhl fiir Chirurgie. In dieser Zeit machte er eine schwere Blutvergiftung durch, 
so dafl ihn sein Assistent v. Angerer mehrfach operieren mufite. 



v. Bergmann. 380 

Als dann 1882 durch Bernhard v. Langenbecks Rucktritt der Lehrstuhl fiir 
Chirurgie in Berlin erledigt war, wurde v. B. dessen Nachfolger an der Berliner 
Universitat, der er bis zu seinem Tode als markanteste, stets fiihrende Person- 
lichkeit angehorte. Im Jahre 1901 erhielt er den Titel Exzellenz; 1906 wurde 
ihm eine besondere Ehrung zuteil von der englischen Universitat Edin- 
burgh, indem sie den beriihmten Chirurgen zu ihrem Ehrendoktor ernannte. 
Zu dem akademischen Festakt begab sich Exzellenz v. B. nach Edinburgh, wo 
er in herzlicher Weise gefeiert wurde. 

Am 16. Dezember 1906 vollendete er sein 70. Lebensjahr, zu dem ihm der 
Kaiser, die ganze Studentenschaft, Arzteschaft und die Gelehrtenwelt ihre 
Wiinsche darbrachten. Er stand im Zenit seines Ruhmes. Bald darauf fing 
er an zu krankeln. 

Es nagte an ihm ein altes Leiden, das seine AngehSrigen und Assistenten 
mit Besorgnis erfullte. Schon seit fiinf Jahren zeigten sich bei ihm von Zeit 
zu Zeit Erscheinungen, die auf eine bosartige Neubildung des Darmes hinzu- 
deuten schienen. Mehrfache Anfalle von DarmverschluC hatten den hiinen- 
haften Korper bereits aufs Krankenlager geworfen, aber stets gewann seine 
stahlerne, unbiegsame Natur wieder die Oberhand liber die tiickische Krankheit 
und stets war er erfrischt und gekraftigt aus den Ferien in die Klinik zuriick- 
gekehrt. 

Als er sich in den Osterferien 1907 nach Wiesbaden begeben hatte, um von 
einer schmerzhaften Ischias Heilung zu suchen, setzte der Darmverschlufl wieder 
in heftiger Weise ein und ging bald in einen gefahrdrohenden Zustand iiber. 
Die Diagnose hatte v. B. selbst im letzten Jahre auf Krebs gestellt. Telegraphisch 
gerufen eilte sein langjahriger fniherer Assistent und Oberarzt Prof. Schlange 
aus Hannover ans Krankenlager und sah sich genotigt, seinem friiheren Chef 
eine Darmfistel anzulegen. Da der erwartete Effekt der Fistel nicht eintrat, 
schritt Prof. Schlange auf des Patienten Wunsch zwei Tage spater, am 25. Marz 
1907, zu einer zweiten Operation, die, wie der erste Eingriff, mit Riicksicht auf 
das hohe Alter und den Krafteverfall ohne Allgemeinnarkose mit ortlicher 
Betaubung ausgefiihrt wurde. Der Operateur fand im Bauchraume triibe 
Fliissigkeit, ein Zeichen, dafi eine todliche Bauchfellentziindung begonnen hatte. 
v. B. selbst gab Anweisungen, wie diese Fliissigkeit untersucht werden sollte. 
Aber der Krafteverfall nahm schnell zu, die Herzkraft erlahmte, und mittags 
gegen 12 Uhr am 25. Marz 1907 schloG v. B. die Augen fiir immer, in derselben 
Stadt, in der auch sein Vorganger v. Langenbeck verschieden war. Nur noch 
einige Monate trennten ihn von dem ersehnten Zeitpunkt, wo er 25 Jahre die 
Berliner Klinik geleitet hatte! 

Die Sektion, mit der sein Neffe und Assistent N. Guleke betraut wurde, 
ergab, dafl ein Darmkrebs nicht vorlag, sondern daB eine, auf einem im russisch- 
tiirkischen Krieg erworbenen Ruhrgeschwiir beruhende Verengerung des Dick- 
darms die sich wiederholenden Attacken von DarmverschluC bedingt und zuletzt 
die vollige Verlegung der Darmpassage durch Knickung verursacht hatte und 
damit der Ausgangspunktdertodbringenden Bauchfellentziindung geworden war. 

Die Leiche des Heimgegangenen wurde von Wiesbaden nach Berlin iiber- 
gefuhrt und spat abends im Fackelschein, mit dem die dankbaren Werkmeister 
den Weg erleuchteten, im Langenbeckhause an der Statte seiner Tatigkeit 
aufgebahrt. 




3po v. Bergmann. 

Hier fand am 29. Marz 1907 eine grofle Trauerfeier statt, der in Vertretung 
des Kaisers der Kronprinz beiwohnte. Im Auftrage des Prinzregenten Luitpold 
von Bayern legte v. Angerer (Munchen) am Sarg einen kostbaren Kranz nieder. 
Im Namen der medizinischen Fakultat zu Berlin sprach Kraus, v. Bramann 
(Halle) im Namen der v. B.schen Schuler, v. Leube (Wiirzburg) fur die medi- 
zinische Fakultat in Wiirzburg, der der Entschlafene angehort hatte, und 
L. Landau im Namen der Berliner medizinischen Gesellschaft. 

Alsdann wurde der Sarg durch die Reichshauptstadt — es war Charfreitag — 
in feierlichem Zuge zur letzten Fahrt nach dem Potsdamer Bahnhof geleitet, 
wo die Eisenbahndirektion einen Extrazug bereitgestellt hatte. Auf den 
Straflen bildete das Volk von der Ziegelstrafie bis zum Bahnhof ein dichtes 
Spalier und neigte ehrfurchtsvoll das Haupt vor der sterblichen Hulle eines 
seiner grofiten hochgeschatzten Arzte. 

Auf dem alten Friedhof in Potsdam erwiesen die Assistenten ihrem Chef 
den letzten Dienst, indem sie ihn an die Gruft trugen, die sich nach einer tief 
bewegten Ansprache des Pastors Kriiger fiir immer schlofi. Die untergehende 
Marzsonne warf ihre schragen Strahlen zum letzten Lebewohl auf den braunen 
Eichensarg, und der Schlag der Amsel, der wie ein Orgellied erklang, bildete 
einen feierlichen Akkord zur andachtigen, weihevollen Stimmung der Stunde. 

Eine Doppelriister uberschattet das Grab Ernst v. B.s; doch birgt dieses nur 
seinen sterblichen Teil, sein Geist aber fuhr auf mit Adlerschwingen zur Unsterb- 
lichkeit und lebt fort in der deutschen Chirurgie und im deutschen Volke! 

Aufierlich war B. hochragenden Wuchses; er hatte eine alien Anstrengungen 
in bewundernswerter Weise gewachsene Gesundheit. Seine Hande waren klein, 
keineswegs elegant und zeugten in ihren scharfen Linien und der eigentumlichen 
Haltung der Finger von der unendlichen Arbeitskraft und Geschicklichkeit, die 
sie beseelten. 

Charakteristisch war sein Kopf, den A. v. Hildebrands Meisterhand in einer 
Bronzebiiste (im Besitz der Deutschen Gesellschaft fiir Chirurgie) verewigte. 
Die schmale, hohe Adlernase mit den klugen durchdringenden blauen Augen, 
die wie Feuer spriihten, und die hohe feingefaltete Stirn gaben seinem Antlitz 
etwas so Charakteristisches, Entschiedenes und Aufiergewohnliches, dafl jeder 
mit Verehrung zu diesem Manne aufschauen und sich diesen Charakterkopf 
einpragen mufite, besonders, wenn er im Schwunge der Begeisterung, im Strom 
seiner ziindenden Worte die Horer mit sich fortrifi. Sein ganzes Auftreten war 
Kraft, Impuls, Entschiedenheit. 

So stellt ihn auch das von Franz Skarbina zum 25 jahrigen Dienstjubilaum 
seines Eintritts in den Lehrkorper der Universitat Berlin gemalte Bilddar: der 
Meister der Chirurgie steht am Operationstische im groflen amphitheatralischen 
Horsaal der Chirurgischen Klinik in der Ziegelstrafie kurz vor einer Gehirn- 
operation im Kreiseder Studierendenund seiner Assistenten (Prof. M. Borchardt, 
Dr. Bockenheimer, Coenen, Guleke, E. Schultze, Nolte, Gontermann, Batzner, 
Sticker, Stabsarzt Rumpel, der Oberschwester Anna, seiner Tochter und der 
Operationswarterin Marie und des Warters Fischer) und gibt mit erhobener Hand 
die klinische Belehrung des vorgcstellten Falles. 

Als Vertreter seines Faches wirkte v. B. bahnbrechend auf jedem Gebiete, 
das sein Forschergeist beriihrte. Unstreitig sein grofites Verdienst ist die 
Schopfung der modernen Asepsis, die als eine Pionierarbeit grofiten Stils 



v. Bergmann* 30I 

das brachliegende weite Feld der Chirurgie der inneren Organe und des Zentral- 
nervensystems erschlofi und die verheerenden Wundseuchen aus den Kliniken 
und Krankenhausern fur immer verbannte. Allen Operierten drohte friiher 
das Schreckgespenst des Hospitalbrandes oder der Blutvergiftung und es gait 
als ein besonderes Gliick, auf das der Arzt gar keinen Einflufi hatte, wenn die 
Wundinfektion ausblieb. An den schweren, durch Wundzersetzung verursachten 
Nachblutungen aus den groflen Gefafistammen gingen die durch die Operation 
Geretteten oft in wenigen Minuten zugrunde. Diese Wundkrankheiten, die 
sich lahmend auf die Hand des kuhnen Chirurgen legten, zu studieren und 
damit die Mittel zu ihrer Bekampfung zu finden, war zunachst das Ziel des 
jungen v. B. in Dorpat. 

In gemeinsamer Arbeit mit Schmiedeberg gelang es ihm, auf chemischem 
Wege aus den Wundzersetzungsstoffen und Faulnisgiften einen als »Sepsin« 
bezeichneten Korper darzustellen. Die Schriften »Uber das septische Fieber« 
(1868); »Uber das putride Gift* (1868 in Gemeinschaft mit Schmiedeberg); 
»t)ber das Verhaltnis der Fermentintoxikation zur Septikamie* (1882, zusammen 
mit v. Angerer); »Die Gruppierung der Wundkrankheiten* (1882 J stammen aus 
dieser Zeit. 

In diese Epoche fallt ungefahr das Auf treten des jetzt noch lebenden grofien 
englischen Chirurgen Lister, der in den siebziger Jahren in Glasgow die Ara der 
»Antisepsis« in der Chirurgie begrundete. Trotz der Zellularpathologie Virchows 
(1858) beherrschte die alte hippokratische Krasenlehre noch ganz das medizi- 
nische Denken. Ein an der Kgl. Charit6 in Berlin tatiger Chirurg der voranti- 
septischen Zeit, Jiingken z. B., wufite sich angesichts der schwer auf seiner 
Abteilung grassierenden Wundseuchen und des gewohnten Hospitalbrands zu 
trosten, »dafl es doch kein Wunder sei, dafi das lymphatische, venose und 
skrophulose Geschlecht den atmospharisch-tellurischen Einfliissen bei Ver- 
wundungen und Operationen erlage«! Dies gibt recht die Anschauung der 
damaligen Zeit wieder, die die Wundkrankheiten auf kranke Safte des Korpers 
zuruckfiihrte. Diese Irrlehre stiefi nun Lister endgiiltig um und wurde so der 
Reformator der ersten Wundbehandlung. 

Von der Voraussetzung ausgehend, dafi die Storungen der Wundheilung nur 
die Folge einer von aufien in die Wunde eindringenden Schadlichkeit und 
damit verbundenen Wundzersetzung sein konnten, schuf er den nach ihm 
benannten antiseptischen Okklusiv-Verband, der mit Hulfe der Karbolsaure 
die Vernichtung der in die Wunde eingedrungenen Infektionskeime erfolgreich 
durchfuhrte und so mit einem Schlage die Wundinfektionskrankheiten beseitigte. 

v. B. fiihrte diese Listersche Wundbehandlung in die chirurgische Klinik 
in Wiirzburg ein, erkannte aber bald, dafi auch diese noch ihre Fehler hatte. 
Statt der giftigen und stark atzenden Karbolsaure wandte er daher das Subli - 
mat an, das bis heute seinen Platz in den Operationssalen als bestes Antisepti- 
cum behalten hat. 

Da bliahte unter Pasteurs, Ferdinand Cohns und Robert Kochs Agide in 
der Medizin eine ganz neue Disziplin, die Bakteriologie, auf. v. B.s scharfer 
Spaherblick erkannte gleich die Wichtigkeit dieser jungen Wissenschaft fur die 
praktische Chirurgie. Durchdrungen von diesen neuen Lehren der bakteriellen 
Forschung, wurde er mit seinem Assistenten Schimmelbusch der zweite Refor- 
mator der Wundbehandlung. In der Chirurgie eroffnete sich eine zweite, noch 



3Q2 v « Bergmann. 

glanzvollere Ara, die der »Asepsis«, die die Listersche »Antisepsis« ruhmbedeckt 
verdrangte und das Fundament der heutigen modernen Chirurgie bildet. Die 
Grundpfeiler, auf die sich dies moderne Zeitalter der »Asepsis« stiitzt, sind die 
Arbeiten von B.s Assistenten Schimmelbusch, unter denen die »Anleitung zur 
aseptischen Wundbehandlung« f »Die Durchfuhrung der Asepsis in der v. B.schen 
Klinik«, »Die Desinfektion septisch infizierter Wunden« hier besonders genannt 
werden sollen. — 

Die Fruchte, die v. B. in drei Kriegen unter dem Donner der Geschiitze 
und im Angesicht des Todes auf blutgetranktem Boden erwuchsen, reiften aus 
zu grundlegenden Werken in der Kriegschirurgie, die die Grenzen des deutschen 
Vaterlandes Weit uberragen und jeder Kulturnation zugute kommen. Die 
alten Feldschere und Chirurgen des Schlachtfeldes schadeten mehr, als sie 
niitzten, indem sie zur Auffindung der Kugeln in jede Wunde die Sonde steckten, 
und so die Infektion von Mann zu Mann trugen. Mit der ganzen Kraft seiner 
Personlichkeit und dem Zorn des gereizten Propheten fiihrte v. B. den Kampf 
gegen die Sonde und bewahrte so Tausende vor der Gefahr der Blutvergiftung, 
eine chirurgische GroGtat mit dem einfachsten Mittel. Ein anderes ebenso 
einfaches Mittel zur Verhutung der Infektion lehrte er in der Immobilisierung 
der Gelenke durch den schon von Pirogoff empfohlenen Gipsverband. Die 
Knieschusse galten damals als todlich. v. B. zeigte, dafl auch diese heilten, wenn 
sie von vornherein konservativ mit dem Gipsverband behandelt und nicht 
sondiert waren. So bahnte er eine neue ganz konservative Behandlungsart der 
SchuGverletzungen an, der viele ihr Leben verdanken im Kriege, wie im Frieden. 
Die Erfahrungen, die er in den drei Feldziigen in rastloser Tatigkeit sammelte, 
legte er nieder in den Werken: Uber die Resultate der Gelenkresektionen im 
Kriege. 1874. — Die SchuOverletzungen und Unterbindungen der A. subclavia. 
1877. — Die Behandlungen der SchuOverletzungen des Kniegelenks. 1878. — 
Indirekte Schuflfrakturen der Schadelbasis. 1 880. — Ober das Schicksal der 
Transfusion. 1883. — Einheilung der Kugeln im Gehirn, nebst Behandlung 
der Schuflwunden im Kriege. 1895. — Erste Hilfe auf dem Schlachtfelde. 
1902. — Die SchuOverletzungen im Frieden. 1906. 

Seinen ersten »Fall« im Kriege von 1866 schildert v. B. selbst folgender- 
maflen: »Auf dem Bahnhof in Reichenberg . „ . Ein Zug mit Verwundeten wird 
in den Bahnhof gefahren. Wahrhaft herzzerreiOend sind die Klagen, Hilferufe 
und Schmerzensschreie aus alien Wagen. Der Revisionssaal ist Verbandplatz. 
Heraus eilen die an der Binde der Genfer Konvention kenntlichen Arzte und 
Krankentrager. Im Augenblick sind sie in Anspruch genommen, aber immer 
noch tont: »Pane, Doktor, domine, domine*. Es ist ein ungarischer Husar, 
ftir den sein Kamerad dringend bittet . . . Die Welle roten Blutes, die hoch aus 
der zerschmetterten Schulter quoll, verbot ein langeres Besinnen. Das Schlussel- 
bein und die groGe Schlagader unter ihm waren getrennt. In wenigen Augen- 
blicken muOte das im Bogen herausquellende Blut zum Erschopfungstode 
fiihren. Da muGten in der Klinik ein grofler Instrumentenapparat und eine 
geschickte Assistenz aufgeboten sein, um mit Haken die erweiterte Wunde 
auseinanderzuziehen, rasch mit dem Finger den Hauptstamm zusammenzu- 
drucken, bis die Wunde im GefaG erreicht, entbloGt und unterbunden gewesen 
ware. So, hatte ich mir gedacht, muGte auch im Hauptverbandplatz die 
chirurgische Kunst geubt werden. Aber neben dem blutenden Soldaten kniete 



v. Bergmann. 393 

ich allein, und wenn ich auch ein Besteck und ein paar Pinzetten in meiner 
Tasche neben Binden und Charpie zur Hand hatte, so half mir doch niemand. 
Ich fuhr mit dem Finger in die Wunde, rifi ein paar Knochensplitter heraus 
und fiihrte einen Badeschwamm, der ebenfalls in meinem Armamentarium sich 
fand, in die Tiefe, um ihn zuerst mit der Hand und dann mit einer Binde fest 
einzudriicken. Die Blutung stand. Welche Freude war es, als ich sechs Wochen 
spater bei einer Revision der Reichenberger Hospitaler durch meinen Chef den 
jungen Husaren lustwandelnd im Garten mit in Vernarbung begriffcner Wunde 
wiedersah.« 

Bekannt ist auch folgende Episode von P 1 e w n a. Als die Sanitatswagen 
im stromenden Regen den zur Anlegung der Gipsverbande notigen Gips herbei- 
geschafft hatten, war dieser infolge der Durchnassung unbrauchbar geworden. 
Alles stand ratios auf dem Verbandplatze, da erschien v. B. und befahl, den 
Gips auszugluhen, und machte ihn auf diese einfache Weise wieder gebrauchs- 
fahig, so dafl die Verwundeten verbunden werden konnten. — 

Unzertrennlich verkniipft fiir immer ist mit v. B.s Namen die wissen- 
schaftliche Hirnchirurgie. Er war nicht nur der Begrunder dieser kuhnsten 
und vornehmsten chirurgischen Spezialwissenschaft, sondern blieb auch ihre 
erste Autoritat bis zu seinem Tode, »Die Lehre von den Kopfverletzungen«, 
die »Diagnose der traumatischen Meningitis«, »Die Gehirnverletzungen mit all- 
gemeinen und mit Herdsymptomen«, »Die Kasuistik operabler Hirntumoren« 
sind klassische Werke, die stets ein Markstein in der Geschichte der deutschen 
Chirurgie sein werden. Als ein ^standard work* entstand »Die chirurgische Be- 
handlung der Hirnkrankheiten«, das in drei Auflagen erschien. Aber was den 
kuhnen Operateur am meisten auf diesem seinem Lieblingsgebiete zierte, das 
war die Beschrankung, die er sich auferlegte, und die zeugte von seiner strengen 
Manneszucht und klugen Berechnung, mit der er jeden Schritt seines Handelns 
und Konnens beurteiltc. 

Von v. B.s kleineren literarischen Schopfungen sind seine mit H. Rochs 
verfafiten anleitenden Vorlesungen fiir den Operationskursus an der Leiche 
zu nennen. Trotz der Kleinheit tragt dieses Buchlein den Stempel der Genialitat 
und Grtindlichkeit des Verfassers. Scharfe der anatomischen Angaben fiir die 
Schnittfiihrung, geistvolle Obersetzungen lateinischer Namen und gelegentlich 
eingeflochtene Episoden aus der Kriegschirurgie beleben die detaillierten Schilde- 
rungen der chirurgischen Technik in ungewohnlicher Weise und bewahren das 
Buchlein vor Trockenheit und Schematismus. Den Studenten und Sanitats- 
offizieren der Armee als Vademekum zur Richtschnur dienend, fand es weite 
Verbreitung. 

In der Operationstechnik selbst war v. B. ein Kiinstler und wiirdiger Nach- 
folger des eleganten Bernhard v. Langenbeck. Bei ihm kam aber noch bei aller 
Eleganz und Grundlichkeit im Operieren die unglaubliche Schnelligkeit hinzu, 
die die ersten Chirurgen fremder Nationen oftmals in Staunen versetzte. Un- 
ubertroffen war seine plastische Kunst, vielbewundert von seinen Assistenten. 

Noch einige Wochen vor seinem Tode fiihrte seine Hand die minutiosc 
Gaumennaht bei einem zweijahrigen Kinde aus dem Kaukasus mit Erfolg aus 
und legte Zeugnis dafiir ab, dafi die im Alter zitternde Hand die Sicherheit der 
Schnittfiihrung und Ruhe des Operierens nicht verloren hatte. Seine letzten 
Operationen waren eine Huftresektion und eine Knocheneinpflanzung, ein Zweig 



304 v. Bergmann. 

der Chirurgie, fur den er sich besonders interessierte und der in seines langjahrigen 
Assistenten Lexers viel bewunderten Erfolgen neue Sprossen trieb in der Ge- 
lenkiiberpflanzung. 

Ebenso hoch wie der Chirurg und Arzt v. B. steht der Mensch. Sein hervor- 
stechender Zug ist die von Adel der Gesinnung getragene Menschenliebe und 
das aus derselben hergeleitete brennende Verlangen, zu helfen, wo er konnte. 
Der stahlharte Mann mit dem reckenhaften Korper hatte das milde, weiche 
Gemlit eines Kindes, das auf jeden, der ihn im Verkehr mit Kranken sah, den 
tiefsten Eindruck machte. 

C. L. Schleich, der letzte Famulus v. Langenbecks und Begriinder der 
ortlichen Gewebsbetaubung, der von v. B. ubernommen wurde, teilt aus den 
ersten Tagen, da dieser die Klinik in Berlin ubernommen hatte, folgende Er- 
innerung mit: »In jenen ersten Tagen der Neuordnung war eines Morgens ein 
auffallend schoner Knabe aus Schoneberg in die Klinik eingeliefert worden, 
der nach einer Verletzung am Fufie schwere Anfalle von Wundstarrkrampf 
bekommen hatte. Obwohl die Wunde mit grofiter Sorgfalt geoffnet und des- 
infiziert war, wiederholten sich gegen Abend die Krampfe, und v. B. beauftragte 
uns jiingere Famuli, bei dem Kranken die Nacht zu durchwachen und jeden 
Anfall mit Chloroformnarkose zu bekampfen. Drei Uhr nachts war es, als sich 
plotzlich die Tiir auftat und der neue Chef im Frack und vollem Ordensschmuck 
eintrat, um nach dem Kinde zu sehen. Er schlug die Decke von dem tief Be- 
taubten zuriick und sprach ergreifende Worte uber die Griechenschonheit dieses 
jungen Leibes, liber den Segen der Narkose und uber das Mysterium des Todes. 
Wir waren erschiittert, als er trauernd dem sterbenden Kinde uber die Stirn 
strich und dann sinnend von dannen ging. Die Szene hatte auf mich, sagt 
Schleich, einen unvergefllichen Eindruck gemacht. Niemals in meinem Leben 
hatte ich einen Menschen so hinreifiend, wehmiitig tief und so ganz im Ton 
einer arztlichen Priesterschaft am Krankenbett reden horen.« 

Sein letzter Oberarzt und Professor M. Borchardt schreibt: »Unter den 
verschiedenen Situationen bleibt die eine mir unvergefilich, wo der besten einer 
sich ihm anvertraute, v. Gofller. Nach kurzer, inniger Umarmung stieg 
v. Gofiler auf den Operationstisch, mit den Worten zu v. B. gewandt: »In 
deine Hande befehle ich meinen Geist.« Schwer war es fiir v. B., seine Be- 
wegung zu meistern, wufite er doch, dafi es sich um eine Operation auf Leben und 
Tod handelte, die er an seinem Freunde vornehmen mufite.« 

Sein Mitleid mit den Kranken ging manchmal so weit, sagt M. Borchardt, 
dafl er sie nicht nur umsonst behandelte, sondern vielfach noch materiell unter- 
stutzte. »Als nach beendetem Kriege schwer verletzt ein Burengeneral, der 
Hab und Gut verloren hatte, seine Hilfe in Anspruch nahm, da hat er ihn nicht 
nur umsonst behandelt, ihm seine Gesundheit wiedergegeben, sondern er hat 
es ihm durch Oberlassung eines namhaften Betrages ermoglicht, sich eine neue 
Existenz zu grunden.« 

So leuchtet aus alien seinen Eigenschaften Humanitat und Liebe zum 
Menschen wie ein Edelstein hervor, deshalb liebte ihn das Volk, und er war 
deswegen ein popularer Mana* 

Menschenliebe war es auch, die den schon im vorgeruckten Alter Stehenden 
bewog, in der Reichshauptstadt das Rettungswesen zu organisieren und so ein 
Vorbild zu schaffen, das in andern Grofistadten Nacheiferung fand. — 



v. Bergmann. -jgc 

Bei all seinen hohen Ideen und trotz der aufreibenden Berufstatigkeit fand 
er die Zeit, sich mit den wirtschaftlichen Tagesfragen der Arzteschaft zu be- 
schaftigen, und ganz zuletzt noch wurde er ein mach tiger Forderer der Arzte- 
schaf c, als er sich urn die weitere Fortbildung der Arzteschaft aufierst verdient 
machte. Seiner Organisation ist mit Unterstiitzung von R. Kutner die Ein- 
richtung der arztlichen Fortbildungskurse in Preufien zu danken, als deren 
Zentrale das Kaiserin-Friedrich-Haus geschaffen wurde, ein 
Institut, wie es einzig auf dem Erdenrund dasteht. 

Staunenswert ist v. B.s ungeheure Arbeitskraft. Im russisch-tiirkischen 
Kriege brachte er an einem einzigen Tage, wo die Sturmangriffe unermefiliche 
Opfer gefordert hatten, 3000 Verwundeten auf dem Verbandplatze Hiilfe. 
Wahrend seiner ganzen Tatigkeit in Berlin gingen, abgesehen von der Privat- 
praxis, durch die stationare Klinik rund 50 000 Patienten, denen sich 500 000 
poliklinisch Behandelte anreihen. 16 Stunden wahrte sein Normalarbeitstag, 
den er im Sommer friih um 6 Uhr im Anatomiesaale begann. »Seine durch - 
wachten Nachte«, sagt H. Fischer, »haben unsere Tage erhellt.« 

v. B.s kraftvolle Beherrschung der deutschen Sprache in Wort und Schrift 
war beruhmt. Er gchorte zu den gesuchtesten Rednern der Universitat und 
verstand es wie kein anderer, in den wissenschaftlichen Debatten das Wichtige 
herauszugreifen und die in fruchtloser Diskussion abgewendete Aufmerksam- 
keit wieder zu fesseln. Seine Reden gehorten neben denen Du Bois-Reymonds 
mit zu den groflten rhetorischen Leistungen des vergangenen Jahrhunderts 
und zeichnen sich aus durch den Schwung der Begeisterung, durch die Kraft 
ihres Pathos und den oft an Dithyramben erinnernden Aufbau der Sprache, der 
von gewaltiger Wirkung ist. 

Wenn es auch bekannt war, dafi v. B. gern biblische Motive seinen Reden 
zugrunde legte, so war es doch eine gewisse Oberraschung, als der befreundete 
Geistliche an seinem Sarge sagte, dafi der Entschlafene tief religios gewesen sei. 
»Das Beste, was wir haben«, sagte v. B., »verdanken wir der Religion, die in 
der Jugend uns geboten. Wohl bleiben mit ihr dem Manne schw r ere Konflikte 
nicht erspart, aber darum darf die Religion uns und besonders unserer Jugend 
nicht genommen werden.« Der Gedanke an die Beschrankung oder gar Auf- 
hebung des Religionsunterrichtes in den Schulen erregte v. B. ticf. Falls es 
erforderlich werden sollte, wollte er selbst redend im Herrenhause fur den 
Religiohsunterricht eintreten. 

Als ein wegen Brands der Glieder eingebrachter Patient in der Klinik 
den Tag der goldenen Hochzeit feierte, da ergriff der Chef derselben selbst 
Gottes Wort und hielt eine biblische Predigt, die die des klinischen Pastors 
weit in den Schatten stellte. 

Mit aufieren Ehrungen wurde v. B. uberschtittet: er war Wirklicher Ge- 
heimer Rat mit dem Titel Exzellenz, Mitglied des Herrenhauses, nach V i r - 
chows Tode President der Berliner medizinischen Gesellschaft, Kaiserlich 
russischer Wirklicher Staatsrat, im preufiischen Sanitatskorps hatte er den 
Rang eines Generalarztes, er war Ehrenmitglied medizinischer Gesellschaften 
in Osterreich, England, Amerika, Rufiland, Schweden, Rumanien. 

Von gekronten Hauptern behandelte der Entschlafene den Zaren, den 
Konig von Spanien, den Sultan Abdul Hamid, die Kaiserin und Kaiser Wil- 
helm II., von dem er als personliches Geschenk seine Bronzebuste empfing. — 



306 v. Bergmann. 

Trotz seiner Grofle blieb v. B. stets bescheiden. Dieses Universalgenie, 
das alles, was es anfafite, machtig zu fordern verstand, und dessen Impuls und 
Geistesblitze die Umgebung zur Tatkraft entfachten, hob stets hervor, wieviel 
er der Mitarbeit seiner Assistenten verdankte, und wie sehr ihn der Lauf der 
Zeit begunstigt hatte. Als ihm vom Kaiser der Titel »Exzellenz« verliehen 
wurde, fand er diese Ehrung peinlich, so lange noch ein groflerer in der Medizin, 
ein »Rudolf Virchow«, lebte. 

Es ist naturlich, dafi ein Geist und eine Personlichkeit, wie es v. B. war, 
Schule machte. Der kraftvolle Genius, der aus seinen Lehren heraus spriihte, 
die rastlose Detailschulung und das gesprochene Wort, das sich jedem ein- 
pragte, umgab ihn bald mit einer groOen Schulerzahl, von denen vier als Ordi- 
narien die Lehrkanzel zieren, v. Angerer-Munchen, v. Bramann-Halle a. S., 
Lexer- Jena, F. Konig-Greifswald. 

So moge denn die Erinnerung an Ernst v. Bergmann als heiliges Vermachtnis 
im deutschen Volke fortleben und seine Lehre sich lebendig erhalten, die, aus 
der Pietat und Menschenliebe entsprossen, gepaart mit ungeheurer Geisteskraft 
und Energie, in der chirurgischen Wissenschaft ein neues Zeitalter schuf I Wie 
ein leuchtendes Meteor ging der Stern v. Bergmann's auf an dem Gelehrten- 
himmel Deutschlands, in schnellem Fluge strahlend emporsteigend, aber nicht 
wie dieses wieder verloschend, sondern weiter unsere Tage erhellend. Auch 
von ihm gilt das Wort des venusinischen Sangesflirsten: »Er hat sich selbst 
ein Denkmal gesetzt, dauernder, als Erz und erhabener, als die verwitterte 
Herrlichkeit der agyptischen Pyramiden.« 

Breslau. Privatdozent H. Co en en. 



Z u s a t z. 



Seite 97 ist der Name des Verfassers Otto F. Volkmann nach dem Artikel 
VVilhelm Busch einzufUgen. 



I. Alphabetisches Namenverzeichnis 



zum 



Deutschen Nekrolog vom I. Januar bis 31. Dezember 1908. 



Name 


Verfasser S 


cite 


Name 


Verfasser 


Seite 


Abendroth, W. 


A. Rcichardt 


190 


Grundherr zu Alten- 






Althoff, F. 


A. Heubaum 


235 


than und Wey erhaus 


H Holland 


37 








Gschiel, J. 


J. Ran/a 


204 


Bacher, E. 


G. Kolmer 


33 








Baentsch, B. 


F. Bennewitz 


273 


Heilmayer, K. 


H. Holland 


189 


Beck, K. 


A. Schulze 


164 


Helldorf, B. Otto 






Beck, O. 




73 


H. v. 


H. Diez 


140 


Beckh, H. 


H. Diez 


139 


Hennings, P. 


E. Roth 


101 


Berg, L. 


A. Eloesscr 


186 


Holleben, E. v. 


H. Diez 


138 


Biermann, G. 


L. Putsch, 


198 








Bticheler, F. 


F. Marx 


231 


Inama-Sternegg, K. 






Busch, W. 


OltoF. Volkmann 


74 


Th. v. 
Innhausen und Knyp- 


E< Mischler 


116 


Carstens, J. V. 


H. Holland 


4* 


hausen, FUrst zu 


H Diez 


i37 


Christensen, J. 


y. Sass 


107 








Corregio, M. 


H. Holland 


42 


Kirchhoff, A. 


R. Weil 


266 








Kotschenreiter, H. 


H. Holland 


no 


David, P. 


M. Bcrger 


45 


Kramer, J. v. 


H Holland 


III 


Dix, H. 


A. Rcichardt 


188 


Krasnopolski, H. 


C. Klatscher 


229 


Douglas, W. Graf v. 


H Diez 


U8 


Krastel, F. 


J. Minor 


97 


Droysen, G. 


H. Schulz 


191 


Kttnzli, A. 


A. Frey 


226 


Echteler, J. 


H. Holland 


108 


Leistikow, W. 


L. FUtsch 


203 


Eckardt, J. v. 


H. Diez 


142 


Leitner, X. 


Schenz 


155 


Ehrhart, Franz 


H. Diez 


138 


Loe, W. Freiherx v. 


H. Diez 


129 


Fastenrath, J. 


F. ZUcken 


20 


Loew, E. 


E. Roth 


183 


Fell, W. 


B. Vandenhoff 


128 


Loritz, J. 


A. v. Mensi 


61 


Fiedler, J. v. 




265 


Lucanus, H. v. 


H. Diez 


hi 


Frank, J. 


H. Holland 


43 


Lttders, H. 


L. Pietsch 


198 


Gebhardt, L. 


H. Holland 


4i 


Meermann, A. 


H. Holland 


112 


Gersdorff, H. O. v. 


H Diez 


'45 


Meyer, A. 


H. Diez 


139 



Alphabetisches Namenverzeichnis. 



398 



Name 
Mftnckeberg, J. 
Mttller, G. H. 
Mttller, H. v. 

Ncbe, K. 
Nicolai, F. 
Noll, F. 

Oeri, J. 

Paulsen, F. 
Pfleiderer, O. 

Raab, C. v. 

Radlkofer, M. 
Rau, A. 
Richter, M. 
Robbert, W. 
Roegge, W. 
Rohr, P. Th. 
Rosenmund, M. 

Schaarschmidt, K. 
Schafer, C. 
Schlumberger, J. v. 
Schlumprecht, H. 
Schnabel, J. 



Verfasser Seite 

H. Diez 130 

A. Dreyer 244 

B. Rathgen 175 



E. Kilian 
O. Ellstatter 
E. Roth 



272 
185 



H. Schollenberger 166 



Th. Lorenz 
O. Zurhdkn 



244 
209 



K. Brunn (v. 

Kauffungen) 103 

H. Holland 38 

H Holland 41 
221 

E. Z. 165 

H. Holland 39 

H. Holland 37 

H. Schollenberger 167 



Elter 
C. Weber 
H. Dicz 
h. Holland 



225 
147 
135 
113 

M5 



Name 
Schttnaich - Carolath, 

E. Prinx v. 
Schrader, E. 
SchrOtter, L. v. 
Schwabe, L. 
Seitz, L. 
Sickel, Th. v. 
Siebold, H. Ph. Frei- 

herr v. 
Siedel, E. 
Speck v. Sternburg, 

H. Fr. v. 
Spring, A. 
Stiefel, K. J. 

Thiel, A. 
Thumann, P. 

Vecchioni, A. N. 
Voit, Karl v. 

Werner, F. 
Wolfflin, E. v. 
Wolter, P. 



Zeller, E. 
Zumbusch, J. v. 



Verfasser Seite 

V. Klemperer 151 

E. Meyer 156 

C. Reitter 26 

W. Schmid 124 

J. Ranftl 205 

E. v. Ottenthal 62 
A. GrafBranden- 

stein-Zeppelin 215 

A. Reichardt 219 

H Die% 134 

H. Holland 114 

H. Schollenberger 171 



J. Kotberg 
Z. Pietsch 



164 
197 



A. Dreyer 243 

O. Krummacher 3 

Z. Pietsch 201 

H Schollenberger 168 
S. v. Oer 125 



Th. Ziegler 
H. Holland 



47 
"5 



II. Alphabetisches Namenverzeichnis 

der 

Erganzungen und Nachtrage. 



Name 
Aufrecht, Th. 

Bauer, G. 
Bergmann, E. v. 
Braunmtihl, A, v. 
Broich, E. v. 
Busse, L. 

Eyth, M. 

Grisebach, E. 

Hartel, W. v. 



Verfasser Seite 

H. Jaeobi 326 

K. Doehlemann 365 

H. Coenen 387 

K. Doehlemann 341 

H. Dies 335 

F. Erhardt 362 

J. v. Diefenbach 343 

V. Klemperer 336 

S. Frankfurter 304 



Name 


Verfasser Seite 


Langbehn, A. J. 


384 


Mamroth, F. 


V. Klemperer 339 


MBbius, P. J. 


R. Gaupp 377 


Overbeck 


H. Schollenberger 385 


Ratzel, F. 


F. Hirsch 354 


Richter, E. 


F. Rachfahl 281 


Rosenbach, O. 


R. Hbnigswald 367 


Rosenow, E. 


A. R.-E. 360 


Schade, O. 


H. Jantzen 357 


Schrader, W. 


H % Jacoby 332 



TOTENLISTE 



1908. 



Ein Stern (*) vor dem Namen bezeichnet, dap das Biographische Jahrbuch dent Toten einen 
eigenen Nekrolog gewidmet hat, auf den mit BJ unter Angabe von Band- und Seitenzahl verwiesen 
ist; die am Schlusse jedes Artikels der Totenliste angefiihrte Literatur verzeichnet die QueUen 
des Bearbeiters und gibt auch weitere, zum Teil axis sweiter Hand gesckopfte Hinweise; W deutet 
dabei an, daft dort ein Verzeicknis der Werke des Verstorbenen, P, dap ein Portrdt beige geben ist, 
N, dap sick ein ausfuhrlicher Nekrolog an der betreffenden Stelle findet. 

Andere Abkurzungen sind: 

ADB = Allgem. Deutsche Biographie — AF = Arbeiterfreund — AL = Alberti, Lexikon 
d. Schlesw.-Holstein.-Lauenburg. u. Eutin. Schriftsteller von 1866 — 1882 — AMZ = Allgemeine 
Mtisikzeitung — ASG = Anzeiger f. Schweizer. Geschickte — AZB = Beil. z. Miinchen. Allgem. 
Zeitung — BB = Borsenblatt — BKW = Berliner Klinische W ochenschrift — BMW = Boet- 
ticker^ Malerwerke d. 19. Jahrh. — BR = Brummer, Lexikon d. deutschen Dichter u. Prosaisten 
d. 19. Jahrh. — BTB = Brief adelig. Taschenbuch — BZ = Dietrich, Bibliographie d. Zeitschriften- 
Literatur — DAG = Deutsch-Amerikan. Geschichtsb latter — DBZ = Deutsche Bauzeitung — 
DE = Deutsche Erde — DKB = Deutsches Kolonialblatt — DKZ = Deutsche Kolonialzeitung — 
DMW = Deutsche Medizin. W ochenschrift — DRG = Deutsche Rundschau f. Geogr. u. StatisHk 

— DZL = Deutsches Zeitgenossen-Lexikon — EG = Ludw. Eisenbergs Gropes Biogr. Lexikon 
d. Deutschen Biihnen i. 19. Jahrh. — FT = Freiherrl. Taschenbuch — FZ = Frankfurter Zeitung 

— G = Globus — GA = Geogr. Anzeiger — GK = Geograpken-Kalender — GT = Grdfliches 
Taschenbuch — GZ = Geogr. Zeitschrift — HA = Handbuch f. d. Preuss. Abgeordneten-Haus — 
HBL = A. Hirsch, Biogr. Lexikon d. hervorragenden Arzte alter Zeiten u. V other — H C = Hambur- 
ger Correspondent — HH = Handbuch f. d. Preup. Herrenhaus — HJ = (Herders) Jahrbuch f m 
Zeit- u. Kulturgeschichte — HK = Gothaischer Hofkalender — HL = Hessenland — JAW = 
Jahresberichte uber d. Fortschritte d. klass. AUertumswissenschaft — JB = Jahrbuch d. deutschen 
Bibliotheken — JSG = Jahresberichte d. Schles. GeseUschaft f. vaterland. KuUur — JSTG = 
Jahrbuch d. Schiffsbautechnischen Gesellschaft — IZ = Leipz. IUustrierte Zeitung — Kchr = 
Kunstchronik — KFA = Kunst f. Alle — KJ = Kirchliches Jahrbuch — KL = Kurschner, 
deutsch. Liter alur-Kalender — KR = Keiters Kathol. Literatur-Kalender — KVZ « Koln. 
Volkszeitung — KW = Kunstwart — L = Leopoldina — LE = Literarisches Echo — LJ = 
Lbbell's Jahresberichte — LZ = L iterarisches ZentralblaU — MAZ = Munch. Allgemeine 
Zeitung — M.d.A. = Milgl. d. PreuP Abg.-Hauses — M.d.R. = Mitgl. d. Reichstags — 
MMW = Munch. Medizin. W ochenschrift — MR = Medizin. Reform — M S » MuUer- 
Singer, Allgem. Kiinstler -Lexikon — MW = M ilitar-W ochenblatt — MWB = MusikaL Wochen- 
blatt — MZ = M ilit or zeitung, Berlin — NFP = Neue Freie Presse — NMZ = Neue Musik- 
zeitung — NPZ = Neue Preup. Zeitung (Kreuzzeilung) — NR = Naturwissenschaftl. Rund- 
schau — NS = Niedersachsen — NT A = Neuer Theater -Almanack — NZ = National- 
Zeitung — OA = Deutscher Or dens- Almanack — 6R = Osterr. Rundschau — PBL = Paget, 
Biogr. Lexikon hervorragender Arzte d. 19. Jahrh. — PF = Poggendorff, Biogr. -liter or. Hand- 
worterbuch z. Geschickte d. exakten Wissensckaften — PY = Pataky, Lexikon deutscher Frauen- 
d. Feder — R = Riemann, Musiklexikon — RH = Reichstags - Handbuch — T = Tag, 
III. Teil —TB= Thieme-Becker, Allgem. Lexikon d. bildenden Kiinstler — TJ = Theologischer 
Jahresbericht — TL = Totenliste — TR = Tagl. Rundschau — TRU = Tdgl Rundschau, 
UnterhaUungsbeilage — 0= Oberall 7- UTB = Uradelig. Taschenbuch — VZ - Vossische 
Zeitung— VZT = Vossische Zeitung, Totenliste— W = JVorfo? — W/ — WVr t$fj? — 
[Vy = Wurttemberg. Jahrbucker f. StatisHk u. Landeskunde — WMW = If't^wr Medizin. 
W ochenschrift. 

Berlin. Dr. Holleck-Weithmann. 



1908. 



Abel, Gustav, Prof., Vorst. d. Chem. Labo- 

ratoriums d. Zentralstelle f. Gewcrbe u. 

Handel; * 1850; f Stuttgart 9. III. — \VJ 

1908 Nekr.; NR 1908, 196. 
Abel, Julius, Hrsg. d. Greifswalder Zeitung, 

Universitatsbuchdrucker; * Honsel, Kr. 

Altena 4. VI. 1855; f Greifswald 20. IX. — 

VZ 21. 9. A. -A.; Pers. Mitt. 
^Abendroth, Gustav William, Prof., 

Dr. pkiL, Studienrat, Lehrer d. Mathem. u. 

Physik a. d. Kreuzschule i. Dresden; 

* Pima 10. VII, 1838; t Dresden 2. III. — 
BJ XIII, 190 (A. Reichardt); VZT; KL 
1908, 3. 

Abich, Adelheid, ehem. Opernsangerin; 

* Breslau 21. II. 1831; f Berlin 3. VII. — 
NTA 1909, 170. 

Adler, Friedrich, Dr. ing. h. c, WGOber- 
baurat, hervorr. Architekt, Mitgl. d. Akad. 
d. Kiinste i. Berlin, Schopfer vieler Kirchen- 
bauten, wie d. Thomaskirche i. Berlin, d. 
Erloserkirche i. Jerusalem, Forscher auf 
baugeschichtl. Gebiete, Teilnehmer a. d. 
Ausgrabungen i. Olympia, Biograph Schlu- 
ters; * Berlin 15. X. 1827; f das. 15. IX. — 
VZ 16. u. 17. IX. M.-A.; T 311 (P); WI4, 6; 
KL 1908, 7 (W); HJ 1908, 428; IZ 131, 
506 (P); DBZ 42, 524; Hist.-polit. Bl. 145, 
3<>7/374 (F. J. Schmidt); Kchr. 19, 602; 
MS 1, 8; TB 1, 84/85 (W); Progr. d. Techn. 
Hochsch. z. Berlin 1909/10, 151 — 154; 
KJ 1909, 634; Berlin. Architekturwelt 
Jg. 11, 281 (H. Schliepmann); Der Bau- 
meister Jg. 7, Nr. 3, Beil.; Centralbl. d. 
Bauverw. 1908, Nr. 82 (R. Borrmann). 

Adler, Georg, Prof., Dr. phil, bed. Sozial- 
politiker, Prof. d. Staatswiss. a. d. Univ. 
i. Kiel; * Posen 28. V. 1863; f Berlin 11. 
VI. — VZi3.VI.M.-A.;T243(P);KLi9o8, 
7 (W); HJ 1908, 428; IZ 131, 47; AF 1908, 
251; Staatswiss. Lit.- u. Schriftst.-Kal. 
1904, 2/3 (W). 

Adrian, Paul, ehem. Inspizient a. Hoftheater 
z. Darmstadt; * Berlin 21. XI. 1850; 
f Darmstadt 25. III. — NTA 1909, 162. 

Ahlemann, Eduard, Generalm. z. D., Ritter 
d. Eis. Kreuzes, bis 1897 Kommand. d. 
17. Inf. -Brig.; * Berlin 17. III. 1839; 

Bio^r. Jahrbuch u. Dcutschcr Nekrolog. 13. Bd. 



f Eberswalde 8. IX. — VZT; MW 1908, 
3529; MZ 1908, 499. 

Akunian, Use, geb. Levin (Ps.: Use Frapan), 
Novellistin u. Jugendschriftstellerin, Obers. 
aus d. Engl., Franzos. u. Russ.; * Ham- 
burg 3. II. 1852; t Genf 3. XII.— T 
376 (P); VZ 4. XII. M.-A.; W 50, 
2152, 2158 (P); IZ 131, 1062, 1065 (P); 
LE io, 540 (H. Spiero); 10, 544 (Im 
Spiegel. Autobiogr. Skizzen. 27); 11, 493 
(F. Marti), 532 (Zu I. F.'s Tode); Schlesw.- 
Holst. Rundsch. 3, 8; Westerm. Monatsh. 
Febr. 1909, 807; HJ 1908, 445; BR 2, 407; 
KL 1908, 11/12 (W); P V 1, 228 (W), 497. 

Albrecht, Eugen, Dr. med., Prof., Direktor 
d. Senckenbergischen patholog.-anatom. 
Instituts i. Frankf. a. M., erfolgreicher 
Pfadfinder auf d. Gebiete d. Patholog., 
hervorr. Sprachtalent; * Sonthofen i. 
Algau 21. VI. 1872; t Frankf. a. M. 18. VI. 
— W 26, 1 no; IZ 131, 47; DMW 34, 2, 
1439 (E. Goldschmid m. P); MMW 55, 2, 
1 539/42 (OberndorfTer m. P); Frkf. Zs. f. 
Patholog. Bd. 2, H. 2 (A. Knoblauch m. 
W); MAZ 1908, 263 (H. Durck); BZ 23, 
46 [Centralbl. f. Pharmakol. u. Chemie 
Jg. 19, 657 — 662 (G. Herxheimer); Mediz. 
Klinik Jg 4, 1539 (ObcrndorrTer)]. 

Alexy, Alexander, Opernsangcr; * Hietzing 
b. Wien 31. V. 1846; f Wien 24. I. — 
NTA 1909, 155. 

Allemann, Moritz, Deutsch- Argent. Journa- 
list; * 1858; f Hanz i. d. Schweiz 6. IX. — 
War 1874 ausgewandert, griindete d. 
,, Argent. Tagebl.", d. gelesenste deutsche 
Zt., u. leitete sie bis 1905. Ein grundl. 
Kenner Argentiniens, f. das er auch koloni- 
satorisch tatig war. — HJ 1908, 428. 

*Alttl0ff, Friedrich Theodor, Prof., WGOber- 
regicrungsrat, Ministerialdirektor i. Preufi. 
Kultusminist. a. D.; * Dinslaken, Kr. 
Ruhrort 19. II. 1839; f Steglitz b. Berlin 

20. X. — BJ XIII, 235 (A. Heubaum); VZ 

21. X. M.-A.; W 43. 1850 (P); IZ 131, 752 
(P); HJ 1908, 428; TRU 1908, Nr. 249 (Cha- 
rakterzeichnung A.'s durch Paulsen); Grenz- 
boten Jg. 68, Nr. 42 (W. Munch, F. A. f der 
preufl. Ministerialdirektor); Dtsch. Revue 

26 



Totenliste 1908: Andreae — Bachstein. 



8* 



Jg. 32, Bd. 4, 175 (A. Sachse, F. A. Ein 
Charakter- u. Lebensbild); JSG 1908, 
Nekr., 1 — 3 (Tilmann); MAZ 1908, Nr. 30 
(A. Matthias), Nr. 31 (M. Martin, A.'s 
Anteil an d. Madchenbildungsref.); DJZ 
1908, 1205 (Laband); Intern. Wochenschr. 
v. 31. X. 08 (Harnack), v. 6. III. 09 (H. 
Wever t G. Schmoller, Worte d. Erinnerung 
an A.), v. 23. X. 09(1. W. Burgess, Personl. 
Erinnerungen an A.); DMW 34, 2 T 1903 
(I. Schwaibe m. P), 34, 2, 1948 (B. Frankel, 
F. A. u. d. Bekampfung d. Tuberkulose); 
MMW 55, 2, 2543/44 (Tilmann); MR 1908, 
533; Zs. f. arztl. Fortbildg. 1908, 642 
(R. Kutner); Zs. f. neuere physik. Mediz. 
1908, 706 (K. F. Heitmann); Forschungsber. 
aus d. biolog. Station zu Pl6n Bd. 4, 203 
(O. Zacharias); Padagog. Archiv 1908, 489 
(K. Knabe); Monatsschr. f. hohere Schulen 
Nov. 1908 (A. Matthias), Jan. 1909 (A. 
Matthias, D. B6ttinger-Haus i. Gottingen 
— die letzte Schopfung F. A.'s); Bl. f. 
hoheres Schulwes. 25, 249/50 (R. Eickhoff), 
26, 2 (A.-Stiftung u. A.-Ehrung); D. 
humanist. Gymn. Jg, 19, 227 (G.Uhlig); Zs. 
f. lateinlose hohere Schulen Jg. 20, H. 3/4 
(Schmitz -Money); Zentralbl. f. Bibliotheks- 
wes. Jg. 25, H. ir (P. Schwenke); BL f. 
Volksbibliotheken u. Lesehallen Jan./Febr. 
1909 (E. Liesegang); Freistudent. Rundsch. 
1908, Nr. 19/20 (E. Lohmann); Berlin, 
akad. Wochenschr. Ill, Nr. 2 (W. Pasz- 
kowski); M. Kiatt, A. u. d. hohere Schulwes. 
Vortr. Berlin 1909; KJ 1909, 635. 

Andreae, Wilhelm, Generallt. z. D.; f Hanno- 
ver 29. II. i. A. v. 72 Jahren. — 1855 — 67 
Offizier der kgl. Hannov. Armee, 1867 
als Ingenieur-Offizier in preufi. Diensten, 
erwarb sich 1870/71 d. Eis. Kreuz 2. Kl. t 
zuletzt Tnsp. d. 1. Ingenieur-Insp., 1904 
z. D. — VZ 3. III. M.-A.; MZ 1908, 132 (N). 

Aflhatt, Herzogin-Mutter Antoinette v., geb. 
Prinzessin von Sachsen-Altenburg; * Bam- 
berg 17. IV. 1838; f Berchtesgaden 13. 
X. — VZ 13. X. A.-A.; W 42, 1808, 1816 
(P); HJ 1908, 429; IZ 131, 711 (P). 

Apel, Alfred, Pianist u. Musikpadagoge, 
Schiiler Kullaks u. Bellermanns; * Buckau 
b. Magdeburg 1851; f Braunschweig 13. 
X. — VZ 15. X. M.-A.; AMZ 1908, 739- 

Aranyij Emilie, geb. Lange, Opernsangerin; 
* Prag 31. III. 1864; f Groflgmain 31. I. — 
NTA 1909, 155. 

Armbnister, Emil, Amtsgerichts-Direktor i. 
Freiburg i. B., seit 1897 Zentr.-Abg. i. 
Bad. Land t age, hauptsachlich auf sozialem 
u. charitativem Gebiet tatig; * 10. II. 
1843; f Freiburg i.B. 18. IX.— HJ 1908,429. 

Arfnknecht, Heinrich Adolf Otto, Pastor, 
hervorr. Prediger u. theol. Schriftst.; 



* Clausthal 16. XI. 1853; f Linden b. 
Hannov. 25. X. — Allg. Ev.-Luth. Kirchen- 
Zt. 1908, 1085; KJ 1909, 635; Pers. Mitt. 

ArnatlM de la Perriere, Raoul von, Schau- 
spieler a. Hamb. Stadttheater; * Berlin 
26. I. 1874; f Hamburg 13. III. — NTA 
1909, 102. 

Arnhold, Max, Kommerzienrat, Bankier u. 
Konsul, Pras. d. Dresden. Bdrse, bekannt 
durch grofie Wohitatigkeit; * Dessau 17. 
IV. 1845; t Dresden 4. XII. — WI 3, 27; 
AF 1909, 124; Allg. Zt. d. Judentums 1908, 
Beil 51 

Arnim, Malwine von, geb. v. Bismarck, 
einzige Schwester des Reichskanzlers, Ge- 
mahlin des ehem Landrats Oskar von 
Arnim; * Kniephof 29. VI. 1827; f Berlin 
31. III. — HC 1. IV. A. -A.; HJ 1908, 429; 
IZ 130, 756 (N m. P). 

Asbactl, Julius, Dr. phil, Direktor d. Hohen- 
zollern -Gymnasiums i. Dusseldorf, Histo- 
riker u. Heineforscher; * Oberdollendorf 
24. VIII. 1854; f Dusseldorf 6. II. — VZ 
6. II. A.-A.; HJ 1908, 429; IZ 130, 334; 
KL 1908, 34 (W). 

Afimann, Rudolf, Geh. Oberbaurat, vortr. 
Rat i. Reichsmarineamt; * Stettiji 3. XII. 
1843; t Berlin 20. XI. — VZ 24. XL M.-A.; 
JSTG 1909, 106. 

Atier, Anton, Dr. theol, o. Prof. f. Moral- 
theologie a. d. Salzburger theolog. Fakultat, 
furstbischofl. geistl. Rat, Mitbegr. u. Ob- 
mann d. Priesterunterstiitzungsvereins; 

* 28. X. 1 841; f Salzburg 25. II. — HJ 
1908, 429. 

Altersperg, Ernestine, Prinzessin, Stern kreuz - 
ordensdame u. Dechantin d. adl. Damen- 
stifts auf d. Hradschin; * 28. IV. 1822; 
f Prag 8. VIII. — HJ 1908, 429. 

AufseB, Hermann Frh. von u. zu, Senior d. 
Familie, filrstl. Domanenrat, Stifter d. 
Elisabethinums i. Regensburg; * Schlofi 
Aufsefi 22. VI. 1837; f das. 24. X. — HJ 
1908, 429; FT 1908, 11, 1909 TL. 

Austrian, Joseph, General -Direktor d. Lake 
Michigan u. Lake Superior Transportation 
Co.; * Wittelshofen i. Mittelfr. 15. IX. 
1833; t Atlantic City. — DAG Bd. 8, H. 3, 
126. 

*Bacher, Eduard, Dr. phil, Chefred. d. Neuen 
Freien Presse i. Wien; * Postelberg b. 
Saatz 7. III. 1846; t Wien 16. I. — BJ 
XIII, 33 (G. Kolmer); NFP 17. L M.-BL, 
19. I. M.-Bl.; VZ 16. I. A. -A.; Wage Jg. 11 , 
Nr. 3 (J. v. Ludassy); HJ 1908, 429; 
Dtsch. Arbeit 7, 5, 328. 

Bachstein, Hermann, Eisenbahn-Bau- u. 
Betriebs-Unternehmer, Begrilnder d. dtsch. 
Kleinbahnwesens; * Apolda 15. IV. 1834; 
f Steglitz4. II. — H J 1908, 429; Pers. Mitt. 



9* 



Totenliste 1 908 : Bade — Becker. 



10* 



Bade, Heinrich, Geh. Hofrat, fruh. Burgerm. 
v. Schwerin; * R5bel 25. III. 1823; f Schwe- 
rin 30. III. — VZ 1. IV. M.-A.; Amtl. Mitt. 

*Baentsch, Bruno, Dr. theol. et phil, Geh. 
Kirchenrat, Prof. d. alttestamentl. Theol. 
a. d. Univ. Jena; * Halle a,S. 25. III. 1859; 
t Jena 27. X. — BJ XIII 273 (F. Benne- 
witz); W 45, 1936; HJ 1908, 429; IZ 131, 
796; KL 1908, 53 (W); Allg. Ev.-Luth. 
Kirchen-Zt. 1908, 1062; Zs. f. wiss. Theol. 
N. F. 16, 2; TJ 28, Abt. 8, 541; KJ 1909, 

,635. 

Bar, Abraham Adolf, Dr. tried., Geh. Medizi- 
nalrat, 1872 — 1904 Oberarzt a. d. Ge- 
fangenen-Anst. Plotzensee, hervorr. Ge- 
fangnis-Hygieniker, Schrifts teller auf die- 
sem Gebiete; * Filehne 26. XII. 1834; 
f Berlin 24. II. — VZ 24. II. A.-A.; IZ 130, 
410; WI 4, 41 (W); KL 1908, 53 (W); 
Allg. Zt. d. Judent. 1908, Beil. Nr. 9. 10; 
AF 1908, 121; PBL 73/75 (W m. P); HBL 
i, 255; DMW 34, 1, 518 (B. Laquer); 
MMW 55, 1, 1026/28 (H. Hoppe); Med. 
Klinik 1908, 421 (K. Boas); MR 1908, 117; 
Intern. Monatsschr. z. Erforsch. d. Alkoho- 
lismus Jg. 18, 90 (0. Juliusburger). 

B&renspnmg, Bernhard von, Generalm. z. D., 
bis 1897 Kommand. d. 9. Kav.-Brig.; 

* Pfaffendorf i. Schles. 7. II. 1842; f Hirsch- 
berg 8. XL — VZ 10. XL M.-A.; MZ 1908, 
624. 

Bally, Otto, Kommerzienrat, Pras. d. Bad. 
Landesfeuerwehr-Verbandes, bed. Miinz- 
sammler; f Sackingen 17. IV. i. A. v. 
69 J. — HJ 1908, 429. 

BarlOSillS, Georg, Maler u. Illustrator; 

* Magdeburg 8. VI. 1864; f Berlin 10. VII. 
— T 254 (P); W 29, 1242; IZ 131, 220; 
HJ 1908, 429; TB 2, 505; MS Nachtr., 
13; Kchr. 19, 534; Turmer Okt. 1908, 146 
(K. Storck, G. B. z. Gedachtnis); Jahrb. 
d. bild. Kunst. Berlin 7, 76. 

Barnekow, Friedrich von, Reg.-Pras. i. 
Osnabruck; * Kl.-Kubbelkow a. Rugen 
2. I. 1848; f Osnabruck 22. VII. — T 270 
(P); W 31, 1330; WI 4, 53; OA 1908/09, 52. 

Barschall, Max, Dr. med., Geh. Sanitatsrat, 
beliebter Arzt mit mehr als 50 jahr. Praxis; 

* Berlin 14. IX. 1835; f das. 16. XL — 
VZT; OA 1908/09, S3- 

BartelS, Ludwig Remigius, Geh. Ob.-Reg.- 
Rat, Landeshauptm. d. Pro v. Sachsen, 
hervorr. Mitgl. d. Dtsch. Seefischerei- 
Vereins; * Giebichenstein 9. X. 1846; 
t Merseburg 25. XII. — Mitt. d. Dtsch. 
Seefischerei-Vereins 1908, 168. 

Barthold, Paul, ehem. Schauspieler; * Berlin 
5. III. 1857; f das. 27. IX. — NTA 1909, 

174. 
Barthold, Theodor, Amtsrat, Mitgl. d. Verw.- 



Rats d. Dtsch. Landwirtsch.-Ges., M. d. A.; 
♦Berlin 12. VI. 1825; f Dahme 25. I. — 
VZ 25. I. A.-A.; HA 1904, 291; Mitt. d. 
Dtsch. Landwirtsch.-Ges. Jg. 23, 33. 

Bastt, Adolph, ehem. Buhnenleiter; * Lii- 
beck 22. VIII. 1834; f Leipzig 25. V. — 
1876 — 79 a. Hoftheater i. Altenburg, 1879 
Dir. d. vereinigt. Stadttheater Barmen - 
Elberfeld, 1885 i. St. Gallen, 1886 Leiter d. 
Carola-Theaters i. Leipzig, verliefl hier die 
Buhne u. griindete eine Konservenfabrik 
u. d. Firma Baste* u. Co., bis 1889 Armee- 
lieferant, seit 1890 als Rentier i. Leipzig. — 
NTA 1909, 167 (P); EG 54. 

Bauer, Friedrich, Dr. phiL, Prof. u. Gym- 
nasiallehrer i. Wien, Germanist; * Wien 
27. XL 1867; f das. 20. II. — Zs. f. osterr. 
Gymn. Jg. 59, 570—576 (R. F. Arnold 
m. W). 

Baum, Johann Peter, Dr. pkil % Redakt. d. 
Germania u. d. Mark. Volkszeitung; 
* Wiesbaum b. Hillesheim, Rheinl. 23. XII. 
1867; t Berlin 6. I. — HJ 1908, 429; Mitt, 
d. Redakt. 

Bayer-Krotlthal, Julie, ehem. Operetten- 
sangerin, u. a. in Pest, Hamburg u. Dresden 
tatig; * Olmutz 22. V. 1862; | Linz 24. V. — 
NTA 1909, 166. 

Becher, Ernst, Verw.-Rat u. Pras. d. Osterr. 
Lloyd; * 1841; f Triest 6. XII. — VZT; . 
HJ 1908, 430; OR 18, 166. 

♦Beck, Conrad August, seit 1888 Bischof d. 
Ev. Briiderkirche; * Herrnhut i. Sa. 19. 
X. 1835; t <* as - 2 4- II- — BJ XIII, 164 
(A. Schulze); NPZ 27. II. A.-A.; HJ 1908, 
430. 

Beck, Leopold, Direktor d. Abt. Sommerda 
d. Rhein. Metallwaren-Maschinenfabrik i. 
Diisseldorf; * Grofielfingen i. Hohenzollern 
21. IX. 1843; t Sommerda i. Thur. 15. XII. 

— bis 1898 i. Dienste d. Marine, zul. 
Marine-Ob.- Baurat u. Maschinenbau-Res- 
sort-Dir., dann stellvertr. Vorst. d. Aktien- 
Ges. » Elektrizitatswerke vorm. O. L. 
Kummer u. Co. « i. Dresden. — JSTG 1909, 
107. 

Beck, Maria Paula, seit 1901 Generaloberin 
d. Lehrschwestern v. heilig. Kreuz zu 
Menzingen, Grunderin vieler Arbeiterinnen- 
u. Madchenheime, Missionsschulen u. bes. 
d. Tochter-Akad. z. hlg. Kreuz i. Freiburg 
i. Schw.; * 6. V. 1861; f Menzingen 12. VI. 

— HJ 1908, 430. 

*Beck, Otto, Dr. iur.i Oberburgerm. v. Mann- 
heim, Mitgl. d. Bad. 1. Kammer; * Kraut- 
heim 15. V. 1846; t Mannheim 30. III. — 
BJ XIII, 73 VZ 31. III. A.-A.; FZ 
31. III. A.-A.; HJ 1908, 430; AF 1908, 
251. 

Becker, Augustin W i 1 h e 1 m , Kirchen- 

26* 



II 1 



Totcnlistc 1908: Becker — Biermann. 



12* 



propst zu St. Nicolai i. Kiel, D. theol. h. c. n 
einer d. hervorr. Vertreter d. schlesw.- 
holstein. Landeskirche, bed. Kanzelredner; 

* Verden i. Hannov. 26. IV. 1837; f Kiel 
1. II. — Kieler Zt. 2. II. M.-A.; AL 

1, 37; Allg. Ev.-Luth. Kirchen-Zt. 1908, 
166, 248/53 (Z. Erinnerung an D. W. B.); 
TJ 28, Abt. 8, 541; KJ 1909, 631. 

Becker, Johannes, hess. Prosadichter u. 
Tagesschriftsteller, Lokalred. d. „Hess. 
Landeszt."; * auf d. Glaskopf b. Kappel 

2. VII. 1851; f Marburg 18. IX. — HL 22, 
281/82. 

*Beckh, Hermann, Justizrat, Rechtsanw., 
freis. M. d. R. u. M. d. Bayer. Abg.-H.; 

* NUrnberg 15. X. 1832; f das. 2. IV. — 
BJ XIII, 139 (H. Diez); VZ 3. IV. M.-A.; 
HJ 1908, 430; RH 1898, 152. 

Behfl, Ulricb, Privatdoz. a. d. Univ. Berlin; 

* Hamburg 28. V. 1868; f Berlin 2. V. — 
VZ 9. V. A. -A.; PF 4, 1, 90 (W); Chronik 
d. Univ. Berlin Jg. 22, 8. 

Behrens, Max, Generalm. u. Kommand. d. 
1. Fuflart.-Brig., Ritter d. Eisern. Kreuzes; 

* Thale i. Harz 23. IX. 1850; f Charlotten- 
burg 8. I. — VZ 9. I. M.-A.; MZ 1908, 22. 

Benzinger, Nikolaus, Nationalrat, Teilhaber 
d. Verlagsfirma Benzinger i. Einsiedeln, 
Parlamentarier, Mitgl. d. konservat. Partei, 
1905 — 1908 i. St&nderat; * 19. II. 1830; 
f Einsiedeln 24. XI. — W 48, 2064; HJ 
1908, 430; BB v. 7. XII. 08. 

Bequignolles, Hermann d'Artis von, Lyriker 
u. Dramatiker, Theater-Kritiker d. »Post«; 
*Liegnitz25. XI. 1857; fMeran 15. VII. — 
KL 1909, 53*, 1908, 93 (W); HJ 1908, 430; 
LE 10, 1681. 

Berg, Karl Frh. von, Generalm. u. Kommand. 
d. 2. Garde-Inf.-Brig., General &. 1. s. d. 
Kaisers, fruh. Adj. d. Prinzen Friedrich 
Leopold; * Oldenburg 6. V. 1853; f Wil- 
mersdorf- Berlin 19. X. — VZ 20. X. M.-A ; 
MZ 1908, 581. 

♦Berg, Leo (Ps.: Dr. Pascal, Ludw. Gorel), 
Schriftsteller, kenntnisreicher Essayist, 
Hrsg. d, ♦Kulturprobleme d. Gegenwart*; 

* Zempelburg 29. IV. 1862; f Berlin 12. 
VII. — BJ XIII, 186 (A. Eloesser); T 256 
(P); WI 4, 87 (W); KL 1908, 95 (W); HJ 
1908, 430; LE 10, 1609, 1640 (P); Nord u. 
Sud Febr.-H. 1909 (J. Gaulke, L. B. u. 
sein Lebenswerk); Blaubuch 1908, Nr. 30 
(P. Friedrich, Personl. Erinnerungen an 
L. B.); Masken Jg. 4, 37~44 (K. W. 
Goldschmidt); SchaubUhne 1908, Nr. 38 
(J. Bab). 

Bergen, Konrad von, Generallt. z. D., zul. 
Insp. d. 1. Pionier-Insp., 1891 z. D., Ritter 
d. Eisern. Kreuzes 2. KL; * Posen 17. II. 



1830; t Berlin 22. XL — VZ 23. XL A. -A.; 
W 48, 2064; MZ 1908, 651. 

Bfrgnumn, Julius von, General d. Inf. z. D., 
zuletzt Gouverneur von StraCburg i. E M 
Ritter d. Eisern. Kreuzes 1. KL; * Merse- 
burg 4. VIII. 1834; t Wiesbaden 20. XL — 
1853 Eintritt als Dreij.-Freiw. in d. Armee, 
55 Lt., 61 Prem.-Lt., 66 Hauptm. i. Gene- 
rals t., 70 Major, 71 Direktor d. Kriegssch. 
i. Neifle, 76 Oberstlt., 81 Oberst, 85 Chef 
d. Generalst. d. 5. A.-K., 86 Generalm., 
87 Insp. d. Infanterieschulen, Erhebung 
in d. Adelstand, 88 Generallt., 92 Gouv. 
v. StraCburg, 93 Gen. d. Inf., 96 z. D. — 
VZ 22. XL M.-A., 23. XL A. -A.; W 48, 
2064; HJ 1908, 430; MZ 1908, 651. 

Berlet, Gustav, bis 1901 Landgerichts-Pr&s. 
i. Gotha, lange Jahre Pras. d. gemischten 
Landt. von Sachsen - Koburg - Gotha; 

* Gotha 15. VI. 1817; t das. 30. XII. — 
VZT. 

Bemstortf, Christian Graf von, Dr. tw\, 
Reg.-Rat a. D., groBh. mecklbg. Kammerh.; 

* Berlin 27. XII. 1840; f Beseritz b. Fried- 
land i. Mecklbg. 15. VII. — Allg. Ev.-Luth. 
Kirchen-Zt. 1908, 727; GT 1910, 95. 

BerntlS, Alexander Frh. von, Kunstm&zen, 
Eigentumer des aus Goethes Leben u. 
durch die Schlossersche Familie bek. 
Stifts Neuburg, Besitzer einer wertvollen 
Bilder- u. Manuskript-Sammlung; * Frank- 
furt a. M. 23. I. 1838; f Heidelberg 28. L — 
HJ 1908, 430; FT 1909, 53. 

Beta, Gottfried, Gerichtsnotar a. D M wiirtt. 
Landt.-Abg. 1877, 1889 — 94; f Marbach i. 
Wtirtt. 21. IV. — WJ 1908 Nekr. 

Bezold, Friedrich Ernst von, Dr. med. % Hofrat, 
Prof. d. Ohrenheilkunde a. d. Univ. Mun- 
chen, hervorr. Taubstummenarzt, verdient 
um d. Fortbildung d. Taubstummenlehrer; 

* Rothenburg a. T. 9. II. 1842; f MOnchen 
6. X. — VZ 7. X. M.-A.; T 329 (P); KL 
1908, 116 (W); IZ 131, 711 (P); DMW 34, 
2, 2277/78 (A. Scheibe m. P); MMW 55, 2, 
2286/88 (Denker); PBL 164/65 (W); 
HBL 1, 442; Chronik d. Univ. MUnchen 
1908/09, 9— ii ; BZ 23, 74 [Correspon- 
denzbl. f. Schweizer Arzte Bd. 38, 741 
(Siebenmann); Zs. f. Ohrenheilkde. Bd. 57, 
1 — 7 (F. Siebenmann)] 24, 67 [Beitr. z. 
Anat., Phys., Path. u. Ther. d. Ohren, d. 
Nase u. d. Kehlkopfs Bd. 2, 271]. 

♦Bfermarm, Gottlieb, Prof., Historien- u. 
Portrat-Maler, 0. Mitgl. d. Akad d KUnste, 
Senior d. Berliner Maler; * Berlin 13. X. 
1824 (?); f das. 18. X. — BJ XIII, 198 
(L. Pietsch); VZ 21. X. A. -A. (L. Pietsch); 
W 44, 1892; HJ 1908, 430; IZ 131, 752; 
MS 1, 125; Kchr 20, 55; BMW 1, 92 (W); 
BB v. 30. X. (A. Roeper). 



13' 



Totenliste 1908: Biernacki — Brandt. 



I 4 * 



Biernacki, Otto, Geh. Justizrat, bis 1891 
Landgerichts-Rat i. Oels, unermudlich 
tatig i. stadt. Ehrendienst; * Posen 25. 

VI. 1826; f Bresfcu 14. XL — JSG 1908, 
Nekr., 3/4. 

Bippart, Georg, Pfarrer u. Kreisschulinsp., 
aus einer Familie, in der sich das Pfarr- 
amt ders. Gemeinde 123 Jahre durch 3 Ge- 
nerationen fortgeerbt hat; * Wanfried 18. 

III. 1837; f das. 7. III. — HL 22, 100/102 
(Siebert). 

Bischoff, Karl, Prof. d. Chemie a. d. poly- 
techn. Hochschule i. Riga; * Wurzburg 
8. IV. 1855; f Miinchen 18. X. — LZ 
1908, 1405; WI 3, no (W); Chemiker-Zt. 
Jg- 32, 1053 (P. Walden). 

Bischoffsheim, Henry Louis, Bankier u. 
Philanthrop, Begr. d. Krebsforschungs- 
stiftung; * Wien 1829; f London 11. III. — 
HJ 1908, 430. 

Blanckertz, Heinrich Siegmund, Geh. Kom- 
merzienrat, Begr. d. dtsch. Stahlfeder- 
industrie u. d. ersten dtsch. Stahlfeder- 
fabrik Heintze u. Blanckertz; * Jtichen 
a. Rh. 1823; t Berlin 8. VIII. — W 33, 
1418; HJ 1908, 430; IZ 131, 384; AF 1908, 
370. 

Blau, A. L. (Pseud.) s. Lichtblau, Adolf. 

Blau, Friedrich Otto Max, Geh. Ob.-Reg.-Rat, 
vortr. Rat i. Reichsschatzamt; * Tra- 
pezunt 4. VII. 1859; f Berlin 18. IX. — 
VZ 20. IX. M.-A.; NZ 20. IX. M.-A. 

Bloch, Martin, Dr. med., Berliner Nervenarzt, 
friih. Assistent von Mendel; * Berlin 7. 

VII. 1866; f das. 28. I. — VZ 29. I. A. -A.; 
IZ 130, 374; MR 1908, 61 (Munter). 

Bloem, Julius, Geh. Justizrat, Senior d. 
rhein. Juristen, Rechtsanwalt i. Elberfeld; 
t Elberfeld 19. IV. i. A. v. 86 J. — VZ 21. 

IV. A.-A. 

BKiher, Paul Martin, Dr. med., Schriftst. auf 

d. Gebiete d. Hotelwesens, Hrsg. d. »Hotel- 

Revue«; * Diirrweitzschen 15. II. 1846; 

t Leipzig 26. II. — KL 1909, 53*, 1908, 

139 (W). 
Bhffll, Ida, Marchen- u. Marchenspiel-Dich- 

terin; * Leipzig 6. IX. 1845; t das. Anf. 

Marz. — KL 1909, 53*, 1908, 140 (W); 

PY 1, 79 (W). 
Boch-Galhan, Rene von, Geh. Kommerzien- 

rat, seit 1878 Mitinh. u. Generaldir. d. bek. 

Steingut- u. Porzellan-Fabrik Villeroy u. 

Boch i. Dresden u. Mettlach, machte d. 

Fabrik mustergiiltig in d. Fiirsorge f. d. 

Angestellten u. Arbeiter; * Mettlach a. 

d. Saar 27. IX. 1843; f das. 12. XII. — 

W 51, 2194; IZ 131, 1120; HJ 1908, 431; 

AF 1908, 482; Sudwestdtsch. Wirtsch.-Zt. 

Jg. 14, Nr. 12 (A. Tille, Ein Gedenkbl.). 
Bockenheimer, Jakob Hermann, Dr. med. f 



Geh. Sanitatsrat, bek. Chirurg, langjahr. 

Besitzer d. ktirzlich aufgelosten B.'schen 

Privatklinik i. Frankf. a. M.; * 25. XII. 

1837; f Frankfurt a. M. 16. X. — W 43, 

1850; PBL 199 (W). 
Bode, Rudolf, Generalm. a. D., Ritter d. 

Eisern. Kreuzes 2. KL, bis 1906 Kommand. 

d. 37. Kav.-Brig.; * Gr. Ottersleben, 

Prov. Sa. 25. IX. 1851; f Berlin 21. V. — 

VZ 23. V. M.-A.; MZ 1908, 302. 
Bodenhausen, Bodo Wilke Frh. von, Schlofi- 

hauptm. i. Dessau, Rittergutsbes. u. 

herzogl. anhalt. Kammerh., M. d. Pr. 

Herrenh.; * Kothen 29. VIII. 1837; 

f Radis, Kr. Wittenberg 30. V. — VZ 2. 

VI. A.-A.; HH 1904, 304. 
Bdckel, Ernst, Dr. phil, Prof., Hofrat, 

Gymn.-Direktor i. Heidelberg, a. o. Mitgl. 

d. bad. Oberschulrats, klass. Philologe; 

* Jever 28. XL 1847; t Heidelberg 18. V. — 
KL 1909, 53*, 1908, 145 ( w ); H J ! 9o8, 431 ; 
Siidwestdtsch. Schulbl. 1908, 445—458 
(Keim). 

B5hm, August, Red. d. Lehrerzt. f. Ost- u. 

Westpreuflen; f Konigsberg 10. III. i. A. 

v. 61 J. — Dtsch. Schule Jg. 12, H. 4, 251. 
Bdhftl, Paul, Hofmusiker zu Gotha; * Gotha 

17. XII. 1874; t das. 11. I. — NTA 1909, 

155- 
Bohrmann-Riegen, Heinrich (Heinrich Bohr- 

mann), BUhnenschriftsteller, unter Laube 
Sekretar d. Burgtheaters, Verf . einer grofien 
Anzahl von Dramen, Lustspielen u. Opern- 
texten, sowie Bearbeitungen; * Saar- 
briicken 4. VI. 1842; f Wien 8. X. — 
KL 1909, 57*. 1908, 154 (W); HJ 1908, 
431; LE it, 381; NTA 1910, 154. 
Borchert, Walter, Leiter d. Stadttheater 
Teplitz u. Karlsbad; * Magdeburg 9. X. 
1878; f Teplitz 2. XL — VZT; NTA 1910, 

155. 
BorgiUS, Eugen, Dr. theol. h. c. % Konsistorial- 
rat, Superint., 1. Dompfarrer i. Konigsberg; 

* Danzig 18. VI. 1838; f Konigsberg 5. VII. 
— KJ 1909, 634; OA 1908/09, 155. 

Bosshard, Anna, Malerin, Mitarbeiterin a. d. 

Deckenmalereien i. Wandelgange d. neuen 

Bundeshauses i. Bern; * Zurich 20. III. 

1875; t Lugano. — Kchr 20, 70. 
Bothmer, Adolf Frh. von, kais. osterr. Feld- 

marschalllt. a. D.; * Gifhorn 24. XII. 1834; 

t Hannover 29. XL — VZ 2. XII. M.-A.; 

FT 1908, 70. 
Braemer, Adam, Gutsbesitzer, M. d. A.; 

* Meierhof, Kr. Labiau 2. VII. 1838; 
f Ernstberg b. Wolterkehmen 6. X. — 
VZ 8. X. M.-A., A.-A.; HA 1908, 363, 

494 (P). 
Brandt, Eugen, Geh. Reg.-Rat, Prof. f. Hoch- 
bau a. d. Techn. Hochsch. i. Berlin; 



15* 



Totenliste 1 908 : Brauchitsch — Burckhardt. 



i6* 



* Marienwerder 13. IX. 1825; + Berlin 
23. III. — VZ 25. III. M.-A.; Progr. d. 
Techn. Hochsch. z. Berlin 1908/09, 154 — 

155. 
BrauchltSCh, Eduard Gustav Adolf von, 
Reg.-Rat, Referent b. Gouvernement d. 
Schutzgebietes Kamerun; * Dusseldorf 

29. III. 1866; f Lome i. Togo 29. IX. — 
VZ 2. X. A.-A.; DKB 1908, 998, 1088 (N); 
UTB 1910, 129 

Braun, Hermann, Maler u. Radierer, genialer 
Meister d. Radiertechnik; * 1861; f Haus- 
berge b. Minden 29. IX. — VZT; HJ 1908, 
431; IZ 131, 594 (P). 

Breisky, Louise, Lyrikerin, Ubers. aus d. 
Engl., Franzos., Ital., Tscb.; * Czaslau 
28. II. 1840; fWien 31. III. — KL 1909, 
53*, 1908, 190. 

Breiter, Theodor, Dr. phiL, Geh. Reg.-Rat, 
bis 1904 Prov -Schulrat i. Hannover u. 
Mitgl. d. Schaumburg-Lipp. Minist. ah 
Referent f. Schulsachen; * Dennewitz 2. IX. 
1824; t Hannover 1. XI. — VZT; OA 
1908/09, 182. 

Brenketl, Auguste, ehem Opernsangerin; 

* 1835; t Soest 3 1 - l - — NTA ! 909, J 5 6 - 
Brinkmaim, Franz, Generalm. z. D., bis 1901 

Insp. d. Techn. Institute d. Inf., Ritter d. 
Eisern. Kreuzes 2. Kl ; * Dalheim i. Westf. 

30. IX. 1848; t Carlshof b. Neisse 26. XL — 
VZ 29. XL M.-A.; MZ 1908, 664. 

Brodnicki, Wladislaw, Rittergutsbes., 1880 bis 
1899 M. d. A., Mitgl. d. Polen-Fraktion; 

* Miloslawice, Kr. Wongrowitz 17. V. 1837; 
+ 24. L — VZT; HA 1899,213. 

Bruckner, Karl von, Generalm. z. D., bis 1907 
Kommand. d. Truppen-t)bungs-Platzes 
Lechfeld, Ritter d. Eisern. Kreuzes 
2. Kl.; * Passau 3. VI. 1848; f Mun- 
chen 29. IX. — VZ 2. X. M.-A.; OA 
1908/09, 194. 

Brill], Adolf, Schriftst., bis vor wenigen 
Jahren jiid. Relig.-Lehrer a. Philanthropin 
i. Frankfurt a. M., eifr. Vorkampfer u. 
Wortfiihrer d. Reform i. Judentum, gnin- 
dete 1879 d* Mendelssohn- Verein u. d. 
♦popular-wissenschaftl. Blatter*; * Koje- 
tein i. Mahren 27. IV. 1846; f Frankfurt 
a. M. 18. IX. — Allg. Zt. d. Judent. 1908, 
Beil. 40. 

Brum, Gustav, Hof-Verlagsbuchhandler; 

* Minden i. W. 26. XL 1848; f das. 3. XII. 
— LZ 1908, 1696; Mitt. d. Verl. 

Bucher, Alexander, sachs. Generalm. z. D., 
bis 1890 Kommand. d. 28. Feldart.-Brig., 
Ritter d, Eisern. Kreuzes 2. Kl.; * Dresden 
23. I. 1838; f das. 1. XII. — VZ 2. XII. 
A.-A.; MZ 1908, 664. 

BuddetlSieg, Oskar Gottlieb Rudolf, Dr. 
theoL et phil., Oberschulrat, Direktor d. 



Lehrerinnenseminars i. Dresden, Assyriologe 
u. bek. Padagoge; * Greuflen, Schwarzb.- 
Sondersh. 5. IX. 1844; f Dresden 13. X. 

— NZ 14, X.M.-A.; TJ 28, Abt. 8, 541; 
KJ 1909,635; Amtl. Mitt. 

*BuchelCT, Franz, Geh. Reg.-Rat, Prof., 
Dr. iur. et pktL, Prof. d. klass. Philology 
a. d. Univ. Bonn, Ritter d. Ordens Pour le 
me>ite, hervorr. Lehrer, Hrsg. d. »Rhein. 
Museums f. Philol.*; * Rheinberg a. 
Niederrh. 3. VI. 1837; f Bonn 3. V. — 
BJ XIII, 231 (F. Marx); VZ 5. V. A.-A., 
6. V. M.-A.; FZ 8. V. A.-B1. (L. Deubner, 
F. B. u. A. Dieterich. Ein N.); T 199 (P); 
IZ 130, 1086; HJ 1908, 431; WI 3. 182 
(W); Chronik d. Univ. Bonn f. 1908, 7—12 
(Marx); Rhein. Mus. f. Philol. N. F. 63, 3 
(Zu F. B.'s Gedachtnis); Zs. f. ostenr. 
Gymn. Jg. 59, S. 478—480 (E. Hauler); 
Neuc Jahrb. f. d. klass. Altert. 1908, 
Abt. 1, 358—364 (F. Marx); BZ 23, 87 
[Archiv f. lat. Lexicogr. u. Grammatik 
Bd. 15, 599 (F. Vollmer); Nachr. d. kgl. 
Ges. d. Wiss. z. Gottingen. Hist. -philol. 
Kl. geschaftl. Mitt. Nr. 306/08, 95 — 101 
(F. Leo)] 24, 76 [Almanach d. k. Akad. 
d. Wiss., Wien, Jg. 1908, 343 (J. v. Kara- 
bacek)]. 
Biichner, Adolf Emil, Prof., fruh. Hof- 
. kapellm. i. Meiningen, zuletzt Dirigent d. 
Sollerschen Musikvereins i. Erfurt, Sinfonie- 
u. Opernkomponist; * Osterfeid b. Naum- 
burg 7. XII. 1826; f Erfurt 8. VI. — VZ 

10. VI. A. -A.; IZ 131, 37; HJ 1908, 431; 
NTA 1909, 169; NMZ 29, 19, 420; AMZ 
1908, 499; R 182. 

Biirklein, Gottfried, Major a. D., militar. 
Schriftst. u. Kunstmaler; * Niirnberg 24. 

11. 1845; t Munchen. — KL 1909, 53*, 
1908, 224 (W); MS 1, 196; BMW 1, 148. 

Bulla, Constantin, Schriftst., Red. d. Leipz. 
Gerichts-Zt.; * Brieg 23, III. 1854; f 
Leipzig-Connewitz 6. IX. — WI 3, 188; 4, 
1623. 

Buller, Paul Wilhelm August, Pfarrer i. 
Hermsdorf b. Berlin, Mitgl. d. Hauptvorst. 
d. Brandbg. Hauptver. d. Evang. Bundes, 
Vertrauensmann f. d. Los-von-Rom- 
Bewegung, journalistisch tatig; * Werder 

a. d. H. 29. X. 1867; f Hermsdorf 4. V. 

— VZ 5. V. A. -A., 6. V. M.-A.; 
Pers. Mitt. 

Bumiller, Lambert, Pfarrer von Ostrach u. 
Dekan d. Kapitels Sigmaringen, 1893 — 96 
M. d. A. u. M. d. R.; * Jungingen 

b. Hechingen 15. X. 1852; f Bregenzer 
W r ald 21. VIII. — HJ 1908, 432; RH 
1893, 152. 

Burckhardt, Rudolf, Prof., Leiter d. zooiog. 
Abt. d. Berl. Aquariums; * Basel 30. III. 



i 7 * 



Totenliste 1908: Burckhardt — Qausen. 



18* 



1866; f Rovigno 14. I. — LZ 1908, 143; 

Personl. Mitt. 
Btirkhardt, Christian, ehem. Prof. u. Musik- 

Oberl. i. Niirtingen, Ehrenmitgl. d. Schwab. 

Sangerbundes, hochverd. um d. evang. 

Kirchengesang i. Wiirttembg., Komponist 

volkstiiml. Lieder; f Niirtingen 3. VIII. 

i. A. v. 78 J. — NMZ 29, 23, 504; WJ 1908 

Nekr. 
*BtlSCh, Wilhelm, Zeichner, Maler u. Dichter; 

* Wiedensahl i. Hannov. 15. IV. 1832; 

f Mechtshausen b. Seesen i. Braunschw. 

9. I. — BJ XIII, 74 (O. F. Volkmann); 

VZ 9. I- A.-A.; HC 10. I. M.-Bl.; 

MAZ 11. I. Vorabd.-Bl. (Z. Tode W. 

B.s); AZB 1908, Nr. 9 (A. Kutscher, 

W. B.s Prosa); NFP 28. I. M.-Bl., 7. II. 

M.-Bl. (P. Lindau, Erinnerungen an W. B.); 

Velh. u. Klas. Monatsh. Marz 1908, 17 (H. 

Miiller-Brauel, W. B. Personl. Erinnerun- 
gen u. Anderes); Schlesw. -Hoist. Rundsch. 

2, 20 (K. Kuchler); D. nationale Deutschld. 

1908, H. 13 (F. Diisel, W. B.s Nachruhm); 

Kunst u. Kunstler Jg. 6, H. 8 (H. Post, 

W. B. als Maler); LE 10, 1516 (W. Poeck, 

W. B.s Brief e); Sozialist. Monatsh. 1908, 

H. 6 (W. Bolsche, t)ber W. B.); Sudd. 

Monatsh. April 1908 (J. Hofmiller), Okt. 

1908 (J. Hofmiller, W. B. in seinen Briefen); 
Eckart Marz 1908 (W. Pastor); Westerm. 
Monatsh. Jan.-H. 1909 (E. Warburg, 
Aus W. B.s Nachlafl); T 1909, Nr. 14 
(K. G. Wendriner, Von W. B., dem Men- 
schen); Bucherwelt Jg. 6, Nr. 4 (F. Wipper- 
mann, W. B. u. d. kathol. Haus); KW 21, 
H. 9, 189 (Avenarius), 21, H. 15, 178 (W. B. 
als Maler); IZ 130, 93 (P); Kunst u. Kunst- 
fcr 5, 304 (C. Veth); Siidd. Monatsh. Nov. 

1909 (K. Voll, W. B.s kUnstl. Nachlafi); 
Kchr 19, 217; NS Jg. 13, 170 (E. Kinder- 
vater m. P); BZ 22, 77 [Daheim 1908, 
Nr. 19 (J. Hoffner); D. Deutsche 7, Nr. 15 
(E. Schick); Hannoverland 1908, 26 (K. 
Freye); Morgen 1908, Nr. 4 (H. Eulen- 
burg); W 1908, Nr. 3 (E. v. Wolzogen); 
D. dtsch. Hochsch. 1908, 325 (A. Kutscher, 
W. B.s Kunst); Allg. dtsch. Lehrerzt. 
1908, Nr. 9 (W. B. als Padagog); Marz 1908, 
Marz -Mai (W. B., Brief e an e. Freundin); 
Akad. Turnzt. Jg. 24, 493 (Tr. Friedemann, 
W. B. u. seine letzte Gabe)] 23, 88 [BB v. 
29. IX. (P. Hennig, W. B.-Ausst.); Kirchl. 
Gegenwart 1908, Nr. 45 (H. Aeking. W. B. 
als Maler); Hamb. Nachr. Beil. 1908, Nr. 36 
(L. Schroder, D. letzte »W. B.«); Jahrb. 
d. bild. Kunst, Diisseldorf Jg. 6, 64 (W. 
Pastor, Humor W. B.s); Munch. Jahrb. d. 
bild. Kunst 1908, 59 (O. Weigmann, 
Schenkung d. Originale v. W. B. a. d. 
Bayer. Staat); Post, Sonntagsbeil. 1908, 



Nr. 43 (W. Poeck, W. B. in neuem Licht); 
TRU 1908, Nr. 228 (W. Pastor, W. B. als 
Maler)]; H. A. u. O. Noldeke, W. B. 
Munch. 1909; O. F. Volkmann, W. B. der 
Poet. Seine Motive u. seine Quellen. 
Leipz. 191 o (Untersuch. z. neueren 
Sprach- u. Lit. Gesch. N. F. H. 5); 
Westerm. Monatsh. Aug. 1910, 772 — 
78 (E. Gopfert, Die Sprache des Humors 
bei W. B.). 
Bychelberg, Hermann von, General d. Art. 
z. D., Ritter d. Eisern. Kreuzes 1. Kl.; 

* Stolp 14. III. 1823; t Gorlitz 18. IV. — 
1840 Sec.-Lt., 1857 Hauptm., 1866 Major, 
1 87 1 in d. erbl. Adelstand versetzt, 1871 
Oberst u. Chef d. Generalst. d. Generalinsp. 
d. Art., 1876 Generalm., 1881 Generallt. 
u. Insp. d. 3. F.-Art.-Insp., 1886 z. D. f 
1896 Charakter als General d. Art. — VZ 
22. IV. M.-A.; MW 1908, 1251; MZ 1908, 
229. 

Carey, Eduard, ehem. Ballett-Regisseur a. 
Munch. Hof theater; * Paris 30. I. 1842; 
f Innsbruck 5. III. — NTA 1909, 160. 

*CarsteflS, Julius Viktor, Genremaler ; * Nusse 
b. Lubeck 29. XI. 1849; f Pasing b. Miin- 
chen 15. XL — BJ XIII, 42 (H. Hol- 
land); Kchr 20, 118; BMW 162 (W); KFA 

24, 200. 

Castan, Louis, Berliner Bildhauer, Begriinder 

d. Castan-Panoptikums; * Berlin 21. IX. 

1828; t Schoneberg 14. VII. — VZT; 

IZ 131, 220; Pers. Mitt. 
Christ, Paul, o. Prof. f. system, u. prakt. 

Theolog. a. d. Univ. Zurich; * Zurich 

25. X. 1836; f das. 14. I. — VZ 15. I. A.-A.; 
WI 3. 214 (W); KL 1908, 242 (W); HJ 
1908, 432; Protest. Monatsh. Jg. 12, 232 
(H. Kesselring, Z. Erinnerung an P. Ch. 
u. Konr. Furrer); TJ 28, Abt. 8, 542; 
KJ 1909, 631. 

*Christensen, Jeremias, Berliner Bildhauer; 

* Tingleff i. Nordschleswig 26. III. 1859; 
f Charlottenburg 15. V. — BJ XIII, 107 
(J. Sass); W 22, 936; T 212 (P). 

Cisowsky, Philipp, ehem. Schauspieler; * W T ien 
18. X. 1857; f Baden b. Wien 6. V. — 
NTA 1909, 165. 

Claar-Delia, Hermine, ehem. bed. Schau- 
spielerin, gefeierte Tragodin grofien Stils, 
Gattin d. Intendanten d. Frankf. Schau- 
spielhauses; * Wien 8. IV. 1848; f Frank- 
furt a. M. 21. XL — VZ 23. XL A.-A.; 
T 369 (P); W 48, 2064; HJ 1908, 432; 
NTA 1910, 156 (N m. P). 

Clafi, Gustav, ehem. Prof. d. Philos. a. d. 
Univ. Erlangen; * Niesky, Schles. 15. X. 
1836; f Munchen 21. X. — VZT; HJ 1908, 
433; IZ 131, 796; TJ 28, Abt. 8, 542. 

Clausen, Heinrich, Pras. d. Biirgerschaft i. 



19* 



Totenliste 1 908 : Coestcr — Degenfeld-Schonburg. 



20* 



Bremen, hochverd. um d. Entwicklung d. 
Gemeinwesens seiner Vaterstadt; * Bremen 

21. VIII. 1825; t das. Anf. Marz. — AF 
1908, 122. 

Coester, Bertha Sophie, geb. Bischoffshausen, 
hess. Schriftst.; * Kassel 21. XL 1849; 
f Ober-Zwehren b. Kassel 5. III. — HL 

22, 87/88; KL 1908, 257 (W). 
Comely, Rudolf, SJ, Lehrer a. Priestersem. 

i. Trier, kirchl. Schriftst., 1872 — 79 Grunder 
u. Red. d. »Stimmen aus Maria-Laach«, 
1873 R e( *. d. »Katholischcn Missionen*, 
1879 — 89 Prof. a. d. Gregorian. Univ. i. 
Rom, dann i. Kloster Blijenbeek (Holl.) 
f. d. Ausg. d. Cursus Scripturae Sacrae 
tatig, seit 1902 i. Trier; * Breyell 19. IV. 
1830; f Trier 3. III. — HJ 1908, 433; 
KL 1908. 256 (W); Stimmcn aus Maria- 
Laach Bd. 74, 357 — 370 (A. Baumgartner); 
TJ 28, Abt. 8, 542. 

*Correggio, Max, Landschafts- u. Tiermaler; 
* Munchen 21. VII. 1854; f I2 - v - — 
BJ XIII, 42 (H. Holland). 

Credner, Rudolf, Dr. med. h. c. et pkil., Geh. 
Reg. -Rat, o. Prof. d. Geogr. a. d. Univ. 
Grcifswald; * Gotha 27. XL 1850; f Greifs- 
wald 6. VI. — VZ 6. VI. A.-A.; T 226 (P), 
227 (W. Hellpach); W 24, 1022; IZ 131, 
37; KL 1908, 258 (W); Chronik d. Univ. 
Greifsw. Jg. 23, 6 — 8 (Friederichsen); GZ 
14, 11 (W. Deecke); G Bd. 94, 68; PF 
4, 1, 280/81 (W); DRG 31, 37—39 (W. 
Moldenhauer m. P); GK 1909, 327/328; 
GA 1908, 7, 169, (W. Schmidt); L 1908, 
6, 62. 

Cremer, Franz Gerhard, Geschichtsmaler i. 
Dusseldorf; f Dusseldorf 8. XII. — VZT; 
Zs. f. christl. Kunst 1908, 315 (Schnutgen); 
KFA 24, 200. 

Cron, Joseph, Prof., Dr., geistl. Oberl. a. 
bischdfl. Gymn. i. Straflburg, bek. durch 
Veranst. jahrl. Pilgerziige nach Lourdes, 
Verf. mehrerer Schriften iiber Lourdes, 
Grund. u. Hrsg. d. Jugend-Zs. »St. Niko- 
laus«; * Biederthai, Ob.-Elsafl 6. V. 1859; 
t Straflburg 20. XL — HJ 1908, 433; 
TJ 28, Abt. 8, 542; Stoffler, Trauerrede z. 
Erinnerung an d. geistl. Oberl. Prof. 
Dr. J. C, geh. a. 23. XL 1908, Straflburg 
1909. 

Crilger, Gustav von, Generallt. z. D., Ritter 
d. Eisern. Kreuzes 1. Kl. f zul. Insp. d. 
3. Ing.-Insp.; * Schneidemuhl 25. VIII. 
1829; t Wiesbaden 4. IV. — VZ 8. IV. 
M.-A.; MZ 1908, 201. 

Ctirsch-Biihren, Theodor, Musikschriftst. u. 
Komponist; * Troppau 10. L 1859; f Leip- 
zig-Reudnitz 11. III. — NMZ 29, 15, 332; 
KL 1908, 262 (W); R 264. 

CytroilOWSki, Josef, Pfarrer, M. d. R., Mitgl. 



d. Zentr.; * Georgenberg, Ob.-Schles. 23. 
II. 1839; f Schmitsch b. Neustadt, Obl- 
Schles. 21. I. — VZT; RH 1893, 157 (W). 

Czernifl von Chudenitz, Graf Jaromir, altestes 
Mitgl. d. osterr. Herrenh.; * Wien 13, IIL 
1818; f Schlofl Petersburg b. Neuhaus i. 
Bohm. 26. XL — NFP 27. XL M.-Bl. 

Daevel, Karl, Kommerzienrat u. Stadtrat i. 
Kiel; * Nenwohld b. Preetz 6. IV. 1848; 
t Kiel 12. IX. — Ubernahm 1880 d. Ma- 
schinenfabrik v. Sievers u. Weyhe, die er 
mit 7 Arbeitern eroffnete u. dann zu hoher 
Bliite fiihrte, 1898 wandelte er seine Fabrik 
in eine Aktienges. um. — JSTG 1909, 105. 

Dalberg, Friedrich Reichsfreih. von u. zu, 
lebensl. Mitgl. d. osterr. Herrenh., als 
Ornithologe schriftst. tatig, eifr. Forderer 
d. kathol. -patriot. Bcstrebungen i. Oster- 
reich; * Datschitz i. Mahren 9. XII. 1822; 
t das. 21. IX. — NZ 23. IX. A.-A.; HJ 
1908, 433; FT 1908, 133. 

Danneil, Friedrich Hermann Otto, D., Dr. 
pkiL, Pastor enter., Kultur- u. Kirchenhist. ; 

* Salzwedel 28. V. 1826; | Bad Elmen 
b. Grofi-Salze, Prov. Sachsen 12. V. — 
KL 1909, 53*. 1908, 271 (W). 

Danner, Sebastian, Papstl. Hauspralat u. 
Domkustos i. Salzburg, Fiihrer d. Salzb. 
Konservativen, Hrsg. d. »Salzb. Chronik ♦, 
Vizepras. d. Kathol. Universitatsvereins; 

* 12. I. 1847; t Salzburg 8. II. — HJ 1908, 

433- 
Daustfl, Konstantin, Bildhauer; * Waldsee, 
Oberschwab. 30. XL 1841; f Rom 12. VII. 

— WI 3, 244; 4, 1623; MS I, 318; WJ 1908 
Nekr. 

"'Davidi Anton Johann Ludwig Pascal, Chef- 
red, d. »Straflburger Post*; * Diiren 8. 

XII. 1850; f Straflburg 27. IIL — BJ 

XIII, 45 (M. Berger); VZ 27. III. A.-A.; 
KVZ 38. IIL Mitt.-A.; T 168 (P); WI 3, 
244; HJ 1908, 434; LE io, 1 102; Berger, 
M. f P. D. u. d. polit. Entwicklung Elsafl- 
Lothringens 1882 — 1907. Straflb. 1910. 

Decker), August e von der, geb. Meyer (Pseud. : 
A. v. d. Elbe), Erzahlerin u. Romanschrift- 
stellerin; * Blackede 30. XL 1828; f Hanno- 
ver 25. IV. — KL 1909, 53*, 1908, 274 
(W); HJ 1908, 434; LE 10, 1 169; NS 
13, 149 (Z. 80. Geburtstage m. P); WI 3, 
246 (W); BR 1, 244 (W); PY 1, I45 , 
185/1S6 (W). 

Degen, Anne, Kulturhistorikerin; * Delitzsch 
9. II. 1878; t Schoneberg b. Berlin 18. II. 

— KL 1909, 53*, 1908, 276. 
Degenfeld-Schonburg, Christoph Graf von, 

k. k. Geh. Rat u. General d. Kav. a. D.; 

* Mainz 1831; f Graz 14. IIL — VZT; 
IZ 130, 583; GT 1909, 213. 

Degenfeld-Schonburg, Christoph Martin, Graf 



21* 



Totenliste 1908: Degner — Doppelbauer. 



22* 



von, Major u. persdnl. Adjutant d. Herzogs 
Albrecht v. Wurttemberg; * 21. IV. 1866; 
t Kassel 30. III. — WJ 1908 Nekr.; OA 
1906/07, 207. 

Degner, Erich Wolf, Prof., Direktor d. groflh. 
Musikschule i. Weimar, Komponist; * Ho- 
henstcin-Ernstthal b. Chemnitz 8. IV. 
1858; f Weimar 18. XI. — VZT; HJ 1908, 
434; IZ 131, 1003; AMZ 1908, 860/61 
(R. v. Mojsisovics). 

Deictaliann, Karl, Geiger, Schuler von Spohr, 
seit 1848 in London Musik-Lehrer; * 1827; 
t London 14. VII. — IZ 131, 194; NMZ 
29, 20, 440; AMZ 1908, 564. 

Deloch, Ludwig, Rittergutsbes., ehem. M. d. 
A. u. Mitgl. d. Zentr.; * GrSrsch b. Ob.- 
Glogau 21. X. 1825; t das. 17. III. — VZT; 
HA 1882, 202. 

Derihardt, Rudolf, Prof., Begr. d. Heilanst. 
f. Stotterer i. Eisenach; * Burgsteinfurt 
23. III. 1845; f Eisenach 24. VII. — 
T 273 (P); W 31, 1330. 

Deuticke, Paul, Dr. phiL, Prof., Oberl. a. 
Humboldt -Gymn. i. Berlin, bed. Vergil- 
Forscher; * Niederglaucha b. Delitzsch 
15. XII. 1848; t Berlin 6. X. — JAW 
Jg. 1909, Bd. 145, 115 — 118 (S. Herrlich); 
Progr. d. Humboldt-Gymn. f. d. Schuljahr 
1908/09 (Gedachtnisrede). 

Deutschlnger, Franz, fruh. Schauspieler, 
spater Theaterdir., zuietzt Leiter einer 
Theaterschule i. Wiesbaden; * Wien 13. 
XII. 1834; f Wiesbaden 22. III. — VZT; 
NTA 1909, 162. 

Deyifl, Joseph Graf von, Frh. v. StriteS, 
bayer. Kammerer, erbl. Reichsrat; * Arns- 
torf b. Wiesbaden 20. XII. 1845; •(■ das. 
26. IV. — VZ 28. IV. M.-A.; HJ 1908, 434; 
GT 1908, 220. 

Dieckmann, August, Generalm. z. D., bis 1886 
Kommand. d. 29. Inf.-Brig., Ritter d. 
Eisern. Kreuzes 2. Kl.; f Wiesbaden 20. I. 
i. A. v. 75 J. — VZ 27. I. A-A.; MZ 
1908, 61. 

Dieteridl, Albrecht, Geh. Hofrat, Prof. d. 
klass. Philolog. u. Religionsgesch. i. Heidel- 
berg, Hrsg. d. »Archivs f. Religionswiss. ♦; 
* Hersfeld 2. V. 1866; f Heidelberg 6. V. — 
VZ 6. V. A. -A., 7. V. A.-A.; FZ 8. V. 
A.-Bl. (L. Deubner, Franz Bucheler u. 
A. D.); KL 1908, 295 (W); IZ 130, 1086; 
JAW Jg. 37, Bd. 145; 75—102 (R. Wiinsch 
m. W); HL 24, Nr. 16 (R. W'unsch); D. 
humanist. Gymnasium 1908, 135 (G. 
Uhlig). 

Dietrich, Albert, Prof., Mitgl. d. Senats d. 
Kgl. Akad. d. Kunste i. Berlin, Musiker, 
SchOler von R. Schumann; * Forsthaus 
Goltz b. MeiBen 28. VIII. 1829; f Berlin 



19. XI. — VZ 23. XL M.-A.; W 48, 2067; 

AMZ 1908, 870; NTA 1910, 155; R, 294. 
Dietscto, Fridolin Josef, Bildhauer, Prof. 

a. d. Kunstgewerbeschule i. Karlsruhe; 

* Schonau i. W., Baden 1861; f Karlsruhe 

25. VI. — HJ 1908, 435; Kchr 19, 534; 

Christl. Kunst Aug. 1908, Beil., no; 

MS Nachtr., 72. 
Dietz, Jean, Direktor d. K6lner Verlagsanst. 

u. Chefred. d. »Kdlner Tageblatts*; f Koln 

7. XL — NZ 8. XL M.-A. 
Dietze, Theodor, fruh. Beigeordn. d. Stadt 

Etberfcld; * Elberfeld 13. XII. 1824; 

t das. 24. XII. — NZ 28. XII. A. -A.; 

Amtl. Mitt. 
*DIx, Ludwig Hermann, Studienrat, Kon- 

rektor, Prof., Mathematiker; * Zwickau 

i. Sa. 18. II. 1838; t Zittau 22. X. — BJ 

XIII, 188 (A. ReichardtY 
Dobentck, Robert, Frh. von, Rittergutsbes. 

u. Major a. D., M. d. A. u. Mitgl. d. 

konserv. Partei; * Trier 19. X. 1830; 

f Konigsberg i. Neum. n. XL — VZT; 

HA 1904, 303; FT 1910, 150. 
Dobers, Max, Geh. Bergrat, techn. Mitgl. d. 

Oberbergamts Breslau; * Breslau 26. X. 

1855; f das. 7. V. — VZ 8. V. M.-A.; JSG 

1908, Nekr., 4/5. 
Dodel, Arnold, fruh. Prof. d. Bot. a. d. Univ. 

Ziirich, Schriftst., seit 1903 i. Lugano, 

bek. durch seine popularwiss. u. polem. 

Schriften, Verfechter monist. Welt- u. 

Lebensanschauung, Vertreter radikaler po- 

litischer u. sozialpolit. Ideen; * Affeltrangen, 

Kant. Thurgau 16. X. 1843; f Ziirich 11. 

IV. — VZ 16. IV. M.-A.; FZ 14. IV. 

1. M.-Bl.; T 185 (P); KL 1908, 306 (W); 
WI 3, 272 (W); Dtsch. Schule 12, 5, 312. 

D61I, Eduard, fruh. Realschuldirektor, Prof., 
seit 1 87 1 Korrcsp. d. k. k. Geolog. Reichs- 
anst.; * 1836; t Wien 16. I. —OR 19. 255; 
GK 1909, 328; DRG 30, 280; Verh. d. 
Geol. Reichsanst. 1908, 2/3, 47 (E. Tietze); 
L 44, 1908, 3, 35. 

D5fT, Wilhelm, Prof., Lehrer a. Konservat. 
d. Musik u. Musikinsp. a. d. Theresian. 
Akad. i. Wien, Komponist von Liedern 
u. Messen; * 1851; f Wien 30. I. — HJ 
1908, 435; AMZ 1908, 121. 

DohnetSCtl, Heinrich, Oberbaurat, bek. Kir- 
chenbauer; * Stuttgart 24. I. 1846; f das. 
25. VII. - W 31, 1330; WI 3, 277; DBZ 
42, 432; WJ 1908 Nekr. 

Doppelbauer, Franz von Sales Maria, Bischof 
von Linz, papstl. Hauspralat u. Thron- 
assistent, FSrderer d. kathol. Presse- u. 
Vereinswesens u. d. Linzer Dombaues, 
Erbauer d. Collegium Petrinum; * Waizen- 
kirchen 21. I. 1845; t Linz 2 - XII.— NZ 

2. XII. A. -A.; NFP 2. XII. A.-BL; KVZ 



2f 



Totenliste 1908: Douglas — Ehrhart. 



24* 



2. XII. A. -A.; T 376 (P); IZ 131, 1062; 
W 50, 2152, 2156 (P); HJ 1908, 435; TJ 
28, Abt. 8, 542. 

♦Douglas, Wilhelm Graf von, Enkel d. Groflh. 
Ludwig I. von Baden, 1888— 1898 M. d. R., 
eines d. Haupter d. bad. Landwirtsbiindler; 

* Villa Douglas b. Konstanz 8. II. 1849; 
t Schlofi Gondelsheim b. Bretten 22. IV. — 
BJ XIII, 138 (H. Dicz); VZT; IZ 130, 883; 
RH 1893, 160. 

Doy6, Nathanael, Konsistorialrat, geistl. 
Insp. d. franzos. reform. Gemeinden i. 
Brandenbg. u. Pfarrer a. d. franzos. Kirche 
i. Berlin, Ritter d. Eisern. Kreuzes 2. KL; 

* Berlin 11. II. 1837; f das. 8. VI. — VZT; 
Ev.-Kirchl. Anz. 1908, 263; KJ 1909, 633. 

*Droysen, Gustav, Geh. Reg.-Rat, Dr. phil., 
Prof. d. neuer. Gesch. a. d. Univ. Halle; 

* Berlin 10. IV. 1838; t Halle a. S. 11. XI. 

— BJ XIII, 191 (H. Schulz); NZ 11. XI. 
A.-A.; W 47. 2022; IZ 131, 892/93 (P); 
GK 1909, 328/329; Chronik d. Univ. 
Halle-Wittenberg 1908/09, 14 — 17. 

Diirr, Alphons Friedrich, Nestor d. Leipz. 
Verlagsbuchhandler, auch durch soziale u. 
kommunale Tatigkeit bekannt; * Leipzig 
21. I. 1828; t das. 6. IV. — VZ 12. IV. 
M.-A.; HJ 1908, 435; Kchr 19, 374 (J. 
Jogel). 

DtilT> Gustav, Ingenieur bei d. Farbwerken 
i. Hochst a. M., Grundcr d. Ratinger 
Kesselfabrik Diirr u. Co. i. Diisseldorf, 
Erfinder d. sogen. »Durr-Kessels«; *Lindau 

a. B. 29. V. 1853; f Diisseldorf 14. II. — 
JSTG 1909, 97 (N). 

DUrreninatt, Ulrich, Nationalrat, schweizer. 
Journalist, Red. d. Bernischen Volksztg., 
Mitbegr. d. konserv.-demokr. Volkspartei; 

* 20. IV. 1849; t Herzogenbuchsee 27. VII. 

— HJ 1908, 435- 

Dtlimchen, Theodor, Romanschriftst., Essayist 
u. Feuilletonist; * Delitzsch 28. III. 1853; 
t Berlin 5. IX. — VZ 5. IX. A.-A.; WI 

3, 290 (W); KL 1908, 325 (W); IZ 131, 
425; LE 11, 80; BR 1, 285; BZ 23, 104 
[Hammer Jg. 7, 577 — 5 8 3 ( Th - Fritsch, 
Mammons -Opfer); Dtsch. Tageszt. Beil.: 
Zeitfragen Nr. 38 (0. Schmidt-Giebichen- 
fels)]. 

Dumreicher, Armand Frh. von, 1886- 1895 
M. d. Reichsrats, energ. Vertr. d. Deutsch- 
tums; * Wien 12. VI. 1845; t Ober-Mais 

b. Meran 2. XL— HJ 1908, 435; FT 1909, 
153, TL; Centralbl. f. d. gewerbl. Unter- 
richtswes. i. Osterreich Jg. 27, 223. 

Ebeliflg, August Wilhelm Daniel, D. % Dr. 
phil. Geh. Reg.-Rat, a. o. Mitgl. d. Kgl. 
Landes-Konsist. i. Hannover, Gymn.- 
Direktor a. D., klass. Philologe; * Hannover 
12. X. 1828; f das. 8. I. — Allg. Ev.-Luth. 



Kirchen-Zt. 1908, 143; TJ 28, Abt. 8, 543; 
WI 3, 295 (W); KL 1908, 331 (W); KJ 
1909, 631. 
Ebermayer, Ernst von, Geh. Hofrat, Dr. phil.. 
Prof. d. Meteorologie, Landwirtsch. u. 
Agrikulturchemie a. d. Univ. Munchen; 

* Rehlingen i. Bayern 2. XL 1829; f 
Hintersee b. Berchtesgaden 13. VIII. — 
T 284 (P); W 34, 1460; WI 3, 296 (W); 
Chronik d. Univ. Munch. 1908/09, 4 — 9. 

Ebersteill, Hugo Frh. von, Generalm. z. D., 
zuletzt Kommand. d. 94. Inf.-Reg. t Ritter 
d. Eisern. Kreuzes 2. KL, 1897 z. D.; 

* Koln 3. X. 1846; f Gr. Lichterfelde 
26. VI. — VZT; MZ 1908, 385; FT 1908, 
159; 1909, TL. 

♦Echteler, Josef, Bildhauer; * Legau b. 
Kempten 5. I. 1853; t Mainz 23. XII. — 
BJ XIII, 108 (H/Holland); KFA 24, 224. 

*Eckardt, Julius von. Dr. phiL, Geh. Reg.-Rat, 
friih. dtsch. Generalkonsul i. Zurich; 

* Wolmar i. Livland 1. VIII. 1836; f Wei- 
mar 20. I. — BJ XIII, 142 (H. DiezV, 
MAZ 22. I. Vorabd.-Bl.; HJ 1908, 435. 

Eder, Marie. Kgl. W r iirttembg. Hofopern- 
sangerin; * Kufstein 3. II. 1824; f Kufstein 
13. VI. — NTA 1909, 170. 

EgginiSChwiler, Joseph, Dompropst i. Solo- 
thurn, friih. Prof. d. Apologetik u. Dog- 
matik a. d. Solothurner theolog. Lehranst.; 

* 15. III. 1836; t Solothurn 5. IV. — 
HJ 1908, 435- 

EgH, Emil, Dr. theol. k. r., o. Prof. f. kirchen- 
geschichtl. Disziplinen u. deren Hilfswiss., 
hervorr. Kirchenhist. d. dtsch. -pro tes tan t. 
Schweiz, Zwingli-Forscher, Schopfer d. 
Zwingli-Museums u. Red. d. Zs. »Zwingh- 
ana«, Mitgl. d. Allg. Geschichtsforsch. Ges. 
d. Schweiz u. d. Antiquar. Ges. i. Zurich; 

* Flaach 9. I. 1848; f Zurich 31. XII. — 
HJ 1908, 435; ASG 40, 501/02 (A. Lechncr); 
Schweizer. theolog. Zs. Jg. 26, H. 2 (W. 
L. Wuhrmann, Z. Erinnerung an E. E.); 
TJ 28, Abt. 8, 543; KJ 1909, 636. 

Ehlers, Rudolf, Dr. theol., Ober konsistorial- 
rat, Pfarrer a. d. ev. -reform. Gemeinde i. 
Frankfurt a. M., hervorr. beteiligt a. d. 
Zustandekommen d. Frankf. Kirchenverf., 
langj. Vors. d. Pestalozzivereins z. Rettung 
verwahrloster Kinder, Griinder d. Idioten- 
anst. zu Idstein, 1879 — 1892 mit Basser* 
mann Hrsg. d. »Zs. f. prakt. Theologies; 

* Hamburg 30. III. 1834; + Frankfurt a. M. 
7. VIII. - HJ 1908, 435; WI 3, 303 (W); 
Protest. Monatsh. Jg. 12, 386 — 400 (W. 
Kohler); Zs. f. Missionskunde u. Reli- 
gionswiss. 1908, H. 8; TJ 28, Abt. 8, 543; 
KJ 1909, 634. 

♦Ehrhart, Franz Joseph, seit 1898 M. d. R. t 
Fiihrer d. pfalz. Sozialdemokraten, genannt 



25' 



Totenliste 1908: Eichendorff — van Eyken. 



26* 



dcr »rote Pfalzgraf*, seit 1893 Mitgl. d. 
Bayer. Landt.; * Eschbach, Kr. Landau 
6. II. 1853; t Ludwigshafen 20. VII. — 
BJ XIII, 138 (H. Diez); VZT; W 30, 1286; 
HJ 1908, 435; RH 1907, 243, 508 (P> 

Ekhendorff, Klara Freifrau von, Schwieger- 
tochtcr d. Dichters, Gattin dcs vor 8 Jahrcn 
f preufi. Geh. Reg. -Rats Hermann v. Eichen- 
dorff; * Neufl 3. VIII. 1826; f Bonn 5. V. 
— IZ 130, 1086. 

Elchrodt, Richard, bad. Hofschauspieler, 
Nestor d. Mannheimer Hoftheaters, Bruder 
d. bek. Dichters; * Karlsruhe 9. III. 1840; 
t Mannheim 14. IV. — HJ 1908, 435; 
NTA 1909, 164, 163 (P). 

Eibberger, Hermann, Dr. theol, Geh. Kon- 
sistorialrat, Superint.; * Altenburg i. Ostpr. 
23. VIII. 1837; f Steglitz 19. XII. — KJ 
1909, 636; OA 1908/09, 325. 

Ehlig, Peter, Geistl. Rat, Domkapitular, Prof, 
d. Dogmatik a. Priester-Seminar i. Trier, 
Griinder u. Red. d. »Pastor bonus*; * Trier 

25. V. 1852; f das. 21 . VII. — W 30, 1286; 
HJ 1908, 436; WI 3, 309 (W); KL 1908, 
349 (W); Allg. Ev.-Luth. Kirchen-Zt. 
1908, 750; TJ 28, Abt. 8, 543. 

Eitcl, Ernst, Prof. d. dtsch. Sprache u. Lit. 
a. d. Univ. Adelaide, fruh. Pastor d. St. 
Stephans-Gemeinde, einer d. angesehensten 
Deutschen i. Adelaide; * Efilingen 13. II. 
1838; t Adelaide 10. XI. — DE Jg. 8, H. 2 
(N); TJ 28, Abt. 8, 543; WJ 1908 Nekr. 

Elbe, A. v. d., (Pseud.) s. Decken, Auguste 
von der. 

EUendt, Georg, Gymn.-Direktor a. Frideri- 
cianum i. Konigsberg i. Pr. t verd. Schul- 
mann; * Konigsberg 6. V. 1840; t das. 

26. VII. — VZT; LZ 1908, 1053. 
EOer-Eberstein, Karl Frh. von, Generallt. 

z. D., zuletzt Kommand. d. 15. Kav.-Brig., 
Ritter d. Eisem. Kreuzes 2. KL, 1882 z. D.; 
* Minden 5. I. 1830; f Hannover 27. V. — 
VZ 28. V. M.-A.; MZ 1908, 302; FT 1908, 
161; 1909, TL. 

Ebenborn, Lucie, Schauspielerin; * Berlin 
22. II. 1880; t das. 6. III. — NTA 1909, 162. 

Entires, Bernhard, Dr. iheol., Domkapitular, 
Regens d. Priestersem. i. Trier; * 20. II. 
1828; f Trier 23. IV. — KVZ 23. IV. A.-A.; 
HJ 1908, 436. 

EngUtfMfer, Richard, Dr. pkil., Prof. a. d. 
Techn. Hochsch. i. Wien; * 1849; f Wien 
18, XII. — VZT; OR 18, 255. 

Efizberg, Eugen Frh. von, Schriftst. u. Jour- 
nalist; * Schwieberdingen, Wtirttbg. 26. 
II. 1858; t Berlin 27. II. — KL 1909, 54*, 
1908, 364/65 (W); FT 1910, 190. 

Erath, Wilhelm, vorm.Stadtschultheifi, Wtirtt. 
Landt. -Abg. 1862 — 76, Abg. z. Zollparlam. 
1868—70; * Horb i. Wurtt. 30. V. 1820; 



t das. 23. VI. — WJ 1908 Nekr.; OA 
1906/07, 272. 
Erbach-Erbach, Artur Graf zu; * Eulbach 

I. IX. 1849; f Erbach 7. VI. — VZT; 
HJ 1908, 436; HK 1910, 124. 

Erbach-Schdnberg, Gustav Ernst, ersterFiirst 
u. Graf zu, Senior d. Gesamthauses, erbl. 
Mitgl. d. 1. hess. Kammer; * Schdnberg 
17. VIII. 1840; f Darmstadt 29. I. — HJ 
1908, 436; GT 1908, 124. 

Erhardt, Louis, Dr. phil. % Kg). Archiv-Rat; 

* Gadcbusch 21. IX. 1857; f Charlotten- 
burg Anf. Febr. — KL 1909, 54*, 1908, 
368 (W). 

Erlanger, Gustav, Komponist von Orchester-, 
Chor- u. Kammermusikwerken, Kunst- 
kritiker; * Halle a. S. 19. I. 1842; f Frank- 
furt a. M. 23. VI. — VZT; HJ 1908, 436; 
AMZ 1908, 515; R 349. 

Esmarch, Friedrich August von, Wirkl. Geh. 
Rat, Prof. d. Chirurgie a. d. Univ. Kiel; 

* Tdnning, Schlesw. 9. I. 1823; f Kiel 23. 

II. — Kieler Zt. 24. II. A.-A. (N), 27. II. 
A.-A. (Trauerfeier); VZ 24. II. A.-A.; 
HC 25. II. M.-Bl. (N); Hamb. Nachr. 24. 
II. A.-A. (N); TRU Nr. 46 u. 47 (N); IZ 
*3<>< 349: 35 1 (Dums m. P); WI 3, 327 (W); 
HBL 2, 303/4; PBL 472/74 (W u. P); 
DMW 34, 1, 558/59 (A. Bier m. P); BKW 
45* i« 578/79 (A. Bier); MR 1908, 117; 
MMW 55, 1 (H. Waitz); MZ 1908, 118; 
MW 1908, 607 (Kdrting); Chronik d. Univ. 
Kiel 1908/09, 73 — 87 (Anschiitz, Rede z. 
Gedachtnisfeier d. Univ.); NS 13, 228; 
BZ 22, 101 [Berlin. Arztecorresp. Jg. 13, 
37 (G. Meyer); Mediz. Bl. Jg. 31, 98; 
Centralbl. f. Chirurgie Jg. 35, 357 (Richter); 
Mediz. -chirurg. Centralbl. Jg. 43, 98 
(Pels-Leusden); Mediz. Klinik Jg. 4, 375; 
Wiener klin. Rundsch. 1908, 189 (Schnitz- 
ler); Ttirmer April 1908, 51 (G. Korn); 
Allgem. Wiener Mediz. Zt. 1908, 99 (E. 
u. s. Beziehungen z. Krankenpflege); Zs. 
f. Krankenpflege Jg. 30, 65 — 70 (H. Cra- 
mer)] 23, 118 [Archiv f. Orthopadie Jg. 7, 
1— { (Ritter)]/ 

Esterle, Benedfkt Ritter von. Dr., ehem. 

Oberlandesger.-Pras. v. Tirol; * Cavalese 

1834; f Seis a. Schlern 22. VIII. — NFP 

25. VIII. A.-B1. 
Estrefcher-Rozbfcrski, Karl Ritter von, Dr. 

phil, Hofrat, Dir. d. k. k. Jagellon. Univ.- 

Bibl. i. Krakau; * Krakau 22. XI. 1827; 

t das. 30. IX. — HJ 1908, 436; Mitt. d. 

Osterr. Vereins f. Bibliothekswes. Jg. I2 t 

H. 4. 231 (E. Kuntze). 
Eyken, Heinrich van, Komponist u. Sanger, 

Lehrer f. Theorie u. Komposition a. d. 

Hochsch. f. Musik i. Berlin; • Elberfeld 

19. VII. 1861; t Berlin 28. VIII. — VZ 



27" 



Totenliste 1908: Eyre — Florschtitz. 



28* 



29, VIII. M.-A.; T 300 (P); IZ 131, 384; 
WI 3, 334; NMZ 29, 2 4t 517 (T. Canstatt 
m. P); AMZ 1908, 619 (P); Die Musik Nov. 
1908, 116 (R. M. Breithaupt). 

Eyre, Arthur Stanhope, Leiter d. Meteorol. 
Observat. 1. Ordnung i. Uslar a. Soiling 
i. Hannov.; * Carlton i. England 3. VIII. 
1840; f Uslar 14. V. — GK 1909, 330; 
DRG 31, 88; Meteorol Zs. 25, 360. 

Faber, Alexander, Seniorchef d. Magdeburg. 
Zt; * Magdeburg 9. V. 1844; | Hasserode 
i. Harz 2. II. — VZ 4. II. M.-A.; Mitt. d. 
Verl. 

Falk, Max, Dr. pkil., ungar. Politiker u. 
Publizist, friih. Chefred. d. » Pester Lloyd ♦, 
Hauptstutze d. lib. Partei, seit 1869 Mitgl. 
d. Reichsr.. Verf. zahlr. hist. Werke; 
* Pest 7. X. 1828; f das. 10. IX. — VZ 10. 
IX. A.-A.; NFP 10. IX. A.-Bl.; T 307 
(P); HJ 1908, 436; IZ 131, 483, 506 (Ph. 
Friedrich m. P); WI 3, 338. 

Farner, Alfred, Lokal-, AltertUmer- u. Ge- 
schichtsforscher, Mitgl. d. Zuricher Anti- 
quar. Ges. T lange Jahre i. Zurcher Kant.- 
Rat; * Unter-Stammheim 17. III. 1851; 
f Stammheim 7. I. — ASG 40, 494/95 (W)- 

♦Fastenrath, Johannes, Dr. phil, Hofrat, 
Dichter u. Schriftsteller; * Remscheid 3. 
V. 1839; t Koln 16 III. — BJ XIII, 20 
(F. Zilcken); VZ 17. III. A.-A.; NFP 22. 
III. Lit.-Bl. (M. Stona); AZB 1908, Nr. 4 
(E. v. Weitra); IZ 130, 531/32 (A. Drossong 
m. P); HJ 1908, 436; LE 10, 1033; WI 3, 
341 (W); KL 1908, 388/89 (W); BR 1, 343; 
Post, Sonntagsbeil. Nr. 23 (Th. Stromer). 

Fedderseil, Friedrich August, Pastor i. Nie- 
bull, schlesw; -hoist. Erzahler; * Schnate- 
bull, Amt Tondern 26. V. 1838; f Flens- 
burg i. Aug. — T 276 (P); KL 1908, 391 
(W); BR 1, 346; AL 1, x 7 4/75 (W). 

Feddersen, Johannes, Landger.-Rat i. Got- 
tingen, seit 1908 M. d. A.; * Roy b. 
Tondern 30. IV. 1849; f Gottingen 9. VI. 
— VZT; HA 1908, 376. 

Feigl, Ernst, Schauspieler; * Prag 5. VI. 1866; 
f das. 30. VIII. — NTA 1909, 173. 

*Fell f W r inand, Dr. theol. et phil, Prof. d. 
Theol. a. d. Univ. Munster, kirchenge- 
schichtl. Schriftst., Mithrsg. d. »Bibl. 
Studien*; * Aachen 13. XII. 1837; f 
Munster 5. VII. — BJ XIII, 128 (B. 
Vandenhoff); VZT; HJ 1908, 437; TJ 28, 
Abt. 8, 543; Chronik d. Univ. Munster f. 
1908/09, 6; WI 3. 346 (W). 

Feller, Frank, Schweizer Maler, bes. von 
Schlachtenbildern; f London 9. III. — 
VZT. 

Felsenthal, Bernhard, Nestor d. amerik. 
Rabbiner, schriftst. tatig, 1854 ausge- 
wandert; * Miinchweiler, Rheinpfalz 2. I. 



1822; f Chicago 12. I. — Allg. Zt. d. 
Judent. 1908, 128/29 (G. Deutsch). 
FereilCZy, Jos6 t erst Operettensanger, dann 
Dir. d. Zentraltheaters i. Berlin, Veranst. 
von Ensemble-Gas tspielen im Theater d. 
Westens, i. Lessing-Theater, b. Kroll usw.; 

* Unghvar b. Tokay 2. II. 1852; f Buenos 
. Aires 27. VII. — VZT; NTA 1909, 171; 

EG 253. 
Festetlberg-Packisch, August von, Generality 

Chef d. Milit.-Reitinstituts. Ritter d. Eisern. 

Kreuzes 2. KL; * Oberau, Schles. 5. IX. 

1849; f Hannover 2. II. — VZ 3. II. A.-A.; 

IZ 130, 374; MZ 1908, 72. 
♦Fiedler, Joseph Ritter von, Hof- u. Ministe- 

rialrat, ehem. Vizedir. d. Haus-, Hof- u. 

Staatsarchivs zu Wien, Mitgl. d. Wiener 

Akad. u. d. Bohm. Ges. d. Wiss. zu Prag; 

* Wittingau 17. V. 1819; f Wien 30. VI. — 
BJ XIII t 265; HJ 1908, 437. 

Fischbach, Friedrich, Kunsthist., Ornamen- 
ten-, Gewebe- u. Mythen-Forscher, 1883 — 
1889 Dir. d. Kunstgewerbeschule i. St. 
Gallen; * Aachen 10. II. 1839; f Wies- 
baden 12. IX. — NZ 15. IX. M.-A.; T 316 
(P); IZ 131, 546; MS 1, 444; KL 1908, 
404 (W). 

Fischer, Oskar, 1896 — 1907 Burgermeister 
von Magdeburg; * Arneburg 27. XL 1839; 
f Dresden 17. X. — VZT; OA 1908/09, 374. 

Fischer, Reinhard von, Wurtt. General d. 
Inf. z. D. t zul. Kommand. d. 18. Div., 
Ritter d. Eisern. Kreuzes 2. KL; f Deger- 
loch b. Stuttgart 31. X. — VZT; W 45, 
1936; MZ 1908; 610; WJ 1908 Nekr. 

Fischer-Manuel, Karl Ludwig Friedrich von, 
ehem. bsterr. Genie-Offizier, Mitgl. d. hist. 
Vereins d. Kant. Bern, Pras. d. Armen- 
vereins, spater d. stadt. Armenkommiss. 
i. Bern; * Bern 11. X. 1823; f das. 14. I. — 
ASG 40, 495 (W). 

Flassig, Friedrich Wilhelm, Dr. theol. h. c, 
Rektor d. Priestersem. i. Breslau t Kon- 
sistorialrat 1. Instanz., fiirstbischofl. Kom- 
missarius f. d. Revision d. Religionsunter- 
richts an d. hoheren Lehranst., d. Lehrer- 
u. Lehrerinnen-Seminare u. Praparandien ; 
♦Oppersdorf, Kr. Neifie 22. VII. 1841; 
t Salzbrunn 17. X. — JSG 1908, Nekr., 
5/7 (A. Koenig). 

FIor f Georg Friedrich Heinrich Arnold, 
Oldenburg. Staatsminist., Justiz- u. Kui- 
tusminister a. D.; * Oldenburg i. Gr. 24. 
IV. 1833; f das. 27. V. — VZ 2$. V. M.-A.; 
T 226 (P). 

FIOTSChutz, Georg, Dr. tned., Sanitatsrat, 
Prof., bek. durch seine anthropol. For- 
schungen, bes. i. Limesgebiet; * K6nigs- 
berg i. Franken I. II. 1859; f Wiesbaden 



29* 



Totenliste 1908: Foerster — Fiirstner. 



30* 



9. IX. — W 38, 1636; GK 1909, 33i; 
DRG 31, 39; PBL 521; L 44, 10, 94. 

Foerster, Ferdinand von, Dr., Landesaltest. 
d. Schweidnitz-Jauerschen Fiirstent.- 
Landschaft, hervorr. tatig auf d. Gebiete 
d. Selbstverwaltung; * Ob.-Mittlau, Kr. 
Bunzlau 22. IX. 1867; f das. 6. VIII. — 
VZT; BTB 1908, 290. 

FfiUlck, Philipp von, Generalm. a. D., d. 
alteste Offizier d. preufl. Armee; * auf e. 
engl. Schiff auf d. Fahrt von Jamaika 
nach England 30. XI. 1805; f Charlotten- 
burg 15. XI. — T 362 (P); NZ 26. XL 
A. -A.; W 47, 2022; MZ 1908, 637. 

Frank, Julius, Dr. phiL, Archivar, d. alteste 
Mitgl. d. Marie Seebachstiftes i. Weimar, 
ehem. bek. Spielleiter u. Schauspieler; 

* Danzig 23. I. 1822; f Weimar 9. IX. — 
VZ 11. IX. A. -A.; NTA 1909, 173- 

♦Frank, Julius, Historienmaler; * Munchen 
11. IV. 1826; f das. 30. IV. — BJ XIII, 
43 (H. Holland); MAZ Jg. in, Nr. 6; 
T 199 (P); HJ 1908, 437; Christl. Kunst 
Juni 1908, Beil. S. 95; MS 1, 473; BMW 
1, 320 (W); Kchr 19, 438. 

Fratltz, Adolf, Dr., Prof. d. Staats- u. Kirchen- 
rechts a. d. Univ. Kiel; * Ringleben 14. 
X. 1851; t Kiel 19. VI. — T 243 (P); HJ 
1908, 437; KJ 1909, 633. 

Franz, Reinhold, Dr. med., Geh. Hofrat, 
Leibarzt u. Schwager d. Herzogs von 
Sachsen-Meiningen, Bruder d . morgan. Ge- 
mahlin d. Herzogs, d. Freifrau v. Heldburg, 
langjahr. Kurarzt i. Langenschwalbach; 

* Naumburg 28. X. 1840; f Kuranst. 
Neuwittelsbach b. Munchen 13. XII. — 
W 51, 2194; IZ 131, 1219. 

Frapan-Akunian, Use s. Akunian. 

Frederking, Hugo, Landmesser u. Steuer- 
insp. a. D., hess. Dichter u. Romanschrift- 
steller; * Kassel 23. VII. 1846; f das. 4. 
IX. — VZ 9. IX. M.-A.; IZ 131, 483; 
LE 11, 81; KL 1908, 433 (W); BR 1, 379; 
HJ 1908, 437; HL 22, 267. 

Freinademetz, Peter von, Provikar von 
Siidschantung, Mitbegr. d. Mission Jent- 
schoufu; * Abter i. Tirol 15. IV. 1852; 
f Jentschoufu i. Siidschantung 27. I. — 
VZ 8. II. A. -A.; HJ 1908, 437- 

Freund, Emilie, geb. Bomly, ehem. Schau- 
spielerin, 29 Jahre lang Mitgl. d. Schau- 
spielhauses i. Frankfurt a. M.; * Rothen- 
burg 21. V. 1835; f Dessau 16. II. — 
NTA 1909, 157. 

Frey, Ludwig, Vizedirektor d. eidgenoss. 
Versicherungsamts; f Bern 23. X. i. A. v. 
66 J. — W 44, 1892. 

Freytag, Karl Emil Clemens, Dr. phil., Geh. 
Reg.-Rat, a. o. Prof. f. spezielle Tierzucht- 
lehre u. landwirtsch. Rechnungswesen a. d. 



Univ. Halle, Mitarb. an d. von Alois Koch 

hrsg. »Encyklopadie d. ges. Tierheilkde. 

u.Tierzucht* ; * Braunschweig 26. IX. 1831 ; 

f Halle 27. IX. — Chronik d. Univ. Halle- 
Wittenberg 1908/09, 12/13. 
Freytag-Lorittghoven, Alexander Frh. von, 

groflherz. sachs. Kammerherr, russ.-deut- 

scher Dichter; * Rio de Janeiro 8. V. 1849; 

t Weimar 11. IX. — VZ 13. IX. M.-A.; 

IZ 131, 546; HJ 1908, 437; KL 1908, 

442 (W); BR 1, 388; FT 1908, 216, 1909, TL. 
Fricke, Gustav Adolf, Dr. theol. et phii, 

Geh. Rat, Prof. d. neutest. Exegese a. d. 

Univ. Leipzig, Senior d. theol. Fakultat, 

langjahr. Vors. d. Gustav Adolf- Vereins; 

* Leipzig 23. VIII. 1822; f das. 30. III. — 

VZ 30. III. A.-A.; T 170 (P); HJ 1908, 437; 

WI 3, 384 (W); Allg. Ev.-Luth. Kirchen- 

Zt. 1908, 357; TJ 28, Abt. 8, 543; Hartung- 

Ihmels, Reden v. d. Trauerfeier am 2. IV. 

1908 geh., Leipz. 1908; KJ 1909, 632. 
Frledlander, Benedikt, Dr. phil., naturwiss. 

u. volkswirtsch. Schriftst.; * Berlin 18. 

VII. 1866; t Schoneberg 21. VI. — VZT; 

KL 1908, 447 ; Staatswiss. Lit.- u. Schriftst.- 

Kal. 1904, 72/73 (W). 
Friedmann, Meir, Lektor u. Lehrer d. jtid. Lit., 

grundl. Kenner u. Kommentator d. jud. 

Schrifttums; * i. Mai 1831; f Wien 23. XI. 

— Allg. Zt. d. Judent. 1908, 583/84 (A. 

Kaminka). 
Friedfich, Leo (Pseud.) s. Hermann. 
Fringilla (Pseud.) s. Schramm-Macdonald. 

Marie. 
Friihwald, Ferdinand, Dr. med., a. 0. Prof. 

d. Kinderheilkunde ; * Wien 1. X. 1854; 

t das. 8. II. — LZ 1908, 283; WMW 1908, 

366; PBL 563. 
FtlChs, Adolf, Geh. Rat, seit Jahrzehnten auf 

d. Gebiete d. Arbeitsnachweises, d. Jugend- 

fiirsorge u. d. Gefangenenschutzes tatig; 

f Karlsruhe 20. X. i. A. v. 75 J. — AF 

1908, 482. 
Fuchs, Wilhelm von, wurtt. Staatsrat, Vorst. 

d. Bauabt. d. Generaldirekt. d. wurtt. 

Staatseisenbahn, Mitgl. d. Akad. d. Bau- 

wesens i. Berlin; f Stuttgart 8. X. i. A. 

v. 66 J. — VZ 10. X. A. -A.; DBZ 42, 80; 

WJ 1908 Nekr. 
FUrstenberg/M. A. (Pseud.) s. Wundtke, Max. 
Furstenberg-Stammheim, Graf Gisbert Egon 

von, Kgl. Preufi. Kammerh., SchloO- 

hauptm. i. Coblenz, Mitgl. d. Herrenh., 

Vors. d. Rhein. Prov.-Landt.; * SchloG 

Stammheim, Rheinprov. 29. III. 1836; 

t Bonn 28. III. — T 183 (P); GT 1908, 306; 

HH 1904, 316; HJ 1908, 438. 
Fiirstner, Adolf, Hofmusikalienhandler i. 

Berlin, Verleger von R. Wagners fruheren 

Werken u. von Komposition. R. Straufi', 



31' 



Totenliste 1908: Fuhrmann — Gisi. 



32* 



Delibes', Massenets u. Leoncavallo's; * Ber- 
lin 2. 1. 1835; f Nauheim 7. VII. — VZT; IZ 
131, 37; NMZ 29, 18, 400; R 408; HJ 
1908, 438. 

Fuhrmann, Max, Kirchl. Maler; * Miinchen 
i860; f Pasing b. Munch. 21. V. — Christl. 
Kunst Juli 1908, Beil., 104. 

FtllstJng, Bernhard, WGOb. - Reg. - Rat, 
Dr. iur. et phil. h. f., Senatspras. d. Ober- 
verw.-Gerichts, Autoritat auf d. Geb. d. 
Steuergesetzgebung, Verf. d. bek. Kom- 
mentare z. Einkommensteuer- t Erg.- Steuer- 
u. Gewerbesteuer-Gesetz; * MUnster 25. 
IX. 1841; t Berlin 14. II. — VZ 15. II. 
A.-A.; IZ 130, 410; DJZ>) 1908, 295; HJ 
1908, 437; KL 1908, 463/64 (W); Staats- 
wiss. Lit.- u. Schriftst.-Kal. 1904, 74 (W); 
Preufi. Verwaltuhgsbl. Jg. 29, 425. 

Fttrrer, Konrad, Prof. d. allgem. Religions- 
Gesch. i. Zurich, hervorr. Kanzelredner, 
Schriftst., Pfarrer a. St. Peter i. Zurich, 
Mitgl. d. geschaftsfuhr. Vorst. d. Dtsch. Pa- 
lastina-Vereins, guter Kenner d. palastinens. 
Geogr., Mitgl. d. ZUrcher Antiqu. Ges.; 

* Fluntern 5. XL 1838^ Zurich 14. IV. — 
VZ 15. IV. M.-A.; T 187 (P); HJ 1908, 437; 
KL 1908, 467 (W); WI 3, 402 (W); Zs. d. 
Dtsch. Palast.-Vereins 1908 4/5, 49 — 53 
(E. Kautzsch); Protest. Monatsh. Jg. 12, 
232 (H. Kesselring, Z. Erinnerung an P. 
Christ u. K. F.); Protestantenbl. 1908, 
Nr. 17 (D. Abschiedswort eines sterbenden 
Pfarrers); ASG Jg. 40, 497/9$ (W); TJ 28, 
Abt. 8, 543; KJ 1909, 633; Schweizer. 
Reformblatter 1908, Nr. 18. 

Galen, Maximilian Gereon Graf, Dr. theol. 
et pkil., Weihbischof i. MUnster i. W., 
Tit.-Bischof von Myrina, papstl. Haus- 
pralat u. Thronassistent; * MUnster i. W. 

10. X. 1832; t das. 5. XL — VZ 5. XL 
A.-A.; KVZ8. XL Beil. 2; W46, 1980; HJ 
1908, 438; GT 1908, 309; TJ 28, Abt. 8, 543. 

Gander, Otto von, Generally z. D., Ritter d. 
Eis. Kreuzes 2. Kl., zul. Kommand. d. 

17. Kav.-Brig.; * Beatendorf, Kr. Rybnik 

18. II. 1830; f Men tone 2. II. — VZ 11. 

11. M.-A.; IZ 130, 374; MZ 1908, 90. 
Gaspaiy, I. W., Kapellmeister u. Komponist; 

* Hamburg 2. XII. 1839; f Berlin 28. III. 
— NTA 1909, 162. 

Gatlpp, Robert von, Dr. iur., wUrtt. Staatsrat 
a. D., Mitgl. d. DiszipL-Hofes, langj. Vorst. 
d. Zen trals telle f. Gewerbe u. Handel, Exz.; 

* Bissingen 14. VII. 1836; f Stuttgart 
30. VIII. — VZ 31. VIII. A.-A.; WJ 1908 
Nekr.; OA 1908/09, 431. 

*Gebhardt, Ludwig, Landschaftsmaler; 
♦MUnchen 20. VII. 1830; f das. 6. X. — 
BJ XIII, 41 (H. Holland). 
)) — Deutsche Juristen-Zeitun?. 



Gehlen, Albert, Schauspieler u. Spielleiter 
a. Stadttheater i. Bremen; * Cttln 24. X. 
1874; f Munchen 5. IV. — NTA 1909, 164. 

Gehben, Joachim, 1871—76 Hrsg. d. BerL 
Skandalbl. »Dtsch. Reichsglocket, spater 
Hrsg. d. »Stadtlaternet; * Tonning 1841; 
f Charlottenburg 2. II. — VZT; IZ 130, 
334; HJ 1908, 438; Al 1, 206. 

Gels, Jakob, popularer MUnch. Volkssanger, 
Humorist u. Coupletdichter, ehem. Sing- 
spielhallen-Direktor, »Papa Geis«; • Athen 
27. XII. 1840; f MUnchen 3. III. — MAZ 

5. III. Vorabd.-Bl.; IZ 130, 441. 
Gemmlngen Frh. von Massenbach, Hermann, 

bayer. Generalm., bis 1905 Kommand. d. 

6. Inf.-Reg., auch Militarschriftst.; * Mun- 
chen 28. I. 1852; f das. 1. XL — FT 1908, 
491; 1909 TL. 

GenSt, Franz, Generalm., Ins p. d. 1. Pionier- 
Insp.; * Stettin 15. II. 1848; f Berlin 26. 
X. — VZT; MZ 1908, 595; OA 1908/09, 440. 

Gerestdn 9 Elise von, ehem. Schauspieler in; 

* Hamburg 15. XII. 1829; f Jena 15. VII. — 
NTA 1909, 170. 

Gerlach, Jakob von, Geh. Reg. -Rat, Landrat 
a. D., Pras. d. Berl. Missionsgesellschaft, 
bek. Kirchenpolitiker (konfess. Gruppe); 

* Kladen 20. III. 1830; f Berlin 26. XL — 
KJ 1909, 635; OA 1908/09, 445. 

Gerlach, Otto, Leipz. Maler u. Illustrator, 
Spezialzeichner u. kUnstler. Mitarb. d. IZ; 

* Leipzig 3. VIII. 1862; t Teheran 15. VIII. 
— VZ 21. VIII. M.-A.; IZ 131, 319/20 
(N m. P); WI 3, 424. 

♦Gersdorff, Hans Otto von, preufi. Grofi- 
grundbes., konserv. M. d. R.; * Bauchwitz 
i. Posen 10. I. 1864; f das. 17. X. — BJ 
XIII, 145 (H. Diez); VZ 19. X. A.-A.; 
IZ 131, 752; RH 1907, 260; HJ 1908, 438. 

Gey-Hetfize, Marie, »ein stilles, f eines Talent* 
in d. Radierkunst, SchUlerin von Otto 
Fischer i. Dresden; f Leipzig 28. III. i. A. 
v. 27 J. — Kchr 19, 512. 

Gintl, Wilhelm Friedrich, Prof. d. analyt. 
Chemie a. d. Dtsch. Techn. Hochsch. i. 
Prag, Begr. d. ehem. Fabrik AuOig, Mitgl. 
d. Herrenh.; * Wien 4. VIII. 1843; t Prag 
2 6. II. — VZ 27. II. M.-A.; IZ 130, 441; 
Dtsch. Arbeit 7, 6, 399; KL 1908, 503; 
WI 3, 434; PF 4, 1, 499 (W); BZ 22, 124 
[Intern. Mineralquellen-Zt. Jg-9, Nr.184; Zs. 
f . Gewerbehygiene Jg. 1 5, 1 i4(Rambousek)]. 

Gisi, Martin, Prof., seit 1874 Lehrer d. franzos. 
Sprache a. d. Kantonsschule i. Solothurn, 
seit 1883 Kan tons- Bibliothekar, Mitgl. 
d. Allg. Gesch.-forsch. Ges. d. Schweiz u. 
d. Hist. Ver. d. Kant. Solothurn; * Olten 
19. II. 1847; t Solothurn 20. VI. — VZT; 
LZ 1908, 893; ASG Bd.40, 499 (W). 



33* 



Totenliste 1908: Giiycki — GreifT. 



34* 



GJfyck!, Paul von, Dr. phil. % Schulrat, Stadt- 
schulinspektor i. Berlin, Schriftst., hervorr. 
durch humanitares u. sozialpadagog. Wir- 
ken; * Schloppe i. Westpr. 22. V. 1856; 
t Berlin 28. III. — VZ 29. III. M.-A.; 
KL 1908, 505 (W); WI 3f 43S (W). 

Glaser, Eduard, Dr. phiL h. c, Afrika- u. 
Arabien-Forscher, 9 Jahre i. Arabien mit 

d. Samml. von Inschriften, Ms. u. Sprach- 
proben beschaftigt; * Dtsch. Rust i. Mahren 
15. III. 1855; f Munchen 7. V. — VZ 9. V. 
M.-A., 14. V. M.-A.; T 217 (P); MAZ 1908, 
152/53 (H. Grothe, Z. Gedachtnis von 
E. G.); IZ 130, 1048/49 (F. Hommel m. 
P); G 93, 388; HJ 1908, 438; GK 1909, 
332/33; DRG 30, 423, 472; Dtsch. Arbeit 

7, 10, 675/77 (M. Grunert m. P); GA 1908, 
161; L 1908, 6, 62; Allg. Zs. d. Judent. 
1908, BeiL Nr. 20, 284/86 (N); TJ 28, Abt. 

8, 543; BZ 22, 125 [Berl. Tagebl. BeiL: 
Zeitgeist Nr. 22 (O. Weber)] 23, 148 
[Beitr. z. Kenntn. d. Orients Bd. 6, 59 — 65 
(H. Grothe)]. 

Glauniflg, Hans, Hauptmann in d. Schutz- 
truppe fur Kamerun, fruher in d. Schutz- 
truppe f. Dtsch. Ost-Afrika, hochverd. 
um d. Aufnahme d. von ihm betretenen 
Gebiete; * 29. I. 1869; f Kamerun 5. III. 
i. einem Gefecht gegen d. Eingeborenen. — 
GK 1909, 333/34; DKZ 1908, 316, 853; 
IZ 130, 530. 

Goebel, Gerhard, Dr. theol., Konsistorialrat, 
Superintendent u. 1. Domprediger i. Halle 
a. S.; * Altwiedbei Neuwicd 30. XII. 1839; 
t Halle a. S. 5. XI. — KL 1909, 54*, 1908, 
511 (W); Pers. Mitt. 

Gdhl&T, Bernhard, Lehrer, Organist u. Kom- 
ponist, Dirigent d. Sangerbundes u. Musik- 
vereins i. Valparaiso; f Valparaiso Ende 
Juli. — VZ 28. VIII. M.-A.; AMZ 1908, 121. 

Gdtt, Emil, ein von Tolstoischen Idealen 
beeinfl. Landwirt, Schriftst. u. Dichter, 
bek. durch seine Schausp. »Mauserung« 
u. »Verbotene Fruchte*; * Jochtingen i. 
Kaiserstuhl 13. V. 1864; f Freiburg i. B. 
13. IV. — NZ 22. IX. M.-A.; MAZ Jg. in, 
Nr. 26; LE 10, 1323; NTA 1909, 164; 
Dtsch. Christentum Okt. 1909 (K. Hessel- 
bacher, E. G., ein sudd. Charakterkopf); 
HJ 1908, 438; LZ BeiL: Schone Lit. Nr. 22 
u. 23 (Geiger, E. dtsch. Lustspieldichter); 
TRU Nr. 229 (W. Wetz, Z. Gedachtnis 

e. dtsch. Dichters). 

Gdttmann, Karl, Reg.-Rat, Vizedir. d. k. k. 
Hofbibliothek i. Wien; * Nagy-Banya 
i. Ungarn 13. I. 1845; t Wien 25. X. — 
Mitt. d. dsterr. Ver. f. Bibliothekswes. 

r Jg. 12, H. 4, 288(O.Doublier); HJ 1908,439. 

Gdtz, Leopold, fruh. Reichsratsabg.; * 1839; 
f Nikolsburg 20. VII. — OR 16, 274. 



Gdtze, Auguste (Pseud.: A. Weimar), GroBh. 
Sachs. Kammersangerin, Gesanglehrerin u. 
Mitgl. d. Konservator. i. Leipzig, Dichterin 
u. Schriftst.; * Weimar 24. II. 1840; 
f Leipzig 29. IV. — VZ 2. V. M.-A.; IZ 
130, 883; HJ 1908, 439; AMZ 130, 386; 
KL 1908, 529 (W); PY 1, 267/268 (W); 
NTA 1909, 165; R 473; WI 3, 445 (W). 

Goldbeck, Maximilian von, Geh. Oberjustiz- 
rat, Landgerichtspras. i. Liegnitz; f 
Mierschwitz b. Parchwitz 21. VIII. i. A. 
v. 63*/ 4 J. — VZ 22. VIII. A.-A., 23. VIII. 
M.-A.; T 293 (P). 

Golz, Gustav Adolf von, General d. Inf. z. D., 
bis 1897 Chef d. Ingenieur- u. Pionier- 
Corps; * Wittenberg 19. VIII. 1833; 
f Homburg v. d. H. 19. VII. — 1851 
Einj.-Freiw., 1852 Offizier, 1859 Adjutant 
d. 2. Ing.-Insp., darauf d. Generalinsp. d. 
big.- u. Pionier-Corps, 1866 Hauptm., 
1870/71 i. Stabe d. Kriegsministers, 1874 
Oberstl. u. Kommand. d. 10. Pionier-Bat., 
1877 Kommand. d. Eisenb.-Reg., 1886 
Generalm. i. Generals tab, 1888 Chef d. 
1. Ing.-Insp., 1890 Generalinsp., 1893 Gen. 
d. Inf., 1896 geadelt. — T 261 (P); W 30, 
1286, 1294 (P); IZ 131, 220; MW 1908, 
2405 (Tauwel); MZ 1908, 422; HJ 1908, 
438; LJ 1908, 512. 

Gombert, Albert, Prof., Dr. phiL, Oberl. a. 
Kgl. Wilhelms-Gymn. i. Breslau, Schriftst. 
auf d. Geb. d. Germanistik, bes. d. Wort- 
forschung; * Goritz, Kr. Prenzlau 21. IX. 
1839; f Breslau 18. VIII. — JSG 1908 
Nekr., 7/8 (Troger); Zs. f. dtsch. Wort- 
forschung Sept. 1908 (F. Kluge). 

Gorel, Ludwig (Pseud.) s. Berg, Leo. 

Gottschalg, Wilhelm, Sachs. Hoforganist, 
Orgelspieler u. Orgelkomponist, Nestor d. 
Weimarer Musiker, Freund Liszts u. 
Wagners; * Mechelrode b. Weimar 14. II. 
1827; f Weimar 3. V. — VZT; W 24,1022; 
NMZ 29, 18, 400; AMZ 1908, 466; R 472. 

GottwaM, P. Benedikt, Benediktiner, hervorr. 
Kanzelredner u. Gelehrter, seit 1900 
Spiritual d. Dominikanerinnenklosters i. 
Wil b. St. Gallen, Prof. u. Stiftsbibliothekar, 
hochverdient um d. Ordnung u. Katalogi- 
sierung d. Engelberg. Stiftsbibliothek, d. 
Klosterbibliothek u. d. Archivs i. Wil; 
* Offenburg i. Bad. 21. I. 1845; f Wil 
b. St. Gallen 22. II. — HJ 1908, 439; 
ASG 40, 495 (W). 

Grata, Hermann von, seit 1876 Landesrat, 
von 1895 — 1907 Landeshauptmann d. Prov. 
Schleswig-Holstein; * Kiel 17. IX. 1833; 
t das. 15. VI. — Kieler Zt. 10. u. 11. VIII. 
1907 M.-A. (50 jahr. Dienstjubilaum), 
20. VI. 1908. 

Greiff, Wolfgang. Geh. Reg.-Rat u. Senats- 



35* 



Totenlistc 1908: Grculich — Haidacher. 



36* 



vors. i. Reichs-Vers.-Amt, auch litcrar. 

auf versicherungsrechtl. Gebiete hervor- 

gctreten; f Berlin 18. I. — VZ 20. I. A.-A. 
Gretdich, Richard, Dr.med. y Geh. Sanitatsrat, 

belicbter Arzt; f Berlin 26. V. — VZT; 

BKW 45. i* io 79- 
Greve, Julius, Pastor, Direktor d. theol. 

Seminars d. luther. Freikirche i. Preufien; 

t Breslau 28. IV. — VZ 29. IV. A.-A.; 

Allg. Ev.-Luth. Kirchen-Zt. 1908, 462; 

TJ 28, AM. 8, 543; KJ 1909, 633. 
Grobecker, Anna, geb. Mejo, einst gefeierte 

Soubrette, Operettensangerin, Vertreterin 

aller Offenbachschen Heldinnen; * Breslau 

27. VII. 1827; f Althofen b. Klagenfurt 26. 

IX. — VZ 30. X. M.-A.; NFP 30. IX. 

M.-Bl. (Memor); W 40, 1722; IZ 131, 594; 

HJ 1908, 439; NTA 1909, 174; EG 352. 
Grohmatin, Paul, hervorr. Alpenforscher u. 

Hochtourist, Hrsg. von Reisehandbuchern 

u. Karten, d. letzte d. Begr. d. osterr. 

Alpenvereins ; * Wien 12. VI. 1838; f das. 

29. VII. — VZT; IZ 131, 220 (N m. P); 

GK 1909, 335; Mitt. d. Osterr. Alpen- 

Vereins 10, 133—35; l 5> l8 9 A- (A. Dreyer); 

DRG 30, 571; GA 9, 233. 
Grub, Friedrich, Okonomierat, Besitzer d. 

Milchkuranst. a. Viktoriapark i. Berlin, 

1887 — 90 nationallib. M. d. R.; * Stuttgart 

19. V. 1833; f Berlin 26. XII. — VZ30. XII. 

M.-A.; Hirth, Dtsch. Parlam.-Almanach 

16. Ausg., 158; WJ 1908 Nekr. 
Grube, Wilhelm, a. 0. Prof. a. d. Univ. Berlin, 

ausgez. Sinologe auf linguist., ethnogr. u. 

kulturhist. Gebiete, vortr. Kenner d. 

chines. Volkes; * St. Petersburg 17. VIII. 

1855; f Berlin-Halensee 2. VII. — VZT; 

MAZ 1908, 332/33 (A. Forke); IZ 131, 287; 

G 94, 147; HJ 1908, 439; GK 1909, 335; 

DRG 31, 136; GA 9, 357; KL 1908, 553 

(W); Chronik d. Univ. Berlin Jg. 22, 8. 
Griibel, Moritz, ehem. Opernsanger; * Reichen- 

bach 13. I. 1819; f Wiesbaden 4. IX. — 

NTA 1909, 173; EG 359- 
GrQtzmacher, Otto, Chef-Red. d. lib. »Neuen 

Pommerschen Tageblatts* i. Stargard; 

* Stargard 17. VIII. 1838; f das. 1. IX. — 

VZ 5. IX. M.-A.; Mitt. d. Red. 
♦Grundherr zu Altenthan u. Weyerhaus, 

Adolf von, Genremaler; * Munchen 30. 

IX. 1848; t das. 6. IV. — BJ XIII, 37 

(H. Holland). 
*G*Chiel, Jakob, Bildhauer; * Obersalberg i. 

Steiermark 26. VII. 1821; f Graz 15. I. — 

BT XIII, 204 (J. Ranftl). 
Gtildenpfennig, Arnold, Geh. Baurat, Dom- 

baumeister, hervorr. Gothiker, Meister auf 

d. Gebiete d. Restaurationsarbeiten ; * Mar- 
burg i. Westf. 13. XII. 1830; t KSln 23. IX. 

— KVZ 24. IX. Mitt.-A.; HJ 1908, 439- 



Glfttmami, Hermann, Dr. med., Sanitatsrat, 
Schriftst. auf d. Gebiete d. Turnhygiene 
u. d. Samariterwesens, Hrsg. d. »Hygiene- 
Rundschau* i. Berlin; * Namslau i. Schles. 
7. VIII. 1848; f Berlin 21. XL — VZ 24. 
XI. A.-A.; KL 1908, 569 (W). 

Haas, Adolf, Verleger d. tAugsburger Post- 
Zt.4, Mitbesitzer d. Literar. Instituts von 
Haas u. Grabherr i. Augsburg, urspr. 
Rechtsanw., seit 1871 in d. Red. d. ♦Augs- 
burg. Post-Zt.«; * Neuburg a. D. 29. VI. 
1844; t Augsburg 4. IX. — HJ 1908, 439; 
Pers. Mitt. 

Haas, Johannes, Reichsgerichtsrat, Ritter 
d. Eisern. Kreuzes 1. KL; *Schlotenitz b. 
Stargard 5. X. 1851; f Leipzig 29. I. — 
VZ 30. I. M.-A.; IZ 130, 374; MZ 1908, 
76; DZL 508. 

Habicht, Ludwig, popularer Romanschriftst., 
seit 1 88 1 i. Italien; * Sprottau 23. VII. 
1830; f Amalfi Ende Dez. — LE 11, 606; 
HJ 1908, 439; BR 2, 75; KL 1908, 577 (W). 

Haenflein, Georg, Violinist, Freund u. Junger 
Joachims, lange Jahre 1. Konzertmeister 
a. Kgl. Theater i. Hannover; * Breslau 
17. HI. 1848; f Elberfeld 10. IL — VZ 13. 
II. M.-A.; Mitt. d. Theaters. 

Haenisch, Karl von, General d. Kav. z. D., 
Ritter d. Schwarz. Adler-Ordens, Chef d. 
Ul.-Reg. Nr. 2; * Ratibor i. O.-Schles. 
4. I. 1829; f Charlottenburg 5. IX. — 
1847 Eintritt i. d. Armee, 1849 Offizier, 
1863 Rittm., 1866 Adjutant d. 10. Div., 
1866 Major i. Generalst. d. 5. Korps, 1869 
i. Kriegsminist., 1870/71 i. St. d. Kriegs- 
ministers, Eis. Kreuz 1. KL u. Adel, 1872 
Kommand. d. Drag.-Reg. Nr. 23, 1874 
Chef d. Stabes d. 8. Korps, 1882 Kommand. 
d. 28. Kav.-Brig., 1883 Direkt. d. Allgem. 
Kriegs-Dep. i. Kriegsminist., 1888 Kom- 
mand. d. Kav.-Div. d. 15. Korps, 1889 
Kommand. d. 4. Korps, 1890 General d. 
Kav., 1897 z. D. — VZ 5. IX. A.-A., 6. IX. 
M.-A.; W 37, 1592, 1594 (P); IZ 131, 425; 
HJ 1908, 439; LJ 1908, 512; MZ 1908, 499; 
DZL 522/23. 

Hagemann, Robert, WGOber-Post-Rat, zul. 
Oberpostdir. i. Hannover; f Hannover 19. X. 
— VZT; OA 1908/09, 525. 

Hagetl, Ernst Richard, Dr. med.. Prof. d. 
Laryngologie a. d. Univ. Leipzig; * Saal- 
feld 9. X. 1823; f Leipzig 17. VIL — T 260 
(P); IZ 131, 194; PBL 678/79 (W); HBL 

3. I3A4- 
Haidacher, Sebastian, Dr. theol, fiirsterz- 
bischofl. Konsistorialrat, Dekan u. Prof. d. 
Kirchengesch. a. d. theol. Fakultat i. 
Salzburg, bed. Chrysostomusforscher; * 7. I. 
1866; f Munchen 27. VII. — HJ 1908, 
439; TJ 28, Abt. 8, 543. 



37* 



Totenliste 1908: Hallgarten — Hedde. 



38* 



Hallgarten, Charles, Bankier u. Philanthrop, 
Griinder u. Mitbegr. vieler Wohlfahrts- 
einrichtungen f. alle Konfessionen, hoch- 
herziger Wohltater seiner jiidischen Glau- 
bensgenossen i. Ru 13 land; * Mainz 18. XL 
1838; f Frankfurt a. M. 19. IV. — FZ 
23. IV. 1. M.-Bl. (F. Naumann); T 190 (P); 
Allg. Zt. d. Judent. 1908, 207, Beil. Nr. 17; 
IZ 130, 834; AF 1908, 251; HJ 1908, 439; 
Sozialist. Monatsh. 1908, Bd 2, 643 (P. 
Kampffmeyer). 

Halmhuber, Heinrich, Prof. f Lehrer a. d. 
Stuttg. Baugewerkschule; * Stuttgart 
10. IV. 1852; f Konigsfeld 29. VII. — 
W 32, 1374; Mitt. d. Baugewerksch. ; 
WJ 1908 Nekr. 

Hamm, Julius, Ministerialrat i. Strafi- 
burg i. E., friih. Kurator d. Univ.; * Ra- 
tingen 24. VI. 1839; f Straflburg i. E. 
27. IV. — VZ 29. IV. M.-A.; OA 1908/09, 

534. 

Hammerstein, Olga Freiin von (Pseud.: 
O. Martell), Romanschriftst.; * Retzow b. 
Mirow 1 1. XII. 1866; f Heringsdorf 8. II. — 
KL 1909, 54*, 1908, 589; FT 1908, 311. 

Hanauer, Karl August, Ehrendomherr, 
Prof., seit 1882 Archivar u. Bibliothekar 
d. Stadt Hagenau, vorzugl. Kenner d. 
alten elsass. Kulturgeschichte; * Habsheim, 
Ob.-Els. 20. V. 1828; t Hagenau 23. VIII. — 
HJ 1908, 439; Mitt. d. Stadtbibl. 

Harbordt, Adolf, Dr. med., Sanitatsrat, Chef- 
arzt d. chirurg. Abt. d. Heiligengeist- 
spitals i. Frankfurt a. M., bes. bek. als 
Gehirnchirurg und Blinddarmoperateur; 

* Gladenbach b. Gieflen 22. X. 1843; 
f Frankfurt a. M. 27. III. — VZ 28. III. 
A.-A.; FZ 28. III. 3. M.-Bl.; HBL 3, 52; 
PBL 686/87. 

Harder, Richard Martin Andreas, Geh. Ober- 
Reg.-Rat, stand. Hilfsarbeiter i. Reichsamt 
d. Innern, friih. Kabinetts-Sekr. d. Kaiserin 
Augusta, dann i. Hofstaat d. Kaiserin 
Auguste Viktoria, Oberstlt. i. 1. G.-L.-Reg.; 

* Berlin 4. I. 1835; t Potsdam 4. III. — 
VZ 5. III. A.-A.; MZ 1908, 129; KJ 1909, 
632. 

Harrach, Maria Theresia Grafin zu Rohrau 
u. Thannhausen, geb. Prinzessin von Thurn 
u. Taxis, Sternkreuzordensdame, Palast- 
dame, letzte Oberhofmeisterin d. Kaiserin 
Elisabeth; * Prag 7. I. 1856; f Bruck a. d. 
Leitha 20. VIII. — NFP 20. VIII. A.-Bl.; 
HJ 1908, 440; HK 1908, 132. 

Hartmann, Otto, Mitgl. d. Allgem. Geschichts- 
forsch. Ges. d. Schweiz, friih. Privat-Doz. 
d. Gesch. i. Zurich, dann Red. d. Basler 
Zt M zul. i. Privatleben; * Miihlhausen 
14. XI. 1858; f Wil u. V. — ASG 40, 
498 (W). 

Biogr. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolojf. 13. Bd. 



Hartwig, Gustav, Baumeister, 1884 national- 
lib. M. d. R.; * Unkersdorf b. Dresden 
15. XII. 1839; f Dresden 25. II. — VZ 
26. II. A.-A.; IZ 130, 410; Hirth, Dtsch. 
Parlam.-Alman. is.Ausg., 158. 
Hasse, Ernst, DrlphiU Prof. f. Statistik u. 
Kolonialpolitik a. d. Univ. Leipzig, Direkt. 
d. Stadt. Statist. Amts, 1893 — J 9°3 
nationallib. M. d. R., Mitbegr. d. i. J. 1878 
einsetzenden Kolonial - Bewegung, Vor- 
standsmitgl. d. dtsch. Kolonialges., Vors. 
d. Alldeutsch. Verbandes, Griinder u. 1879 
bis 1896 auch Vorst. d. Vereins f. Handels- 
geogr. u. Kolonialpolitik i. Leipzig; * Leu- 
litz b. Wurzen 14. II. 1846; f Leipzig 
12. I. — VZ 13. I. A.-A.; IZ 130, 92 (P); 
Dtsch. Lehrer-Zt. 1908, 65; AF 1908, 122; 
Wartburg 1908, 40; DE 1906, 1 (J. Zemm- 
rich m.P); Export 1908, 88; GK 1909, 336; 
HJ 1908, 440; RH 1898, 191; WI 3, 514 
(W); KL 1908, 609; DZL 539/40; Alld. 
Bl. 1908, 18 — 20 (Lebenslauf, Bestattung), 
26 — 30 (Trauerkundgebung zu Prof. H.'s 
Tode), 45 — 46 (Gedachtnisfeier d. Ortsgr. 
Leipz.), 49 — 52 (Trauerfeier d. Alld. Verb, 
f. Prof. E. H.). 
Hauff, August von, vorm. Pras. d. Landger. 
Heilbronn; f Stuttgart 2. IX. — WJ 1908 
Nekr. 
Haug, Gottlieb. Wiirtt. Landt.-Abg. seit 
1 90 1, StadtschultheiO; f Langenau 11. I. — 
WJ 1908 Nekr. 
Haverland, Anna, Schauspielerin zul. Mitgl. 
d. Kgl. Schauspielhauses i. Berlin, Dichterin 
u. Novellistin; * Berlin 8. I. 1851; f Dres- 
den- Blasewitz I. VI. — W 23, 980; IZ 
130, 1267 (P); HJ 1908, 440; NTA 1909, 
168. 
Havestadt, Christian, Geh. Baurat, Erbauer 
d. Teltow-Kanals; * Emmerich 1852; 
f Berlin -Wilmersdorf 29. XII. — NZ 
31. XII. M.-A.; T 1909, 2 (P); Centralbl. 
d. Bauverw. 1909, Nr. 4 (Teubert). 
Hazard, Joseph Nikolas, Prof., Agronom 
a. d. k. sachs. landwirtsch. Versuchsstation, 
Sektionsgeologe; f Mockern b. Leipzig 
3. VI. — LZ 1908, 828. 
Heckel, Emil, Hofmusikalienhandler i. Mann- 
heim, Begr. d. dtsch. Wagner -Vereins, 
Freund R.Wagners; * 22. V. 1830; f Mann- 
heim 29. III. — VZT; HJ 1908, 440; 
NMZ 29, 14, 312; AMZ 1908, 297; 
R. W r agner - Jahrb. Jg. 3, 387—396 
(A. Beringer). 
Hedde, Friedrich, einer d. dtsch. Fiihrer d. 
schlesw. -hoist. Erhebung; * Rendsburg 
11. IX. 1 81 9; f Grand Island City, Nebraska 
5. III. — 1848 Mitgl. d. schlesw. -hoist. 
Landesversamml., wanderte 1854 nach 
Amerika aus, wo er eine angesehene 

27 



39* 



Totenlistc 1908: Hegel raaier — Herzfeld. 



40* 



Stellung als Rechtsanw. errang. Griinder 
d. Stadt Grand Island, wo er eine be- 
deutende Stellung in kommunalen An- 
gelegenheiten hatte; seit 1880 Journalist, 
d. i. 25. Jg. erscheinende Grand Island 
Daily Independent ist seine Schopfung. — 
Kieler Zt. 10. III. A.-A,, 14. III. M.-A. 
(Schleswig-Holstein i. Amerika), 24. III. 
M.-A. (N); IZ 130, 499; HJ 1908, 440; 
DAG Bd.89, Nr. i, 5—7 (W. A. Fritsch). 

Hegelmaier, August von, Wiirtt. Regierungs- 
direktor, Reichsbevollmachtigter a. D.; 
f Darmstadt 20. I. — WJ 1908 Nekr. 

HegetlSCheiftt, Rudolf. Kommerzienrat, Grofi- 
industrieller d. Eisenbranche in Ob.-Schl.; 
t Gleiwitz 17. II. — VZT. 

Heidmann f J. H., Chef d. Hamb. Kohlen- 
importfirma H. W. Heidmann, Beirat d. 
Statist. Bureaus d. Reichsamts d. Innern, 
Mitgl. d. Hamb. Handelskammer, Auf- 
sichtsratsmitglied der Hamb. Siemens- 
Schuckert-Werke, der erste, der 1889/90 
mit d. Plan e. Hamb. Vorortbahn in 
zwei Broschuren an d. Often tlichke it trat; 

* Hamburg 13. V. 1855; f Wiesbaden 
30. IV. — JSTG 1909, 101. 

♦Heilmayer, Karl, Landschaftsmaler; * Mun- 
chen 5. III. 1836; f das. 18. V. — BJ 
XIII, 189 (H.Holland). 

Heinemann, Georg, Direktor d. Deutschen 
Theaters i. St. Louis, vorziigl. Komiker, 
seit 1 88 1 in Amerika, wo er nacheinander 
an den dtsch. Theatern i. New York, 
Philadelphia, Milwaukee u. Chicago wirkte; 

* Berlin; f St. Louis 3. II. — VZT; NTA 
1909, 156. 

HeM, Franz (Pseud.) s. Herzfeld, Franz. 

Held, Louis, Generallt. u. Kommand. d. 4. Div., 
Ritter d. Eisern. Kreuzes 2. Kl.; * Halten 
i. Westf. 22. XL 1849; | Bromberg 27. IV. 
— VZT; WI 3, 537; MZ 1908, 243. 

Held, Theodor, Dichter, Schriftst. u. Forscher 
auf musikhist. Gebiete, alter Berlin. i848er, 
der 6 Jahre Festungshaft i. Spandau 
verbufite; * Halle a. S. 13. VI. 1822; 
t Eulau i. Bohm. 6. II. — VZT; IZ 130, 
374; LE 10, 818; HJ 1908, 440; BR 2, 126. 

*Helldorff-Bedra, Otto Heinrich von, Land- 
rat a. D., Kammerh., Mitgl. d. Staatsrats 
u. Herrenh., konserv. M. d. R.; * Schlofi 
Bedra b. Neumark, Bez. Halle 16. VIII. 
1833; f ^s. 11. III. — BJ XIII, 140 
(H. Diez); VZ 13. III. M.-A.; IZ 130, 499; 
HJ 1908, 440; Hirth, Dtsch. Parlam.- 
Almn. 16. Ausg., 163; DZL 567. 

Hellfeld, Otto von, Generallt. z. D., Ritter 
d. Eisern. Kreuzes 2. KL, zul. Insp. d. 
4. Fufiart.-Insp., 1889 z. D.; * Apolda 
2. VIII. 1827; f Berlin 11. XII. — VZ 
13. XII. M.-A.; MZ 1908, 692; DZL 568. 



Hellitiann, Johann, Senatspras. d. Oberst. 
Gerichts- u. Kassationshofes i. Wien; 
* 1836; t Wien 23. XII. — VZT; HJ 1908, 
440; OR 18, 255. 

Henckel von Donnersmarck, Graf Hugo, 
Haupt d. kathol. Linie d. Famiiie, Grofi- 
grundbes. u. Grofiindustrieller; * Schlofi 
Siemianowitz O./Schles. 31. VII. 1832; 
f Schlofi Brynnek b. Tarnowitz 2. IV. — 
Schles. Zt. 2. IV. A.-A.; HJ 1908, 440; 
GT 1908, 368. 

Henke, Georg, Generalm. z. D., Ritter d. 
Eisern. Kreuzes 2. Kl., bis 1898 Kommand. 
d. 78. Inf.-Reg.; * 1843; t Tennelbachthal 
18. I. — VZ 22. I. M.-A.; IZ 130, 169; 
MZ 1908, 48. 

Henning, Otto, Hrsg. d. Greizer Tagebl., 
friih. Hofdruckereibes., Ehrenburger d. 
Stadt Greiz, Mitgl. d. Gemeinderates u. 
Landt.-Abg., 1887—90 M. d. R. (Reichs- 
partei); * 27. II. 1833; f Greiz 28. XII. — 
VZ 28. XII. A.-A.; Hirth, Dtsch. Parlam.- 
Almn. 16. Ausg., 166. 

♦HenningS, Paul, Prof., Kustos a. Botan. 
Garten i. Dahlem; * Heide i. Hoist. 27. XI. 
1841; f Berlin 14. X. — BJ XIII, 101 
(E. Roth); GK 1909, 336; IZ 131, 1120; 
NR 1908, 647 (G. Lindau). 

Herbert, Otmar, Schauspieler a. d. Koburg- 
Goth. Hofbiihne; * Kes9elstadt b. Hanau 
22. VIII. 1837; t Koburg 5. V. — VZ 
7. X. M.-A.; T 332 (P); NTA 1910, 154; 
EG 419. 

Hermann, Julius, k. k. Oberbaurat, Dom- 
baumeister i. Wien, Leiter d. Restaurations- 
arbeiten a. d. Stephanskirche; * Wien 
2. V. 1848; t das. 1. III. — VZT; IZ 130, 
441; DBZ 42, 128. 

Hermann, Leo (Pseud.: Friedrich), Schau- 
spieler a. Hofburgtheater i. Wien, Hilfs- 
spielleiter von 1871 — 1877, spater Lehrer 
am Wiener, dann a. Sternschen Konser- 
vatorium i. Berlin; * Wien 6. V. 1842; 
f das. 2. VIII. — NTA 1909, 172; EG 289. 

Herter, Erwin, Privatd. f. physiolog. Chemie 
a. d. Univ. Berlin; * Berlin 21. X. 1849; 
f das. 9. IV. — VZ 11. IV. M.-A., 12. IV. 
M.-A.; Chronik d. Univ. Berlin Jg. 22, 8. 

Hertzer, Hugo Ottomar, Dr. phiL, Geh. Reg.- 
Rat, Prof. d. darst. Geometrie a. d. Techn. 
Hochsch. i. Berlin, bek. Methodiker d. 
Zeichenunterrichts; * Aschersleben 10. IV. 
1831; f das. 15. XI. — VZ 17. XI. M.-A.; 
Dtsch. Schule 12, 12, 777; PF 4, 1, 627; 
KL 1908, 660 (W); Progr. d. Techn. 
Hochsch. z. Berlin 1909/10, 155 — 157. 

Herzfeld, Franz (Pseud: Franz Held), Epeo- 
u. Dramendichter, Stuxmer u. Dr&nger 
d. jungs ten Deutschlands, Angehoriger d. 
Dichterkreises, dessen Haupt Arno Holz 



4 i* 



Totenliste 1908: Hesch — Hottenroth. 



42* 



war, seit 1890 i. geistiger Umnachtung; 

* Dusscldorf 30. V. 1862; f Munchen 
4. II. — VZT; HJ 1908, 441; IZ 130, 374; 
LE 10, 886; BR 2, 148. 

Hesch, Wilhelm, Kammersanger a. d. Wiener 
Hofoper, erst i. Prag, spater bei Pollini i. 
Hamburg, seit 1895 u Wien; * Elbsteinitz 
i. Bohm. 3. VII. i860; f Wien 4. I. — VZ 
4. I. A. -A.; NFP 4. I. A.-BL; IZ 130, 105; 
HJ 1908, 441; NTA 1909, 154/155; EG 
427; NMZ 29, 8, 184. 

HcB, Oskar, Wirkl. Geh. Kriegsrat i. Kriegs- 
minist.; * 1853; f Berlin 13. IV. — VZ 
15. IV. M.-A.; OA 1906/07, 489. 

Hetlberger, Antonie, geb. Landes, ehem. 
Opernsangerin; * Munchen 22. X. 1835; 
f Strafiburg i. E. 24. IV. — NTA 1909, 165. 

Hewald, Max Ernst Frh. von, bek. Luft- 
schifler, Forderer d. Pferde- u. Luftballon- 
Sports; * Schoneberg b. Berlin 10. III. 
1865; t das. x 7- VI. — W 26, 1 1 10, 1 1 16 
(P); FT 1908, 328. 

Heydebrand u. d. Lasa, Wilhelm Viktor von, 
Dr. iur. % WGRat u. Reg.-Pras. a. D., 
1884—89 M. d. R., 1879—99 M. d. A.; 

* Nassadel 26. VIII. 1849; f das. 14. III. — 
VZ 16. III. A.-A.; Zs. d. Ver. f. Gesch. 
Schlesiens Bd. 43 (N); Hirth, Dtsch. Par- 
lam. -Almn. 15. Ausg., 162. 

Hilbck, Georg Friedrich Alexander, 
fruh. Bergwerksdirektor, Vorst. -Mitgl. d. 
Knappschaftsgenoss. u. d. allgem. Knapp- 
schaftsvereins Bochum, nationallib. M. d. A. 
u. ehem. M. d. R.; * Lippstadt i. Westf. 
17. XII. 1841; t Dortmund 15. IX. — 
VZ 15. IX. A.-A.; HJ 1908, 441; IZ 131, 
546; RH 1898, 197. 

Hirschberg, Alfons, Dr. med., Sanitatsrat; 

* Baumgarten, Kr. Frankenstein 19. VI. 
1855; t Dtsch. Lissa 27. IX. — JSG 1908 
Nekr., 8/9. 

Hirschhom, Fritz, Kommerzienrat, Senior- 
chef d. Tabakfabrik Julius Hirschhorn, 
Mitbegr. u. Vors. d. Dtsch. Tabakvereins ; 
t Mannheim 3. II. — HJ 1908, 441. 

Hlrschmann, Julie, geb. Langhoff, Jugend- 
schriftstellerin; * Berlin 1. II. 18 12; f das. 
8. VIII. — W 33, Hi8; P Y 1, 359/60 (W). 

HIrt, Wilhelm, Rittergutsbes., kons. M. d.A.; 

* Cammerau, Kr. Schweidnitz 26. X. 1847; 
t das. 20. VI. — VZT; HA 1908, 392. 

Hirzel, Christoph Heinrich, Dr. phiL, fruh. 
a. o. Prof. d. Chemie a. d. Univ. Leipzig, 
ehem. Direktor d. polytechn. Ges., Schweiz. 
Konsul; * Zurich 1828; f Leipzig 15. XI. — 
VZ 22. XI. M.-A.; LZ 1908, 157 1. 

Hirzel, Heinrich Paul, frtih. Pfarrer, spater 
Pras. d. Stadtschulpflege, lange Jahre 
Mitgl. d. Gross. Stadtrates u. d. Kan tons - 
rates, Mitgl. d. Ziiricher Antiqu. Ges.; 



* Leipzig 26. IV. 1831; f Zurich 21. VI. — 
ASG Jg. 40, 500 (W). 

Hobbing, Martin, ausgez. Gesangspadagoge, 
Dirigent d. Bremer Lehrergesangvereins, 
Komponist von Liedern u. Chorgesangen; 

* Greetsiel i. Ostfriesl. 13. V. 1842; f Bremen 
16. III. — AMZ 1908, 272. 

Hochstrasser, Kandid, Schweiz. Nationalrat; 

* 22. XL 1846; f Willisau 31. XII. — 
VZT; HJ 1908, 441. 

Hock, Jakob Emil, Musikpadagoge i. Prag f 
d. letzte d. »Davidsbiindler*; * Prag 
31. XII. 1823; f das. 26. IX. — VZ 2. X. 
M.-A. 

Hdnigl, Dominik, k. Rat, infulierter Abt d. 
Stifts Seidenstetten u. Senior d. Abte d. 
Benediktinerordens; * 9. IV. 1833; t Seiden- 
stetten 22. IX. — HJ 1908, 441. 

Hoffmann- DornbllSCh, Luise, Schauspielerin; 

* 16. V. 1864; t Berl » n *9. VIII. — NTA 
1909, 172. 

Hoheisel, Florian, Erzpriester, Mitgl. d. 
Zentr. u. d. Hauses d. Abg.; * Dittmanns- 
dorf, Kr. Neustadt 3. V. 1847; f Schweid- 
nitz 10. V. — VZ 11. V. A. -A., 12. V. 
M.-A.; WI 3, 591; HA 1904, 323. 

*Holleben, Ernst Albert Ludwig von, Dr. iur. y 
Oberlandesger.-Pras. a. D., Kronsyndikus, 
Kanzler i. Konigr. Preufien, Mitgl. d. 
Herrenh.; * Coblenz 15. IV. 181 5; f Kassel 
25. IV. — BJ XIII, 138 (H.Diez); VZ 
25. IV. A.-A.; T 190 (P); IZ 130, 883; HJ 
1908, 441; WI 3, 596; HH 1904, 323. 

Holtze, Friedrich Wilhelm, Prof., Geh. Reg.- 
Rat, Ehrenvors. d. Vereins f. Gesch. d. 
Mark Brandenburg; * Berlin 30. I. 1820; 
f das. 2. VI. — Forsch. z. Brandbg. u. 
Preufl. Gesch. Bd. 21, H. 2, S. 1— 35 
(F. Holtze). 

Holzhausen, Georg Frh. von, preuB. Kam- 
merh., Groflgrundbes, i. Bayern u. Oster- 
reich, bek. als Bes. d. grofien Parks u. 
Familienstammgutes »die Ode« i. Norden 
v. Frankf. a. M. u. durch seine groOen 
Jagdfahrten i. Asien u. Afrika; * Frank- 
furt a. M. 11. III. 1841; f Munchen 4. III. — 
VZ 5. III. M.-A.; IZ 130, 441; HJ 1908, 
44i; WI 3, 599; FT 1908, 343. 

Homeyer, Paul, Prof., Organist a. Gewand- 
haus i. Leipzig, Meister d. Orgelspiels, 
Lehrer a. Konservat. i. Leipzig; * Oste- 
rode i. H. 26. X. 1853; f Leipzig 27. VII. — 
T 275 (P); W 31, 1330; IZ 131, 241 (A. 
Smolian m. P); HJ 1908, 441; WI 3, 600; 
NMZ 29, 23, 504; R 582. 

Horny, Anton, Dr. iheol. y Praia t, Dom- 
dechant zu St. Stephan i. Wien; * 28. IV. 
1824; f Wien 12. X. — HJ 1908, 441. 

Hottenroth, Ernst, Prof., Bildhauer; * Frank- 
furt a. M. 1872; t Dresden 27. II. — VZ 

27* 



43* 



Totenliste 1 908 : von der Hude — Janssen. 



44* 



29. II. A.-A.; IZ 130, 504 Qi m. P); Kchr 

19, 324- 
Hude, Hermann von der, Geh. Baurat; 

* Liibeck 2. VI. 1830; | Berlin 4. VI. — 
VZ 5. VI. A.-A.; T 225 (P); W 24, 1022; 
DBZ 42, 324; MS 2, 212. 

HUbschmann, Johann Heinrich, Prof. d. 
vergl. Sprachwiss. a. d. Univ. Straflburg; 

* Erfurt 1. VII. 1848; f Strafiburg 21. I. — 
IZ 130, 334; HJ 1908, 441; KL 1908, 722 
(W); WI 3. 609 (W). 

HUfner, Gustav von, Dr. med. et rer. nat. t 
Prof. d. angew. spez. physiolog. Chemie 

a. d. Univ. Tubingen, Vorst. d. physiolog. - 
chem. Institute, Senior d. naturw. Fakultat; 

* Kostritz 13. V. 1840; t Tubingen 14. III. 
— VZ 16. III. A.-A.; IZ 130, 583; MMW 
55, i f 916—919 (K. Burker); WI 3, 609; 
PF 4, i f 670 (W); WJ 1908 Nekr.; Hoppe- 
Seyler's Zs. f. physiolog. Chemie Bd. 58, 
1—38 (R. v. Zeynek). 

Hiiben-Haeseler, Dietrich Graf von, General 
d. Inf., Generaladjutant Wilhelms II., Chef 
d. Militar-Kabinetts; * Berlin 13. II. 1852; 
f Donaueschingen 14. XI. — 1869 Eintritt 
in d. Armee, 1870/71 Eis. Kreuz 2. Kl. f 
1878 Premierlt., 1881—82 topogr. Auf- 
nahmen i. d. Umgcgend v. Athen, 1882 
Hauptm. i. Gr. Generalstabe, 1888 Major, 
1889 Flugeladjutant, 1890 z. Dienstleistung 

b. Militar-Kabinettkommand., 1893 Oberst- 
leutnant, 1894 in d- Grafenstand erhoben 
u. z. Botschaft i. Wien kommand.. 1895 
Oberst, 1899 Generalm. u. Chef d. Generalst. 
d. Gardekorps, Chef d. Militar-Kabinetts, 
1902 Generallt., 1906 General d. Inf. — 
NZ 16. XI. A.-A.; T 362 (P); NFP 17. XI. 
M.-Bl. (D. Personlichkeit des Graf en 
H.-H.); IZ 131, 892 (P); W 47, 2022, 2025 
(P); HJ 1908, 441; GT 1908, 404; MZ 
1908, 637. 

Huettier, P. Georg, Musikschriftsteller, seit 
1874 Musikdirektor d. Stifts Krems- 
munster; * 24. VI. 1837; f Kremsmunster 
21. I. — HJ 1908, 441. 

Huethe, Julius Alexander, Marine-General- 
arzt a. D., bis 1894 Chefarzt d. Marine- 
station d. Ostsee; * Heilsberg, Kr. Konigs- 
berg 19. IX. 1833; t Capri 1. I. — VZ 
6. I. A.-A. 

Hugo, Karl von, General d. Inf. z. D.; 

* Hildesheim 20. XI. 1845; f Berlin- 
Wilmcrsdorf 6. XI. — 1865 Eintritt in d. 
hannov. Armee, 1867 in d. preuO. Armee, 
1870/71 Eis. Kreuz 2. Kl., 1870 Premierlt., 
1876 Hauptm. i. Gr. Generalstabe, 1884 
Major, 1890 Oberstlt. u. Chef d. Generalst. 
d. 4. Armeekorps, 1893 Oberst, 1896 
Generalm., 1902 Gouverneur v. Ulm, 1903 
General d. Inf. u. Gen.-Insp. d. Milit.- 



Erziehungs- u. Bildungswesens, 1906 z. D. 

— NZ 7. XL M.-A.; W 46, 1980; MZ 

1908, 623. 

Huhn, Alexander von, Journalist, seit 1890 
Mitarb. d. Voss. Zeitung, bes. Feuilletonist, 
friih. russ. Offizier, dann Publizist i. 
San Francisco; * Riga 14. V. 1852; -f Berlin 
25. III. — VZ 26. III. M.-A. 

JacobI, Hermann, Ehrenmitgl. d. Mann- 
heimer Hofbuhne, Veteran d. Schauspiel- 
kunst, Mitbegr. d. Genossenschaft Dtsch. 
Buhnenangehoriger; * Berlin 19. IV. 1840; 
t Mannheim 6. III. — VZT; IZ 130, 441; 
NTA 1909, 180; EG 467. 

Jacobsetl, Johann, Rentner, Stifter d. Marga- 
rethen-Spende — eines Schrankes, der die 
verschiedenartigsten Gebrauchsgegenstande 
fur die Krankenpflege enthalt — die heute 
in fast 400 Orten zu finden ist; * Moll- 
mark b. Sorup 7. XL 1829; f Norder- 
brarup, Kr. Schleswig 28. III. — Kieler Zt. 
30. III. A.-A.; Personl. Mitt. 

Jacusiel, Jakob Kaspar (Pseud.: Kaspar 
Immerwahr), Sanitatsrat, Schulhygieniker, 
Griinder d. Vereins f. arztliche Nachhilfe, 
Verfechter d. freien Arztewahl, Schrift- 
steller; * Berlin 21. III. 1849; fdas. 20. VIII. 

— VZT; Allg. Zt. d. Judent. 1908, Beil. 
Nr. 36. 

Jahn, Eduard, Kartograph d. k. k. Geolog. 
Reichsanst. i. Wien; * Romerstadt i. 
Mahr. 5. V. 1823; f Wien 1. IV. — GK 
!9°9, 337; Verh. d. k. k. Geolog. Reichsanst. 
7i 139. 

Jahflke, Hermann, Schriftsteller, friih. 40 
Jahre Volksschullehrer i. Berlin, Biograph 
Reuters, Hrsg. seiner Werke u. Verf. von 
Dramatisierungen Rcuterscher Werke,Begr. 
u. Ehrenvors. d. Dtsch. Lehrer-Schrift- 
stellerbundes; * Wintersfelde b. Greifen- 
hagen i. Pomm. 20. IV. 1845; f Potzscha 
b. Wehlen i. Dez. — VZT; LE 11, 606; 
HJ 1908, 442; BR 2, 224; KL 1908, 
739 (W). 

Jan, Hermann Ludwig von (Pseud.: Hermann 
Ludwig), Prof., Privatgelehrter, elsass. 
Kultur- u. Musikhist., Novellist u. Obers.; 

* Frankfurt a. M. 22. V. 1851; f Ka P 
Pendennis, Scilly-Inseln 13. X. — KL 

1909. 55*i 1908, 740 (W); HJ 1908, 442. 
Janecke, Max, Schauspieler; * Berlin 27. X. 

1881; f Dessau 8. IX. — NTA 1909, 173. 
Janke, Emil, ehem. Wurtt. Hofschauspieler; 

* Danzig 22. VI. 1857; f Stralau 25. II. — 
NTA 1909, 158; EG 829. 

Janssen, Peter, Prof., Direktor d. Kunst- 
akad. i. Dusseldorf, Mitgl. d. Akad. d. 
Kiinste i. Berlin, einer d. hervorr. Maler 
religioser StofTe; * Dusseldorf 12. XII. 1844; 
t das. 19. II. — VZ 20. II. M.-A.. 7.MV. 



45" 



Totenliste 1908: Jeitteles — Karsten. 



4 6* 



M.-A. (Gedenkfeier f. P. J. i. d. Kunstakad.); 
KVZ 21. II. Mitt.-A.; IZ 130, 351/52 
(Drossong m. P); HJ 1908, 442; WI 3, 
632; DZL 673; MS 2, 258; Kchr 19, 295; 
BMW i, 609/10 (W); Christl. Kunst April 
1908, Beil. 71 ; Kraeger, P. J. z. Gedachtnis. 
Diisseldorf 1908; Westerm. Monatsh. April 
1908, 163 (P); Velh. u. Klas. Monatsh. 
April 1908, 308 (P); BZ 22, 144 [Christl. 
Kunstbl. f. Kirche, Schule u. Haus 1908, 
186 (P. J.-Feier i. Diisseldorf); Dtsch. 
Tagcszt. Beil.: Zeitfragen Nr. 9; W Nr. 10 
(N. Board); Turmer Mai 1908, 265 — 276 
(K. Storck)]. 

Jeitteles, Adalbert, Germanist, friih. Univ.- 
Bibl.- Vorst. i. Innsbruck; * Wien 20. VIIL 
1831; f Graz 28. II. — KL 1909, 55*, 
1908, 748; LZ 1908, 386. 

Jensen, Friedrich Otto Heinrich, Geh. 
Justizrat, Landgerichtsdirektor i. Aurich; 

* Kopenhagen 29. VIIL 1819; f Aurich 
3. I. — Beim Tode Friedrichs VIIL ge- 
horte er d. Gliickstadter Obergericht an 
u. verweigerte Christian IX. den Eid. 
Wurde 1864 Leiter d. Innern in d. neu 
gebildeten schlesw.-hoist. Regierung u. 
einer d. vertrautesten Ratgeber d. Herzogs 
Friedrich. Spater wurde er Mitgl. d. 
Konstit. Reichst. d. Nordd. Bundes u. d. 
Dtsch. Reichst. — VZ 8. 1. M.-A.; Kieler 
Zt. 6. I. A.-A.; IZ 130, 169; HJ 1908, 442; 
Hirth, Dtsch. Parlam.-Almn. 5. Ausg. 67. 

IlllllleTlliami, Ferdinand, Dr. pkil. % Assist. 
a. d. Kgl. Biolog. Anst. auf Helgoland, 
wiss. Hilfsarbeiter f. d. intern. Meeres- 
forschung; f Helgoland 8. X. i. 40. Lebensj. 

— Mitt. d. Dtsch. Seefischerei-Vereins 
1908, 527. 

Immerwahr, Kaspar (Pseud.) s. Jacusiel, Jakob 

Kaspar. 
*Inama-Stemegg, Karl Theodor von, 

WGRat, Prof., Dr. d. Staatswiss. u. 

Dr. iur. h. c, Pras. d. k. k. Statist. Zentral- 

kommission i. Wien, Mitgl. d. Herrenh.; 

* Augsburg 20. I. 1843; t Innsbruck 28. XL 

— BJ XIII, 116 (E. Mischler); VZ 1. XII. 
M.-A.; W 49, 2108, 21 14 (P); IZ 131, 1062, 
1065 (P); HJ 1908, 441 ; KL 1908, 756 (W); 
Zs. f. Volkswirtsch., Sozialpolitik u. Verw. 
Bd. 17, H. 6; Wiener statist. Monatsschr. 
N. F. 13, 10; GK 1909, 337; AF 1908, 482; 
DRG 31, 184; Sitzungsber. d. K. Bayer. 
Akad. d. Wiss. 1909, 33*; Dtsch. Ge- 
schichtsbl. Bd. 10, 107 — 113 (H. v. Srbik); 
Vierteljahrsschr. f. Sozial- u. Wirtschafts- 
gesch. Bd. 7, 167 — 171 (G. v. Below). 

*Innhausen und Knyphausen, Edzard Furst 
zu, WGRat, Pras. d. Herrenh., M. d. R., 
Befurworter d. Cumberl. - Nachfolge 
i. Braunschweig, Gegner d. Polen- 



enteignung; * Hannover 14. XII. 1827; 
t Lutetsburg 16. I. — BJ XIII, 137 (H. 
Diez); VZ 16. I. A.-A.; IZ 130, 169; HJ 
1908, 442; Mitt. d. Dtsch. Landwirtsch.- 
Ges. 23, 26; HK 1908, 323; RH 1907, 
302, 454 (P); Konserv. Kal. 1909, III (P); 
WI 3, 619. 
John, Paul, Geh. Ober justizrat, bis 1900 
Senatspras. i. Naumburg; f Naumburg 
14. VII. i. A. v. 79 J. — VZT. 
JOfiak von Freyenwald, Gustav, k. k. General 
d. Kav., Insp. d. Landw.-Kav.; * Olmutz 
2. XL 1841; t Wien 24. II. — VZ 24. II. 
A.-A.; HJ- 1908, 442; LJ 1908, 513; 
Kavallerist. Monatsh. Wien Marz 1908. 
Jordan, Friedrich von, Kgl. Bayer. Re- 
gierungsdirektor, Vorst. d. Rechnungs- 
kammer; f Munchen 24. V. — VZ 26. V. 
M.-A. 
Isaac, Rudolf, Stadtrat a. D., friih. Zeitungs- 
verleger, Begr. d. »Neuen Zeit«; f Char- 
lottenburg 30. XII. i. A. v. 78 J. — VZ 
31. XII. M.-A. 
Isenbart, Theodor, Landgerichts-Pras. a. D., 
Geh. Justiz-Rat; f Kiel 1. VI. — VZ 3. VI. 
A.-A. 
benbart f W f ilhelm, Generalm. z. D., bis 1897 

Kommand. d. 71. Inf.-Reg., Ritter d. Eis. 

Kreuzes 2. KL; * Hannover 15. VI. 1843; 

t Coblenz 30. XL — VZ 3. XII. M.-A.; 

MZ 1908, 664. 
Issendorf, Franz von, Generalm. z. D., bis 

1906 Kommand. d. 30. Kav.-Brig., Ritter 

d. Eis. Kreuzes 2. KL; * Verden 15. II. 

1851; t Wiesbaden 8. X. — VZ 11. X. 

M.-A.; MZ 1908, 568. 
Ittenbach, Max, Dr. iur. h. r., WGRat, 

Kronsyndikus, Mitgl. d. Herrenh. u. d. 

Staatsrats, ehem. Generalauditeur d. Armee 

u. Marine, verdient um d. Reform d. 

Militargerichte u. d. Militarstrafprozesses, 

Ritter d. Eis. Kreuzes 2. KL; * Gymnich, 

Rheinprov. 18. IV. 1831 ; f Berlin 22. XL — 

W 44, 1892, 1900 (P); HJ 1908, 442; MZ 

1908, 595. 
Kaiser, August, Prof. a. d. Landwirtsch. 

Landesmittelschule i. Oberhermsdorf, Mit- 

glied d. Reichsr., ehem. Vize-Pras. d. 

Abg.-H.; * Wien 1850; f Jauernig 7. IV. — 

NFP 8. IV. A.-BL; HJ 1908, 442. 
Karsten, Gustav, Prof. d. dtsch. u. Leiter d. 

modern -sprachl. Abt. d. Staatsuniversitat 
% von Illinois, Begr. d. Journal of English 

and Germanic Philology; * Petershagen- 

feld, Westpr. 22. V. 1859; f Urbana, 111. 

28. I. — AZB 1908, Nr. 31; IZ 130, 410; 

HJ 1908, 443; LE 10, 818; DAG 8, Nr. 2, 

64/65. 
Karsten, Hermann, Dr. phil., friih. Prof. d. 

Botanik a. d. Univ. Berlin, Durchforscher 



47* 



Totenliste 1908: Katz — Klein. 



48* 



Venezuelas u. Colombias; * Stralsund 

4. XI. 1817; f Berlin-Grunewald 13. VII. — 
VZT; GK 1909, 338; DRG 3°. 135/137; 
PF 4, 1, 1229 (W). 

Katz, Hermann, Red. d. ^Bohemia* i. Prag, 
Korresp. d. NFP; f Prag 10. XI. i. A. v. 
57 J. — VZ 10. XL A.-A.; LZ 1908, 1539. 

Kauffmann, W r ilhelm, Seniorchef d. Wollen- 
weberei Aktienges. Meyer-Kauffmann i. W M 
Vors. d. Aufsichtsr. d. Aktienges. Laubaner 
Tonwerke; * Schweidnitz 31. V. 1838; 
f Wiistegiersdorf 3. IV. — JSG 1908 
Nekr., 9/10. 

Katlfrnann, Fritz von, Rittergutsbes., seit 
1898 M. d. R. t Hosp. d. Nationallib.; 

* Steuerwald b. Hildesheim 9. I. 1854; 
f Linden 17. VII. — VZT; HJ 1908, 443; 
RH 1907, 300, 493 (P); WI 3t 662. 

Kaufmann, Richard von, Dr. iur. et phil. f 
Geh. Reg. -Rat, Prof. d. Nationalokonom. 
a. d. Techn. Hochsch. i. Berlin; * Koln 
29. III. 1849; f Berlin-Charlottenburg 
12. III. — VZ 15. III. M.-A.; HJ 1908, 
443; 12 130. 583; Kchr 19, 344; WI 3, 663. 

Keller, Kilian, Okonomierat, friih. nationallib. 
M. d. R.; * Giebelstadt b. Wiirzburg 

5. IX. 1839; t Wiirzburg 27. VIII. — VZ 

28. VIII. M.-A.; RH 1890, 198. 
Keller, Philipp, Gutsbes., M. d. R., bei keiner 

Partei; * Spiesheim i. Hessen 4. IX. 1858; 
f Steinbockenheim 20. XII. — VZ 22. XII. 
M.-A.; IZ 131, 1219; HJ 1908, 443; RH 

1907. 3 0I » 515 (P)- 

Kenkel, Heinrich, Schauspieler, Hauptni. 

i. Sezessionskriege ; * Versta i. Oldenburg 

27. I. 1825; f Milwaukee 10. VI. — DAG 

8, H. 3, 127. 
Keppler, Friedrich, Dr. med., hervorr. Arzt, 

Begr. d. operativ. Gynakologie i. Italien, 

Griind. d. Stadtambulanzen z. Besten 

armer Kranker i. Venedig, Pras. d. dtsch. 

Kolonie i. Venedig; * Balingen i. Wurtt. 

1841; f Venedig 25. II. — MMW 55, 1, 656; 

AZB 1908, Nr. 47. 
Ketelhodt, Robert Frh. von, Sachs. -Cob.- 

Goth. Geh. Staatsrat u. Minist. d. Hzgl. 

Hauses a. D.; * Rudolstadt 17. X. 1836; 

t Gotha 7. VI. — VZ 10. VI. A.-A.; FT 

1908, 378. 

Kette, Hermann, Dr. iur., WGOberreg.- 
Rat, ehem. Generalkommissions - Pras. i. 
Kassel, auch als Buhnendichter bek.; 

* Einwinkel 13. II. 1828; f Steglitz 

29. XII. — VZ 2. I. 09 A.-A.; HJ 1908, 443. 
Kettner, Waldemar, Generally z. D., zul. 

Kommand. d. 83. Inf.- Brig., Ritter d. 
Eis. Kreuzes 2. KL; t Erfurt 17. II. — 
VZ 20. II. A. -A., 21. II. M.-A.; MZ 1908, 
117. 
Kielhom, Lorenz Franz, Dr. h. c. mehrerer 



engl. Univ., Prof. a. d. Univ. Gottingen, 
Sanskritist u. Indologe, korresp. MitgL 
d. Akad. d. Wiss. zu Berlin u. Munchen, 
Begr. d. ^Bombay Sanskrit Series*; 

* Osnabruck 31. V. 1840; f Gottingen 
19. III. — VZ 20. III. M.-A.; HJ 1908, 
443; IZ 130, 583; WI 3, 678 (W); Sitzungs- 
ber. d. K. Bayer. Akad. d. Wiss. 1909, 32*; 
Chronik d. Univ. Gottingen f. 1907, 6 
(J. Wackernagel); Nachr. d. kgl. Ges. d. 
Wiss. z. Gottingen. Geschaftl. Mitt. 1908, 
63—84 (J. Wackernagel). 

KJeiz, Gustav Adolf, Dr.phil.h.c, friih. 
Architekt, dann Bildhauer, Lieblingsschiiler 
Ernst Rietschels; * Leipzig 26. III. 1826; 
f Laubegast b. Dresden 25. VI. — VZT; 
IZ 131, 99/100 (N m. P); Kchr 19, 511; 
MS 2, 335; Kietz, Erinnerungen. Dresden 

1905. 
Kifltzlt, Fritz, Generaldirektor d. Abt. 
Rote Erde d. Gelsenkirchener Aktien- 
gesellschaft, einer d. energischsten Vor- 
kampfer f. d. Einfuhrung d. Thomas- 
prozesses i. Deutschland., Vorst.-Mitgl. d. 
Vereins Dtsch. Eisenhuttenleute u. Mitarb. 
d. dtsch. Normalprofilbuches f. Walzeisen; 

* Karlingen i. Luxemburg 19. I. 1852; 
t Aachen 19. II. — JSTG 1909, 99; DBZ 
42, 180. 

"KJrchhoff, Johann W'ilhelm Adolf, Geh. 
Reg.-Rat, Dr. phil., Prof. d. vergl. Sprach- 
wiss. a. d. Univ. Berlin, hervorr. auch 
in d. Inschriftenkunde u. Kritik d. griech. 
Schriftsteller, Mitgl. d. Akad. d. Wiss.; 

* Berlin 6. I. 1826; f das. 27. II. — BJ 
XIII, 266 (R.Weil); VZ 28. II. M.-A.; 
HC 29. II. M.-A.; AZB 1908, Nr. 34; 
IZ 130, 397/398 (W. Bannier m. P); HJ 
1908, 443; WI 3, 684 (W); Chronik d. 
Univ. Berlin Jg. 21, 7. 

Kirchner, Theodor, Dr. iur., friih. Advokat, 
dann Kanzlei-Direktor a. d. dtsch. Univ. 
i. Prag, Verf. belle tr. u. wiss. Werke; 

* Karolinental 5. IX. 1862; f Prag 26. I. — 
Dtsch. Arbeit 7, 5, 328 u. 7, 7, 462/464 (R. 
Frh. v. Prochdzka); KL 1908, 818 (W). 

Kly, Viktor, Prof., Lit.-Hist. u. Journalist; 

* Ortelsburg 1. III. 1837; f Elberfeld 1. I. — 
KL 1909, 55*, 1908, 822. 

Klein, Max, Prof., Bildhauer; * Gdncz i. 

LTngarn 27. I. 1847; f Berlin-Grunewald 

6. IX. — VZ 8. IX. M.-A. ; NZ 7. IX. A.-A. ; 

T 303 (P); IZ 131, 425, 462/63 (N m. P); 

MS 2, 348; Kchr 19, 602; WI 3, 692 (W); 

Westerm. Monatsh. Nov. 1908, 320 (P). 
Klein, Wilhelm, WGOberreg.-Rat, Dr. iur., 

1882 — 1905 Landeshauptm. d. Rhein- 

provinz, Mitgl. d. Herrenh.; * 15. VIII. 

1834; f Vianden i. Luxemburg 22. VIII. 
- VZ 25. VIII. A. -A.; HJ 1908, 443- 



49* 



Totenliste 1908: Klemperer — Krasnopolski. 



50* 



Klemperer, Felix, Vors. i. Direktorium d. 
Bcrl. Maschinenbau-Aktienges., friih. Di- 
rektor d. Firma F. Krupp A.-G., Gruson- 
werke b. Magdeburg; * Prag n. VI. 1853; 
f Semmering b. Wien 9. I. — JSTG 

1909, 96. 
KUflkhardt, Robert Julius, Verlagsbuch- 
handler, Seniorchef d. Firma Julius Klink- 
hardt; * Leipzig 16. I. 1841 ; f das. 6. III. — 
VZ 10. III. M.-A.; IZ 130, 441; HJ 1908, 

443. 

Klonne, August, Fabrikbes. u. Pferdeziichter, 
Besitzer d. bedeutendst. Gestuts Westfalens 
i. Unna u. einer Flachrennbahn i. Hoppe- 
garten; * 21. VIII. 1849; f Unna 30. XII.— 
HJ 1908, 443. 

Kk>B f Karl, Wiirtt. sozialdemokr. Landt.-Abg., 
friih. M. d. R., Gemeinderat i. Stuttgart; 

* Berlin 15. IV. 1847; f Hamburg 11. II. — 
MAZ 13. II. Vorabd.-Bl.; RH 1898, 212; 
WJ 1908 Nekr. 

KKiber, Friedrich von, Generalm. z. D., 
bis 1886 Kommand. d. 23. Drag.-Reg., 
Ritter d. Eis. Kreuzes 2. Kl.; * Karlsruhe 
i. B. 9. IV. 1833; t Baden-Baden 23. XII. — 
VZT; MZ 1909, 7- 

Kfiaack, Heinrich, Generalm. z. D„ bis 1890 
Kommand. d. 13. Feld-Art.-Reg., Ritter 
d. Eis. Kreuzes 1. Kl., Verf. militar. 
Humoresken; * Gnesen 9. IX. 1836; 
t Lausanne 30. VI. — VZT; MZ 1908, 397. 

Kflirsch, Augustin, Direktor d. Stadttheaters 
zu Steyr; * Reichenberg i. B. 4. VII. 1852; 
f Steyr 4. I. — NTA 1909, 155. 

KnobebdOlff, Wilhelm von, Generalm. z. D., 
bis 1876 Kommand. d. 1. Gren.-Reg., 
Ritter d. Eis. Kreuzes 2. KL, einer der 
bek. Kenner u. Forderer d. herald. Wiss., 
Historiograph d. Familie von Knobels- 
dorff; * Pr.-Stargard 26. VII. 1826; 
f Hannover 25. I. — VZ 28. I. M.-A.; 
MZ 1908, 61/62. 

KnOfT, Josephine Freiin von, Dichterin; 

* Wien 16. IV. 1827; t Schl. Stiebar i. 
Niederosterr. 30. V. — W 23, 980; HJ 
1908, 443; KL 1908, 844 (W); BR 2, 307; 
PY 1, 439 (W). 

Koch y Julius Ludwig August, Dr. med. % 

Medizinalrat, ehem. Direktor d. k. Wurtt. 

Irrenanst. Zwiefalten; * Laichingen 4. XII. 

1841; f Zwiefalten 25. VI. — WJ 1908 

Nekr.; OA 1908/09, 774. 
Koeberle, Justus Adolf, Dr. theol, Prof. f. 

alttestamentl. Exegesc u. jiid. Religions - 

gesch. a. d. Univ. Rostock, auch auf d. 

Gebiete d. alten Kulturgesch. schriftst. 

tatig; * Memmingen i. Bayern 27. VI. 

1871; t Rostock 6. II. — VZ 9. II. M.-A.; 

IZ 130, 334; HJ 1908, 444; WI 3, 711 (W); 

KL 1908, 846 (W); Jahresber. d. Univ. 



Rostock 3, 8; Allg. Ev.-Luth. Kirchen-Zt. 
1908, 1070/73 (E. Frh. v. d. Goltz), 1095/98, 
1120/23 (A. Rehm), 1142/46, 1165/69 (W. 
Caspari), 1 193/99, 1225/27, 1252/54 (Wal- 
ther); TJ 28, Abt. 8, 544; KJ 1909, 631; 
Ev. Kirchen-Zt. 1908, Nr. 18 (Wilke, K. 
als Theologe). 

Komlcke, Friedrich, Dr.phiL, Geh. Reg.- 
Rat, Prof. a. d. landwirtsch. Akad. Bonn- 
Poppelsdorf; * Pratau b. Wittenberg 
29. I. 1828; f Bonn 16. I. — VZ 19. I. 
M.-A.; LZ 1908, 143; Mitt. d. Akad. 

Kohl), Maximilian, Dr.phil, Oberl., Biblio- 
graph, Lit.- u. Kulturhist.; * Posen 15. X. 
1847; f Hamburg 21. I. — KL 1909, 55*. 
1908, 857 (W). 

KoWewey, Karl Christian, Geh. Admiralitats- 
rat, Abteilungsvorst. d. dtsch. Seewarte 
a. D.; * Biicken, Grafsch. Hoya i. Hannov. 
26. X. 1837; f Hamburg 17. V. — VZ 
20. V. M.-A.; IZ 130, 1216 (Hesselbarth 
m. P); G 94, 17; GK 1909, 338/39; DRG 30, 
472; WI 3, 725; Dtsch. Geogr. Bl. 31, 141 
(M. Lindemann); GZ 14, 411; L 44, 6, 62; 
GA 9, 161; Zs. f. Schulgeogr. 29, 307/09; 
Annal. d. Hydrogr. u. Marit. Meteorol. 36, 
237 (E. Herrmann u. v. Hasenkampf); 
Mitt. d. Geogr. Ges. i. Hamburg 23, 299. 

Koller, Emil, a. 0. Prof. d. engl. u. franzos. 
Spr. u. Lit. a. d. Techn. Hochsch. i. Stuttg. f 
Vorst. d. Bibliothek; * Speicher, Schweiz 
10. I. 1852; f Stuttgart 10. VII. — JB 
4. 74, 7, 136; WJ 1908 Nekr. 

Kopisch, Karl Gustav, Stadtrat, Stadtalt. 
u. Handelsrichter, Vors. d. Verwaltungsrats 
d. Breslauer Konsum-Vereins, d. grQflten 
derartigen Genoss. auf d. Kontinent, Nefle 
d. Dichters Aug. Kopisch; * Breslau 
2. V. 1830; t das. 28. I. — VZ 28. I. A.-A.; 
JSG 1908 Nekr.. 10/11. 

Koppel, Artur, Kommerzienrat, Begr. u. 
Generaldirektor d. nach ihm benannten 
Aktienges. f. Feld- u. Kleinbahnen i. 
Berlin; * Dresden 14. III. 1851; f Baden- 
Baden 12. V. — T 205 (P); Pers. Mitt. 

Kotehnann, Ludwig, Dr. med., fruh. Hamb. 
Augenarzt, Begr. d. »Zs. f. Schul-Gesund- 
heitspflege*; * Demmin i. Pomm. 29. VIII. 
1839; f Usenburg i. H. i. Aug. — T 280 
(J>); Zs. f. Schulgesundheitspflege 1908, 
Nr. 10 (L. Burgerstein). 

♦Kotschenreiter, Hugo, Genremaler; * Hof 
6. I. 1854; f Munchen 22. IV. — BJ XIII, 
110 (H. Holland); IZ 130, 811 (G. J. 
Wolff m. P). 

♦Kramer, Josef von, Prof., Bildhauer; 
* Augsburg 26. V. 1841 ; t Munchen 28. V. 
— BJ XIII, 111 (H. Holland); Kchr 19, 
490. 

*KraSf10potskl, Horaz, Hofrat, Dr. iur., Prof. 



51* 



Totenliste 1908: Krasselt — Ladenburg. 



52* 



d. Zivilrechts a. d. dtsch. Univ. Prag; 
* Pistin i. Galizien 5. XL 1842; f Gmundcn 
29. VIII. — BJ XIII, 229 (C. Klatscher); 
VZ 29. VIII. A.-A.; NFP 29. VIII. A.-B1.; 
T 302 (P); Dtsch. Arbeit 8 t 1, 69 u. 8, 4, 
278/82 (Ulbrich m.P); H J 1908, 444; Jurist. 
Bl. Jg-37, 427 (E. Lohsing); Allgem. 
Osterr. Gerichtszt. 1908, Nr. 42. 

Krasselt, Alfred, Grofih. Weim. Hofkonzert- 
meister, hervorr. Geiger; * Glauchau 
3. VI. 1872; t Weimar 27. IX. — VZ 28. 
IX. A.-A., 29. IX. M.-A.; HJ 1908, 444; 
R 707; DZL 795. 

*Krastel, Friedrich, k. k. Hofburgschau- 
spieler u. Regisseur; * Mannheim 6. IV. 
1839; t Wicn 12. II. — BJ XIII, 97 
(Minor); VZ 12. II. A.-A.; IZ 130, 312/313 
(P); HJ 1908, 444; NTA 1909, 157, 7 (P); 
Buhne u. Welt io, 1, 502 (L. Klinenberger). 

Krause, Aurel, Dr. phil, Prof., seit 1875 ak 
Lehrer d. Naturwiss. a. d. Luisenstadt. 
Oberrealschule i. Berlin, Forschungsre ben- 
der u. Schriftst.; * Poln.-Konopat, Kr. 
Schwetz i. Westpr. 30. XII. 1848; f Grofi- 
Lichterfelde 11. III. — GK 1909, 339; 
GA 9, 186; Dtsch. Geogr. Bl. 31, 143 (E. 
Wolkenhauer). 

Kretechmer, Edmund, Prof., Dirigent d. 
Vokalchors d. Hofkirche i. Dresden, Kgl. 
Hofkirchen-Komponist, auch Opern-Kom- 
ponist; * Ostritz i. d. Oberlaus. 31. VIII. 
1830; t Dresden 13. IX. — NZ 14. IX. 
A.-A.; T 310 (P); IZ 131, 506 (A. Smolian 
m. P); HJ 1908, 444; NTA 1909, 173; 
NMZ 29, 24, 524; AMZ 1908, 652/53 (P. 
Schwers); R 711; DZL 864; BZ 23, 198 
[Bl. f. Haus- u. Kirchenmusik Jg. 13, n, 
33—36 (O. Schmid); D. Musik Nov. 1908, 
157—160 (F. A. Geifiler); Signale f. d. 
musikal. Welt 1908, Nr. 38 (F. Brandes)]. 

Krieg, Franz, ehem. Opernsanger; * Baden- 
Baden 10. V. 1841; f Berlin 20. III. — 
NTA 1909, 162. 

Krfes, Alexander von, Geh. Legationsrat a. D. f 
bis 1907 vortr. Rat i. Ausw. Amt; * Smar- 
zewo 7. V. 1866; f Berlin 19. IV. — VZ 
22. IV. M.-A.; OA 1906, 674. 

Krosigk, Dedo von, Generalm. z. D., bis 1901 
Kommand. d. 2. Garde -Kav.- Brig., Ritter 
d. Eis. Kreuzes 2. Kl.; * Liegnitz 1. VIII. 
1848; f Potsdam 23. XII. — VZT; MZ 

1909, 7. 
Krtiger, August Hermann, Dusseldorf. 

Landschaftsmaler, bekannter Kunstkenner 

namentl. auf d. Gebiete d. Theaters; 

* Kottbus 6. X. 1834; f Baden-Baden 

29; V. — VZ 30. V. M.-A.; W 23, 980; 

MS 2, 398. 
Krtise, Georg, Theaterdirektor, auch Verf. 

von Einaktern u. patriot ischen Volks- 



stiicken; * Neustrelitz 13. X. 1830; f Berlin- 
Schdneberg 19. XII. — NZ 20. XII. M.-A.; 
IZ 131, 1219; LE 11, 606; NTA 1910, 157 
(N); HJ 1908, 444. 

KUctlty, Peter, Erzpriester, 1890 — 93 elsass. 
M. d. R.; * St. Louis, Kant. Pfalzburg 
7. I. 1836; t Saarburg i. April. — VZ 22. IV. 
A.-A.; RH 1893, J96. 

Kiihl, Karsten, bek. Geistlicher, Fuhrer d. 
kirchlich-liberalen Bewegung i. Schleswig- 
Holstein, Begr. d. ^Evangel. Gemeinde- 
boten« (Jg. 1. 1880); * Krumstedt, Dith- 
marschen 21. X. 1842; f Nortorf 17. IV. — 
Kieler Zt. 30. X. 1903 M.-A., 22. IV. 1908, 
A.-A.; AL 1, 415. 

Ktihn, Louis, Schauspieler, friih. Mitgl. d. 
Dtsch. Theaters i. Berlin, Nestor d. dtsch. 
Buhne; * Glatz 24. IV. 1816; f Berlin 
10. II. — VZ 12. II. A.-A.; IZ 130, 374; 
NTA 1909, 156; EG 557. 

Ktihschehn, Josef, Geistl. Rat, Dechant u. 
Pfarrer i. Guntersdorf, Niederosterr., christ- 
lich-sozial. Reichsr.-Abg.; * 27. VII. 1855; 
f Guntersdorf 11. II. — HJ 1908, 444. 

*Ktinzli, Arnold, schweiz. Oberst, seit 1894 
Kommand. d. 4. Armeekorps, langj. Mitgl. 
d. Nationalrats, friih. Ftihrer d. radikal- 
demokr., spater d. freis.-demokr. Partei, 
Vertreter d. Schweiz auf d. 1. Haager 
Friedenskonferenz u. bei d. Handels- 
vertrags-Verh. mit Deutschland, Osterreich 
u. Italien; * Riken-Murgenthal 20. VI. 
1832; f das. 9. XI. — BJ XIII, 226 (A. 
Frey); VZT; IZ 131, 1003 (N m. P); HJ 
1908, 444. 

Kultak, Friedrich, Rittm. a. D., Ritterguts- 
bes., Mitgl. d. Herrenh., 1893 — 1903 
M. d. A.; * Ublik i. Ostpr. 16. VI. 
1855; f das. 12. IX. — VZ 14. IX. A.-A.; 
T 314 (P); HA 1899, 273; HH 1904, 329. 

Kunze, Fritz, WGeh. Oberreg.-Rat, friih. 
Oberverwaltungsgerichtsrat, Schriftst. auf 
d. Gebiete d. Verw.- u. Jagd-Rechts, 
Veranst. d. Schlofifreiheit-Lotterie; * Kiel 
27. II. 1842; f Berlin 8. IX. — VZ 9. IX. 
M.-A.; W 37, 1592; IZ 131, 484; DJZ 
1908, 1093. 

KlltSCher, Karl Theodor, Generalm. z. D., 
bis 1885 Kommand. d. 7. Drag.-Reg., 
Ritter d. Eis. Kreuzes 2. Kl.; t Dresden- 
Loschwitz 18. III. i. A. v. 76 J. — VZ 
21. III. M.-A.; MZ 1908, 174. 

Lacher, Karl, k. k. Prof., Direktor d. steier- 
mark. kulturhist. Kunstgewerbemuseums 
i. Graz; * Uttenhofen i. Bayern 23. V. 1850; 
t Graz 18. I. — KL 1909, 55*, 1908, 9i7(W). 

Ladenburg, Erich Robert, Privatdoz. d. 
Physik a. d. Univ. Berlin; * Kiel 15. X. 
1878; t Berlin 14. VI. — Chronik d. Univ. 
Berlin Jg. 22, 8; PF 4, 1, 826. 



53' 



Totenliste 1908: Lamberg — Leitner. 



54' 



Lamberg, Hubert Reichsgraf von, Oberstland- 
kammerer u. -jagermeister i. Osterreich 
ob d. Enns, Grande v. Spanien 1. Kl., 
Magnat v. Ungarn; * 12. VIII. 1848; 
t Oberndorf 21. XII. — HJ 1908, 445. 

Landau, Wilhelm Frh. von. Dr. phil. % For- 
schungs-Reisender, eifriger u. opferwiiliger 
Forderer d. Orientforschung, Begr. d. 
Vorderasiat. Ges.; * Breslau 13. IX. 1848; 
t Berlin 17. XI. — VZ 19. XI. A. -A.; 
W 48, 2064; AZB 1908, Nr. 123; Allg. Zt. 
d. Judent. 1908, Beil. Nr. 48; GK 1909, 
341; HJ 1908, 445; FT 1909, 428. 

Lange, Ernst, Geh. Reg.-Rat, Burgerm. a. D., 
Ehrenburger v. Erfurt; * Suhl 18. III. 1844; 
t Erfurt 19. X. — VZ 19. X. A. -A.; W 43, 
1850; OA 1908/09, 858. 

Lailge, Johannes, Kirchenmaler, friih. Land- 
schafts-, dann Figurenmaler, Schopfer 
zahlr. Altarwerke u. Kreuzwegbilder; 

* Coblenz 25. III. 1823; f Aachen 19. IV. — 
HJ 1908, 445; BMW 1, 804. 

Langendorff, Oskar, Dr.med. % Prof. d. 
Phvsiologie a. d. Univ. Rostock; * Breslau 

1. II. 1853; f Rostock 10. V. — VZ n. V. 
A.-A.; T 2n (P); Jahresber. d. Univ. 
Rostock 3, 9; PBL 958 (W). 

Langer, Edmund, Priester u. Schlofiarchivar 
i. Tetschen, Bohmen, bek. durch seine 
kirchenmusikal. Schriften; * 3. IV. 1834; 
f Tetschen 21. IX. — HJ 1908, 445. 

Langguth, Adolf, Dr. phil., Bibliothekar a. d. 
Kgl. Bibliothek i. Berlin, Schriftst. auf d. 
Gebiete d. Padagogik, d. Lit.-Gesch. u. d. 
Biographie, Mitarb. d. VZ; * Groflge- 
schwenda, Sa.-Mein. 10. IX. 185 1; f Berlin 
5. II. — VZ 7. II. A.-A.; IZ 130, 334; 
LE 10, 818; HJ 1908, 445; JB 7, 136; 
WI 3, 778 (W); KL 1908, 930 (W). 

Lanner, Kathi, Ballettmeisterin, ehem. europ. 
Tanzberiihmtheit, Tochter Joseph Lanners; 

* Wien 1831; f London 15. XL — NTA 
1910, 155. 

Larrafi, Anton, sachs. Generallt. z. D., bis 
1892 Kommand. v. Dresden; * Dresden 
4. XII. 1832; f das. 30. VII. — VZT; 
MZ 1908, 447. 

L' Arrange, Adolph, Dichter, Begr. d. Deut- 
schen Theaters i. Berlin; * Hamburg 8. III. 
1838; f Konstanz 25. V. — VZ 25. V. A.-A.; 
T 215 (P); W 22, 936, 943 (P); IZ *3°, "01 
(H. A. Revel, Intimes von u. tib. A. L'A. 
m. P u. 111.); LE 10, 1324; Hochland Jg. 5, 
H. 10 (J. Muth); HJ 1908, 44s; NTA 
1909, 166, 4 (P); KL 1908, 933 (W); BR 

2, 381; WI 3, 781 (W); Tiirmer Juli 1908. 
580; Buhne u. Welt 1908, 481—488 (V. 
Klemperer); LZ, Beil.: D. Schone Lit. 
1908, 73 (H. Land); TRU 1908, Nr. 57 
(K. Strecker, L'A. als Biihnenleiter). 



Lattre, Artur von, General d. Inf. z. D., bis 
1898 Direktor d. Kriegsakad.; * Berlin 
31. I. 1831; f das. 4. IV. — 1851 Eintritt 
in d. Armee, 1856—59 Kriegsakad., 1859 
Premier-Lt., 1859 — 63 i. Gr. Generalst., 
1863 Hauptm., 1866 i. Gr. Hauptquartier, 
1867 Major, 1869 — 70 Milit. -Attache* i. 
Florenz, 1870/71 Eis. Kreuz 2. Kl., 1871 
wiirtt. Kriegsminister, 1873 C ne * d. 
Generalst. d. 5. Armeekorps, 1875 Oberst, 
1 88 1 Generalm., Kommand. d. Kadetten- 
schulen, 1886 Generallt. u. Direktor d. 
Kriegsakad., 1890 General d. Inf. z. D. — 
VZ6. IV. A.-A.; MZ 1908, 201 ;KJ 1909,632. 

Lechner, Sigismund Ritter von f Bayer. WG 
Kriegsrat, zul. vortr. Rat u. Sektions- 
Vorst. i. Kriegsminist. ; * Bollstadt-Karlshof 
30. III. 1832; f Munchen 29. VIII. — MW 
1908, 3077; O A 1908/09, 870. 

Leiliweber, Heinrich, Dusseldorf. Genremaler; 

* Fulda26. IV. 1836; t Dusseldorf 11. II. — 
VZT; MS 2, 488; BMW 1, 830 (W). 

"LehtikOW, Walter, Landschaftsmaler, der 
Maler der Mark; * Bromberg 25. X. 1865; 
f Berlin-Grunewald 25. VII. — BJ XIII, 
203 (L. Pietsch); T 267 (P); NFP 17. VIII 
Nachm. Bl. (Dem Andenken W. L. s); 
MAZ 1908, 376 (A. G. Hartmann); IZ 131, 
194 (L. Corinth m. P), 899/904 (O. Bie m. P 
u. 111.); W 31, 1330/31 (P); LE 10, 1881; 
KW Jg. 21, H. 22, 239; D. Kunst Jg. 9, 
H. 12 (G. J. Kern); Hochland Jg. 6, H. 11 
(U.Klein); HJ 1908, 445; Jahrb. d. bild. 
Kunst, Berlin 7, 76; Neue Rundsch. 1909, 
Bd. 1, 149 (E. Heilbut); Kchr 19, 529 (M. 
Liebermann's Rede am Sarge), 532; MS 2, 
488; BMW 1, 831 (W); Nord u. Sud 127, 
148 (H. Rosenhagen); WT 3, 796; DZL 
858; Westerm. Monatsh. Sept. 1908, 
910/91 1 (P); Sozialist. Monatsh. 1908, Bd. 3, 
1235 ( A - Plehn); BZ 23, 209 [Berlin. 
Architekturwelt Jg. 11, 213 (E. Schur); 
Gegenwart 1908, Nr. 49 (H. Abe king, D. 
NachlaB-Ausstellung i. Salon Cassierer); 
KFA Sept. 1908, 546 (G. J. Kern); Kunst 
u. Kunstler Jg. 6, 443 (L. Corinth); Masken 
Jg- 4» 8 5 (P- Landau); TRU 1908, Nr. 179 
(H. Rosenhagen)] 24, 176 [Kunst u. Kunstler 
Jg. 7, 168—176 (J. Elias, Zu W. L.s 
Gedachtnis)]; L. Corinth, W. L. Berlin 1910. 

Leitictl, Albert, Theater- u. Kunstkritiker 
a. d. »Deutschen Zt. « in Wien; * Wien 
5. X. 1869; t <las. 27. VI. — VZT; IZ 

*Leitner, Franz Xaver, Dr. theol., Pralat u. 
Domkapitular, friih. Gencralvikar u. Ver- 
trauensmann d. Bischofs von Senestrey; 

* Bodenwcihr, Bez.-A. Neuenburg (Ober- 
pfalz) 5. I. 1844; f Regensburg 2. VI. — 
BJ XIII, 155 (Schenz); VZT; HJ 1908, 445- 



4 

i 



55' 



Totenliste 1 908 : Lenz — Liebreich. 



56* 



LeflZ, Gustav, Dr. phil.. Prof. a. Neuen Gym- 
nasium i. Darmstadt, Fiihrer d. dtsch. 
Schulvereinsbewegung, unermiidl. Forderer 
u. gcwissenhafter Statistiker d. dtsch. Aus- 
landsschulwesen ; * Wenings i. Oberhessen 
17. XII. 1855; f GieCen 24. I. — VZT; 
GK 1909, 341/42; Dtsch. Schule i. Aus- 
lande 7, 51 — 56 (H. Amrhein); DE 1908, 
81; WI 3, 800 (W). 

Leon, Raimund Reichsritter von, Osterr. 
Schauspieier, Dramatiker u. Landwirt; 

* Meran 13. X. 1865; f Obermais b. Meran 
25. IV. — VZT; KL 1908, 956 (W); LZ 
1908, 636. 

Lepel-Gnitz, Bruno von, Intendant d. Kgl. 

Hoftheaters i. Hannover, kgl. preufi. 

Kammerh.; * Neuendorf 16. VII. 1843; 

t Berlin 11. VI. — VZ 13. VI. M.-A.; 

T 228 (P); NTA 1909, 169/170; HJ 1908, 

445; WI 3, 803. 
Lessing, Julius, Geh. Reg.-Rat, Dr. phil., 

Prof. a. d. Techn. Hochsch., Direktor d. 

Samml. d. Kunstgewerbe -Museums i. Berlin, 

hervorr. Kenner d. Kleinkunst, Schriftst.; 

* Stettin 20. IX. 1843; t Berlin 14. III. — 
VZ 14. III. A.-A.; IZ 130, 499, 503/4 
(N m. P); AUg. Zt. d. Judent. 1908, Beil. 
Nr. 13; Kchr 19, 344; HJ 1908, 445; 
KL 1908, 959 (W); WI 3, 805 (W); Westerm. 
Monatsh. Mai 1908, 309 (P); Dtsch. Kunst 
u. Dekoration Juni 1908, 199 — 208 (H. 
Schmitz); Jahrb. d. Kgl. Preufi. Kunst- 
samml. Bd. 29, H. 3, I — VI (P. Jessen). 

Leuenberger, Rudolf, Dr. iur. h. c, Ober- 

gerichts-Pras. i. Bern, 1875 — 1887 Mitgl. 

d. Nationalrats u. Berichterst. i. staats- 

rechtl. Angelegenheiten; * Ruderswil i. 

Emmental 1830; f Bern 18. VIII. — 

ASG 40, 500 (W). 
Levin, Use s. Frapan-Akunian. 
Levy, Gustav, Dr. med., Sanitatsrat, Chefarzt 

i. Burger-Spital, Pras. d. Israelit. Konsist. 

i. Straflburg i. E.; f Strafiburg 20. I. i. A. 

v. 73 J- — VZ 21. I. A.-A. 
Levysohn, Arthur, Dr. phil, ehem. Chefred. 

d. Berl. Tagebl.; * Grunberg i. Schles. 

23. III. 1841; f Meran 11. IV. — VZ 11. IV. 

A.-A.; LE 10, 1169; Allg. Zt. d. Judent. 

1908, Beil. Nr. 16; HJ 1908, 445. 
Levy50hn 9 Ulrich, seit 24 Jahren Direktor 

d. Berl. Bbrs en -Couriers; * Grunberg i. 

Schles. 22. V. 1846; t Berlin 17. X. — 

VZ 18. X. M.-A.; IZ 131, 752; HJ 1908, 

445. 
Lewinger, Maximilian, Prof., Kgl. Konzert- 

meister d. Hofkapelle i. Dresden, Geiger; 

* Sulk6wb. Krakau 17. III. 1870; t Dresden 
30. VIII. — T 303 (P); AMZ 1908, 620; 
IZ 131, 444 (N m. P); NTA 1909, 172/3; 
R 765. 



Leydig, Franz von, Geh. Mediz.-Rat, bis 1895 
Prof. d. An at, u. Zool. a. d. Univ. Bonn, 
korresp. Mitgl. d. Akad. d. Wiss.; * Rothen- 
burg o. T, 21. V. 1821; f das. 11. IV. — 
VZ 15. IV. M.-A.; T 182 (P); IZ 130, 1050 
(0. Zacharias m. P); MMW 55, i f 888, 
972/3 (O. Schultze m. P); NR 1908, 347 
— 351 (R. v. Hanstein); Anat. Anz. 
Bd. 32, 503 (M. Nufibaum); Sitzungsber. 
d. Niederrh. Ges. 1908 (M. Nufibaum); 
L 1909, 37 (O. Taschenberg); Chronik d. 
Univ. Bonn f. 1908, 2 — 7 (M. Nufibaum); 
HBL 3, 699; PBL 1003/4 (W). 

Licht, Hans, Dr. med. % Arzt, Zentr.-Mitgl. 
d. Preufi. H. d. Abg.; * Kesten, Kr. Bern- 
kastel 12. IV. 1861; f 18. X. — VZ 19. X. 
A. -A.; HA 1908, 405. 

Lichtblatl, Adolf (Pseud.: A. L. Blau), k. Rat, 
Pras. d. Osterr. Fachschriftst.-Verb., Red. 
d. Brauer- u. Hopfenzt. »Gambrinus«; 

* Wien 17. V. 1844; f das.. 10. V. — KL 
1909, 55** 1908, 964 (W). 

Lichtenberg, Georg, Dr. iheol. h. c. y Landes- 
hauptm. d. Prov. Hannover, Mitgl. u. 
Pras. d. Landessynoden ; * Hannover 1852; 
t das. 21. V. — VZ 23. V. M.-A.; W 22, 
936; Allg. Ev.-Luth. Kirchen-Zt. 1908, 
534; TJ 28, Abt 3, 544; KJ 1909, 633. 

Lieb, Hermann, Dtsch. -Amerik. General; 

* Arenenberg, Schweiz 24. V. 1826; 
f Chicago 5. III. — 1851 nach New York, 
1854 Cincinnati, 1856 Chicago, 1861 
Gemeiner i. 8. Illinois- Inf. -Reg., in dem- 
selben Jahre Hauptm., 1862 Major, 1863 
Oberst. Nach d. Kriege Hrsg. einer dtsch. 
Zt. i. Springfield, griindete 1870 d. »Deutsch- 
Amerikaner«, 1879 — ^85 Vorsteher d. 
Chicagoer Wasseramts. — DAG 8, 2, 67/69. 

Liebreich, Matthias Eugen Oskar, 
Dr. med. h. c, Geh. Mediz.-Rat, Prof. d. 
Pharmakologie u. Direktor d. pharmakolog. 
Instituts a. d. Univ. Berlin, Begr. u. Vors. 
d. Balneolog. Ges., Entd. d. schlaferr. 
Eigenschaft d. Chloralhydrats; * K6nigs- 
berg i. Pr. 14. II. 1839; f Berlin 2. VII. — 
T 246 (P); IZ 131, 55/56 (N m. P); Chronik 
d. Univ. Berlin Jg. 22, 6/7; D. dtsch. 
Vorkampfer Aug.-H. 1908, 23; KL 1908, 
967 (W); WI 3t 814 (W); DMVV 34, 2, 
1558/59 (H. Thomms m. P); BKW 45, 2, 
1387/88 (Posner); MR 1908, 341; MMW 
55, 2, 1647/48 (E. Saalfeld); PF 4, 1, S87; 
HBL 3, 707; PBL 1009/10 (P u. W); BZ 
23, 211 [Allgem. Mediz. Centralzt. Jg. 77, 
431 (Th. Lohnstein); Chemikerzt. Jg. 32, 
653 (L. Spiegel); D. Heilkunde 1908, 275; 
Therap. Monatsh. Bd. 22, 383 (A. Lang- 
gaard); Zs. f. arztl. Fortbildung Jg. 5, 
511 (G.Zuelzer); Balneolog. Zt. Jg. 19, 
507 (M. Hirsch)] 24, 177 [Berichtc d. dtsch. 



57' 



Totenliste 1908: Liechtenstein — Loew. 



58* 



chem. Ges. Jg. 41, 4801 — 5 (A. Lang- 

gaard)]. 
Liechtenstein! Rudolf Furst von u. zu, Herzog 

von Troppau u. Jagerndorf, General d. 

Kav. v 1. Oberhofmeister d. Kaisers v. 

Osterreich, Geh. Rat u. Kammerer, erbl. 

Mitgl. d. Herrenh., eine d. glanzendsten 

u. liebenswurdigsten Erscheinungen d. 

Wiener Hoflebens; * Wien 18. IV. 1838; 

t Mahr.-Kromau 15. XII. — NFP 15. XII. 

A.-B1.; T 389 (P); IZ 131, 1219 (P); HJ 

1908, 446; HK 1908, 40. 
Llndemann, Lambert, Dr.phil., Direktor d. 

Handelsschule i. Osnabriick, tiichtiger 

Schulmann; * Mettmann, Rheinprov. 28. 

IV. 1846; f Osnabriick 20. XII. — VZ 

21. XII. A.-A.; Pers. Mitt. 
Llndemann, Moritz, Dr. phil. h. r., langj. Red. 

d. Dtsch. Geogr. Blatter, hervorr. Schriftst. 

auf d. Gebiete d. Seefischerei, Ausschufi- 

mitgl. d. Dtsch. Seefischerei-Vereins; 

* Dresden 27. III. 1823; f Bremen 7. VIII. 
— GK 1909, 342/43; G 94, 275; Dtsch. 
Geogr. Bl. 31, 246—52; DRG 31, 88; 
GA 9, 233; GZ 14, 649—52 (W. Wolken- 
hauer); Mitt. d. Dtsch. Seefischerei-Vereins 
!9o8 f 355, 451; L 44, 12, no. 

Llndemann, Rudolf, Pfarrer i. Fehraltorf, 
Mitgl. d. Antiqu. Ges. i. Zurich, als d. 
•Wetterpfarrer ♦, Verf. d. Witterungsber. 
u. Prognosen in d. »Volkszt.* sehr popular; 

* Fahrwangen, Kant. Aargau 11. XI. 1852; 
t Fehraltorf 19. XII. — ASG 40, 501 (W). 

Lindemifth, Hugo, Gartenbaudirektor, Dozent 
a. d. Landwirtsch. Hochsch. i. Berlin; 

* Crawinkel, Pro v. Sachsen 17. V. 1846; 
t Berlin 1. XII. — VZT; Mitt. d. Hochsch. 

Lindenfeb, Gustav Frh. v., k. k. Generalm.; 

* Augsburg 6. IX. 1829; t Wien 23. III. — 
FT 1908, 439, 1909 TL. 

LipOWttz, Alexander, Schauspieler, fruh. a. d. 
Stadttheatern i. Riga, Posen u. Dusseldorf, 
zul. i. Coin tatig; * Berlin 11. VI. 1866; 
t das. I. VIII. — NTA 1909, 172. 

Lippe-Biesterfeld, Leopold Prinz zur, preufi. 
Generallt. a. 1. s. d. Armee; * Oberkassel 
12. V. 1846; f Heidelberg 28. I. — VZ 
29. L, 1. II. M.-A.; MZ 1908, 67; HJ 
1908, 446; HK 1908, 42. 

Lippe-WeiBenfeM, Arnold Graf zur, Dr. theol, 
Domherr u. papstl. Geheimkammerer, 
furstcrzbischofl. Konsistorialrat u. Dom- 
kapitular; * Ratibofitz 21. VIII. 1842; 
t Wien 3. X. — W 41, 1766; HJ 1908, 446; 
HK 1908, 44. 

Ltoauer, Abraham, Dr. med., Geh. Sanitats- 
rat, Prof., Hygieniker u. Anthropologe, 
verdient um Anthropologic u. Prahistorie, 
sowie um d. Entwicklung d. Berl. Anthrop. 
Ges.; * Berent, Westpr. 29, VIII. 1832; 



t Berlin 30. IX. — VZ 1. X. M.-A.; G 94, 
306; IZ 131, 594; GK 1909, 343; DRG 
31, 88; HBL 4, 9; PBL 1017/18 (W). 

Lob, Otto, Musiklehrer u. Komponist, einer 
d. fruchtbarsten neueren Komponisten von 
Studentenliedern (»Filia hospitalism), lange 
Zeit Musikdirigent i. Chicago; * Lindlar, 
Rheinprov.; f Neckargemund b. Heidel- 
berg 11. IX. — VZ 16. IX. M.-A.; W 38, 
1636; HJ 1908, 446. 

LobkOWitZ, Georg Christian Furst, Dr. h. c. 
d. Univ. u. d. Techn. Hochsch. i. Prag, 
Mitgl. d. Herrenh. u. Reichsr., Fiihrer d. 
tschech. Feudalen, 1883 — 1907 Oberst- 
landmarschall von Bohmen; * Wien 14. V. 
1835; t Prag 21. XII. — VZ 22. XII 
M.-A.; NFP 22. XII. M.-Bl.; IZ 131, 
1219; HJ 1908, 446; HK 1908, 158. 

LobkowitZ, Rudolf Ferdinand Prinz, Feld- 
zeugmeister, k. k. Kammerh., Geh. Rat, 
Mitgl. d. Magnatenhauses ; * Frischau b. 
Znaim 16. VIII. 1840; f W'ien 9. IV. — 
VZ 10. IV. M.-A.; NFP 10. IV. M.-BL; 
MZ 1908, 215; LJ 1908, 516; HJ 1908, 
446; WI 3, 829; Peters, Feldzeugmeister 
Prinz L. E. Gedenkbl. Wien 1908. 

*Lo8, Walter Degenhard Frh. von, General- 
feldmarschall u. Generaladjutant d. Kaisers, 
Mitgl. d. Herrenh., Ritter d. Schw. Adler- 
Ordens; * Schl. Allner a. d. Sieg 9. IX. 
1828; j Bonn 6. VII. — BJ XIII, 129 
(H. Diez); T 250 (P); W 28, 1198 (P); 
IZ 131, 98 (N m. P); MW 1908, 2023 
(v. Loos); MZ 1908, 384; LJ 1908, 516; 
I) 10. 802 (P); HJ 1908, 446; WI 3, 829; 
FT 1908, 448; DZL 896. 

Ldtimanfl, Johann Heinrich, seit 1865 Haupt- 
lehrer a. d. Knabenschule zu St. Johann is 
i. Flensburg, ausgezeichneter Padagoge, 
Verf. vielbenutzter Rechenbiicher ; * Burg, 
SUder-Dithmarschen 19. II. 1830; f Flens- 
burg 8. II. — Kieler Zt. 9. u. 11. II. M.-A.; 
AL Bd. 1, 447/48. 

LoeSCher, Fritz, naturwiss. Feuilletonist, 
Kunstkritiker, Red. d. *Photogr. Mitt.t; 

* Berlin 28. 8. 1873; t Berlin-Mariendorf 
5. VIII. — KL 1909, 55*. 1908, 995 (W). 

Loesewitz, Friedrich von, Geh. Reg.-Rat, 
Landesokonomierat, Mitgl. d. Gesamt- 
Ausschusses d. Dtsch. Landwirtsch. -Ges., 
1893— 1898 M - d - R - (Reichspartei); 

* Carlsburg 16. III. 18 19; f Lentschow 
i. Pomm. 20. VI. — VZT; RH 1893, 205; 
Mitt. d. Dtsch. Landw.-Gcs. 23, 303. 

*L0CW, Ernst, Dr. phil % Prof. a. Kgl. Real- 
gymn. zu Berlin, Botaniker; * Berlin 
23. VII. 1843; t das. 12. VIII. — BJ XIII, 
184 (E. Roth); VZ 15. VIII., 19. VIII. 
M.-A.; NZ 22. VIII. M.-A. (P. Ascherson, 
Z. Tode E. L.s); W 34, 1460; Bl. f. hoher. 



59* 



Totenliste 1908: Ltfwl — Marees. 



60* 



Schulwes. 25, 371; NR 1908, 562 — 563 

(P. Magnus). 
Ldwl, Ferdinand Edler von Len ken thai, 

Dr. pkil. t Prof. d. Geogr. u. Erdkunde 

a. d. Univ. i. Czernowitz; * Proflnitz i. 

Mahr. 7. V. 1856; f au * d - Gaisberg b. 

Salzburg 2. V. — G 94, 147; GK 1909, 

343/44; GZ 14, 425—27 (E. Diener); 

DRG 30, 569—71 (W u. P); Dtsch. Arbeit 

7, 11, 742 (Lenz m. W); Verh. d. Geolog. 

Reichsanst., Wien 1908, 188 (W. Hammer); 

Mitt. d. Geogr. Ges., Wien 51, 293; Zs. f. 

Schulgeogr., Wien 29, 277; Mitt. d. Dtsch.- 

Osterr. Alpenvereins 9, 124; GA 9, 137; 

L 44, 6 ? 63; PF 4, 1, 906- (W). 
*Loritz, Joseph, Anh. Kammersanger, Ge- 

sanglehrer, Schuler Eugen Guras; * Nitten- 

au 16. IV. 1864; f Miinchen 27. XII. — 

BJ XIII, 61 (A. Frh. v. Mensi); HJ 1908, 

446. 
Lorleberg, Richard, Kgl. Kammervirtuose, 

vorziigl. Cello- Spieler; * Watterode 9. X. 

1848; f Hannover 27. X. — NTA 1910, 156. 
LotkhillS, Eduard, Dr., nationallib. M. d. A.; 

* St. Goarshausen 11. XI. 1847; t < ^ as - 
24. V. — VZ 25. V. A. -A.; WI 3, 840; 
HA 1904, 336 (P). 

*LlJCanU8, Hermann von, Dr. iur. et med. h. r., 
WGRat, Chef d. kais. Zivilkabinetts; 

* Halberstadt 24. V. 1831;! Potsdam 
3. VIII. — BJ XIII, 141 (H. Diez); 
T 272 (P); W 32, 1374, 1377 (W); Ev.- 
Kirchl. Anz. 1908, 142; IZ 131, 219 (N m. 
P); HJ 1908, 446; WI 3, 842. 

LtlCCa, Pauline, verw. Baronin von Wall- 
hofen, Preui3. u. Osterr. Kammersanger in; 

* Wien 25. IV. 1835 c?); f das. 28. II. — 
VZ 29. II. M.-A.; NFP 29. II. M.-Bl., 
1. III. M.-BL; HC 29. II. A.-A.; IZ 130, 
397/98 (A. Smolian m. P); HJ 1908, 446; 
EG 626; NTA 1909, 158/59 (P); AMZ 

! 1908, 200 (R. Fiege); NMZ 29, 12, 265 
(L. Andro); MWB 1908, 264 (L. Andro); 
R 790. 

LudOWieg, Julius, Geh. Reg.-Rat, fruh. Ober- 
burgerm. v. Harburg u. M. d. A. (1879 
bis 86, 1888—93); * Hitzacker 9. VII. 
1830; f Hannover -Waldhausen 12. IX. — 
VZ 16. IX. M.-A.; T 317 (P); HA 1886, 245. 

Lttdwig, Hermann (Pseud.) s. Jan, Hermann 
Ludwig von. 

*LtiderS, Hermann, Maler und Zeichner; 

* Osterwieck b. Halberstadt 25. XI. 1836; 
t Grofi-Lichterfelde 27. XI. — BJ XIII, 
198 (L. Pietsch); NZ 30. XL A.-A.; VZ 
6. XII. M.-A.; W 49, 2108; IZ 131, 1062 
(F. Dernburg), 1065 (P); HJ 1908, 447; 
MS 3, 56; Kchr 20, 137. 

Liftzow, Leo Frh. von, gen. von Dorgelow, 
Dr. iur., Landesdirektor d. Fiirstent. Wal- 



deck u. Pvrmont, Kgl. Preufl. Kammerh.; 
* Gorlitz '18. V. 1856; t Arolsen 25. IV. — 
VZT; FT 1908, 457. 

Ma€CO, Adolf Albrecht, Geh. Oberjustizrat, 
Landgerichtspras. a. D.; * Flensburg 15. II. 
1834; t <ias. 19. VIII. — VZ 23. VIII. 
M.-A. 

MagtlUSSetl, Harro, Prof., Bildhauer; * Ham- 
burg 14. V. 1861; f Berlin-Grunewald 
3. XL — T 358 (Zimmermann, Die letzten 
Werke eines zu fruh Dahingegangenen); 
IZ 131, 846 (N m. P); HC 16. XL A.-A. 
(A. Romer, Gesprache mit H. M.); Westerm. 
Monatsh. Dez. 1908, 475; Schlesw.-Holst. 
Rundsch. f. Kunst u. Lit. Jg. 3, H. 7 
(R. Presber); D. Freie Wort Jg. 8, Nr. 19 
(Pietsch); Kchr 20, 68/69; KFA 24, 151/52 
(P); MS 3, 78; W 45, 1935/36 (P); D. 
Magazin Jg. 78, 154 (C. L. Walter); TRU 

1908, Nr. 269 (H. v. Moser). 

Mafech, Gottlob, Dr. pkil., Prof., Privat- 
geiehrter, Schriftst. auf d. Geb. d. Theol. 
u. Gesch.; * Orlach 15. IX. 1825; f Cann- 
statt 28. III. — KL 1909, 55*, 1908, 1022. 

Makowsky, Alexander, Prof. d. Geologie a. d. 
Techn. Hochsch. i. Brunn; * Zwittau i. 
Mahr. 17. XII. 1833; f Brunn 3. XII. — 
NZ 4. XII. M.-A.; PF 4, 2, 947. 

Maliszewski, Camillo von, General™, z. D. f 
bis 1890 Kommand. d. no. Gren.-Reg. f 
Ritter d. Eis. Kreuzes 2. KL; * Berlin 
10. XII. 1836; f Kassel 6. II. — VZ 8. II. 
M.-A.; IZ 130, 334; MZ 1908, 90. 

Mabburg-Escheberg, Hans v. d., Dr. iur., 
WGRat, Vizemarschall d. althess. 
Ritterschaft, Mitgl. d. Herrenh.; * Esche- 
berg b. Zierenberg 5. VI. 1831; f Kassel 
2. II. — VZ 4. II. M.-A.; IZ 130, 334; 
HJ 1908, 447; HL 22, 59; HH 1904, 332; 
WI 3, 863. 

Mann, Friedrich, Hrsg. d. »Dtsch. Blatter f. 
erziehenden Unterricht* u. d. tPadagog. 
Magazins«, Begr. d. »Bibliothek padag. 
Klassiker«, Verf. von Schulbuchern; * Lan- 
gensalza 5. IX. 1834; f das. 3. VI. — KL 
x 909i 55*. 1908, 1027 (W); Mitt. d. Ges. 
f. dtsch. Erziehungs- u. Schulgeschichte 
18, 3 (Th. Fritzsch); E. v. Sallwiirk, F. M. 
Ein Blatt d. Erinnerung. Langensalza 

1909. (Padagog. Magazin H. 373.) 
Maries, Walter von, Hauptmann, kommand. 

z. Ausw. Amt, einer d. ausgezeichnetsten 
Topographen d. dtsch. Armee, zul. bei d. 
Ausgrabungen i. Milet u. Didyma tatig, 
Mitgl. d. Expedition z. Erforschung d. 
Schlachtf elder Alexanders d. Gr.; * Adlig- 
Skirbst, Ostpr. 27. IX. 1869; f Berlin 
26. II. — VZ 27. II. A.-A.; GK 1909, 344; 
GA 9, 89; JAW 37, 1909, Bd. 145 A, 
43—50 (P. Goessler). 



6i* 



Totenliste 1 908 : Martina — Merker. 



62* 



Martina, Aldo, Dr. med. t Oberarzt a. d. Kgl. 

Chirurg. Univ.-Klinik i. Greifswald, von 

ungewohnlicher "Begabung f. Chirurgie u. 

wiss. Forschung; * Hasendorf i. Osterr. 

5. VIII. 1877; f Greifswald 25. IV. noch 

nicht 31 J. alt. — MMW 55, 1, 999; Mitt. 

d. Univ. 
Massenbadl, Edmund Frh., Dr. med. n Geh. 

Mediz.-Rat; * Potsdam 24. VIII. 1828; 

t Berlin 17. V. — FT 1908, 486, 1909 TL. 
Matzat, Heinrich, Direktor d. landwirtsch. 

Schule i. Weilburg, Schriftst. auf philos., 

hist M geogr. u. padagog. Gebiete; * Milch- 

bude b. Klein-Tapiau, Ostpr. 9. I. 1846; 

t Weilburg a. L. 24. VIII. — VZ 4. IX. 

M.-A.; KL 1908, 1042 (W); GK 1909, 345; 

DRG 31, 85/87 (E. Oppermann m. P); 

GA 9, 265/67 (E. Oppermann); Dtsch. 

Schule 12, 10, 654; WI 3, 881 (W); IZ 131, 

425; Zs. f. Schulgeogr. 30, 10—13. 
Matirer, Georg, ehem. Opernsanger; * Obritz 

24. II. 1830; f Weimar 5. IV. — NTA 

1909, 164. 
Maurer, Johann, Kreispostdirektor i. Basel, 

Verf. von »6o Jahre schweizerischen Post- 

dienstes 1842 — 1902. Erinnerungsblatter*, 

Basel 1902; * Zollikon b. Zurich 30. V. 

1825; t Basel 6. XI. — ASG 40, 501. 
Matirer, Johann Baptist, Domkapitular, seit 

1903 Generalvikar i. Bamberg; * 29. VIII. 

1851; f Bamberg 14. III. — HJ 1908, 448. 
Mayer, Adolf, Dr. phil., Prof. d. Mathem. u. 

Direktor d. Mathem. Sem. a. d. Univ. 

Leipzig; * Leipzig 15. II. 1839; f Gries 

II. IV. — VZ 15. IV. M.-A.; DZL 941; 
T 189 (P); WI 3, 884 (W); PF 4 , 2, 9 78(W); 
Jahresber. d. dtsch. Mathematiker-Ver- 
einigung Bd. 17, 355 — 362 (H. Liebmann). 

Mayer, August, Generallt. z. D., bis 1901 

Prases d. Ing.-Komitees; f Berlin 14. IV. 

i. 63. Lebensj. — VZ 16. IV. M.-A.; MZ 

1908, 229. 
Mayr, Johann Georg, fursterzbisch. Kon- 

sistorialrat, Domdechant i. Salzburg; * 30. 

III. 1830; t Salzburg 19. II.— H J 1908, 448. 
Meckleflburg-Schwerin, Herzogin Johann Al- 

brecht, geb. Prinzessin Elisabeth von 
Sachsen-Weimar; * Weimar 18. II. 1854; 
t Schi. W T iligrad i. Mecklbg.-Schw. 10. VII. 
— T 252 (P); IZ 131, 98 (N m. P); HK 
1908, 80; HJ 1908, 436. 

Meckfeflburg-Strelltz, Herzog Karl Borwin zu; 
* Neustrelitz 10. X. 1888; f St. Martin 
b. Metz 25. VIII. — HC 26. VIII. M.-A.; 
T 294 (P); HJ 1908, 442; HK 1908, 48. 

Medem, Rudolf, Dr. iur., Prof., Landger.- 
Rat a. D. f Privatdoz. d. Strafrechtswiss. 
a. d. Univ. Greifswald; * Marienwerder 
17. VI. 1832; t Greifswald 21. VIII. — 
Chronik d. Univ. Greifswald Jg. 23, 8/9. 



Mediz-PeUkan, Emilie, geb. Pelikan, Land- 
schaftsmalerin; * Vocklabruck i. Ober- 
osterr. 12. XII. 1861 ; f Leubnitz b. Dresden 
19. HI. — VZ 24. III. A.-A.; Kchr 19, 358; 
Jahrb. d. bild. Kunst, Berlin 7, 74; MS 
3, 395; BMW 2, 233 (W); WI 3, 1023; 
DZL 945. 

*Meertnanil, Arno, Landschaftsmaler; * Reh- 
den i. Westpr. 17. II. 1829; f Nieder- 
Thalheim b. Landeck i. Schles. 2. X. — 
BJ XIII, 112 (H.Holland). 

Meilly, Otto Ludwig, Dr. med., Generalarzt 
a. D., bis 1903 Div.-Arzt d. n. Div.; 
* Gorlitz 28. X. 1844; t Rostock i. Jan. — 
JSG 1908 Nekr., 12/13. 

Meist, Karl, sozialdemokr. M. d. R. von 
J ^93 — 95 u. 1903 — 07; * Coln-Deutz 
12. XII. 1856; t Coin i. Febr. — VZ 21. II. 
M.-A.; RH 1903, 275. 

Meltzl, Hugo von, Dr. phil. y Prof. d. dtsch. 
Sprache u. Lit. a. d. Univ. Klausenburg, 
gewandter Ubers. aus 33 Sprachen; * Sachs. 
Regen 1846; f auf der Heimreise von 
Italien 20. I. — Karpathen, Jg. 1, H. 11 
(J. Szots m. W). 

Metlgewein, Karl, Kgl. Musikdirektor, hervorr. 
Dirigent von Choren, Begr. d. Oratorien- 
vereins i. Berlin, Komponist; * Zaunroden 
i. Thur. 9. IX. 1852; f Gr.-Lichterfelde 
7. IV. — VZ 10. IV. M.-A.; HJ 1908, 448; 
NMZ 29, 15, 332; AMZ 1908, 336; R 842; 
KJ 1909, 633; Concordia Jg. 15, 152. 

Menke, Friedrich Wilhelm, Mitgi. d. Dtsch. - 
Amerik. Hist. Ges. von Illinois, Stein- 
hauer; * nahe Herford, Westf. 21. IV. 
1832; f Quincy, 111. 29. III. — DAG 8, 125 
(H. Bormann). 

Meringi Joseph Frh. von. Dr. med., Geh. 
Mediz.-Rat, Prof. u. Direktor d. mediz. 
Univ.-Klinik a. d. Univ. Halle, besond. 
bed. auf d. Geb. d. experim. Pathologie 
u. Pharmakologie, hervorr. Diabetesfor- 
scher; * Coin 28. II. 1849; f Halle 5. I. — 
VZ 7. I. M.-A.; IZ 130, 105; DMW 34, i, 
206/7 (A. Schmidt m. P); BKW 45, 1, 
178/79 (Frese); MMW 55, 1, 400 — 402 
(N. Zuntz); Med. Klinik 1908, Nr. 5 (E. 
Harnack); Chronik d. Univ. Halle -Witten- 
berg 1907/08, 26—28; HBL 4, 211; PBL 
1119/20 (P m. W); DZL 952; BZ 22, 189 
[Archiv f. Verdauungskrankheiten (usw.) 
Bd. 14, 1 (J. Boas); Lotos, Bd. 55, 215 
(W. Wiechowski); Russ. Mediz. Rundsch. 
Jg. 6, 123 — 127; Therap. Rundsch. 1908, 57 
(R. Theilemann); Strattb. Mediz. Zt. Jg. 5, 3 
(G. Ledderhose)]. 

Merker, Moritz, Hauptmann i. d. Ostafrik. 
Schutztruppe, Verf. eines Werkes iiber 
»Die Massai*; * Ols i. Schles. 20. XII. 
1867; f Muanza i. Dtsch. -Ostafr. 3. II. — 



63" 



Totenliste 1908: Mcrkt — Mohr. 



64* 



G 93. '79; GK 1909, 345/46; DKZ 1908, 
8, 128, 13, 216 (Sander); DRG 30, 328; 
GA 9, 65; L 44, 4, 47; Merker, Die Massai. 
Ethnogr. Monogr. e. ostafr. Semitenvolkes 
(Biogr. von Sander i. Vorw.). 

Merkt, Eduard, Wiener Volksdichter; * Wien 
20. II. 1852; t das. i. August. — T 295 (P). 

Merm&nn, Alfons, Dr. med. y Mediz.-Rat, 
Leiter d. Wochnerinnen-Asyls i. Mann- 
heim, einer Musteranstalt, die flir etwa 
20 ahnliche Anstalten i. Deutschland 
vorbildlich war; f Mannheim 8. III. i. A. 
v. 55. J. — MMW 55, i, 776. 

Meranann, Felix, WGOberfinanzrat, Pro- 
vinzial-Steuerdirektor a. D.; f Miinster 
i. W. 23. I. i. A. v. 84 J. — VZ 25. I. M.-A. 

Merz, Oskar, Musikschriftst., unermiidl. Vor- 
kampfer fur d. Sache R. Wagners, 25 Jahre 
Musikref. d. »Munch. Neuesten Nachr. «; 
* St. Gallen 1 1. IX. 1851 ; f Zurich 21. X. — 
VZT; IZ 131, 752; AMZ 1908, 783. 

MetSCh, Franz, ehem. (1865— 1905) Chefred. 
d. Leipz. 111. Zt.; * Wiedersbach i. Thttr. 
24. IV. 1834; t Bad Wildungen 13. X. — 
VZT; IZ 131, 711 (N m. P); HJ 1908, 448. 

Metlbrink, Friedrich, Ober-Verw.-Gerichts- 
Rat, Stadtaltester v. Berlin; * Berlin 
13, VII. 1844; f das. 23. I. — VZ 24. I. 
A.-A. 

Meves, Wilhelm, ehem. Hofschauspieler i. 
Braunschweig; * 6. VI. 1846; f Braun- 
schweig 26. VIII. — NTA 1909, 172; 
EG 669. 

*Meyer t Alexander, Dr. iur. % Parlamentarier, 
Schriftst. u. Journalist; * Berlin 22. II. 
1832; f Berlin-Friedenau 27. VI. — BJ 
XIII, 139 (H.Diez); W 27, 1154; IZ 131, 
81; HJ 1908, 448; RH 1893, 211. 

Meyer, Elard Hugo, Prof. f. indogerm. Mytho- 
logie i. Freiburg i. B.; * Bremen 6. X. 1837; 
f Freiburg i. B. 12. II. — VZ 12. II. A.-A., 
13. II. M.-A.; AZB 1908, Nr. 26 (F. Kluge); 
IZ 130, 374; LE 10, 886; DRG 30, 328; 
HJ 1908, 448; WI 3, 906 (W); DZL 958; 
Zs. d. Vereins f. Volkskunde 1908, 234 — 236 
(M. Roediger). 

Meyer, Marie, Schauspielerin, zuletzt (1891 
bis 1902) a. Lessing-Theater i. Berlin, 
hervorr. Darst. von Mutterrollen; f Berlin 
16. VII. i. A. v. 67 J. — T 259 (P); NTA 
1909, 170/71; EG 672/73. 

MiletlZ, Robert, ehem. Opernsanger; * Wien 
18. X. 1857; f Miinster i. W. 6. V. — 
NTA 1909, 165. 

MHkatl, Max Friedrich Robert Frh. von, 
sachs. Generallt. z. D., bis 1905 Kommand. 
d. 23. Kav.-Brig., Ritter d. Eis. Kreuzes 
2. KL; * Skassa b. GroCenhain 25. VI. 
1850; t Gotha 16. VI. — VZT; MZ 1908, 
37i. 



Milfe-Milarta, Marie von, ehem. Kgl. PreuB. 
Hofschauspielerin, die 43 Jahre d. Casseler 
Hoftheater angehorte; * Miinchen 19. X. 
1832; f StraOburg 17. II. — NTA 1909, 
157/58; EG 679; HL 22, 72. 

Mitzbttf, Alfred von, Generallt. z. D., bis 1906 
Chef d. Militar-Reitinstituts i. Hannover, 
Ritter d. Eis. Kreuzes 2. KL; * Vevey, 
Schweiz 19. IV. 1849; t Potsdam 30. IX. — 
VZ 1. X. A. -A.; IZ 131, 594; MZ 1908, 541. 

MSblus, Karl August, Dr. phil., Geh. Reg.-Rat, 
Prof. d. Zoolog. a. d. Univ. Berlin, Direktor 
d. Mus. f. Naturkunde, Mitgl. d. Akad. 
d. Wiss., hervorr. auf d. Gebiete d. biolog. 
Forschung; * Eilenburg 7. II. 1825; 
f Berlin 26. IV. — VZ 27. IV. A. -A., 
28. IV. M.-A.; T 192 (P); Kieler Zt 27. IV. 
A. -A. (N); Hamb. Nachr. 7. II. 05 (R. 
Hartmeyer, Z. 80. Geburtstage); HC 2. V. 
M.-B1. (N); IZ 130, 883, 954 (N m. P); 
Dtsch. Schule 12, 5, 312; GK 1909, 346; 
DRG 30, 516/18 (W. Wolkenhauer); Mo- 
natsh. f. d. naturwiss. Unterr. aller Schul- 
gattungen 2, 10 (C. Matzdorff, Z. Er- 
innerung an K. M.); Mitt. d. Dtsch, See- 
fischerei- Vereins 1908, 269/70; KL 1908, 
1096 (W); WI 3, 921 (W); Chronik d. Univ. 
Berlin 22, 7; NR 1908, 361—363* 373~ 375 
(R. v. Hanstein); BZ 23, 233 [Wiener 
klin. Rundsch. Jg. 22, 614, 631, 647 
(K. C. Schneider, Ge dan ken von K. A. M.); 
Intern, entomol. Zs. Jg. 2, 137 (0. Proch- 
now, M.s' asthet. Betrachtg. d. Tiere)]. 

Mocke, Hans, Operet ten- Sanger; * Nieder- 
Lubie 6. IX. 1866; f Buch 31. VII. — 
NTA 1909, 171. 

*M6nckebcrg, Johann Georg, Dr. iur., pras. 
Burgermeister v. Hamburg; * Hamburg 
22. VIII. 1839; f das. 27. III. — BJ XIII, 
130 (H.Diez); HC 27. III. A.-A.; Hamb. 
Nachr. 27. III. A.-A. (N), 27. III. 2. M.-A., 
30. III. A. -A. (Beisetzung); IZ 130, 576/78 
(K. Hesselbarth m. P); Mitt. d. Geogr. Ges. 
i. Hamb. 23, I. (L. Friederichsen); GK 
I909» 346; DRG 30, 472; GZ 14, 283; 
WI 3, 923; DZL 981. 

Mdrsel, Ferdinand, Kapitan u. Hafenmeister 
a. D., langj. Lotse von Tschi mul po, einer 
d. eifrigsten u. geschatztesten Mitarb. d. 
Dtsch. Seewarte, fiir die er wertvolle u. 
sehr gewissenhafte meteorolog. Beobach- 
tungen lieferte, Verf. von ,General In- 
formation on the Approaches to Chemulpo 
Harbour and Navigation on the Han Kang* ; 
* Danzig 9. IV. 1844; f Tsingtau 20. V. — 
Annalen d. Hydrogr. 36, 420; GK 1909, 346. 

Mohr, Franz, Dr. med. % bayer. Gen.-Arzt 
1. KL, zul. Korpsarzt d. 1. Bayer. Armee- 
korps; * Wurzburg 7. IV. 1830; f Manchen 
15. VI. — MW 1908, 2135; OA 1908/09, 1013. 



65* 



Totenliste 1908: Montecuccoli-Laderchi — Neumann. 



66* 



MonteCUCCOli-Laderchi, Maximilian Graf, 
Haupt d. Hauses, osterr. Gch. Rat u. 
Kammerer, MitgL d. Herrenh., Prasident- 
stellvertr. d. Staatsschulden-Kontrollkom- 
mission, Gouverneur d. osterr. Landerbank; 
* 14. IX. 1840; t Hofgastein 17. IX. — 
HJ 1908, 449. 

Moser, James, Dr. phiL % Privatdoz. d. Physik 
a. d. Univ. Wien; * Berlin 11. III. 1852; 
f Semmering 23. IX. — NFP 24. IX. 
M.-BL; VZ 29. IX. M.-A. 

Moser, Ottilie, ehem. Leiterin d. Kurtheaters 
i. Marienbad, Gattin d. Direktors Karl 
Moser; * Barmen 8. VII. 1837; f Linz 
20. II. — NTA 1909, 158. 

Mracek, Franz, Hofrat, Prof. d. Med. a. d. 
Univ. Wien, Primararzt a. d. k. k. Kranken- 
anst. Rudolfstiftung, hervorr. Syphilis- 
Forscher; * Beneschau 1. IV. 1848; f Wien 

8. IV. — NFP 9. IV. M.-BL; VZ 17. IV. 
M.-A.; IZ 130, 834; MMW 55, 1, 832; 
WI 3, 936 (W); HBL 4, 297; PBL 1166. 

MUhl, Otto, Amtsger.-Rat a. D., Biirgerm. 

a. D., EhrenbUrger v. Breslau; * Breslau 

11. XII. 1841; f das. 28. XII. — VZT; 

OA 1908/09, 1026. 
Mtiller, Eduard, Reichsgerichtsrat, friih. bad. 

Oberlandesger.-Rat; * Herischried i. Bad. 

24. IX. 1854; t Leipzig 4. IX. — VZ 6. IX. 

M.-A.; T 307 (P); IZ 131, 484; Recht 12, 

Nr. 18 (F6rtsch). 
MttHer, Franz Joseph, Stadtschultheifi a. D., 

1879— 1881 M. d. R.; f Ehingen a. D. 

26. V. — WJ 1908 Nekr. 
♦MUUer, Georg, Historiker; * Obervorholzen, 

B. A. Rottenburg i. Niederbayern 30. V. 

1838; f Schierling, B. A. Mallersdorf i. 

Niederbayern 5. X. — BJ XIII, 244 (A. 

Dreyer). 
*MiiIler, Hermann von, Generallt. z. D. f 

bedeut. Militarschrif tst. ; * Briindel b. 

Dernburg i. Anh. 2. VII. 1832; f Berlin 

9. I. — BJ XIII, 175 (B. Rathgen); VZ 
9. I. A.-A., 10. I. M.-A.; IZ 130, 169; 
MW 1908, 159; MZ 1908, 34; LJ 1908, 517. 

MtiDer, Hugo, Landesdirekter a. D. d. Prov. 
Hannover; f Hannover 17. IV. i. A. v. 
78 J. — VZ 21. IV. A.-A. 

Mtiller, Otto, Grofiindustrieller, Geh. Kom- 
merz.-Rat, EhrenbOrger v. Gorlitz, Stifter 
d. Volkslesehalle das.; * Chemnitz 23. IV. 
1863; t GSrlitz 26. IV. — VZ 27. IV. A.-A.; 
AF 1908, 251; WI 3, 945- 

Muller-Harttmg, Karl, Geh. Hofrat, Prof., 
ehem. Hofkapellm., langj. Direktor einer 
bek. Musik- u. Orchester-Schule i. Weimar, 
seit 1903 i. Charlottenburg lebend, Kom- 
ponist von Orgelsonaten, Manner- u. 
liturg. Choren, Motetten u. Liedern, Musik- 
schriftst., Freund v. Liszt u. Bulow, urspr. 



Theologe; * Stadt Suiza 19. V. 1834; 

f Charlottenburg 11. VI. — VZT; IZ 131, 

81; HJ 1908, 449; NTA 1909, 169; NMZ 

29, 19, 413 (O. Urbach m. P); AMZ 1908, 

515; R 896. 
Mtinzer, Georg, Dr. phiL, Musi kschrif tst., 

Romandichter u. Komponist; * Breslau 

4. IX. 1866; f Berlin 23. IV. — VZ 25. IV. 

M.-A.; LE 10, 1248; NMZ 29, 16, 352; 

AMZ 1908, 368; R 896; HJ 1908, 449; 

KL 1908, 1 132 (W). 
MliSlfian, Ludwig Ritter von, Generallt. z. D., 

zul. Kommand. d. 1. Feld-Art.-Brig.; 

* Mitterfels b. Bogen 5. II. 1826; t MQn- 
chen 21. V. — VZ 23. V. M.-A.; T 213 (P). 

Nagel, Karl, Kammervirtuose i. W r eimar, 
einer d. bedeutendst. Violinspieler Deutsch- 
lands, letzter d. Joachim -Kompel-Quartetts; 

* 23. X. 1844; f Weimar 11. I. — VZ 14. I. 
M.-A.; AMZ 1908, 80; HJ 1908, 449. 

NayhauB-Cormons, Julius Caesar Graf, Lan- 
desaltest. d. Schweidnitz-Jauerschen FQr- 
stent.-Landschaft, 1874 — 1887 M. d. R. 
(Zentr.); * Schlofi Bladen 3. VIII. 1821; 
t Warmbrunn 5. V. — VZ 5. V. A.-A.; 
IZ 130, 1086; HJ 1908, 449; Hirth, Dtsch. 
Parlam.-Almn. 15. Ausg., 194. 

*Nebe f Karl, Groflh. Bad. Kammersanger, 
seit 1900 Mitgl. d. Kgl. Opernhauses i. 
Berlin; * Braunschweig 3. X. 1858; f Berlin 
7. II. — BJ XIII, 272 (E. Kilian); VZ 8. 
II. A.-A.; IZ 130, 334; NMZ 29, 10, 228; 
NTA 1909, 156; HJ 1908, 449; EG 711; 
WI 3, 960. 

Nelde, Emil, Bildhauer, Portrat- u. Figuren- 
Maler, Lehrer a. d. Kunst-Akad. zu Konigs- 
berg, schuf haupts. mytholog. Genrebilder 
u. sensationelle Eflektstucke (am be- 
kanntesten: »Die Lebensmiiden«); * K6- 
nigsberg i. Pr. 28. XII. 1842; f das- 30. IV. 
— VZ 2. V. M.-A.; IZ 130, 1086; HJ 1908, 
449; MS 3, 294; BMW 2, 134 (W); WI 
3, 96i. 

Netlbarth, Friedrich Eduard, Landwirt, frei- 
kons. M. d. R. u. M. d. A.; * Wun- 
schendorf, Kr. Merseburg 21. V. 1833; 
f Lauchstadt 1. IV. — VZ 2. IV. M.-A.; 
HA 1882, 265. 

Neumann, Otto Wilib., Dr. med., Geh. Sani- 
tatsrat, bek. aus d. PUckler-Prozefl; 

* Sieradz 17. XL 1831; f Glogau 8. X. — 
VZ 8. X. A. -A.; W 42, 1808; OA 1908/09, 
1066. 

Neumann, Salomon, Dr. med. % Sanitatsrat, 
verdient um d. offentl. Gesundheitspflege 
d. Stadt Berlin, einer d. Begr. u. Kurator 
d. Zentralanst. f. d. Wissenschaft d. Juden- 
tums; * Pyritz 22. X. 1819; f Berlin 
20. IX. — VZ 22. IX. M.-A.; Statist. Jahrb. 
d. Stadt Berlin Jg. 31, Vorw. (N); Allg. Zt. 



6 7 * 



Totenliste 1908: Neumann — Olbrich. 



68* 



d. Judent. 1908, 459/6o (N), 519/524 
(H. Cohn, Rede b. d. Gedachtnisfeier d. 
Lehranst. f. d. Wiss. d. Judent.); AF 
1908, 370; MR 1908, 473, 477; PBL 1203. 

Neumann, Stephan, Padagoge, Gelehrter u. 
Organisator von Ruf, Direktor d. Viktoria- 
Schule i. Danzig, die unter seiner Leitung 
sich zu einer d. grofiten i. Deutschland 
entwickelt hat. Mitbegr. u. langj. Vors. 
d. Preufl. Ver. d. offentl. hoher. Madchen- 
schulen, nahm 1906 a. d. v. Kultusminist. 
einberufenen Konferenz z. Reform d. 
hoheren Madchenschulen teil; * Kulm, 
Westpr. 24. I. 1 841; f Danzig 31. V. — 
Bl. f. hoher. Schulwes. Jg. 25, 246. 

Nickel, Johann Heinrich Josef, fruh. Vize- 
Burgerm. v. Hanau, 1882 — 1884 freis. 
M. d. A.; * 5. XL 1829; f Hanau 
13. XI. — VZ 16. XI. A. -A.; HA 1882, 265. 

Nickbch-Rosenegk, Kurt von, Generallt. z. D. v 
bis 1893 Kommand. d. 28. Kav.-Brig., 
dann bis 1898 Hofmarsch. d. Prinzen 
Friedrich Leopold, Ritter d. Eis. Kreuzes 
2. KL; * Herrnstadt 29. XII. 1844; f Kun- 
nersdorf b. Hirschberg 16. VII. — VZT; 
MW 1908, 3509. 

*Ni€Olal, Friedrich, Grofih. Bad. Geh. Ober- 
flnanzrat; * Karlsruhe 3. IV. 1861; f das. 
21. X. — BJ XIII, 15 (O. Ellstatter). 

Niedhammer, Joseph, Sem.-Lehrer a. D., 
Domkapellmeister i. Speier, Orgelvirtuose 
u. Komponist vieler Messen u. eines 
Kaiserrequiems; * Wachenheim 8. III. 
1851; t Speier 29. VI. — HJ 1908, 449; 
OA 1908/09, 1072. 

Niehr, Friedrich, Kammermusiker i. Neu- 
strelitz; * Dresden 8. III. 1841; f Neu " 
strelitz 15. IX. — NTA 1909, 174. 

Niethammer, Albert, Geh. Kommerzienrat, 
Dr. ing. k. c. % Chef d. Papierfabrik >Kubler 
u. Niethammer*, Ehrenvors. d. Ver. Dtsch. 
Papierfabrikanten, 1881 — 1884 u. 1887 bis 
1890 nationallib. M. d. R.; * Reichenberg, 
Wurttbg. 29. IX. 1833; t Krielstein b. 
Waldheim 17. IV. — VZ 21. IV. A.- A.; 
IZ 130, 834; AF 1908/ 125 (N), 251; HJ 
1908, 449; WJ 1908 Nekr.; Hirth, Dtsch. 
Parlam.-Almn. 15. Ausg., 198; WI 3, 973; 
DZL 1025. 

♦Noll, Fritz, Prof. d. Botanik u. Direktor d. 
Botan. Instituts a. d. Univ. Halle; * Frank- 
furt a. M. 27. VIII. 1858; t Halle 20. VI. — 
BJ XIII, 185 (E. Roth); W 26, 11 10; 
IZ 131, 81; KL 1908, 1167; WI 3, 978; 
Chronik d. Univ. Halle 1908/09, 8 — 10; 
Sitzungsber. d. Niederrh. Ges. f. Natur- 
u. Heilkunde v. 6. VII. 1908; NR 1908, 
501 — 503 (M. Koernicke); Berichte d. 
Dtsch. Botan. Ges. Jg. 1908, Bd. 26«, 77. 

Nollet, Julius, Schauspieler u. Spielleiter a. 



Kleinen Theater zu Berlin; * Hannover 

29. III. 1861; t Berlin 1. VI. — NTA 1909, 
168; W 23, 980; WI 3, 979. 

Nottsch, Wenzel Ottokar, Prof., His tori en- 
u. Portratmaler, humorvoller Dichtcr u. 
Erzahler; * Wien 28. II. 1835; t Innsbruck 

30. X. — LE 11, 381; HJ 1908, 450; MS 
Nachtr.,222; KL 1909, 58*, 1908, 1168 (W). 

Nordhelltl, Jakob, Hamb. Groflkaufmann, 
bekannt durch seine philanthropise hen 
Bestrebungen i. Dienste d. dffentl. Wohl- 
tatigkeit; * Memmelsdorf b. Bamberg- 
1. X. 1825; f Hamburg 26. XL — HC 

1. X. 1905, M.-A. (Ein Hamb. Wohltater. 
Z. 80. Geburtstag J. N.s), 27. XL 1908, 
A.-A. 

Nowifia von Axt, Franz, Generalm. z. D. T 
bis 1907 Kommand. d. Truppen- 1) bungs - 
Platzes Dfiberitz, Ritter d. Eis. Kreuzes 

2. KL; * Nauen, Brandbg. 13. X. 1852: 
t Hanau 21. II. — VZ 23. IL M.-A.; IZ 

130, 410; MZ 1908, 117/118; WI 3, 982. 
Oehme, Oskar Ferdinand, Dr. tW M Geh. 

Justizrat u. Notar, Vorst. d. Anwalts- 
kammer d. Kgl. Sachs. Ober-Landes- 
gerichts; t Leipzig 19. VIII. — Jurist. 
Wochenschr. 1908, 617. 

*Ocri f Johann Jakob, Dr. phiL % Prof. a. 
Gymn. i. Basel; * Lausen, Kt. Baselland 
24. VI. 1844; t Bascl 2. IV. — BJ XIII, 
166 (H. Schollenberger); VZ 2. IV. A. -A., 
7. IV. M.-A.; ASG 40, 497 (W). 

Oesfeld, Adalbert von, Generalm. z. D., bis 
1894 Kommand. von Graudenz, Ritter d. 
Eis. Kreuzes 2. KL; * Beuthen 8. X. 1838; 
f Berlin-Wilmersdorf 11. VII. — T 255 
(P); MZ 1908, 397. 

Offermarm, Karl Frh. von, Dr.iur. % k. k. 
Kommerzienrat, kais. dtsch. Konsul, Grofl- 
industrieller u. Fabrikbes.; * Briinn 8. L 
1850; f Baden b. Wien 30. VI. — OR 16, 
145; FT 1909, 568. 

Olbrich, Joseph Maria, Prof., Architekt, be- 
kannter Fuhrer d. Darmstadter Kiinstler- 
kolonie, Erbauer d. Ausstellungs-Gebaudes 
i. Darmstadt u. d. Hauptbahnhofs i. Basel, 
auch hervorr. tatig auf d. Gebiete d. Klein - 
kunst; * Troppau 22. XII. 1867; f Dttssel- 
dorf 8. VIII. — VZ 10. VIII. A.-A.; T 278 
(P), 280 (W. Fred, Cber den toten Bau- 
meister O.); HC 19. VIII. M.-A. (H. 
Bethge); MAZ 1908, 417 (J. Baum); IZ 

131, 263 (A. Mailer m. P); KW 2i f 23 
(Avenarius); DBZ 42, 456 (O.Wagner); 
Velh. u. Klas. Monatsh. Okt. 1909. 2GI 
(L. Nachtlicht); HL 22, 232/33; Jahrb. 
d. bild. Kunst. Berlin 7, 76; HJ 1908* 
450; MS Nachtr., 224; H. Bahr, Buch d. 
Jugend, Wien 1909 (enthalt: »J. Olbrich ♦); 
Sozialist. Monatsh. 1908, Bd. 3, i*47i 



6 9 * 



Totenliste 1908: Olszewski — Paulsen. 



70* 



BZ 23, 251 [D. Architekt Jg. 14, 161 
(O. Wagner); D. Baumeister Jg. 6, Beil., 
133 (E. Schur); Neudtsch. Bauzt. 1908, 
257 (A. Lehmann); Blaubuch 1908, Nr. 34 
(H. Pudor); Gegenwart 1908, Nr. 40 (H. 
Bethge); Innendekoration Jg. i8 f 298; 
Dekorative Kunst Okt. 1908, 55; Dtsch. 
Kunst u. Dekoration Sept. 1908, Anh. 
(A. Koch); Kunstgewerbebl. N. F. Jg. 19, 
234 (H. Pudor); Masken Jg. 4, 15 (C. R. 
Vincentz); Nord u. Siid Nov. 1908, 339 — 344 
(H. Bahr); Werkkunst Jg. 3, 353 (O. 
Schulze); TRU 1908, Nr. 187 (H. Schliep- 
mann); Neudtsch. Bauzt. 1908, Beibl. 
Nr. 92 (Gerstner, O.-Ausstellung i. Darm- 
stadt)] 24, 208 [Schweizer. Bauzt. Bd. 53, 
313 (W. Schafer, O.s letztes Werk, Waren- 
haus Tietz i. Diisseldorf); Kunstgewerbebl. 
N. F. Jg. 20, 101 — 113 (J. A. Lux); Neue 
Revue 1908, Nr. 21 (R. Schwerdtfeger, D. 
letzte Werk O.s); Zs. d. osterr. Ingenieur- 
u. Architektenvereins Jg. 61 , Nr. 23 (F. 
v. Feldegg, 0., s. Leben u. s. Wirken)] 
25, 221 [Schweizer. Bauzt. Bd. 54, Nr. 24 
(W. Schafer); D. Rheinlande Jg. 9, 233 
(W. Schafer)]. 

Olszewski, Eugen von, Generalm. a. D., bis 
1878 Kommand. d. 53. Inf.-Reg., Ritter 
d. Eis. Kreuzes 1. Kl.; * Konigsberg i. Pr. 
22. VI. 1826; t Wiesbaden 8. VII. — 
T 259 (P); MZ 1908, 397. 

Olzem, Fritz, Landgerichts-Rat a. D., 1888 
bis 1898 M. d. A.; * 22. V. 1846; 
t Bonn 16. VIII. — VZ 19. VIII. A.-A.; 
HA 1894, 287. 

Opper, Hermann Friedrich, 1. Pfarrer 
d. luther. Gemeinde i. Cassel, friih. Rektor 
d. Burgertochterschule I; * Oberkaufungen 
30. X. 1841; f Cassel 22. V. — HL 22, 
163, 259/262, 276/78, 289/90 (Schantz). 

Oppert, Gustav, Dr. phil. $ Prof., Privatdoz. 
f. d. dravidischen Sprachen a. d. Univ. 
Berlin, verdienter Sanskritist u. Indologe, 
21 Jahre Prof. i. Madras; * Hamburg 
30. VII. 1836; f Berlin 16. III. — VZ 
17. III. A. -A.; IZ 130, 583; G 93, 260; 
GK 1909, 348; DRG 30, 378; GA 9, 137; 
Allg. Zt. d. Judent. 1908, Beil. Nr. 12; 
HJ 1908, 450; WI 3, 999 (W); Chronik 
d. Univ. Berlin 21, 7. 

Osann, Artur, Dr. iur., Geh. Justizrat, Rechts- 
anwalt i. Darmstadt, 1890 — 1898 national- 
lib. M. d. R. u. M. d. hess. Landt.; * Giefien 
4. XI. 1829; f Darmstadt 30. IX. — VZ 
30. IX. A.-A.; T 323 (P); IZ 131, 594 (P); 
HL 22, 296; HJ 1908, 450; RH 1893, 21 7- 

Osiatlder, Emilie, hervorr. i. Dienste d. 
Berlin. Stadtmission; * Stuttgart 11. VI. 
1835; j- Berlin 12. I. — Reformation 1908, 

Biogr. Jahrbuch u. Deutschcr Nekrolof. 13.6c!. 



Nr. 5 (D. Schwartzkopf); Ev.-KirchL An- 
zeiger 1908, 63; KJ 1909. 631. 

Paalzow, Karl Adolf, Geh. Reg.-Rat, 
Dr. phil. u. tng., bis 1904 Prof. d. Experim.- 
Physik a. d. Techn. Hochsch. u. a. d. 
Kriegsakad. i. Berlin, Mitgl. d. Kurat. d. 
Physik. -Techn. Reichsanst.; * Rathenow 
5. VIII. 1823; f Charlottenburg 2. I. — 
VZ 3. I. M.-A.; IZ 130, 105; PF 4, 2, 1107 
(W); Progr. d. Techn. Hochsch. z. Berlin 
1908/09, 152 — 154. 

Pabst, Wilhelm, Dr. phil., Prof. u. Oberl. a. 
Gymn. i. Gotha, Kustos d. naturwiss. 
Samml. d. Mus. i. Gotha, Schriftst. auf d. 
Gebiete d. Meteorologie, Petrographie u. 
Palaontologie; * Gotha 30. VIII. 1856; 
f das. 22. IX. — GK 1909, 348/49; Progr. 
d. Gymn. Ernestinum, Gotha 1909, 25 f.; 
KL 1908, 1 20 1 (W). 

Pach, Oskar (Pseud.) s. Prochaska. 

Papetldlck, Gustav Adolf, Prof., bedeut. 
Musikpadagoge, langj. Lehrer a. Mohrschen 
Konservatorium ; f Berlin 24. V. i. A. v. 
70 J. — VZT; W 22, 936, 25, 1099 (P). 

*Paubefl, Friedrich, Dr. phil., Prof. d. Philos. 
a. d. Univ. Berlin; * Langenhorn, Kr. 
Husum 16. VII. 1846; f Berlin-Steglitz 
14. VIII. — BJ XIII, 244 (Th. Lorenz); 
VZ 15. VIII. A.-A.; NZ 16. VIII. M.-A. 
(Th. Kappstein, Ein Kranz auf F. P.s 
Grab); T 284 (K. Francke, An F. P.s Grab. 
Gedicht m. P); HC 17. VIII. A.-A.; NFP 
17. VIII. Nachm.-Bl. (W. Jerusalem), 15. 
VIII. 1909 M.-Bl. (Th. Lorenz, F. P.s 
Jugenderinnerungen); KVZ 21. VIII. M.-A., 
31. VIII. M.-A. (V. Eschbach); MAZ 
1908, 438 (W. Rein); IZ 131, 320 (N m. P); 
HJ 1908, 450; Intern. Wochenschr. 19 10, 
25 (D. Schafer); DZL 1073; Chronik <L 
Univ. Berlin 22, 7; TJ 28, Abt. 8, 544; 
Allg. ev.-luth. Kirchen-Zt. 1908, 910/12 
(Z. Charakteristik d. Philosophen F. P.); 
Christl. Welt 22, Nr. 37 (E. Spranger), 
Nr. 52; Hochland 6, H. 1 (M. Ettlinger, 
F. P. ein philos. Erzieher); W 45, 1933 
(R. Hensel, Erinnerungen an F. P.); Eckart 
3, H. 3—4 (K. Oesterreich); Zs. f. Philos. 
u. philos. Kritik 133, 2 (H. Lindau); 
Kant-Studien 14, 1 (E. Adickes, F. P. 
Ein Scheidegrufl); Padag. Archiv 51, H. 1 
(J. Speck); Monatsschrift f. hohere Schulen 
Aug. 1909 (W. Munch, Padagogisches aus 
F. P.s Jugenderinnerungen); Dtsch. Schule 
I2 . 9» 579; Dtsch. Lehrer-Zt. 1908, 556; 
Bl. f. hoher. Schulwes. 25, 389/91; KW 
21, 371 (F. Kuntze); K. Sternberg, F. P. 
Nekr. u. krit. Wurdigung. Berlin-Wilmers- 
dorf 1908; KJ 1909, 634; Sozialist. Mo- 
natsh. 1908, Bd. 3, 1221; BZ 23, 257 
[Padag. Archiv 1908, 385 (K. Knabe); 

28 



7i* 



Totenliste 1908: Peltier— Pfleiderer. 



7* 



Burschenschaftl. BL 1908, 238 (F. Aiaf- 
berg); Hammer Jg. 7, 550 (A. Krok); 
D. Hilfe 1908, Nr. 35 (A. Titius); D. 
20. Jahrh. 1908, Nr. 36; Korrespondenzbl. 
f. d. akad. gebild. Lehrerstand 1908, Nr. 33 
(W. Miinch); D. Morgen 1908, Nr. 36 
(F. Tonnies); Dtsch. Rundsch. Okt. 1908, 
145 (Th. Lorenz); Dtsch. Schule 1908, 593 
— 613 (Th. Kappstein); Freie bayer. 
Schulzt. 1908, 255 (J. Beyhl); Sachs. 
Schulzt. 1908, Nr. 39 (K. F. Sturm); TUrmer 
Okt. 1908, 70 (F. Heman); Padag. Zt. 1908, 
Nr. 34; Zukunft Bd. 64, 604 — 612 (L. Gur- 
litt); TRU 1908, Nr. 195; Blaubuch 1908, 
Nr. 41 (L. Gurlitt, P. als Reaktionar); Mo- 
natsh. d. Comeniusges. 1908, 244 (O. Pflci- 
derer u. P.); Monatsschr. f. hohere Schulen 

1908, 577 (Aufruf an d. akad. gebild. Lehrer 
Dtschlds. z. Errichtg. e. P.-Denkmals)] 
2 4» 21 3 [Jugendwohlfahrt 1909, 25 (W. 
Kabitz); Berlin, akad. Nachr. 1909, Nr. 8 
(W. Munch); Mitt. d. Ges. f. dtsch. Er- 
ziehungs- u. Schulgeschichte 1909, 332 — 339 
(A. Heubaum); Gcsundheitswarte d. Schule 
Jg. 7» 84 (C. Richter, Freiviertelstunde d. 
Volksschuljug.); Lehrerin i. Schule u. 
Haus Jg. 25, Nr. 14 (P.s Stellung zu 
einzelnen Tagesfragen)] 25, 226 [Welt d. 
Kaufmanns 1909, 306 — 313 (P.s Lebens- 
erinnerungen); Monatsh. d. Comeniusges. 

1909, 191 (A. Liebert); Intern. Wochcnschr. 
1909, Nr. 35 (Th. Lorenz, Z. Frage einer 
P.-Stiftung)l. 

Pettier, Wilhelm, Pras. d. kgl. General- 

kommission f. Schlesien, seit 1896 Direktor 

d. Rentenbank f. Schles.; * Coesfeld i. 

Westf. 22. VIII. 1850; f Breslau 19. IX. — 

VZ 21. IX. A.-A.; NZ 23. IX. M.-A.; 

W 39, 1678; JSG 1908 Nekr., 13/14. 
Pemter, Josef Maria, Hofrat, Dr. phil, Prof. 

a. d. Univ. Wien, Direktor d. osterr. 

Zentralanst. f. Meteorologie u. Geodynamik; 

* Neumarkt i. Siidtirol 15. III. 1848; 

t Arco 20. XII. — VZ 31. XII. M.-A.; 

IZ 131, 1219; DRG 31, 422 (Conrad m. P). 
Peschka, Franz, 1907 dtsch. Landsmann- 

minister, friih. hervorr. Mitgl. d. Reichsr. 

u. bohm. Landt., zuerst Mitgl. d. dtsch. 

Fortschrittspartei, dann Fuhrer d. dtsch. 

Agrarier; * Abtsdorf b. Leitomischl i. 

Bohm. 14. VIII. 1856; f Wien ^o. IV. — 

NFP 1. V. M.-Bl., 2. V. Nachm.-Bl. (H. 

Prade); IZ 130, 883; Dtsch. Arbeit 7, 9, 

630 (C. M. Hergel m. P); HJ 1908, 451. 
Pestel, Eduard von, Generalm., zul. Kommand. 

d. 7. Ulanen-Reg., Ritter d. Eis. Kreuzes 

1. Kl. u. d. Ordens »Pour le me'rite*, d. 

tapfere Verteidiger Saarbruckens bei Be- 

ginn des Krieges 1870; * Miinster i. W. 

18. V. 1821; t Wiesbaden 25. III. — VZ 



26. III. M.-A.; T 168 (P); MZ 1908, 187/88; 
LJ 1908, 518; t) 10, 577; HJ 1908, 541. 

PetCTS, Theodor, Dr. ing. k. c, Geh. Baurat, 
Direktor d. Vereins dtsch. Ingenieure u. 
Red. d. Zs. dieses Vereins; * Menden b. 
Siegburg 15. XL 1841; f Berlin 2. IX. — 
VZ 3. IX. A.-A.; T 301 (P); DBZ 42, 504; 
IZ 131, 425 (N m. P); JSTG 1909, 103; 
Zs. f. d. Ref. d. hoher. Schulen 20, Nr. 4; 
WI 3, 1030; Zs. <L Ver. dtsch. Ingenieure 
Jg. 52, IS4I—I549. 

Petersen, Christian Ferdinand, Dr. med., 
Geh. Mediz.-Rat, Prof., Direktor d. An- 
schar-Krankenhauses i. Kiel, friih. Assist, 
von Es march u. Litzmann, spater Prof, 
u. Direktor d. Chirurg. Poliklinik d. Kieler 
Univ., Begr. von Volksunterhaltungs- 
Abenden; * Esmark i. Angeln 15. V. 1845; 
t Kiel 13. II. — VZ 15. II. M.-A.; Kieler 
Zt. 13. II. A.-A., 16. II. M.-A. (Trauer- 
feier); IZ 130, 374; MMW 55, 1, 574/75 
(A. Pfister); WI 3, 1031; HBL 4, 54i; 
PBL 1278/79 (P). 

Petersen, Heinrich, Marinemaler i. Diissel- 
dorf, friih. i. Flensburg; * Aarhus i. Jut- 
land 28. III. 1861; f Diisseldorf 25. V. — 
VZ 25. V. M.-A.; T 220 (P); MS 3, 415; 
BMW 2, 245 (W). 

Pfaff, Karl, Dr. phil, Prof., Gymn.-Oberl., 
Konservator d. stadt. Samml. i. Heidelberg, 
Mitgl. d. Kommiss. f. Gesch. d. Stadt 
Heidelberg; f Heidelberg 17. VIII. — 
VZ 18. VIII. A.-A.; LZ 1908, 1148. 

Pfeiffer, Philipp Ritter von, Geistl. Rat, 
Dompropst i. Speier; * Rheinzabern 19. I. 
1830; f Speier 5. XI. — HJ 1908, 451; 
OA 1908/09, 1 135. 

Pfister, Ernst, Finanzrat a. D., nationailib. 
Mitgl. d. bad. Landt.; * Freiburg i. B. 
26. XII. 1826; f das. 19. IX. — NZ 21. IX. 
A.-A. 

♦Pfldderer, Otto, Dr. theoh et phil. % Prof. d. 
Theol. a. d. Univ. Berlin; * Stetten i. 
Cannstatt i. Wurtt. 1 IX. 1839; f Gr. Lich- 
terfelde b. Berlin 18. VII. — BJ XIII, 
209 (O. Zurhellen); T 260 (P), 263 (A. 
Scwett (A. Brausewetter); O. P.) W 
30, 1286, 1294 (P); Hilfe 1908, Nr. 3 
(Titius); MAZ 1908, 354/55 (G. Ruiue); 
Chronik d. Univ. Berlin 22, 6; TJ 28, Abt. 8, 
544; HJ 1908, 451; DZL 1095; Dtsch. 
Rundsch. Aug. 1909, 271 (Th. Kappstein); 
Turmer io, H. 12 (Siebert); Allg. Ev.- 
Luth. Kirchen-Zt. 1908, 727/28; Pro- 
tcstantenbl. 41, Nr. 31, Beil., Nr. 32 
(Stier u. Seeberg, Am Sarge O. P.s, J. 
Noack, Zu P.s Gedachtnis); Protest. 
Monatsbl. 13, H. 2 (P. KirmO); Protest. 
Monatsh. 12, 329/32 (J. Websky, Zu O. P.s 
Gedachtnis); IZ 131, 194 (G. Runze m. 



73* 



Totcnliste 1908: Pfyffer — Raab. 



74* 



P); KJ 1909, 634; BZ 23, 261 [Zs. f. Missi- 
onskde. u. Religionswiss. 1908, 257 — 274 
(H. Holtzmann); TRU 1908, Nr. 170] 
24, 217 [Theol. Arbeiten aus d. rhein. 
wissenschaftl. Prediger-Verein N. F. H. 11, 
in — 117 (E. Simons, O. P. als Gelehrter 
u. Lchrer)] 25, 230 [Brem. Beitr. z. Ausbau 
d. Kirche Jg. 3, 227 — 240 (K. Kuhner)]. 

Ptyffef von Altishofen, Nikolaus, schwcizer. 
Landschaftsmiler, Vertreter d. alteren 
Schule, de sen meist der engeren Heimat 
entnommene Bilder fast alle ins Ausland 
gingen; * Luzern 4. VIII. 1836; f das. 22. 
V. — HJ 1908, 451; MS Nachtr., 232; 
Kchr. 19, 490; BMW 2, 265. 

Pieper, Anton, Dr. theol. , Prof. d. kath. Theol. 
a. d. Univ. Miinster, Kirchen- u. Lokal- 
historiker, Vors. d. westf. Altert.-Vereins; 

* Ludinghausen 20. III. 1854; f Miinster 
24. XII. — VZ 29. XII. M.-A.; NS 14, 149 
(P); Chronik d. Univ. Miinster 1908/09, 6; 
TJ28, Abt. 8, 545; HJ 1908, 451- 

Pllz, Gustav, Prof. d. Tierheilkd. a. d. Univ. 
Konigsberg, Leiter d. Kgl. Univ.-Tier- 
klinik, Korps-Stabsvcterinar a. D.; * Bees- 
kow 29. IX. 1841; j- Konigsberg i. Pr. 26. 
XII. — Chronik d. Univ. Konigsberg 
1908/09, 9 (Albert). 

Pirner, Heinrich, Vize-Admiral z. D., bis 1903 
Reichskommiss. b. Seeamt i. Stettin; 

* Berlin 10. III. 1834; f Berlin -Wilmers- 
dorf 26. V. — VZ 27. V. A.-A.; T 224 (P); 
OA 1908/09, 1 145. 

Pischel, Richard, Geh. Reg.-Rat, Dr. phil., 
Prof. a. d. Univ. Berlin, Direktor d. indo- 
germ. Sem., Mitgl. d. Akad. d. Wiss., 
hervorr. Sanskritist; * Breslau 18. I. 1849; 
t Madras 26. XII. — VZ 30. XII. A.-A.; 
T 1909, Nr. 1 (P); GK 1909, 35°; DRG 3*. 
232; HJ 1908, 451; TJ 28, Abt. 8, 545; 
Abh. d. K. Pr. Akad. d. Wiss. Philos.- 
hist. Kl. 1909 (W. Schulzc, Gedachtnisredc); 
Sitzungsber. d. K. Bayer. Akad. d. Wiss. 
Philos.-philolog. u. hist. Kl. Jg. 1909; 
Chronik d. Univ. Berlin 22, 7. 

Plattner, Samuel, Journalist, Mitgl. d. hist.- 
antiqu. Ges. d. Kant. Graubiinden, 1890 bis 
1899 Reg.-Sekr. d. Kant.; * Untervaz 
15. VII. 1838; f Churwaldcn 23. II. — 
ASG 40, 496 (P. Gillardon m. W). 

Pkithner, Franz Xaver, Dr. theol., Prof. d. 
Dogmatik a. Lyzeum zu Frcising; * 10. I. 
1852; f Freising 17. XI. — HJ 1908, 451. 

Plener, Ignaz Frh. von, Dr. iur., k. k. Finanz- 
minister; * Wien 21. V. 1810; f das. 17. II. 
— NFP 18. II. M.-Bl. (A. Frh. v. Nicbauer); 
OR 14, 394; IZ 130, 4^5 (N m. P); FT 1909, 
613. 

Popplj Xaver, Domkapitular, bischofl. geistl. 



Rat; * Passau 6. V. 1840; f Regensburg 

4. VI. — KL 1909, 55*, 1908, 1 261 (W). 
Poetsch, Emil, Geh. Justizrat, 1864 — 95 

Biirgermeister u. Ehrenbiirger d. Stadt 

Rofllau, die ihm einen groflen Aufschwung 

verdankt, Mitbegr. d. Schifferschule i. 

Rofilau, Mitgl. d. Anhalt. Landt. u. d. 

Land essyn ode; * Edderitz b. Cothen 6. 

XII. 1833; t Dessau 21. VI. — JSTG 1909, 

101. 
Pohle, Friedrich L e* o n , Geh. Hofrat, Prof., 

vorm. Mitgl. d. akad. Rates d. Akad. d. 

bild. Kunste i. Dresden; * Leipzig I. XII. 

1849; t Dresden 27. II. — VZ 3. III. A.-A.; 

IZ 130, 465 (N m. P); HJ 1908, 451; MS 

3, 461; BMW T 2, 295; Kchr 19, 323; W r I 3, 

1058 (W). 
Pollak, Heinrich, Schriftsteller; * 1834; 

f Wien 19. X. — OR 17, 309. 
Poschinger, Michael Ritter von, Kommerzien- 

rat, Bes. d. Theresien thaler Glasfabriken i. 

Bayer. Walde; * Frauenau 8. XII. 1834; 

t Tutzing 19. II. — VZT; HJ 1908, 451; 

OA 1906/07, 962. 
PratSCh, Hermann, Generalm. z. D., bis 1891 

Kommand. d. 8. F. -A. -Brig., Ritter d. 

Eis. Kreuzes 2. Kl.; f Hannover 14. II. 

i. A. v. 68 J. — VZ 20. II. M.-A.; MZ 1908, 

117. 
PreilSChen, Franz Eduard Frh. v., von u. zu 

Liebenstein, Dr. tned., Geh. Mediz.-Rat, 

Prof. d. Gynakologie a. d. Univ. Greifs- 

wald; * St. Goarshausen 8. III. 1845; 

f Wiesbaden 31. XII. — Chronik d. Univ. 

Grcifswald 23, 9; FT 1909, 626; HBL 4, 

624; PBL 1322. 
Prochaska, Franz Josef, Schriftst. u. Dichter, 

Vors. d. Dtsch.-Osterr. SchefTelbundes; 

* Wien 7. X. 1865; t das. g. X. — KL 

i9f>9, 5 8 *. 1908, 1277 (W); HJ 1908, 452; 

LE n, 303. 
Pruckfier, Caroline, fruh. Opernsangerin, 

langj. Gesanglehrerin i. Wien; * Wien 4. 

XI. 1832; t Hietzing 15. VI. — NTA 1909, 

170; NMZ 29, 20, 440; R 1045; AMZ 1908, 

5*5- 
Plltld, Otto, Dr. phil, Oberl. i. Charlottenburg, 
Schriftst. auf d. Geb. d. Mathem.; * Miig- 
genhall 2. V. 1867; f Charlottenburg 2. IV. 
— KL 1909, 56*, 1908, 1282. 

QueiB, Franz, Inspizient u. Schauspieler a. 
Rcsidenz-Theater i. Wiesbaden; * Ebcrs- 
walde 7. IX. 1878; f Wiesbaden 20. V. — 
NTA 1909, 166. 

Quistorp-CreriZOW, Wernhcr von, Dr. iur. % 
Rittergutsbcs., Mitgl. d. PreuG. Herrenh., 
1893 — 95 Mitgl. d. A.; * Crenzow 
29/XII. 1856; t das. 23. VII. — T 265 
(P); W 31, 1330; WI 3, 1082; HA 1894. 
*Raab, Curt von, Sachs. General d. Inf., Dr. 

28* 



75' 



Totenliste 1908: Rabenau — Rintelen. 



76* 



phil. h. r., Vogtland. Geschichtsschreiber; 

* Bautzen 15. VII. 1834; f Dresden 1. I. — 
BJ XIII, 103 (K. v. Brunn gen. v. Kauf- 
fungen); VZ 3. I. M.-A.; IZ 130, 54 (N m. 
P); MZ 1908, 22; HJ 1908, 452; KL 1908, 
1285 (W); WI 3. 1082. 

Rabenau, Karl von, seit 1903 Pras. d. Eisen- 
bahndirekt. Mainz; * Essen a. R. 13. 
VIII. 1845; t Mainz 19. VII. — VZT; 
OA 1908/09, 1 180. 

Racke, Josef Adolf Nikola, Weinhandler, 
frtih. M. d. R. u. M. d. A. (Zentr.), 
verdient urn d. kathol. Vereinswesen; 

* Mainz 11. I. 1847; fdas. 26. XII. (ermor- 
det von seinem geisteskranken Sonne). 
— KVZ 29. XII. M.-A.; T 396 (P); HJ 
1908, 452; Hirth, Dtsch. Parlam.-Almn. 
16. Ausg., 205. 

*Radlkofer, Max, Philologe u. Historiker; 

* Munchen 6. VIII. 1836; f Augsburg 
4. XII. — BJ Xni, 38 (H. Holland). 

*Rau, Adolf, Landschaftsmaler; * Frankfurt a. 
M. 5. V. 1867; t Munchen 24. VI. — BJ 
XIII, 41 (H. Holland). 

Rati, Wilhelm, Generallt. z. D M bis 1895 
Kommand. v. Neu-Breisach, Ritter d. 
Eis. Kreuzes 2. KL; * Bessungen 26. V. 
1833; t Darmstadt 2. V. — MW 1908, 2465; 
MZ 1908, 257. 

Raven, Hans (Pseud.) s. Mdcke, Hans. 

RehUnder, Willy (Pseud.: Rohland), Kgl. 
Schauspieler i. Hannover, frUh. i. Berlin 
a. Theater d. Westens u. a. Lessing- u. 
Berliner Theater; * Coburg 15. X. 1854; 
t Hannover 5. IV. — VZ 6. IV. A.-A.; 
NTA 1909, 164; EG 843. 

Reichenau, Robert, Senatspras. a. Oberverw.- 
Gericht; * Marienwerder 9. VI. 1848; 
t Berlin 2. X. — VZ 4. X. M.-A.; W 41, 
1766. 

Reichmann, Rudolf, Mitbegr. u. Hrsg. d. 
Davenporter »Demokrat«; * Schleswig 
15. III. 1821; f Toledo, Jowa 30. III. — 
DAG 8, H. 3, 99/101. 

ReiB, Johann Wilhelm, Dr. phil, Geh. Reg.- 
Rat, Forschungsreisender, friih. Vors. d. 
Ges. f. Erdkunde i. Berlin u. d. Berliner 
Ges. f. Anthropologic; * Mannheim 13. VI. 
1838; f auf d. Jagd b. Schlofl Konitz i. 
ThUr. 29. IX. — VZ 1. X. M.-A.; T 329 
(P); GK 1909, 350/51; G 94, 37<>; DRG 16, 
326, 31, %%\ GA 9, 11, 257; Zs. d. Ges. f. 
Erdkunde 8, 521—24; KL 1908, 13 13 (W). 

RtiB, Karl, Hofkapellmeister a. D., Kompo- 
nist d. Oper »Otto der SchUtz«; * Frank- 
furt a. M. 24. IV. 1829; t das. 4. IV. — 
T 182 (P); NTA 1909, 164; NMZ 29, 15, 
332; HL 22, 115; HJ 1908, 452; R 1083. 

RdBig, Eduard von, ehem. k. k. Staats- 
sekretar i. Minist. d. Innern; * Kamon 



5. VI. 1848; f Budapest 22. VIII. — NFP 
22. VIII. A.-BL 

Reuther, Karl, Bad. Groflindustrieller, Gran- 
der u. Chef d. Maschinen-Weltfirrna Bopp 
u. Reuther i. Mannheim; * Gemmrigheim 
i. Wurtt. 13. X. 1846; f Mannheim 13. VI. 
— IZ 131, 47 (N m. P); HJ 1908, 452. 

ReventlOW-Climinn, Carl Albert Felix Graf 
von, Erbherr auf Emkendorf, Mitgl. d. 
Schlesw.-Holst. Ritterschaft, Kgl. Dan. 
Legat.-Sekr. u. Kgl. Hannov. Geh. Le- 
gationsrat a. D.; * Marseille 9. VIII. 1821; 
f Emkendorf 10. I. — HC 12. I. M.-BL, 
13. I. A.-BL; GT 1908, 726. 

Rhena, Friedrich Graf von, kais. dtsch. 
Legationsrat, Sohn aus morgan. Ehe d. 
Prinzen Karl v. Baden mit ge"b. Freiin 
v. Beust; * Karlsruhe 29. I. 1877; | Bern 
20. XL — NZ 21. XI. M.-BL; W 48, 2064, 
2067 (P); GT 1908, 728. 

Rhena, Rosalie Grafin von, Witwe des Prinzen 
Karl v. Baden, geb. Freiin v. Beust; 
* Karlsruhe 10. VI. 1845; f das. 15. 10. — 
VZ 15. X. A. -A.; T 367 (P); W 43, 1850; 
HJ 1908, 452; GT 1908, 728. 

*Rlchter, Adolf Maximilian, Dr. iheol. h. c. % 
WGRat, Exz., ehem. evang. Feldpropst, 
Mitgl. d. Oberkirchenrats u. vortr. Rat 
i. Preufi. Kultusminist. ; * Frankfurt a. O. 
31. VIII. 1842; f Hirschberg 12. X. — BJ 
XIII, 221; VZ 13. X. A.-A.; T 334 (P); IZ 
131, 711 (P); MZ 1908, 568; HJ 1908, 452; 
TJ 28, Abt. 8, 545; KJ 1909, 635. 

RIeff, Theodor von, Generallt. z. D., zul. 
Kommand. d. 4. Art, -Brig., Ritter d. Eis. 
Kreuzes 1. KL; * Wetzlar 5. VII. 1816; 
f Charlottenburg 11. VIII. — VZ 12. VIII. 
M.-A.; MZ 1908, 459. 

Rlffarth, Hubert Heinrich, Grofl-In- 
dustrieller, Begr. d. Berliner Hauses d. 
Firma Meisenbach, Riffarth u. Co.; * Mun- 
chen-Gladbach 12. VIII. i860; f Berlin- 
Wilmersdorf 21. I. — DBZ 42, 60; HJ 1908, 
452. 

Rlndfleisdl, Georg Eduard von, Dr. nud. f 
Geh. Mediz.-Rat, Prof. d. patholog. Ana- 
tomie a. d. Univ. WUrzburg; * Kdthen 
15. XII. 1836; f WUrzburg 6. XII. — 
VZ 7. XII. A.-A.; T 379 (P); W 50, 2152, 
2156 (P); IZ 131, 1062; DZL 1 188; DMW 
35, 1, 70/71 (L. W. Weber); MMW 55, 2 t 
2682/83 (M. Borst); PBL 1390 (P); HBL 5, 
32; BZ 24, 233 [Verh. d. physik.-chem. 
Ges., WUrzburg Bd. 40, 103 — 130 (M. 
Borst)]. 

Rintelen, Viktor, Geh. Ober-Justiz-Rat, 
Kammergerichtsrat a. D. u. Mitgl. d. 
Kompetenzgerichtshofes, Dr. iur. h. c. f 
ehem. M. d. R. u. M. d. A. (Zentr.), 
1871 Appellationsgerichtsr. i. Hamm, 1877 



7f 



Totenliste 1908: Robbert — Salm-Salm. 



78* 



Obertribunalsr. i. Berlin, 1880 — 82 beim 
Hilfssenat d. Reichsgerichts, seitdem beim 
Kammergericht; * Wesel 17. VIII. 1826; 
f Berlin-Friedenau 20. IX. — VZ 21. IX. 
A. -A.; W 39, 1678; IZ 131, 546; HJ 1908, 
453; KL 1908, 1334/5 (W); RH 1903, 302; 
DZL 1 188. 
♦Robbert, Wilhelm, humorist. Schriftst.; 

* Donsbniggen 31. V. 1838; f Cleve 27. 
VIII. — BJ XIII, 165 (E. L.). 

*RocggC, Wilhelm, Historien-Genremaler; 

* Ostercappeln b. Osnabrtick 28. IV. 1829; 
f Munchen 11. II. — BJ XIII, 39 (H. 
Holland). 

Roehrig, Ludwig Otto, Orientalist, seit 1853 
in den Vereinigt. Staaten, 1869 — 1885 
Prof. f. Sanskrit a. d. Cornell-Univ., 1895 
Prof. f. semit. Sprachen a. d. Stanford- 
Univ., auch Komponist; * 19. VI. 1839; 
f Pasadena 15. VII. — HJ 1908, 453. 

Roesler, Albert, Geh. Justizrat, Landgerichts- 
direktor a. D.; * Kassel 29. VIII. 1840; 
t Bremen 19. IV. — HL 22, 130/131. 

Rosier, Franz, dtsch.-bohm. Musiker, Pianist 
u. Komponist; * Aussig 14. IV. 1876; 
t Rom 1. VIII. — Dtsch. Arbeit 8, 4, 319 
(J. Cerny). 

Rohland, Friedrich Wilhelm (Pseud.) s. Reh- 
lander, Willy. 

♦Rohf, PaulTheodor,Landschafts-u. Bildnis- 
maler; * Chemnitz, Sa. 25. XI. 1864; 
t Pasing b. Munchen 2. XI. — B J XIII, 37 
(H. Holland). 

Rohr, Philipp von, Prasident d. evang. 
Kirchensynode von Wiskonsin, einer d. 
angesehensten u. bekanntesten Pastoren 
d. ev.-luth. Kirche Amerikas, 42 Jahre 
lang Seelsorger d. ev.-luth. St. Martins- 
Gemeinde i. Winona, einer z. Halfte von 
Deutschen bewohnten, am Mississippi 
gelegenen Stadt; j* Winona 22. XII. — 
DE 8, H. 2 (N). 

Rosen, Viktor Baron von, Prof. a. d. St. 
Petersburger Univ., hochverd. Arabist 
u. Orientalist, Mitgl. d. Kais. russ. Akad. 
d. Wiss.; * Reval 5. III. 1849; t St. Peters- 
burg 10./23. I. — GK 1909, 351 ; AZB 1908, 
646. 

Rosenheim, Karl, Direktor d. Raimund- 
Theaters i. Wien; f Wien 10. V. i. 52. Le- 
bensj. — VZ 13. V. M.-A.; NTA 1909, 165. 

♦Rosertmund, Max, Dr. phil. % Prof. d. Geo- 
dasie u. Topographie a. Eidgenoss. Poly- 
technikum i. Zurich; * Liestal (Kt. Basel- 
land) 12. II. 1857; f Kusnacht b. Zurich 
18. VIII. — BJ XIII, 167 (H. Schollen- 
berger); VZ 22. VIII. M.-A.; T 295 (P); 
GK 1909, 351; IZ 131, 384. 

Rosenthal-von der Leyen, Else, Dr.med., eine 
d. ersten i. PreuOen approb. Arztinnen; 



* Bremen 13. X. 1874; f Berlin 26. IX. — 
BKW 45, 2, 191 5/16 (M. Michaelis). 

Riihhnann, Richard, Dr. phil. y Oberstudienrat, 
nationallib. M. d. R. u. M. d. Sachs. Landt.; 

* Dresden 13. V. 1846; f Dobeln 17. XI. — 
VZ 19. XI. A.-A.; W 48, 2064; IZ 131, 
1003; Zs. f. lateinlose hoh. Schulen Jg. 20, 
H. 3/4 (J- Schubert). 

Rutz, Albert, Bayer. Generalm. z. D., bis 
1899 Kommand. d. 2. Feldart.-Brig.; 

* Ansbach 3. IV. 1846; f Munchen 6. VIII. 
— VZT; OA 1908/09, 1 281. 

Rttzicka, Sophie, ehem. Opem- u. Konzert- 
sangerin, wirkte i. Olmiitz, Koln u. Frank- 
furt a. M.; * Prag 1848; f Frankfurt a. M. 
29. VII. — NTA 1909, 171. 

Saatz, Dr. med., Geh. Sanitatsrat, Laryngo- 
loge, hervorr. tatig i. Interesse d, Arzte- 
standes, Schatzmeister d. Arztekammer zu 
Berlin; * Merseburgi2.XII. 1850; f Berlin 
5. II. — VZ 8. II. M.-A.; BKW 45, 1,387; 
MR 1908, 73 (N). 

Sachsen-Altenburg, Ernst Herzog von, preufl. 
u. sachs. Generaloberst; * Hildburghausen 
16. IX. 1826; f Altenburg 7. II. — MAZ 
8. II. Vorabd.-Bl.; IZ 130, 281/84 (F. 
Volger m. P); NTA 1909, 156; HK 1908, 
82; MZ 1908, 83/84. 

Sack, Eduard, bek. Journalist; | Frankfurt 
a. M. 20. V. i. A. v. 77 J. — unter d. Mi- 
nistern v. Bethmann-Hollweg u. v. Muhler 
ein gefeierter Fuhrer d. freisinn. Lehrer- 
schaft d. Prov. Preufien, begr. 1861 d. 
Schulblatt f. d. Volksschullehrer d. Prov. 
Preufien, hatte ein Hauptverdienst an d. 
Begr. d. »Preufl. Pestalozzi-Vereins« u. d. 
♦Provinziallehrerversammlungen «. Nach 
zahllosen Schikanen, Geld- u. Gefangnis- 
Strafen mufite er sein Blatt schlieBen. 
1866 Red. d. »Wegweiser« i. Berlin, 1872 
Red. a. d. Frankf. Zt. — W 22, 936; Dtsch. 
Schule 12, 7, 460. 

Salnt-Julien, Klemens Graf, Geheimrat, Lan- 
despras. i. Herzogt. Salzburg; * Wolfsegg 
25. IX. 1845; t Salzburg 23. VIII. — VZT; 
GT 1908, 7S0. 

Saldern, Konrad Adam Leopold, Kais. dtsch. 
Gesandter z. D., 1898 — 1903 Ministerresi- 
dent i. Bangkok, 1903 — 1906 i. Soul, 
Korea; * 3. I. 1847; f Charlottenburg 
8. VI. — VZ 11. VI. M.-A.; T 228 (P); 
HJ 1908, 453- 

Salm, Friedrich Wilhelm, Generalm. a. D., 
bis 1904 Kommand. d. Landw.-Bez. 
Beuthen O.-Schles., Ritter d. Eis. Kreuzes 
2. Kl., Verf. mehrerer Abh. iiber Gym- 
nastik; * Wesel 6. II. 1849; f Wiesbaden 
25. I. — VZ 30. I. M.-A.; MZ 1908, 61. 

Salm-Salm, Nikolaus Leopold Fiirst zu, erbl. 
Mitgl. d. preufl. Herrenh.; * Schlofl Anholt 



79' 



Totenliste 1908: Salzmann — Schlippcnbach. 



80* 



b. Bocholt 18. VII. 1838; f das. 16. II. — 
VZ 17. II. A.-A.; IZ 130, 410; HJ 1908, 
453; HK 1908, 181; HH 1904, 344; WI 3, 
1174. 

SalzmaiM, Paul, Generalm., Kommand. d. 
66. Inf. -Brig.; * Gotha 1. IX. 1853; f Metz 
15. XL — NZ 16. XL A.-A.; MZ 1908, 637. 

Sandorl, Steffi (Pseud.) s. Schramm. 

Satlter, Benedikt, Dr. iheol, Abt d. Bene- 
diktinerstiftes Emaus i. Prag, Schopfer d. 
Beuroner Choralgesanges u. fruchtb. aszet. 
Schriftst.; * Langeneuslingen i. Hohen- 
zollern 24. VIII. 1835; t Pra g 7- VI. — 
VZ 10. VI. A.-A.; HJ 1908, 454; KL 1908, 
1394 (W). 

♦Schaarschmidt, Karl, Dr. phil., Geh. Reg.- 
Rat, Prof. d. Philos. a. d. Univ. Bonn, 
ehem. Direktor d. dortig. Univ.-Bibl.; 

* Berlin 3. XL 1822; f Bonn 26. XII. — 
BJ XIII, 225 (Elter); Zentralbl. f. Biblio- 
thekswes. Jg. 26, H. 2 (E. Dorsch); JB 7, 
134, 8, 142; Chronik d. Univ. Bonn f. 1908, 
13—16 (Elter). 

Schaefer, Georg, Dr. phil., Geheimrat, Prof, 
d. Kunstgesch. a. d, Techn. Hochsch. i. 
Darmstadt; * Mainz 13. IV. 1823; f Darm- 
stadt 15. VIII. — KVZ 21. VIII. A.-A.; 
HJ 1908, 454- 

♦Schaefer, Karl, Dr. ing. % Oberbaurat, Prof, 
a. d. Techn. Hochsch. i. Karlsruhe; * Kassel 
18. I. 1844; f Karisfelde b. Halle a. S. 5. 
V. — BJ XIII, 147 (C Weber); VZ 7. V. 
M.-A., A.-A.; T 200 (P); IZ 130, 1050 
(N m. P); DBZ 42, 260, 398/402 (C. Gurlitt 
m. P); HL 22, 147/148; HJ 1908, 454; 
Kchr 19, 438; Progr. d. Techn. Hochsch. 
i. Karlsruhe 1908; MS 4, 181; Zentralbl. d. 
Bauverw. 1908, Nr. 39 (L. Diehm, m. P); 
Zs. f. Gesch. d. Architektur 1909, 240 — 246 
(Ostendorf, Sch.s wissenschaftl. Werke). 

SchMffer, Wilhelm, Landgerichts-Pras. i. 
Kolmar; * Mering 14. XII. 1849; t Kolmar 
13. V. — VZ 24. V. M.-A.; OA 1908/09, 

I30 1 - 
Scharlach, Julius, Dr. iur., Rechtsanw., eifr. 

Forderer kolonialer Bestrebungen u. Griin- 

der von kolonisator. Unternehmungen i. 

Kamerun u. Siidwestafrika; f Hamburg 

28. III. — VZT. 
Schaumberg, Berth old, Generalm. z. D., zul. 

Kommand. d. Truppenubungsplatzes Ha- 

genau, Ritter d. Eis. Kreuzes 2. KL; 

* Stargard i. Pomm. 6. I. 1841; f Gut 
Schney b. Lichtenfels i. Oberfranken 26. 
XII. — VZ 29. XII. M.-A.; MZ 1909, 7. 

Schauroth, Oskar von, Generallt. z. D., bis 
1890 Kommand. d. 14. Inf.-Brig., Ritter 
d. Eis. Kreuzes 2. KL; * Ohrdruf 8. I. 1834; 
t Eberswalde 23. X. — VZ 25. XL A.-A.; 
MZ 1908, 651. 



Schedel von Greifenstein, Adolf, Ingenieur, 
Eisenbahn-Erbauer i. China, Togo u. 
Kamerun; * 6. VII. 1879; t Duala i. West- 
afrika 4. III. — MAZ 14. III. M.-Bl. 

Scheibner, Wilhelm, Dr. phil, Geh. Hofrat, 
ehem. Prof. d. Mathem. a. d. Univ. Leipzig; 

* Gotha 8. I. 1826; f Leipzig 8. IV. — VZ 
8. IV. A.-A., 10. IV. M.-A.; IZ 130, 834; 
GK 1909, 352; DRG 30, 423; L 44, 6, 63; 
KL 1908, 1412; WI 3, 1 193 (W). 

Schellhortl, Emil von, Bayer. Generalm. z. D., 
bis 1888 Kommand. d. Kadettenkorps, 
fruh, Direktor d. Kriegsschule i. Miinchen; 

* Landsberg i. Bayern 10. IV. 1828; 
t Munchen 11. XII. — VZ 12. XII. M.-A.; 
W 51, 2194; MZ 1908, 693. 

Schelling, Hermann von, Dr. iur. et pkil., 
"frtih. preufl. Justizminister, jiingster Sohn 
des Philosophen Fr. W. J. v. Sch.; * Er- 
langen 19. IV. 1824; j* Berlin 15. XL — 
1866 vortr. Rat i. Justizminist., 1879 
Staatssekretar d. Reichsjustizamts, 1889 
bis 1894 preufi. Justizminister, leitete die 
Arbeiten fur d. neue BGB ein; auch Obers. 
antiker Meisterwerke. — NZ 16. XL A.-A.; 
W 47, 2022; IZ 131, 1003; DJZ 1908, 1327; 
HJ 1908, 454. 

Schenkel, J. J., hervorr. Kanzelredner, verd. 
Lokalhist., Ehrenmitgl. d. hist.-antiqu. 
Vereins zu Schaffhausen, fruh. Pras. d. 
Stadtschulrats u. d. Groflen Rats; * Thayn- 
gen 7. XII. 1830; t Schaffhausen 26. I. — 
ASG 40, 496/497 (W). 

Scherer, Joseph, Kaplan i. Hergiswald, 
Lokalhist., Mitgl. d. hist. Vereins d. 5 Orte; 

* Emmen 8. IV. 1840; t Hergiswald 10. 
IV. — ASG 40, 497 (W). 

Schlegel, Wilhelm, fruh. langj. Leiter d. Stadt- 
theater i. Zurich u. Basel, spater am Opern- 
hause zu Frankfurt a. M. tatig; # Wesel 
14. XL 1824; f Frankfurt a. M. 14. I. — 
NTA 1909, 155. 

Schleiter, Wilhelm, Generalm. z. D., zuL 
Kommand. d. Fiis.-Reg. Nr. 40, Ritter d. 
Eis. Kreuzes 2. KL; * Braunschweig 10. 
VII. 1834; t das. 24. XII. — VZT; MZ 
1909, 21. 

Schlleben, Joachim Kaspar Anton Richard 
von, fruh. sachs. Kultusminister; * Nieder- 
friedersdorf 23. VII. 1848; f Schlofl Tauben- 
heim a. d. Spree 7. II. — VZ 8. II. M.-A.; 
IZ 130, 334; Dtsch. Lehrer-Zt. 1908, 145; 
HJ 1908, 454. 

Schiippenbach, Karl Graf von, General d. 
Inf., bis 1887 Gouverneur v. Mainz; * Ber- 
lin 19. IX. 1830; f Schlofi Arendsec, Kr. 
Prenzlau 19. VIII. — 1849 Eintritt in d. 
Armee als Einj.-Freiw., 1850 Lt., 1861 
Hauptm. i. Gr. Generalst., 1866 Major, 
1870 Eis. Kreuz 1. KL, 1871 Oberstlt. u. 



8i< 



Totenliste 1908; Schlippenbach — Schnabel. 



82* 



Direktor d. Kriegsschule i. Potsdam, 1873 
Oberst, 1880 Generalm., 1881 Insp. d. 
Kriegsschulen, 1884 Generality 1886 Gouv. 
v. Mainz, 1887 z. D., 1895 Charakter als 
General d. Inf. — VZ 20. VIII. A.-A.; 
MZ 1908, 471; GT 1909, 793. 

Schlippenbach, Otto Graf von, Generalm. 
z. D., bis 1907 Kommand. d. 22. Inf.-Brig., 
Ritter d. Eis. Kreuzes 2. Kl.; * Nizza 
4. III. 1853; t Riva 18. IV. — VZ 22. IV. M.- 
A.;MZ 1908, 229; WI 3, 1209; GT 1909, 795. 

Schlitzberger, Siegmund, ehem. Mittclschul- 
lehrer, bekannt durch seine i. Auftr. d. 
Regierung hrsg. Pilztafeln, Verf. einer 
groflen Zahl von naturwiss. Werken; 

* Simmershausen 18. VII. 1844; f Kassel 
2. IX. — HL 22, 267. 

Sclllosser, Eduard, ehem. Groflh. Bad. Hof- 
opernsanger; * Amberg 17. VI. 1839; 
f Darmstadt 17. VII. — NT A 1909, 171. 

*Schluftlberger, Johann von, Dr. iur. et 
phil. h. c. f WGRat, fruh. Pras. d. Eis.- 
Lothr. Landesausschusses, Groflindustrieller ; 

* Gebweiler 24. II. 1819; f das. 13. IX. 
— BJ XIII, 135 (H. Diez); T 308 (P); VZ 
15. IX. M.-A.; IZ 131, 484; HJ 1908, 454; 
KL 1908, 1437 (W); WI 3, 121 1 ; Sitzmann, 
Dictionnaire de Biographie des Hommes 
C&ebres de TAlsace T. 2, 690/691. 

*Schlumprecht, Heinrich, Xylograph; * Miin- 
chen 4. I. 1859; f das. 17. XII. — BJ XIII, 
113 (H. Holland). 

Schmarda, Ludwig Karl, Dr. phil, Hofrat, 
Prof. d. Zool. a. d. Univ. Wien, Tier- 
geograph, beriihm. Geologe u. Forschungs- 
reisender; * Olmutz 23. VIII. 1819; f Wien 
7. IV. — NFP 7. IV. A.-A.; VZ 10. IV. 
A. -A.; T 179 (P); G 93, 323; GK 1909, 
352/53; DRG 30, 474/76, 30, 377; GA 9, 
161; L 44, 5, 54; Alman. d. k. Akad. d. 
Wiss., Wien 1908, 283 (V. v. Lang). 

Schmld, Adolf, Dr. med., Hofrat, 35 Jahre 
lang Arzt i. Bad Reichenhall; * Erlangen 
29. XL 1846; t Berlin 14. XII. — MMW 56, 
1, 139/140 (W. Mayer). 

Schmidt, Friedrich, Geologe, Botaniker u. 
Palaontologe, Mitgl. d. Akad. d. Wiss. i. 
St. Petersburg; * auf einem Landgute 
i. Kr. Prenau i. Livland 15./28. I. 1832; 
t St. Petersburg 20. XL — VZ 28. XL 
M.-A.; GK 1909, 353. 

Schmidt, Hermann Friedrich, Pfarrer d. 
dtsch. ev. Gemeinde i. Cannes, Lehrer d. 
Kronprinzessin Cecilie, hervorr. Prediger, 
Verf. von »Kellners Weh und WohU u. 
zahlr. Predigtsamml.; f Cannes 30. I. — 
Christl. Welt 1908, 775—781 (R. Otto, 
Erinnerungen an H. Sch.); TJ 28, Abt. 8, 
545; KJ 1909, 631. 

Schmidt, Julius von, Generallt. z. D. t bis 



1886 Kommand. d. 37. Inf.-Brig., Ritter 
d. Eis. Kreuzes 1. Kl., Verf. d. Werkes 
♦Die Schicksale der hess. Armee-Division 
1866 «; * Kassel 3. VIII. 1827; f das. 23. 
IX. — VZ 24. IX. A.-A.; HL 22, 283; MZ 

1908, 541. 

Schmidt, Karl Wilhelm Albert, Brauereibes. 
i. Rawitsch, freikonserv. M. d. R. u. M. 
d. A.; * Gorkau 1. XII. 1846; f Breslau 

7. L — VZ 8. I. M.-A.; IZ 130, 169; RH 
19031 316; WI 3, 1219. 

Schmidt, Otto, Geh. Justizrat, Landgerichts- 
direktor a. D.; * Paderborn 15. VI. 1842; 
f Bcrlin-Charlottenburg 3. IX. — VZ 6. 
IX. M.-A.; OA 1908/09, 1348. 

Schmidt-Michelsen, Alexander, hervorr. Land- 
schafts- u. Genremaler; * Leipzig 5. XL 
1859; f das. 21. XL — W 48, 2064; Kchr 
20, 118; Westerm. Monatsh. Juni 1909, 
439/440; MS 4, 211; BMW 2, 596 (W). 

Schmitt, Gottfried Ritter von, Dr. iur., Pras. 
d. Obersten Landgerichts, lebensl. Mitgl. 
d. Bayer. Kammer d. Reichsrate, 1863 — 69 
lib. Mitgl. d. bayer. Abg.-Kammer, war 
an d. Ausarbeitung d. BGB wesentlich 
beteiiigt; * 1827; f Ebern 25. VIII. — VZ 
25. VIII. A.-A., 26. VIII. M.-A.; IZ 131, 
384; DJZ 1908, 1015 (v. Henle); HJ 1908, 

454- 
Schmitt, Gregor, Dr. med., Obermediz.-Rat, 
Medizinal-Beamter f. Unterfranken, Hrsg. 
d. »Arzt lichen Taschenbuchs« von 1861 — 95; 

* Riedenheim i. Unterfranken 12. III. 1832; 
t Wurzburg 5. V. — MMW 55, 1, 1345/46; 
PBL 1514 (W); KL 1908, 1457. 

Schmitt, Josef Ritter von, Dr. iur., Geh. Hof- 
u. Justizrat, Advokat, Pras. d. Landrats 
von Oberfrankcn, Vors. d. Anwaltskammer 
Bamberg; * Hofheim 4. V. 1838; f Bam- 
berg 16. IV. — HJ 1908, 454; OA 1907/08, 

Ir 33- 
SchmuckenschlSger, Adolf, Prof., Konsisto- 
rialrat, theolog. Schriftst.; * Kollerschlag 

23. XII. 1841; f Linz a. D. 17. VII. — KL 

1909, 1908, 1460 (W). 

*Schnabe), Isidor, Dr. med., k. k. Hofrat, 
Prof. f. Augenheilkunde a. d. Univ. Wien; 

* Neu-Bydz3w i. Bohm. 14. XL 1842; 
t Wien 4. XII. — BJ XIII, 145 (E.); VZ 8. 
XII. M.-A.; IZ 131, 1120; Dtsch. Arbeit 

8, 6, 461/65 (Elschnig m. P u. W); PBL 
1515 (W); HBL 5, 251; KL 1908, 1461; 
Mediz. Bl. Jg. 31, 601 (S. Klein); BZ 23, 
296 [ Mediz. -chirurg. Zentralbl. Jg. 43, 601; 
Wiener klin. Rundsch. Jg. 22, 815 (H. 
Lauber); Prager mediz. Wochenschr. Jg. 
33, 801 (C. Hirsch); WMW Jg. 58, 2773] 

24, 245 [Zentralbl. f. prakt. Augenheilkde. 
Jg- 3 2 » 354 (J- Hirschberg); Wochenschr. 
f. Therapie u. Hygiene d. Auges Jg. 12, 



83* 



Totenliste 1908: Schneider — SchSnlein. 



84* 



Nr. 15 (M. Bondi); Wiener klin. Wochen- 
schrift Jg. 22, 32; Zs. f. Augenheilkde. 
Bd. 21, 90 (H. Lauber), 262 — 266 (M. Salz- 
mann)]. 
Schneider, Arthur, WGOberbaurat, bis 
1905 vortr. Rat i. Minist. d. offentl. 
Arbeiten; * Konigsberg 3. IV. 1839; 
t Berlin 27. VII. — VZT; OA 1907/08, 

1 138. 
Schneller, Christian, Dr. phil., Hofrat, Tiroler 

Dichter, Schriftst. u< Folklorist, friih. 

Gymnasiallehrer, dann Landesschulinsp. 

f. d. Volksschulen, spater f. d. Mittel- 

schulen Tirols, Mitgl. d. Statist. Zentral- 

kommission i. Wien; * Holzgau b. Reutte 

i. Tirol 5. XL 1831; f Cornocalda b. 

Rovereto 5. VIII. — VZ 10. VIII. A.-A.; 

T 282 (P); GK 1909, 353; DRG 31, 39; 

LE 10, 1754; HJ 1908, 454; KL 1908, 

1468 (W); Forsch. u. Mitt. z. Gesch. Tirols 

Jg. 6, 72—79 (A. Troger). 
SchneuwJy, Josef, Archivar, Ehrenmitgl. 

d. dtsch. Gesch ichtsforsch.-Vereins d. Kant. 

Freiburg; * Freiburg i. Schw. 14. IV. 1839; 

f das. 4. X. — ASG 40, 500/501. 
Schoen, Ernst Christian Johannes, Dr. iur. f 

prasidierender Biirgerm. i. Liibeck; * Lii- 

beck 24. VI. 1843; t <* as - x 3- x - — vz *4- 

X. M.-A.; IZ 131, 711 (P); HJ 1908, 455- 
*Sch5naich-Carolath, Emil Prinz von, Dichter; 

* Breslau 8. IV. 1852; f Haseldorf i. Hoist. 

30. IV. — BJ XIII, 151 (V. Klemperer); 

VZ 1. V. M.-A.; Schles. Zt. 5. V. M.-Bl. 

(Ch. Grafin Rittberg); FZ 6. V. 2. M.-Bl. 

(Wie ein Dichter stirbt); Kieler Zt. 2. V. 

A.-A., 7. V. A.-A. (Ober d. Heimgang d. 

Prinzcn E. v. Sch.-C); HC 30. IV. M.-A. 

(H. Seyfarth), 1. V. M.-A., 8. V. A.-A. 

(M. Stein), Beil. Nr. 14 (H. Benzmann); 

TRU Nr. 104 (K. Busse); NZ Sonnt.-Beii. 

Nr. 19 (H. Bethge, Erinnerungen an Prinz 

E. v. Sch.-C); Leipz. Neueste Nachr. 

Nr. 121 (M. Mendheim); Hamb. Nachr. 

Nr - 3*>5 (J- Kruse); Hamb. Fremdenbl. 

Nr. 112 (H. Bethge); IZ 130, 883; KL 

1908, 1475 (W); HJ 1908, 455; LE 10, 

1209; Eckart 2, 8 (J. Havemann, Auf d. 

Tod d. Prinzen E. v. Sch.-C), 2, 10 (G. 

Falke, Pr. E. v. Sch.-C Ein Gedenkwort); 

NS 13, 293/98 (W. Lobsien m.P); Schlesw.- 

Holst. Rundsch. 3, 1 (W. Lobsien u. H. 

Heiberg); Gegenwart Bd. 73, Nr. 20 (H. 

Benzmann); D. alte Glaube Jg. 9, Nr. 44 

(P. Steinmann, Z. Erinnerung an Prinz 

E. v. Sch.-C); Dtsch. Wacht Jg. 1, Nr. 19 

(W. Koch); Dtsch. Warte Nr. 121 (P. 

Landau); Christl. Welt 1908, 568/70 (E. 

Mullenhoff); Konserv. Monatsschr. Nov. 

1908, 141 (H. Spiero); Hochland Jg. 5, 

H. 10 (M. Bahr); Bremer Beitr. z. Ausbau 



d. Kirche Jg. 3, H. 3 (E. v. Sch.-C Dichter, 
Prophet); L. Krapp, Prinz E. v. Sch.-C 
Leipz. 1908 (Moderne Lyriker 4); V. 
Klemperer, Prinz E. v. Sch.-C Char- 
lottenburg 1908 ( Person lichkeiten hrsg. 
von W. Leven, H. 33); G. Schiiler, Prinz 
E. v. Sch.-C als Mensch u. Dichter. Leipz. 
1909; H. Seyfarth, Aus d. Leben u. d. 
Werken d. Prinzen E. v. Sch.-C. Leipzig 
1909; E. KammerhofI, Prinz E. v. Sch.-C 
als Mensch u. religioser Lyriker. Leipz. 
1909 (Beitr. z. Literaturgesch. H. 63); 
J. Burggraf, Carolath-Predigten. Leipz. 
1909; Westerm. Monatsh. Juni 1908, 
460/461 (P); BZ 22, 242 [D. Deutsche 
Bd. 8, Nr. 2 (G. Schuler); Erwinia Jg. 15, 
154—167 (E. A. Regener); D. Heimat 
1908, 2—10, 141 — 151 (E. Kammerhoff); 
D. Hilfe 1908, Nr. 19 (H. Schnellbach); 
Sudd. Monatsh. Juni 1908, 753; Turmer 
Juni 1908, 423—426 (M. v. Stern); Ober 
den Wassern 1908, 289 — 298 (L. Kiesgen)] 
23, 2 97 [D. Magazin Jg. 77, 164—168 
(E. KammerhofI); Schweiz. Rundsch. Jg. 8, 
287—304 (L. Korodi); Xenien Juni/Juli 
1908 (W. Schoene); D. christl. Frau Jg. 6, 
340 — 345 (R. Knies, Weib-Problem in 
d. Dichtungen d. Prinz. E. v. Sch.-C); 
Velh. u. Klas. Monatsh. Juli 1908, 644 — 650 
(C Busse, Erinnerungen an Prinz E. v. 
Sch.-C)] 24, 245 [Ober den Wassern 1909, 
253 — 259 (0. Putz, Prinz E. v. Sch.-C 
als Dichter d. soz. Mitleids)] 25, 261 
[Bremer Beitr. z. Ausb. d. Kirche Jg. 3, 
252—265 (H. Seyfarth, E. Dichter d. dtsch. 
Christent.)]. 

Sctldnberg, Gustav Friedrich von, Dr. iur., 
phiU et se. pol. 9 Staatsrat, Kanzler d. Univ. 
Tubingen, Prof. d. Nationaldkonom. ; 
* Stettin 21. VII. 1839; f Tubingen 3. I. — 
VZ 4. I. M.-A.; IZ 130, 94 (N m. P); HJ 
1908, 455; ASG 40, 494 (W); KL 1908, 
1476 (W); DZL 1299. 

Schonbom, Karl Graf, osterr. Geh. Rat u. 
Kammerer, Chef d. jilngsten Linie d. 
Hauses; * 10. IV. 1840; f Neuhof b. Neu- 
kirchen, Bez. Eger 29. V. — HJ 1908, 455. 

Schdnhoff, Leopold, Theater- Kritiker am 
»Tag«, Verf. d. Samml. »Zehn Jahre 
Berliner Theater*; * Wischau i. Mahren 
1853; t Wiesbaden 2. V. — VZ 7. V. M.-A.; 
T 195 (P. Roland); FZ 6. V. 2. M.-BL 
(Erinnerungen an L. Sch.); LE io, 1248; 
KW Jg. 21, H. 3, 300; HJ 1908, 455- 

SchSnlein, Hermann, Verlagsbuchhandler, 
Grunder u. Hrsg. d. ill. Zs. »Buch f. Alle«, 
»Chronik d. Zeitt, » Blatter f. den hausl. 
Kreist, »Bibliotbek d. Unterhaltung u. 
d. Wissens*. Seine Firma wurde 1890 
mit d. »Union Dtsch. Verlagsges.* ver- 



8 5 * 



Totenliste 1908: Scholz — Schultze. 



86* 



schmolzen; er hinterliefl 3 Millionen f. 
wohltatige u. gemeinnutzige Zwecke; 

* Leipzig 2. XII. 1833; f Stuttgart 11 IX. 
— VZ 23. IX. M.-A.; W 38, 1636; IZ 131, 
506; HJ 1908, 455. 

Sch0lZ y Anton von, Dr. theol., Geh. Rat, 
Prof. d. Theol. a. d. Univ. Wurzburg, 
Ssnior d. Univ.; * Schmachtenberg i. 
Untcrfranken 15. II. 1829; f Wurzburg 
30. IX. — VZ 1. X. A.-A.; W 41, 1766; 
IZ 131, 594; D. Katholik 88, 11; TJ 28, 
Abt. 8, 545; KL 1908, 1473 (W); VVI 3, 
1238 (W). 

Scholz, Paul Joseph, Rittergutsbes., 1870—85 
M. d. A.; * Starrwitz, Kr. Grottkau 
8. IV. 1822; t Breslau 27. I. — VZ 29. I. 
M.-A.; HA 1882, 287. 

SctlOfl, Erich von, Generalm., Kommand. d. 
24. Inf.- Brig., Ritter d. Eis. Kreuzes 2. Kl.; 

* Stolp i. Pomm. 17. IV. 1849; f Neifle 
12. VII. — VZT; MZ 1908, 397; WI 3, 
1239. 

Schor, Konrad, Generalm. z. D., bis 1879 
Kommand. d. 23. Inf.-Brig., Ritter d. Eis. 
Kreuzes 2. Kl.; * Jordansmiihle 13. IV. 
1828; f Kiel 9. V. — VZ 14. V. M.-A.; 
MZ 1908, 272. 

Schott, Rudolf von, wurttemb. Generalm. 
z. D., bis 1888 Kommand. d. 26. Drag.-Reg., 
Ritter d. Eis. Kreuzes 2. KL; * Stuttgart 
19. VI. 1836; f das- 24. VII. — VZT; 
MZ 1908, 422; WJ 1908 Nekr.; OA 1907/08, 

1 1 S3- 

Schrabisch, Heinrich von, Generalm. z. D., 
Oberstkammerh. d. Herzogin Marie v. 
Sachsen-Kob.-Gotha, friih. Fliigeladjut. 
d. Herzogs Ernst II., Ritter d. Eis. Kreuzes 
2. KL; * Schmiedeberg 13. IX. 1827; 
t Gotha 25. X. — MZ 1908, 595. 

'Schlatter, Eberhard, Dr. theol et phil y Geh. 
Reg.-Rat, Prof. d. Assyriologie a. d. Univ. 
Berlin, Mitgl. d. Akad. d. Wiss.; * Braun- 
schweig 5. I. 1836; f Berlin 3. VII. — 
BJ XIII, 156 (E. Meyer); T 249 (P); W 28, 
1 198; IZ 131, 287; MAZ 1908, 327 (F. 
Hommel); Protestantenbl. 1908, ion; 
Allg. Ev.-Luth. Kirchen-Zt. 1908, 678; 
GK 1909, 353; DRG31, 136; GA9, 257; 
WI 3, 1241 (W); KL 1908, 1483 (W); 
HJ 1908, 455; G 94, 147; Abh. d. K. Pr. 
Akad. d. Wiss. Philos.-hist. Kl. 1909 
(E. Meyer, Gedachtnisrede); TJ 28, Abt. 8, 
545; Chronikd. Univ. Berlin 22, 7; KJ 1909, 
634; Ber. iib. d. Verh. d. kgl. sachs. Ges. 
d. Wiss. zu Leipzig, Philol.-hist. CI. Bd. 6o, 
195 — 205 (H. Zimmern). 

Schramm, Steffi (Pseud.: Sandori), Schau- 
spielerin a. Residenz-Theater i. Wiesbaden; 

* Wien 31. I. 1882; f Wiesbaden 13. V. — 
NT A 1909, 166. 



Schnunm-Macdonald, Marie, geb. Schwendy, 
Dichterin u. Schriftst., dram. Lehrerin; 
* Berlin n. IV. 1846; f Dresden 9. II. — 
VZ 11. II. M.-A.; LE 10, 818; HJ 1908, 
455; KL 1908, 1485 (W). 

Schreiber, Joseph, Dr. med.i k. k. Rat, hervorr. 
verdient um d. Entstehung u. Entwicklung 
d. Kurorts Aussee; * Bohm.-Leipa 17. III. 
1835; t Aussee 27. IX. — VZ 29. IX. A.-A. ; 
PBL 1527/28; HBL 5, 282. 

*Schr6ttcr von Kristelli, Leopold Ritter, 
Dr. med., Hofrat, Prof. d. Pathol, u. Thera- 
pie a. d. Univ. Wien; * Graz 5. II. 1837; 
t Wien 22. IV. — BJ XIII, 26 (C. Reitter); 
NFP 22. IV. A.-A., 23. IV. M.-BL; T 187 
(P); IZ 130, 834; DMW 34, i, 930/31 (M. 
Groflmann m. P); WMW 1908, 961; MR 
1908, 217; PBL 1532/34 (P); HBL 5, 289; 
KL 1908, 1496 (W); WI 3, 1247 (W); BZ 
22, 243 [Mediz. Bl. Jg. 31, 205 (S. Klein); 
Mediz. -chirur. Centralbl. Jg. 43, 205; 
Arztl. Zentralzt. Bd. 20, 311; Mediz. 
Klinik Jg. 4, 692, 715 (W. Roth); Wiener 
klin. Rundsch. Jg. 22, 320 (J. Fein); 
Tuberkulosis Jg. 7, 151 — 155;- Wiener klin. 
Wochenschr. Jg. 21, 641 (0. Chiari); Zs. 
f. klin. Mediz. Jg. 65, Bd. 1 ; Zs. f. Ohren- 
heilkde. Bd. 56, 84 (G. Killian)] 23, 298 
[Monatsschr. f. Ohrenheilkde. (usw.) Jg. 42 
(M. Groflmann); Zs. f. Laryngol. Rhinol. u. 
Grenzgeb. 1908, 141 a (Blumenfeld)]. 

Schubert, Carl, ehem. Opernsanger a. Kgl. 
Theater zu Hannover, Direktor d. Fiirstl. 
Theaters zu Pyrmont; * Berlin 29. V. 1867; 
f auf seinem Landsitz i. Spreewald 31. VII. 

— NTA 1909, 171; EG 930. 

Schiltz, Friedrich, hervorr. polit. Schriftst., 
Feuilletonist u. Theaterreferent, Mitarb. d. 
NFP; * Prag 25. IV. 1845; t Wien 22. XII. 

— VZT; HJ 1908, 455; LE 10, 606. 
Schiltze, Albert, Kupferstecher u. Illustrator 

von Ruf, Hauptvertreter d. wissenschaftl., 

bes. mediz. Lithographie; * Berlin 11. VII. 

1827; f das. 30. I. — VZ 1. II. A.-A.; 

IZ 130, 374; Kchr 19, 325. 
Schulenberg, Karl Graf von d., Erbherr auf 

Trampe, Kr. Niederbarnim, Mitgl. d. 

Herrenh.; * Neustrelitz 12. VIII. 1840; 

f Trampe 28. IV. - VZ 1; V. M.-A.; HJ 

1908, 455; HH 1904, 349; GT 190), 809. 
Schulte, Eduard, Dr. phti, ehem. Gymnasial- 

lchrer, langj. Mitarb. d. VZ, Historiker, 

Ubers. aus d. Lat., Griech., Franz., ItaL, 

Engl. u. HolL; * Weil i. W r estf. 4. IV. 1841 ; 

f Freienwalde a. 0. 1. XII. — VZ 2. XII. 

A.-A.; KL 1908, 1504. 
Schulten, Annmariek (Pseud.) s. Wuthenow, 

Alwine. 
Schultze, Fritz, Dr. phil., Geh. Hofrat, Prof. 

d. Philos. u. Padag. a. d. Techn. Hoch- 



87* 



Totenliste 1908: Schulz — Siebold. 



88* 



schule i. Dresden, Bibliotheks-Direktor; 

* Celle 7. V. 1846; f Dresden 22. VIII. — 
NZ 23. VIII. M.-A.; T 291 (P); IZ 131, 
425, 444 (N m. P); HJ 1908, 455; KL 1908, 
1508 (W); WI 3, 1258 (W); Bericht d. 
Techn. Hochsch. z. Dresden 1908/09, 4. 

Schtllz, Hermann, Generalm. z. D., zul. Bri- 
gadier d. Gend.-Brig. i. Els.-Lothr., Ritter 
d. Eis. Kreuzes 2. KL; * Mainz 17. XII. 
1825; f Wiesbaden 12. VII. — MW 1908, 
3509; OA 1908/09, 1400. 

Schtllze, Karl Otto, Geh. Ober-Postrat, 
fruh. vortr. Rat i. Reichspostamt; * Anger- 
burg 25. V. 1824; f Berlin i. Juli. — VZT; 
OA 1908/09, 1406. 

Schumacher, Ferdinand, dtsch.-amerik. Grofi- 
industrieller, der »Hafermehlkonig* t der 
mit seinen Quaker-Oats- Biichsen ganz 
Europa uberschwemmte; * 30. III. 1822; 
f Akron, Ohio 10. IV. — HJ 1908, 455. 

Schumann, Gotthold, Senior d. dtsch. Zirkus- 
Direktoren; * Weimar 25. XI. 1825; 
t Braunschweig i. Dez. — T 396 (P). 

*Schwabe, Ludwig von, Dr. phil, Prof. d. 
j klass. Philol. u. Archaol. a. d. Univ. Tu- 
bingen; * Gieflen 24. VI. 1835; t TQbingen 

20. II. — BJ XIII, 124 (W. Schmid); 
VZ 21. II. A.-A.; IZ 130, 410; HJ 1908, 
455; WJ 1908 Nekr.; KL 1908, 1523 (W); 
WI 3, 1266; Siidwestdtsch. Schulbl. 1909, 
118 (P. Binder). 

Schwalm, Robert, Komponist u. Dirigent; 

* Erfurt 6. XII. 1845; f Elbing 4. VIII. — 
AMZ 1908, 598; R 1212. 

Schwanhauser, Gustav, Kommerzienrat, 
Nestor d. dtsch. Bleistiftindustrie; * 1840; 
t Berlin 30. IX. — VZT; IZ 131, 796; AF 
1908, 482. 

Schwarz, Julie, Schauspielerin ; * Karlsruhe 

21. XII. 1846; f das. 17. IX. — NTA 1909, 

174. 
Schwarz, Theodor, ehem. Schauspieler; 

* Wiesbaden 14. XII. 1832; f Hamburg 
29. IV. — NTA 1909, 165. 

Schwarzenberg, Julius, Dr. iur. f fruh. Pras. 
d. Landesokonomie-Kommission in Braun- 
schweig; f Braunschweig 21. VI. — VZT. 

Schwerin, Detloff Graf von, Dr. iur. % Reg.- 
Pras. v. Koslin; * Stevelin 7. IV. 1853; 
f Bad Soden i. Taunus 5. V. — VZ 6. V. 
M.-A.; WI 3, 1273; GT 1909, 822. 

Sedlnitzky-Ordrowas von Choltic, Kasimir 
Frh., k. k. Oberlandesgerichts-Rat a. D.; 

* Dobromielitz 17. XI. 1847; f Graz 12. 
VII. — FT 1908, 726, 1909 TL. 

Seeliger, Oswald, Dr. phil, Prof. d. Zool. 
a. d. Univ. Rostock, Direktor d. zoolog. 
Instituts, bek. Tiergeograph ; * Biala, 
Osterr.-Schles. 24. V. 1858; t Leipzig 17. 
V. — VZ 20. V. A.-A., 21. V. M.-A.; GK 



1909, 353; DRG 30, 472; T 213 (P); KL 
1908, 1539 (W); Jahresber. d. Univ. 
Rostock 3, 9/10. 

*Seltz, Ludwig, Prof., Maler, Direktor d. 
vatikan. Galerien; * Rom 11. VI. 1844; 
t Albano n. IX. — BJ XIII, 205 (J. 
Ranftl); T 310 (P); IZ 131, 484; Hochland 
Jg. 6, H. 2 (J. Negwer); Christl. Kunst 
Marz 1909, 161/66 (M. Furst); Zs. f. christl. 
Kunst 1908, 219 (Schmitgen); HJ 1908, 
455; MS 4, 257; Kchr 19, 603; DBZ 1909, 
Nr. 24 (A. Siebig, L. S. u. s. Kunst). 

Senn, Nikolaus, Prof. d. Chirurgie a. d. Univ. 
Chicago, hervorr. Experimentator; * Buchs 
b. St. Gallen 31. X. 1844; f Chicago 2. I. — 
War erst Volksschullehrer, ging 1874 nach 
Milwaukee, studierte von 1877 — 78 in 
Miincheh u. promovierte hier, wurde 1888 
Prof. a. Rush' Medical College i. Chicago 
unter Beibehaltung seiner Praxis i. Mil- 
waukee u. 1 89 1 Nachfolger Parks* als 
Inhabers d. chirurg. Professur, worauf er 
nach Chicago iibersiedelte. — DMW 34, 
1, 470/71 (Garre m. P); MMW 55, i, 629/30 
(Allemann m. P); BKW 45, i, 387, 770/71 
(C. Beck); HBL 5, 365. 

Settegast, Hermann, Dr. phil. y Geh. Reg.-Rat, 
Prof., landwirtschaftl. Lehrer u. Schriftst., 
Mitgl. d. Gesamt-Ausschusses d. Dtsch. 
Landwirtsch.-Ges.; * Konigsberg 30. IV. 
1819; f Berlin 12. VIII. — VZ 12. VIII. 
A. -A.; T 282 (P); IZ 131, 305; Mitt. d. 
Dtsch. Landwirtsch.-Ges. Jg. 23, 294; 
WI 3, 1291 (W). 

*Sickel, Theodor Ritter von, Dr. pkzl. et iur., 
k. k. Hofrat, Sektionschef, Mitgl. d. Herren- 
hauses, Prof. f. altere dtsch. Geschichte 
a. d. Univ. Wien, Mitgl. d. Akad. d. Wiss.; 

, * Aken, Kr. Kalbe 18. XII. 1826; f Meran 
21. IV. — BJ XIII, 62 (E. v. Ottenthal); 
VZ 22. IV., 23. IV. M.-A.; NFP 22. IV. 
M.-Bl. (E. v. Ottenthal); T 188 (P); IZ 130, 
834; Jahresber. d. Thur.-Sachs. Vereins 
z. Erforsch. d. vaterl. Altert. u. Erh. d. 
Denkmale 1907/08 (K. Heldmann); 
Sitzungsber. d. K. Bayer. Akad. d. Wiss. 
Philos.-philolog. u. hist. Kl. 1909, 32*; 
ASG 40, 498 (W); KL 1908, 1557 (W); 
WI 3, 1295 (W); HJ 1908, 456; DZL 1364; 
Neues Archiv d. Ges. f. altere dtsch. Ge- 
schichtskde. Bd. 33, 773—781 (M. Tangl); 
Hist. Vierteljahrsschr. 1908, 333 — 359 
(W. Erben); Almn. d. k. Akad. d. Wiss., 
Wien Jg. 1908, 327 — 340 (J. v. Karabacek); 
Zs. d. dtsch. Ver. f. d. Gesch. Mahrens u. 
Schlesiens Jg. 13, 1 — 24 (B. Bretholz). 

*Sfebold, Heinrich Frh. von, ehem. k. k. 
Konsul, hervorr. Kenner Ostasiens; * St. 
Martin b. Boppard a. Rh. 21. VII. 1852; 
t Schl. Freudenstein i. Tirol 11. VIII. — 



89* 



Totenliste 1908: Siedel — Stephan. 



90* 



BJ XIII, 215 (A. Graf v. Brandenstein- 
Zeppelin); NFP 12. VIII. M.-Bl.; IZ 131, 
305; GK 1909,' 354- 
♦Siedel, Ernst Karl Gottlob, Dr. phil, Kir- 
chcnrat, ausgez. Prediger, theol. Schriftst.; 

* Mahlitzsch b. Dobeln 27. II. 1820; 
f Dresden 17. II. — BJ XIII, 219 (A. 
Reichardt); TJ 28, Abt. 8, 545; KJ 1909, 
632. 

Sietnerlng, Julius, ostpr. Landschaftsmaler, 

Bruder des Bildhauers; * Konigsberg i. Pr. 

10. VI. 18^7; f das. 28. IV. — VZ 2. V. 

M.-A.; BMW 2, 749 (W); Mitt. d. Konigsb. 

Kunst-Akad. 
Simons, Rudolf von, Major z. D., 2. Vors. d. 

Preufl. Landes-Kriegerverb. u. Dtsch. 

Kriegerbundes, Schatzm. d. KyrThauser- 

bundes, Vorst.-Mitgl. d. dtsch. Kolonialges.; 

* Honnef 13. IX. 1851; f Berlin 6. IV. — 

o 10, 502; mz 1908, 146. 

Singer, Karl, Dr. phil, Direktor d. Statist. 

Amts d. Stadt Miinchen, besond. verd. 

um d. Wohnungsfragc, Schriftl. d. Zs. f. 

Wohnungswescn i. Bayern; * Nurnberg 

i860; f Miinchen 19. VI. — VZT; AF 

1908, 251 ; MMW 55, 2, 1700/01 (A. Fischer); 

MAZ 1908, 263 (P. Busching); \VI 3, 
J 302 (W). 
Sdrensetl, Johannes Christian, SJ, Kunst- 

schriftst. ; * Kopenhagen 16. IX. 1862; 

t Dusseldorf 17. I. — HJ 1908, 456; 

Christi. Kunst Marz 1908, Beil., 66; KL 

1908, 1 58 1 (W). 
Sohn, Karl Rudolf, Genre- u. Portrat-Maler. 

aus bek. Kunstlerfamilie; * Dusseldorf 

21. VII. 1845; t das. 30. VIII. — NZ 1. 

IX. A.-A.; T 299 (P); HJ 1908, 4=;6; KFA 

24, 76; MS 4, 301; BMW 2, 767 (W). 
Soldan, Louis, Schulinsp. d. oflentl. Schulen 

v. St. Louis, Dtsch. -Amerikaner, bedeut. 

Schulmann; * Frankfurt a. M. 1842; 

f St. Louis 27. III. — FZ 23. IV. 2. M.-Bl. 

(A. Hofer, Zu L. S.s Gedachtnis); Dtsch. 

Schule 12, 6, 383; Bl. f. hoher. Schulwes. 

Jg. 25, 176. 
Solms-Laubach, Ernst Graf, Gch. Reg.-Rat, 

ehem. Kreisdircktor v. Strafiburg-Land, 

Domherr v. Naumburg; * Laubach 24. 

IV. 1837; f Darmstadt 11. VIII. — W 34, 

1460; HJ 1908, 456. 
Specht, Franz Anton, Dr. theol. , Domkapitu- 

lar, hist., theolog. u. padagog. Schriftst.; 

* Miinchen 19. VI. 1847; | das. 20. II. — 
MAZ 22. II. Vorabd.-Bl.; HJ 1908, 456; 
KL 1908, 1584 (W). 

♦Speck von Stemburg, Hermann Frh. von, 
Dr. iur. h. r., Dtsch. Botschafter i. Washing- 
ton; * Leeds 21. VIII. 1852; f Heidelberg 

23. VIII. — BJ XIII, 134 (H. Diez); VZ 

24. VIII. A.-A.; T 290 (P); NFP 30. VIII. 



(H. v. Rath); Dtsch. Vorkampfer Sept. 
1908; IZ 131, 344 (N m. P); HJ 1908, 456; 
WI 3, 1316. 

Sperber-Grauden, Emil Julius Hermann von, 
Rittergutsbes., Mitgl. d. Herrenh.; * Som- 
meram, Kr. Ragnit 5. III. 1840; f Konigs- 
berg i. Pr. 12. X. — VZ 13. X. M.-A.; 
HH 1904, 352. 

Spiegl, Edgar, Frh. von Thurnsee, Chef red., 
Pras. d. Wiener Journalisten- u. Schrift- 
stellervercins Concordia, Vors. d. Urheber- 
rechts-Sachverstiindigenkollegiums i. Wien; 

* Steingrub 1. V. 1839; f Gainfarn 29. VI. — 
W 27, 1 154; IZ 131, 287; HJ 1908, 456; 
KL 1908,* 1587; WI 3, 1319. 

Spiegler, Eduard, Dr. phil. et med., a. o. Prof, 
d. Dermatol, a. d. Univ. W r ien, bek. Syphi- 
lisforscher, Abt.-Vorst. a. d. Allgem. 
Poliklinik, Vizepras. d. W r iener Dermatol. 
Ges.; * 14. VIII. i860; f Gainfarn 21. VII. 

— T 266 (P); W 31, 1330; IZ 131, 194. 

* Spring, Alfons, Genremaler; * Libau i. Kur- 
land 30. V. 1842; f Miinchen 14. VII. — 
BJ XIII, 114 (H. Holland). 

Stadion (Stadion Thannhausen), Philipp 
Franz Josef Graf von, d. letzte mannl. 
Vertreter d. Geschlechts, erbl. bayer. 
Reichsrat; * 4. X. 1847; t Kauth b. Pilsen 
11. IX. — VZ 15. IX. M.-A.; HJ 1908, 
456; OR 17, 75; WJ 1908 Nekr. 

Staegenwallner, Mathes, Gutsbes., 1899 bis 
1908 konserv. M. d. A.; * Dagutschen 
19. HI. 1835; f das. i. Okt. — VZT; HA 
1904, 360. 

Stahl, Ludwig, Schauspieler u. Oberregisseur 
a. Kgl. Hoftheater i. Dresden, ehem. k. k. 
Offzier, der i. J. 1879 auf Vcranlassung 
Sonnenthals zur Biihne gcgangen war; 

* Briinn 4. IV. 1856; f Blankenberghe 
24. VIII. — W 35, i!W: lz W, 384; 
NTA 1909, 172, 173 (P); HJ 1908, 456; 
EG 986; WI 3, 1324. 

Steffens, Georg, Dr. phil., Privatdoz. d. 
roman. Philol. a. d. Univ. Bonn; * Magde- 
burg 13. XI. 1866; t Bonn 13. XL — LZ 
1908, 1571; Chronik d. Univ. Bonn f. 1908, 
12/13 (Gaufinez). 

Steinhei], Gustav von, General d. Inf. z. D., 
ehem. wiirtt. Kriegsminister; * Ludwigs- 
burg 3. III. 1S32; f Stuttgart 13. III. — 
1848 Eintritt in d. wiirtt. Armee, 1866 
Hauptmann, 1870 Major u. Adjutant d. 
Kriegsministers, i874 0berstlt., i876 0berst t 
1883 Generalm. u. Kriegsminister, 1887 
Generallt., 1891 General d. Inf., 1892 z. D. 

— VZ 13. III. A.-A., 14. III. M.-A.; IZ 
130, 183; MZ 1908, 160/61; HJ 1908, 456; 
WJ 1908 Nekr. 

Stephan, Emil, Dr. mtd. % Marinestabsarzt, 
Ethnograph, 1907 Leiter einer vom PreuO. 



9i* 



Totenliste 1908: Stiefel — Sucher. 



92 s1 



Kultusminist. auf 2 Jahre berechneten, 
nach dem Bismarck-Archipel entsandten 
Expedition, Verf. von »Neumecklenburg«, 
Berlin 1907 u. *Stids£ekunst* t ebd. 1907; 
* Glatz 16. V. 1872; f Namatanai auf 
Neumecklenburg 25. V. — IZ 131, 37, 385; 
G 94, 114; GK 1909, 354; DRG 30. 5i8; 
GZ 14, 411; DKZ 25, 461, 27, 482. 

♦Stiefel, Karl Julius, Dr. phil. % Prof. d. 
dtsch. Lit. a. Polytechn. i. Zurich; * Ztirich 
31. V. 1847; t Zurich 24. VI. — BJ XIII, 
171 (H. Schollenbergcr); VZT; HJ 1908, 
456; KL 1908, 1625 (W) 

Stieffel, Peter, ehem. Hofmusikus; * Mann- 
heim 25. II. 1843; t das - 2 4- VII. — NTA 
1909, 171. 

Stleler, Ludwig, Generalm. z. D., bis 1900 
Kommand. d. 38. Inf.- Brig., Ritter d. Eis. 
Kreuzes 2. KL; * Worms 25. V. 1846; 
t Darmstadt 2. V. — VZ 9. V. A.-A.; 
MZ 1908, 257. 

Stoecker, Karl August Heinrich, Okonomierat, 
vcrdient um d. Bodenzinsablosung i. 
Bayern, hervorr. nationallib. Mitgl. d. 
Bayer. Landt., 1884 — 90 M. d. R.; * Lan- 
gcnfeld, Bez.-A. Scheinfeld i. Mittelfr. 
11. XII. 1845; t Erlangen 25. II. — VZ 
26. II. M.-A.; MAZ 26. II. M.-BL; IZ 130, 
410; HJ 1908, 456; Hirth, Dtsch. Parlam.- 
Almn. 16. Ausg., 225. 

Stocked, Fanny, Schriftst., Novellistin u. 
Feuilletonistin; * Jessen 5. XI. 1844; 
t Potsdam 7. IX. — VZ 9. IX. A.-A.; 
IZ 131, 484; HJ 1908, 457; KL 1908, 
1629 (W). 

Stoerk, Felix, Dr. iur. % Geh. Justizrat, Prof, 
d. Staats-, Verw.- u. Volkerrechts a. d. 
Univ. Greifswald, Vizepras. d. »Institut 
de Droit International*, Hrsg. von Martens 
Nouveau Recueil des Trails; * Ofen 20. 
X. 185 1 ; t Greifswald 18. I. — VZ 21. I. 
M.-A.; HJ 1908, 457; DJZ 1908, 174 
(Laband); Archiv f. orient!. Recht Bd. 23, 
H. 1 (C. Sartorius); Zs. f. Volkerrecht u. 
Bundesstaatsrecht Bd. 2, 5/6 (L. v. Bar); 
Zs. f. intern. Privat- u. offentl. Recht 
Bd. 18, H. 3/5 (Strisower); KL 1908, 
1634 (W); WI 3, 1346. 

Strantz, Gustav von, Generalm. z. D., bis 
1885 kommand. z. Statthalter v. Els.- 
Lothr.; * Breslau 22. IX. 1823; f Hanno- 
ver-Waldhausen 3. VII. — VZT; MZ 1908, 

3»4. 

StrauB, Fricdrich, Dr. med., Generaloberarzt 
a. D., Sohn von D. F. StrauC; * Heilbronn 
6. XI. 1845; t Stuttgart 25. VI. — W 27, 
1 154; OA 1908/09, 1509. 

Streiter, Albrecht, bayer. Generalm. z. D., 
bis 1886 Sektionschef d. Insp. d. Art., 
Ritter d. Eis. Kreuzes 2. KL; * Ingolstadt 



17. XL 1830; f Munchen 12. I. — VZ 14. 
I. M.-A.; MZ 1908, 35. . 

Streubel, Johann Ferdinand, Privatschul- 
direktor, der Holland. Tumvater*, 1867 
Mitbegr. d. Niederl. Turnerbundes, 1882 bis 
1896 Vorst. einer von ihm begrundeten 
dtsch. Schuie; * Freiberg i. S. 6. II. 1836; 
f Blasewitz b. Dresden 17. I. — IZ 130, 
170; HJ 1908, 457. 

Stritt, Albert, Prof. a. Konservatorium i. Wien, 
fruher Hofopernsanger, Schauspieler u. 
Spielleiter; * Konigsbcrg i. Pr. 9. X. 
1847; f Dresden 11. II. — VZ14. II. M.-A.; 
IZ 130, 374; NTA 1909, 157; EG 1014; 
HJ 1908, 457. 

Stritzko, Josef, Wiener Operetten-Kompo- 
nist: »Hochzeit auf Sacramento «, »Der 
Hofmeister* u. »Tipp-Topp«; * 17. IV. 
1861; f Wien 8. III. — VZT; NTA 1909, 
160. 

Strdssenreuther, Christian, Ob.-Landger.- 
Pras. a. D.; * Warmensteinach 2. II. 1829; 
f Fiirth i. Febr. — VZT; OA 1906/07, 1274. 

Strubberg, Otto von, General d. Inf. z. D., 
langjahr. Generalinspekteur d. Militar- 
Erziehungs- u. Bildungswesens, Chef d. 
Inf.- Reg. Nr. 30; * Liibbecke, Westf. 
16. IX. 1821; f Berlin 9. XL — 1839 Lt., 
1843 — 46 Allgem. Kriegsschule, 1846 — 79 
Erzieher a. Kadetten-H. z. Berlin, 1849 
Feldzug i. Baden, 1855 Generalst.-Offizier 
b. Milit.-Gouvern. Rheinl. u. W r estf., 1859 
pcrsonl. Adjutant d. Prinz Regenten, 1861 
Flugeladjutant d. Konigs, 1865 Kommand. 
d. 4. G.-G.-Reg., 1870 Kommand. d. 30. 
Inf. -Reg., Ritter d. Eis. Kreuzes 1. KL 
u. d. Ordens Pour le me>ite, 1873 Generallt. 
u. Kommand. d. 19. Div., 1880 Generalinsp. 
d. Milit.-Erziehungs- u. Bildungswesens, 
1890 z. D. — VZ 10. XL M.-A.; T 358 
(P); W 46, 1980, 1983 (P); MW 1908, 3245; 
MZ 1908,621/22; LJ1908, 519; IZ 131, 892; 
HJ 1908, 457; DZL 1435- 

Struck, Ferdinand, Dr. phil., Besitzer d. 
Rcgierungsbuchdruckerei i. Stralsund, Chef- 
redakt. d. *Stralsundischen Zt.*; * Stral- 
sund 17. VI. 1832; f das. 28. VII. — VZT; 
KL 1908, 1646. 

Stucki, Gottlieb, Seminarlehrer i. Bern, 
Dozent d. Methodik a. d. Lehramtsschule 
d. Univ. Bern, Mitarb. a. d. »Schwciz. 
Lehrerzt. «, Verf. mchrerer Lehrbucher; 
* Hinterkappeln b. Bern 18. II. 1854; 
t Bern 26. V. — ASG 40, 499 (W); GK 
I 9°9» 355; Dtsch. Schuie 12, 7, 461. 

Sucher, Josef, K. PreuO. Hof kapellmeister 
a. D., Prof., Wagnerinterpret; * Dob6r i. 
Eisenberger Komitat 23. XL 1843; f Berlin 
4. IV. — VZ 5. IV. M.-A.; IZ 130, 794 
(A. Smolian m. P.); NMZ 29, 14, 312; 



93" 



Totenliste 1908: SuBrnann-Hellborn — Trbndlin. 



94* 



AMZ 1908, 310 (P. Schwers); NTA 1909, 

163; HJ 1908, 457; R 1290; R. Wagner- 

Jahrb. Jg. 3, 396 (R. Sternfeld). 
SuBmann-Henborn, Louis, Prof., Berliner 

Biidhauer, 1882—86 kUnstl. Leiter d. Berl. 

Porzellanmanufaktur; * Berlin 28. III. 

1828; f das. 15. VIII. — VZ 17. VIII. A.-A.; 

Allg. Zt. d. Judent. '1908, Beii. Nr. 34; 

MS 4, 367; Kchr 19, 564; HJ 1908, 457; 

DZL 1449. 
Teichrmiller, Ernst, Dr. theol, Oberhofpre- 

diger, fruh. Generalsuperintendent u. Vors. 

d. An halt. Konsistoriums i. Dessau; 

* Helmstedt 17. VII. 1824; f Dessau 
28. IX. — VZT; TJ 28, Abt. 8, 546; DZL 
1454; KJ 1909, 634. 

Teller, Leopold, ehem. Herzogl. Meining. 

Hofschauspieler; * Budapest 3. IV. 1844; 

f Passau 8. VI. — NTA 1909, 168/69 (P); 

EG 1027. 
TempeRloff, Emil von, Ob.-Verw.-Gerichtsrat; 

* Dombrowka 29. III. 1840; f Baden- 
Baden 6. VI. — VZ 11. VI. M.-A.; OA 
1906/07, 1290. 

TeutSCh, Eduard, lothr. Politiker, Angehoriger 

d. Protestpartei, 1874—77 M. d. R.; * 1833; 

t Schlofl Hochberg b. Wingen 15. X. — 

VZ 17. X. M.-A.; HJ 1908, 457; Hirth, 

Dtsch. Parlam.-Almn. 11. Ausg., 117. 
Thelemann, Friedricb, Dr. med., General - 

Ober-Arzt a. D.; * Wahrenberg 17. VI. 

1835; t Koburg 30. XI. — VZ 2. XII. 

M.-A.; OA 1908/09, 1537. 
*ThId, Andreas, Dr. iheoL, Bischof von 

Ermland, Historiker; * Lockau i. Kr. 

Rossel 28. IX. 1826; t Frauenburg 17. VII. 

- BJ XIII, 164 (J. Kolberg); T 259 (P); 

w 30, 1286, 1294 (P); iz 131* 194; Allg. 

Ev.-Luth. Kirchen-Zt. 1908, 727; TJ 28, 
Abt. 8, 546; KL 1908, 1672 (W); DZL 1459. 

Ttliekfl, Peter Heinrich, Musikdirektor, Chor- 
direktor u. Organist a. d. kathol. Pfarr- 
kirche i. Goch, fruchtb. Kirchenmusik- 
Komponist; * Cranenburg 11. VIII. 1839; 
t Goch, Rheinl. 9. I. — HJ 1908, 457; OA 
1906/07, 1297. 

Thlem, Adolf, Baurat, besond. auf hydrolog. 
Gebiete tatig, Schopfer d. Wasserversor- 
gungsanst. vieler Stadte; * Liegnitz 21. 
II. 1836; f Leipzig 2. V. — VZT; IZ 130, 
1086. 

Thlerfelder, Ferdinand Albert, Dr. med., 
Geh. Mediz.-Rat, Prof. d. patholog. Ana- 
tomie a. d. Univ. Rostock; * Meiflen 
26. XII. 1842; f Rostock 22. I. — DMW 

- 34, 1, 429 (Zabel m. P); Jahresber. d. Univ. 
Rostock 3, 7; PBL 1703/04; HBL 5, 651; 
WI 3, 1383; DZL 1461; Verh. d. dtsch. 
pathol. Ges. 1908, 323 (E. Schwalbe). 

Thoma, Rudolf, Prof., Musikdirektor, Kantor 



a. St. Elisabeth i. Breslau, Vors. d. evang. 
Kirchenmusikvereins i. Schles., Dirigent, 
Komponist mehrerer Oratorien; * Lehse- 
witz 22. II. 1829; t Breslau 21. X. —VZT; 
W 44, 1892; AMZ 1908, 782; HJ 1908, 457. 
♦Thumann, Paul, Prof. u. Lehrer a. d. Hoch- 
schule f. bild. Kiinste i. Berlin, Mitgl. d. 
Akad. d. Kiinste; * Tzschacksdorf i. d. 
Niederlausitz 5. X. 1834; f Berlin 19. II. — 
BJ XIII, 197 (L. Pietsch); VZ 21. II. M.-A.; 
IZ 130, 352 (N m. P); KW Jg. 21, H. 3, 
52; Kchr 19, 294; MS 4, 414; BMW 2, 
888/890 (W); HJ 1908, 458; WI 3, 1389; 
DZL 1466; Westerm. Monatsh. April 1908, 

163 (p). 

Tledemann, Ludwig von, Geh. Reg.- u. 
Baurat, Mitgl. d. Akad. d. Bauwesens; 

* Russoschin 17. XI. 1841; f Berlin- 
Wannsee 4. III. — VZT; OA 1906/07, 1304. 

Tige, Ernestine Grafin von, Sternkreuz- 
ordensdame, 1. Regentin d. Herz. Savoyen- 
schen Damenstifts in Wien; * 21. XI. 
1824; t Wien 4. IV. — HJ 1908, 458. 

Timm, Daniel, d. al teste dtsch. Stadtmissio- 
nar; * Eckernforde 18. V. 1822; f Hamburg 
7. II. — Allg. Ev.-Luth. Kirchen-Zt. 1908, 
190; OA 1906/07, 1306; KJ 1909, 632. 

Tippekkirch, Oskar von, Generallt. z. D., 
bis 1890 Kommand. d. 31. Inf.- Brig., 
Ritter d. Eis. Kreuzes 1. KL; * Berlin 
6. XI. 1834; f Berlin -Charlottenburg 
9. XII. — VZ 9. XII. A.-A.; W 51, 2194; 
MZ 1908, 679. 

Todt f Albert, Pras. d. Eisenbahndirektion 
Erfurt; f Erfurt 21. V. — VZ 22. V. A.-A.; 
W 22, 986. 

Tomqulst, Ernst, der targentinische Roth- 
schild ♦, Grofikaufmann dtsch. Herkunft 
u. dtsch. Ausbildung, 1874 Begr. d. jetzigen 
Welthauses i. Buenos Aires, Grofibank, 
Zucker- u. Fleischextraktfabrikation, Kolo- 
nisationslandereien; f Buenos Aires 17. 
VI. — HJ 1908, 458. 

Toskana, Groflherzog Ferdinand IV. von; 

* Florenz 10. VI. 1835; t Salzburg 17. I. — 
MAZ 18. I. Vorabd.-Bl.; NFP 17. I. A.-BL 

Trede, Paul, holstein. plattdtsch. Dichter, 
Lyriker u. Erzahler von »Dorfgeschichten«; 

* Brockdorf 19. VIII. 1829; \ Bremen 
29. VI. — VZT; LE 10, 1610; HJ 1908, 
458; AL 2, 327; KL 1908, 1692 (W). 

TrelleT, Franz, hess. Schriftst. u. Dichter, 
fruh. Schauspieler, Lyriker u. Verf. von 
Festspielen; * Kassei 15. X. 1839; f d*s. 
28. VI. — VZT; LE 10, 1609; HL 22, 
194/96 (P); NTA 1909, 170; HJ 1908, 458; 
KL 1908, 1692 (W). 

TrondUn, Karl Bruno, Dr. iur. et phil. f 
Justizrat, OberbOrgerm. von Leipzig, ins- 
besondere um d. Reorganisation d. Armen- 



95< 



Totenliste 1908: Tschan — Walcker. 



96* 



wesens i. Leipzig hoch verdient, Mitgl. 
d. 1. Sachs. Kammer, 1884 — 90 nationallib. 
M. d, R.; * Leipzig 26. V. 1835; f Dresden 
27. V. — T 217 (P); W 23, 980 (P); IZ 130, 
1080 (N m. P); AF 1908, 252; HJ 1908, 
458; WI 3, 1402; Hirth, Dtsch. Parl.- 
Almn. 16. Ausg., 228. 

Tschan, Josef, Dr. iur., Advokat, friih. 
Reichsr.-Abg. u. Obmann d. deutsch- 
nation. Partei i. Tirol; * Innsbruck 23. XII. 
1844; t das. 1. VI. — NFP 1. VI. Nachm.- 
BL; HJ 1908, 458. 

Tschlrsky-Renard, Graf Mortimer, GroB- 
grundbes. i. Ob.-Schles., Landesaltest., 
Kreisdep. u. Mitgl. d. Herrenh.; * Kober- 
witz, Kr. Breslau 17. IX. 1844; f 
Breslau 18. III. — VZ 20. III. M.-A.; 
Schles. Zt. 20. III. M.-Bl.; HJ 1908, 458; 
WI 3, 1405; GT 1909. 946. 

Tutzatier, Franz, sozialdemokr. M. d. R. 
(1890— 1906); * Berlin 10. III. 1852; 
f das. 3. X. — VZ 4. X. M.-A.; RH 1903, 

,.341- 

Uchtiitz u. Steinkirch, Kuno von, Prof., 
Bildhauer, Schuler von Viktor Tilgner; 

* Breslau 3. VII. 1856; f Berlin -Wilmers- 

dorf2 9 .VII.—T270(P);W32, 1374, 1377; 

IZ 131, 220, 275 (N m. P); HJ 1908, 458; 

MS 4, 460. 
Uhden, Otto, Amtsrat, Domanenpachter, 

1871—98 konserv. M. d. R.; * Sorge b. 

Krossen a. O. 23. I. 1827; f das. 18. I. — 

VZ 19. I. M.-A.; RH 1893, 249* 
Ulbrlch, Karl, Pastor, langjahr. Vorst. d. 

Diakonissenanst. Bethanien i. Breslau; 

* Frankenstein 21. IV. 1834; f Breslau 
31. I. — Allg. Ev.-Luth. Kirchen-Zt. 1908, 
166; Ev.-Kirchl. Anz. 1908, 63. 

Vaikntln, Richard, Schauspieler u. Regisseur 

a. Deutschen, spater am Kleinen, u. zuletzt 

a. Hebbel-Theater; * Luzern 3. II. 1874; 

t Berlin 14. I. — VZ 14. I. A. -A.; IZ 130, 

170; NTA 1909, 155; EG 1063. 
*Vecchioni, August Napoleon, demokr. u. 

lib. Politiker, langjahr. Chefred. d. Munch. 

Neuest. Nachr.; * Zweibrucken 10. I. 1826; 

t Munchen 14. II. — BJ XIII, 243 (A. 

Dreyer); VZT. 
Vogel, Emil, Musikschriftst., Musikhistoriker, 

Organisator u. 1893 — 1901 Bibliothekar d. 

»Musikbibliothek Peters * i. Leipzig u. 

Hrsg. ihres Jahrb., Ehrenmitgl. d. Kgl. 

Musikakad. i. Florenz; * Wriezen 21. I. 

1859; f Nikolassee b. Berlin 18. VI. — VZT; 

IZ 131, 81; AMZ 1908, 515, 526/28 (A. 

Seidl); NMZ 29, 19, 420; HJ 1908, 459; 

KL 1908, 1724 (W); WI 3, 1430; R 1412; 

Zs. d. intern. Musikges. Jg. io, 335 (R. 

Schwartz). 
Vogt, Adolf, Dr. med., Prof. d. Hygiene a. d. 



Univ. Bern; * Gieflen 27. X. 1823; f Bern 
28. I. — IZ 130, 105; PBL 1783/84 (W); 
HBL 6, 143. 
♦Volt, Karl von, Dr. mcd., Geh. Ob.-Mediz.- 
Rat, Prof. d. Physiol, a. d. Univ. MQnchen, 
Mitgl. d. Akad. d. Wiss.; * Amberg v. 

X. 1831; f Munchen 31. I. — BJ XIII, 
3 (O. Krummacher); VZ 4. II. M.-A.; 
MAZ 1. II. M.-BL; IZ 130, 312/13 (J. Mar- 
cuse m. P); DMW 34, 1, 340/41 (Boruttau 
m. P); MMW 55, 2, 1437/42 (M. Crerner, 
Gedachtnisrede); Chronik d. Univ. Munchen 
1907/08, 6—8; KL 1908, 1728 (W); WI 3, 
1434 (W); PBL 1787/88 (P. u. W); HBL 6, 
147; NR 1908, 180 — 183 (E. I. Lesser); 
BZ 22, 279 [Mediz. Korrespondenzbl. d. 
Wiirtt. arztl. Landesver. Jg. 78, 361 — 365 
(W. Camerer); Mediz. Klinik Jg. 4, 337 
(F. Muller); Wiener klin. Rundsch. Jg. 22, 
139 (E. Wiener); Wiener klin. Wochenschr. 
Jg. 21, 260 (A. Durig); Zs. f. diat. u. phys. 
Therapie Bd. 12, 5 (J. Marcuse); Wiener 
landwirtsch. Zt. 1908, Nr. 14 (W. Bersch); 
Dtsch. mediz. Presse Bd.12, 33 (M. Schreuer, 
K. V. u. d. moderne Ernahrungslehre)] 
23, 344 [Zs. f. Biologie Bd. 51, I— XXIV 
(O. Frank)] 24, 284 [Almn. d. k. Akad. d. 
Wiss., Wien Jg. 1908, 304 (V. v. Lang)]. 

Vote, Lothar, Geh. Justizrat, Kgl. Land- 
gerichts-Direktor; * Meerholz 29. XI. 
1836; t Kassel 14. III. — HL 22, 102. 

VoretzSCh, Johann Felix, Musikdirektor, 
Direkt. d. Franzschen u. d. Neuen Sing- 
akademie i. Halle a. S.; * Altkirchen i. Sa,- 
Altenb. 17. VII. 1835; f Halle a. S. — 
NMZ 29, 17, 381; R 1418. 

Wachler, Ludwig, Dr. iur. % WGOb.- 
Justizrat, Generalstaatsanwalt; * Breslau 

26. XI. 1835; t Berlin 11. XI. — NZ 12. 

XI. M.-A.; T 359 (P); IZ 131, 892/93 (P); 
TR 12. XI. M.-A.; W 44, 2022; DJZ 1908, 
1324 (Isenbiel); HJ 1908, 459. 

Wadlter, Karl von, Generality General- 
adjutant d. Grofiherz. Ernst Ludwig von 
Hessen, Ritter d. Eis. Kreuzes 2. KL; 
♦Darmstadt 18. IX. i85i;tdas. u.VIL — 

t 255 <P); w 29, 1242; mz 1908, 397; 

WI 3, 1444. 
Waecker-Gotter, Ludwig Frh. v., WGRat, 
friih, dtsch. Gesandter i. Belgrad; * Breslau 
21. X. 1833; f Baden-Baden 24. V. — VZ 

27. V. M.-A., A.-A. 

Wahlburg, Otto, Spielleiter u. ehem. Biihnen- 
leiter; * Meifien 7. III. 1863; f Dresden 
25. X. — NTA 1910, 154. 

Walcker, Karl, Kgl. Kommerzienrat u. Hof- 
orgelbaumeister, Chef d. Orgelbaufirma 
Walcker & Co.; * Ludwigsburg 6. III. 
1845; t das - J 9- v - — NMZ 2 9» l8 » 40o; 
WJ 1908 Nekr.; WI 3, 1449- 



97* 



Totcnlistc 1908: Walther — Wiesinger. 



98* 



Walther, Eduard, Schulrat, Direktor d. Ber- 
liner kgl. Taubstummen-Anstalt u. Taub- 
stummen-Lehrer-Bildungsanst.; * Mosch- 
wig, Kr. Wittenberg 21. V. 1840; f Berlin 
8. VI. — VZ 13. VI. M.-A.; W 24, 1022; 
Dtsch. Schule 12, 7, 461; Dtsch. Schulzt. 
1908, 282/83 (K. Wolffgramm); WI 3, 
1456 (W); KL 1908, 1759 (W). 

Wassermann, Leonhard (Pseud.: Friedlieb), 
Pfarrer u. Sozialpolitikcr; * Ober-Olm 
6. I. 1843; f Mainz 3. II. — KL 1909, 57*, 

1908, 1767 (W). 

Wedding, Gustav Friedrich Hermann, 
Dr. phil., Geh. Bergrat, Prof. a. d. Berg- 
akad. u. a- d. Techn. Hochsch. i. Berlin, 
hervorr. Kenner auf d. Gebiete d. Eisen- 
hiittenwesens, eine Zeitlang Dezernent f. 
Huttenwesen i. Minist.; * Berlin 9. III. 
1834; t Dusscldorf 6. V. — VZ 7. V. M.-A.; 
T 200 (P); IZ 130, 1086; GK 1909, 356; 
PF 4, 2, 1605 (W); L 44. 5. 55; KL 1908, 
1776 (W); Progr. d. Techn. Hochsch. z. 
Berlin 1908/09, 155 — 56. 

Wedekifld, Donald, Schriftsteller, Dramaturg 
a. Zuricher Stadttheater, Bruder von 
Frank u. Erika \V.; * Hannover 4. XI. 
1871; t Wien 5. VI. — W 24, 1022; NTA 

1909, 168; LE 10, 1400; HJ 1908, 459; 
KL 1908, 1776 (W). 

Wedekind, Ludwig, Dr. phil, Geh. Hofrat, 
Prof. d. Mathem. a. d. Techn. Hochsch. i. 
Karlsruhe; * Palermo 4. VI. 1843; t Karls- 
ruhe 11. I. — VZ 14. II. A.-A.; IZ 130, 
374; Progr. d. Techn. Hochsch. z. Karlsruhe 
1908/09, 89 — 90; WI 3, 1468. 

Wedel, Oskar Graf von, W r GRat, 
Kammerh., ObcrschloG-Hauptm. i. Wei- 
mar; * Osnabriick 29. X. 1835; f W T eimar 
15. I. — VZ 15. I. A.-A.; OA 1906/07, 1376. 

Weigel, Bernhard Woldcmar, k. sachs. 
Gtneralm. z. D., bis 1902 Kommand. d. 
139. Inf.-Reg., Ritter d. Eis. Kreuzes 2. Kl.; 

* Dresden 27. I. 1851; f das. 5. VI. — VZT; 
MZ 1908, 385; OA 1906/07, 1382. 

Weintraud, Franz, Geh. Kommerzienrat, 
Pras. d. Handelskamm. z. Offenbach a. M.; 

* Offenbach 19. I. 1833; f das. 18. VIII. — 
VZT; OA 1906/07, 1384; Mitt. d. Handels- 
kammer. 

Wellenkamp, Hermann, Marineoberbaurat u. 
SchifTsbau-Bctriebsdirektor, nahm 1908 
s. Abschied, um sich d. Vervollkommnung 
u. Verwertung s. Erfindungen, insbesond. 
d. von ihm konstruiertcn Schlcpp- u. MeB- 
vorrichtungen f. Schiffsmodelle u. Pro- 
peller zu widmen; * Berlin 27. II. 1865; 
t Kiel 15. VII. — JSTG 1909, 103. 

Weniger, Bernhard, Generalm. z. D., bis 1894 
Kommand. d. Truppcn-Ubungs-Platzcs 
Hagenau; * Neuhaldensleben, Prov. Sachs. 



5. VI. 1835; t Wiesbaden 9. IV. — VZ 22. 
IV. M.-A.; MZ 1908, 215. 

WeilZig, Karl, Dr. phil., Prof. u. Lehrer a. 
Kgl. Wilhelms-Gymn. i. Breslau, Schriftst. 
auf d. Geb. d. Philos.; * Breslau 22. XI. 
i860; t das. 13. XII. — JSG 1908 Nekr., 
15/16 (Th. Heine). 

Werckshagen, Karl, Pfarrer i. Dalldorf, 
bek. lib. Theologe, Schriftst.; * Ronsdorf, 
Rheinprov. 23. VIII. 1863; f Berlin 3. VIII. 
— T 272 (P); KJ 1909, 634. 

Werlhof, Gustav von, Generalm. a. D., bis 
1898 Kommand. d. Truppen-Obungs- 
Platzes Zeithain, Ritter d. Eis. Kreuzes 
2. Kl.; * Hannover 4. IV. 1843; f Hanno- 
ver-Kleefeld 2. III. — MW 1908, 1091; 
MZ 1908, 146. 

Wermcrt, Johann Georg Friedrich, Dr. phil., 
Privat-Gelehrter, nationalokonom. Schrift- 
steller; * Epe i. Kr. Bersenbriick 12. II. 
1859; f Gr.-Lichterfelde i. Jan. — LZ 
1908. 108; KL 1908, 1805; WI 3, 1487 (W). 

*Weriter, Fritz, Prof., Historien- u. Genre- 
maler. Mitgl. d. Akad. d. Kiinste i. Berlin; 

* Berlin 3. XII. 1827; f das. 15. IV. — 
BJ XIII, 201 (L. Pietsch); VZ 15. IV. 
A.-A.; T 183 (P. Roland m. P); Kchr 19, 
398; Hohenzollern-Jahrb. Jg. 12. 1908, 62 
(P. Seidel, F. W\ als preuB. Geschichts- 
malcr. Ein Gedenkbl. m. 111.); HJ 1908, 
459; MS 5, 80; BMW 2, 1003/1005 (W); 
Jahrb. d. bild. Kunst Berlin 7, 74; WI 3, 
1489. 

Werthem, Alfred von, Generalm. z. D., 
1895 — 1901 Kommand. v. W 7 esel, Ritter 
d. Eis. Kreuzes 2. Kl.; * Sangerhausen 27. 
X. 1842; f Naumburg 7. XI. — VZT; 
MZ 1908, 624. 

Weygand, Friedrich, Generalm. z. D., bis 1906 
Vorst. d. Bekleidungs-Amts d. 14. Armee- 
korps, Ritter d. Eis. Kreuzes 2. Kl.; * Darm- 
stadt 9. XI. 1839; f W T iesbaden 8. VII. — 
VZT; MZ 1908, 397. 

Wickop, Wllhclm, Architekt, Prof. u. Oberl. 
a. d. Provinzial-Gewerbeschule i. Aachen; 

* 29. X. 1824; t Rhondorf a. Rh. 4. X. - 
DBZ 42, 608 (H. Piitzer). 

Wiebe, Adolf, WGRat, Oberbaudirektor 
a. D., Mitgl. d. Akad. d. Bauwesens, 
Ehren-Mitgl. d. Berl. Architekten-Vcreins, 
hervorr. tiitig auf d. Geb. d. Wasser- 
bauten; * Tiegenhof 17. III. 1826; 
t Heiligendamm 7. VII. — VZT; DBZ 42, 
388; DZL 1566. 

Wieland, Adam, Dr. iur. % Ober-Verwaltungs- 
gerichtsrat; f Gr.-Lichterfelde 5. IX. — 
VZ 8. IX. A.-A. 

Wieslnger, August, Dr. thcol. Oberkonsisto- 
rialrat. Prof. d. Theol. a. d. Univ. Gottingen; 

* Artclshofen 7. VIII. 1818; f Gottingen 



99* 



Totenliste 1908: Wigand — Wttllner. 



100* 



9. II. — VZ 11. II. M.-A.; IZ 130, 374; 

Allg. Ev.-Luth. Kirchen-Zt. 1908, 190; 

H J 1908, 459; TJ 28, Abt. 8, 546; KL 1908, 

1826 (W); DZL 1572; KJ 1909, 632. 
Wigand, Paul, Dr. phil, Geistl. d. kathol.- 

apost. Gemeinde i. Frankf. a. M., Schriftst. 

auf d. Geb. d. Theol. u. Philol.; * Marburg 

24. XI. 1853; t Frankf. a. M. — HL22, Nr.6 

(H. Keller- Jordan, Erinnerungen an P. W.); 

KL 1908, 1827 (W). 
Wigger, Heinrich, papstl. Hauspralat, Dom- 

propst u. Generalvikar i. Paderborn; 

* 25. XII. 1827; t Paderborn 18. I. — 
VZT; HJ 1908, 459. 

Wittiehnj, August, Prof., Geigenvirtuose, 
Konzertmeister bei d. ersten Festspielen 
z. Bayreuth i. J. 1876, seit 1894 Lehrer 
a. d. Guildhall-Musikschule i. London, 
Verf. d. »Groflen Violinschule*; * Usingcn 
i. Nassau 21. IX. 1845; f London 22. I. — 
VZ 23. I. A.-A.; IZ 130, 170, 175/76 (N 
m. P); AMZ 1908, 100; NMZ 29, 9, 200 
(E. Honold m. P), 29, 11, 247; NTA 1909, 
155; R 1462. 

WHke, Rudolf, Illustrator u. Karikaturist, 
Mitarb. a. Simplicissimus; * Braunschweig 
27. X. 1873; t das. 4. XI. — NZ 6. XI. 
A.-A.; MAZ Jg. in, Nr. 33 (A. G. Hart- 
mann); Simpliciss. Jg. 13, Nr. 34; Siidd. 
Monatsh. Jan.-H. 1909 (K. Voll); Marz 
Jg. 2, Bd. 1, 513 (M. Slevogt, Rangstufen 
d. Kunst m. 6. Zeichn. v. E. W.), Bd. 4, 67 
(H. Eich, Z. Wilke-Ausstellung); Kchr 20, 
70; KFA 24, 152 (P); MS Nachtr. 1906, 285. 

WJnkelmann, Emil.Kammermusikus; * Braun- 
schweig 4. III. 1844; f das. 19. IX. — 
NTA 1909, 174. 

Winterfeldt-Menkin, Karl Ulrich von, 
Landrat a. D., Geh. Reg.-Rat, Mitgl. d. 
Herrenh., konservat. M. d. R. u. Alterspras. ; 

* Berlin 2. III. 1823; f Gut Menkin b. 
Brussow 16. VI. — W 25, 1064; IZ 131, 37; 
HJ 1908, 459; HH 1904, 631; WI 3t I515- 

Wittenhorst-Sonsfeld, Hans, Oberlt., 1905/06 
Kommand. d. Station Wasserfall (Hurub) 
i. Dtsch.-Sudwest-Afrika. Schriftst., Be- 
richterst. d. IZ; * Baden-Baden 6. VIII. 
1878; f Freiburg i. B. 2. IX. — IZ 131, 711; 
OA 1908/09, 1687. 

Wittenstein, Eduard, Dr. phiL, Kommerzien- 
rat, GroBindustrieller i. Barmen, Vorst.- 
Mitgl. d. Zentralstelle f. Volkswohlfahrt ; 

* 1848; t Barmen 18. VIII. — AF 1908, 370. 
Wittig, Gregor Konstantin, Dr. phil, Privat- 

gelehrter, Schriftst. auf d. Geb. d. Philos., 
Philol. u. Psychol., Begr. u. langjahr. 
Leiter d. Psych. Studien, Forscher iiber 
J. Chr. Gunther; * Bolkenhain i. Schles. 
31. X. 1834; t Leipzig 7. IX. - VZ 13. 
IX. M.-A.; T 313 (P); KL 1908, 1853 (W). 



Wdlbliflg, Friedrich Wilhelm Barthold, 
Landesokonomierat, Hauptgeschaftsfuhrer 
d. Dtsch. Landwirtsch. -Ges.; * Weifien- 
fels i. Thiir. 3. XII. 1840; f Berlin 9. V. — 
VZ 9. V. A.-A.; T 205 (P); Mitt. d. Dtsch. 
Landwirtsch. -Ges. Jg. 23, 153/154; Jahrb. 
d. Dtsch. Landwirtsch. -Ges. Bd. 23, 
221/226 (Thiel, Gedenkbl. an B. W. m. P). 

♦Wdlfflill, Eduard von, Dr. iur. et phil, Geh. 
Rat, Prof. d. lat. Philol. a, d. Univ. MUn- 
chen; * Basel 1. I. 1831; f das. 8. XI. — 
BJ XIII, 168 (H. Schollenberger); VZ 9. 

XI. A.-A.; IZ 131, 893; W 46, 1980; HJ 

1908, 460; Chronik d. Univ. Munchen 
1908/09, 15/18; Sitzungsber. d. Bayer. 
Akad. d. Wiss. Philos. -philol. u. hist. KL 

1909, 28* (Vollmer); Archiv f. latein. 
Lexikogr. u. Gramm. Erg.-Bd., 1 — 6 
(O. Hey). 

Wdllwarth-Lauterburg, August Frh. von, k. 

Wurtt. Kammerh., Oberhofmarschall a. D., 

Generalm. a. 1. s., Ehrenpras. d. Wurtt. 

Kriegerbundes; * Essingen 29. XII. 1845; 

t Stuttgart 12. VIII. — NZ 19. VIII. M.-A.; 

MZ 1908, 459; WJ 1908 Nekr.; FT 1908, 

877; WI 3, 1524. 
Wolbring, Franziska, Schauspielerin, seit 

1895 Mitgl. d. Stadttheaters z. Rostock; 

* Elberfeld 27. III. 1861; f Rostock 23. III. 
— NTA 1909, 162. 

Wolf, Karl, Dr. phil. % Prof., Ob.-Realschul- 
Oberl. a. D., Historiker u. Kulturgeograph, 
Chefred. d. Spamerschen Konvers.-Lexi- 
kons; * Langensalza 14. III. 1838; "f Eise- 
nach Ende Sept. — LZ 1908, 1310; KL 
1908, 1858 (W). 

Wolfermann, Albert, Prof., Kammermusiker 
a. Kgl. Hof theater z. Dresden, Violin - 
virtuose; * Altenburg 25. IV. 1844; f das. 
10. I. — IZ 130, 170; NTA 1909, 155. 

Wolff, Wilhelm von, wurtt. Oberstlt. a. D., 
1877 — 94 Landt.-Abg.; * Tubingen 26. 

XII. 1825; | Stuttgart 19. VI. — W r J 
1908 Nekr.; OA 1908/09, 1694. 

Wolny, Josef, Erzpriester, 1883 — 98 Zentr.-M. 

d. R.; * Poln.-Olbersdorf, Ob.-Schles. 19. 

IV. 1844; f Zelesno b. Oppeln 6. VII. — 

VZT; RH 1893, 257. 
*WoIter, Plazidus, Erzabt d. Beuroner Abtei; 

* Bonn 24. IV. 1828; f Beuron 13. IX. — 
BJ XIIL 125 (S. v. Oer); T 305 (P); VZ 
14. IX. A.-A.; IZ 131, 547; Kchr 20, 
13/14; HJ 1908, 460; TJ 28, Abt. 8, 546. 

Wullner, Friedrich Hugo Anton Adolf, Dr. 
phil. u. Dr. ing. h. c, Geh. Reg.-Rat, Prof, 
d. Physik a. d. Techn. Hochsch. i. Aachen; 

* Dusseldorf 13. VI. 1835; f Aachen 6. X. — 
VZ 7. X. M.-A.; T 329 (P); IZ 131, 711; 
PF 4, 2, 1673 (W); Zs. d. Ver. dtsch. In- 
genieure Jg. 52, 1741. 



ioi* 



Totenliste 1908: WUnschmann — Zwick. 



I02* 



Wiinschmantl, Hugo, Kammermusiker a. 
Kgl. Hof theater i. Dresden; * Rabenau 
19. XI. 1859; t Dresden 17. VIII. — NTA 
1909, 172. 

Wundtke, Max (Pseud. : M. A. v. Furstenberg), 
Feuilletonist, Novellist u. Lyriker; * Frank- 
furt a. O. 8. VIII. 1863; f Dresden 30. X. — 
VZT; IZ 131, 796; LE 11, 380; HJ 1908, 
460; KL 1908, 1877/78 (W). 

WuthetlOW, Alwine, geb. Balthasar (Pseud.: 
Annmariek Schulten), plattdtsch. Dialekt- 
dichterin, Fritz Reuters Freundin, Deutsch- 
lands alteste Dichterin d. Gegenwart; 
* Neunkirchen b. Greifswald 16. IX. 1820; 
t Greifswald 8. I. — VZ 11. I. M.-A.; 
HC 10. I. A.-B1.; IZ 130, 170; LE 10, 674, 
l, 1069 ff.; Eckart Febr.-H., 314 (M. 
Moller); HJ 1908, 460; KL 1908, 1882 
(W); PY 1, 454/5 (W). 

Zawadzky, Fedor von, Kammerh., Alterspras. 
d. Schles. Provinzial-Landt.; f Breslau 
15. VI. i. A. v. 87 J. — VZT; W 25, 1064. 

Zedtwitz-Duppatl, Kurt Graf von, 6s t err. 
Geh. Rat u. Kammerer, seit 1881 Mitgl. 
d. Herrenh.; * Asch 3. X. 1822; f Prefiburg 
19. XL — HJ 1908, 460; GT 1910, 1067. 

Zedtwltz-Schdnbach, Karl Max Graf von, 
fruh. konserv.-kler. Mitgl. d. Reichsr. u. 
bohm. Landt.; *Budweis 25. VI. 1844; t P ra S 
25.IIL— VZT; HJ 1908,460; GT 1910, 1068. 

♦Zeller, Eduard, Dr. iheol., tur., med. et phil., 
WGRat, Mitgl. d. Akad. d. Wiss. f 
Ritter d. Ordens »Pour le me>ite*, ehem. 
Prof. d. Philos. a. d. Univ. Berlin; * Klein- 
bottwar b. Marbach 22. I. 1814; f Stuttgart 

19. III. — BJ XIII, 47 (Th. Ziegler); VZ 

20. III. M.-A.; FZ 22. III. 1. M.-Bl. (E. 
Traumann, Ein Bcsuch beim alten Z.), 
3. VI. 1. M.-Bl. (W. Windelband); NFP 5. 
IV. Beil. (W. Dilthey); HC 7. IV. M.-A. 
(Th. Achelis); Protestantenbl. 1908, Nr. 13; 
IZ 130, 530, 532 (N m. P); HL 22, 102; 

! HJ 1908, 460; Wage ii, Nr. 17 (B. Munz); 
Archiv f. Gesch. d. Philos. N. F. 14, 3 
(L. Stein); Sitzungsber. d. Bayer. Akad. 
d. Wiss. Philos.-philol. u. hist. Kl. 1909, 
32*; Chronik d. Univ. Berlin 21, 7; KJ 1909, 
632; BZ 22, 291 [D. Bund, Sonntagsbl. 
1908, Nr. 14 (I. Kreyenbuhl); D. humanist. 
Gymn. 1908, 98—101 (G. Uhlig); Dtsch. 
Rundsch. Mai 1908, 173 — 191 (W. Lang); 
TRU 1908, Nr. 71 (M. Runze)] 23, 359 



[Dtsch. Revue Dez. 1908, 277 — 82 (E. 
Hermann, E. Z. u. d. Wunderglaube)] 24, 
296 [Intern. Wochenschr. 3, 221 — 234 
(E. Schmidt, Aus E. Z.s Erinnerungen e. 
90 jahrig.); Almn. d. k. Akad. d. Wiss., 
Wien Jg. 1908, 342 (J. v. Karabacek); 
Abh. d. Akad. d. Wiss., Berlin, Philos. - 
hist. CI. 1908 (Diels, Gedachtnisrede)] 
* 2 5» 3*5 [Dtsch. Revue Juli 1909, 54 (G. 

Zeiler, E. Stunde bei E. Z.)]. 
Zempy Joseph, Dr. iur. y Altbundesrat, 1895 
u. 1902 Pras. d. schweizer. Eidgenossen- 
schaft; * 2. IX. 1834; f Bern 7. XII. — 
NZ 8. XII. A.-A.; T 381 (P); IZ 131, 1120. 
Zenger, Vaclav Karel, Prof. d. Meteorologie 
a. d. Bohm. Techn. Hochsch. i. Prag, 
hervorr. Astrophysiker, Erfinder einer 
ganzen Reihe von Instrumenten u. Mefi- 
apparaten, besond. bekannt dadurch, dafl 
er das Erdbeben i. Italien i. J. 1892 u. d. 
Katastrophen d. Mont Pele* u. i. S. Fran- 
cisco monatelang voraussagte; * Komotau 
i. Bohm. 17. XII. 1830; f Prag 22. I. — 
IZ 130, 170; GK 1909, 357. 
Zlegfier, Kurt von, Generally z. D., bis 1896 
Kommand. d. 7. Inf.-Brig., Ritter d. Eis. 
Kreuzes 1. Kl.; * Wittenberg 21. VI. 1839; 
t Halle a. S. 28. IX. — VZ 29. IX. M.-A.; 
T 334 (P); MZ 1918, 541. 
Zindler, Max, Guts- u. Fabrikbesitzer, seit 
1903 M. d. R., seit 1890 M. d. A. 
(konserv.); * Lobsens, Kr. Wirsitz 5. VI. 
1852; f Neudorf b. Schonlanke 15. IV. — 
VZ 15. IV. A.-A.; HJ 1908, 460; WI 3, 
1557; RH 1907, 410, 459 (P). 
*Zumbusch, Julius, Bildhauer; * Herzebrook 
i. Westf. 16. VII. 1832; f Pasingb. Munchen 
6. IV. — BJ XIII, 115 (H. Holland). 
Zumstein, Jakob, Dr. med., Prof., Privatdoz. 
a. d. Univ. Marburg, 2. Prosektor a. 
anatom. Institut; * Wiedlisbach 22. III. 
1861; f Marburg 27. IX. — VZT; Chronik 
d. Univ. Marburg 1908, 5/7 (W). 
Zweigert, Wilhelm Erich, Ob.-Burgermeister 
v. Essen a. R., Mitgl. d. Herrenh.; * Neu- 
stettin 25. II. 1849; f Essen a. R. — WI 3, 
1564 (W), 4, TL; HH 1904, 362. 
Zwick, Hermann, Dr. phil. % Schulrat, Kreis- 
u. Stadtschulinsp., freis. M. d. R. u. M. d. 
A.; * Gnichwitz 16. XI. 1848; f Berlin. 
— WI3, 1574 (W), 4, TL; RH 1898, 286; 
HA 1904, 374. 



BiogT, Jahrbuch u. Deutscher Nckrolog-. 13. Bd. 



29 



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Abraham Lincoln 

von Carl Sehurx. Ann dem Enirlischen iibersetzt van Miry Noltc. 

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BIOGRAPHISCHES JAHRBUCt 



UNO 



DEUTSCHER NEKROLOC 



FROHER ERSCHIENEN DIE BANDE: 

I. DIE TOTEN DES JAHRES 1896 

MIT DEN BILDNISSEN VON H. VON TREITSCHKE 
UND E. DU BOIS-REYMOND 

II. DIE TOTEN DES JAHRES 1897 

MIT DEN BILDNISSEN VON J AC. BURCKHARDT 
UND JOH. BRAHMS 

III. DIE TOTEN DES JAHRES 1898 

MIT DEN BILDNISSEN VON TH. FONTANE UND 

C. F. MEYER 

IV. DIE TOTEN DES JAHRES 1899 

MIT DEM BILDNIS VON R. W. BUNS EN 

V. DIE TOTEN DES JAHRES 1900 

MIT DEM BILDNIS VON FRIEDR. NIETZSCHE 

VI. DIE TOTEN DES JAHRES 1901 

MIT DEM BILDNIS VON ARNOLD BOCKLIN 

VII. DIE TOTEN DES JAHRES 1902 

MIT DEM BILDNIS VON RUDOLF VIRCHOW 

VIII. DIE TOTEN DES JAHRES 1903 

MIT DEM BILDNIS VON THEODOR MOMMSEN 

IX. DIE TOTEN DES JAHRES 1904 

MIT DEM BILDNIS VON FRIEDRICH RATZEL 

X. DIE TOTEN DES JAHRES 1905 

MIT DEM BILDNIS VON ERNST ABBE 

XI. DIE TOTEN DES JAHRES 1906 

MIT DEM BILDNIS VON CARL SCHURZ 

XII. DIE TOTEN DES JAHRES 1907 

MIT DEM BILDNIS GROSSH. FRIEDRICHS I VON BADEN 

REGISTER ZUM l.BIS X.BAND (1896-1905) 



PREIS DES JAHRBUCHS PRO BAND BROSCHIERT M. 12.- 

TM FRTWK'.M HAT.RFRAN7.RANn M 14. _ 



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